Frauenmörder - Reinhard Budde - E-Book

Frauenmörder E-Book

Reinhard Budde

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Beschreibung

Es ist die Geschichte des biederen Lehrers Björn Aumann, der plötzlich damit konfrontiert ist, dass er wohl wie ein von der Kripo gesuchter Frauenmörder aussieht, dessen Fahndungsfoto in der Presse veröffentlicht worden ist. Und fortan taucht für ihn immer wieder das Thema "Frauenmord" auf, nicht nur im Kino mit Chabrols Film über den Frauenmörder von Paris, sondern auch in der Realität, in seinem persönlichem und beruflichen Umfeld. Er mutiert aber auch vom schüchternen Normalo zum Schulcasanova und Frauenversteher. An seiner Seite, die 18-jährige Schülerin Anja Olsen, die gern mal im Unterricht die Weltgeschichte durcheinander bringt, und sich mehr für Sex als für den Bildungskram interessiert. Schließlich verlobt sich Björn mit der Mutter seiner jungen Freundin. Und Anja verliebt sich in den Mafia-Killer Francesco Neri. Damit wird das Ganze ziemlich kompliziert - vor allen für die eifrig ermittelnden Kommissare Müller und Koch, die versuchen die Frage zu beantworten: Wer ist der Frauenmörder von Düsseldorf?

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Veröffentlichungsjahr: 2013

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Frauenmörder

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

Kapitel XII

Kapitel XIII

Kapitel XIV

Kapitel XV

Kapitel XVI

Kapitel XVII

Kapitel XVIII

Kapitel XIX

Kapitel XX

Kapitel XXI

Kapitel XXII

Kapital XXIII

Kapitel XXIV

Kapitel XXV

Kapitel XXVI

Kapitel XXVII

Kapitel XXVIII

Impressum neobooks

Kapitel I

Björn saß wie fast jeden Sommerferien-Nachmittag auf der Terrasse seines Stammbistros am Rhein, gleich gegenüber der alten Pegeluhr, und trank Kaffee. Es war kühl, nur wenige Gäste, Björn döste vor sich hin. „Sind Sie Alfred Völkel?“ Björn schreckte auf. Vor ihm standen zwei Polizisten. „Wir machen im Rahmen einer Fahndung eine Personenkontrolle. Die Angaben zur Person, die wir suchen, passen auf Sie. Können Sie sich ausweisen?“ Björn griff in seine Jackentasche und war froh, dort gleich das Mäppchen mit dem Personalausweis zu finden. „Ich heiße nicht Völkel, sondern Aumann. Hier, mein Ausweis! Was soll ich denn verbrochen haben? Mord, Vergewaltigung, Bankraub?“ Die Polizisten konnten über diese Frage nicht lachen und hätten sie auch nicht beantworten dürfen. Denn Björn war nicht der Gesuchte, wie sich schnell herausstellte. „Noch einen schönen Tag“, wünschten die Polizisten und gingen. Björn bestellte noch einen Kaffee – und einen Cognac! Er zahlte und machte sich auf den Heimweg. Es war nicht weit, nur ein paar Minuten Fußweg. Zu Hause empfing ihn wieder dieses undurchdringliche Chaos, dessen Bewältigung er längst aufgegeben hatte. Bücher, Zeitungen, Klamotten, leere Flaschen und schmutziges Geschirr. Die übliche Mischung eines Chaoten-Haushalts in Single-Version. Björn, 32, war Lehrer am Gymnasium, Deutsch und Geschichte. Er war in Moers am Niederrhein geboren, hatte in Düsseldorf studiert und war hier hängen geblieben, obwohl ihm Köln viel besser gefiel.Lehrer, das war nicht gerade sein Traumberuf. Er hätte lieber etwas Künstlerisches gemacht, am Theater oder beim Fernsehen. Er wäre auch gern ins Ausland gegangen, nach Italien, aber es war eben alles anders gekommen. Björn setzte sich an den Schreibtisch, blätterte in einer Zeitschrift und dachte darüber nach, dass er wohl wie ein Verbrecher aussehen müsse. Zumindest wie dieser Gesuchte, was der auch immer angestellt haben mochte. Ein Verbrecher, ein Ganove... Man sprach dann immer von krimineller Energie. Hatte er kriminelle Energie? Immerhin hatte er als Student zwei- oder dreimal Bücher geklaut. Und dann die Vergehen als Autofahrer – zu schnell, zu eng aufgefahren, vier Strafpunkte standen in der Flensburger Verkehrssünderkartei zu Buche. Aber war das schon kriminelle Energie? Würde er vielleicht jemand umbringen können? Da fiel ihm gleich jemand ein: Dagmar Seibold, die Schulleiterin, seine Chefin. Die ließ keine Gelegenheit aus, ihn zu mobben. Anfangs war das anders gewesen. Da hatte sie sich an ihn heran geschmissen. Aber sie war nicht sein Typ, auch zu alt und überhaupt....

Was sollte er mit dem Rest des Tages anfangen? Fernsehen und Bier. Und zwischendurch einen Wodka kippen – so wie gestern und vorgestern. Er schämte sich. Dass einem Intellektuellen, einem gebildeten Menschen nichts anderes einfiel als Fernsehen und Saufen. Und er schämte sich noch mehr, als ihm einfiel, er könne sich ja im Internet ein paar Free-Pornos anschauen. Warum hatte er eigentlich keine Freundin? Zuletzt war es Erika, eine Kollegin aus Duisburg, Englisch und Bio. Aber sie passten wohl nicht zusammen. Sie war ein sportlicher Typ: Joggen, Tennis, Ski-Langlauf. Björn hasste dagegen sportliche Betätigung, vor allem, wenn sie mit Anstrengungen verbunden war. Er saß gern im Café, ging ins Museum, liebte Musik und träumte gern. Träumen war für Erika aber eher ein Schimpfwort. Das musste schief gehen. Schade, denn sie war hübsch, hatte eine sexy Figur und konnte sehr leidenschaftlich sein. Björn sah sich den „Tatort“ an. Eine Mordgeschichte aus dem Rotlicht-Milieu. Es ging um Drogen, Menschenhandel und Prostitution. Eine polnische Nutte bringt ihren russischen Zuhälter um, mitten auf der Reeperbahn! Björn hatte Hunger, machte sich ein paar Dosenravioli warm. Italienische Küche, da stand er drauf. Pasta, frittierter Fisch und auch eine gute Pizza. Dazu natürlich Vino. Der war ihm allerdings ausgegangen. Aber im Kühlschrank standen noch zwei Dosen Bier. Er legte eine CD von Gianna Nannini auf. Er wäre gern in den Ferien nach Italien gefahren. Er wollte mit dem Auto bis runter nach Sizilien, wollte in Verona, Florenz, Rom und Neapel Station machen. Aber dann gab sein alter Honda den Geist auf. Immerhin war der Neue ein gebrauchter Italiener, ein weinroter Fiat Punto. Der hatte erst 35000 Kilometer drauf. Aber er musste für den Wagen auch 7000 Euro auf den Tisch legen. Björn entschloss sich, den Tag mit zwei doppelten Wodka abzuschließen. Morgen wollte er nach Köln ins Römisch-Germanische Museum. Er war schon oft dort gewesen. Aber es gab immer wieder Neues zu entdecken. Und in der Nähe des Museums gab es einen verdammt guten Italiener.

Am späten Nachmittag saß er wieder auf der Bistro-Terrasse am Rhein. Es war ein schöner Köln-Ausflug gewesen. Jetzt wollte er den Tag ganz entspannt ausklingen lassen. Auf dem Nebentisch lag eine Zeitung. Björn las schon seit geraumer Zeit nicht mehr regelmäßig Zeitung. Das Abo hatte er gekündigt. Aber jetzt schaute er mal rein – und stieß sofort auf eine Geschichte, die ihn sehr interessierte. Er las, dass die Polizei immer noch auf der Suche nach Alfred Völkel sei, der in Verdacht stehe, in Mönchengladbach zwei Frauen umgebracht zu haben. Die Kripo vermute, dass er sich im Großraum Düsseldorf aufhalte. Daneben ein Fahndungsfoto. Björn erschrak: Der Mann auf dem Bild hätte auch er sein können. Eine frappierende Ähnlichkeit. Björn schlug die Zeitung schnell wieder zu und steckte sie in die Tasche. Er bestellte einen doppelten Wodka. Sah er wirklich wie ein Frauenmörder aus? Zu Hause stellte er sich vor den Spiegel. „Ich sehe doch ganz normal aus“, dachte er. „Eher bieder, harmlos, auf keinen Fall angsteinflößend. Aber das sollen ja die Schlimmsten sein, sagt man.“ Dieser Frauenmörder musste pervers sein. Und er, er war doch nicht pervers. Oder? Aber das würde der Frauenmörder von sich auch behaupten. Warum sprach man eigentlich nie von Männermördern? Das waren wohl nur einfache Mörder, kaum der Rede wert. Aber Frauenmörder... Björn hatte jetzt genug von diesen Gedanken. Aber morgen würde er eine Sonnenbrille aufsetzen, zur Tarnung!

Kapitel II

Die Ferien waren zuende. Den Frauenmörder hatte man in Venlo gefasst. Als Björn am ersten Schultag ins Lehrerzimmer kam, wurde er gleich von Schulleiterin Seibold abgefangen. „Herr Aumann, Sie haben mir unlängst einen schönen Schreck eingejagt. Da schlage ich die Zeitung auf und sehe Sie als Frauenmörder! Gut, Sie waren es ja dann doch nicht... Aber im ersten Moment!“ Björn versuchte zu grinsen. Am liebsten hätte er sie jetzt - umgebracht!

Zuerst musste er in die 12b, zwei Stunden Deutsch. Es war keine Problemklasse. Dennoch gab es dort ein Problem. Das trug den Namen Anja Olsen, war blond, vollbusig und dreist. Sie hatte es auf ihn abgesehen, war sicher nicht verliebt in ihn, wollte ihn einfach verführen, aus den Angeln heben, zum geilen Trottel machen. Sie war inzwischen 18, war einmal hängen geblieben und ein Ass in Englisch. Aber sonst waren ihre Noten eine einzige Katastrophe. Sie hatte mal im Geschichtsunterricht auf die Frage, was ihr zur Jahreszahl 1933 einfalle, geantwortet: „Das war doch das Ende des Ersten Weltkrieges!“ Und in Deutsch fiel ihr zu Brecht ein, der habe doch „die, nein, den Faust“ geschrieben. Aber Englisch... das beherrschte sie besser als er. Sie hätte bestimmt gern einen jungen, attraktiven Englischlehrer mit ihren üppigen Rundungen durcheinander gebracht. Aber ihr war in dem Fach nur die alte, verknöcherte Kollegin Winter beschieden. Also wurde Björn ihr Opfer! Thema der ersten Stunde: Nachkriegsliteratur, „Gruppe 47“. Interesse der Klasse: null! „Man muss die Schüler begeistern“, empfahl immer wieder die junge Kollegin Reuter, Mathe. In diesem Sinne hatte er seinen Beruf verfehlt. Er konnte nur schlecht begeistern. Also... Das Problem trug an diesem Morgen einen super-kurzen Jeansrock. Anja saß ganz vorn, hatte lässig die hübschen Beine übereinander geschlagen und stellte gerade fest, dass die deutsche Nachkriegsliteratur nicht ihr Ding sei und ließ noch mehr Bein sehen. Um zwei hatte Björn den Schuldienst endlich hinter sich. Er ging in den wenige Minuten entfernt liegenden Park an der Kö und setzte sich in die Sonne. Die Ruhe währte nicht lange, denn Anja Olsen tauchte plötzlich auf und setzte sich neben ihn. „Macht Ihnen dieser scheiß Lehrerjob eigentlich Spaß?“ fragte sie provozierend. Björn wollte nicht die Wahrheit sagen: „Ja, macht er!“ Anja konnte das nicht verstehen. „Jahr für Jahr den selben Quark runter leiern, für den sich niemand interessiert. Ich glaube, Ihr Lehrer seid alle pervers!“ Ja, diese Anja hatte schon Mut und Power. Björn hätte das Gespräch gern beendet. Aber Anja war noch nicht fertig. „Hast du eigentlich eine Freundin?“ Jetzt wurde sie unverschämt. Björn versuchte, cool zu bleiben: „Zurzeit nicht!“ Anja schlug wieder gekonnt die Beine übereinander, vom Rock war jetzt nichts mehr zu sehen: „Dachte ich mir doch! Die alte Seibold ist scharf auf dich. Aber die würde ich auch nicht anrühren. Ich hab übrigens am Wochenende noch nichts vor. Du kannst mich ja mal anrufen. Ich geb dir meine Handynummer.“ Björn sagte nichts, nahm den Zettel mit der Nummer und war froh, dass Anja endlich von ihm abließ. Aber morgen zehn Uhr würde er sie wieder treffen, im Geschichtsunterricht.

Gegen Abend rief seine zwei Jahre ältere Schwester aus Aachen an. Auch vom Fach. Hauptschullehrerin. Björn erzählte ihr von seinem blonden Problem. Elvira lachte: „Mein kleiner Bruder als Frauenheld. Aber lass nur die Finger davon. Denk an Sebastian Friedrich!“ Sebastian... ein Bekannter, Gymnasiallehrer in Köln. Er hatte was mit einer 14-jährigen Schülerin. Als sie schwanger wurde, drehte er durch und nahm sich auf dem Dachboden den Strick!

Am nächsten Tag: Geschichte in der 12b. Anja hatte sich entschlossen, dieses Mal nicht mit einem super-kurzen Rock, sondern mit hautengen Lederklamotten zu provozieren. Thema: Der Zweite Weltkrieg. „Der muss … Ja, ich glaube 1950 war der endlich zuende, nach 30 Jahren! Der heißt doch auch 30-jähriger Krieg. Oder? “ Björn musste grinsen. Eine völlig neues Bild des 30-jährigen Krieges. Diese Anja erfand die Weltgeschichte einfach neu. Eine Naivität mit Charme, wie sich Björn eingestehen musste.

Er war wieder zu Hause, hatte sich einen Ring Fleischwurst, eine Pädswosch vom Pferdemetzger auf dem Carlplatz mitgebracht und zwei Dosen Weißbier aus dem Supermarkt. Er dachte darüber nach, was wäre, wenn Anja nicht seine Schülerin sei, er sie in der Disco kennengelernt hätte. Aber er hatte noch nie in der Disco eine Frau kennengelernt. Er war einfach nicht der Typ. Und diese Anja würde ihn in der Disco noch nicht mal ansehen. Aber... Anja ging ihm nicht aus dem Sinn. Sie verfolgte ihn bis in den Schlaf. Er träumte von ihr. Aber jetzt war er der Schüler und sie die Lehrerin. Er musste nach vorn kommen. Dann zog sie sich aus und befahl ihm, sie anzufassen. Sie drückte seine Hand zwischen ihre Beine und küsste ihn. Sie öffnete seine Hose... Björn wachte auf. Was war das für ein Traum? Ein Wunschtraum oder ein Alptraum? Er stand auf und holte sich ein Glas Mineralwasser. Übermorgen war Samstag. Sie habe noch nichts vor, hatte sie gesagt...

Der Freitag begann für Björn ganz ruhig, denn freitags hatte er keinen Unterricht in der 12b. Aber da war ja auch noch die Seibold. „Wollen Sie nicht mal zu unserem Wohltätigkeitsbasar ins Gemeindehaus nach Bilk kommen, Herr Aumann? Ich würde mich sehr freuen!“ Björn versuchte, es freundlich klingen zu lassen: „Mal sehen!“

Er saß wieder am Küchentisch und grübelte. Anja war 18, also nicht mehr minderjährig. Das war sauber. Aber dienstrechtlich.... Und überhaupt: Wenn das in der Schule die Runde machen würde, wäre er ohnehin erledigt. Aber es reizte ihn schon, herauszubekommen, wie weit sie gehen würde. Ein Spiel, ein gefährliches Spiel. Er nahm den Zettel mit der Handynummer und rief an. Anja wirkte nicht überrascht, sondern eher sachlich. „Du kannst mich ja morgen um sieben zu Hause abholen, Rochusstraße 16, zweiter Stock.“ Sollte er sich jetzt freuen oder schämen? Björn wusste es nicht und griff zur Grappa-Flasche.

Er klingelte an der Haustür, aufgeregt. Als er in den zweiten Stock kam, war die Tür zu Anjas Appartement nur angelehnt. Björn ging rein. „Ich bin noch im Bad“, rief Anja. „Setz dich hin, nimm dir was zu trinken.“ Björn sah sich um. Ein schickes Appartement in guter Wohnlage, top eingerichtet. Die junge Dame musste über nicht unerhebliche finanzielle Mittel verfügen. Er wusste, dass Anjas Eltern getrennt lebten. Der Vater war ein erfolgreicher Makler in Kopenhagen, die Mutter Zahnärztin in Oberkassel. Wahrscheinlich finanzierten sie das alles. Bjön hatte nicht mehr das Gefühl, eine seiner Schülerinnen zu besuchen. Und als Anja im knappen Bademäntelchen ins Zimmer kam, schon gar nicht. Sie ging an die Zimmerbar, machte sich einen Gin-Tonic. „Was trinkst du? Whisky oder Cognac? Du kannst aber auch Gin oder Tequila haben, oder Eierlikör!“ Er hätte jetzt den mahnenden Zeigefinger heben und erklären müssen, wie gefährlich Alkohol vor allem für junge Leute sei. Er nahm einen Cognac. Anja setzte sich in einen der Designer-Sessel, zog die Beine hoch, und der Bademantel geriet ins Rutschen... „Du findest bestimmt, dass ich so eine typische Blondine bin. Viel in der Bluse, nichts in der Birne. Gut, in der Bluse... aber ich bin nicht blöd, wenn ich auch schon mal die Weltgeschichte durcheinander bringe. Weist du, dieser Bildungskram geht mir auf die Nerven. Ich lebe gern... und es wird ja gerade erst spannend, mein Leben. Wie siehst du das?“ Björn fühlte sich unwohl in seiner Doppelrolle als Lehrer und... „Bildung kann nicht schaden. Und sie kann auch spannend sein“, sagte er zögerlich. Anja lachte: „Typisch Lehrer! Wann hattest du zum letzten Mal Sex? Nun sag schon.“ Björn war wieder mal irritiert. „Ja, warum...? Vor einem halben Jahr.“ Anja machte sich noch einen Gin-Tonic. „Siehst du: Du hattest jetzt ein halbes Jahr nur Bildung. Ich hatte meinen letzten Sex gestern Abend. Was machen wir denn jetzt? Disco, Bildung oder Amore?“ Björn fiel fast vor Schreck das Glas aus der Hand. „Wir können zusammen essen gehen oder in die Disco. Mehr nicht. Das musst du verstehen.“ Anja schmollte: „Bist du schwul?“ Björn wollte es jetzt ganz sachlich versuchen. „Ich bin dein Lehrer. Du bist zwar volljährig, aber ein Verhältnis mit einer Schülerin, das geht einfach nicht. Ich riskiere meinen Job.“ Anja war enttäuscht, gab aber nicht auf. „Ich bin doch kein kleines unschuldiges Schulmädchen, das sich in den Lehrer verliebt hat. Ich hatte schon sieben oder acht Jungs, und ich bin auch nicht verliebt in dich. Für mich ist das alles ein geiles Spiel. Und Spielverderber mag ich nicht!“ Björn stand auf: „Komm, zieh dir was Schickes an, und dann gehen wir zum Italiener!“ Sie gingen zu „Carlo“. Björn hatte das Restaurant vorgeschlagen. Er war zuletzt vor einem Jahr dort zu Gast gewesen, mit seiner Schwester. Anja hatte sich wirklich schick gemacht. Ein eng geschnittenes dunkelgraues Kostüm mit knielangem Rock. Die blonden Haare streng zusammengebunden. Anja wirkte wie eine junge Geschäftsfrau. Sie bestellten Prosecco und studierten die Speisekarte. „An sich nimmt man ja in Italien mindestens drei Gänge. Aber das ist nicht drin. Ich nehme Scaloppine al limone und einen gemischten Salat.“ Björn konnte siech nicht entscheiden. Schließlich nahm er Tagliatelle mit Kalbsragout. Anja erzählte, dass sie als Kind mit den Eltern oft in Italien gewesen sei, am Gardasee, an der Adria und auf Elba. Sie könne sogar ein bisschen italienisch sprechen. Sie würde gern mal nach Rom, aber auch nach New York und Rio. Zuletzt sei sie in Kopenhagen bei ihrem Vater gewesen. „Aber nach Dänemark zieht mich kaum etwas, obwohl in meinen Adern ja auch dänisches Blut fließt.“ Björn wollte wissen: „Und was macht deine Mutter?“ Anja winkte ab: „Mama hat wenig Zeit für mich. Sie ist Zahnärztin, hat viel zu tun. Und dann ist da noch Max, ihr Freund. Der ist ziemlich anstrengend. Er ist Kunsthändler in Köln, macht gutes Geld, ist aber ein Spinner. Ich mag ihn irgendwie nicht. Aber jetzt erzähl mal was von dir.“ Björn hatte seinen inneren Widerstand gegen die Situation aufgegeben. Er saß nicht mit seiner Schülerin im Restaurant, sondern mit einer attraktiven jungen Frau. „Was soll ich erzählen? Ich komme aus Moers, habe in Düsseldorf studiert... Ich hätte gern etwas Künstlerisches gemacht. Aber.... schlecht ist der Lehrerjob nicht.“ Anja fand das wenig aufregend: „Und sonst? Große Liebe, Träume, Familie?“ Björn hatte nicht viel zu bieten. „Sicher, ein paar Verhältnisse über die Jahre, aber nie was wirklich Ernstes. Und Familie? Bruder und Schwester, mein Vater lebt nicht mehr, meine Mutter wohnt in Wesel und ist wieder verheiratet. Aber ich bin kein Familienmensch.“ Sie nahmen noch ein Dessert, tranken Espresso. Jetzt wollten sie in die Disco. Aber im Auto drückte sich Anja plötzlich an ihn, versuchte ihn zu küssen. „Sei doch nicht so spießig. Oder bist du doch schwul?“ Björn drückte sie weg: „Lass es doch einfach!“ Anja wurde wütend. „Ich kann an jedem Finger zehn Typen haben. Wenn du mich hässlich findest, sag es einfach. Dann höre ich auf.“ Ein geschicktes Luder, und Björn spürte, dass er ihr nicht gewachsen war. Er konnte sie ja jetzt auch nicht einfach rausschmeißen. „Fahr los, du weißt ja, wo ich wohne.“ Und Björn fuhr los. Anja zog Björn gleich auf die Couch. „Hast du Kondome mit?“ Björn hatte nicht, aber für Anja kein Problem. „Hier in meiner Tasche ist ein Päckchen.“ Anja zeigte sich als routinierte Liebhaberin, die Björn nicht zur Ruhe kommen ließ. Widerstand wäre zwecklos gewesen. Was ihn aber störte, war Anjas erste Äußerung danach: „Wenn das die alte Seibold wüsste. Die würde mich von der Schule werfen – und dich umbringen!“ Sie standen erst gegen Mittag auf. Anja hatte Kaffee gemacht und ein paar Kuchenhörnchen aufgebacken. Björn war noch etwas benommen. Aber der starke Kaffee half, wieder halbwegs klar zu werden im Kopf. Anja hatte eine Zucchero-CD aufgelegt. Björn lachte: „Wir können die Seibold ja auf ihrem Wohltätigkeitsbasar besuchen. Sie hat mich eingeladen.“ Es klingelte, Anjas Handy. Sie verlegte das Gespräch schnell nach draußen in die Diele. Björn hörte nur, wie sie sich verabschiedete: „Also, bis um fünf!“ Anja nahm noch einen Schluck Kaffee. „Sei mir nicht böse, aber ich schmeiß dich jetzt raus. Ich hab nachher noch eine Verabredung.“ Björn fühlte sich verletzt. Dabei war es doch nur gut für ihn, dass Anja die Sache, diese Liebesnacht offensichtlich nicht so ernst nahm. Zu Hause machte er sich eine thailändische Dosensuppe heiß und trank ein Bier. War Anja nur mit ihm ins Bett, weil er ihr Lehrer war? Oder fand sie ihn attraktiv? Und er fragte sich, ob Frauenmörder gut aussähen oder hässlich seien. Diese Anja hatte sich auf auf jemand eingelassen, der aussah wie ein Frauenmörder. Und auch die Seibold war scharf auf einen... Björn dachte nicht weiter in diese Richtung. Obwohl: Interessant waren diese Gedankenspiele schon. Morgen würde im Klassenzimmer Anjas Platz leer bleiben, weil sie von ihrem Lehrer ermordet worden war. Und auch die Seibold würde nicht mehr auftauchen. Nonsens! Björn schaltete den Fernseher ein und schaute sich die Sportschau an. Montag, 8 Uhr, für Björn die Schattenseite des Lehrer-Jobs. Er stand mal wieder unausgeschlafen vor der 12b. Er schaute zu Anja rüber, die heute mit alten Jeans und ausgeleiertem T-Shirt unauffällig wirkte. Sie schien von ihm keine besondere Notiz zu nehmen. Björn wollte über das Theater sprechen und über ein Stück, das immer noch zu den meistgespielten auf deutschen Bühnen zählt: Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“. Er wusste aus eigener Lehrer-Praxis, dass dieser Text mit seinen sexuellen Fragestellungen immer wieder für heiße Diskussionen bei den Schülern sorgte. Das Stück handelt von Jugendlichen, die versuchen, mit ihrer Pubertät fertig zu werden in einer Gesellschaft voller Zwänge und Tabus. Geschrieben 1891. Björn gab den Inhalt wieder, versuchte, provozierende Fragen zu entwickeln. Anja meldete sich: „Warum müssen wir uns denn mit diesen verklemmten Typen aus dem 19. Jahrhundert abgeben?“ Eine brutale Frage, aber eine, wie Björn fand, gute Frage. „Genau darüber werden wir dann sprechen.“ Die zweite Stunde wurde zum üblichen Langweiler: Es war der x-te Versuch, den Kids beizubringen, wann man ein Komma setzt und wann nicht. Diese Versuche zogen sich von der Grundstufe bis in die Oberstufe – nahezu ohne Erfolg!

In der Pause stand im Treppenhaus plötzlich Anja neben ihm. „Na, hat sich der Herr Lehrer von seinem erotischen Wochenend-Abenteuer schon erholt?“ fragte sie lässig-frech. Björn erschrak, als würde die ganze Schule mithören. „Lass doch den Quatsch!“ Aber Anja hatte eine Idee: „Komm doch heute Abend mal mit deinem Wedeking vorbei. Und dann schauen wir, wie es ist, das Frühlingserwachen! So gegen sieben!“ Björn war froh, am Ende des Flurs die Seibold zu sehen. „Ich muss zur Chefin. Ciao!“ Frau Seibold war enttäuscht, dass Björn nicht zu ihrem Wohltätigkeitsbasar gekommen war. „Ich hatte fest mit Ihnen gerechnet, Herr Aumann!“ Sie hatte aber ein neues Attentat vor: „Wir müssen dringend über das Schulfest sprechen. Ich denke, Sie wären der Richtige, alles zu koordinieren. Vielleicht sollten wir uns darüber mal ganz ungezwungen unterhalten. Nicht hier im Büro. Sagen wir morgen um acht bei mir zu Hause. Ich habe einen schönen spanischen Rotwein. Also: Aachener Straße 85, dritter Stock!“ Björn kam diese dreiste Art irgendwie bekannt vor. Aber was wollten die Frauen eigentlich von ihm? Er war doch immer als der graue, unattraktive, langweilige Normalo gehandelt worden. Dachte er zumindest.

Es war ein schöner Spätsommertag. Björn entschloss sich, nicht gleich nach Hause zu gehen, sondern sich auf die Terrasse seines Stammbistros zu setzen. Am Nebentisch saß eine attraktive Frau, vielleicht Anfang dreißig, langes dunkles Haar, Sonnenbrille. Björn bestellte Kaffee. Er überlegte: Wenn ich doch nun ein solcher Frauentyp bin, könnte ich diese Frau am Nebentisch doch einfach ansprechen. Aber was sollte er sagen? Da fehlten ihm Phantasie und Erfahrung. Anja würde sagen: „Darf ich mich zu Ihnen setzen? Wir sollten uns näher kennenlernen. Ich wohne übrigens hier gleich um die Ecke und Kondome hab ich auch.“ Und dabei verführerisch mit dem Bein wippen. Gut, das mit dem Bein sollte er vielleicht lassen. Er könnte sie aber zum Prosecco einladen. Jetzt schaute sie zu ihm rüber. Er hätte gern gelächelt. Aber sein Gesicht war plötzlich wie vernagelt. Er könnte sich natürlich auch von hinten an sie heran schleichen, die Hände auf ihren Hals legen – und zudrücken! Er als „gesuchter“ Frauenmörder! Die Kellnerin brachte den Kaffee. Das Handy der Frau meldete sich. Die Frau sprach italienisch, sehr laut und impulsiv. Björn hörte die Worte Milano, Roma und amici raus. Eine interessante Frau, eine Italienerin. Sie würde besser zu ihm passen als Anja. Aber stopp: Er hatte zwar mit ihr geschlafen, aber doch kein Verhältnis mit ihr. Oder? Er zahlte und ging.

Kapitel III

Er suchte in seinem Chaos die Wedekind-Ausgabe. Die hatte er als Student in einer Frankfurter Buchhandlung geklaut. Und wie sie jetzt so vor ihm lag, hatte er immer noch ein schlechtes Gewissen. Er steckte das Buch in die Tasche und fuhr zu Anja. Die war beschwipst, hatte drei Prosecco getrunken. Björn war das unangenehm. Wenn jetzt was passieren würde, und sie in diesem Zustand. Aber es war ja schon was passiert. Also... Er setzte sich auf die Couch und berichtete von seinem Date mit der Seibold. Anja schwang sich auf seinen Schoß: „Du bist ja ein richtiger Frauenheld. Nicht, dass die Alte dich mir ausspannt!“ Sie lachte und küsste Björn. „So, und jetzt spielen wir Frühlings Erwachen. Das blöde Buch von dem Wedebim brauchen wir nicht. Das krieg ich schon so hin!“ Als Björn sich verabschiedete, war es schon zwei Uhr in der Früh. Um acht begann die erste Unterrichtsstunde, noch einmal Deutsch in der 12b! Björn legte sich, so wie er war, ins Bett und schlief sofort ein. Kurz vor halb acht wachte er auf, duschte schnell und machte sich auf den kurzen Weg zur Schule. Frühstück gab's heute nicht. Als er vor der Klasse stand, fiel ihm ein, dass sie heute wieder über Wedekinds „Frühlings Erwachen“ sprechen wollten. Aber wo war das Buch? Er hatte es bei Anja liegen lassen. Jetzt wurde es stressig. Anja grinste frech aus der ersten Reihe. Björn wollte sich setzen. Aber was lag da auf seinem Stuhl? Das Wedekind-Buch. Björn schaute zu Anjarüber, die siegessicher grinste.

Dagmar Seibold wohnte in einem schmucken Appartement mit Blick ins Grüne. Sie war Oberstudienrätin, Geografie und Französisch, seit sechs Jahren leitete sie das Gymnasium. Sie kam aus Straßburg, war aber in Wolfsburg aufgewachsen. Neun Jahre war sie mit einem Rechtskundler verheiratet gewesen. Kinder hatte sie keine. Sie lebte eher zurückgezogen, hatte auch keinen Partner. Sie traf sich zweimal im Monat mit ein paar Freundinnen zum Bridge-Abend, manchmal gingen sie nachher in die Kneipe. Und sie hatte ein Theater-Abo. Als Björn vor fünf Jahren an das Gymnasium kam, hatte er sofort gespürt, dass sich Dagmar Seibold für ihn interessierte. Aber er war nicht darauf eingegangen. Seitdem neigte Frau Seibold dazu, ihn zu mobben. Und dieser Termin jetzt hatte von beidem etwas: Ihn als Koordinator für das Schulfest einzusetzen, war Mobbing, denn sie wusste genau, das Björn solche offiziellen Sonderaufgaben hasste. Und die andere Seite war der Versuch, Björn doch noch einzufangen. Entsprechend lustlos fand sich Björn bei ihr ein. Dagmar Seibold hatte sich herausgeputzt, trug einen schicken schwarzen Hosenanzug, war stark, aber nicht zu grell geschminkt. Björn dachte: „Wenn ich zwanzig Jahre älter wäre, könnte sie mir schon gefallen.“ Frau Seibold servierte Rotwein, einen teuflisch guten Rotwein, und legte eine Celentano-CD auf. „Ich hoffe Sie mögen Celentano und italienische Musik. Ich bin eine große Italien-Verehrerin. Rom, Florenz, Venedig... In den letzten Jahren bin ich leider nicht mehr dort gewesen. Kennen Sie Italien?“ Björn nahm einen Schluck Wein: „Nicht so richtig. Ich war mal zwei Wochen am Gardasee, von dort bin ich nach Venedig und Verona. Und ich war zwei Wochen an der Adria, Lido di Pomposa. In der Nähe liegt Ravenna.“ Sie setzte sich in einen der klobigen Ledersessel: „Ich war ja neun Jahre verheiratet. Mein Mann war Jura-Prof an der Bonner Uni und auch ein Italien-Liebhaber. Aber jetzt, allein...“ Und sie schaute Björn mit einem, wie er fand, flehenden Blick an. Nein, er würde jederzeit mit Anja nach Italien fahren, aber nicht mit der Seibold. „Wir wollten doch über das Schulfest sprechen“, versuchte er dem Gespräch eine Wende zu geben. Frau Seibold lächelte: „Wollten wir das? Ja, die Schule. Mein Leben besteht inzwischen nur noch aus Schule. Ich bin dabei, eine schrullige, vertrocknete Direktorin zu werden.“ Das konnte und wollte Björn jetzt nicht so stehen lassen: „Sie sind doch eine attraktive Frau.“ Dagmar Seibold hatte offensichtlich das richtige Register gezogen. „Aber Herr Aumann...Sie schmeicheln mir. Ein solches Kompliment habe ich schon lange nicht mehr zu hören bekommen. Aber wir sollten nicht so förmlich sein. Ich heiße Dagmar und Sie Björn, also auf gute Zusammenarbeit.“ Diese Runde ging glatt an Dagmar. Sie unterhielten sich über Politik, über das Schulsystem und übers Theater, nur nicht über das Schulfest. Inzwischen waren sie bei der zweiten Flasche Wein angelangt und von der CD kam jetzt Umberto Tozzi. Dagmar hatte plötzlich auch ein Tablett mit Schinken- und Salami-Häppchene zur Hand, dazu Oliven und marinierte Pilze. Björn begann sich wohl zu fühlen, und der Wein... Er war auf direktem Weg in ein weiteres Liebesabenteuer. Er war offensichtlich zum Frauenhelden mutiert, dabei fing doch einmal alles damit an, dass er über Frauenmörder nachgedacht hatte. Auch die zweite Runde ging an Dagmar. Dann der K.o.! Dagmar setzte sich zu ihm auf die Couch und gestand augenzwinkernd, dass sie beschwipst sei, und legte die Hand auf seinen Oberschenkel. Sie rückte näher, die Hand glitt nach oben und sie hauchte: „Komm, küss mich!“ Am nächsten Morgen geriet in der Schule alles in Unordnung. Der Lehrer Björn Aumann erschien nicht. Und Direktorin Seibold auch nicht! Die Seibold meldete sich um zehn: Sie sei erkrankt. Wäre aber morgen wieder an Bord. Um halb elf rief Björn an: Er hätte Magen-Probleme, wäre aber morgen wieder in Einsatz. Nur Anja ahnte, was wirklich passiert war.

Als Björn am späten Mittag nach Hause kam, fühlte er sich unwohl. Was sollte er mit diesem seltsamen Doppelverhältnis? Er war doch ein Typ, der seine Ruhe haben wollte, auch wenn ihn schon mal die Langeweile plagte. Gegen sechs rief Anja an: „Na, wie ist die alte Seibold im Bett? Ihr müsst es ja heiß getrieben haben, dass ihr beide krank geworden seid.“ Björn war das peinlich. „Wer sagt denn...“ Anja unterbrach ihn: „Jetzt spiel nicht das Unschuldslamm. Wie wär's mit ein bisschen Wedekind-Nachhilfe bei mir, in einer Stunde? Oder kriegst du das körperlich nicht mehr hin?“ Björn versprach, vorbei zu kommen. Obwohl: Lust verspürte er keine. Anja war gut drauf, servierte eisgekühlten Prosecco. „Los, erzähl mal, wie ihr es gemacht habt... vaginal, oral oder von hinten? Zier dich nicht, raus mit der Sprache!“ Björn verschluckte sich: „Nicht... Stell dir mal vor, ich würde ihr alles von uns erzählen.“ Aber damit hatte Anja kein Problem: „Mach doch! Ich bin auf jeden Fall französisch besser als sie, obwohl ich nur eine vier habe und sie Französisch-Lehrerin ist. Das kannst du doch bestätigen. Oder?“ Björn dachte: „Bin ich denn in einem Porno gelandet?“ Er versuchte, das Thema zu wechseln. „Sie steht auf Italien.“ Anja überraschte dieser abrupte Themenwechsel: „Wie kommst du jetzt auf Italien? Macht sie es etwa italienisch? Da weiß ich aber gar nicht, wie das geht.“ Björn war ratlos: „Denkst du eigentlich immer nur an Sex?“ Anja knöpfte sich etwas pickiert die Bluse bis zum Hals zu: „Nein, nicht immer!“ Jetzt musste Björn lachen: „Weiß du, warum ich dich mag? Du bist so unberechenbar, direkt – und ein bisschen verrückt.“ Anja schnitt eine Grimasse: „Nicht, dass der Herr sich noch in mich verliebt!“ Björn schenkte Prosecco nach: „Wer weiß?“ Eine Äußerung, die ihn allerdings erschreckte. Sie sprachen nicht mehr über die Seibold, aber über Italien. Und Anja hatte eine Idee: „Bald sind Herbstferien. Wir könnten eine Woche nach Italien fahren. Finanziell ist das kein Problem. Mama gibt mir gern das Geld, wenn sie weiß, dass sie dann erst mal wieder Ruhe hat vor mir. Wir fahren aber nicht mit deinem mickrigen Punto. Wir fliegen einfach nach Rom und nehmen uns dort einen Leihwagen. Ich ruf gleich morgen Mama an.“ Björn ging das alles zu schnell: „Gut ,Italien, aber...“ Anja war beleidigt: „Ich weiß schon, was du denkst. Ich bin zu jung, oder du bist zu alt... Ich geh aber glatt für 20 durch und kann mich auch entsprechend benehmen – wenn ich will. Ich bin gut erzogen und weiß genau, wie man damenhaft die Suppe löffelt.“ Ja, genau diese Unbekümmertheit und Schlagfertigkeit... Er würde gern mit Anja nach Italien fahren. Anja hatte noch eine Idee: „Ich möchte mal wieder ins Kino. Morgen läuft in der Spätvorstellung ein schon etwas älterer, aber sicher interessanter Film über den Frauenmörder von Paris. 22.45 Uhr im 'Cinema'. Und anschließend gehen wir dann zu dir. Du wohnst doch da in der Gegend.“ Björn fühlte sich plötzlich verunsichert. „Der Frauenmörder von Paris“, es gab doch unzählige spannende Filme. Warum musste es gerade ein Film über den Frauenmörder von Paris sein? „Tut mir leid. Morgen kann ich nicht“, erklärte er. „Hast du Termin bei der Seibold?“ fragte Anja und lachte. Björn schüttelte den Kopf. Björn blieb diesmal nicht allzu lange bei Anja. Um halb eins zog er sich wieder an und machte sich auf den Heimweg. „Der Frauenmörder von Paris“ ging ihm nicht aus dem Kopf. Zu Hause schaltete er den Computer ein und schaute bei Google unter „Frauenmörder“ nach. Und er fand den Spielfilm über den Frauenmörder von Paris, Regie: Claude Chabrol. Es ist die Geschichte des Henri Désiré Landru, der zehn betuchte Frauen umgebracht haben soll, 1922 verhaftet und 1924 hingerichtet wurde. Gestanden hatte er allerdings nicht. „Interessant“, dachte Björn. Vielleicht sollte er sich doch diesen Film ansehen – mit Anja. Aber, dass sie nachher mit zu ihm nach Hause wollte, behagte ihm gar nicht. Das war ihm zu intim! Seine Junggesellen-Bude gehörte ihm ganz allein. Doch der Film... Aber er könnte doch versuchen, sich mit Dagmar Seibold den Film anzusehen. Ein Chabrol-Film wäre doch ein gutes Argument für eine Verabredung. Oder er ginge allein ins Kino. Nein, diesen Frauenmörder-Film musste man sich in weiblicher Gesellschaft ansehen! In der Pause fragte er Dagmar Seibold, lud sie ein. Sie war hocherfreut, mit solch einer Einladung hatte sie nicht gerechnet, dass Björn jetzt so initiativ wurde, machte sie glücklich. Und dann auch noch ein Chabrol-Film...

Und so saßen die beiden in der Spätvorstellung und sahen sich den „Frauenmörder von Paris“ an. Der Film war indes ganz anders, als von Björn erwartet. Es war kein Thriller, sondern ein chabrol-ironisches Werk mit Doko-Szenen aus dem Ersten Weltkrieg. Dennoch faszinierte ihn dieser Mörder. Auch Dagmar war beeindruckt, so sehr, dass sie nach dem Kino meinte: „Der Film hat mich ganz schön aufgeregt. Du wohnst doch hier zwei Straßen weiter und hast bestimmt auch einen guten Rotwein.“ Es stimmte ja, auch das mit dem Rotwein. „Bei mir herrscht aber absolutes Chaos!“ versuchte er sich noch zu retten. Dagmar lachte aber: „Das stört mich nicht. Wir dürfen uns morgen nur nicht wieder verschlafen!“

Am Frühstückstisch hatte dann auch Dagmar eine Idee: „Demnächst sind doch Herbstferien. Wir könnten zusammen nach Italien fahren. Wie wär's?“ Das zweite Reiseangebot! Björn dachte: „Ich könnte ja mit beiden nach Italien fahren – oder ich fahre einfach allein an die Nordsee.“ Dagmar erwartete eine Antwort: „Sag schon...“ Björn stand auf: „Mal sehen. An sich wollte ich meinen Bruder in Saarbrücken besuchen!“ In der Schule blieb Anjas Platz leer. Björn machte sich Sorgen. Und er war ungehalten, weil er sich jetzt schon um Anja sorgte. In der Pause rief er sie an. Sie war noch ganz verschlafen: „Ich hab's heute leider nicht geschafft. Du wolltest ja gestern nicht mit mir in den Frauenmörder-Film. Da musste ich mich anderswo vergnügen. Und das war ganz schön anstrengend. Gleich fahre ich aber zu meiner Mama wegen unserer Reise. Am besten finanziert sie dich gleich mit. Ich sag ihr, du wärst ein armer Student. Das klappt schon!“ Björn hätte jetzt gern dagegen gesprochen. Es fiel ihm aber nichts ein. Nur: „Ich muss Schluss machen. Bis dann!“ Auf dem Nachhauseweg am frühen Nachmittag fühlte sich Björn sehr belastet. Anja ging davon aus, dass er mit ihr verreise – und Dagmar auch. In beiden Fällen hatte er nicht zugesagt, aber auch nicht „nein“ gesagt. Er war ein Feigling. Das stand fest!i An der Ecke spielte ein Straßenmusikant auf dem Akkordeon die „Caprifischer“. Ja, Italien..... Als am Abend das Telefon klingelte, wusste Björn sofort, dass er sich nun entscheiden müsse. War es Anja oder Dagmar? Es war Anja, und es gab an sich gar nichts mehr zu entscheiden: „Wir fliegen am 7. um 10.30 Uhr nach Rom. Einen Leihwagen habe ich auch sofort gebucht!“ Das bedeutete: Er musste Dagmar Seibold einen Korb geben – weil er als „armer Student“ mit Anja nach Italien fuhr. Den Korb gab es am nächsten Morgen im Büro. „Es tut mir leid, aber ich muss mit meinem Bruder in Saarbrücken etwas Familiäres regeln!“ Dagmar war enttäuscht: „Ich soll einfach nicht mehr nach Italien kommen!“

Der 7. war ein Samstag. Freitag letzter Schultag. Am Abend fuhr Bjön mit seiner Reisetasche zu Anja, die sich gut gelaunt zeigte. „Morgen um diese Zeit sitzen wir schon irgendwo am Meer. Mama meinte, wir sollten unbedingt nach Capri fahren.“ Björn wollte sein Flugticket bezahlen. Aber Anja lachte: „Alles erledigt. Du bist ein mittelloser Student. Und ich lade dich ein.“ Er sollte sich von einer 18-jährigen Schülerin aushalten lassen? Das bereitete ihm Bauchschmerzen. Und überhaupt: So richtig freuen konnte er sich nicht auf diese Reise. Aber Anja hatte noch etwas anderes vor: „Wir müssen heute mit dem Frühlingserwachen früher anfangen. Sonst verpennen wir uns morgen.“

Kapitel IV

Sie trafen rechtzeitig am Flughafen ein. Es regnete. Die Maschine startete pünktlich. Zweieinhalb Stunden später landeten sie in Rom-Fiumicino und wurden von goldenem Herbstwetter und 25 Grad Wärme empfangen. Die Sache mit dem Leihwagen war schnell geregelt. Sie fuhren auf die Autobahn Richtung Süden, Richtung Napoli. „Die fahren hier ja wie die Verrückten“, stellte Anja fest. Dem konnte Björn nur zustimmen. Überall Gedränge, Gehupe, Ausflugshektik – und über allem lagen die neuesten italienischen Hits aus dem Radio, das Anja bis zum Anschlag aufgedreht hatte. Das Navi funktionierte nicht. Aber Anja fand im Handschuhfach eine Straßenkarte. „Wir sind jetzt auf der Autobahn nach Neapel. Die führt aber nicht direkt ans Meer. Lass uns abfahren. Ich will endlich das Meer sehen.“ So gelangten sie in das malerische Hafenstädtchen Gaeta. Sie gingen zum Strand und setzten sich in eine der zahlreichen Bars. Anja zog die Macho-Blicke der ragazzi auf sich – und genoss sie. „Die gucken ja ganz schön dreist“, bemerkte sie. „Aber keine Angst. Die sind chancenlos.“ Sie streichelte zärtlich Björns Arm: „Ich hab ja meinen Lehrer!“ Björn machte das stolz. Aber er fragte sich auch, was diese attraktive 18-Jährige eigentlich an ihm finde. Er war nicht jung, nicht schön und auch nicht wohlhabend. Hotels gab es reichlich in Gaeta. Anjas Wahl fiel zielsicher auf das beste Haus am Platze. Nun musste Björn nach einem Doppelzimmer fragen, eine peinliche Situation, wie er fand, zumal der Mann an der Rezeption die ganze Zeit Anja anschaute und zuckersüß lächelte. Sie bekamen ein schönes Zimmer im ersten Stock. Gediegene Ausstattung, Meerblick. Anja warf sich aufs Bett: „Hier lässt es sich leben. Komm her! Mal sehen, ob sich Amore anders anfühlt als die gute alte deutsche Liebe.“

Sie saßen im Restaurant. Anja hatte sich schick gemacht, trug keine Jeans mehr, sondern einen kastanienfarbenen knielangen Rock. Gerade war der zweite Gang serviert worden, als zwei kräftig gebaute Männer das Restaurant betraten und zum Tisch gegenüber gingen, an dem ein unscheinbarer Mann mittleren Alters saß. Er erschrak, als ihm der eine Mann seinen Ausweis zeigte und der andere ihn am Oberarm packte. Jetzt standen auch zwei uniformierte Polizisten in der Tür. Der Festgenommene wehrte sich nicht, schaute zu Boden und wurde abgeführt. Anja fand das ausgesprochen spannend. „Das ist ja wie im Film hier!“ Als der Kellner abräumte, fragte ihn Björn, was denn passiert sei. Der Kellner faltete die Hände: „Finalmente, endlich! Er in Roma zwei donne kaputt gemacht. Zuerst amore, dann zack!“ Seine Handbewegung sagte alles. Der Mann hatte die Frauen umgebracht. Ein Frauenmörder! Björn bestellte einen doppelten Grappa! In der Nacht träumte er, dass er auf dem großen Platz am Hafen öffentlich hingerichtet werden sollte. Bevor der Henker kam, wurde das Urteil verlesen: „Björn Aumann wird wegen zweifachen Frauenmordes zum Tode durch den Strang verurteilt.“ Die Menge johlte. Anja, sie stand vorn in der ersten Reihe, johlte kräftig mit, schrie: „Den kenn ich aus der Schule.“ Dann kam der Henker auf ihn zu, nein es war eine Frau, Dagmar Seibold... Bjön wachte schweißgebadet auf und holte sich aus der Zimmerbar ein Mineralwasser. Anja bekam davon nichts mit. Sie schlief tief und fest.

Am Frühstückstisch brachte Anja das Gespräch noch mal auf die Verhaftung des Frauenmörders:„Ganz schön gruselig. Dabei sah der Mann absolut harmlos aus. So wie du! Vielleicht bist du ja auch ein Frauenmörder!“ Anja lachte, Björn blieb der Toast im Halte stecken. Sie entschlossen sich, nach Neapel zu fahren und dann mit dem Schiff nach Capri. Ein Entschluss, den Björn fluchend bereute, als sie im napoletanischen Verkehrschaos den Weg zum Hafen suchten. Anja war begeistert: „Hier ist ja echt was los. Ganz anders als bei uns auf der Berliner Allee oder der Kö.“ Für Björn war es Stress pur. „Nur gut, dass wir das Auto nicht mit nach Capri nehmen können“, versuchte er sich zu beruhigen. Im Hafen war das Chaos noch größer. Sie suchten verzweifelt einen bewachten Parkplatz, dann den Fahrkatenschalter, den es gar nicht gab. Dafür wurden ihnen preiswerte Luxus-Uhren angeboten. Die „Rolex“ für 50 Euro, ein echtes Plagiat, hergestellt in Asien, in Napoli zollfrei an Land gespült. Schließlich saßen sie im Schnellboot nach Capri, und der ganze Stress war vergessen. Sie fanden ein malerisches Hotel unweit des Hafens, das an einem Felsen zu kleben schien. Vom Zimmer aus blickte man auf das azzurblaue Meer, die Fenster waren geöffnet, ein leichter Wind bewegte die zurückgezogenen Vorhänge im Takt des späten Nachmittags. „Meine Mama hatte schon Recht: Capri ist wunderschön“, stellte Anja fest. Im Restaurant hatten sie freie Tischwahl, sie waren die einzigen Gäste. Sie nahmen einen Tisch am Fenster, das jetzt geschlossen war, denn im Oktober sind auch auf Capri die Abende schon kühl. Sie aßen Spaghetti mit Polyp und eine mächtige „Frittura del Golfo“, frittierten Fisch, und tranken Weißwein von der Nachbarinsel Ischia. Plötzlich stutzte Anja und wurde kreidebleich: „Ich glaub es nicht! Dreh dich jetzt nur nicht um. Da hinten hat sich eine Frau an den Tisch gesetzt. Nicht irgendeine Frau, sondern unsere Frau Seibold!“ Björn legte die Gabel aus der Hand und grinste: „Ein Scherz! Ich muss sagen: ein dummer Scherz!“ Aber Anjas Gesicht zeigte unmissverständlich, dass sie nicht scherzte. „Die Seibold wollte nach Italien, mit mir nach Italien...“, erklärte er. Jetzt grinste Anja: „Das ist ihr ja irgendwie geglückt!“ Ob sie denn in Begleitung sei, wollte Björn wissen. „Nein! Sie sitzt da ganz allein an ihrem Tisch. Wir können sie zu uns rüber bitten.“ Björn wusste nicht, ob das ernst gemeint sei. „Nur nicht! Sie darf uns hier nicht sehen.“ Die Chance nicht gesehen zu werden, war allerdings gering. „Was sollen wir machen?“ fragte Anja schon etwas aufgeregt. „Wenn wir jetzt raus gehen, muss sie uns sehen.“ Sie bestellten noch eine Flasche Wein und versuchten, sich so klein wie möglich zu machen. Zum Glück hatte Dagmar Seibold keinen großen Appetit. Sie aß eine kleine Portion von den Hummer-Ravioli, trank ein Mineralwasser und verschwand wieder. Geschafft! Björn und Anja waren unerkannt geblieben, aber sie hatten das Gefühl, nun zu dritt unterwegs zu sein. Björn hatte wieder eine unruhige Nacht. Dass Frau Seibold aufgetaucht war.... Schicksal? Diese Frage stellte er sich immer wieder.