Frauen - Steinar Bragi - E-Book

Frauen E-Book

Steinar Bragi

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15,99 €

Beschreibung

Die junge Künstlerin Eva Einársdottir trifft sich in New York mit einem isländischen Banker, der ihr eine Förderung ihres nächsten Dokumentarfilms in Aussicht gestellt hat. Es geht ihr nicht gut. Beruflich nicht, und auch privat steht sie vor einem Scherbenhaufen: Hrafn, ihre große Liebe, hat sich von ihr abgewendet und ist zurück nach Island gegangen. Er ist mit dem plötzlichen Tod ihrer kleinen Tochter nicht fertig geworden. Und sie auch nicht. Sie betäubt sich mit Alkohol und Zigaretten und kann nur daran denken, Hrafn wieder zurückzuholen. Im Gespräch mit dem Banker erzählt sie mehr von sich, als sie will, und er bietet ihr an, sein verwaistes Luxusappartement in Reykjavik zu hüten. Ein Glücksfall. Aber als sie dort ist, hat Eva immer mehr das Gefühl, dass man sie in eine Falle gelockt hat. Dass sie das Objekt einer perfiden Inszenierung ist, in der die Grenzen zwischen Realität, Albtraum und Kunst zunehmend verschwimmen… Wie ein Thriller beginnt der Roman des jungen isländischen Autors Steinar Bragi und zeichnet das vielleicht radikalste Bild Islands vor der Finanzkrise – ein Land, in dem unter der Oberfläche des letzten Booms immer das Unheimliche, der Wahnsinn und das Grauen lauern.

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Seitenzahl: 322

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Steinar Bragi

FRAUEN

Roman

Aus dem Isländischenvon Kristof Magnusson

Verlag Antje Kunstmann

TEIL I

Die Maske

»Warum?«, fragte sie und wandte sich vom Fenster ab.

»Die Hausbewohner fühlen sich auf diese Weise sicherer, nehme ich mal an. Ich weiß es nicht.« Er stand mit verschränkten Armen mitten im Wohnzimmer und sah lächelnd zu Boden, in seiner Stimme lag ein spöttischer Unterton. Während der ganzen Wohnungsbesichtigung hatten sie sich nicht angesehen, und wenn es doch einmal aus Versehen passierte, wich er ihren Augen sofort aus. Doch wann immer er dachte, dass sie es nicht bemerkte, ruhte sein schwerer Blick auf ihr.

»Das wäre dann wohl alles, denke ich mal«, sagte er nach einer kurzen Pause. »Wenn irgendetwas ist, wenden Sie sich am besten an den Portier. Und meine Nummer haben Sie ja auch.«

Er ging langsam in den Eingangsbereich zurück, und sie begleitete ihn, als ob sie jetzt wirklich hier wohnte und einen Gast zur Tür brachte, was ihr geradezu absurd vorkam. Er drückte auf den Knopf neben den stählernen Fahrstuhltüren. Sie waren hellbraun gestrichen und mit dunklen Linien bemalt, die wohl an eine Maserung erinnern sollten, als wären die Türen aus Holz.

»Eine Sache noch«, sagte er. »Demnächst beginnt drüben der Innenausbau. In der Wohnung, von der ich Ihnen erzählt habe, hier direkt nebenan. Falls die zu viel Lärm machen, sagen Sie mir einfach Bescheid.« Die Fahrstuhltüren öffneten sich. Er betrat die Kabine, und bevor die Türen sich mit einem leisen Scheppern schlossen, sah sie noch einmal, wie der Mann hämisch lächelte.

                         

Sie kniete sich vor den Fernseher im Wohnzimmer und schaltete mit der Fernbedienung durch die Kanäle bis zur Nummer 14. Davon hatte der Mann gesprochen. Ein unscharfes, etwas körniges Bild erschien, eine Übertragung der Überwachungskamera von unten aus der Lobby. Sie sah den grauen Haarschopf des Portiers, den sie bei ihrer Ankunft kurz kennengelernt hatte. Er saß an seinem Schreibtisch vor einem Computerbildschirm, ansonsten war die Lobby leer. Die Fahrstuhltüren am Rande des Fernsehbildes begannen zu flimmern und öffneten sich, dann kam der Mann heraus, der ihr die Wohnung gezeigt hatte. Er ging an dem Portier vorbei und verschwand aus dem Bild.

Lächerlich, dachte sie und grinste. Und bei den Hausbewohnern wahrscheinlich ebenso beliebt wie reality TV. An einer Wand im Wohnzimmer befand sich eine Art Bar mit einem Tresen und vielen Regalen voll mit Flaschen. Eva sah sie kurz an, ging dann aber in die Küche und kochte sich Kaffee.

Der Mann, dessen Namen sie bereits nicht mehr wusste, hatte sich ihr als Anwalt von Emil Thórsson vorgestellt. Er hatte ihr nichts sagen können, was sie nicht bereits wusste. Die Frau, die hier wohnte, sei einige Monate »verreist« – die Details hatte Eva vergessen.

Emil war ein isländischer Banker, der in New York arbeitete. Er hatte ihr angeboten, die Wohnung mietfrei zu nutzen, wenn sie dafür die Blumen goss, putzte und sich um die Katze kümmerte. Ursprünglich hatte sie gedacht, dass sein Angebot nur ein erster Annäherungsversuch wäre, auf den bald weitere folgen würden, doch nun war sie sich nicht mehr sicher. Mit einem derartigen Luxus hätte sie nicht gerechnet. Nicht mit einer zweihundert Quadratmeter großen Wohnung in der obersten Etage eines Hochhauses direkt am Meer. Das war zu viel. Blumen, die sie gießen könnte, gab es allerdings nicht. Eine Katze war auch nirgendwo zu sehen, und obwohl sie nichts über diese Tiere wusste, erschien es ihr unwahrscheinlich, dass sie ganz oben in einem Hochhaus aus einem Fenster herausgeklettert war und draußen herumstreunte.

Während sie darauf wartete, dass der Kaffee fertig wurde, schlenderte sie im Wohnzimmer umher, auf dessen Fußboden blassgraues Parkett verlegt war. Die schwarzen, weißen und grauen Möbel waren aus Leder, Glas oder Metall und hatten glatte, glänzende Oberflächen – der Innenarchitekt hatte es wahrscheinlich schon aufgrund der Größe für unmöglich gehalten, diese Wohnung gemütlich einzurichten. Nur einige Gemälde an einer Wand brachten etwas Farbe in den Raum: eine Mariendarstellung von Kristín Gunnlaugsdóttir und »Ozean im Regen« von Georg Guðni.

In derselben Wand befand sich ein halbrunder Kamin aus grobem Backstein, an dessen Öffnung ein geschwungenes, vergoldetes Eisengitter angebracht war. Umgeben von diesem modernen Minimalismus wirkte es etwas albern.

Sie stand lange da und betrachtete die Gemälde. Fälschungen, dachte sie, ohne zu wissen, wie sie zu ihrem Verdacht kam. Sie wusste das einfach, und im selben Moment war ihr klar, dass sie es niemandem sagen würde. Sie wollte keine Probleme bekommen, sie hatte bereits genug.

Sie öffnete die Balkontür und trat hinaus. Die Außenwand war auf der ganzen Breite des Wohnzimmers verglast, und das Glas war verspiegelt, so dass niemand hineinsehen konnte. Auf dem mit Holz ausgekleideten Balkon standen hier und da Tontöpfe mit Zierbäumen, deren verfärbte Blätter bereits abfielen und sich am Fuße eines Holzpodests mit einem Whirlpool in kleinen Haufen sammelten.

Über der Trennwand zum Balkon der Nachbarwohnung waren elektrisch geladene Drähte gespannt – als Schutz vor Einbrechern, wie der Mann gesagt hatte. Falls, so unwahrscheinlich dies auch war, jemand hier oben einbrechen würde, sollte er nicht gleich in beide Wohnungen gelangen. Er hatte hinzugefügt, dass auf diese Art außerdem verhindert würde, dass die Bewohner selbst von einer Wohnung in die andere kletterten, dann hatte er gelacht. Bisher stünde die andere Wohnung ohnehin leer.

Sie blickte über die Bucht und den Berg Esja, bis hin zur Halbinsel Snæfellsnes. Das Meer war ruhig, der Snæfells-Gletscher glänzte rot. Sie spürte, wie Traurigkeit in ihr hochkam, vermischt mit einem an Klaustrophobie grenzenden Gefühl von Eingesperrtsein.

Als der Kaffee fertig war, zündete sie sich eine Zigarette an und überlegte, ob sie als Nächstes die Reisetasche auspacken sollte, doch dann tat sie es nicht. Stattdessen lief sie Kaffee trinkend weiterhin im Wohnzimmer herum, das wohl allein fünf Mal größer war als die Wohnung, die Hrafn und sie in New York bewohnten.

Sofort verspürte sie den Drang, Hrafn anzurufen, doch sie beherrschte sich, setzte sich auf einen der hohen Lederstühle an der Bar und ließ ihren Blick über die Flaschen in den Regalen wandern. Sie goss sich einen Whisky ein, trank ihn, füllte ein großes Glas mit Weißwein, nahm einen Schluck und noch einen. Währenddessen überlegte sie, ob sie sich etwas zum Essen bestellen sollte, was ihr dann jedoch zu kompliziert war. Es würde ihr nie gelingen, all diese Dinge zu koordinieren: Bei der Bestellung würde sie sich nicht entscheiden können, außerdem wusste sie die Hausnummer nicht und hatte die Nummer der Wohnung vergessen. Dann war da noch der Bote, der Portier und der Fahrstuhl, der nur ins oberste Stockwerk fuhr, wenn man ihn mit einem speziellen Schlüssel aktivierte.

Es fiel ihr schwer, still zu sitzen. Also blieb sie in Bewegung, lief in der Wohnung herum, suchte nach der Katze und behielt dabei das Glas in der Hand.

»Mietz, Mietz, Mietz«, sagte sie leise und drehte ihre Runden.

                         

Als sie später am Abend ins Schlafzimmer ging, um sich hinzulegen, fiel ihr Blick auf die Wand oberhalb des Bettes. Obwohl sie inzwischen betrunken war, hatte sie das Gefühl, dass dort im Licht der Deckenlampe eine Delle zum Vorschein kam.

Sie kletterte auf das Bett, ging vorsichtig näher heran und stellte fest, dass sich da direkt vor ihrem Gesicht tatsächlich eine ovale Einbuchtung befand, als ob eine Schale in die Wand eingelassen wäre. Ziemlich genau in ihrer Mitte lag eine kleine Kuhle, die noch weiter in die Tiefe reichte. Als sie noch genauer hinsah, entdeckte sie etwas weiter oberhalb zwei weitere Kuhlen, die nicht größer waren als Mandeln.

Je länger sie die Wand anstarrte, umso deutlicher erkannte sie ein komplexes Muster aus Einkerbungen, geschwungenen Linien und Furchen, die sich weiter und weiter ineinander verschlangen, bis es ihr plötzlich klar wurde: Sie blickte in ein Gesicht oder vielmehr in den Abdruck des Gesichts – in eine Maske, die jemand in die Wand gemeißelt hatte.

»Kunst«, murmelte sie in das stille Schlafzimmer hinein, als wollte sie überprüfen, ob dieses Wort zu dem passte, was sie sah. Dann suchte sie nach der Signatur eines Künstlers, fand aber keine.

Eine Maske – ganz schön klischeehaft, dachte sie, stieg vom Bett, riss die Tagesdecke herunter, warf sie auf den Boden und kroch unter die weiche Bettdecke. Die Angst, dass ihre Gedanken an Hrafn sie wachhalten könnten, wich einer überwältigenden Müdigkeit, und bald darauf war sie eingeschlafen.

An der Wand über dem Kopfende schimmerte die Maske im Licht der Deckenlampe, das wenig später verlosch, wer auch immer dafür gesorgt hatte, und im Zimmer wurde es dunkel.

Die tote Frau

Am nächsten Morgen erwachte sie mit einer derart guten Laune, dass sie einen kurzen, zufriedenen Seufzer ausstieß, während sie sich streckte.

Die Probleme der letzten Tage und Wochen waren zwar nicht vergessen, aber zumindest so weit in die Ferne gerückt, dass Eva sie ignorieren konnte. Auch der Alkohol hatte kaum Nachwirkungen hinterlassen, ihr Kopf brummte vielleicht ein wenig und ihr Mund war trocken, aber das waren Kleinigkeiten, das war sie gewohnt.

Sie duschte mit fast kochend heißem Wasser, dann putzte sie sich die Zähne und betrachtete ihre Umgebung: eine antike frei stehende Badewanne auf vier bronzenen Löwenfüßen, ein muschelförmiges Waschbecken, vergoldete Kleiderhaken, vergoldete Handtuch- und Toilettenrollenhalter und eine Dusche mit zwei Duschköpfen in einer schicken schwarzen Fliesenwelt. Immer wieder prallten in dieser Wohnung zwei Welten aufeinander: ein glatter, unpersönlicher Minimalismus und goldene, verschnörkelte viktorianische Pracht.

Sie trocknete sich mit einem Handtuch aus ihrer Reisetasche ab, stellte sich auf die Waage und wog noch immer fünf Kilo weniger als vor anderthalb Monaten. Dann ging sie durch das Schlafzimmer in den begehbaren Kleiderschrank und sah sich zwischen den vielen Kleiderstangen, Bügeln und Schubladen um. Die Anziehsachen, die sie gestern Abend hier aufgehängt hatte, schienen ihr nun unbedeutend, regelrecht erbärmlich, als ob dieser Raum ihre Seele gefressen hätte.

Sie zog sich an, beschloss, ihre beschwingte Stimmung zu nutzen, solange sie anhielt, und machte sich auf den Weg in eine Bäckerei, die sie in der Nähe des Hauses gesehen hatte. Sie warf sich die Jacke über, steckte den Schlüssel in die Tasche, ging in den Eingangsbereich und rief den Fahrstuhl. Während sie nach unten fuhr, bemerkte sie, dass die Fahrstuhlkabine zwei Türen hatte. Das war Eva bisher nicht aufgefallen, obwohl es eigentlich logisch war: Wenn die erste Tür zu ihrer Wohnung führte, musste die zweite zu der anderen Wohnung führen, in der noch niemand wohnte.

Die Lobby war menschenleer. Nicht einmal der Portier war zu sehen, der gestern hinter seinem Schreibtisch gesessen und sie willkommen geheißen hatte – ein gepflegter grauhaariger Mann in einer Art Uniform, einer schwarzen Hose und einem dunkelblauen Hemd. Ein harmloser Typ wahrscheinlich, und doch war sie froh, dass er jetzt nicht hier saß und sie so um den Small Talk herumkam. Sie wollte ihm nicht erzählen, wie gut es ihr im Haus gefiel, und sich von ihm auch keine vermeintlich wissenswerten Dinge über das Fitnessstudio oder die Garage sagen lassen, denn das war ihr egal.

Draußen war es recht warm. In der nach Auspuffgasen und Maschinen riechenden Luft lag ein Hauch von Meer. Jenseits der rauschenden vierspurigen Ausfallstraße sah Eva am Ufer die Skulptur eines Wikingerschiffs. Auf der anderen Seite der Bucht lag der Berg Esja, der Eva eigentlich immer unscheinbar und flach erschienen war, jetzt jedoch bekam sie das Gefühl, er wäre merkwürdig nah an die Stadt herangerückt, fast schien er sie zu überragen.

Sie kaufte sich in der Bäckerei etwas zum Frühstücken. Auf dem Rückweg blieb sie stehen, um die Wolken zu beobachten, die aus dem Westen über das Land hinwegzogen. Die Luft kühlte sich ab, die Wolken flogen immer schneller vom Meer heran, Schatten legten sich auf die Häuser am Ufer, und der Berg Esja verschwand im Grau. Dann regnete es.

Sie hatte ganz vergessen, wie stark es in Island regnen konnte, und lief zurück, suchte außen an ihrem Hochhaus nach einer Hausnummer, fand keine, eilte in die Lobby und schüttelte die Tropfen ab.

»Guten Tag«, sagte jemand. Hinter dem Schreibtisch in der Lobby stand ein Portier, allerdings nicht derselbe wie am Tag zuvor.

»Hat angefangen zu regnen, wie ich sehe.« Er lächelte.

»Ja, ganz plötzlich.« Sie wischte sich über das Gesicht, stampfte mit den Füßen auf und sah ihn an. Dem anderen Portier sah er nicht besonders ähnlich. Er war jung und hatte eine große Nase und breite Schultern, trug allerdings dieselbe Kleidung, eine schwarze Bundfaltenhose und ein dunkelblaues Hemd mit einem Schildchen, auf dem sein Name stand: Snorri. Auf dem Computerbildschirm neben ihm flackerten die Bilder von Kameras, die verschiedene Punkte im Haus überwachten: den Fahrstuhl, die Flure und etwas, das aussah wie ein Fitnessstudio, eine Person auf einem Stepper.

»Sie sind die neue Bewohnerin«, sagte Snorri und betonte den Satz so, dass es eher nach einer Feststellung klang als nach einer Frage. »In 11-1. Wenn Sie etwas brauchen oder ich Sie mal im Haus herumführen soll, sagen Sie einfach Bescheid.«

»Ich komme schon zurecht«, sagte sie und stellte sich vor: »Eva.« Sie gaben sich die Hand, Snorri lachte ein wenig, wies auf das Namensschild und sagte: »Snorri.« Es folgte ein verkrampftes Gespräch, in dem bald keiner von beiden mehr wusste, wo die professionelle Freundlichkeit endete und die Aufdringlichkeit begann. Genau das hatte sie befürchtet. Sie kannte diese distanzlose Kumpelhaftigkeit, die sich so oft einstellte, wenn Isländer miteinander sprachen, dieses permanente ›Wir sind doch alle eine große Familie, nicht wahr?‹. Isländer waren schlecht im Small Talk, und noch schlechter waren sie darin, Klassenunterschiede zu erkennen, vielleicht weil sie nie wahrhaben wollten, dass es in ihrem Land überhaupt welche gab. Sie waren nicht in der Lage, sich mit Leuten zu unterhalten, die – zumindest aufgrund ihres Berufes – höhergestellt waren, ohne dass das Gespräch entweder zu förmlich oder zu intim geriet. In größeren Ländern mit ihren über Jahrhunderte gewachsenen Sitten und Konventionen war das einfacher. Dort bekamen solche Statusunterschiede nicht gleich etwas Persönliches, so wie es jetzt wieder einmal geschehen war, als sie voreinanderstanden und Evas entspannte Stimmung rasch einer nervösen Verlegenheit wich.

Da räusperte sich jemand hinter ihr. Als sie sich umdrehte, sah sie auf einem Sofa am Fenster eine ältere Frau, die dort wahrscheinlich schon die ganze Zeit gesessen hatte, ohne dass Eva dies bewusst gewesen war.

Die Frau, sie musste wohl um die sechzig sein, legte eine Zeitschrift weg, stand auf und kam auf Eva zu. Sie war groß und schlank, die Lippen auffällig rot, ihr Teint war blass und ihr Haar schulterlang und schwarz, fast schon violett, sodass es an Rabenflügel erinnerte. Eva bekam das Gefühl, die Frau hätte nur darauf gewartet, dass sie aus der Bäckerei zurückkäme.

»Entschuldige, dass ich dich einfach so überfalle, aber ich konnte nicht umhin, euer Gespräch mit anzuhören und da dachte ich: Wer ist denn diese hübsche junge Dame? Das muss wohl unsere neue Nachbarin sein! Ich heiße Bergthóra.«

»Eva …«, sagte Eva und zögerte dann, als ob sie überlegte, ob das wirklich ihr Name war.

Die Frau lächelte.

»Natürlich. Eva. Wie schön. Wie dem auch sei, Eva, lass dich von Snorri nicht verwirren, er ist unser Charmeur vom Dienst«, sagte sie affektiert und zwinkerte ihm zu. »Du bist also die Neue. Die Bäckerei hast du ja schon entdeckt, wie ich sehe. Das erste Frühstück an einem neuen Ort ist wichtig, um sich rasch einzuleben. Ich bin in 10-2, eine Etage unter dir. Wir können zusammen den Fahrstuhl nehmen, und das wird bestimmt nicht das letzte Mal sein.« Sie stieß ein mädchenhaft helles Lachen aus, fasste Eva am Arm und zeigte auf die Kamera über dem Tisch des Portiers. »Lass uns zum Abschied winken, damit die kleine Elín in 4-2 auch etwas davon hat. Sie sitzt da und schaut uns jetzt zu, sie sitzt die ganze Zeit da und schaut, die Arme. Du weißt, dass es auf Kanal 14 eine direkte Übertragung aus der Lobby gibt?«

»Das hat man mir gesagt …« Die Frau hob die Hand und winkte in die Kamera, und auch Eva hob die Hand, als ob sie keinen eigenen Willen hätte, winkte in die Kamera und ließ sich von der Frau sanft, aber entschlossen in Richtung Fahrstuhl führen.

»Und Elín ist nicht die Einzige, die zuschaut«, fuhr die Frau fort, »das kann ich dir versichern. Man weiß ja nie, was diese Jungs da hinter ihrem Schreibtisch treiben …« Sie warf einen Blick über die Schulter und sprach leise weiter: »Wenn sie denken, dass niemand zuschaut!«

»Man weiß ja nie«, rief Snorri ihnen hinterher und grinste, »du wirst schon sehen. Heute um Mitternacht!«

Dann betraten sie den Fahrstuhl, und die Türen schlossen sich hinter ihnen.

»Auf welcher Etage wohnst du noch mal …«, begann Eva, als sie zögernd vor den vielen Knöpfen stand, da fiel die Frau ihr ins Wort:

»Wir bringen dich erst einmal nach Hause. Willst du nicht den Schlüssel benutzen? Sonst kommst du nicht bis ganz nach oben.« Eva zog den Schlüssel aus ihrer Jackentasche, einen nach Computerzubehör aussehenden dünnen Stift mit einem Punkt, der das Licht reflektierte. Sie steckte ihn in einen Schlitz neben dem Knopf, der mit der Zahl 11 beschriftet war, und drehte ihn herum. Der Reflektorpunkt blinkte zwei Mal. Der Lift setzte sich in Bewegung.

Die Frau stellte sich vor die Kabinenwand, an der ein Spiegel war, und zog ihren Lippenstift nach, während Eva über die Worte des Portiers nachdachte.

»Wie hat der das denn gemeint?«, fragte Eva. »Heute um Mitternacht?«

»Elín sitzt im Rollstuhl«, antwortete die alte Frau, als hätte sie Evas Frage nicht gehört, und wandte sich von dem Spiegel ab. »Wie schlimm für eine dreißigjährige Frau. Er hat sie verlassen, nachdem sie den Unfall hatte. Ein Banker bei Glitnir. Ich habe übrigens Marie gekannt, die vor dir in der Wohnung gewohnt hat.«

»Marie?«

»Überrascht dich das?«

»Ja … Ich weiß nicht einmal, wie sie heißt. Marie? Kommt sie aus Frankreich? Entschuldige, ich weiß gar nichts. Ich wohne nur vorübergehend hier, so lange, bis sie wiederkommt. Ich soll die Blumen gießen und eine Katze soll es auch geben, die…«

»Bis sie wiederkommt?«, sagte die Frau und verzog keine Miene. »Du hast gesagt: Bis sie wiederkommt. Wie meinst du denn das?«

»Sie ist verreist, glaube ich. Nach Asien? Und ich bleibe hoffentlich nur ein paar Wochen, deswegen hat mir dieser Freund von ihr die Wohnung wohl für umsonst gegeben.«

»Marie ist tot«, sagte die Frau in dem Moment, in dem die Fahrstuhltüren sich öffneten. »Ich dachte, du wüsstest das, sonst hätte ich mich nie in diese Sache eingemischt.«

»Tot? Aber dieser Emil, der mir die Wohnung überlassen hat, hat mir davon gar nichts gesagt. Er hat gesagt, sie sei verreist.«

»Er wollte dir keine Angst machen. Ich kenne ihn. Er ist ein guter Kerl, der Emil. Kultiviert. Keiner von diesen gottlosen Typen, die der alte Davið Oddson nicht ausstehen konnte …«

»Das verstehe ich nicht«, sagte Eva. Sie stand in der Fahrstuhltür, die sich immer wieder schließen wollte, gegen ihren Fuß stieß und wieder öffnete. Sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. »Woran ist diese Frau denn gestorben? Diese Marie?«

»Dieses Mädchen, meine Liebe. Sie war ja in deinem Alter. Aber ansonsten war sie ganz anders als du. Du hast etwas Durchtriebenes in deinem Blick. Als ob du da hinter deinen eigenen Augen sitzen und heimlich alles beobachten würdest.« Die alte Frau wurde sarkastisch. »Nun entspann dich erst mal! Du grübelst zu viel, dafür bist du noch zu jung.«

Eva trat aus dem Lift in den Eingangsbereich ihres neuen und noch immer befremdlichen Zuhauses. Die ältere Frau warf ihr einen fordernden Blick zu, und bevor Eva sich davon abhalten konnte, hatte sie bereits die Bäckerei-Tüte hochgehalten und Bergthóra zum Frühstück eingeladen.

»Mittagessen, meinst du wohl. Ich glaube, das nehme ich an.« Die alte Frau betrat die Wohnung. »Vielleicht kann ich dir sogar etwas über dein neues Zuhause erzählen, das eine oder andere, von dem du offensichtlich noch nichts weißt.«

»Irgendwo ist da immer ein Mann…«

Während Eva den Tisch deckte und Kaffee kochte, ging die Frau durch die Wohnung und stöberte herum.

Als sie gerade im Filmvorführ-Zimmer war, kam Eva zu ihr.

»Diese ganzen Filme!«, sagte die Alte, Bergthóra oder Begga, wie sie genannt werde wollte. Drei Wände des Zimmers waren fast vollständig mit DVD-Regalen bedeckt, die vierte Wand war leer und diente als Projektionsfläche für einen Beamer, der von der Decke hing. Das Zimmer hatte keine Fenster. »Ich bin nie ein besonders großer Liebhaber der Filmkunst gewesen. Filme setzen sich so schnell im Unterbewusstsein fest«, fügte die Frau hinzu, nahm eine der DVD-Hüllen, besah sie sich von beiden Seiten und stellte sie ins Regal zurück.

Eva bat die Frau zum Essen und als sie das Wohnzimmer betraten, lief eine graue, schlanke Katze über das Parkett. Eva blieb stehen.

»Ach, nein!«, rief sie. »Da ist ja … die Katze!«

»Na und?«, fragte die Frau und ging zu der Katze hin. Sie hatte dichtes Fell mit schwarzen Streifen auf dem Rücken und stechende Augen.

»Ich meine nur … ich habe sie bis jetzt noch gar nicht gesehen, ich hatte keine Ahnung, wo sie war. Dabei soll ich doch auf sie aufpassen.«

»Wir kennen uns ja schon ganz gut«, sagte die Frau, ging vor der Katze in die Hocke und kraulte ihr den Nacken. »Das ist doch mein alter Freund Högni, oder?«

Högni zuckte zurück, zeigte die Zähne und fauchte leise. Die Frau zog ihre Hand weg. Dann sahen sie Högni hinterher, wie er über den Wohnzimmerfußboden und in den Flur zum Schlafzimmer lief.

»Der hat aber heute schlechte Laune, der Kleine«, sagte die alte Frau, irritiert von seiner Reaktion.

»Müssen wir ihm nichts zu fressen geben?«, fragte Eva, doch Bergthóra antwortete, sie solle sich keine Sorgen machen. Wenn er Hunger hätte, würde er ihr das schon zeigen.

»Der ist ganz schön frech. Ich habe Marie immer gesagt, sie soll vorsichtig sein, sonst frisst er sie noch auf.«

»Wo kommt der denn auf einmal her? Ich sehe ihn zum ersten Mal«, sagte Eva und die Alte meinte, Katzen gingen, wohin sie eben wollten.

Während sie aßen, sagte Eva, dass sie diese Neuigkeit erst einmal verarbeiten müsse. Sie habe zwar nicht direkt Angst und wolle auch nicht ihre Pläne ändern, dennoch würde sie gern wissen, was in der Wohnung vorgefallen war.

»Vorgefallen … Du sprichst immer noch von Marie, oder?«, sagte die Frau und lachte ein wenig. »Das tut doch nichts zur Sache. Jetzt bist du ja hier! Sie ist tot, mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Alle sterben. Warum machst du dir denn solche Sorgen?«

»Weil das etwas zur Sache tut!«, rief Eva. »Ich wohne in ihrer Wohnung. Sie war jung, also ist sie wohl kaum in einem Altersheim oder an einem Herzinfarkt gestorben. Vielleicht ist es sogar hier in der Wohnung passiert. Außerdem mache ich mir keine Sorgen, ich wundere mich nur. Alles ist auf einmal ganz anders, als mir gesagt wurde.«

»Glaubst du etwa, junge Leute sterben nicht?«

»Natürlich nicht«, sagte Eva und zwang sich zu lachen. »Aber sie sterben nicht aus denselben Gründen.«

Dann schwiegen sie. Die Frau schien nachzudenken und steckte sich einen Bissen in den Mund – mit einer Gabel. Eva hatte noch nie jemanden gesehen, der einen Kopenhagener mit Messer und Gabel aß. Sie versuchte, sich zu beruhigen, doch sie wollte es nicht und konnte es nicht:

»Na gut«, sagte sie, »ich mache mir Sorgen. Ich will wissen, ob sie hier in der Wohnung gestorben ist. Zum Beispiel auf dem Stuhl, auf dem ich sitze? Ob hier jemand eingebrochen ist und sie umgebracht hat oder ob sie … Wie ist sie gestorben?«, fragte Eva so unbeteiligt wie möglich und bekam plötzlich das Gefühl, sie würde einen Filmdialog sprechen – einen Drehbuchtext, den jemand für sie geschrieben hatte. Als gehörte es zu ihrer Rolle, nichts zu begreifen und langsam immer verwirrter und ängstlicher zu werden. Dabei wusste sie wahrscheinlich noch weniger als die Zuschauer, denn denen wäre immerhin bewusst, dass sie sich eine Kinokarte für einen Horrorfilm gekauft hatten, in dem die Hauptheldin an einen Ort gelangte, den sie am besten so schnell wie möglich wieder verlassen sollte. Sie vertrieb den Gedanken.

Die Alte hatte ihr Gebäck Stück für Stück aufgegessen, dann tupfte sie sich die Mundwinkel mit einer Serviette ab, faltete sie zusammen und legte sie weg.

»Dann will ich es dir erklären«, sagte sie langsam und kühl und sah Eva direkt in die Augen. »Wenn du unbedingt willst. Ihrer Familie ist es bestimmt nicht recht, wenn ich darüber rede, und das wollte ich eigentlich respektieren. Ich wollte nur hier sitzen und ein bisschen plaudern, aber du lässt mir keine andere Wahl: Marie hat sich umgebracht. Sie hat sich etwas angetan, Selbstmord begangen, und das in dieser Wohnung. Ich weiß nicht wo, und ich weiß nicht wie. Bist du jetzt zufrieden?«

»Habe ich’s mir doch gedacht«, sagte Eva. Sie hatte es zwar in ihren Gedanken nicht explizit so formuliert, doch sobald sie es ausgesprochen hatte, wurde ihr klar: Natürlich hatte sie an Selbstmord gedacht, sobald sie erfahren hatte, dass Marie in ihrem Alter war. »Wie denn?«

»Das ist doch egal«, sagte die Frau. »Ich weiß es nicht. Und es geht dich auch nichts an, keinen von uns. Entschuldige, dass ich das so direkt sage, aber so ist es nun einmal.«

                         

Danach kam das Gespräch ins Stocken. Bergthóra ging Eva langsam auf die Nerven. Die Alte meinte, Eva solle eine Tischdecke auflegen und manierlicher essen, die Ellenbogen vom Tisch nehmen und damenhaft nah am Körper halten. Außerdem bemängelte sie, dass Eva weder die Serviette benutzte noch die Gabel. Die Alte spielte sich zu einer Expertin in Etikettefragen auf und bekam einen versnobten, affektierten Gesichtsausdruck. Dann war da noch etwas anderes, sonderbar Primitives in ihrem Blick, das Eva nicht entschlüsseln konnte.

Eva fragte Bergthóra, was sie bisher gemacht habe, und die Alte erzählte einige von Nostalgie verklärte Geschichten aus ihrem Leben in den Metropolen Europas: Sie sei die Geliebte eines Diplomaten in Brüssel gewesen, habe in einer Amsterdamer Hippiekommune freie Liebe und Hasch kennengelernt und in Paris einen französischen Rockstar inspiriert, von dem Eva noch nie gehört hatte. Das Geplauder schien beiden gutzutun, sie wurden lockerer, entspannten sich, und auf einmal war Eva dankbar für ihre Gesellschaft.

Draußen regnete es noch immer. Der Wind hatte zugenommen, sodass Tropfen an die Fensterscheiben schlugen. Als sie mit dem Essen fertig waren, bat die Frau um Entschuldigung, sie habe viel zu lange von sich gefaselt, Eva interessiere das doch gar nicht. Dann bestand sie darauf, Eva aus dem Kaffeesatz lesen zu dürfen – eine »Kunst«, die sie angeblich während ihrer Zeit in Amsterdam gelernt hatte. Eva blieb nichts übrig, als zuzustimmen. Sie ging in die Küche, um frischen Kaffee zu machen, und als sie mit der Kanne zurückkehrte, stand die Frau am Fenster und hielt eine alte Spieldose in der Hand, die Eva von ihrer Mutter geschenkt bekommen hatte: Auf dem Deckel der Dose, die man aufziehen konnte, saß eine kleine Meerjungfrau in einer geöffneten, weiß lackierten Jakobsmuschel.

»Die gehört bestimmt dir«, sagte die Frau. »Hübsch. Ich kann mich nicht daran erinnern, sie hier schon einmal gesehen zu haben, als ich Marie besucht habe.«

»Die hat meiner Mutter gehört. Und davor ihrer Mutter.«

»Aber sie spielt gar kein Lied. Ich habe versucht, sie aufzuziehen. Ich mache mich über alles her, was ich in die Finger bekomme, immer diese Neugier«, sagte sie entschuldigend.

»Die ist schon seit vielen Jahren kaputt«, sagte Eva. »Ich erinnere mich, dass ich das Lied als Kind gehört habe, doch wie es hieß, wusste ich nie.«

Sie tranken den Kaffee, er war schwarz und stark. Eva bestand darauf, dass Bergthóra zuerst erzählte, was sie über ihre eigene Zukunft in Erfahrung gebracht hatte. Die Alte zählte vergnügt einige vorhersehbare, unbedeutende Dinge auf, die sich in ihrem Leben ereignen würden, fing jedoch schon bald an, sich nach Eva zu erkundigen – anscheinend, um ihr besser weissagen zu können. Eva ließ sich auf das Spiel ein und erzählte, dass sie größtenteils in den USA aufgewachsen sei, wo sie mit ihrem Vater im Alter von zwölf Jahren hinzog, kurz nach dem Tod ihrer Mutter. Dort sei sie zur Highschool gegangen, habe danach Performance- und Videokunst an der Kunsthochschule in San Francisco studiert und dann »einige Zeit« in Island gewohnt. Über diese Zeit sagte sie nichts weiter, erwähnte weder Hrafn noch die anderen Dinge, die passiert waren. Stattdessen schloss sie damit, wieder nach Amerika gegangen zu sein, um in New York an der Columbia University Dokumentarfilm zu studieren; dann nannte sie noch die Namen ihrer Eltern und Großeltern, doch die alte Frau kannte sie nicht.

»Woran ist deine Mutter denn gestorben?«, fragte Bergthóra und setzte ein trauriges Gesicht auf.

»Krebs. Im Magen. Wie ihr Vater auch. Beide waren noch jung, meine Mutter wurde kaum älter als dreißig oder so. Fünfunddreißig.«

»Das tut mir leid«, sagte die Frau, doch Eva meinte, sie habe das längst verwunden. Eigentlich sei es ihnen ganz gut ergangen, ihrem Vater und ihr, wenngleich er nie wieder nach Island gefahren sei und das auch nicht vorhabe.

»Er ist Arzt. Da hat man drüben damals besser verdient, und heute ist das immer noch so. Viel besser. Das ist ja auch ein ungerechteres Gesundheitssystem … Es war wohl schon eine Art Flucht von meinem Vater und mir. Nichts richtig Ernstes, wir sind nicht in Panik davongelaufen, aber den Kontakt so komplett abzubrechen … Wahrscheinlich hat er mich angesteckt mit seinem Desinteresse an Island. Doch dann habe ich ja Hrafn kennengelernt.«

»Hrafn?« Plötzlich war die Frau wieder ganz lebendig, und Eva verfluchte sich dafür, was ihr da herausgerutscht war. Aus irgendeinem Grund hatte sie vorgehabt, ihn nicht zu erwähnen.

»Hrafn, meinen Freund«, sagte Eva. »Wir sind vor drei Jahren nach Island gezogen, nachdem wir mit dem Studium in Kalifornien fertig waren. Wir wollten uns hier richtig niederlassen, also, er wollte das. Das war total hoffnungslos. Ich kannte niemanden, hatte keine Kontakte, nichts. Irgendwann habe ich aufgegeben, und wir zogen nach Amerika zurück.«

»Das macht einen zum Künstler, nicht wahr? Heimatlos zu sein oder vielleicht sogar obdachlos?«, sagte die Frau und lachte merkwürdig laut und schrill. »Der Künstler, das entwurzelte Wesen, immer fremd, wohin er auch kommt!« Auch Eva fing an zu lachen. Dann hörten sie beide auf.

»Und wo ist dieser, wie war sein Name noch gleich, Hrafn? Hast du ihn hier irgendwo versteckt?«

»Er ist bei seiner Mutter. In der Njálsgata … Als wir gekommen sind, wussten wir ja nicht, ob wir gleich eine geeignete Wohnung finden.«

»Und das ist der Grund dafür, dass ihr nicht zusammen hier wohnt?«, fragte die Alte und hob eine Augenbraue. »Keine Angst, du musst mir nichts erzählen, was du nicht willst. Ich bin nicht neugierig und auch keine Klatschtante, auch wenn ich vorhin so getan habe. Aber ich bin eine gute Zuhörerin, falls du einmal ein ›offenes Ohr‹ brauchst, so sagen sie doch in Amerika dazu, oder?«

Die Frau trank den letzten Schluck Kaffee, hob die Tasse senkrecht in die Luft, ließ sie langsam einige Male über ihrem Kopf kreisen und sagte Eva, sie solle dasselbe tun. Dann stellte sie die Tassen in die Mitte des Tisches.

Während der Bodensatz trocknete, erzählte die Frau von ihren bisherigen Weissagungen. Die meisten seien eingetreten, wenn auch manchmal auf rätselhaften Umwegen. Der Kaffeesatz spreche eine Sprache, die manchmal wörtlich zu nehmen sei, manchmal aber auch nicht, und nur sensible Menschen könnten das eine vom anderen unterscheiden. Sie erzählte von plötzlich auftauchenden, alles verändernden Liebhabern, unverhofftem Geldsegen, Weltreisen und dem einen oder anderen Schicksalsschlag.

»Aber dir sage ich bestimmt etwas Gutes voraus, da bin ich mir sicher«, sagte die Frau. Sie beugte sich über Evas Tasse, stellte sicher, dass der Kaffeesatz nicht mehr »zerlaufen« würde, und nahm sie in die Hand. »Dann wollen wir mal sehen …« Sie schaute in die Tasse und summte leise vor sich hin.

Eva hörte dem Regen und dem Sausen des Windes zu. Sie dachte daran, wie gemütlich es sein konnte, morgens bei Sturm aufzuwachen und nicht zu wissen, wie sich das Wetter im Laufe des Tages entwickeln würde. Das hatte sie in all den Jahren im Ausland vermisst. Oder sie redete sich das nur ein, weil sie so fest entschlossen war, sich auf den kommenden Winter zu freuen, auf die Dunkelheit, den Sturm und den Schnee. Alles würde gut werden. Da bemerkte sie, dass die Frau sie anstarrte, aber schnell wieder in die Tasse sah, als ihre Blicke sich trafen.

»Was?«, fragte Eva laut und hörte, wie fröhlich ihre Stimme klang, obwohl sie in ihrem Inneren wie betäubt war. Die entspannte Plauderstimmung war einer unheilvoll bedrückenden Stille gewichen. Und obwohl sie gar nichts wissen wollte und der Alten am liebsten die Tasse aus der Hand gerissen und an die Wand geschmissen hätte, sprach Eva weiter: »Was siehst du da? Du machst ein Gesicht, als wäre das etwas Schlimmes!«

Die Alte schüttelte den Kopf und zwang sich zu einem Lächeln.

»Ich kann dir nichts sagen«, antwortete sie. »Sie ist unbrauch bar …«

»Wer ist unbrauchbar?«

»Die Tasse. Der Bodensatz ist zerlaufen.« Sie stellte die Tasse wieder ab, trommelte mit den Fingern auf den Tisch und schüttelte den Kopf.

»Lass das!«, sagte Eva und wurde plötzlich wütend. »Wenn du gar nichts sagst, fange ich an, mir irgendetwas auszumalen, was bestimmt noch schlimmer ist. Ich habe gedacht, das ist ein Spiel! Und jetzt sagst du, du kannst nichts sagen – und auf einmal bekommt das alles eine riesige Bedeutung!« Sie versuchte zu lachen und sah der Frau in die Augen. Für einen Sekundenbruchteil hatte Eva das Gefühl, dort wieder dieses unbegreifliche Etwas zu sehen, das tief unter der Oberfläche lag und das die Alte versuchte, vor ihr zu verbergen.

»Es tut mir leid«, sagte die Frau, und ihr Blick wurde wieder ganz mütterlich und mild. »Ich habe das seit Ewigkeiten nicht mehr gemacht. Es ist wirklich nicht sehr gut, aber wer sagt denn, dass alle Weissagungen gut sein müssen. Ich versuche mal, es ein bisschen zu vereinfachen … Du hast es schwer gehabt in letzter Zeit, oder?«

Eva nickte: »Ja.«

»Da ist ein junger Mann, hier, siehst du? Der junge Mann. Hrafn. Irgendwo ist da immer ein Mann …« Sie hielt Eva die Tasse hin und zeigte auf eine braune Kaffeespur, die sich nach oben bog. In Evas Augen glich sie allen anderen Spuren in der Tasse, aber sie sagte nichts. Die Frau zog die Tasse wieder an sich und beugte sich abermals darüber: »Ihr seid lange zusammen gewesen, im Ausland. Doch ihr lebt nicht mehr zusammen. Er hat dich verlassen … Deswegen bist du hierher gekommen. Und deswegen bist du in dieser Wohnung gelandet … Nach allen möglichen Umwegen bist du nach Island zurückgekommen, und das aus einem Grund, von dem ich mir nicht sicher bin, ob er … Verfolgst du ihn?« Eva schwieg, starrte auf die Tischplatte, dachte wieder und wieder: wir sind nicht getrennt, wir wohnen nur getrennt und spürte, wie die ganze Ungewissheit sie überwältigte.

Die Alte atmete tief ein, dann knallte sie die Tasse auf den Tisch. Eva sah auf.

»Ich will dir nichts verschweigen«, sagte die Frau und klang sehr entschlossen, fast gehetzt. »Das wird schwer für dich. Es ist noch nicht vorbei, und es endet vielleicht auch nicht so schnell, wie du denkst. Und vielleicht auch nicht auf die Art und Weise, wie du willst, verstehst du? Ich mache mir keine Sorgen über das, was passieren wird. Das ist an sich weder gut noch schlecht. Aber ich mache mir Sorgen darüber, wie du dich bei dieser ganzen Sache verhältst.«

Eva schwieg. Die Frau redete weiter auf sie ein.

»Du musst vorsichtig sein. Wenn du jetzt die Kontrolle verlierst … Du kannst den Tatsachen nicht ins Auge sehen. Du begreifst nicht, was um dich herum geschieht, und hast das Gefühl, jeden Moment könnte alles zusammenbrechen. Das ist normal bei Menschen, die in Schwierigkeiten stecken und Veränderungen erfahren, besonders bei Menschen wie dir. Doch du darfst deinen Sinn für die Wirklichkeit nicht verlieren. Du darfst deinen Gedanken keinen freien Lauf lassen, du musst gesünder leben, dich zum Beispiel von Alkohol fernhalten … Und ich denke, du solltest dich darauf einstellen, dass es bald Neuigkeiten gibt … Und zwar schlechte. Dass die Dinge sich nicht so entwickeln, wie du willst.« Eva hatte genug. Sie spürte, wie Wut in ihr aufstieg. Was bildete diese Schabracke sich eigentlich ein, über Hrafn und sie zu wissen oder darüber, wie dieses oder jenes enden würde? Aber in dem Moment, als sie den Mund öffnete und der Alten sagen wollte, sie solle sich gefälligst um ihren eigenen Kram kümmern, verflog ihr Zorn. Sie spürte, wie Tränen ihre Wangen hinabliefen, und wischte sie hastig ab, doch sie brachen wieder hervor. Ehe sie sich versah, hatte sie angefangen zu weinen und sagte, sie sei verzweifelt, so verzweifelt und so einsam. Die Frau tröstete sie, legte ihr die Hände auf die Schultern und beteuerte, alles werde gut; alles werde so gut ausgehen, wie es eben möglich war, mehr könne man nicht erwarten.

Als Eva sich beruhigt hatte, ging die Frau in die Küche und kam mit einem lauwarmen Waschlappen zurück und sagte ihr, sie solle sich die Tränen abwischen.

»Ich hätte nichts sagen sollen«, meinte die Alte dann, aber Eva schüttelte den Kopf und betonte, sie wolle es lieber wissen, anstatt sich alles Mögliche einzubilden. Eva habe ja selbst gewusst, dass ihr Leben nicht besonders glücklich sei und es in nächster Zukunft auch nicht werden würde. Mit einer anderen Prophezeiung hätte sie gar nicht gerechnet. Sie fände es gut, dass die alte Frau den Mut aufbrachte, ihr die Wahrheit zu sagen. Eva hörte sich zu, während sie diese ganzen Lügen aussprach, ohne zu wissen warum. Eigentlich wäre sie der alten Frau am liebsten an die Gurgel gegangen und hätte ihr ins Gesicht geschrien, dass sie nichts über ihr Leben wisse und gefälligst abhauen solle.

»Gut. Das ist gut zu hören. Und jetzt lasse ich dich am besten in Ruhe. Denk nicht zu viel nach, sonst graben deine Gedanken noch Löcher und du fällst hinein und verschwindest.«

Eva wollte aufstehen und sie zum Fahrstuhl begleiten, da sagte die alte Frau, Eva solle sich nicht bemühen, sie sei durchaus in der Lage, selbst hinauszufinden.

Wenig später rauschte es leise im Fahrstuhlschacht, und Eva blieb allein in der Wohnung zurück. Der Regen schien nun weiter entfernt, doch vor den Fenstern heulte noch immer der Sturm.

Das Mitternachtsprogramm auf Kanal 14

Nachdem die Frau gegangen war, legte Eva sich hin, konnte jedoch nicht einschlafen. Sie nahm das Telefon, um Hrafn anzurufen, dann legte sie es wieder weg – er hatte gesagt, er würde sich melden. Er hatte ihr sogar verboten, anzurufen, er brauchte Zeit zum Nachdenken.