Frau Fröhlich sucht die Liebe ... und bleibt nicht lang allein - Susanne Fröhlich - E-Book
Beschreibung

*** Das neue Buch des Spiegel-Bestseller-Duos über die schrecklich schöne Männersuche *** »Mit über 40 geschieden oder getrennt und wieder auf Partnersuche? Das kann doch nicht so schwer sein, habe ich mir gedacht. Na, herzlichen Glückwunsch! Was ich voller Optimismus, Neugier und auch ein wenig Naivität begann, entpuppt sich schnell als ein Dauerbesuch im Kuriositätenkabinett!« Es gab Zeiten, da konnte man sich bei der Partnersuche darauf verlassen, dass Cliquen, Zufall, Romantik, Sympathie oder Schicksal einem den Richtigen in die Arme trieben. Heute haben Programmierer, Psychologen, Dating-Portale, Single-Event-Manager und Flirt-Ratgeber die Rolle Amors übernommen. Die Suche nach der Liebe ist eine Vollzeitbeschäftigung geworden. Susanne Fröhlich wagt den Selbstversuch und begibt sich auf die Expedition durch einen unbekannten Kontinent voller skurriler Begegnungen, phantastischer Erlebnisse und überraschender Erkenntnisse.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:306


Susanne Fröhlich | Constanze Kleis

Frau Fröhlich sucht die Liebe ... und bleibt nicht lang allein

FISCHER E-Books

Inhalt

IntroDie KäsethekentheorieAlles auf AnfangMick, der jüngereDie GatterjagdOn the road againFleischlose KuschelhasenVom RunterschluckenEs ist kompliziertFreie LiebeLand des LächelnsFrischfleischZu viele MännerDer perfekte Mann …Und ewig grüßt das WurmeltierDer Nächste bitte …Eine für alleSilke (50) & Horst (60)Wie ich mal ein Mann warWir GeisterfahrerMirgrautvornix …Die Frau als Überraschungs-EiSpitzen DeckelchenIdyll-TerrorMarkus (42), IngenieurVom Tun und vom LassenIck bin eine AmerikanerinDie Kunst des AufschiebensVom Fettnäpfchen zum ÖlkännchenTaube NüsseIm Internet weiß niemand, dass du ein Hund bistFrau SherlockMr. Google, ich und die Sache mit der UngewissheitGibt’s doch gar nicht …Angefixt und abgezocktTrau, schau, wemZu gut, um wahr zu sein …Miss-Marple-PflichtenEinhörner unter dem Nutella-BaumEin bisschen HaueBeuteschema mit SchulterpolsterAll You Can EatSpeckfrettchen mit Bauarbeiter-DekolletéLieben für NichtleserMänner wie Sand am MeerDie größten Langweiler der WeltDer giftige MannUnd der Spezialfall: Der AnfängerSabine (44), GraphikerinIch bin nicht Carlo LittleWisch und wegMänner im MinutentaktMänner-MemoryEine wartet immerMarlies (46), TexterinScheckheftgepflegt sucht …Frau mit HausGewürzhase und StrapsfotografWenn der Vater für den SohnMänner bevorzugtInterview mit Christine (55)Freunde von FreundenNettworkingBlind Date mit PandabärenKleine WeltAufgewärmtesHello again …Zurück in die ZukunftFrüher ist näher, als man denktHin und wegDie freie WildbahnFremder in der NachtFolgeerscheinungenEin seltsames SpielNächsten-LiebeFür immer vorübergehendPlan BDer SeitenherausfallschutzAllein machen Sie dich kleinWill you still feed me?Das große BUHZusammen ist man weniger alleinLiteraturDank

Intro

Mit über 50 getrennt und wieder auf Partnersuche? Das kann doch nicht so schwer sein, habe ich mir gedacht. Na, herzlichen Glückwunsch! Was anfangs noch voller Optimismus, Neugier und – ja – auch ein wenig Naivität begann, entpuppte sich schnell als ein Dauerbesuch im Kuriositätenkabinett. Bald hatte ich das Gefühl, auf einem fremden Planeten ausgesetzt worden zu sein. Alle Naturgesetze des Bandelns schienen plötzlich nicht mehr zu gelten. Waren früher Cliquen, Zufall, Romantik, Sympathie oder Schicksal die engsten Mitarbeiter des Liebens, wollten nun Programmierer, Psychologen, Dating-Portale, Single-Event-Manager und Flirt-Ratgeber die Master of the Universe im Bandel-Kosmos sein. Jedenfalls sollte ich nun dauernd Dinge tun, an die ich früher nicht mal im Traum gedacht hätte: Beziehungs-Bewerbungsfotos machen, auf denen man gerade so ausreichend seriös wirkt, dass man nicht dauernd »Willstduficken«-Post im Mail-Briefkasten hat und trotzdem sexy genug, um noch Kerle anzusprechen, die nach dem Ersten Weltkrieg geboren wurden. Ich sollte mir geistreiche Antworten auf langweilige Fragen nach Hobbys, Einkommen und meinem Verhältnis zu Geld, Eltern und Haustieren ausdenken und aus Tausenden von Männerfotos den herausfinden, der es sein könnte. Ich lernte, dass es im Internet Männer gibt, die es gar nicht gibt, und man 90 Prozent aller Kerle auf der Suche am liebsten ein Komma-Spendenkonto einrichten würde, damit sie wenigstens bei den Satzzeichen nicht so sparen müssen. Dazu eines für manierliche Klamotten, eines für einen ordentlichen Haarschnitt und eines für ein gutes Foto, auf dem weder Motorräder noch Zimmerpalmen, noch Marathonleibchen oder Rennräder zu sehen sind.

Mir wurde außerdem wärmstens empfohlen, alle Gelegenheiten zu nutzen, die jenseits des Internets zu finden sind, also etwa Single-Partys und Speed-Dating. Ebenso wie die gute alte Kontaktanzeige, die Männer-Rückholaktion – also das Liebes-Revival mit längst Verflossenen – und Dates mit Freunden von Freunden. Nichts sollte unversucht bleiben, keine Chance unbeachtet. Auch die, die sich einem im wahren Leben bieten könnten: im Restaurant, im Fitnessstudio, im Zug oder im Urlaub, beim Elternabend und sogar beim Müllrausbringen.

Ich startete im Selbstversuch mit der Käsethekentheorie und richtete zwischendurch immer mal wieder vorschriftsmäßig meine Aufmerksamkeit auf das wahre Leben. Auch wenn es zeitlich ehrlich gesagt etwas knapp wurde. Allein wegen des Mail-Tsunamis von Männern, die mir die Partnersuchportale fast täglich ins Postfach spülten, um mir die sensationelle Nachricht zu übermitteln, dass mir Erich oder Herbert oder Christoph »ein Lächeln geschickt« oder »mein Profil besucht« haben.

Kurz: Was ich mit Ende 20 noch so nebenbei erledigt hatte, war jetzt mit Anfang 50 eine Vollzeitbeschäftigung: Einfach jemanden zu finden, mit dem man gemeinsam noch älter werden kann.

Glücklicherweise blieb ich nicht lange allein. Wer sucht, der findet: Frauen und Männer, die wie ich getrennt und über 40 sind, die sich wie ich fragen, warum ist es eigentlich so schwer, ein spitzen »Deckelchen« aufzutreiben? Und: Wenn es stimmt, was uns die Partnersuchportale mit der Unverdrossenheit von Shopping-Kanälen predigen – dass die Chancen mit der Menge der Angebote steigen –, weshalb sind dann so viele unbemannt und unbeweibt? Liegt es an uns? Daran, dass man zum Beispiel ab spätestens 40 keine weiße Leinwand mehr ist, sondern vielmehr ziemlich üppig bemalt, wenn nicht gar gezeichnet vom Leben? Mit lauter Altlasten beschwert? Sind die Männer schuld, die sich nicht mehr festlegen wollen, jedenfalls so lange, bis Scarlett Johansson mal bei Edgar (47) aus Offenbach-Rumpenheim vorbeischaut? Tragen wir Frauen die Verantwortung an all den Vergeblichkeiten, weil wir bei der Männerakquise immer noch das alte Beuteschema aus den 70ern auftragen? Weil wir uns nach einem sanften Alphamännchen sehnen, das wie Christian aus »Fifty Shades of Grey« wahnsinnig reich, total fürsorglich und gleichzeitig irrsinnig dominant ist? Also nach einer Kreuzung aus Bill Gates, Rottweiler und Feldhase? Aber ist man nicht irgendwann vielleicht doch mal zu alt, um von Einhörnern zu träumen, die unter Nutella-Bäumen grasen?

Natürlich – und auch das gehört in den ohnehin übervollen Dating-Terminkalender – grübelt man bei der Akquise dauernd: Wie muss ich sein, um noch einen Mann zu begeistern? Anders? Schlanker? Klüger? Glamouröser? Geheimnisvoller? Freizügiger? Eleganter? Souveräner? Gleich bereit, ihn zur Materialprobe mit zu sich nach Hause zu begleiten? Stimmt, was alle Welt behauptet, dass wir uns in unserem Alter tunlichst schon mal mit den Grundkenntnissen der Seniorenbetreuung befassen sollten, um wenigstens noch bei einem Rentner Begeisterungsstürme zu wecken? Und was ist, wenn ich am Ende leer ausgehe? Also ohne Mann bleibe? Bin ich dann ein »Single mit Frustrationshintergrund«? Oder kann ich nicht auch so sehr, sehr glücklich sein und ein puppenlustiges Dasein leben?

Das habe ich mich und andere gefragt: Männer und Frauen, die alle dasselbe wollen und gerade deshalb vielleicht ganz Unterschiedliches erlebt haben. Auch sie kommen hier zu Wort. Weil die Suche nach der Liebe erstens für jeden auf eine andere Weise kompliziert, frustrierend oder beglückend ist. Und weil man zweitens ja auch von den Dates anderer eine Menge lernen kann (und dabei manchmal ziemlich froh ist, manche Erfahrungen nicht selbst gemacht haben zu müssen). Manche Fragen brauchten allerdings eine Fachkraft – und weil wir ja alle irgendwie auf der Suche nach einem zweiten, dritten oder gar vierten Frühling sind, wurden sie direkt an Frau Dr. Frühling, die Nachfolgerin der legendären Ratgeberikone Dr. Sommer weitergeleitet. Auch sie hat mich ein Jahr lang auf den Spuren der Liebe begleitet – ein Jahr voller skurriler Begegnungen, phantastischer Erlebnisse, überraschender Erkenntnisse, großer Hoffnungen, mit einigen Enttäuschungen und einem ziemlich überraschenden vorläufigen Endergebnis.

 

Ja, Sie haben gut aufgepasst. Es stehen zwei Namen auf dem Cover, obwohl nur ein »Ich« erzählt. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen wissen wir ja nicht erst seit »Sex and the City«, dass es ja sehr viel netter, lustiger, entspannender ist, sich nicht allein, sondern gemeinsam mit der besten Freundin auf die Suche nach der Liebe zu begeben. Zum anderen haben wir tatsächlich große Teile dieses Buches gemeinsam an einem Tisch verfasst, und außerdem wäre es etwas verwirrend gewesen, immer von »wir« zu reden, wenn ja eigentlich bloß eine beim Blind Date saß oder Horst aus Rüdesheim schonend beibrachte, dass sie so gar keine sadomasochistischen Wünsche hat. Denn ja: Wir haben uns auch abgewechselt. Zwar hat die eine beste Freundin schon sehr lange einen Mann, aber im Unterschied zur anderen wird sie selten erkannt. Das hat sich bei manchen Expeditionen in den Dating-Dschungel als überaus praktisch erwiesen. Schließlich hätte es die Versuchsanordnung bisweilen empfindlich gestört, wenn sich die Teilnehmer vor allem mit der Frage beschäftigt hätten »Was macht eigentlich Susanne Fröhlich hier?«, anstatt sich um das zu kümmern, weshalb wir eigentlich da sind: Jemanden zu finden, den wir lieben können und der uns zurückliebt, dass es nur so kracht. Nicht mehr, aber auch auf keinen Fall weniger.

Wenn man sich auf den Kopf stellen muss, um jemand glücklich zu machen, bekommt man nur Kopfschmerzen.

Die Käsethekentheorie

Alles auf Anfang

Hin und wieder geschieht etwas, das einem das Leben auf links dreht, und dazu gehören definitiv Trennungen. Manchmal sind sie traumatisch und dauern länger als die eigentliche Beziehung. So wie bei einer Freundin, der es gelungen ist, eine dreijährige Ehe auf einen mittlerweile zehnjährigen Scheidungs- und Sorgerechtskrieg auszudehnen. Als hätte sie sich den Namen des Ex in Großbuchstaben über ihr Leben tätowiert. Ein Ende ist nicht in Sicht und die ewigen Querelen beschäftigen sie so, dass für eine neue Liebe schon aus zeitlichen Gründen gar kein Platz wäre.

Bisweilen verliert man sich aber auch eher beiläufig, so wie es meinem Ex und mir passiert ist. Irgendwann, nach vielen Jahren, haben wir festgestellt, dass wir vor allem eines wirklich richtig gut können: befreundet sein, auch ohne dafür ein Paar zu bleiben. Eine Weile habe ich mich mit dem Abschied von einem langen und überwiegend schönen Lebensabschnitt beschäftigt. Ich meine: Auch die Vergangenheit will gewürdigt werden. Als das erledigt war, war ich bereit, die nun freie Stelle »Mann an meiner Seite« neu zu besetzen. Ganz einfach. Oder sagen wir mal: Das war es, als ich das letzte Mal auf Akquise war. Irgendwann in den 90ern. Damals habe ich meinen Mann noch ganz klassisch bei der Arbeit kennengelernt, war der Job – neben Freunden und Bekannten – die in Deutschland erfolgreichste Begegnungsstätte. Das ist sie – wenigstens für mich – heute nicht mehr. Zum einen haben Frauen in meinem Alter mit ihren Kollegen gewöhnlich ausreichend Zeit verbracht, um ganz sicher sagen zu können: Helmut oder Klaus oder Gerhard werden es nicht sein und auch niemals werden. Sonst hätte man sie ja schon vor einigen Jahren in Betracht gezogen und/oder längst mal eine heiße Affäre oder wenigstens Sex im Kopierraum gehabt. So aber hat man 5923 Mal mit Helmut oder Klaus oder Gerhard in der Kantine gesessen, sie dabei beobachtet, wie sie sich nach dem Essen beherzt in die Serviette schnäuzen oder die letzten Happen mit dem Finger auf die Gabel schieben. Und man weiß außerdem ein paar weitere ernüchternde Dinge über sie: Etwa dass manche Männer abends immer noch so lange im Park sitzen, wie die Ehefrau braucht, um die Kinder ins Bett zu bringen, ehe sie nach einem »entsetzlich langen Tag« endlich zu Hause ankommen, um sich ordentlich bedauern zu lassen. Geschichten, die ich nur vom Hörensagen kenne. Denn ich arbeite vorwiegend allein daheim. Und sollte ich eines Morgens im Schlafanzug in mein Büro schlappen und einen tollen Mann dort finden, mit einem Schild um den Hals, auf dem »Der ist es!« steht, würde ich vermutlich eher die Polizei anrufen, als den Champagner aus dem Kühlschrank zu holen. Am Arbeitsplatz werde ich also aller Voraussicht nach keinen finden. Leider ist mein Leben auch kein Roman. Im Roman hätte ich jetzt schon mindestens zwei Verehrer an der Hand: den einen, der bereits in der Schule in mich verknallt war und jetzt ein wahnsinnig attraktiver Mann mit irgendeiner rasend spannenden Beschäftigung im künstlerischen Bereich ist, der sich nur deshalb noch nicht binden konnte, weil die einzig große Liebe seine Lebens – also ich – schon vergeben war. Den anderen, stinkreich, aber nicht so attraktiv, hätte mir das Schicksal beim Brötchenholen vor die Füße gespült. Der würde mich fortan mit unglaublich teuren Geschenken verwöhnen. Im wahren Leben empfiehlt meine Freundin Sabine etwas fast so Beklopptes, nämlich die »Käsethekentheorie«. Sabine hat ein »Brigitte«-Abonnement und kennt deshalb lauter aufregende Mutmachgeschichten, die eigentlich in einen Glückskeks gehören. Die gehen so: Da sucht eine Frau monatelang verzweifelt. Schaltet Anzeigen, geht auf Single-Partys, ist in Partnersuchportalen aktiv. Nützt aber alles nichts. Frustriert und mit dem beschämenden Gefühl, der größte Ladenhüter seit der Erfindung der Tortilla-Presse zu sein, schlenzt sie morgens in den Supermarkt. Sie hat mit allem abgeschlossen, deshalb trägt sie ihre älteste Jogginghose zum strähnigen Haar. Ist ja jetzt sowieso alles egal. Und da trifft sie IHN. Nicht irgendeinen Typen, sondern DEN fabelhaftesten aller Männer. Er steht am hellen Vormittag einfach so an der Käsetheke und überlegt nicht etwa, ob er ihr fünf Euro schenken soll, damit sie sich mal was Vernünftiges zum Anziehen kauft. Er spricht sie an. Er ist intelligent, lustig, stark, erfolgreich, gebildet und sehr, sehr ansehnlich. Fortan sind sie unzertrennlich.

»Ich hasse Käse!«, unterbreche ich das Märchen für die Frau ab 40, bevor noch der Schimmel in diesen Traum geritten kommt. »Und selbst wenn ich trotzdem lauernd vor der Käsetheke herumlungern würde, fällt das auf. Am Ende denken alle, ich hätte kein Zuhause. Und was ist, wenn ich da wirklich einen kennenlerne? Dann habe ich einen leidenschaftlichen Käse-Freund als Mann und muss lebenslang Begeisterung für Tilsiter oder Blauschimmel heucheln.«

»Verbeiß dich doch nicht so in den Käse. Es könnte genauso gut die Gemüseabteilung sein oder das Nudelregal. Was ich meine ist: Dass das Schicksal einen jederzeit beglücken kann!«

Ich bin skeptisch. Soll das so wie mit den Parkplätzen funktionieren, von denen eine Nachbarin behauptet, man könne sie sich beim Universum bestellen? Hat das Universum nichts Besseres zu tun, als sich um Parkplätze und Frankfurter Single-Frauen zu kümmern?

»Zumindest leistet es ganz schön gute Arbeit!«, sagt eine Kollegin, die nachweislich keine »Brigitte« liest und trotzdem einen süß-romantischen Beitrag zum Thema frisch aus ihrem Bekanntenkreis liefert. Auch dort hatte eine Frau längst mit der Suche abgeschlossen. »Weißt du«, so erzählt sie, »mit ihr war es wirklich nicht einfach. Sie ist wahnsinnig ehrgeizig und sehr erfolgreich im Beruf. Das hat viele abgeschreckt.« Offenbar nicht alle. An einem heißen Sommertag lag diese Frau im Schwimmbad, im Schatten eines alten Baumes, las ein Buch und sagte mehr zu sich: »Jetzt ein Glas kühlen Weißwein!« »Ja, das wär’s!«, kam eine Stimme von der Seite. Der Mann, der dort saß, meinte, er fände es sei eine ausgezeichnete Idee, gemeinsam etwas trinken zu gehen. »Und jetzt sind sie schon seit einem halben Jahr ein Paar. Ein sehr, sehr glückliches.«

Mhm. Sind das die neuen Großstadtlegenden? Wurde die Spinne in der Yucca-Palme vielleicht vom Mann an der Käsetheke abgelöst? Und wenn es überall passieren kann, dann ist man vielleicht ja gerade nicht dort, wo der herumsteht, der es sein könnte. Oder stellt das Schicksal bundesweit tolle Kerle an Käsetheken? So für alle Fälle? Damit man auch wirklich nichts verpasst? Oder an Obststände? Oder ans Joghurt- und Quarkregal? Der Gedanke macht mich ein wenig nervös. Ich meine, der Zufall könnte ja nicht nur einen schlechten Tag, sondern gleich ein schlechtes Jahrzehnt haben, was seine Bereitschaft anbelangt, mir einen sensationellen Typen in die Arme zu schubsen. Klar, ich habe die Botschaft verstanden: Augen offen halten! Niemals aufgeben! Obwohl es so klingt, als müsse man sogar erst jegliche Hoffnung verabschieden, um erfolgreich zu sein. Aber das schaffe ich nicht. Wie soll ich gleichzeitig suchen und nicht suchen? Ich beschließe: eines nach dem anderen!

Mick, der jüngere

»Das ist jetzt nicht dein Ernst!«, sagt meine Schwester. »Dafür sind wir doch wirklich viel zu jung!«

»Dafür« ist eine »Ü50 Party« in Frankfurt. Ich muss meine Schwester daran erinnern, dass wir ja beide schon Ü50 sind. »Aber nur knapp. Eigentlich sind wir höchstens 45. Innerlich wie äußerlich. Außerdem wird die Party hier als Spaß für Oldies angekündigt. Warum gehen wir nicht gleich zum Seniorenkaffee?«, mault sie. Das kann ich ihr erklären: Dauernd ärgern sich Frauen in meinem Alter darüber, dass Männer in ihrem Alter angeblich nur noch in der Generation unserer Töchter wildern. Das setzt einen schon ziemlich unter Druck, sich jünger zu machen. Manchmal sehr viel jünger. So wie die Frau eines entfernten Bekannten. Vor kurzem erst hat er entdeckt, dass ihr wahres Geburtsdatum zehn Jahre vor dem liegt, das sie offiziell angegeben hatte. Es gab mächtig Ärger.

»Wäre mir viel zu stressig, dauernd so zu tun, als wäre ich Techno, obwohl ich eher aus der Bay-City-Rollers-Generation bin!«, sage ich und dass »Ü50« doch ein sehr manierliches Alter sei – auch und gerade für einen Single.

»Du willst dir doch wohl keinen Rentner angeln?«, fragt meine Schwester ein wenig ängstlich.

Nein, ich will bloß Männer kennenlernen, die Frauen nicht ausschließlich nach dem Jahrgang beurteilen. So wie ich bereit bin, dasselbe auch für sie zu tun. Und da scheint mir eine »Ü50« Party perfekt zu sein.

Wir machen uns also hübsch und ziehen los. Eine Stunde später stehen wir am Eingang der Location, bezahlen jeweils acht Euro für den Zutritt zu einem großen Saal, der nicht mal zur Hälfte mit Menschen gefüllt ist. Wenigstens die Musik ist schon mal gut. Ein paar Leute tanzen sogar, und fast alle starren uns an.

»Äh, hab ich was Seltsames im Gesicht?«, frage ich meine Schwester.

»Nö. Und ich?«

Nein, mit uns ist alles in Ordnung. Vermutlich sind wir hier die ersten Fremden seit Monaten. Vielleicht seit Jahren. So muss man sich fühlen, wenn man in eine private Feier reinplatzt. Uneingeladen. Wir gehen an die Bar, um uns an einem Glas festhalten zu können. »Guck mal, da!«, flüstert mir meine Schwester zu und zeigt auf eine Frau am Tresen. Sie trägt kunstvoll eingerissene Netzstrümpfe, Springerstiefel, einen Mega-Mini, ein zerfetztes Shirt, darüber ein Bolero-Jäckchen und ziemlich zerzauste Haare. Von hinten sieht sie aus wie eine Reinkarnation von Madonna in ihrer »Desperately Seeking Susan«-Phase. Von vorne wie eine Endfünfzigerin, die sich seit 1985 nicht mehr umgezogen hat.

»Sei nicht so streng!«, ermahne ich mich und denke an die mindestens 75-jährige Frau, die ich kürzlich bei Peek & Cloppenburg gesehen habe. Sie stand vor mir auf der Rolltreppe, hatte sich zwei kleine Zöpfe gebunden und rote Kleckse auf die Wangen gemalt. Dazu trug sie dunkel-blauen Lidschatten, ein Mädchenkleid und Mädchenschuhe, Ballerinas mit Herzchen drauf. Mein erster Impuls war: »O mein Gott, da hat sich aber eine gründlich in ihrer Lebensphase geirrt!« Am liebsten hätte ich sie an die Hand genommen und wäre mit ihr Shoppen gegangen und zum Friseur. Bis wir oben ankamen. Dort wartete ein etwa gleichaltriger Mann auf sie. Sehr fein hatte er sich gemacht und Rasierwasser vorsorglich schon mal auf Vorrat für die nächsten vier Wochen aufgelegt. Als er sie sah, ging ein Leuchten über sein Gesicht, und auch sie freute sich wie eine Schneekönigin. Man spürte sofort, da sind zwei total hingerissen voneinander. Damals habe ich mir vorgenommen, nie wieder Styling-Tipps zu geben. Auch nicht ganz im Stillen für mich allein. Wer weiß, vielleicht hätte er sich ohne ihre Zöpfchen gar nicht in sie verliebt? Möglicherweise betet er ja gerade ihre Rouge-Wangen an?

Es scheint eben für alles eine Nachfrage zu geben. Sogar für die Retro-Madonna. Ein kleiner Mann mit schütterem Haar jedenfalls, mit dem sie gerade spricht, wirkt interessiert. Umgekehrt aber schlägt ihm offenbar keine große Begeisterung entgegen. Ich kann es verstehen. Mein Fall wäre er auch nicht. Ebenso wie alle anderen anwesenden Herren. Klar, manche sehen wirklich nett aus. Aber die Stimmung ist eher gedrückt. Am liebsten würde ich dieser Party eine Runde Clowns spendieren.

»Hallo!«, sagt eine Stimme von rechts. Ich drehe mich um. Da steht einer, der ganz entfernt wie Jürgen Klopp aussieht, nur älter und ohne Haartransplantation. Er sagt: »Hey, du bist neu hier. Ich habe dich jedenfalls noch nie hier gesehen.«

»Das liegt wohl daran«, erkläre ich, »dass ich auch noch nie hier war. Du aber offenbar schon?«

»Ja, schon recht oft.«

»Ist also nicht gerade eine Erfolgsstory, diese Single-Party?«

»Na ja, jetzt bist du ja da.« Oh, das war aber jetzt wirklich mal sehr charmant!

»Ich bin Rolf. Und du?«

»Susanne«, antworte ich wahrheitsgemäß.

»Lustig«, sagt er. »Du siehst nicht nur aus wie Susanne Fröhlich. Du hast auch noch denselben Vornamen!«

Ich sage: »Ja. Schon ein Wahnsinnszufall.«

Er kommuniziert munter weiter: »Manche Leute sagen ja, ich würde sie an Mick Jagger erinnern. Also natürlich den jüngeren Mick.«

»Wirklich? Darauf wäre ich jetzt nicht gekommen«, sage ich und lache. Nett natürlich. Nicht hämisch oder so. Und ich sage auch nicht: Genauso könnte man behaupten, dass Dieter Bohlen aussieht wie Brad Pitt. Trotzdem wirkt Rolf deutlich abgekühlt. Oder war das jetzt schon sein ganzes Repertoire?

»Also, ich gehe jetzt mal weiter, man sieht sich.«

Das glaube ich eher nicht. Wir verlassen nämlich dieses Trauerspiel. »Schade«, heuchelt meine Schwester auf dem Heimweg Mitleid, »näher wirst du einer Nacht mit Mick Jagger vermutlich nicht mehr kommen.«

»Der ist über 70!«, sage ich.

Und sie: »Ich meine natürlich mit dem jüngeren Mick!«

Die Gatterjagd

Steffen, ein sehr guter Freund und Taxifahrer, hatte mich gewarnt: »Geh niemals auf eine Single-Party!« Die Erfolgsquote der einschlägigen Veranstaltungen sei einfach zu trostlos. Jedenfalls gemessen an den Fahrgästen, die nach so einem Event zu ihm in den Wagen steigen. »Die allermeisten gehen so, wie sie gekommen sind: allein. Manchmal, sehr selten, kutschiere ich ein Kleeblatt aus zwei Männern und zwei Frauen noch zu irgendeiner Bar. Mag sein, dass es dann später noch funkt. Aber das kann ich mir kaum vorstellen. Meist sind vor allem die Männer viel zu betrunken.« Dass sich da zwei gefunden haben und die Veranstaltung gemeinsam verlassen, diese Wahrscheinlichkeit läge im niedrig einstelligen Bereich. »Die absolute Mehrheit sind Männer und Frauen, die getrennt voneinander mit ihren Kumpels oder Freundinnen frustriert nach Hause fahren. Dann beschweren sich die Frauen dar-über, dass die Männer einen Bauch haben oder einen Oberlippenbart. Aber auch, dass sie viel zu alt sind und trotzdem glauben, eine sehr viel Jüngere für sich begeistern zu können. Anscheinend nimmt es zu, dass auch über 50-Jährige zu den Ü30 Partys gehen. Und was ich auch oft höre: Frauen vermissen Ehrlichkeit.« Männer dagegen monieren, wenn die Frauen bereits Kinder haben. »Das gehört wohl zu den ersten Sachen, die sie möglichst gleich beim Kennenlernen abchecken. Fast alle wollen sich nicht – wie sie es ausdrücken – so viel Ballast ans Bein binden.« Und noch ein kleiner Unterschied: »Männer nehmen es sportlicher, wenn sie es nicht bis drei Uhr morgens geschafft haben, eine Frau zu dem abzuschleppen, was sie später auf der Rückbank ›Reste-Ficken‹ nennen. Sie ziehen dann noch ein wenig über die Frauen im Allgemeinen her und sagen: Scheiß drauf! Gehen wir halt noch einen trinken.«

Frauen dagegen seien oft sehr viel enttäuschter und damit beschäftigt, noch aus den geringsten Anlässen große Hoffnungen zu ziehen. »Da sagt dann eine: ›Der hat mich mindestens zwei Mal angeschaut. Bestimmt wollte er mich ansprechen und ist bloß nicht dazu gekommen.‹ Noch im Auto geht sie dann auf Facebook, um ihn dort zu suchen und sogar anzuschreiben.« Es sei auffallend, findet Steffen, wie Frauen sich an jeder noch so kleinen Geste festhalten und enorm viel reininterpretieren. »Und ich staune, wie viele Kompromisse sie bereit sind einzugehen, wie schnell sie sich mit etwas Lauwarmem zufriedengeben. Vielleicht nicht alles, aber sehr, sehr viel scheint besser zu sein, als gar kein Mann. Ausgenommen eben die mit Bauch und Bärtchen.«

Für Steffen selbst seien Single-Partys keine Option. »Außer, um mal zu schauen, was andere alles falsch machen. Mir fehlt da das Spielerische. Man spürt den Druck, den sich alle machen. Ich glaube, die meisten Männer dort sind nicht in der Lage, in einem Café eine Frau charmant anzusprechen. Sie sind nicht witzig und auch nicht eloquent genug. Sie gehen auf diese Partys, weil sie glauben, dass man es ihnen da leichter macht. Und weil sie keine Alternative haben. Woanders würden sie leer ausgehen. Hier haben sie wenigstens noch eine kleine Chance.«

In Jägerkreisen nennt man es »Gatterjagd«, wenn die Beute praktisch im Gehege gehalten und gleich dort erlegt wird. »Ich schätze, dass etwa 70 bis 80 Prozent der Leute dort am Wochenende Wiederkolungstäter sind. Alle spekulieren auf die 20 bis 30 Prozent ›Frisch-fleisch‹«, meint Steffen. Sein Tipp: »Ich würde einfach so ausgehen. Dorthin, wo man Spaß hat, und die Augen offen halten. Ich denke, sogar beim Bäcker oder Metzger oder im Supermarkt hat man größere Chancen als auf so einer Party.«

On the road again

Also doch die Käsethekentheorie? »Versuche es doch mal mit dem Jakobsweg«, rät mir ein alter Schulfreund. »Da geht es richtig ab!« Er ist vor zwei Jahren einen Teil des mehr als 700 Kilometer langen »Camino Frances« gegangen. Damals steckte er mitten in einer Ehekrise und wollte sich eigentlich einen klaren Kopf und eine Zukunftsperspektive erlaufen. Allein. Dann traf er erst Bettina, später Giselle, schließlich Carmen. Mit jeder ging er ein Stück. Und nicht nur das, wie er andeutet. Der Ehe hat es gutgetan. Die läuft seitdem wieder wie einst im Mai. Man findet also nicht nur zu sich selbst, sondern auch sehr gut zu anderen. Aber will ich Hunger, Durst, Kälte, Hitze, ein hartes Lager und Erschöpfung auf mich nehmen, bloß wegen eines Mannes? Und dann kehrt er womöglich wie mein Freund doch heim zur Ehefrau?

Zum Glück winken andere Möglichkeiten. Sogar mehr, als man in einem einzigen Leben überhaupt bewältigen könnte. Früher wäre ich ein Einzelschicksal gewesen, ein Rainer Calmund bei einer Mister-Germany-Wahl. Heute bin ich eine Sardine in einem der weltweit größten Schwärme. Es gibt mehr Singles denn je, und entsprechend groß ist das Angebot: nicht nur Single-Partys oder die offenbar tollen Gelegenheiten, die am Jakobswegrand liegen. Es gibt auch Single-Portale, Single-Kochkurse, Single-Tanzkurse, Speed-Dating, Kontakt- und Eheanbahnungsinstitute und Anzeigen – nebst gefühlten Hunderten weiterer Gelegenheiten, sich bei der Suche helfen zu lassen. Natürlich kosten alle Geld. Sagen einem ja schon die Namen wie Partner-börse, Single- oder Heiratsmarkt. Und ich frage mich: Wie machen das eigentlich Alleinerziehende mit ohnehin knappem Budget? Hat, wer mehr investieren kann an Zeit und Geld, auch die besseren Aussichten?

Fleischlose Kuschelhasen

Beim Einkauf im Öko-Supermarkt fällt mir die Zeitschrift »Schrot & Korn« in die Hände. Einen Vegetarier könnte ich also zum Beispiel schon mal für lau haben. Die Zeitschrift kostet nichts und hat eine Kontaktanzeigenrubrik. Darin wird zum Beispiel von ihm, »Ende 40, 185 cm, schlank, Vegetarier, Nichtraucher, zuverlässig, spirituell, liebt viel Nähe mit Kuscheln, Sexualität« ein »weibliches, liebevolles Gegenstück« gesucht, »für eine warmherzige, ehrliche, freudvolle, tolerante Beziehung«. Seine Interessen: »Natur, Sport, Wandern, Sauna, Gesellschaftsspiele«. Okay, Kuscheln und Sauna sind jetzt nicht so mein Ding. Und was die Spiritualität anbelangt, hätte ich ein wenig Angst, dass es zum Frühstück nicht den Politikteil der Frankfurter Allgemeinen gibt, sondern man mit mir mein Aura-Soma-Fläschchen des Tages channeln will. Vielleicht ist er ja hauptberuflich mit »Familienaufstellung für Eskimos« beschäftigt, und ich darf das nicht mal lustig finden? Ist mir mit einer Freundin passiert, die seitdem nicht mehr meine Freundin sein will. Auch bei »Gesellschaftsspiele« bin ich raus. Mit zwei Kindern habe ich das glücklich hinter mich gebracht und fest vor, die nächste Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Runde frühestens im Altenheim zu spielen.

Das größte Problem: die Sache mit dem »fleischlos«. Ich weiß, es wäre netter. Aber ab und zu ein Steak, das brauche ich schon. Und dann soll auf meinem Teller auch nur das Steak liegen und allenfalls noch ein Salat, aber nicht noch das Problem mit den Treibhausgasemissionen, die 842 Millionen Menschen, die auf der Welt hungern, und das Elend der Massentierhaltung. Ich höre schon, wie der Kuschelhase sagt, dass eine tiereiweißreiche Ernährung an vielen chronischen Erkrankungen schuld sein soll. Andererseits belegen Studien auch, dass Single-Frauen länger leben als Liierte. Würde man deshalb die Männer abschaffen? Obwohl es aus gesundheitlichen Gründen das Klügste wäre? Darf man in meiner Lage überhaupt so schnäubisch sein? Wäre es nicht dumm, gleich ganze Bevölkerungsgruppen auszuschließen? Laut VEBU, dem »Vegetarierbund Deutschland«, gibt es hierzulande immerhin 7,8 Millionen Vegetarier (rund zehn Prozent der Bevölkerung) und 900000 Veganer (1,1 Prozent).

Vom Runterschlucken

Ich habe noch nicht mal richtig mit der Akquise angefangen, und schon wird die Sache mit der Männersuche unübersichtlich. Denn ich entdecke noch etwas anderes in »Schrot & Korn«: Werbung für gleichklang.de, die »Kennenlern-Plattform für umweltbewegte, tierliebe und sozial interessierte Menschen«. Für nur sieben Euro im Monat können sich unter anderem Veganer und Veganerinnen, Vegetarier und Vegetarierinnen finden. Ein Angebot, das laut Selbstauskunft aktuell 14500 Mitglieder nutzen. Ich überlege: Ist es wirklich so wichtig, ob einer Gurkensalat auf dem Teller hat oder ein paar Frikadellen? Ich persönlich würde ja sagen: am besten beides! Das sehen Gleichklang-Userinnen offenbar ganz anders. Eine erzählt, dass fleischessende Männer bei ihr nach dem Essen immer einen Liter Wasser trinken oder sich die Zähne putzen mussten, bevor sie sie küssen durften. Sie distanzierte sich innerlich, sagt sie, und dachte manchmal, sie fühle sich wie das Schlachtvieh selbst, respektlos behandelt, und dann mit viel Gier verschlungen.

Also dagegen, »mit viel Gier verschlungen« zu werden, hätte ich gelegentlich nichts einzuwenden. In einem Internetforum lese ich allerdings, dass ich auch als Brechmittel durchgehe. Dort heißt es in einem Beitrag, dass Fleischesser praktisch aus Tierkadavern bestehen und wie eklig der Gedanke sei, so etwas zu küssen. Vom Sex ganz zu schweigen. Ich erinnere mich an eine Folge »Sex and the City«, wo das Problem nicht aus zu viel Fleisch, sondern aus zu viel Grünzeug bestand. Die vier Freundinnen stellten jedenfalls einige Überlegungen dazu an, inwiefern das, was oben eingefüllt wird, den Geschmack von dem beeinflusst, was bei einem Blowjob anfällt. Mit dem Ergebnis: bloß kein Weizengras! Andererseits wäre es ja für einen guten Zweck, den Geschmack zu ignorieren. Man könnte ganz fest an den Welthunger denken. An die Klimaerwärmung. An furzende Rinder. Aber ist das hilfreich, ausgerechnet im Bett?

Eigentlich hätte ich ja gedacht, dass die Partnersuche in den letzten Jahrzehnten sehr viel leichter geworden ist. Doch offenbar sind bloß eine Menge Probleme dazugekommen. Was tut zum Beispiel ein Veganer, der sich unsterblich in eine Frau verliebt und dann feststellt, dass sie Salami im Kühlschrank hat? Fallen sämtliche Schmetterlinge in seinem Bauch vor Schreck sofort tot um? Und wie verarbeitet er das? So viele verendete Tiere auf seinem Gewissen? Sollte man heute vor dem nächsten ersten Kuss vorsichtshalber erst mal sagen: »Eier! Fleisch! Quark!«

So grundgut es außerdem für die Moral sein mag, komplett auf alles Tierische zu verzichten (worüber man durchaus auch streiten könnte), so sehr erschwert es einem die Männersuche. In Deutschland leben deutlich mehr Veganerinnen als Veganer. Jetzt könnte man sagen: ein Glück für die Veganer. So haben sie wenigstens bei den Frauen große Auswahl. Andererseits handeln sie sich Probleme ein, die ein Fleischesser eher nicht hat. In einem Vegan-Blog lese ich die Frage eines Users: »Dürfen Veganer beim Oralsex Sperma schlucken? Ich denke, ja, aber meine Partnerin ist der Meinung, dass Sperma letztlich auch nur tierisches Eiweiß ist und das damit nicht geht. Was meint ihr? Sagt sie das vielleicht nur als Ausrede, um nicht zu schlucken?«

Die Antworten sind nicht minder bekloppt: »Strenggenommen hat sie recht. Immerhin gibst du da ja lebendes Material von dir. Prinzipiell sollten Veganer sowieso nicht onanieren, das ist erstens unchristlich und zweitens auch ethisch nicht vertretbar (Massenmord).« Oder: »ich finde die haltung deiner partnerin sehr konsequent. du musst dir vorstellen, du schluckst millionen von kleinen ungeborenen kindern. du verlangst von ihr im übertragenen sinne einen genozid. so stelle ich mir das immer vor! kannst du mit dieser schuld leben?« Fast sehnt man sich nach den vergleichsweise übersichtlichen Dr.-Sommer-Fragen (»Wird man süchtig, wenn man einen Haschraucher küsst?«). Und irgendwie bekommt man dann doch große Lust, die nächste Käsetheke zu besuchen. Kein Veganer weit und breit.

Es ist kompliziert

Gleichklang.de ist dabei längst nicht das einzige Portal, das Veggies und Veggies, Veganer und Veganerinnen zusammenbringen will. Es gibt noch VeggieCommunity.org, die »etwas andere Kontaktbörse für Vegetarier, Veganer und Rohköstler«, aber auch Frutarier und Freeganer werden vermittelt und solche, die »fast Veganer« oder »fast Vegetarier« sind.

Also »fast Vegetarierin«, das sollte doch zu machen sein! Leider stelle ich fest, dass die Mitglieder dieser Partnerbörse vorwiegend im Alter meiner Kinder sind. Also suche ich weiter und finde: Partnerbörsen für Alleinerziehende – solche wie Singlemama.de, für Moppel – Mollipartner.de, für Bauern – Landflirt.de, für Senioren – platinnetz.de (leider fängt der »Senior« im Dating-Kosmos schon bei 50 an, ich habe erst mal eine Runde geheult …), für Grufties – Black-flirt.de, für lange Menschen – Grosseleute.de, und kurze Menschen – Kleinesingles.de, für Christen – Christ-sucht-Christ.de, und natürlich für Schwule und Lesben – Gay-parship.com sowie für »reife Männer«, die junge Frauen daten wollen – reif-trifft-jung.de, wobei »reif« für die Männer großzügig bis 99 Jahre ausgelegt wird und »jung« maximal 30 Jahre bedeutet. Mehr kann man in der Maske gar nicht einstellen. Die meisten Mädels sind aber ohnehin eher knapp volljährig und tragen wie Sophie92 so wenig am Leib, dass man sich besorgt fragt, ob ihr Haushalt wohl auch Blasentee führt. Sophie92 wünscht sich übrigens (wie vermutlich alle anderen) eine »schöne gemeinsame Zeit, Spaß, tolle Gespräche sowie etwas Unterstützung in Form einer SD Beziehung oder so ähnlich.« (Für Frauen über 40: SD meint »Sugardaddy«.)

Kein Wunder, wenn die Deutschen aussterben. Wo sie es sich so ungeheuer kompliziert machen, sich kennenzulernen. Was tut zum Beispiel eine Single-Frau, wenn sie moppelig, alleinerziehend, Gruftie, katholisch, Landwirtin mit Hund und über 1,90 Meter ist? Meldet sie sich dann in jedem Einzelnen in Frage kommenden Portal an? Macht sie ein Eigenes für Frauen wie sie auf? Kann sie nachts nicht schlafen, weil sie dauernd darüber nachdenkt, was in ihrem Leben wohl die größere Rolle spielt? Sicher die Kinder. Aber mit einem, der andauernd erklärt, dass Gott ganz bestimmt tot ist, wäre das Leben anstrengend, und möglicherweise ist es bei der Partnersuche ja für eine so große Frau fast entscheidender, einen zu finden, der nicht immer hüpfen muss, wenn er sie küssen will. Doch zählt das tatsächlich mehr als ihre Leidenschaft für Death Metal? Wäre einer, der Helene Fischer hört und bei »Anathema« einen Hörsturz simuliert, überhaupt zu ertragen?

Ich glaube, ich werde das alles später klären, wenn ich einen Mann getroffen habe. Wenn es der Richtige ist, werde ich mit ihm auch über Musik reden können, über Hunde, und natürlich wird er meine Kinder sehr mögen und sie ihn. Und ich werde seine toll finden. Sofern er welche hat. Er wird meine Gewichtsflexibilität mit Geduld und Humor ertragen und ich werde ihm in seine auch nicht reinreden. Und wenn er gern ausschließlich Gemüse isst, ist das für mich ebenso in Ordnung wie einer, der gern mal Fleisch auf dem Teller hat – so wie ich.

Nicht, dass ich gar keine Prinzipien hätte. Im Gegenteil. Manche finden sogar, ich hätte so viel davon, dass ich ruhig noch ein paar abgeben könnte. Aber darunter ist keines, dem ich die ganze Sache mit der Partnersuche ganz allein überlassen würde. Nicht mal mein neuestes Prinzip »Nie mehr eine Single-Party« und »Auf keinen Fall einen Hardcore-Veganer«.

Ich glaube, ich bin keine »Special-Interest-Frau«, ich setze lieber auf einen möglichst großen Streueffekt. Gemeinsamkeiten allein, das wissen wir schließlich alle, machen nicht per se ein gutes »Match«, wie die Paarpsychologen es nennen. Wer größtmögliche Vielfalt und damit die meisten Chancen sucht, der landet schließlich bei den großen Partnersuchportalen. Und praktisch jeder, dem ich erzähle, dass ich auf der Suche bin, kennt mindestens eine oder einen, die oder der seine große Liebe genau dort getroffen hat. Das werde ich jetzt auch versuchen. Und falls es nicht klappt, bleibt mir zur Not immer noch die Käsetheke.

Freie Liebe

Sie werden in diesem Buch hoffentlich ein bisschen Halt, eine Menge Spaß, ein paar Anregungen und vielleicht sogar die eine oder andere fabelhafte Perspektive – mit und ohne Mann – finden. Nur eines bietet es nicht: Studien – etwa zur spannenden Frage, wie genau man den Kopf halten sollte, damit einer anbeißt, und wie man seine Wohnung einrichtet, damit man sich demnächst nicht mehr allein im Bad die Zähne putzt. Es liegt daran, dass diese Studien mittlerweile überwiegend von Singlebörsen erstellt und in die ewige Medienumlaufbahn geschickt werden.

Die Suchportale – solche wie Parship oder ElitePartner – haben viel Konkurrenz bekommen. Da muss man sich etwas einfallen lassen und sich weitere Geschäftsfelder eröffnen. Und das geschieht gerade. Die Unternehmen sind im Begriff, die Deutungshoheit über das gesamte Thema »Liebe« zu übernehmen. Ein Großteil der Umfragen zum Thema kommt heute nicht mehr aus den einschlägigen Fachbereichen der Universitäten. Sie werden von den Privatvermittlern erstellt. Die haben gleichzeitig die Schlagzahl der Veröffentlichungen deutlich erhöht und sie so dem Tempo angepasst, das auch bei der Kontaktanbahnung vorgelegt wird. So wie man dauernd neue, vermeintlich »interessante« Partnervorschläge im Briefkasten findet, so befeuern die Portale die Öffentlichkeit fast täglich mit vermeintlich wichtigen Ergebnissen zu irgendeinem Aspekt aus dem Großraum ihres Kerngeschäftes.