Freibadfliesenblau - Matti Laaksonen - E-Book

Freibadfliesenblau E-Book

Matti Laaksonen

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Beschreibung

»Keine Ahnung, du wirkst eher wie so ein ... Punto-Typ.« »Ein Punto-Typ?« »Ja, weißt schon. Ein kleines Auto, sieht irgendwie süß aus, mit diesen großen Kulleraugen. Aber eben nichts Aufregendes.« Henning kann es nicht fassen. Er soll die ganzen Sommerferien über in seinem Zimmer hocken und fürs Abi lernen? Nicht mit ihm. In einer kopflosen Aktion trampt er von Berlin bis zur Ostsee. Wenigstens für ein paar Tage will er dem Druck seiner strengen Eltern entgehen, abschalten und alles um sich herum vergessen. John erfüllt sich nach dem bestandenen Abitur einen langgehegten Traum. Mit seinem ausgebauten VW-Bus ist er zu einem Roadtrip durch Skandinavien unterwegs. Es soll sein Abenteuer werden, doch über dem Vorhaben schwebt die Trauer um seine früh verstorbene Mutter. Als sich die beiden begegnen, ändern sich ihre Pläne rasant und es beginnt eine chaotische Reise zu zweit, vorbei an finnischen Seen, durch lichte Wälder und kleine Städte. Zwischen pinkem Flokati und Einhörnern kommen sich die beiden näher, doch ihre gemeinsame Zeit hat ein Ablaufdatum: das Ende der Sommerferien. Ein sommerlicher Roadtrip durch Finnland. Enthält Einhörner, tiefe Gespräche, lustige Begegnungen und Lakritz.

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Freibadfliesenblau

ImpressumContent Notes:12345678910111213141516171819202122232425262728293031323334353637KARTEDANKEImpressum

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.dnb.de abrufbar.

© 2021 Matti Laaksonen

Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand, Norderstedt

[email protected]

Lektorat: Lorna Bill

Korrektur: Lorna Bill & Kerstin Neubauer-Krause

ISBN: 9783753496641

Alle Rechte vorbehalten. Die Handlung und Personen in diesem Buch sind frei erfunden. Ähnlichkeiten zu realen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Illustration Kapitel 29: miss_mos_art auf Instagram

Covergestaltung unter Verwendung folgender Bilder:

Darumo Shop auf creativemarket.com

clker-free-vector_pixabay auf pixabay.com

OpenClipart-Vectors auf pixabay.com

Ruth Currie auf pexels.com

Content Notes:

In diesem Buch werden folgende Themen angesprochen und behandelt:

- Tod naher Angehöriger
- Trauerbewältigung

1

»Ihr könnt mich mal!«, brüllte ich und warf die Zimmertür hinter mir ins Schloss, dass das Holz nur so schlackerte. Es war schon wieder passiert. Meine Alten waren nicht zufrieden mit meinen Leistungen. Ich mühte mich in der Schule ab, ging regelmäßig zur Nachhilfe, besuchte ihre Benefizveranstaltungen und vernachlässigte dafür nicht nur Freunde und Hobbys, sondern auch meine Gefühle. Trotzdem war es noch immer nicht genug!

Mir reichte es. Mein Zeugnis war mit einem Schnitt von 9,5 Punkten gut. Okay, 1,3 Punkte schlechter als das Halbjahreszeugnis, aber verdammt, ich war damit zufrieden. Nach allem, was passiert war, war das doch nachvollziehbar. Das Abi stand eh erst im nächsten Schuljahr an, da durfte ich mir sowas ja wohl noch erlauben. Ich hatte sowieso nicht vor, Jura zu studieren oder was auch immer sie sich für mich ausgemalt hatten. Wieso flippten die da so aus?

Ich hatte Sommerferien und die wollte ich auch nutzen. Endlich Zeit, um nach der Sache mit Tobias wieder richtig klarzukommen. Das hatte ich echt dringend nötig, schließlich waren das die ersten großen Ferien ohne ihn, da würde ich bestimmt nicht lernen. Nicht mal auf meine Freunde hatte ich Bock.

»So redest du nicht mit uns, Freundchen!« Mein Vater stand auf einmal im Zimmer und ich schwöre, in diesem Moment rauchte es ihm aus der Nase wie bei einer Comicfigur. Sein Kopf war hochrot und auf der hohen Stirn trat eine Ader hervor. Er war sauer. So richtig.

Er überbrückte den kurzen Abstand zwischen uns und packte mich grob an den Schultern. »Deine Mutter und ich geben uns alle Mühe, dass du eine gute Schulbildung erfährst und es dir an nichts mangelt«, fauchte er mir ins Gesicht und schüttelte mich bei jedem einzelnen Wort. »Und so dankst du es uns?«

»Ich habe euch erstens nie darum gebeten. Und zweitens tust du mir weh!« Ich griff nach seinen Schraubstockhänden und versuchte, sie von mir zu lösen.

»Du wirst uns dafür später sehr dankbar sein! Wenn du einen gutbezahlten Job hast und deine Frau und Kinder ernähren kannst!«

Ich biss die Zähne zusammen. ›Frau und Kinder ernähren.‹ Sie lebten echt noch in den Sechzigern. Konnte mein Vater ja nicht wissen, dass ich ganz andere Pläne für meine Zukunft hatte. Weder eine Frau noch Haus und Kinder waren darauf zu finden und an einem ›gutbezahlten Job‹ hatte ich auch kein Interesse. Aber meinen Eltern zu sagen, dass ich lieber ans Theater wollte und auf Männer stand? Das wäre einem Selbstmordkommando gleichgekommen. Jedenfalls stellte ich es mir so vor.

»Ist ja gut«, maulte ich und endlich ließ mich mein Vater los.

»Du hast Hausarrest! Die ganzen Sommerferien. Du wirst lernen, bis du im Schlaf jede Aufgabe lösen kannst, die ich dir stelle!« Damit hatte er mir schon mehrmals gedroht, aber so wie er mich anfunkelte, wusste ich, dass er es dieses Mal ernst meinte. Scheiße!

Er stapfte aus meinem Zimmer und zog die Tür kraftvoll hinter sich zu. Die Bilder an der Wand wackelten. Eines löste sich und fiel scheppernd zu Boden.

Ich seufzte und hob es auf. Das Glas war gesprungen. Ich wischte über den staubigen Rahmen und betrachtete das Foto darin. Es zeigte mich und Tobias, meinen besten Freund, Arm in Arm an der Halfpipe. Seine hellbraunen Augen strahlten und bildeten irgendwie den Mittelpunkt des Bildes. Die gekräuselten Haare quollen aus seiner Cap heraus wie eine blonde Clownsperücke und ich wusste noch, dass sie mich am Hals gekitzelt hatten. Er hatte zum ersten Mal denFrontside Tail Stallin der kleinen Rampe geschafft und sein Grinsen zeigte mir, wie stolz er darauf gewesen war. Genauso wie ich, schließlich hatte er diesen und andere Tricks von mir gelernt.

Zusammen im Skatepark zu sein, vermisste ich wie so vieles. Ich schluckte und hängte das Bild wieder zurück an die Stelle, an der eine deutliche Lücke klaffte. Die Sonne hatte ganze Arbeit geleistet und die Tapete drumherum ausgeblichen, sodass das Fehlen auffiel. Mit dem Sprung im Glas wirkte das Foto nun auch seltsam verschoben, wie eine alte Erinnerung, die allmählich verblasste.

Ich riss mich von dem Anblick los und warf mich auf die harte Matratze. Das war’s also mit den Sommerferien. Ich müsste hier rumgammeln, lernen und mich von meinen Alten anmotzen lassen. Das konnte echt nicht angehen. Ich brauchte dringend einen Plan.

2

Ich verstaute meine Sachen ordentlich im Wanderrucksack und checkte zum tausendsten Mal die Liste. Frische Unterwäsche, Socken, Anti-Mücken-Spray, Schlafsack. Wo war der Schlafsack nur hingekommen?

Kopfüber kämpfte ich mich durch den Kleiderschrank und wühlte mich durch Berge aus Pullovern und Hosen. Wer hatte die bloß alle gekauft? Ich konnte mich nicht daran erinnern, sie jemals in der Hand gehabt, geschweige denn getragen zu haben.

»Du willst das echt durchziehen?«, hörte ich die Stimme hinter mir, gefolgt von einem Knall.

Ich fuhr zusammen und drehte mich um. Ich hatte ganz vergessen, dass ich nicht allein war. Meine beste Freundin Nathalie saß auf meinem Bett und kaute auf einem Kaugummi herum. Sie formte eine Blase, biss darauf und brachte sie wieder zum Platzen. Komisch. Als ich in Gedanken gewesen war, hatte sich das viel lauter angehört.

»Klar«, sagte ich abgelenkt und fand das Halloweenkostüm, das ich vor drei Jahren auf meiner ersten Party getragen hatte. Als ich das zerfledderte Kleid in den Händen haltend betrachtete, schmunzelte ich. Ich war definitiv die beste Hexe des ganzen Abends gewesen, auch wenn er unschön geendet hatte.

»Aber zwei Monate allein durch Skandinavien? Nichts für ungut, Spätzchen, aber du bist wirklich kein Überlebenskünstler. Du jammerst doch schon, wenn dein Papa mal nur das dreilagige Toilettenpapier gekauft hat.«

Ich schnaubte und verdrehte die Augen. »Ehrlich, du hast ein vollkommen falsches Bild von mir.«

»Ich verstehe es einfach nicht. Du könntest dir in der Zeit eine WG suchen, Partys besuchen, dir einen heißen Kerl angeln. Sowas eben.« Sie griff sich einen Pullover, den ich bei meiner Suche aus dem Schrank gewirbelt hatte, und faltete ihn auseinander. »Super-Einhorn?«

»Der war ein Geschenk.«

»Von deiner kleinen Schwester?«

»Japp.« Sie hatte ihn irgendwann mit Paps beim Einkaufen entdeckt und nicht lockergelassen, bis er ihn gekauft hatte. Lächelnd erinnerte ich mich an ihr glückliches Gesicht, als sie ihn mir mit den Worten »Ich hab ihn gesehen und musste an dich denken« überreicht hatte.

Nathalie lachte und warf mir den rosa Pullover zu. »Den solltest du definitiv einpacken, damit die heißen Schweden auch wissen, auf was sie da gestoßen sind, wenn du nackt und bärtig im Fluss badest.«

Ich rollte erneut mit den Augen. »Du bist echt ziemlich garstig.« Sie wusste ganz genau, dass ich mir weder einen fremden Kerl angeln noch nackt in einen Fluss springen würde. Und von meinen Reiseplänen wusste sie schon, seit ich ihr Manfred das erste Mal gezeigt hatte. Und seitdem versuchte sie, es mir auszureden.

Sie stand auf und gab mir einen Kuss auf die Wange. »Ich liebe dich und mache mir nur Sorgen um dich.«

Ich verzog das Gesicht. Sie roch nach diesem pinken Kaugummi, irgendwie süß und klebrig, wie Zuckerwatte.

»Außerdem wird es ziemlich langweilig in den nächsten Wochen, wenn du weg bist. Mit wem gehe ich shoppen?«

»Du könntest meine Schwester fragen, sie wird dir sicher mit Rat und Tat zur Seite stehen.« Ich grinste sie an, während sie mir durch die Haare wuschelte und meine Frisur zerstörte.

»Spinner«, sagte sie liebevoll.

Meine kleine Schwester war gerade fünf geworden und klettete an mir. Sie war schon mehrfach mit uns zusammen in der Stadt gewesen, weil ich sie nicht allein zu Hause lassen konnte, wenn ich sie aus der Kita abholte. Auch ein Grund, aus dem ich einfach mal wegwollte. Ich liebte sie und Paps, aber das vergangene Jahr war wirklich anstrengend gewesen. Mit dem ganzen Schulkram, der Hausarbeit und dem Babysitting.

Jetzt war genau der richtige Zeitpunkt dafür: das Abitur in der Tasche, einen Studienplatz in der Nähe sicher und ein kleines Sümmchen hart erspartes Geld auf dem Konto.

Eigentlich hatte ich diese Reise mit meinen Eltern machen wollen. Sie waren große Skandinavien-Fans und hatten Interessen, die sich super mit dem hohen Norden hätten vereinbaren lassen: Ornithologie, Astronomie, Fotografie und, nicht zu vergessen, die Liebe zur Natur. Sie hatten immer davon geträumt, sich eine längere Auszeit zu nehmen und mit einem Reisemobil durch Nordeuropa zu touren. Mich hatten sie mit ihrem Fieber angesteckt. Schon seit ich acht war, legte ich dafür jeden Euro zur Seite. Schlussendlich war es aber nicht dazu gekommen und das würde es auch nie. Nicht zusammen mit meinen Eltern jedenfalls.

Dennoch wollte ich an der Reise festhalten. Die hatte ich mir sowas von verdient, nachdem ich die letzten Jahre so viel dafür gearbeitet und auf einige Dinge verzichtet hatte. Ma wäre stolz auf mich und hätte mich ebenso dazu ermutigt. Das tat Paps auch, wobei es für ihn sicher schwieriger war, mich für diese Zeit gehen zu lassen.

Das meiste Geld hatte ich in einen alten T4 aus dem Jahr 1998 gesteckt, den ich in den letzten Monaten gemeinsam mit Paps zu einem ausgewachsenen Reisemobil hergerichtet hatte. Es befand sich alles Wichtige darin: ein Bett, ein kleiner Küchenaufbau mit Kühlschrank und Gasherd, wir hatten eine Standheizung nachgerüstet und sogar eine Porta-Potti für den Notfall eingebaut. Ein Camper, wie er im Buche stand und nun mein ganzer Stolz.

Nathalie drehte eine braune Strähne auf ihrem Finger auf und sah mir zu, wie ich mit einem triumphierenden »Aha!« den Schlafsack aus dem Schrank fischte.

»Meinst du, dass du deinen Vater allein lassen kannst?«

Ich seufzte laut. Genau das war mein Schwachpunkt. »Du weißt, dass das emotionale Erpressung ist, was du hier gerade ausspielst.«

»Ich will einfach nicht, dass du gehst.«

Ich drückte ihr einen Kuss auf die Lippen. »Schätzchen, wir beide wissen, dass du mich spätestens nach zwei Tagen nicht mehr so sehr vermissen wirst. Besonders dann nicht mehr, wenn du auf der Abschlussfeier mit Max tanzt und deinen großen romantischen Moment hast.«

Ihre Wangen färbten sich rosa. »Nun ja …« Ich hatte es tatsächlich geschafft: Sie war sprachlos. »Ich verstehe aber immer noch nicht, dass du nicht bis nach der Abschlussfeier wartest.« Doch nicht.

»Ich mag diese Veranstaltungen nicht. Ich bin ehrlich froh, dass ich diese Menschen nie wiedersehen muss.« Damit meinte ich im Prinzip fast alle aus meiner Klasse. Sie hatten mir meine Schulzeit zur Hölle gemacht und ich war froh, dass endlich Schluss war.

Nathalie seufzte. »Du hättest auf meine mitkommen können.«

»Um mir anzusehen, wie du mit Max rumknutscht? Nein, danke.« Ich lachte auf. Nathalie ging auf eine andere Schule und war seit einem halben Jahr in Max verknallt. Sie war fast ausgeflippt, als er zugesagt hatte, an dem Abend mit ihr an einem Tisch zu sitzen und gemeinsam zu tanzen. Ich wünschte ihr, dass es mit ihm funktionierte, obwohl ich wusste, dass ich dann erst einmal abgeschrieben wäre. Das war auch okay. Aber umso mehr wollte ich diese Reise gerade jetzt machen. Abstand zu allem bekommen.

Nathalie schob ihren kurzen Jeansrock zurecht. Das Croptop endete knapp über dem Bauchnabel, in dem ein pinkes Piercing blitzte. »Ich werde dann mal gehen. Sehen wir uns noch?«

»Ich wollte morgen früh los. Ich fahre noch ein paar Tage durch Deutschland, bis es nach Travemünde zur Fähre geht.«

»Na gut.« Sie zog mich in eine feste Umarmung, dabei kitzelten ihre Haare mein Gesicht. »Ich wünsche dir alles Gute. Und pass bitte auf dich auf! Ich habe echt Horror davor, dass du beim Vogelbeobachten von einer Klippe fällst oder sowas.«

Ich verdrehte die Augen, zum gefühlt hundertsten Mal an diesem Tag. »Du denkst wirklich, dass ich ein Tollpatsch bin.«

Darauf ging sie gar nicht weiter ein. »Und ich verlange täglich Fotos und deinen Standort. Für den Fall, dass du plötzlich spurlos verschwindest.«

»Ist gut«, versprach ich.

Dann blickte ich seufzend auf das Chaos in meinem Zimmer und rieb mir den Kopf. Zeit, alles ins Auto zu räumen.

3

Ich hatte keinen Bock mehr auf diese ganze Scheiße. Ich wollte Spaß haben und mich nicht in meinem Zimmer einsperren lassen. Meine Alten hatten mir nichts mehr zu sagen, ich war verdammte achtzehn Jahre alt. Und die Ferien waren schließlich dafür da, sich zu erholen und nicht, um noch mehr zu büffeln.

Mein Plan stand fest. Am Abend packte ich meinen Rucksack und schaufelte eine Handvoll Klamotten hinein. Ich würde mich aus dem Staub machen und wenigstens die nächsten Tage genießen. Auch wenn ich noch nicht genau wusste, wo. Das würde sich schon ergeben, ich wollte mich einfach treiben lassen, ein kleines Abenteuer erleben. Das war nach den letzten Monaten dringend nötig. Vor meinem inneren Auge sah ich Tobi, der mir mit einem Daumen hoch signalisierte, dass alles cool war und ich machen sollte. Bestimmt wäre er sogar mitgekommen.

Ich schnappte mir mein Sparschwein und faltete die Scheinchen auseinander, die sich darin befanden. Ich hatte noch eine Menge Kohle vom letzten Geburtstag übrig. Das war das Gute daran, dass meine Eltern nie wussten, was sie mir schenken sollten, außer Geld. Ich hatte einen Haufen Erspartes. Wo wäre es besser angelegt als in meinen Urlaub? Oder sollte ich es eher »meine Flucht« nennen?

Um Mitternacht ging es los. Das Haus lag still und meine Alten schliefen schon. Mein Smartphone ließ ich auf dem Nachttisch liegen. Das war doch das Erste, was jeder aus Krimis lernte. Sie sollten mich nicht per Handyortung finden und wieder nach Hause schleifen. Außerdem wollte ich einfach mal Ruhe von allen, die ich kannte. Keine Nachhilfe, auf die ich sowieso null Bock hatte. Keine nervigen Nachrichten von den Leuten aus dem Skatepark, die sich erkundigten, ob ich vorbeikäme. Keine Einladungen zu Partys, auf die ich eh nicht gehen dürfte. Nur ich und meine Gedanken. Irgendwo, nur nicht hier, wo mich ständig Erinnerungen packten.

Kurz überlegte ich, ob ich meinen Eltern eine Nachricht hinterlassen sollte, aber ich war noch so sauer, da hätte ich wahrscheinlich keinen vernünftigen Satz aufs Papier gebracht. Außer »Leckt mich, ihr Penner, ich bin weg.« Ich rieb mir den Nacken. Irgendetwas musste ich ihnen schreiben, damit sie mir kein SEK oder sonst was auf den Hals hetzten. Deshalb schnappte ich mir doch einen kleinen gelben Klebezettel und schrieb »Ich brauch mal meine Ruhe. Ich bin ein paar Tage weg.« darauf. Das musste reichen.

Ich kletterte aus meinem Fenster im ersten Stock auf den Carport mit dem Wellblechdach. Weil ich mich ein wenig von der Hauswand abstoßen musste, schepperte meine Landung unheilvoll. In meinen Ohren klang es wie eine Explosion, für alle Nachbarn und vor allem meine Eltern hoffentlich nur wie entferntes Donnergrollen. Ich verharrte kurz so, wie ich gelandet war, was sicher aussah, als surfte ich wie ein Volldepp auf dem Dach. Dabei lauschte ich nur, ob jemand meinen Sprung mitbekommen hatte. Als ich nichts hörte, schwang ich mich über den Pfeiler nach unten. Total easy. Endlich lohnte es sich mal, dass ich mir ständig diese Parkour- und Freerunning-Videos auf YouTube reinzog.

Unter dem Carport neben dem Auto lag mein Skateboard, das ich mir zwischen Rucksack und Rücken klemmte. Dann drehte ich mich in Richtung Garten. Über die Einfahrt zu verschwinden, wäre total bescheuert gewesen. Das Licht wäre angegangen und die Überwachungskameras hätten meine Flucht aufgezeichnet. Dann hätten meine Alten ziemlich schnell bemerkt, dass ich nicht mehr da war. So hatte ich sicher bis morgen Abend Zeit, bevor sie mein Verschwinden überhaupt checkten.

Also lief ich über den nicht überwachten Teil des Gartens zu dem hohen Holzzaun und schwang mich und meinen Rucksack hinüber.

Als ich sicher und fast geräuschlos auf dem Gehweg landete, sog ich den Geruch der Freiheit tief in meine Lunge – und musste fast kotzen. Es stank nach Müll und vergammelten Essensresten. Direkt neben mir stand die Biotonne der Nachbarn. Das war hoffentlich kein schlechtes Omen für meine Flucht.

Dann lief ich los, die Hände in die Riemen meines Rucksacks gekrallt. Der Kiez bestand aus Einfamilienhäusern mit großen Gärten. Die Lampen beleuchteten den Fußweg nur spärlich, aber um diese Uhrzeit war eh niemand unterwegs, außer Waschbären auf ihrem Beutezug und nun auch ich. Es war gespenstig still in der Straße, in der sonst ein Porsche nach dem anderen entlang bretterte.

Irgendwo krächzte ein Vogel, als wollte er mir für meine Flucht alles Gute wünschen.

Ich lief und skatete. Weil ich nicht mit der U-Bahn fahren wollte, um zu vermeiden, dort entdeckt zu werden, hatte ich mich entschlossen, zu Fuß zur Autobahn zu kommen. Schwachsinnige Befürchtung, aber ich hatte gerade erst eine Netflix-Doku gesehen, in der ein Verbrecher anhand von Überwachungskameras der Öffis gefunden worden war. Scheiße, ich hockte definitiv zu viel vor der Glotze.

Aber immerhin war ich nach gut zwei Stunden Fußmarsch aus dem beschissenen Bonzenviertel raus und näherte mich der A111 über den Siemensdamm. In der Ferne hörte ich schon das dumpfe Grollen der LKW, die über den Asphalt rollten.

Ich hatte sogar daran gedacht, mir Karton und Edding einzupacken. Perfekt ausgerüstet, um zu trampen. Das wollte ich eh schon längst versucht haben. Tobi und ich hatten mal gescherzt, dass wir um die ganze Welt fahren würden, nachdem wir den Blog eines Typen gefunden hatten, der genau das getan hatte. Tja, dann musste ich das wohl allein durchziehen. Vielleicht nicht um den ganzen Globus. Aber wo wollte ich hin?

Das Meer wäre doch genial für den Anfang: Salzluft, steife Brise und Surfer in Neoprenanzügen. Mit einem Grinsen im Gesicht kritzelte ich auf dem Pappschild herum. »Ostsee«. Mal sehen, wer oder ob mich überhaupt jemand mitnahm. In einem Horrorfilm wäre das die Szene gewesen, in der ein dubioser Brummifahrer angehalten und mich freundlich lächelnd aufgegabelt hätte. Später bekämen meine Eltern mich dann scheibchenweise per Post zugeschickt.

Ich schüttelte mich und verwarf den Gedanken. Den letzten Film auf Netflix hätte ich mir echt sparen sollen.

4

»Mach’s gut, Johnnyboy«, verabschiedete mich Paps und strubbelte mir durch die Haare.

»Menno, lass das«, beschwerte ich mich und richtete meine Frisur. Meine Haare standen zwar immer wild vom Kopf ab, aber eben in einem sortierten Chaos. Nicht in einem chaotischen Chaos, das Papa so verursachte.

Er lachte und klopfte mir auf die Schulter. »Fahr vorsichtig«, fügte er sorgenvoll hinzu.

Ich sah ihn an und kurz darauf zog er mich in seine starken Arme. Mist, nun flossen mir doch noch Tränen übers Gesicht. Dabei hatte ich mir die verkneifen wollen. Ich war neunzehn, erwachsen und wäre in acht Wochen wieder da. Aber jetzt, wo es so weit war, hatte ich ein schlechtes Gewissen, Paps mit meiner Schwester allein zu lassen. Seitdem unsere Mama vor einem Jahr plötzlich verstorben war, hatte ich mich um einen Großteil des Haushalts gekümmert, während er arbeiten war. Denn er war nun viel länger in der Werkstatt, damit wir über die Runden kamen.

Die letzten Monate, vor allem aber das Herumgeschraube am Bus, hatten uns noch mal ein Stück weit enger zusammengeschweißt. Es fiel mir echt schwer, einfach zu fahren. Ich kam mir egoistisch vor, weil Paps ziemlich viel hatte rumorganisieren müssen, damit meine Schwester nach dem Kindergarten irgendwo unterkam, bis er Feierabend hatte. Dazu kamen der Haushalt und die Einkäufe, um die er sich nun allein kümmern musste, und ob das alles so funktionierte, würde sich erst noch zeigen. Doch als ich ihm von meinen Plänen erzählt hatte, hatte er mir wie eben nur durch die Haare gestrubbelt und gesagt, dass ich das unbedingt machen solle. Auch für ihn und Ma.

Und jetzt, wo der Abschied anstand, kam auch noch das Muffensausen dazu. Immerhin würde ich zwei Monate allein in Skandinavien unterwegs sein. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete.

Paps klopfte mir auf die Schulter und grinste. »Jetzt heul nicht rum! Hau schon ab«, sagte er tough, aber ich konnte ganz genau sehen, dass auch seine Augen feucht glitzerten. Mann, immer versuchte er, den starken Kerl raushängen zu lassen!

Ich seufzte und wandte mich von ihm ab, um mich von meiner Schwester zu verabschieden. Sie stand nahe der Haustür und heulte Rotz und Wasser. Damit machte sie mir den Abschied auch nicht leichter. »Hey, ich komm doch wieder, Mausi«, meinte ich und kniete mich zu ihr hinunter. Ihre Fingerchen umklammerten den Saum ihres blauen Shirts und ich konnte gerade noch verhindern, dass sie es hochzog, um sich die Nase darin zu schnäuzen. Stattdessen nahm ich ein Taschentuch aus meiner Hosentasche und hielt es ihr hin.

Sie schnappte danach und trompetete hinein. »Ich will nicht, dass du gehst, Hörnchen.«

Ich machte ein Geräusch, irgendwas zwischen Lachen und Grunzen, weil mir die Tränen die Kehle zuschnürten, ich sie aber gleichzeitig so niedlich fand. Seit jeher nannte mich Lulu Hörnchen, in Anlehnung an meine beachtliche Einhornsammlung und meinen Lieblingsfilm: Das letzte Einhorn.

»Ich bring dir auch was mit, versprochen!«

Ihre trotzige Haltung lockerte sich ein wenig und sie schenkte mir einen aufmerksamen Blick. »Was denn?«

»Ich schau mal. Aber ich wette, ich finde einen großen Plüschelch!«

Ihre Augen funkelten, nun aber nicht mehr nur wegen der Tränen. »Au ja!«

Damit fiel ihr der Abschied dann doch nicht mehr ganz so schwer und sie sprang mir um den Hals. Erpressung konnte ich eben genauso gut wie Nathalie.

Mit wackligen Beinen lief ich zu meinem weißen Bus, den ich um die Ecke hatte parken müssen, weil vor dem Mehrfamilienhaus kein Platz mehr gewesen war. Zum Glück stand er in der Parallelstraße und genau unter einem Baum, ich konnte ihn nicht verfehlen.

Mein weißer Koloss, oder wie ich ihn liebevoll nannte Manfred, glänzte in der frühen Morgensonne. Dank der fliederfarbenen Rallyestreifen, die ich unbedingt hatte haben wollen, und über deren Anbringung mein Vater und ich fast verzweifelt waren, sah er nun auch nicht mehr aus wie ein überdimensionierter Kühlschrank. Allein dafür hatte sich der Aufwand und mein Wunsch nach Individualität gelohnt.

Ich hatte es mir nicht nehmen lassen und Manfred gestern extra noch gewaschen und poliert. Immerhin steckte ein Großteil meiner Ersparnisse in dem Schlitten, das sollte ihm jeder sofort ansehen können.

Auch vor dem Auto hatte meine Einhorn-Liebe keinen Halt gemacht. Auf dem Armaturenbrett saß ein Kekse fressendes Pummeleinhorn und auf der Kofferraumklappe klebte ein Sticker Fresst meinen Sternenstaub, Langweiler. Ich grinste noch immer deswegen. Mancher mochte das kindisch und absolut klischeehaft finden, aber ich stand drauf. Auch auf das kleine glitzernde Einhorn, das auf dem Handschuhfach prangte und den pinken Flokati, den ich im Wohnbereich ausgelegt hatte. Das war eben ich.

Auf dem Baum saß ein Rabe und meckerte, als ich die Schiebetür aufzog. Das schwarze Tier glänzte in der Sonne leicht grünlich. Lächelnd betrachtete ich den schönen Vogel einen kurzen Augenblick, bis er sich krächzend in die Luft erhob und dabei ein paar Blätter von den Ästen riss, die sanft auf Manfreds Dach segelten.

Der Stauraum war bis auf den letzten Zentimeter vollgestopft. Sicher hatte ich viel zu viel Zeug eingepackt, war dafür aber auch auf alle Eventualitäten vorbereitet. Von einem heißen Sommertag bis hin zu einer Regenkatastrophe apokalyptischen Ausmaßes konnte mir nichts etwas anhaben. Ich quetschte meinen Rucksack unter das eingeklappte Bettgestell – der wohl letzte freie Platz, bevor ich anfangen musste, den Beifahrersitz vollzustellen –, schob die Tür zu und schwang mich auf den Fahrersitz.

Das Navi ignorierte ich, denn ich wollte mich treiben und mir nicht von einer Computerstimme den Weg vorschreiben lassen. Einfach fahren und erst dann schauen, wohin es mich zog. Das Ganze war ein Abenteuer. Wahrscheinlich würde ich mich irgendwo in der skandinavischen Wildnis verfahren, aber das war mir egal. Dann würde ich eben als schwedischer Holzfäller enden. Mit langen, blonden Haaren und einem Vollbart, breitem Kreuz und kräftigen Oberarmen. An meiner Seite wäre der hübscheste Kerl des ganzen Dorfes und wir würden auf unseren Einhörnern über den Regenbogen reiten.

Ich kicherte. Wow, der Wahnsinn ergriff Besitz von mir. Das lag sicher nur an der Nervosität. Immerhin saß ich jetzt in meinem Auto und hatte mich von Paps und Louisa verabschiedet. Um mich zu beruhigen, sog ich tief die Luft ein, in der noch ein Hauch der eingebauten Spanplatten und des Lacks lag, aber auch der typische Eigengeruch: Drei Vorbesitzer, ein 23-jähriges Leben und sicher der ein oder andere Fast-Food-Unfall hinterließen eben Spuren. Auch dem abgegriffenen Lederlenkrad, über das ich zärtlich streichelte, sah man sein Alter an und bestimmt war Manfred nicht immer liebevoll behandelt worden. Was dieses Auto wohl alles erzählen könnte? Damit ließen sich wahrscheinlich ganze Romane füllen.

Ich klopfte aufs Lenkrad. »Also dann, Manfred. Los geht’s! Da wartet eine weitere Geschichte für deine Biografie.«

Und für meine auch, dachte ich und schob den Schlüssel ins Zündschloss. Ruckelnd erwachte der Motor und die einhundertzwei Pferdestärken vibrierten unter meinem Hintern. Das neu eingebaute Radio verband sich automatisch mit meinem Smartphone und ich startete die Playlist. I will survive. Die ultimative Hymne von Gloria Gaynor.

Ich drehte die Lautstärke hoch, kurbelte das Fenster runter und zirkelte den Bus aus der engen Parklücke. Es konnte losgehen!

5

Zwei verkackte Stunden hatte ich mein Ostsee-Schild in die Höhe gehalten, hätte es am liebsten jedem vorbeifahrenden Auto in den Kühlergrill geschleudert und war kurz davor gewesen, reumütig zu meinen Eltern zurückzulaufen, als endlich doch jemand für mich angehalten hatte: eine freundliche Dame in einem quietschgelben Opel Astra.

Sie musste bis nach Kremmen und hatte mich dort an einem Rasthof wieder ausgesetzt. Ich war zwar so schon mal ein Stück raus aus Berlin, aber der Ostsee noch kein bisschen näher gekommen. Zudem war es weitaus schwieriger gewesen, vom Rastplatz aus weiterzukommen, weil um diese Zeit einfach kaum jemand unterwegs gewesen war, den ich hätte anhalten können.

Eine ganze Stunde war ich auf dem schmalen Parkstreifen auf und ab gelaufen, hatte ein paar Dosen und Plastikflaschen aufgesammelt und weggeworfen und überlegt, wie gefährlich es wohl wäre, mit dem Skateboard auf dem Seitenstreifen weiterzufahren, bis endlich ein LKW-Fahrer für eine Pinkelpause angehalten hatte. Den hatte ich so lange bequatscht, bis er bereit gewesen war, mich mitzunehmen. Er musste nach Lüneburg und ich durfte ihn begleiten.

Nun saß ich in einem LKW. Neben einem brummeligen Fahrer mit beachtlichem Bierbauch und weißem Vollbart, der nicht ein Wort sagte. Laut dem Schild hinter der Windschutzscheibe hieß er Otto. Er fuhr für ein großes Logistikunternehmen, jedenfalls zog er deren Hänger. Außer einem an der Scheibe baumelnden Hertha BSC Wimpel und einem auf dem Armaturenbrett sitzenden Herthinho, gab es in dem Fahrerhäuschen nichts Interessantes zu entdecken.

»Sie sind also Hertha Fan.« Ich versuchte, ein Gespräch aufzubauen, hauptsächlich weil mir langweilig war und ich es seltsam fand, stumm dazusitzen. In Filmen gaben einem die Trucker wichtige Lebenstipps oder erzählten Geschichten aus ihrer Jugend. Oder aber sie brachten einen um. Langsam hatte ich das Gefühl, dass Otto eher zu den Letzteren gehörte, und das ließ mich nervös auf meinem Platz herumrutschen.

»Offensichtlich«, grummelte der Mann.

»Ich mach mir nicht viel aus Fußball, aber mein Vater schaut gern Bundesliga«, plapperte ich weiter. Je mehr ich redete, desto unwahrscheinlicher war es doch, dass er mich wirklich umlegte. Oder aber es brachte ihn erst recht dazu. Kacke, es rächte sich, dass ich diesen blöden Horror-Roadtrip-Film geguckt hatte.

»Hmm.«

Okay, der Kerl war schwer zu knacken, weshalb ich lieber meine Klappe hielt und aus dem Fenster starrte. Die Sonne ging auf und tauchte den Himmel in verschiedene Rottöne. Die Straßen füllten sich und der Berufsverkehr setzte ein.

Aus dem Radio dudelte Musik.The Sun Always Shines On TV von A-ha. Otto drehte lauter.

Ich lehnte mich zurück und ließ die Landschaft an mir vorbeirauschen: Bäume und weite Felder wechselten sich ab, dazwischen standen immer wieder große Windkraftanlagen, deren Rotorblätter sich gemächlich drehten und dabei bewegte Schatten warfen. Alle naselang überholte Otto andere Laster, in deren Fahrerkabine ich dadurch einen Blick werfen konnte. Es schockierte mich, was die Trucker dank Tempomat und was weiß ich nicht für Assistenzsystemen, während der Fahrt taten. Und ich hatte immer schon gedacht, dass es grob fahrlässig war, dass mein Vater ständig am Steuer telefonierte, aber manche LKW-Fahrer hatten ganze Tageszeitungen auf ihrem Lenkrad liegen. Einer guckte nebenbei einen Film auf seinem Tablet, von dem ich gar nicht so genau wissen wollte, worum es da ging. Eigentlich fehlte nur noch jemand, der sich  einen Kaffee kochte und ein Spiegelei briet. Und nachdem wir einen überholten, der sich die Zähne putzte, schien mir das auch nicht mehr so unrealistisch. Glücklicherweise schauten die meisten aber doch konzentriert auf die Straße vor ihnen. Ohne sie hätte ich den Glauben an einer kompletten Berufsgruppe verloren. Na ja, und Otto fuhr auch ganz okay.

Im Radio liefen die Siebenuhrnachrichten und danach versprach der Moderator Sonne und Hitze für die nächsten Tage. Perfektes Ostsee-Wetter.

Die eintönige Landschaft, der gesprächsfaule Otto und der Schlafmangel übermannten mich kurz hinter Heiligengrabe. Meine Augen fielen immer wieder zu und schlussendlich nickte ich ein.

»Hey, wir sind da. Aussteigen!« Otto rüttelte mich an der Schulter wach. Ich war eingeschlafen und blickte mich verwirrt um. Hier war absolut nichts! Kein Rasthof, keine Autobahn. Nur ein Industriegebiet.

»Moment. Wo sind wir hier?«

»An meinem Ziel«, zischte Otto. »Wird’s bald? Ich hab nicht ewig Zeit!«

»Alter, hättest du mich nicht an der Autobahn rauswerfen können? Wo soll ich denn hier hin?« Ich wedelte blind um mich, um zu verdeutlichen, dass es hier einfach nichts gab.

»Ist mir egal. Hau schon ab.«

»Ja, ja. Mann«, fluchte ich, als ich mit meinem Rucksack und Skateboard im Arm aus der Fahrerkabine auf die Straße sprang. »Vielen Dank auch«, bemerkte ich sarkastisch und knallte die Tür zu.

Mir schlug die Mittagshitze entgegen und ich strauchelte kurz, im Laster war die ganze Zeit die Klimaanlage gelaufen, da hatte ich nicht bemerkt, wie heiß es draußen schon war.

Und nun stand ich irgendwo bei Lüneburg. Oder davor. Oder dahinter. Keine Ahnung. Ich hatte ja kein Smartphone dabei, um nachzusehen. Verdammte Scheiße!

Vielleicht hatte ich in der Stadt bessere Karten, eine Mitfahrgelegenheit zu finden. Ich hatte zwar noch immer keinen Schimmer, wo ich gerade steckte, aber das würde ich schon noch herausfinden. Im Nachhinein war es doch ziemlich dumm, dass ich kein Telefon dabeihatte. So hatte ich keine Navigationsmöglichkeit und ich konnte niemanden anrufen, wenn ich doch wieder zurückwollte oder ich von einem dubiosen LKW-Fahrer bis nach Kleinkleckersdorf verschleppt werden würde.

Ich grunzte auf, klar, jetzt begann ich mir Gedanken zu machen, was logisch gewesen wäre. Manchmal war ich echt ein Genie.

Ich stellte mich auf mein Skateboard und rollte die Landstraße entlang, in der Hoffnung, dass ich so in eine Stadt käme. Bei jedem Auto, das mir entgegenkam oder sich mir von hinten näherte, streckte ich Schild und Daumen raus. Aber niemand hielt an. Großartig. So hatte ich mir meine glorreiche Reise nicht vorgestellt: auf meinem Skateboard, übermüdet, weil es in dem Truck alles andere als bequem gewesen war, verschwitzt, weil es sicher über dreißig Grad heiß war und mir die Sonne erbarmungslos auf den Kopf knallte, und hungrig, weil es in diesem verdammten Loch nicht mal ein McDonald’s zu geben schien.

Ich fuhr, bis sich endlich eine Lösung für meine Probleme vor mir auftat: ein Freibad! Das war die Rettung.

6

Den ersten Tag hatte ich gut gemeistert. Ich war weiter gekommen als gedacht, aber bei meiner großartigen Playlist war die Zeit irre schnell vergangen und die Landschaft nur so an mir vorbeigerauscht, während ich laut zu Lady Gaga, Katy Perry und Madonna mitgesungen hatte.

In der Nähe von Gießen hatte ich einen kostenlosen Stellplatz gefunden und dort die Nacht verbracht. Der Platz war sogar mit einem kleinen Toilettenhäuschen ausgestattet gewesen. Perfekt für eine Übernachtung. Nach der obligatorischen Standort-Nachricht an Nathalie und Paps war ich müde ins Bett gekrabbelt. Autofahren konnte echt schlauchen, das hätte ich niemals gedacht.

Der zweite Tag meiner Reise war angebrochen und die Sonne brannte aufs Autodach, sodass nicht mal mehr die Klimaanlage hinterherkam. Ich pfiff auf sie und öffnete das Fenster. Der Fahrtwind zerzauste mir zwar die Frisur, aber wirklich erfrischend war er auch nicht. Mein Shirt klebte mir am Rücken und ich wollte am liebsten duschen. Das sollte ich bei der nächsten Standortwahl berücksichtigen.

Es war kurz nach Mittag und ich war eine ordentliche Strecke vorangekommen. Ich war schon mitten in der Lüneburger Heide, fernab der Autobahn. Nachdem ich das fünfte Mal für querende Schafe hatte anhalten müssen, entdeckte ich ein Schild, das ein Freibad ausschrieb. Kurz entschlossen folgte ich ihm. Die Pause hatte ich mir verdient. Bei den tropischen Temperaturen wäre schwimmen genau das Richtige und meine Duschfrage somit auch geklärt.

Auf dem Parkplatz quetschten sich die Autos zusammen wie Seerobben auf einer Sandbank, sodass ich dazwischen keinen freien Platz fand. Ich musste zwei Runden drehen und wollte eigentlich schon enttäuscht weiterfahren, als ich doch noch Glück hatte, ein Auto wegfuhr und ich Manfred abstellen konnte. Allerdings brauchte ich fünf Anläufe, bis ich ihn in die Lücke bekommen hatte. Puh, das war genug Aufregung für heute.

Erleichtert darüber, fischte ich mir aus den vollen Schränken meine Badehose, ein Handtuch und den Kosmetikbeutel und stopfte alles in eine Tasche, die ich mir locker über die Schulter warf. Am Kassenhäuschen bezahlte ich den Eintritt und schlängelte mich durch das Drehkreuz in den Badebereich. Die Besucher drängten sich dicht an dicht auf der Liegewiese, genauso wie die Autos auf dem Parkplatz. Ich hoffte, dass ich hier nicht auch so lange nach einem freien Plätzchen suchen musste.

Laute Kinderschreie, das Platschen von Wasser und die schrillen Pfiffe der Bademeister schlugen mir entgegen. Genauso wie der penetrante Chlorgeruch und das Fritteusenfett vom Kiosk am Spielplatz. Wie lange war ich jetzt schon nicht mehr schwimmen gewesen? Wahrscheinlich, seitdem ich mich geoutet hatte und keiner der Jungs mehr wollte, dass ich sie oberkörperfrei sah. Sie hatten sich furchtbar geniert, mit mir in eine gemeinsame Umkleide zu gehen. Das war auch schon beim Sportunterricht immer das Schlimmste für mich gewesen. Nachdem sie mich einmal in eine der Toilettenkabinen geschubst und eingesperrt hatten, hatte ich mich immer dort umgezogen. Es war blöd gewesen – als ob ich ihnen irgendetwas abgeguckt hätte – und ich hatte deswegen eine Menge Tränen vergossen. Die Umkleiden waren doch für alle unangenehm. Jeder wurde irgendwann mal geärgert, weil er eine komische Unterhose trug, Speckröllchen hatte oder weil ihm Haare an exponierten Stellen wuchsen oder eben auch nicht. Ich verdrehte die Augen, Jugendliche waren manchmal echt grausam. Der Schwimmunterricht damals war die Hölle gewesen. Tja, aber hier kannte mich ja keiner.

Ich ging zu den Umkleidekabinen und zog mich ganz entspannt um, schloss meine Wertsachen in einen Spind und suchte mir dann auf der Wiese einen Platz für mein Handtuch. Die Leute tummelten sich in den Schatten, die die Bäume auf den Rasen warfen. Ein witziges Mosaik aus Sonnenflecken, Schatten und halbnackten Leibern. Zwischen den Besuchern entdeckte ich immer wieder Spatzen, die Brotkrümel und andere Picknicküberreste aufklaubten und wild meckerten, wenn ein anderer schneller war.

Ich hielt Ausschau, wo ich mich ausbreiten konnte, und fand eine Stelle zwischen einer Familie, die gerade ihr Essen auspackte und mit Wassermelone und Weintrauben beschäftigt war, und einem Handtuch, auf dem ein großer Wanderrucksack und ein Skateboard lagen. Perfekt. Ich warf mein Handtuch aus und lief danach direkt in Richtung Becken, das sicher fünfundzwanzig Meter in der Länge und fünfzehn in der Breite maß. Dennoch schwammen die Menschen darin zusammengepfercht wie Buchstabennudeln in einer fünf Minuten Terrine. O Mann. Die Sonne hatte mir wohl schon ordentlich zugesetzt, wenn ich über Vergleiche mit heißer Suppe nachdachte.

Vor der Rutsche war noch am meisten Platz, dafür schlugen dort, wie an einer unsichtbaren Perlenschnur gezogen, die Leiber ins Wasser und spritzten meterweit Fontänen.

Ich rückte mir meine Badeshorts zurecht und tapste die Treppe herunter. »Puh, ist das kalt!«, fluchte ich, als mein großer Zeh ins Wasser eintauchte. Da zog sich alles an mir zusammen. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Hätte die lodernde Sonne das Wasser nicht schon längst auf angenehmere Temperaturen erwärmen sollen?

Aber es nutzte nichts. Fast waghalsig machte ich den nächsten Schritt und noch einen. Bis ich hüfthoch durchs Becken watete. Dann ließ ich mich todesmutig ganz hineingleiten. Die Wellen brachen über mir zusammen und ich war kurz geschockt von der Kälte. Prustend tauchte ich wieder an die Oberfläche und schüttelte meine Haare.

»Hey!«, maulte ein Junge neben mir und wischte sich das Wasser aus dem Gesicht. Den hatte ich vorher gar nicht bemerkt. Er musste ungefähr in meinem Alter sein. Seine blauen Augen, die exakt die gleiche Farbe wie die Fliesen des Beckens hatten, funkelten mich zornig an. So blaue Augen hatte ich noch nie gesehen! Die rötlich braunen Haare bildeten dazu einen interessanten Kontrast. Die sonnengebräunte Haut ebenso. Und trotzdem hatte er Sommersprossen im Gesicht, die meinen Blick anzogen.

»Sorry!«, entschuldigte ich mich verspätet, nachdem ich mich von seinem Anblick losgerissen hatte. »Habe nicht bedacht, dass es hier so voll ist«, plapperte ich, noch immer durch seine Erscheinung abgelenkt.

Kopfschüttelnd schwamm der andere Junge zur Treppe und zog sich daran heraus. Ich starrte ihm hinterher, denn offen gestanden fand ich ihn ziemlich attraktiv. Als er mir seine Kehrseite zuwandte, musste ich schwer schlucken. Der hätte geradewegs aus einem der Fitnessvideos entsprungen sein können, die ich mir ansah, um wenigstens ein bisschen Sport zu machen. Sein Rücken war breit und mit diesen Armen wäre es ihm ein Leichtes, mich wie eine Prinzessin durch unser Schloss zu tragen. Mit seiner Statur könnte er wahrscheinlich auch eigenhändig einen Drachen erwürgen und ihm den Kopf von den Schultern reißen, um ihn anschließend als Trophäe über unseren Kamin zu hängen.

Er lief am Beckenrand entlang und ich konnte meinen Blick einfach nicht abwenden. Erst als er mich ansah, wurde mir bewusst, dass ich ihm wohl sabbernd und schwanzwedelnd hinterhergaffte. Das war doch sonst nicht meine Art.

Peinlich berührt drehte ich mich um und tauchte wieder ab. Mein erhitztes Gemüt brauchte definitiv Abkühlung, aber diesmal erschien mir das Wasser nicht kalt genug.

7

Eigentlich war der Kerl ja ganz süß gewesen. Wie er die blonden Haare geschüttelt hatte, nur damit sie ihm hinterher genauso feucht in der Stirn gehangen hatten. Seine hellbraunen, fast golden schimmernden Augen hatten erschrocken dreingeblickt und er hatte aufgeregt irgendetwas gelabert. Aber seine Augen hatten mich echt verwirrt und abgelenkt, weshalb ich ihm nicht zugehört und nur den Kopf geschüttelt hatte. Er hatte mir danach hinterhergestarrt, das hatte ich im Nacken gespürt, doch als ich ihn angesehen hatte, hatte er sich ertappt umgedreht.

In einer romantischen Komödie wäre das der Moment gewesen, in dem sich die beiden Hauptdarsteller zum ersten Mal sahen und direkt merkten, dass sie füreinander bestimmt waren. Aber sie würden sich verlieren und erst über hundert Umwege zueinanderfinden und die Zuschauenden würden sie auf dieser Reise begleiten. Wahrscheinlich würden sie alles und jeden verfluchen, weil es so offensichtlich war, dass die beiden zusammengehörten, sie sich aber immer wieder in letzter Sekunde verpassten und das Leben immer wieder dazwischenkam. Das hatte ich schon hundert Mal gesehen und fand es furchtbar langweilig, weil es so vorhersehbar war.

Wieso sah ich mir diese Filme überhaupt noch an? Und wieso dachte ich überhaupt an so einen Scheiß?

Eigentlich wusste ich, warum. Der Typ hatte mich an Tobi erinnert. Seine Augen hatten in der Sonne auch immer einen leicht goldenen Schimmer gehabt. Kopfschüttelnd stapfte ich zu meinem Handtuch zurück. Inzwischen war die komplette Familie zurückgekehrt. Als ich mir den Platz ausgesucht hatte, war nur eine junge Frau mit einem Hosenmatz im Arm da gewesen. Nun saßen da sieben Personen und machten ein Picknick epischen Ausmaßes. Die ganze Decke war mit Dosen, Schalen und Tüten vollgestellt und glich der Streitmacht Gondors und Rohans im Kampf gegen den Hexenkönig von Angmar oder in dem Fall gegen den Hunger der Hobbits, die sich in diesem Moment darauf stürzten.

Essen wäre aber die Idee. Aus meinem kleinen Geheimfach im Rucksack kramte ich ein paar Euro, die ich nicht in den Spind eingeschlossen hatte, und schlenderte zur Imbissbude, die taktisch klug in der Nähe des Kinderbeckens und Spielplatzes aufgebaut worden war.

Je näher ich kam, desto lauter wurden die quengelnden Rufe der kleinen Biester, die versuchten, ihren Eltern ein Eis aus den Rippen zu leiern. Manche schrien, einige diskutierten wild und wieder andere probierten es mit der laut-und-theatralisch-weinen-und-sich-dabei-auf-den-Boden-werfen-Nummer und damit standen sie dem Tupperdosenschlachtfeld in nichts nach.

Ich stellte mich an die lange Schlange aus Eltern mit ihren Kindern und Jugendlichen, die mit ihren Freunden herumalberten. Im letzten Sommer war ich auch einer dieser Idioten gewesen. Zusammen mit Tobi und den anderen Jungs vom Skatepark und aus meiner Klasse. Das schien schon unendlich lang her zu sein.

Als ich nach einer gefühlten Ewigkeit endlich dran war, kaufte ich mir eine große Portion Fritten mit Mayo. Ich schlang mein erstes Essen in Freiheit herunter und es schmeckte so viel besser als die komische High-Protein und Low-Carb Moppelkotze meiner Mutter. Danach hatte ich allerdings noch immer Hunger, also stellte ich mich erneut an und gönnte mir ein Magnum mit salziger Karamellsauce und belgischer Schokolade. Dann musste ich aber endlich wieder los. Ich war meinem Ziel noch nicht so nah, wie ich es eigentlich sein wollte. In einer Parallelwelt lag ich jetzt schon irgendwo am Strand und ließ mir die Sonne auf den Pelz scheinen. Inzwischen müsste es meinen Alten auch schon aufgefallen sein, dass ich nicht mehr in meinem Zimmer hockte, sondern stiften gegangen war. Aber vielleicht auch nicht.

Ich spürte schon wieder, wie die Wut in mir hochkochte und biss kräftig in das mit Schokolade ummantelte Eis. Die süße Kälte milderte den heißen Zorn in meinem Bauch. Ich war nicht mehr in Berlin, ich sollte mir keine Gedanken darum machen. Ganz einfach.

Am Eis lutschend lief ich zu meinem Handtuch zurück und räumte den Kram ein, um duschen zu gehen. An den Duschräumen hatte ich nur noch den Holzstiel in der Hand, den ich gezielt in den Mülleimer versenkte und mir innerlich ein High-Five gab.

Ich genoss das warme Wasser, das über meinen Körper rann, viel zu sehr. Schließlich wusste ich nicht, wann ich die nächste Dusche zu Gesicht bekam. Hoffentlich direkt irgendwo an der Ostsee.

Entspannt schlenderte ich zu den Umkleiden und zog mir meine Cargoshorts und ein lockeres T-Shirt über. Ich schlüpfte in meine Vans und verabschiedete mich aus dem Freibad.

Ich könnte mein Anhalter-Glück direkt auf dem Parkplatz probieren. Vielleicht würde mich wenigstens jemand bis in die Stadt mitnehmen oder wieder in der Nähe einer Autobahn absetzen. Hier mitten im Grünen standen meine Chancen jedenfalls ziemlich schlecht, auf jemanden zu treffen, der mich direkt an die Ostsee bringen würde. Wäre natürlich ein Träumchen, aber sehr unwahrscheinlich.

Ich setzte mich auf einen der Findlinge, die entlang des Parkplatzes standen, und hielt mein Schild in die Höhe, sobald ein Auto an mir vorbeirauschte. Aber mehr als gaffende Blicke hinter Windschutzscheiben bekam ich als Reaktion nicht. Hatten die in diesem Dorf noch nie einen Tramper gesehen? Meine Frustration wuchs, je später es wurde und je mehr sich der Parkplatz leerte.

Seufzend knallte ich mein Skateboard auf den Asphalt. Dann musste ich eben doch allein und ohne Motor rollen. Ich sah mich um und hatte absolut keine Ahnung mehr, aus welcher Richtung ich überhaupt gekommen war. Hier sah alles gleich aus. Bäume. Wiese. Scheiße!

Ich blickte noch einmal über den Parkplatz und wägte meine Chancen ab, doch jemanden überredet zu bekommen, mich bis in die Stadt mitzunehmen. Bei Brummel-Otto hatte ich das ja auch geschafft. Ich konnte überzeugend sein, wenn ich denn nur wollte.

Hin- und hergerissen drehte ich mich im Kreis. Ich könnte die Hauptstraße entlangfahren und den Daumen raushalten, sobald ein Auto an mir vorbei schnellte. Doch meine Überredungskünste konnte ich leichter unter Beweis stellen, wenn ich die Leute direkt ansprach. Vielleicht gab es aber auch irgendwo eine Bushaltestelle? Immerhin war das hier ein Freibad und ich hatte genug Jugendliche gesehen. Die mussten ja auch irgendwie hergekommen sein. Oder hatten die auf dem Land alle schon Führerscheine? Oder Papis Trecker?

Ich stellte mich auf mein Skateboard und holte noch mal Luft. Einfach losrollen. Würde schon gutgehen.

8

Das Schwimmen hatte gutgetan. Mein Körper war geschmeidig, ich frisch geduscht und abgekühlt. Die erste spontane Pause meines Roadtrips war definitiv die richtige Entscheidung gewesen.

Bevor ich das Freibad verließ, kaufte ich mir am Kiosk eine Portion Pommes. Oder wie mein Vater sie immer nannte: frittierte Sonnenstrahlen. Seit meinem sechsten Lebensjahr war ich Vegetarier. Damals hatte es in Restaurants oft nur diese Option gegeben und Paps wollte sie mir damit schmackhaft machen. Unser Stammrestaurant hatte das sogar irgendwann so auf die Speisekarte übernommen. Glücklicherweise gab es inzwischen sehr viel mehr Gerichte für mich, außer in diesen kleinen Imbissbuden. Ich hoffte, dass sich das in Skandinavien auch so bestätigte. Ansonsten gäbe es eben jeden Tag Nudeln mit Tomatensauce. Viel Platz zum Kochen hatte ich nämlich nicht in meinem kleinen Bus.

Die Sonne knallte nicht mehr so und die Temperaturen waren auf ein angenehmes Niveau gesunken. Die Grasfläche lichtete sich und die meisten Familien räumten ihre Sachen ein. Im Becken zogen nur noch Leute ihre Bahnen, die einfach nur schwimmen wollten. Die Rutsche war verwaist und die Sprungtürme ragten stoisch in den Himmel. Wie ein Denkmal, das an die Schmerzen all der vergangenen Bauchklatscher erinnerte.

Mit einem letzten Blick über das Gelände wandte ich mich dem Ausgang zu und schlängelte mich durch das Drehkreuz. Ich mampfte vor mich hin und lief mich umschauend über den Parkplatz. Schon wieder hatte ich komplett vergessen, wo ich Manfred abgestellt hatte. Immer das Gleiche. Zum Glück war es hier nicht mehr so voll wie vorhin. Trotzdem musste ich die Reihen einzeln abgehen. Zwischen den dicken SUVs konnte ich Manfred nicht ausmachen, selbst als ich mich auf Zehenspitzen stellte und über die Dächer hinweg spähte. Aber mit meinen eins siebenundsechzig war ich eben auch nicht besonders groß.

Gerade als ich schon wieder an der Ausfahrt angekommen war und mich der nächsten Reihe zuwenden wollte, fiel mir ein Typ auf. Er drehte sich einmal um die eigene Achse. Ich erkannte ihn als den Kerl, mit dem ich schon im Schwimmbad das Vergnügen gehabt hatte. Er stand lässig auf seinem Skateboard, ein Bein auf dem Boden. Seine Hand hielt er als Blendschutz vor die Augen und wirkte dabei genauso verloren wie ich mich gerade fühlte.

»Kann ich dir helfen?«, rief ich ihm zu, ohne darüber nachzudenken, ob ich dafür der Richtige wäre. Kaum hatte ich den Satz ausgesprochen, biss ich mir auch schon auf die Zunge. Ich kannte mich hier doch nicht die Bohne aus. Wie sollte ich ihm denn da helfen können? Aber vielleicht suchte er ja auch gar nichts, sondern wartete auf jemanden.

Ganz langsam drehte er sich zu mir. »Hä?«, fragte er verwirrt und brauchte einen Moment, bis er mich zwischen den Autos entdeckte. Ich machte ein paar tapsige Schritte auf ihn zu, damit er mich besser sehen konnte, und winkte ihm.

»Du bist das«, sagte er und rollte auf mich zu. »Weißt du, wo hier ein Bus abfährt, oder musst du vielleicht Richtung Autobahn?«

Ich war erstaunt, dass er mich nicht nur auf Anhieb erkannte, sondern auch, dass er so direkt auf meine Frage einging. Mein Herz schlug kräftig. Mensch, der sah richtig cool aus, wie er da auf seinem Skateboard stand, kurz vor mir anhielt und es mit einem gezielten Tritt in seine Hand beförderte.

»Alles okay?« Er wedelte mit seiner anderen Hand vor meinem Gesicht herum.

Mist! Ich hatte ihn schon wieder so dämlich angestarrt, statt zu antworten. Noch dazu mit dieser blöden Tüte Pommes in der Hand. »Oh, ehm, ja!«, quasselte ich drauflos. »Klar. Ich bin auf dem Weg nach Travemünde, also komm ich wohl auch zwangsweise an der Autobahn vorbei.« Die Sonne hatte mir anscheinend den Verstand geröstet. Wieso erzählte ich einem völlig Fremden, wohin ich fuhr?

Einen kurzen Moment brauchte es, bis er auf meine Worte reagierte. Seine Augen wurden größer und seine Mundwinkel schoben sich nach oben. »Travemünde? Geil! Ich bin auf dem Weg zur Ostsee und hatte bisher echt Pech mit meinen Mitfahrgelegenheiten. Was dagegen, wenn ich die komplette Strecke mitkomme?«

Mein Gehirn arbeitete furchtbar langsam. Travemünde. Ostsee. Mitfahren. Es ratterte von Synapse zu Synapse. Ich spürte förmlich die einzelnen Zahnräder in meinem Kopf, die sich gegeneinander drehten, bis es endlich klick machte.

»Alles gut bei dir?«, fragte der Kerl. Die Augenbrauen zogen sich zusammen und er musterte mich eingehend.

Ich blinzelte und schob mir kurzerhand zwei Pommes in den Rachen. »Klar«, sagte ich mit vollem Mund und spuckte dabei den angekauten Brei in seine Richtung. Schande, was war denn mit mir los?

Er sah mich ein bisschen angeekelt an und trat einen Schritt zurück. »War das jetzt die Antwort auf die Frage, ob ich mitkommen kann oder ob es dir gut geht? Letzteres halte ich nämlich für ziemlich unwahrscheinlich.«

Ich verschluckte mich prompt und röchelte. »Nein, alles gut«, brachte ich heraus. »Kannst mitkommen.«

»Sicher, dass du nicht irgendwie einen Sonnenstich hast oder sowas? Dein Gesicht glüht. Also, nichts für ungut, aber ich will schon lebendig ankommen.«

Toll. Da traf ich einen supercoolen Typen mitten im Nirgendwo und stellte mich an wie der letzte Volldepp. »Es ist alles okay«, beteuerte ich noch mal.

»Geil. Dann bin ich an Bord!« Er strahlte und offenbarte mir seine perfekt gereihten Zähne. Gab es auch irgendwas an ihm, was nicht gut aussah?

»Ist das dein Auto?«, fragte er und deutete auf den silbernen Toyota neben uns.

Mein Blick glitt über den schnittigen Sportwagen. »Nein«, sagte ich bedauernd und sah mich und ihn schon mit dem Cabrio über die Straßen cruisen.

»Okay … wo parkst du dann?«

Ich schluckte und sah in meine Pommestüte, als stünde die Antwort in der Mayo. »Ich weiß es nicht mehr so genau.« Ich fummelte drei weitere Pommes heraus und steckte sie mir in den Mund, bevor noch irgendetwas Peinliches herauskam. Wobei ich gerade eben erst bewiesen hatte, dass selbst ein voller Mund mich nicht vom Sprechen abhielt.

Der Kerl musterte mich mit einer hochgezogenen Augenbraue, dann prustete er los. »Mit dir stimmt echt was nicht, Keule«, gab er noch immer lachend von sich.

»Hey. Der Parkplatz ist riesig, da kann man den Überblick verlieren.«

»Ja, ja. Schon okay. Hast du schon mal geguckt, ob dein Schlüssel anschlägt und es irgendwo blinkt?«