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Geschenke sind meist schön. Doch solche, die in einem Terrarium daherkommen und acht Beine haben, können für so manch böse Überraschung sorgen ...
Das E-Book Frau Birger wird angeboten von BoD - Books on Demand und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Horror-Kurzgeschichte,Grusel-Kurzgeschichte,Horror,Mysterie,Fantastik
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Seitenzahl: 24
Veröffentlichungsjahr: 2025
»Man ist nur so alt, wie man sich fühlt«, stand auf der Tasse. Gundi hätte sie am liebsten gegen die Wand gepfeffert. Wenn es danach ging, wäre Gundi momentan mindestens hundert. Sie presste ihre Hand gegen die Stirn und nippte an ihrem Pfefferminztee. Offenbar hatten sie und Joscha gestern mit etwas zu viel Rotwein auf ihren zwanzigsten Hochzeitstag angestoßen. Und spät war es geworden! Das Essen war erst weit nach Mitternacht fertig gewesen, denn bereits beim Zubereiten der Kürbissuppe hatten Gundi und Joscha herumgeknutscht wie zwei hormongeplagte Teenager. Und nach der Vorspeise waren sie auf der Küchenbank übereinander hergefallen und hatten sich leidenschaftlich geliebt. Die Gemüselasagne, die eigentlich in den Ofen sollte, war vergessen. Schließlich hatten sie es ausnutzen müssen, dass Lasse, ihr Sohn, ausgerechnet an ihrem Hochzeitstag zur Geburtstagsparty eines Klassenkameraden eingeladen war.
Inzwischen bezweifelte Gundi jedoch, ob sie den gestrigen Abend als gelungen bezeichnen sollte. Nicht nur ihr Kopf, sondern auch ihr Rücken schmerzte nach den Verrenkungen auf der Küchenbank, als hätte sie ein Rodeo bestritten. Und wenn sie dieses Biest sah, das Lasse von der Party mitgebracht hatte, wünschte sie, der Junge hätte den Abend vor dem heimischen Fernseher verbracht. Argwöhnisch beäugte Gundi die schwarz-orange gemusterte, etwa handtellergroße Vogelspinne, die in ihrem Terrarium hockte und pelzig wie ein Flokati aus einem Horrorkabinett aussah. Der pralle Hinterleib glich einer zuckenden Beule. Gemächlich streckte die Spinne ein borstiges Bein vor. Gundis Magen rebellierte.
Auch Joscha betrachtete den neuen Mitbewohner mit sichtlichem Unbehagen. »Hättest du nicht vorher fragen können, ob Mama und ich mit einem Haustier einverstanden sind?«, knurrte er.
»Aber Papa!« Lasses Stimme bebte vor Empörung. »Pascals Mutter hat gesagt, wenn die Spinne nicht im Laufe von drei Tagen verschwunden ist, bringt sie sie um. Das hat Pascal uns gestern erzählt. Und außer mir wollte niemand das Vieh mitnehmen. Alle hatten Angst, dass es zu Hause Zoff gibt.«
Gundi warf Joscha einen hilflosen Blick zu. Natürlich: Als überzeugte Greenpeace-Aktivisten hatten sie ihrem Kind stets eingetrichtert, allen Lebewesen mit Respekt zu begegnen. Ameisen werden nicht aus Spaß zertreten, Käfer trägt man nach draußen, statt sie zu töten, jedes Tier hat seinen Nutzen und so weiter. Die verletzte Amsel vom Spielplatz hatten sie gemeinsam mit Lasse ebenso liebevoll gepflegt wie das halbwahnsinnige Meerschweinchen, das ein Kollege von Joscha nicht mehr haben wollte. Aber hätte ihr Sohn statt einer Vogelspinne nicht ein putziges Welpchen oder Kätzchen retten können? Um ehrlich zu sein, Gundi konnte durchaus verstehen, dass Pascals Mutter dieses Ungetüm nicht tagein, tagaus um sich haben wollte. Aber solch ein Theater zu veranstalten ... Das war typisch für diese Prosecco schlürfende Edelzicke! Nein, Gundi würde ihrem Grundsatz treu bleiben, dass jedes Tier, egal ob schön oder nicht, Achtung verdiente. Sie zwang sich zu einem Lächeln.
»Hat deine neue Freundin schon einen Namen?«
»Klar. Frau Birger. Wie unsere Sportlehrerin« Lasse grinste. »Weil sie genauso behaarte Beine hat.«
