Frei sein, wo immer du bist - Thich Nhat Hanh - E-Book + Hörbuch
Beschreibung

Wie wir in jeder Lebenssituation - unabhängig von unseren äußeren Umständen - unsere Freiheit bewahren können, ist Thema dieses kleinen, sehr persönlich gehaltenen Buches. Es basiert auf einem Vortrag, den Thich Nhat Hanh vor Insassen eines amerikanischen Gefängnisses gehalten hat. Darin zeigt er, dass Achtsamkeit für das, was wir fühlen und denken, für unser Handeln und für unsere Umgebung , die zentrale Grundlage unserer (inneren) Freiheit ist. Eine Freiheit, die wiederum die Voraussetzung für Glück und menschliche Würde ist. Thich Nhat Hanh wendet sich hier an ein Auditorium, das spirituell in keiner Weise vorbelastet ist. Von daher sind seine Ausführungen zum achtsamen Leben sehr anschaulich. Thich Nhat Hanh, einer der bedeutendsten buddhistischen Lehrer der Gegenwart, zeigt, wie wir mit dem Leben im gegenwärtigen Moment tiefer in Berührung kommen und dadurch Freiheit und Glück verwirklichen können - wo immer wir sind.

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Frei sein, wo immer du bist

Thich Nhat Hanh

Frei sein, wo immer du bist

Aus dem Englischenvon Michael Wingender

Der vietnamesische Zen-Meister Thich Nhat Hanh zählt als Meditationslehrer, Dichter und dezidierter Vertreter einer sozial engagierten Spiritualität zu den bedeutensten buddhistischen Persönlichkeiten der Gegenwart. Weltweit hoch geschätzt wird sein unermüdliches Eintreten für Frieden, Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit. Seine besondere Gabe, Menschen des Westens die Lehren des Buddha nahe zu bringen, hat ihn weit über buddhistische Kreise hinaus bekannt gemacht. Thich Nhat Hanh lebt seit vielen Jahren im Exil in Frankreich in der von ihm gegründeten spirituellen Gemeinschaft Plum Village. Er ist Autor zahlreicher Bücher, die weltweit in viele Sprachen übersetzt sind.

Inhalt

Vorwort

Einführung von Schwester Chan Khong

Die befreiende Energie

Freiheit kultivieren

Die Wunder berühren

Wir sind ein Wunder

Freiheit ist jetzt möglich

Gehen als ein freier Mensch

Wundervoller Augenblick

Lächeln als Übung

Dankbarkeit befreit von Leiden

Mitgefühl als befreiende Kraft

Verstehen ermöglicht Mitgefühl

Die Kunst, einem Sturm standzuhalten

Unseren Gewohnheitsenergien zulächeln

Fragen und Antworten

Anhang: Wunderbare Augenblicke – Empfehlungen für einen guten Tag

Vorwort

Der Titel dieses kleinen Buches – »Frei sein, wo immer du bist« – deutet bereits an, worum es Thich Nhat Hanh hier im Wesentlichen geht: um das Thema Freiheit, um die Möglichkeiten und die Schwierigkeiten, wirklich frei zu sein, frei zu leben. Die Wahl des Themas ist nahe liegend, aber auch herausfordernd, basiert der Text doch auf einem Vortrag, den Thich Nhat Hanh in einem Gefängnis gehalten hat, vor Menschen, die nach gängiger Definition nicht »in Freiheit« sind, die Gefangene sind, weggesperrt hinter Gittern, isoliert vom Rest der Gesellschaft. Um welche Freiheit kann es da gehen, wenn die Gefängnismauern viele Freiheiten, die den meisten Menschen »draußen« selbstverständlich sind, beschneiden? Doch leben all jene Menschen, die »in Freiheit sind« tatsächlich in Freiheit? Oder ist Freiheit letztlich etwas ganz anderes – eine innere Haltung, eine Weise des Handelns, Denkens und Fühlens, unabhängig von äußeren Bedingungen?

Thich Nhat Hanh geht es in seinen Ausführungen um genau diese innere Haltung, diese Art von Freiheit. Kaum jemand von uns verfügt ohne weiteres über sie, und sie wird uns auch, so Thich Nhat Hanh, von niemandem geschenkt: Wir müssen sie selbst entwickeln und lebendig erhalten. Ein zentrales Mittel, dies zu tun, ist die Achtsamkeit; Achtsamkeit für unser alltägliches Handeln, Denken und Fühlen. Achtsamkeit ist eine ganz wesentliche Voraussetzung für Freiheit, denn nur wenn wir merken, was in uns und um uns herum geschieht, haben wir eine Chance zu wählen und uns von dem zu befreien, was uns schadet, unseren Geist und Körper vergiftet, und das zu fördern, was uns gut tut und inspiriert. Freiheit ist, sagt Thich Nhat Hanh, auch Freiheit von Angst, Bitterkeit und Wut. Diese Freiheit ist möglich, so seine Botschaft, mit jedem Schritt, mit jedem Atemzug, in allem, was wir tun. Und diese Freiheit ist es, die uns ein Leben in Würde und Menschlichkeit ermöglicht, ganz unabhängig von den äußeren Bedingungen, unter denen sich unser Leben entfaltet. Das bedeutet nicht, dass Thich Nhat Hanh dafür plädiert, Ungerechtigkeiten oder Bedingungen, die menschliches Leid zur Folge haben, einfach zu akzeptieren. Sein eigenes Leben – sein großes Engagement für Frieden und Menschenrechte – beweist, dass es immer auch um entschiedenes Handeln geht, um ein Handeln, das aus Achtsamkeit, Klarheit und Mitgefühl erwächst – und damit aus Freiheit.

In diesem kleinen Buch zeigt Thich Nhat Hanh, wie wir Achtsamkeit und damit Freiheit und Glück im Alltagsleben entwickeln und verwirklichen können. »Wunderbare Augenblicke – Empfehlungen für einen guten Tag«, ein Text, der eigens in die deutschsprachige Ausgabe aufgenommen wurde, enthält darüber hinaus zahlreiche konkrete Anregungen, wie durch Achtsamkeit ein ganz normaler Tag vom morgendlichen Erwachen bis zum Schlafengehen zu einem guten Tag werden kann. Das größte Wunder ist, so betont Thich Nhat Hanh immer wieder, dass wir lebendig sind. Wir können uns dieses Wunders immer bewusster werden, es genießen und wertschätzen lernen, ganz gleich, wie unsere jeweiligen Lebensumstände sein mögen – diese zutiefst Mut machende Botschaft durchdringt jede Zeile dieses inspirierenden Buches.

Ursula RichardBerlin, August 2002

Einführung

Ich begleitete Thay Thich Nhat Hanh, gemeinsam mit Pitam Singh, Bruder William und vielen weiteren Freunden, bei seinem Besuch in der Maryland Strafanstalt bei Hagerstown (Ortschaft im U.S.-BundesstaatMaryland – Anm. des Übersetzers). Um zu den mehr als hundert Insassen zu gelangen, die in der Gefängniskapelle auf uns warteten, mussten wir erst sechzehn Kontrollpunkte (»checkpoints«) passieren.

An einer dieser Durchgangssperren beschlagnahmte ein Sicherheitsbeamter den kleinen Kassettenrekorder, den ich eigens mitgebracht hatte, um Thays Vortrag aufzunehmen. Entschieden protestierte ich gegen dieses Vorgehen. Ich erklärte dem Beamten, unser Lehrer sei bereits sehr alt und wünsche sich, dass möglichst alle seiner Dharma-Vorträge erhalten blieben. Es dauerte etwa eine halbe Stunde, bis er mir den Rekorder wieder aushändigte und wir weitergehen konnten. Später stellte sich heraus, dass der Rekorder, den die Anstalt für diesen Zweck zur Verfügung gestellt hatte, nicht funktionsfähig war. Es ist also letztlich diesem kleinen Kassettenrekorder zu verdanken, dass Thays Worte nun auch in gedruckter Form vorliegen.

In seinem Vortrag erläuterte Thay unter anderem, wie wir achtsam essen und dabei den gegenwärtigen Augenblick genießen können. Als wir dann Mittags gemeinsam zu Tisch saßen, war ich zunächst sehr irritiert darüber, dass unsere Freunde im Gefängnis, obwohl sie doch eben erst Thays Worte gehört hatten, ihr Essen überaus hastig hinunterschlangen. Ihre Gewohnheitsenergie war offenbar sehr stark. Als wir eben erst damit fertig geworden waren, Thays Mittagessen anzurichten, waren die meisten von ihnen schon mit ihrer ganzen Mahlzeit fertig! In mir kam die Befürchtung auf, sie hätten Thays Belehrung über achtsames Essen nicht verstanden. Als dann aber schließlich auch wir zu essen anfingen, schauten die Gefangenen uns zunehmend aufmerksam zu, wie wir unsere Mahlzeit in Ruhe und Achtsamkeit genossen. Sie konnten die Freude und Achtsamkeit sehen, mit der Thay jeden einzelnen Bissen zu sich nahm, ebenso wie die freundlichen Blicke, die wir ihnen hin und wieder schenkten. Meine Hoffnung wuchs, dass die eindrückliche Weise, in der Thay seine Lehre während des Essens verkörperte, sie ermutigen würde, zukünftig ebenfalls in größerer Achtsamkeit zu essen.

Später an diesem Tag sprach mich ein Insasse an, der bereits dreißig Jahre in Gefangenschaft verbracht hatte, und fragte, was er tun könne, um Frieden und Glück in die Welt zu bringen. In seinem Blick lag große Aufrichtigkeit, und mit einem Lächeln antwortete ich: »Eins der größten Geschenke, die Sie den Menschen in Ihrer Umgebung anbieten können, ist Ihre Weise, einfach da zu sein. Sie brauchen kein Geld in der Tasche zu haben oder erst den Tag Ihrer Entlassung abzuwarten, um etwas für die Welt zu tun. Wenn Sie täglich üben, friedlich im gegenwärtigen Moment zu verweilen und, was auch immer Sie tun, mit Achtsamkeit auszuführen, werden Sie eine Atmosphäre des Friedens um sich verbreiten, die auch die Menschen in Ihrer Umgebung inspirieren wird.

Vielleicht gibt es einen Mitgefangenen oder einen Wärter, der in sehr aggressiver Weise mit Ihnen umgeht. Wenn Sie diesen Menschen mit Mitgefühl anschauen – mit Freundlichkeit und Liebe – und ihm ein sanftes Lächeln schenken, empfängt er etwas sehr Kostbares von Ihnen. Wenn Sie den tiefen Schmerz derer verstehen, die Ihnen Leid zufügen, und dann einfach innerlich loslassen, wird, in der Gegenwart von Mitgefühl, auf natürliche Weise Vergebung erwachsen. Falls notwendig, können Sie auch Ihre Entschlossenheit und Stärke zeigen, doch sollten Sie niemals Ihre Freundlichkeit oder Ihre Schönheit verlieren.«

Da ich wusste, dass dies, ohne die Unterstützung einer Gemeinschaft, einer Sangha, nicht leicht für ihn sein würde, schlug ich ihm vor: »Könnten Sie nicht hier drinnen eine kleine Sangha aufbauen? Als Anfang könnten Sie sich mit zwei oder drei Freunden verabreden, um gemeinsam über die Übungspraxis zu sprechen, die Thay heute gelehrt hat. Vielleicht können Sie sich ja während der freien Zeit treffen, die Ihnen für religiöse Andacht zur Verfügung steht?« Während er mir zuhörte, hatten die Augen meines Freundes zu leuchten begonnen, und schließlich sagte er: »Wahrscheinlich wird es nicht so einfach sein, wie es jetzt klingt. Ich glaube aber, dass es möglich ist.«

Den ganzen Tag über zeigten die Gefangenen großes Interesse an Thays Vortrag und stellten viele Fragen. Ich bin sicher, dass diese Worte, diese Erklärungen und Antworten an die Gefangenen, gleichermaßen lehrreich und gleichermaßen hilfreich für uns alle sein können – ob wir uns nun innerhalb oder außerhalb der Gefängnismauern befinden.

Schwester Chan Khong3. März, 2002

Liebe Freunde, das folgende Gedicht schrieb ich während des Krieges in Vietnam. Zuvor war die Stadt Ben Tre von der amerikanischen Luftwaffe bombardiert worden. Ben Tre ist die Heimatstadt meiner Mitarbeiterin, Schwester Chan Khong. Die amerikanischen Streitkräfte zerstörten die Stadt vollständig, weil sich dort fünf oder sechs Guerillakämpfer aufhielten. Später dann gab ein Kommandant die Erklärung ab, dass er Ben Tre hatte bombardieren und zerstören müssen, um die Stadt vor dem Kommunismus zu retten. Dieses Gedicht handelt von Wut.

Ich halte mein Gesicht in beiden Händen.

Nein, ich weine nicht.

Ich halte mein Gesicht in beiden Händen,

um die Einsamkeit warm zu halten –

zwei Hände, die beschützen,

zwei Hände, die nähren,

zwei Hände, die mich davor bewahren,

dass meine Seele mich

in Wut verlässt.