Fremd fischen - Emily Giffin - E-Book

Fremd fischen E-Book

Emily Giffin

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Beschreibung

Sie ist verliebt, er ist verlobt – mit ihrer besten Freundin

Rachel und Darcy sind beste Freundinnen und teilen sich alles – fast alles … Denn als Rachel an ihrem dreißigsten Geburtstag nach einem Drink zu viel mit ihrem Traummann – und Darcys Verlobtem – Dex im Bett landet, muss sie sich entscheiden: Will sie eine wirklich gute Freundin sein oder um die wahre Liebe kämpfen?

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Seitenzahl: 594

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Das Buch

Die junge New Yorker Anwältin Rachel White und ihre beste Freundin Darcy kennen sich schon seit ihrer Kindheit und sind unzertrennlich. Deshalb hat Darcy Rachel auch gebeten, ihre Brautjungfer zu werden. Doch in letzter Zeit ist Rachel genervt: Denn Darcy spricht von nichts anderem mehr als von ihrer Hochzeit mit Dex. Der ist allerdings nicht nur Darcys Traummann. Auch Rachel ist heimlich schon seit Unizeiten in ihren guten Freund verliebt. Doch ihre Liebe hat Rachel ihm nie gestanden, und so wurden schließlich Dex und Darcy ein Paar. Als sie allerdings auf der Party zu ihrem dreißigsten Geburtstag nach dem ein oder anderen Drink zu viel mit Dex im Bett landet, werden die Karten neu gemischt und Rachel steht vor der schwierigsten Entscheidung ihres Lebens: Freundschaft oder Liebe …

Die Autorin

Emily Giffin, 1972 geboren, ist eine international bekannte Bestsellerautorin. Sie arbeitete als Anwältin, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Ihr Erfolgsroman Fremd fischen wurde verfilmt und begeisterte auch das deutsche Kinopublikum. Im Diana Verlag erschien 2012 bereits ihr Roman Das Herz der Dinge. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Atlanta.

Inhaltsverzeichnis

Das BuchDie Autorin1 EINS2 ZWEI3 DREI4 VIER5 FÜNF6 SECHS7 SIEBEN8 ACHT9 NEUN10 ZEHN11 ELF12 ZWÖLF13 DREIZEHN14 VIERZEHN15 FÜNFZEHN16 SECHZEHN17 SIEBZEHN18 ACHTZEHN19 NEUNZEHN20 ZWANZIG21 EINUNDZWANZIG22 ZWEIUNDZANZIG23 DREIUNDZWANZIG24 VIERUNDZWANZIG25 FÜNFUNDZWANZIG26 SECHSUNDZWANZIGCopyright

Ich war in der sechsten Klasse, als ich zum ersten Mal ans Dreißigwerden dachte. Meine beste Freundin Darcy und ich hatten hinten im Telefonbuch einen ewigen Kalender gefunden, mit dem man jedes Datum in der Zukunft anschauen und mit Hilfe des kleinen Rasters herausfinden kann, welcher Wochentag es sein wird. Damals konnten wir es nicht erwarten, endlich Teenager zu werden. Also machten wir unseren dreizehnten Geburtstag im folgenden Jahr ausfindig, meinen im Mai und ihren im September. Meiner war am Dienstag, an einem Schultag. Ihrer war samstags. Ein kleiner Triumph – aber typisch. Darcy hatte immer mehr Glück als ich. Sie wurde schneller braun, ihr Haar war leichter zu kämmen, und sie brauchte keine Zahnspange. Ihr Moonwalk war besser als meiner, genau wie ihr Radschlag und ihr Handstandüberschlag (ich konnte überhaupt keinen Handstandüberschlag). Sie hatte eine bessere Sticker-Sammlung. Mehr Michael-Jackson-Buttons. Forenza-Pullover in Türkis, Rot und Pfirsich (von meiner Mutter bekam ich keinen einzigen – sie meinte, sie wären zu modisch und zu teuer). Und eine Fünfzig-Dollar-Jeans von Guess mit Reißverschlüssen an den Knöcheln (dito, fand meine Mutter). Darcy hatte zwei Ohrlöcher und Geschwister – auch wenn es nur ein Bruder war, war das immer noch besser, als Einzelkind zu sein wie ich.

Aber zumindest würde ich eher dreizehn werden. Ich war ein paar Monate älter, und das würde sie niemals aufholen. In diesem Moment beschloss ich, nach dem Wochentag meines dreißigsten Geburtstags zu schauen – in einem Jahr, das so weit entfernt war, dass es wie Science-Fiction klang. Er fiel auf einen Sonntag, und das hieß, dass mein hinreißender Ehemann und ich für diesen Samstagabend einen verantwortungsbewussten Babysitter für unsere zwei (möglicherweise drei) Kinder bestellen würden, und dann würden wir in einem schicken französischen Restaurant mit Stoffservietten essen und bis nach Mitternacht wegbleiben, sodass wir technisch gesehen meinen Geburtstag feiern würden. Ich hätte soeben einen wichtigen Prozess gewonnen – hätte irgendwie bewiesen, dass jemand unschuldig gewesen ist. Und mein Mann würde auf mich trinken:« Auf Rachel, meine wunderschöne Frau, die Mutter meiner Kinder und die beste Anwältin von Indiana.»Ich erzählte Darcy von meiner Phantasie, als wir herausfanden, dass ihr Geburtstag auf einen Mittwoch fiel. Ein Arbeitstag. Pech für sie. Ich sah, wie sie die Lippen schürzte, während sie diese Information sacken ließ.

« Weißt du, Rachel, wen kümmert’s, an welchem Wochentag wir dreißig werden?», sagte sie und zuckte eine glatte, olivbraune Schulter.«Bis dahin sind wir alt. Wenn man erst mal so alt ist, sind Geburtstage nicht mehr wichtig.»

Ich dachte an meine Eltern – die in den Dreißigern waren – und an ihren stillosen Umgang mit dem eigenen Geburtstag. Mein Dad hatte meiner Mom kürzlich einen Toaster zum Geburtstag geschenkt, weil unserer in der Woche zuvor kaputtgegangen war. Der neue konnte vier Scheiben auf einmal toasten, nicht bloß zwei. Trotzdem war es kein tolles Geschenk. Aber meine Mom hatte sich über das neue Haushaltsgerät anscheinend gefreut; ich konnte jedenfalls nichts von der Enttäuschung bemerken, die ich empfand, wenn die Weihnachtsausbeute meinen Erwartungen nicht ganz entsprach. Also hatte Darcy wahrscheinlich Recht. Spaßkram wie Geburtstage würde nicht mehr so wichtig sein, wenn wir erst dreißig wären.

Das nächste Mal, dass ich wirklich ans Dreißigwerden dachte, war im letzten Jahr auf der High School, als Darcy und ich anfingen, zusammen Thirty Something im Fernsehen anzugucken. Sie gehörte nicht zu unseren Lieblingsserien – heitere Sitcoms wie Who’s the Boss und Growing Pains fanden wir besser –, aber wir guckten sie trotzdem. Bei Thirty Something fand ich die kläglichen Figuren mit den deprimierenden Schwierigkeiten problematisch, die sie offenbar anzogen. Ich weiß noch, dass ich fand, sie sollten erwachsen werden und sich nicht so anstellen. Dass sie aufhören sollten, über den Sinn des Lebens nachzugrübeln, und lieber Einkaufslisten schreiben. Das war damals, als ich dachte, dass meine Teenagerjahre sich unendlich lange hinziehen und dass die Zwanziger wahrscheinlich ewig dauern würden.

Dann wurde ich zwanzig. Und«Anfang zwanzig»schien tatsächlich ewig anzudauern. Wenn ich hörte, wie Bekannte, die ein paar Jahre älter waren, das Ende ihrer Jugend beklagten, sah ich mich selbstgefällig keineswegs in der Gefahrenzone. Ich hatte jede Menge Zeit. Bis ich ungefähr siebenundzwanzig war und schon lange nicht mehr nach dem Ausweis gefragt worden war und staunend zur Kenntnis nahm, dass die Jahre immer schneller vergingen (was mich an den alljährlichen Monolog meiner Mutter beim Auspacken der Weihnachtsdekoration erinnerte) und dass dabei Falten und vereinzelte graue Haare auftauchten. Mit neunundzwanzig setzte das wahre Grauen ein, und mir wurde klar, dass ich in vielerlei Hinsicht ebenso dreißig sein könnte. Aber es nicht war. Ich konnte nämlich immerhin sagen, dass ich in den Zwanzigern war. So hatte ich noch etwas mit College-Studenten gemeinsam.

Ich merkte, dass dreißig nur eine Zahl ist, dass man immer so alt ist, wie man sich fühlt, und so weiter. Ich erkannte, dass dreißig im Großen und Ganzen immer noch jung ist. Aber es ist nicht mehr so jung. Die fruchtbarste, allerbeste Zeit zum Kinderkriegen ist dann zum Beispiel vorbei. Man ist zu alt, um noch anzufangen, für eine olympische Medaille zu trainieren. Im besten Fall – angenommen, man stirbt an Altersschwäche – hat man schon ein Drittel der Wegstrecke hinter sich. Und deshalb hocke ich zu meinem Geburtstag unwillkürlich mit leisem Unbehagen auf der Kante eines kastanienbraunen Sofas in einer dunklen Barlounge an der Upper West Side. Die Überraschungsparty wird von Darcy veranstaltet, die immer noch meine beste Freundin ist.

Morgen ist der Sonntag, den ich zum ersten Mal als Sechstklässlerin beim Spielen mit unserem Telefonbuch ins Auge gefasst habe. Nach dieser Nacht werden meine Zwanziger vorbei sein: Das Kapitel ist für immer abgeschlossen. Das Gefühl, das ich dabei habe, erinnert mich an Silvester, wenn der Countdown läuft und ich nicht weiß, ob ich mir meine Kamera schnappen oder einfach den Augenblick leben soll. Meistens schnappe ich mir dann die Kamera und bereue es hinterher, wenn das Bild nichts geworden ist. Ich bin mächtig enttäuscht und denke mir, dass die Nacht mehr Spaß gemacht hätte, wenn sie nicht ganz so viel bedeutete, wenn ich nicht gezwungen wäre zu analysieren, was ich gemacht habe und wohin ich jetzt aufbreche.

Wie Silvester bedeutet die Nacht heute ein Ende und einen Anfang. Ich kann Enden und Anfänge nicht leiden. Ich würde es immer vorziehen, irgendwo in der Mitte herumzudümpeln. Das Schlimmste an diesem speziellen Ende (meiner Jugend) und Anfang (des mittleren Alters) besteht darin, dass mir zum ersten Mal im Leben klar wird: Ich weiß nicht, wohin die Reise geht. Meine Wünsche sind einfach. Ich will einen Job, der mir gefällt, und einen Typen, den ich liebe. Und am Vorabend meines dreißigsten Geburtstags muss ich der Tatsache ins Auge sehen, dass ich in dieser Hinsicht null von zwei Punkten zu verzeichnen habe.

Erstens: Ich bin Anwältin in einer großen New Yorker Firma. Das bedeutet per definitionem, dass es mir elend geht. Anwältin zu sein, ist einfach nicht so fetzig, wie es immer dargestellt wird – kein bisschen wie in L. A. Law, der Fernsehserie, die Anfang der neunziger Jahre die Anmeldungen zum Jurastudium wie eine Rakete nach oben schnellen ließ. Ich absolviere zermürbend lange Arbeitstage für einen niederträchtigen, anal fixierten Seniorpartner und bekomme hauptsächlich öde Aufgaben. Zudem beginnt irgendwann eine Art von Hass auf das, womit man seinen Lebensunterhalt verdient, an einem zu nagen. Also habe ich mir das Mantra der Juniorpartnerin eingeprägt: Ich hasse meinen Job, und ich werde bald kündigen. Sobald ich meine Kredite abbezahlt habe. Sobald ich den Bonus für das nächste Jahr kassiert habe. Sobald mir ein Job eingefallen ist, mit dem ich meine Miete bezahlen kann. Oder jemanden gefunden habe, der sie für mich bezahlt.

Was mich zu Punkt zwei bringt: Ich bin allein in einer Millionenstadt. Ich habe jede Menge Freunde, wie das stattliche Aufgebot heute Abend beweist. Freunde zum Inline-Skaten. Freunde, mit denen ich im Sommer in die Hamptons fahren kann. Freunde, mit denen ich mich donnerstagabends nach der Arbeit auf ein, zwei oder drei Drinks treffen kann. Und ich habe Darcy, meine beste Freundin aus der alten Heimat, auf die all das zutrifft. Aber jeder weiß, dass Freunde allein nicht reichen, auch wenn ich das oft behaupte, um bei meinen verheirateten und verlobten Freundinnen das Gesicht zu wahren. Ich hatte nicht vor, allein zu sein, wenn ich dreißig bin, nicht mal, wenn ich Anfang dreißig bin. Ich wollte mittlerweile verheiratet sein, und ich wollte in den Zwanzigern eine Braut sein. Aber ich habe gelernt, dass man sich nicht einfach seinen eigenen Fahrplan basteln und erwarten kann, dass er wahr wird. So stehe ich jetzt an der Schwelle eines neuen Jahrzehnts und erkenne, dass das Alleinsein die Dreißig beängstigend aussehen lässt und dass ich mich mit dreißig desto mehr allein fühle.

Die Situation wird dadurch noch trostloser, dass meine älteste und beste Freundin einen glamourösen PR-Job hat und frisch verlobt ist. Darcy ist immer noch ein Glückspilz. Ich sehe jetzt zu, wie sie einigen von uns, unter anderem ihrem Verlobten, eine Geschichte erzählt. Dex und Darcy sind ein erlesenes Paar, schlank und groß, mit dem gleichen dunklen Haar und grünen Augen. Sie gehören zu den Schönen New Yorks. Ein gepflegtes Paar, das im siebten Stock von Bloomingdale’s eine Hochzeitsliste mit feinem Porzellan und Kristall anlegen lässt. Ihre Selbstgefälligkeit ist dir zuwider, aber du musst sie unwillkürlich anstarren, während du im selben Stockwerk ein nicht allzu teures Geschenk für die x-te Hochzeit aussuchst, zu der du ohne Freund eingeladen bist. Du reckst den Hals, um einen Blick auf ihren Ring zu werfen, und sofort bereust du es. Sie merkt es nämlich und mustert dich geringschätzig von oben bis unten, und du wünschst dir plötzlich, du wärst nicht mit Turnschuhen zu Bloomingdale’s gegangen. Wahrscheinlich denkt sie, dass die Schuhe womöglich ein Teil deines Problems sind. Du kaufst dein Waterford-Väschen und machst, dass du rauskommst.

« Und daraus lernen wir Folgendes: Wenn man sich die Haare mit Wachs für Bikini-Mode der brasilianischen Art zupfen lassen will, muss man sich unbedingt klar ausdrücken. Man muss ihnen sagen, dass sie eine Landebahn lassen sollen, denn sonst ist man haarlos wie eine Zehnjährige!»Darcy ist mit ihrer unanständigen Geschichte fertig, und alle lachen. Nur Dex nicht – der schüttelt den Kopf, als wolle er sagen:«Was hab ich doch für eine unglaubliche Verlobte.»

« Okay. Ich bin gleich wieder da», sagt Darcy plötzlich.« Tequila für alle.»

Als sie sich von der Gruppe entfernt und zur Bar geht, denke ich an all die Geburtstage, die wir zusammen gefeiert haben, an die Wegmarken, die wir zusammen erreicht haben, Wegmarken, die ich immer als Erste erreicht habe. Ich hatte vor ihr meinen Führerschein, ich durfte vor ihr Alkohol trinken. Älter zu sein – wenn auch nur ein paar Monate –, war bislang immer gut. Aber jetzt hat das Blatt sich gewendet. Darcy hat noch einen Extrasommer in ihren Zwanzigern – ein Vorteil, wenn man im Herbst geboren ist. Nicht, dass es für sie so wichtig wäre. Für Verlobte oder Verheiratete ist Dreißigwerden einfach etwas anderes.

Darcy lehnt sich jetzt über die Bar und flirtet mit dem Möchtegern-Schauspieler/Bartender, einem Twentysomething, auf den sie«total abfahren»würde, wenn sie solo wäre; das hat sie mir schon erzählt. Als ob Darcy je solo wäre. Auf der High School hat sie mal gesagt:«Ich mache nicht Schluss, ich wechsle nur aus.»Da hat sie Wort gehalten, und sie war immer diejenige, die das Auswechseln übernommen hat. In unseren Teenagerjahren, auf dem College und die ganze Zeit in den Zwanzigern war sie immer mit jemandem zusammen. Und oft hat sie mehr als einen Typen, der ihr nachläuft und sich Hoffnungen macht.

Mir kommt der Gedanke, dass ich was mit dem Bartender anfangen könnte. Ich bin völlig ungebunden – habe seit zwei Monaten nicht mal mehr ein Date gehabt. Aber irgendwie ist es nicht das, was man mit dreißig machen sollte. One-Night-Stands sind was für Mädels in den Zwanzigern. Nicht, dass ich da persönliche Erfahrungen vorweisen könnte. Ich bin ordentlich und wohlerzogen meinen Weg gegangen, ohne irgendwelche Abweichungen vom ursprünglichen Plan. Ich habe erstklassige High-School-Zeugnisse bekommen, bin aufs College gegangen, habe meinen Abschluss mit Auszeichnung gemacht, bin ohne weiteres zum Studium zugelassen worden und gleich nach dem Jura-Examen in einer großen Anwaltsfirma untergekommen. Nicht mit dem Rucksack durch Europa, keine verrückten Geschichten, keine ungesunden, lustvollen Beziehungen. Keine Geheimnisse. Keine Intrigen. Und jetzt ist es anscheinend zu spät für all das. Weil dieser Kram mich nur weiter davon abhalten würde, einen Ehemann zu finden, mich niederzulassen, Kinder zu kriegen und ein glückliches Heim mit Rasen, Garage und einem Toaster, der vier Scheiben auf einmal toasten kann.

Und deshalb denke ich unruhig an meine Zukunft und ein bisschen reumütig an meine Vergangenheit. Ich sage mir, dass ich morgen auch noch Zeit zum Nachdenken habe. Jetzt will ich mich vergnügen. Für einen disziplinierten Menschen ist so was eine einfache Entscheidung. Und ich bin überaus diszipliniert – ich war ein Kind, das freitagnachmittags gleich nach der Schule seine Hausaufgaben gemacht hat, und bin eine Frau (denn von morgen an bin ich in keinerlei Hinsicht mehr ein Mädel), die sich jeden Abend mit Zahnseide die Zähne pflegt und jeden Morgen ihr Bett macht.

Darcy kommt mit dem Tequila zurück, aber Dex will seinen nicht haben, und deshalb besteht Darcy darauf, dass ich zwei trinke. Ehe ich mich versehe, kriegt der Abend etwas Verschwommenes – wie wenn man von«beschwipst»zu«betrunken»hinüberwechselt und den Überblick über die Zeit und den genauen Ablauf eines Abends verliert. Darcy hat diesen Punkt anscheinend schon erreicht, denn jetzt tanzt sie auf der Bar. Dreht und windet sich in einem kleinen roten Trägerkleidchen und auf dreizölligen Absätzen.

« Die stiehlt dir die Show auf deiner eigenen Party», tuschelt Hillary, meine beste Freundin in der Firma.« Sie ist schamlos.»

Ich muss lachen.«Ja. Aber das ist normal.»

Darcy stößt einen spitzen Schrei aus, verschränkt die Hände über dem Kopf und wirft mir einen Komm-her-Blick zu, der jedem Mann gefallen würde, der je von Girl-on-Girl-Action geträumt hat.«Rachel! Rachel! Komm her!»

Natürlich weiß sie, dass ich nicht kommen werde. Ich hab noch nie auf einem Tresen getanzt. Ich wüsste gar nicht, was ich da oben machen sollte – außer runterfallen. Ich schüttle den Kopf und lehne höflich lächelnd ab. Wir alle warten auf ihre nächste Aktion, die darin besteht, dass sie ihre Hüften im Takt der Musik schwenkt, sich langsam vorbeugt und dann den Oberkörper wieder hochschnellen lässt, sodass ihre langen Haare in alle Himmelsrichtungen fliegen. Das geschmeidige Manöver erinnert mich an ihre perfekte Imitation von Tawny Kitaen in dem Whitesnake-Video zu«Here I Go Again» – wie sie auf der Motorhaube des BMWs ihres Vaters herumrollte und Spagat machte, zum Entzücken der pubertierenden Nachbarsjungen. Ich werfe einen Blick zu Dex hinüber. Er weiß in solchen Augenblicken nie, ob er amüsiert oder ver ärgert sein soll. Zu behaupten, der Mann habe Geduld, wäre untertrieben. Das haben Dex und ich gemeinsam.

« Happy Birthday, Rachel!», schreit Darcy herüber.« Trinken wir alle auf Rachel!»

Was alle tun. Ohne den Blick von ihr zu wenden.

Im nächsten Augenblick fegt Dex sie von der Bar, wirft sie sich über die Schulter und bringt sie in einer einzigen fließenden Bewegung vor mir zu Boden. Offenbar tut er das nicht zum ersten Mal.«Okay», verkündet er,«ich bringe unsere kleine Partyplanerin nach Hause.»

Darcy grapscht ihr Glas von der Theke und stampft mit dem Fuß auf.«Du bist nicht mein Boss, Dex! Oder, Rachel?»

Während sie ihre Unabhängigkeit erklärt, stolpert sie und lässt ihren Martini auf Dex’ Schuhe schwappen.

Dex zieht eine Grimasse.«Du bist hinüber, Darcy. Das findet niemand mehr lustig außer dir.»

« Okay, okay. Ich gehe … Mir ist sowieso irgendwie schlecht», sagt sie und macht ein kränkelndes Gesicht.

« Wird’s noch gehen?»

« Ich schaff’s schon. Mach dir keine Sorgen», sagt sie und spielt jetzt die Rolle des tapferen kranken kleinen Mädchens.

Ich bedanke mich bei ihr für die Party, sage, es sei eine totale Überraschung gewesen – was gelogen ist, weil ich wusste, dass Darcy aus meinem Geburtstag Kapital schlagen würde, indem sie sich ein neues Outfit kauft, eine Riesensause veranstaltet und genauso viele eigene Freunde wie meine einlädt. Trotzdem war es nett von ihr, die Party zu organisieren – und ich bin froh, dass sie es getan hat. Sie ist eine Freundin, die einem bei allem das Gefühl gibt, dass es was Besonderes ist. Sie umarmt mich fest und sagt, sie würde alles für mich tun, und was würde sie nur ohne mich anfangen, ihre Trauzeugin, die Schwester, die sie nie hatte. Sie schwallt, wie immer, wenn sie zu viel getrunken hat.

Dex schneidet ihr das Wort ab.«Happy Birthday, Rachel. Wir unterhalten uns morgen.»Er gibt mir einen Kuss auf die Wange.

« Danke, Dex», sage ich.«Gute Nacht.»

Ich sehe zu, wie er sie nach draußen führt. Er hält sie sacht am Arm, nachdem sie am Randstein beinahe gefallen wäre. Oh, wenn man so einen Aufpasser hätte, denke ich. Hemmungslos trinken können und wissen, dass es jemanden gibt, der dich wohlbehalten nach Hause bringt.

Kurz darauf erscheint Dex wieder in der Bar.«Darcy hat ihre Tasche verloren. Sie glaubt, sie hat sie hier liegen lassen. Sie ist klein und silbern», sagt er.«Hast du sie gesehen?»

« Sie hat ihre neue Chanel-Tasche verloren?»Ich schüttle den Kopf und muss lachen, denn es ist typisch Darcy, Sachen zu verlieren. Meistens habe ich ein Auge darauf, aber an meinem Geburtstag habe ich dienstfrei. Trotzdem helfe ich Dex beim Suchen und finde die Tasche schließlich unter einem Barhocker.

Als er gehen will, überredet ihn sein Freund Marcus, einer seiner Trauzeugen, noch ein bisschen zu bleiben.« Komm schon, Mann. Einer geht noch.»

Dex ruft Darcy an, und sie gibt lallend ihre Zustimmung und sagt, er soll sich ohne sie amüsieren. Obwohl sie wahrscheinlich nicht glaubt, dass so etwas möglich ist.

Nach und nach machen sich meine Freunde mit einem letzten Glückwunsch auf den Heimweg. Dex und ich überdauern sie alle, sogar Marcus. Wir sitzen an der Bar und machen Konversation mit dem Bartender /Schauspieler; er hat ein«Amy»-Tattoo und null Interesse an einer alternden Anwältin. Es ist schon nach zwei, als wir finden, dass es Zeit zum Gehen ist. Die Nacht draußen ist eher mittsommerlich als frühlingshaft, und die warme Luft gibt mir plötzlich neue Hoffnung: Dies ist der Sommer, in dem ich den Mann meines Herzens kennen lerne.

Dex winkt mir ein Taxi heran, aber als es anhält, sagt er:«Wie wär’s mit ’ner anderen Bar? Noch einen Drink?»

« Okay», sage ich.«Warum nicht?»

Wir steigen beide ein, und er sagt dem Fahrer, er soll schon mal losfahren; er muss noch überlegen, wohin. Wir landen in Alphabet City in einer Bar in der Nähe des Tompkins Square Park, Ecke 7th und Avenue B. Sie trägt den passenden Namen«7B».

Ein Szeneladen ist es nicht – das«7B»ist schmuddelig und verraucht. Mir gefällt es trotzdem – es sieht nicht gelackt aus, und es ist keine Bruchbude, die cool sein will, weil sie nicht gelackt aussieht. Dex deutet auf ein Séparée.«Nimm schon mal Platz. Ich komme gleich.»Dann dreht er sich um.«Was kann ich dir bringen?»

Ich sage ihm, dass ich trinke, was er trinkt, und dann setzte ich mich in die Nische und warte. Er sagt etwas zu einem Mädchen an der Bar. Sie trägt eine armeegrüne Cargo-Hose und ein Tanktop mit der Aufschrift« Fallen Angel». Sie lächelt und schüttelt den Kopf. Im Hintergrund läuft Omaha, ein Song, der irgendwie melancholisch und fröhlich zugleich klingt.

Einen Augenblick später rutscht Dex mir gegenüber auf die Bank und schiebt mir ein Bier herüber.«Newcastle», sagt er. Dann lächelt er und kriegt kleine Fältchen um die Augen.«Magst du?»

Ich nicke und lächle.

Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Fallen Angel sich auf dem Barhocker umdreht und Dex taxiert, seine gemeißelten Züge, das wellige Haar, die vollen Lippen. Darcy hat sich mal darüber beklagt, dass Dex mehr Blicke auf sich zieht und Leute stutzen lässt als sie. Aber anders als sein weibliches Gegenstück scheint Dex diese Aufmerksamkeit nicht zu bemerken. Fallen Angel richtet ihren Blick jetzt auf mich und fragt sich wahrscheinlich, was Dex mit einer so durchschnittlichen Person anfangen kann. Hoffentlich hält sie uns für ein Paar. Heute Nacht braucht niemand zu wissen, dass ich bloß zu den Hochzeitsgästen gehöre.

Dex und ich reden über unsere Jobs und unseren gemeinsamen Urlaub in den Hamptons, der in einer Woche anfängt, und über eine Menge andere Sachen. Aber Darcy wird nicht erwähnt und die für September geplante Hochzeit auch nicht.

Als wir unser Bier ausgetrunken haben, gehen wir zur Jukebox, stopfen sie mit Dollars voll und suchen nach guten Stücken. Ich drücke zweimal Thunder Road, weil das mein Lieblingssong ist, wie ich ihm sage.

« Yeah. Springsteen ist auch für mich die Nummer eins. Hast du ihn schon mal live gesehen?»

« Ja», sage ich.«Zweimal. Born in the USA und Tunnel of Love.»

Fast hätte ich ihm erzählt, dass ich mit Darcy während der High-School-Zeit da war – habe sie mitgeschleift, obwohl sie viel mehr auf Gruppen wie Poison und Bon Jovi stand. Aber ich halte den Mund. Denn sonst wird er sich daran erinnern, dass er zu ihr nach Hause gehen sollte, und ich will in den letzten schwindenden Augenblicken meines Daseins als Twentysomething nicht allein sein. Natürlich wäre ich lieber mit einem Geliebten hier, aber Dex ist besser als nichts.

Im«7B»werden die letzten Bestellungen angenommen. Wir holen uns noch zwei Bier und gehen zurück in unsere Nische. Etwas später sitzen wir wieder im Taxi und fahren auf der First Avenue nordwärts. Dex sagt dem Fahrer, dass er zweimal halten muss, weil wir an gegenüberliegenden Seiten des Central Park wohnen. Er hält Darcys Tasche fest, und sie sieht in seinen großen Händen klein und deplatziert aus. Ich werfe einen Blick auf das silberne Zifferblatt seiner Rolex. Ein Geschenk von Darcy. Es ist kurz vor vier.

Zehn oder fünfzehn Blocks weit sitzen wir schweigend nebeneinander, und jeder schaut aus seinem Fenster  – bis das Taxi durch ein Schlagloch oder über eine Delle fährt, sodass ich in die Mitte des Rücksitzes geschleudert werde. Mein Bein berührt seins. Und plötzlich, aus heiterem Himmel, küsst Dex mich. Oder vielleicht küsse ich ihn. Irgendwie küssen wir uns jedenfalls. Ich denke an nichts mehr und lausche den sanften Geräuschen unserer Lippen, die sich immer wieder berühren. Irgendwann klopft Dex an die Plexiglastrennwand und sagt dem Fahrer zwischen zwei Küssen, dass er doch nur einmal zu halten braucht.

Wir halten Ecke 3rd und 73rd, wo mein Apartment ist. Dex gibt dem Fahrer einen Zwanziger und wartet nicht auf das Wechselgeld. Wir stolpern aus dem Taxi und küssen uns auf dem Gehweg und dann vor José, meinem Portier. Wir küssen uns während der ganzen Aufzugfahrt. Ich stehe an die Aufzugwand gepresst, und meine Hände umfassen seinen Hinterkopf. Ich bin überrascht, wie weich sein Haar ist.

Ich fummle mit dem Schlüssel und drehe ihn falsch herum im Schloss, während Dex die Arme um meine Taille schlingt und mit den Lippen meinen Hals und meine Wange berührt. Endlich kriege ich die Tür auf, und wir küssen uns mitten in meinem Ein-Zimmer-Apartment, aufrecht stehend und aneinander gelehnt. Wir stolpern hinüber zu meinem stramm gemachten Bett.

« Bist du betrunken?»Seine Stimme ist ein Flüstern im Dunkeln.

« Nein», sage ich. Denn man sagt immer Nein, wenn man betrunken ist. Und obwohl ich es bin, habe ich einen klaren Augenblick, in dem ich mir überlege, was mir in meinen Zwanzigern gefehlt hat und was ich mir für die Dreißiger wünsche. Mir wird klar, dass ich in dieser bedeutungsvollen Geburtstagsnacht in gewissem Sinne beides haben kann. Dex kann mein Geheimnis sein, meine letzte Chance, ein dunkles Kapitel als Twentysomething zu erleben, und er kann auch eine Art Vorspiel sein – die Verheißung, dass einer wie er kommen wird. Darcy kommt mir in den Sinn, aber sie wird zurückgedrängt und überwältigt von einer Macht, die stärker ist als unsere Freundschaft und mein Gewissen. Dex schiebt sich auf mich. Meine Augen sind zu, dann offen, dann wieder zu.

Und dann schlafe ich plötzlich mit dem Verlobten meiner besten Freundin.

Ich wache auf, weil das Telefon klingelt, und eine Sekunde lang weiß ich in meiner eigenen Wohnung nicht, wo ich bin. Dann höre ich Darcys hohe Stimme auf meinem Anrufbeantworter, und sie drängt mich: Nimm ab, nimm ab, bitte nimm ab. Jäh steht mir unser Verbrechen vor Augen. Ich fahre zu hastig hoch, und mein Apartment dreht sich. Dex hat mir den muskulösen, sparsam mit Sommersprossen gesprenkelten Rücken zugewandt. Ich stoße ihn hart mit dem Finger an.

Er dreht sich um und schaut mich mit einem offenen Auge an.«O Gott! Wie spät ist es?»

Mein Radiowecker sagt uns, dass es viertel nach sieben ist. Ich bin seit zwei Stunden dreißig. Ich korrigiere: seit einer Stunde. Ich bin in einer anderen Zeitzone geboren.

Dex springt auf und rafft seine Sachen zusammen, die zu beiden Seiten meines Bettes verstreut liegen. Der Anrufbeantworter piept zweimal und hängt Darcy ab. Sie ruft wieder an und erzählt drauflos, dass Dex nicht nach Hause gekommen ist. Wieder schneidet die Maschine ihr mitten im Satz das Wort ab. Sie ruft ein drittes Mal an und heult:«Wach auf und ruf mich an! Ich brauche dich!»

Ich will aufstehen und merke, dass ich nackt bin. Ich setze mich wieder hin und bedecke mich mit einem Kissen.

« Ogottogott! Was machen wir jetzt?»Meine Stimme ist heiser und zittrig.«Soll ich rangehen? Ihr sagen, dass du hier gepennt hast?»

« Nein, verflucht! Geh nicht ran – lass mich einen Augenblick nachdenken.»Er setzt sich in Boxershorts auf die Bettkante und reibt sich das Kinn, das jetzt einen Bartschatten hat.

Ernüchterndes, Übelkeit erregendes Entsetzen überkommt mich. Ich fange an zu weinen. Was nie hilft.

« Komm … Rachel … nicht weinen», sagt Dex.«Das kriegen wir hin.»

Er zieht seine Jeans an und dann sein Hemd. Routiniert stopft er es in die Hose, schließt Reißverschluss und Knöpfe, als wäre dies ein ganz gewöhnlicher Morgen. Dann wirft er einen Blick auf sein Handy.«Scheiße. Zwölf Anrufe», stellt er sachlich fest. Nur seinen Augen sieht man die Verzweiflung an.

Als er angezogen ist, setzt er sich wieder auf die Bettkante und stützt die Stirn auf die Hände. Ich höre, wie er schwer durch die Nase atmet. Ein und aus. Ein und aus. Dann schaut er zu mir herüber, ganz gefasst.« Okay. Folgendes wird passieren. Rachel, sieh mich an.»

Ich gehorche und halte immer noch mein Kissen umklammert.

« Es wird alles gut gehen. Hör einfach zu», sagt er, als rede er in einem Konferenzzimmer mit einem Klienten.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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