Fräulein Jensen wird zur Traumfrau - Anne Hansen - E-Book

Fräulein Jensen wird zur Traumfrau E-Book

Anne Hansen

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Beschreibung

Hannah Jensen hat einen Wunsch: sich einen Traummann zu angeln. Für immer und ewig, sie glaubt an die große Liebe. Doch bislang hat sich leider keiner unsterblich in Hannah verliebt. Sie muss sich etwas anderes überlegen: Also dreht sie den Spieß einfach um – sie sucht nicht mehr, sondern wird gefunden. Wie? Ganz einfach: Hannah Jensen wird zur Traumfrau. Und das mithilfe eines 10-Punkte-Programms, das sie unter anderem zur Super-Köchin, Musikgöttin, Fußballexpertin und Schönheitsqueen machen soll. Danach werden die Männer gar nicht mehr anders können, als sich um Hannah Jensen zu reißen. Oder? Voller Witz, Charme und Selbstironie beschreibt Anne Hansen die Anstrengungen der Heldin, sich in eine unwiderstehliche Traumfrau zu verwandeln. Und um so authentisch wie möglich von ›Fräulein Jensen‹ berichten zu können, hat die Autorin das 10-Punkte-Programm gleich einmal selbst durchlaufen. Mehr Traumfrau geht nicht!

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Seitenzahl: 302

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Hannah Jensen hat einen Wunsch: sich einen Traummann zu angeln. Für immer und ewig, sie glaubt an die große Liebe. Doch bislang hat sich leider keiner unsterblich in Hannah verliebt. Sie muss sich etwas anderes überlegen: Also dreht sie den Spieß einfach um – sie sucht nicht mehr, sondern wird gefunden. Wie? Ganz einfach: Hannah Jensen wird zur Traumfrau! Und das mithilfe eines 10-Punkte-Programms, das sie unter anderem zur Superköchin, Fußballexpertin und Schönheitsqueen machen soll. Danach werden die Männer gar nicht mehr anders können, als sich um Hannah Jensen zu reißen. Oder? Voller Witz, Charme und Selbstironie beschreibt Anne Hansen die Anstrengungen der Heldin, sich in eine unwiderstehliche Traumfrau zu verwandeln. Und um so authentisch wie möglich von »Fräulein Jensen« berichten zu können, hat die Autorin das Zehn-Punkte-Programm gleich einmal selbst durchlaufen. Mehr Traumfrau geht nicht!

Anne Hansen, geboren 1980 in Husum, lebt als freie Autorin in Berlin. Sie absolvierte die Kölner Journalistenschule und studierte Politik und Wirtschaft. Ihr erster Roman ›Fräulein Jensen und die Liebe‹ erschien 2012 im DuMont Taschenbuch.

Anne Hansen

Fräulein Jensenwird zur Traumfrau

Roman

Von Anne Hansen ist im DuMont Buchverlag außerdem erschienen:

Fräulein Jensen und die Liebe

eBook 2013

DuMont Buchverlag, Köln

Alle Rechte vorbehalten

© 2013 Anne Hansen

© 2013 DuMont Buchverlag, Köln

Umschlag: Zero, München

Umschlagabbildung: © 2010 Emily Moya Addis/Getty Images

Satz: Angelika Kudella, Köln

eBook-Konvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

ISBN eBook: 978-3-8321-8718-7

Wer hätte gedacht, dass das zehnjährige Abitreffen im »Klixbüller Krog« solch eine Inspirationsquelle für mich werden würde. Es ist fünf Uhr morgens, ich sitze mit Pia im Wohnzimmer meiner Eltern und habe zwischen der Buddelschiffsammlung meines Vaters und der aktuellen Landlust meiner Mutter ein »Hannah-Jensen-Metamorphosenprogramm« erstellt: einen Plan, der mich in eine Traumfrau verwandeln soll. Um das zu illustrieren, habe ich mich als krakeliges Strichmännchen gezeichnet, das noch ein wenig kümmerlich wirkt, bald aber wahnsinnig geistreich, witzig, sportlich und gut aussehend sein wird. Wie ich eben, hah! Großer Gott, ich glaube, die angehende Traumfrau hat einen Schwips.

Aber der Reihe nach.

Ein zehnjähriges Abitreffen ist eine echte Herausforderung. Als ich mich darauf vorbereitete (Was ziehe ich an? Wer bin ich? Wer will ich sein? Wer war ich einmal? Was ziehe ich an?), dachte ich noch: Himmel, das ist ja genau wie der erste Tag in einem neuen Job, an dem kleine Gesten in nur Millisekunden darüber entscheiden, wer man ist, wer wen mag und – am schlimmsten – wer wen nicht mag.

Aber dann wurde mir klar: Ein Klassentreffen ist noch viel schlimmer. Schließlich wissen die anderen, wie man einmal war, und können beurteilen, was man daraus gemacht hat. Viele Leute habe ich wirklich zehn Jahre lang nicht gesehen. Für die ist es doch so, dass Hannah Jensen für zehn Jahre in einem schwarzen Kasten verschwunden ist und dann als – Zutreffendes bitte streichen – mondänes It-Girl, dreifache Mutter, Hartz-Vier-Empfängerin, erfolgreiche Geschäftsfrau oder Mann (hat’s schon gegeben!) wieder herauskommt.

Dementsprechend angespannt war ich, als mich Pia, Seelenverwandte der ersten Stunde, zu Hause bei meinen Eltern abholte und wir gemeinsam zum »Klixbüller Krog« gingen – dem Ort der Offenbarung.

Machen wir es kurz: Der Abend war eine Mischung aus Wehmut und »Danke-lieber-Gott-dass-die-Schulzeit-vorbei-ist«. Und natürlich kam ich aus dem Staunen nicht mehr raus.

Die drei größten Überraschungen:

1. Die dicke Sonja Maibach war gertenschlank geworden und trug ein ärmelloses Strickkleid, das ihre durchtrainierten Oberarme perfekt in Szene setzte. Sie winkte auch auffällig oft durch die Gegend (was wirklich keinen Sinn machte), nur um uns zu zeigen, wie fest ihr Bindegewebe war.1

2. Katrin Schaaf lebt als freie Fotografin in Kapstadt und arbeitet hauptsächlich für die Vogue.2

3. Knut Ketelsen erzählte, dass seine Zwillinge gerade aufs Gymnasium gekommen waren.3

Eigentlich dachte ich den ganzen Abend in Fußnoten.

Wie kann das sein???

Das glaub ich nicht!!!

Moooooooment mal, die war doch damals …

Manchmal war mein Geist angesichts dieser Lebenswendungen dermaßen überfordert, dass ich nur ein dumpfes »Häh???« im Innern zustande brachte.

Natürlich blieb es irgendwann nicht aus, dass die anderen auch von mir alles wissen wollten. Was machst du so? Wo wohnst du? Hast du Haustiere, Autos, Kinder?

Nun, ich sag immer: Jede Wahrheit lässt einen gewissen Interpretationsspielraum zu, und natürlich muss man bei einem Klassentreffen immer ein wenig mogeln. Daher kann es schon sein, dass ich die eine oder andere Tatsache vielleicht ein klitzekleines bisschen abgeändert habe.

Die Fakten

Unwesentlich modifiziert

Ich arbeite in Hamburg als freie Journalistin.

Ich habe in Hamburg ein Unternehmen aufgebaut und trage eine Menge Verantwortung.

Um die Büromiete zu sparen (dafür könnte man sich ja komplett bei H&M einkleiden!), arbeite ich von zu Hause aus.

Ich bin in der luxuriösen Lage, berufliches und privates Leben miteinander verbinden zu können.

Mein größter journalistischer Coup gelang mir, als ich mit meinen Artikeln im Hamburger Abendblatt so viel Druck auf die Stadtverwaltung aufbaute, dass der »Jugendclub Schnelsen« schließlich doch am Wochenende geöffnet blieb.

Ich recherchiere vor allem investigativ. Deswegen darf ich auch nicht darüber sprechen, an welcher Enthüllung ich jetzt gerade arbeite. Bitte habt Verständnis dafür.

Da mich niemand zu Hause sieht, trage ich den ganzen Tag wahlweise Jogginganzug oder Schlafanzug (Letzteres aber wirklich nicht so oft!).

Ich bin durchaus modisch interessiert.

Ich habe drei gescheiterte Beziehungen hinter mir. Jedes Mal wurde ich verlassen.

Ich bin bei der Partnerwahl anspruchsvoll und will keine Kompromisse eingehen.

Am 8.

7.

2005 dachte ich für fünf Minuten, dass ein Mann mir einen Heiratsantrag machen wollte.

Ich mag es nicht, wenn Männer klammern.

Ich habe keinen Bausparvertrag und verstehe immer noch nicht, was vermögenswirksame Leistungen sind.

Geldfragen delegiere ich.

Ich gucke jeden Tag um 15

Uhr auf

VOX

»Shopping Queen«.

Ich lege viel Wert auf eine gute »Work-Life-Balance«. Gerade als Selbstständige muss man aufpassen, kein Burn-out zu bekommen.

Ich schlug mich eigentlich ganz tapfer und hatte mir nach kurzer Zeit das Image verliehen, eine dynamische und erfolgreiche Journalistin aus der Großstadt zu sein. (Zwischendurch glaubte ich es fast sogar selbst.)

Irgendwann aber traf ich am Buffet auf Martin Clausen, der mich prompt auf das vergangene Jahr ansprechen musste.

»Hey, ich habe von meiner Mutter gehört, dass du letztes Jahr tatsächlich Steffen Henssler gedatet hast. Mensch, da wolltest du aber groß rauskommen, was?« Er lachte.

Ich lächelte höflich und sagte: »Da musst du was falsch verstanden haben. Ich habe ihn nicht gedatet, sondern interviewt. Das ist ein klitzekleiner Unterschied.«

»Aber hast du nicht auch Tim Lobinger getroffen? Und Rocko Schamoni? Meine Mutter meinte, dass du richtig Traummann-Speed-Dating gemacht hast.« Er lachte wieder und klopfte mir auf die Schulter. »Hannah Jensen und die Promi-Männer – wer hätte das gedacht?«

Ich zwang mich zu einem Lächeln. Zum Glück kam in dem Moment Pia vorbei und schleppte mich zu »Du gehörst zu mir« von Marianne Rosenberg auf die Tanzfläche.

Nun, streng genommen hatte Martin Clausen den Nagel auf den Kopf getroffen. Denn letztes Jahr hatte ich mich mit Pia auf eine, sagen wir, kreative Wette eingelassen. Der Deal: Ich durfte mich mit meinen zehn absoluten Traummännern treffen, und falls Amors Pfeile wider Erwarten nicht treffen würden, sollte ich mich doch bitte weltlichen Männern widmen. Leider ging das alles ziemlich nach hinten los, denn so richtig hat keiner meiner Auserwählten angebissen. »So richtig« ist vielleicht ein bisschen übertrieben. Wenn man es genau nimmt, wollte niemand etwas von mir wissen. Ein paar kleine Beispiele aus diesem dunklen Kapitel meines Lebens: Stabhochspringer Tim Lobinger redete während unseres Dates zwar permanent von Traumfrauen, meinte aber leider nicht mich damit, TV-Koch Steffen Henssler rückte zwischen Hauptgericht und Dessert damit raus, dass er Frau und Kinder hat, und Rocko Schamoni war der felsenfesten Überzeugung, dass Männer in einer Beziehung gar nicht treu sein können, sondern aufgrund der Hormone zum Fremdgehen verdammt seien.

Das waren nur drei Beispiele, in Wahrheit habe ich zehn Traummänner – wie nannte es Martin Clausen so schön – »speed-gedatet«.

Der Rest des Abends ist übrigens schnell erzählt: Nachdem ich mich mit Pia durch die gesamte »Neue deutsche Welle« getanzt hatte, sind wir schließlich nach Hause gegangen und Martin Clausen rief mir hinterher: »Zum nächsten Klassentreffen kommste aber mit deinem Traummann, ja? Streng dich mal ein bisschen mehr mit dem Suchen an.«

Es ist fünf Uhr morgens und ich denke immer noch über diesen Satz nach. Und wissen Sie was? Es hat bei mir Klick gemacht.

Ich habe mich viel zu sehr in meine Traummannsuche hineingesteigert. Und ich habe es satt, ständig auf der Suche nach jemandem zu sein. Warum muss immer ich diejenige sein, die sich bemüht?

Genau damit ist jetzt Schluss! Ich werde den Spieß einfach umdrehen. Ich suche nicht mehr. Ich werde gefunden. Und wie ich das erreiche? Ich werde ganz einfach zu einer Traumfrau. Und dann sind es die Männer, die mich, Hannah Jensen, suchen.

»Du willst also Pull-Marketing betreiben.« Es ist so herrlich, wie Pia alles immer entromantisiert, noch dazu in leicht angetrunkenem Zustand. Aber bitte, von mir aus können wir meinen Plan gerne auf eine wissenschaftliche Basis stellen.

»Komm, wir schreiben mal Ideen auf«, sage ich und hole schnell Zettel und Stift aus der Küche.

»Um diese Uhrzeit? Können wir dich nicht morgen zu einer Traumfrau machen?« Pia gähnt und macht sich auf unserem Sofa breit.

»Nein, können wir nicht. Erkennst du eigentlich nicht den Ernst der Lage? Ich habe gerade beschlossen, mein komplettes Liebes-Weltbild auf den Kopf zu stellen und endlich mal an mich zu denken. Das kann doch nicht bis morgen warten.«

»Na schön«, sagt Pia und setzt sich wieder aufrecht hin. »Dann wollen wir mal überlegen, Fräulein Jensen. Was muss man alles können und haben, um eine Traumfrau zu sein?«

Nach etwa einer Stunde sind wir mit dem Plan meiner Verwandlung fertig.

Voila, ein Tusch:

Um Gottes willen, diesen Zettel darf nie, nie, nie, nie jemand finden. Andererseits – vielleicht hat Angelina Jolie auch so einen Plan der Verwandlung in irgendeiner Schublade. Stelle mir vor, wie Brad Pitt die Zeichnung findet und sie zur Rede stellt: »Das war alles geplant???«

Irgendwie fühle ich mich wie Jens Lehmann, der beim Elfmeterschießen während der WM einen Zettel in der Hose hatte und deswegen genau wusste, in welche Ecke der Spieler schießen würde. Ist das etwa Betrug, was ich hier gerade plane?

Ach was, papperlapapp, es gibt ja niemanden, dem ich dadurch schaden könnte. Und vielleicht werde ich die Wegbereiterin einer ganz neuen Bewegung sein und eine ganze Armada unglücklicher Singles wandelt auf meinen Spuren. »Hannah Jensen ist so zur Traumfrau geworden, das schaffe ich auch.« Ich bekomme Gänsehaut. Bin ich etwa dabei, ein feministisches Manifest zu entwickeln?

Seit ich mit der inzwischen schlafenden Pia meinen Plan geschmiedet habe, habe ich das Gefühl, den Grundstock für etwas ganz Großes gelegt zu haben.

Bisher steht zwar nur der theoretische Zehn-Punkte-Plan, zu einer Traumfrau zu werden. Aber wie sagt man so schön: Aller Anfang ist wichtig oder so ähnlich. Wenn man nur lange genug an etwas glaubt, wird es wahr. In diesem Sinne: Ich bin bereit für die Self-fulfilling Prophecy – Hannah Jensen darf eine Traumfrau werden.

Eins

Madonna, Claudia und ich

Heute ist also der Tag der Tage. Der Beginn einer neuen Hannah Jensen. Ich bekomme Gänsehaut. Wahrscheinlich werde ich noch in vielen Jahren an genau diesen Tag denken. Diesen scheinbar harmlos verregneten Dienstag im März – ein Meilenstein in meinem Leben. Na ja, nicht so ganz, denn mein »Ich-werde-zur-Traumfrau-Programm« beginnt ja ziemlich harmlos: mit einem ebenmäßigen Teint.

Das hört sich jetzt vielleicht banal an, aber seit der Pubertät wünsche ich mir schon eine Haut wie eine Osteuropäerin mit Pfirsichteint: feinporig, klar, strahlend, ohne Pickel, glatt, frisch.

Nicht, dass Sie jetzt denken, mein Gesicht wäre eine einzige Kraterlandschaft, aber ohne zu übertreiben kann man meine Haut als »schwierig« bezeichnen. Sie ist mal fettig, dann wieder trocken, hier und da mal rot (ohne erkennbares Schema), extrem empfindlich und um die Augen machen sich die ersten Fältchen breit. Machen wir uns nichts vor: Ich bin gänzlich überfordert mit meinem Gesicht. Es ist, als hätte Gott mir diese Haut als große Prüfung gegeben, so nach dem Motto: Hannah, dann mach mal das Beste draus.

Um dem Eigenleben meiner Haut zumindest etwas Paroli zu bieten, falle ich auf sämtliche Werbeversprechen herein. Sehen Sie, ich bin durchaus reflektiert und trotzdem bin ich ein Opfer von Nivea und Co! Sobald ich auf irgendeinem Tiegel »24Stunden Feuchtigkeit«, »straffend«, »ein jüngeres Hautbild in 10Tagen« oder »füllt Falten von innen auf« lese, schlage ich zu. Als neulich meine Nachbarin Katrin das fast komplette Douglas-Programm in meinem Badezimmer sah, sagte sie anerkennend: »Wahnsinn, dass du dich so gut damit auskennst. Ich nehme alles immer nur aus einer Pflegelinie, sonst würde meine Haut komplett durchdrehen.«

Natürlich, das war es! Ich hatte nur noch nicht die richtigen Cremes gefunden. Voller Tatendrang vereinbarte ich am Tag darauf einen Termin bei einer Kosmetikerin. Eine Hautanalyse sollte endlich Klarheit in mein Gesicht bringen. Und wahrscheinlich wäre das Ergebnis völlig simpel. Man liest doch dauernd, dass sich ganz Hollywood mit Melkfett einreibt oder selbst gemachte Pasten aus Quark und Gurken ins Gesicht schmiert. Ziemlich guter Dinge, dass ein altes Hausmittel bald alles richten wird, ging ich also zu Charlotte Hoffmann, einer Kosmetikerin in der Osterstraße mit einem Porzellanteint wie aus dem Bilderbuch.

Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, dass ich entspannt war. Bald würde ich aussehen wie sie, und zwar nur, indem ich mir Quark ins Gesicht schmierte! Das Leben konnte so einfach sein.

Charlotte Hoffmann drückte ein technisches Gerät gegen meine Wangen und sah plötzlich beunruhigt auf einen Bildschirm, der jede einzelne Pore von mir in einer hunderttausendfachen Vergrößerung zeigte.

Schweigen.

»Haben Sie gerade viel Stress?«, fragte sie schließlich besorgt.

Stress? Wie meinte sie das?

Mein Schweigen wertete sie prompt als Zustimmung.

»Das tut mir leid. Um ehrlich zu sein, sieht man genau das auch Ihrem Hautbild an.«

»Äh, ja«, stotterte ich. »Ich habe wirklich viel zu tun momentan und weiß nicht, wo mir der Kopf steht.« Gut, das war gelogen, denn eigentlich war ich gerade aus dem Urlaub gekommen und hatte noch den Stresspegel einer Touristin, die den ganzen Tag in der Sonne liegt und deren Hauptsorge es ist, sich regelmäßig umzudrehen, um keinen Sonnenbrand zu bekommen.

Charlotte Hoffmann schlug die Hände zusammen.

»Das erklärt einiges.« Sie sah wieder betreten auf meine Haut.

Sie verordnete mir ganz, ganz viel Ruhe und sagte ernst: »Zusammen schaffen wir das.«

»Und von welchem Zeithorizont reden wir? Ich meine, wann habe ich … nun, sagen wir … Ihre Haut?« Ich lachte ein wenig überdreht.

Charlotte Hoffmann lachte auch. Sie hielt es wohl für einen Scherz, dass ich ernsthaft glaubte, aus meiner Haut könne man ihre machen.

»Nun, die Epidermis erneuert sich im Schnitt alle 27Tage. Bis wir die richtige Pflegelinie für Sie gefunden haben, wird es wohl drei bis vier Monate dauern. Und nach fünf bis sechs Monaten sollte sich die Haut darauf eingestellt haben, sodass Sie in sieben bis acht Monaten das Ergebnis sehen.«

Ich starrte mit leerem Blick auf den Monitor, der immer noch schonungslos jede einzelne meiner Poren zeigte. (Es sah ein wenig aus wie ein riesiges Volk von Pantoffeltierchen, das man im Bio-Unterricht unter einem Mikroskop gesehen und sich jedes Mal aufs Neue gegruselt hat.)

Schließlich klopfte Charlotte Hoffmann mir mütterlich auf die Schulter und sagte: »Bis es so weit ist, können Sie sich ja auch einfach schminken.«

Das nennt man wohl: vom Regen in die Traufe.

Aber nun gut, ich füge mich: Meine Traumfrauverwandlung soll damit beginnen, dass ich lerne, mich richtig zu schminken. Denn das geht seit mehr als 17Jahren Tag für Tag aufs Neue gründlich daneben.

Mein Schminktrauma begann im Sommer 1996. Meine Schulfreundinnen Annika, Steffi und Simone kamen an einem Tag plötzlich geschminkt zur Schule. Ich traute meinen Augen nicht. Waren sie gestern noch Annika, Steffi und Simone gewesen, waren sie plötzlich ganz andere Mädchen. Geschminkte Mädchen. Sie liefen auch ganz anders (irgendwie selbstbewusster) und lachten auch ganz anders (auch irgendwie selbstbewusster), und irgendwie hatten sie ihr Leben durch ein wenig Wimperntusche, Make-up und Lippenstift auf eine – wie ich fand – viel höhere Ebene gehoben. Wie die drei über Nacht gelernt hatten, sich perfekt zu schminken, bleibt mir bis heute ein Rätsel. Natürlich hätte ich sie damals nie auf ihre Verwandlung angesprochen. Nur heimlich schielte ich im Matheunterricht neidisch auf Annikas ebenmäßigen Teint. Wie konnte das sein? Die hatte doch sonst auch immer Pickel wie ich.

Wie dem auch sei: Nachdem Annika, Steffi und Simone zu anderen Wesen geworden waren, beschloss ich, mich auch zu verwandeln. Und malte mich an. Machen wir es kurz: Ich möchte nicht darüber sprechen, dass Christian aus der Parallelklasse fragte, ob wir Karneval hätten, als ich zum ersten Mal geschminkt zur Schule kam.

Inzwischen sind mehr als 17Jahre vergangen. Machen wir es noch einmal kurz: Ich kann es bis heute nicht. Ich male mich zwar nicht mehr unkoordiniert großflächig an (mein Gott, wie sollte ich denn damals wissen, wie das ging?), doch die Lage hat sich nur marginal verbessert. Eigentlich gibt es nur zwei Schminkszenarien.

1. Ich will möglichst natürlich wirken und habe so viel Angst, wie ein Clown auszusehen (ich sag ja: Trauma!), dass ich alles ganz vorsichtig dosiere. In diesem Fall trage ich nur einen Hauch vom Wimperntusche auf und decke Rötungen und Pickel ab. Jaha, davon habe ich auch im zarten Alter von 30Jahren noch etliche. Meine Mutter will mich immer damit aufbauen, dass ich dadurch doch so viel jünger aussehe. Das stimmt, vom Hautbild her kann ich locker mit meiner dreizehnjährigen Cousine mithalten. Wenn ich also das »Ich-sehe-aus-wie-eine-Naturschönheit-Programm« abspule, sehe ich in etwa so aus:

2. Ich will meinem Gesicht mehr Ausdruck verleihen (diese Formulierung hat mal so ein Star-Visagist im Fernsehen benutzt und ich finde, sie klingt großartig). In diesem Fall kommt erst eine Make-up-Basis zum Einsatz, dann das Make-up selbst, dann Rouge, dann Lippenstift und zuletzt Wimperntusche und undefinierbares Schwarz um die Augen. Ich habe ein kleines Vermögen bei Douglas ausgegeben, um mir das ganze Equipment zu kaufen. (Es liegt also nicht am Material!) Aber trotzdem sehe ich dann ungefähr so aus, wenn ich das Badezimmer verlasse:

Ich verstehe es einfach nicht. Ich bilde mir ein, alles ganz sparsam zu verwenden, aber das Resultat macht selbst mich immer wieder ratlos.

Dabei habe ich doch ein großes Schminkidol. Jessica Grünberg war eine Kommilitonin an meiner Uni, und sie sah jeden Tag umwerfend aus. Umwerfend frisch. Umwerfend jung und dynamisch. Während wir Normalsterblichen mit Augenringen und eher großporiger Haut im Hörsaal saßen, sah Jessica immer so aus, als wäre sie gerade aus einem zweiwöchigen Urlaub von den Malediven gekommen. Das Merkwürdige: Sie sah überhaupt nicht geschminkt aus. Manchmal ertappte ich mich dabei, wie ich ihr minutenlang ins Gesicht starrte, um endlich zu entdecken, warum sie so frisch aussah. Ich konnte es mir nicht erklären. Ihre Mitbewohnerin steckte mir dann irgendwann, dass Jessica morgens mit Augenringen und großporiger Haut im Badezimmer verschwand und dann nach einer Stunde als Jessica-von-den-Malediven wieder herauskam. Aha, sie musste sich also doch schminken! (Ich kam mir damals vor wie ein CIA-Agent, der ein großes Geheimnis gelüftet hat.)

Also, genau so wie Jessica Grünberg will ich aussehen: frisch, jung und dynamisch. Und dabei soll niemand sehen, dass ich dafür stundenlang im Badezimmer verschwinden musste. Ist das zu viel verlangt?

»Das ist überhaupt nicht zu viel verlangt«, sagt Pia und lacht. Wir sitzen im Café und besprechen die Anfänge meiner Traumfrauverwandlung. »Das ist sogar äußerst bescheiden. Letztes Jahr um diese Zeit wolltest du von Kevin Tarte schwanger werden, Thorsten Havener heiraten und parallel mit Steffen Henssler eine Affäre beginnen. Da finde ich es doch sehr genügsam, dass du jetzt nur lernen willst, wie man ein bisschen Rouge aufträgt. Heißt: Das ist machbar.« Sie lacht schon wieder und kneift sich in die Wangen, sodass sie nach kurzer Zeit rot werden. »Siehst du, so einfach geht das.«

Manchmal ist Pia aber auch wirklich schwer von Begriff. Es geht doch nicht darum, dass ich nur lernen will, wie man Rouge aufträgt. Diese Schminkschulung (klingt gleich schon viel wissenschaftlicher) ist doch nur Teil eines großen Ganzen. Ich meine, ich will doch sowohl äußerlich als auch innerlich zu einer Traumfrau werden, damit ich nicht mehr suchen muss, sondern gefunden werde. Das Pferd von hinten aufzäumen nennt man das. Ich muss mich mal selbst loben: Manchmal habe ich wirklich geniale Ideen. Und dieses »bisschen Rouge«, wie Pia es nennt, ist lediglich der Auftakt zu einer emanzipierten Metamorphose. (Das klingt wirklich gut!) Ich sehe schon, wie mir bald Daniel Brühl gebannt ins Gesicht starrt, um zu ergründen, warum um Himmels willen ich so frisch aussehe.

***

Der ehemalige Chefvisagist von Versace und Yves Saint Laurent wird mich gleich schminken.

Noch einmal sagen.

Der ehemalige Chefvisagist von Versace und Yves Saint Laurent wird mich, Hannah Jensen, in Klixbüll bei Klanxbüll geboren und aufgewachsen, gleich schminken.

Ich kann es immer noch nicht glauben. Ich will einen kleinen Schrei ausstoßen, erinnere mich dann aber daran, dass ich in einer U-Bahn Richtung Berlin-Charlottenburg sitze, und lächele nur stumm vor mich hin.

Nachdem Pia und ich »Hannah bekommt einen Teint wie eine Elfe aus Herr der Ringe« zu meinem Schönheitsetappenziel auserkoren hatten, war klar, dass ein echter Vollprofi ans Werk gehen musste. Die Wahl war schnell getroffen: Dieter Bonnstädter. Er hat bei Versace und Yves Saint Laurent gearbeitet und betreibt einen Salon in Berlin. Pia und ich haben ihn ein paarmal im Fernsehen gesehen und jedes Mal umgaben ihn schöne Frauen mit einem Gesicht, das ich gerne hätte.

Ein Termin für eine Make-up-Beratung ist zwar nicht ganz billig, aber was ist wichtiger – Geld oder die Tatsache, sich einfach schön zu fühlen? Ich grinse über das ganze Gesicht.

Nur fünf Minuten von der S-Bahn-Haltestelle entfernt liegt die Mommsenstraße. Sie hat einen breiten, eleganten Bürgersteig, eine schicke, teure Boutique liegt neben der nächsten und dann kommt mir auch noch eine Frau im Pelzmantel mit einer Sonnenbrille entgegen (macht zugegebenermaßen keinen Sinn, es regnet nämlich leicht, aber der liebe Gott hat mir bestimmt diese Frau mit Sonnenbrille geschickt, um mir zu zeigen, wie mondän es hier ist). Ich muss sagen: Wenn ich bald nur annähernd wie diese Straße aussehe (also im übertragenen Sinne), ist die Mission geglückt. Ich starre der Frau ehrfurchtsvoll hinterher.

Herrlich, ich kann mir gut vorstellen, in Zukunft öfter herzukommen, um mich professionell schminken zu lassen. Ich meine, das zahlt sich ja auch aus. Schließlich hat man ja mit so einem neuen Gesicht eine ganz andere Ausstrahlung. Ich habe mal gelesen, dass gepflegte Menschen auch mehr Gehalt bekommen. Vielleicht kann ich mich ja auch mit Dieter Bonnstädter anfreunden, und er schminkt mich jeden Tag. Nun, das wäre wahrscheinlich doch etwas zu aufwendig, von Hamburg immer nach Berlin zu fahren. Aber vielleicht werde ich ja zu seiner Schminkmuse und er besteht darauf, dass ich ihn zu wichtigen Anlässen begleite, weil er nur in meiner Anwesenheit sein ganzes Schminkrepertoire abrufen kann. Aaaaaaaaaaaaah.

Ich bin so in Gedanken versunken, dass ich fast übersehen hätte, dass ich schon dort bin: am Ort der Verwandlung. Aufgeregt klingele ich an der Tür des Salons. Dann wollen wir mal. In einer Stunde habe ich den Teint von Nicole Kidman. Na ja, oder das, was man aus meiner, äh, zugegebenermaßen etwas schwierigen Haut machen kann.

***

Möchten Sie etwas lesen? Eine Frauenzeitschrift oder lieber etwas Politisches? Gerne, die neueste Ausgabe oder soll ich Ihnen die letzten drei bringen? Dazu noch eine Tageszeitung? Darf ich Ihnen noch etwas zu trinken anbieten? Kaffee, Espresso oder Cappuccino? Wasser dazu gefällig? Mit oder ohne Kohlensäure? Sonst noch einen Wunsch?

Zwei (!) Mitarbeiterinnen von Dieter Bonnstädter haben mich im Salon empfangen, als wäre ich Kate Middleton höchstpersönlich.

Noch etwas baff vom »Heute-stehen-Sie-im-Mittelpunkt-und-wir-verwöhnen-Sie-mal-richtig« sitze ich auf dem »Behandlungsstuhl«. Nein, klingt nach Zahnarzt. Ich korrigiere: Ich sitze auf einem samtweichen, weißen Ledersessel, über mir schwebt ein Kronleuchter, unter meinen Füßen liegt edles Parkett, neben mir steht die größte Orchidee, die ich je gesehen habe, und schräg hinter mir: der Schminkaltar. Es ist ein riesiger Koffer, der auf vier Beinen steht. Durch zwei geöffnete Klappen erhasche ich einen Blick auf unzählige Pinsel, Farben, Pinzetten und Schwämmchen.

Mein Gesicht steht vor einer historischen Wende.

Bevor ich noch darüber nachdenken kann, wie der Schminkgott gleich den gesamten Inhalt dieses Altars gekonnt auf meinen unschuldigen Gesichtshälften verteilen wird, steht er plötzlich hinter mir: Dieter Bonnstädter. Mit seiner engen, schwarzen Hose und einem engen, schwarzen Hemd (es ist sehr, sehr, sehr eng) sieht er eigentlich genau so aus, wie man sich einen Visagisten vorstellt.

»So, dann wollen wir mal. Make-up, richtig?«

Wenn ich ihm jetzt erkläre, dass »Make-up« ein wenig zu kurz gegriffen ist und es sich um den Teil einer zehn Punkte umfassenden Verwandlung von Normalfrau zu Traumfrau handelt, würde das wahrscheinlich zu weit führen. Deswegen nicke ich nur und sage ergriffen: »Ja. Make-up.«

Dieter Bonnstädter streicht mir die Haare hinter die Ohren (eigentlich ganz ungünstig, so sieht man ja schonungslos alles!) und sagt: »Ich werde erst dein Gesicht analysieren, und dann kommen wir zum Schminken. Einverstanden?«

Juchuh, er duzt mich! Vielleicht werde ich wirklich seine Schminkmuse?

Ich nicke stumm, während Dieter (ich duze selbstbewusst zurück!) mein Gesicht mit den Händen umfasst.

»Aha«, sagt er bedeutungsschwer. »Da sehe ich schon die ersten Fehler.«

Fehler? Habe ich das richtig gehört? Meinem Gesicht kann man ja viel unterstellen, aber grobe Fehler wie zum Beispiel drei Nasen habe selbst ich nicht. Bevor ich Einspruch erheben kann, klärt Dieter mich auf.

»Die Augenbrauen sind nicht symmetrisch, die Nase ist etwas schief, die Augen liegen ein wenig zu tief und die Lippen könnten voller sein.«

Also, wenn mich das nicht in eine jahrelange Psychotherapie treibt, weiß ich auch nicht weiter. Ich schlucke hörbar, doch Dieter sagt: »Alles kein Problem, kann man wunderbar kaschieren. Und außerdem sehe ich noch etwas ganz anderes in deinem Gesicht.«

Er lächelt und starrt in den Spiegel. Ich starre zurück. Was um Himmels willen sieht er? Ich fühle mich wie im Jahr 2002 in Istanbul. Zusammen mit Pia hatte ich im Urlaub eine Kaffeesatzleserin in einem mehr oder auch eher weniger vertrauenswürdigen Hinterzimmer eines Cafés aufgesucht. Nachdem sie etwa eine halbe Stunde stumm in meinen Kaffeesatz geguckt hatte, sagte sie schließlich in gebrochenem Deutsch: »Ich sehen großen, schönen Mann.« Gut, die Wahrscheinlichkeit, dass sie »Ich sehen kleinen, hässlichen Mann« gesagt hätte, ist im Nachhinein betrachtet eher gering, doch in dem Moment war ich sehr froh über diese fünf Worte und legte dankbar Unmengen türkische Lira auf den Tisch.

Dieter und ich starren weiter in den Spiegel.

»Nun sag schon«, platzt es schließlich aus mir heraus. »Was siehst du?«

»Du hast richtig schöne slawische Wangenknochen. Die sind gerade auf den Laufstegen total en vogue. Hast du Vorfahren in Osteuropa?«

Mit Komplimenten tue ich mich für gewöhnlich schwer. Entweder sie sind zu platt, um wahr zu sein (als mein Ex-Freund Stefan einmal sagte, dass in meinen Augen die Sterne leuchten, wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte), oder aber sie klingen zwar im ersten Moment gut, entpuppen sich dann bei näherer Betrachtung aber als Mogelpackung (meine Nachbarin meinte neulich zu mir, dass mir die zusätzlichen Pfunde viel besser stehen würden).

Und nun das: slawische Wangenknochen. So etwas Schönes hat noch nie jemand zu mir gesagt. Ich muss an dünne, russische Models denken, die mit makelloser Haut und knochigen Schultern in die Kamera blicken. Gut, ich sehe nicht wirklich so aus wie sie, aber zumindest habe ich ihre Wangenknochen!

Während ich noch darüber nachdenke, was ich bloß ohne meine Wangenknochen machen würde, legt Dieter los. Er deckt mit einem Concealer Rötungen ab, trägt eine Grundierung auf, zupft die Augenbrauen (aua), umrandet die Lippen und füllt sie dann mit viel Farbe aus (ich sehe aus wie Angelina Jolie für Arme!), malt einen – ich zitiere – »Hauch von Apricot auf die Wangen, das geht immer«, zieht gekonnt einen Strich aufs Augenlid und tuscht dann gefühlte zehn Minuten meine Wimpern. Während er immer wieder in seinen Koffer greift und sich meinem Gesicht zuwendet (ich schreibe fleißig alles auf, das ganze Prozedere will ich ja schließlich von nun an jeden Tag wiederholen), erzählt er mir von seinen prominenten Kunden. Tom Cruise sei wahnsinnig nett, aber sehr still gewesen, als er ihn geschminkt habe. Madonna dagegen sei so aufgedreht gewesen und hätte die ganze Zeit gequatscht, dass es Dieter schon total nervös gemacht habe. »Ich meine«, sagt er und sieht mich an, »wie will man da konzentriert arbeiten? Ich dachte die ganze Zeit: Madonna, reiß dich zusammen.«

Wahnsinn, jetzt soll ich das Verhalten von Madonna beurteilen! Ich möchte kurz aufschreien, reiße mich dann aber zusammen und sage ernst: »Das hätte mich auch aus dem Konzept gebracht.« Gloria Gaynor, erzählt Dieter beiläufig weiter, habe wahnsinnige Hautprobleme, und Will Smith sei lustig und habe tolle Wimpern. »Die solltest du sehen, Hannah.«

Nach etwa einer Stunde dreht Dieter die letzte Tube zu und sagt: »Fertig, meine Liebe.«

Ich sehe in den Spiegel. Ich muss an Benjamin Blümchen denken, der auf jeder Kassette am Anfang ganz erstaunt singt: »Das bin ja ich, Benjamin Blümchen.« Schon als Kind habe ich mich gefragt, warum er so verwundert ist, weil er doch weiß, dass er Benjamin Blümchen ist. Aber jetzt, 25Jahre nach dem großen Rätsel meiner Kindheit, weiß ich, wie man sich fühlt, wenn man sich im Spiegel sieht, sich erst nicht wiedererkennt – und dann am liebsten rufen möchte: »Das bin ja ich, Hannah Jensen!« Ich muss wirklich zwei Mal hinsehen. Ich sehe überhaupt nicht angemalt aus, sondern einfach nur frisch. Und prall. Und dynamisch. Und jung. Dieter Bonnstädter ist wirklich ein Schminkgott. Ich muss mich irgendwie mit ihm anfreunden. Eigentlich haben wir uns doch ganz gut verstanden.

»Wahnsinn«, bringe ich nach einer Weile Schweigen heraus.

»Ich finde auch: akzeptabel.« Er lacht. Akzeptabel? Ich finde, mit gutem Willen sehe ich aus wie ein C-Promi.

Bevor ich mich von Gott-Dieter verabschiede, muss ich ihm noch eine Frage stellen. Wie ich gelesen habe, hat er auch schon öfter Claudia Schiffer geschminkt. Man kann ja sagen, was man will (ich für meinen Teil rede mir immer ein, dass sie unwahrscheinlich langweilig sein muss), aber sie sieht nun einmal wirklich bombastisch aus.

»Sag mal, Dieter. Ist Claudia Schiffer auch immer so erstaunt wie ich, wenn du sie geschminkt hast? Ich meine, sieht Claudia Schiffer, wenn sie morgens aufwacht, aus wie Claudia Schiffer?« Ohgottohgottohgott. Natürlich sieht Claudia Schiffer aus wie Claudia Schiffer. Manchmal habe ich – wie ich finde – sehr schlaue Gedanken im Kopf, und dann kommen, nun, sagen wir, nicht ganz so schlaue Dinge aus meinem Mund. Doch zum Glück weiß Dieter, was ich meine.

»Hannah, lass dir eins gesagt sein. All die Frauen da draußen haben Pickel und Augenringe. Auch Claudia Schiffer.«

Zwei

Und plötzlich war ich zehn Zentimeter größer

Ich schwöre: Ich habe heute Morgen alles genauso gemacht wie Dieter Bonnstädter, aber irgendwie sehe ich anders aus. Als ich mich gerade zufällig im Flurspiegel gesehen habe, bin ich richtig zusammengezuckt. Irgendwie habe ich ziemlich viele Farben im Gesicht, und das Wort »bemalt« kommt mir in den Sinn. Ich starre mein Spiegelbild an. Mmh, dieses Rouge sah bei Dieter irgendwie subtiler aus. Traumfrau oder Clown – irgendwas dazwischen wird es sein.

Ach was, ich darf nicht immer so negativ denken. Wahrscheinlich wird sich bald ohnehin eine Art Automatismus einstellen und meine Hände werden wie von selbst über mein Gesicht gleiten und Dieters Werk Tag für Tag wieder hervorzaubern. Das ist wie Zähneputzen. Ich meine, als Zweijährige konnte man sich doch nicht vorstellen, dass man das irgendwann mal alleine kann. So ist das sicher auch mit dem Schminken. Dieter hat mein Unterbewusstsein programmiert, und bald werde ich dieses Wissen ohne Probleme umsetzen können. Es ist ohnehin ganz natürlich, dass man am Anfang ein wenig über das Ziel hinausschießt, weil man alles richtig machen will. Also: weiter im Programm! Außerdem muss ich dauernd an meine slawischen Wangenknochen denken. Ein schöneres Kompliment hätte er mir wirklich nicht machen können. Wangenknochen sind ja schließlich für die Ewigkeit, die kann mir keiner nehmen. Stellen Sie sich mal vor, er hätte mir gutes Bindegewebe attestiert. Na, das ist doch ein Naturgesetz, dass es mit den Jahren mehr und mehr erschlafft. Aber so ein Knochen – das sagt ja der Name schon. Knochos – für immer, oder so ähnlich. Slawische Wangenknochen sind dann so etwas wie ein »Jodeldiplom«. Da hat man was Eigenes!

Ich krame den Plan der Pläne aus der Nachttischschublade hervor und mache selbstbewusst einen Haken hinter »Ebenmäßiger Teint«. Herrlich, besser hätte der Anfang doch gar nicht laufen können. Und nun: Die perfekt geschminkte Hannah Jensen mit den slawischen Wangenknochen lernt, wie eine Elfe auf elf Zentimeter hohen High Heels zu schweben und dabei lachend den Kopf in den Nacken zu werfen.

Gut, das mit dem Kopf habe ich mir jetzt ausgedacht, aber der Rest stimmt: Am Wochenende, also in drei Tagen, besuche ich einen High-Heel-Kurs in Berlin, und mein Leben wird auf eine andere Ebene gehoben. Hihi, das klingt gut. Zugegeben, es sind nur ein paar Zentimeter, aber ich glaube wirklich, dass diese Zentimeter den entscheidenden Unterschied bringen.

1. Ich bin größer. Auch wenn das ziemlich banal klingt. Aber stellen Sie sich mal auf Zehenspitzen, da bekommt man doch gleich eine viel grazilere Haltung!

2. Jede eigentlich noch so unsportliche Wade sieht in einem High Heel plötzlich sportlich aus.

3. Bei High Heels ist es egal, was obenrum noch kommt. Auch Jogginghosen werden plötzlich gesellschaftsfähig, wenn man sie zu High Heels kombiniert.

Als Pia und ich meinen Metamorphosenplan erstellt haben, war ziemlich schnell klar, dass ich endlich lernen muss, auf hohen Schuhen zu gehen. Denn das, um es mal euphemistisch auszudrücken, kann ich nicht ganz so gut.

Es muss ebenfalls im Sommer 1996 gewesen sein, nur ein paar Wochen nachdem Annika, Steffi und Simone geschminkt zur Schule gekommen waren. Ich hatte mich von dem Schock, dass a) sich die drei über Nacht von nichtssagenden nordfriesischen Teenagern in amerikanische High-School-Schönheiten verwandelt hatten und b) ich beim Versuch, es ihnen gleichzutun, wie die Vorsitzende der deutschen Karnevalsgesellschaft ausgesehen hatte, immer noch nicht erholt, als der Geburtstag von Katrin Ketelsen noch einen draufsetzte. Nicht nur, dass wir zum ersten Mal zu einer »Party« statt zu einem »Geburtstag« eingeladen waren. Nicht nur, dass wir plötzlich zu »Mr.Vain« von Culture Beat tanzten, anstatt, wie im letzten Jahr, Topfschlagen zu spielen. Nein, all das wäre gar nicht weiter beunruhigend gewesen. Es kam zwar alles ein wenig plötzlich, doch so ist eben der Lauf der Zeit. Eine Sache allerdings irritierte mich wirklich: Sechs von neun eingeladenen Mädchen hatten hohe Schuhe an! Pia, ich und die dicke Sonja Maibach waren die Einzigen, die Turnschuhe trugen. Turnschuhe, die wir immer anhatten. Turnschuhe, die Annika, Simone und Steffi auch immer anhatten. Eigentlich. Wir drei starrten den gesamten Nachmittag mehr oder weniger unverhohlen die anderen an und wurden den Verdacht nicht los, dass wir gerade Zeuge, aber nicht Teil einer neuen Lebensphase geworden waren. Nie werde ich das Bild vergessen, als Katrin Ketelsen auf ihren hohen Schuhen in die Küche stakste und uns dabei zurief: »So, ihr Lieben, ich werde dann mal die Schnittchen holen.« Es kam mir vor wie bei der »Mini Playback Show« mit Marijke Amado. »Eben noch im Kinderzimmer, heute als Pseudo-Erwachsener auf unserer Showbühne.«

Bis heute sind High Heels und Hannah Jensen (Himmel, fast hätten wir auch noch die gleichen Initialen gehabt, das fällt mir ja jetzt erst auf) nicht richtig Freunde geworden. Seit dem Geburtstag von Katrin Ketelsen habe ich zwar ein paar zaghafte Annäherungsversuche unternommen, doch entweder taten mir nach kurzer Zeit die Füße dermaßen weh, dass ich mich wie eine Geisha fühlte, deren Zehen abgebunden worden waren. Oder aber ich gab der Redewendung »Wie ein Storch im Salat« eine ganz neue Dimension.

Mein letztes High-Heel-Trauma erlitt ich letztes Jahr auf dem Presseball in Berlin. Es war das gesellschaftliche Ereignis schlechthin und sollte meiner journalistischen Karriere, die, na ja, ähm, sich noch nicht so ganz entfalten konnte in den letzten Jahren, den letzten Schliff verleihen.4

Ich freute mich bereits Monate vorher auf diesen Ball, sah mich schon neben Angela Merkel am Buffet stehen und morgens um vier betrunken mit Christian Lindner und Peer Steinbrück »Das ist Wahnsinn« von Wolfgang Petry grölen. (So abwegig war das gar nicht, ich habe schon die dollsten Geschichten vom Presseball gehört!)