Fremde Tochter - Michel Bussi - E-Book

Fremde Tochter E-Book

Michel Bussi

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Beschreibung

Ein tragischer Unfall – hat nur sie überlebt?

1989. Wie jedes Jahr verbringt die 15-jährige Clothilde die Ferien mit ihrer Familie auf Korsika. Doch dann geschieht das Unfassbare: Ihr Vater verliert auf einer Küstenstraße die Kontrolle über den Wagen, und sie stürzen in die Tiefe – nur Clothilde überlebt.

27 Jahre später wagt Clothilde es, gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer Tochter nach Korsika zurückzukehren. Dann erhält sie einen Brief, den nur eine Person geschrieben haben kann: ihre Mutter. Wer außer ihr wusste noch von den Ereignissen des Unglückssommers?

Auf ihrer Suche nach der Wahrheit erfährt Clothilde von Geheimnissen, die manche der Inselbewohner lieber im Verborgenen wüssten. Und plötzlich gerät ihre Familie erneut in Gefahr ...

„Die Geschichte eines tragischen Sommers. Absolut empfehlenswert.“ marie claire.

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Seitenzahl: 611

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Über Michel Bussi

Michel Bussi, geboren 1965, Politologe und Geograph, lehrt an der Universität in Rouen. Er ist einer der drei erfolgreichsten Autoren Frankreichs. Seine Romane wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und sind internationale Bestseller. Bei Rütten und atb liegen seine Romane »Das Mädchen mit den blauen Augen«, »Die Frau mit dem roten Schal«, »Beim Leben meiner Tochter« und »Das verlorene Kind« vor.Mehr zum Autor unter www.michel-bussi.fr

Informationen zum Buch

Ein tragischer Unfall – hat nur sie überlebt

1989. Wie jedes Jahr verbringt die 15-jährige Clothilde die Ferien mit ihrer Familie auf Korsika. Doch dann geschieht das Unfassbare: Ihr Vater verliert auf einer Küstenstraße die Kontrolle über den Wagen, und sie stürzen in die Tiefe – nur Clothilde überlebt.

27 Jahre später wagt Clothilde es, gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer Tochter nach Korsika zurückzukehren. Dann erhält sie einen Brief, den nur eine Person geschrieben haben kann: ihre Mutter. Wer außer ihr wusste noch von den Ereignissen des Unglückssommers? Auf ihrer Suche nach der Wahrheit erfährt Clothilde von Geheimnissen, die manche der Inselbewohner lieber im Verborgenen wüssten. Und plötzlich gerät ihre Familie erneut in Gefahr.

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Michel Bussi

Fremde Tochter

Aus dem Französischen von Eliane Hagedorn und Barbara Reitz

Roman

Inhaltsübersicht

Über Michel Bussi

Informationen zum Buch

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Kapitel 1

I La Revellata

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

II Sainte-Rose

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

III Sempre giovanu

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Danksagung

Anhang

Anmerkungen

Impressum

Für die Freunde aus der Jugend, die man sein Leben lang behält

Kapitel 1

Schäferei von Arcanu, 23.August 1989

Clotilde? Clo?«

Tú me estás dando mala vida.

Genervt schob Clotilde die Kopfhörer nach hinten. Manu Chaos Stimme und die Musik von Mano Negra waren in der flirrenden Hitze jetzt kaum lauter als das Zirpen der Grillen.

»Ja?«

»Wir wollen los …«

Clotilde seufzte, ohne sich von der Bank, auf der sie saß, zu erheben – ein in zwei Hälften geschlagener Baumstamm, dessen raue Oberfläche sie an den Pobacken kratzte. Das störte sie nicht. Sie mochte diese entspannte, fast schon provozierend lässige Haltung, die Steine, die sich im Rücken durch ihr Leinenkleid bohrten, die Rinde und die Späne, die ihr die Oberschenkel zerkratzten, wenn sie ihre Beine zum Rhythmus der Lieder von Mano Negra bewegte. Ihr Tagebuch auf den Knien, den Stift in der Hand saß sie zusammengekrümmt da.

Sie war anders. Frei.

Stand im krassen Gegensatz zur Familie ihres Vaters, die durch und durch steif, korsisch und verklemmt war. Sie drehte die Musik lauter.

Se la traga mi corazón.

Diese Band war einfach göttlich! Clotilde schloss die Augen und öffnete leicht den Mund. Sie hätte alles dafür gegeben, in der ersten Reihe eines Konzerts von Mano Negra zu stehen, dreißig Zentimeter größer, drei Jahre älter und drei Körbchengrößen mehr zu haben. Und dann, im engen T-Shirt, vor der Nase der Gitarristen ausgelassen zu tanzen.

Sie öffnete die Augen. Nicolas stand noch immer vor ihr. Genervt.

»Clotilde, wir warten alle nur auf dich. Papa fährt nicht eher …«

Nicolas war achtzehn, drei Jahre älter als sie. Später einmal würde er Rechtsanwalt werden. Oder irgendein hohes Tier bei der Gewerkschaft. Oder Chef-Unterhändler bei der GSG 9, der Typ, der mit den Bankräubern verhandelt, um die Geiseln frei zu bekommen.

Nicolas liebte es, sich schwierigen Herausforderungen zu stellen. Sich ins Getümmel zu stürzen, Schläge zu kassieren und wegzustecken. Das gab ihm vermutlich das Gefühl, stärker, vernünftiger, zuverlässiger zu sein als die anderen. Bestimmt würde ihm das sein Leben lang nützlich sein.

Clotilde wandte den Blick ab und sah kurz zum Doppelmond vor der Küste der Halbinsel La Revellata hinüber, der eine war von Wolken umhüllt, der andere strahlte am dunklen Firmament – als wären die zwei auf der Flucht vor dem Lichtkegel des Leuchtturms. Sie zögerte, die Augen erneut zu schließen. Im Grunde war es überhaupt nicht schwer, sich woandershin zu beamen.

Aber nein, sie musste die Augen offen halten, die letzten Minuten auskosten, sie in ihrem Heft festhalten, ehe ihr Traum sich verflüchtigte. Die Worte zu Papier bringen. Sofort. Unbedingt.

Mein Traum findet ganz in der Nähe statt, aber erst in der Zukunft, am Strand von L’Oscelluccia. Ich erkenne die Felsen, denSand, die Form der Bucht wieder, sie sehen immer noch gleich aus. Aber ich habe mich verändert, ich bin älter geworden.

Wie lange mochte das jetzt gedauert haben? Zwei Minuten? Die Zeit, in der sie noch ein paar Zeilen schrieb, die Zeit, in der Rock Island Line lief. Die Songs von Mano Negra dauern nie lange.

Aber Papa hatte es als Provokation empfunden. Dabei war es gar keine. Nicht dieses Mal. Dennoch packte er sie am Arm.

Clotilde spürte, wie die Kopfhörer runterrutschten, der rechte verfing sich in einer Strähne ihrer schwarzen gegelten Haare. Ihr Stift fiel auf den staubigen Boden. Das Heft blieb auf der Bank liegen, ohne dass sie noch danach hätte greifen, es in ihre Tasche packen, es wenigstens verstecken können.

»Papa, du tust mir weh, verdammt …«

Er antwortete nicht. Ruhig. Kalt. Abweisend. Wie immer, wenn er sauer war … Ein im Mittelmeer gestrandetes Stück Packeis.

»Beeil dich, Clotilde. Wir fahren nach Prezzuna. Alle warten nur noch auf dich.«

Papas behaarte Hand umklammerte ihr Handgelenk, zog daran. Sie konnte nur hoffen, dass Oma Lisabetta ihr Tagebuch und die anderen, im Schafstall herumliegenden Sachen einsammeln würde. Ohne das Heft zu öffnen, ohne es zu lesen. Und es ihr dann morgen zurückgeben würde. Aber Oma konnte sie vertrauen.

Zumindest ihr …

Papa zerrte sie ein paar Meter hinter sich her, dann schob er sie unsanft vor sich her. Im Hof der Schäferei, um den großen Tisch mit leeren Weinflaschen und Sträußen von verblühten gelben Rosen versammelt, sah ihr die ganze Familie dabei mit versteinerten Gesichtern zu. Opa Cassanu, Oma Lisabetta, alle …

Sie wirkten, als kämen sie geradewegs aus dem Wachsfigurenkabinett. Korsische Abteilung, Napoleons unbekannte Cousins.

Clotilde musste sich zusammenreißen, um nicht in schallendes Gelächter auszubrechen.

Nie hätte Papa die Hand gegen sie erhoben, das wusste sie, aber die Ferien dauerten noch ganze fünf Tage. Sie durfte es jetzt nicht zu weit treiben, nicht zu unverschämt sein, wenn sie nicht wollte, dass ihr Walkman, ihre Kopfhörer und ihre Kassetten vor der Küste der Halbinsel La Revellata im Wasser landeten, wenn sie ihr Tagebuch zurückhaben, Natale wiedersehen, vielleicht sogar Orophin, Idril und ihren Kindern noch einmal begegnen, wenn sie genügend Freiheit haben wollte, um Nicolas’ und Maria-Chjaras Bande nachspionieren zu können.

Ohne zu trödeln, trottete sie gehorsam zum Auto.

Programmänderung also, sie fuhren nach Prezzuna.

Dann würde sie halt ganz brav zu dem Konzert in dieser gottverlassenen Kapelle gehen und dem traditionellen mehrstimmigen Gesang lauschen, gemeinsam mit Papa, Maman und Nicolas. Einen Abend zu opfern war in Ordnung. Allerdings war es schwerer zu verkraften, dafür ihre Selbstachtung über Bord zu werfen.

Sie sah noch, wie Opa Cassanu sich erhob und Papa eindringlich ansah, als dieser ihm signalisierte, dass alles in Ordnung sei. Der Blick ihres Großvaters machte ihr Angst. Mehr als sonst.

Der Renault Fuego war am Fuße des Hügels geparkt, auf dem Weg nach La Revellata. Maman und Nicolas saßen bereits im Auto. Ihr Bruder rutschte mit einem gequälten Lächeln zur Seite, um ihr auf dem Rücksitz Platz zu machen. Auch ihn nervte dieses Konzert in einer Kirche irgendwo in der Pampa, diese Obsession ihres Vaters.

Es musste ihn sogar mehr als sie stören. Aber Nicolas war zu beherrscht, um sich etwas anmerken zu lassen. Später, nach seinem Abschluss in Krisenmanagement, würde er vielleicht sogar Präsident von Frankreich werden, so wie Mitterrand, sieben Jahre lang klaglos lernen, sich ein dickes Fell zuzulegen, um sich am Ende problemlos wiederwählen zu lassen … just for fun, nur um in den darauffolgenden sieben Jahren noch mehr einzustecken.

Papa fuhr schnell. Wie so oft, seit er sich den roten Fuego gekauft hatte. Wie so oft, wenn er sich über etwas aufregte. Ein stiller Wutausbruch. Maman legte hin und wieder ihre Hand auf sein Knie oder seine Hand, wenn er schaltete. Er war der Einzige, der dieses elende Konzert hören wollte. In seinem Kopf überschlugen sich sicher die Gedanken – diese undankbaren Kinder, seine Frau, die sie auch noch verteidigte, die vergessenen korsischen Wurzeln, ihre Kultur, ihr Name, dem sie etwas schuldig waren. Er dagegen immer tolerant und geduldig. Es ging doch nur um dieses eine Mal, nur um diesen einen Abend, das ist ja wohl nicht zu viel verlangt, verdammt noch mal!

Eine Kurve nach der anderen. Clotilde hatte sich wieder die Kopfhörer aufgesetzt. Auf diesen Küstenstraßen hatte sie selbst bei Tag immer ein wenig Angst, wenn ihnen ein Auto oder ein Wohnwagen entgegenkam. Bei der Geschwindigkeit, mit der ihr Vater fuhr – sei es, um sich abzureagieren, um nicht zu spät zu kommen oder um in seiner Kapelle unter Kastanien in der ersten Reihe zu sitzen –, wäre es aus und vorbei, wenn jetzt eine Ziege, ein Wildschein oder irgendein anderes frei laufendes Tier ihren Weg kreuzte …

Aber es war kein Tier gewesen. Zumindest hatte Clotilde keins gesehen. Und dafür sollte es auch später nicht den geringsten Hinweis geben. Obwohl die Polizei es natürlich in Betracht gezogen hatte.

Es war eine enge Kurve am Ende einer langen geraden Strecke, hinter der Halbinsel La Revellata, eine Kurve oberhalb einer zwanzig Meter tiefen Felsschlucht namens Petra Coda.

Bei Tag war die Aussicht schwindelerregend.

Der Fuego rammte mit voller Wucht das hölzerne Geländer.

Die drei Planken, die die Straße vom Abgrund trennten, taten, was sie konnten. Sie verbogen sich unter der Wucht des Aufpralls, zerstörten die Scheinwerfer, bohrten sich in die Stoßstange.

Dann gaben sie nach.

Die Geschwindigkeit des Fahrzeugs wurde durch sie kaum gebremst. Sie fuhren einfach geradeaus weiter, genauso wie in diesen Comics, in denen der Held ins Leere läuft, stehen bleibt, erst verdutzt, dann plötzlich in Panik auf seine Füße hinabsieht … und wie ein Stein in die Tiefe stürzt.

Clotilde spürte es. Dass das Auto keine Bodenhaftung mehr hatte. Dass die reale Welt um sie her verschwand. Wie eine Schwachstelle in einer Argumentationskette, etwas, das nicht passieren darf, nicht in echt, nicht ihnen, nicht ihr.

All das schoss ihr im Bruchteil einer Sekunde durch den Kopf, ehe die Wirklichkeit um sie her explodierte. Ehe der Fuego zunächst gegen die Felsen krachte und sich dann noch zwei weitere Male überschlug.

Der Brustkorb und der Kopf ihres Vaters wurden gegen das Lenkrad geschmettert, als der Wagen gegen den Fels prallte. Der Kopf ihrer Mutter wurde zertrümmert, als sich beim zweiten Überschlag eine Felsspitze durch das Fenster bohrte. Beim dritten Überschlag wurde das Dach aufgerissen.

Dann der letzte Aufprall.

Der Fuego landete in einem instabilen Gleichgewicht zehn Meter über dem ruhigen Meer.

Es wurde still.

Nicolas saß neben ihr. Aufrecht. Angeschnallt.

Er würde niemals Präsident werden, nicht einmal Personalvertreter in irgendeiner kleinen Klitsche. Sein Leben war einfach ausradiert worden. Zwischen die Fronten geraten, wie er sagen würde. Dass ich nicht lache! Ein kleiner Spatz, zermalmt vom Maul eines Monsters. Sein schlaksiger Körper vernichtet durch ein geborstenes Dach.

Die Augen geschlossen. Für immer woanders.

Eins, zwei, drei. Vorhang!

Eigenartigerweise hatte Clotilde so gut wie keinen Kratzer davongetragen. Die Polizei erklärte später, dass das dreimalige Überschlagen des Fahrzeugs jeweils einen Insassen getötet hatte. Wie ein Mörder, in dessen Revolver nur drei Kugeln steckten.

Sie war klein und wog kaum mehr als vierzig Kilo. Sie schlüpfte durch das zerborstene Autofenster hindurch, ohne auch nur zu spüren, wie die Glassplitter ihr Arme und Beine zerkratzten, ihr Kleid zerrissen. Sie kroch instinktiv hinaus, über die glitschigen Steine, auf denen sie eine rote Spur hinterließ.

Aber sie entfernte sich nicht von der Unfallstelle, sondern setzte sich einfach hin und starrte auf die Mischung von Blut und Benzin, die von den Leichen und dem zerfetzten Metall herabtropfte, auf das Gehirn, das aus ihren Schädeln quoll. So fanden sie die Polizisten, die Feuerwehrleute und die Sanitäter, die rund zwanzig Minuten später eintrafen.

Clotilde hatte ein gebrochenes Handgelenk, drei angeknackste Rippen, ein gestauchtes Knie … Sonst nichts.

Ein Wunder.

»Ihnen fehlt nichts«, hatte der alte Arzt bestätigt, der sich im Schein der zuckenden Blaulichter über sie beugte.

Nichts.

Mehr war ihr nicht geblieben.

Die Leichen von Papa, Maman und Nicolas wurden in große weiße Müllsäcke gepackt. Menschen liefen mit gesenkten Köpfen zwischen den Felsen umher, als suchten sie nach weiteren verstreuten Teilen von ihnen.

»Sie müssen leben, Mademoiselle«, hatte ein junger Polizist zu ihr gesagt, als er ihr eine silberfarbene Rettungsdecke um die Schultern legte. »Sie müssen für sie leben. Damit sie nicht vergessen werden.«

Sie hatte diesen Idioten angestarrt, wie einen Priester, der vom Paradies faselt.

Erst viel später merkte sie, dass er irgendwie recht hatte. Selbst die schlimmsten Erinnerungen verflüchtigen sich nach und nach – wenn man sie unter anderen, unter vielen anderen Erinnerungen begräbt. Auch unter solchen, die einem schier das Herz zerreißen, oder denen, die sich für immer ins Gedächtnis gebrannt haben, ja besonders unter den intimsten.

Weil sich für sie niemand interessiert.

Siebenundzwanzig Jahre später

I La Revellata

Kapitel 2

12.August 2016

»Hier ist es.«

Clotilde legte das Sträußchen aus zartlila Feldthymian auf der eisernen Balustrade ab. Sie hatte Franck gebeten, etwas weiter oben zu halten, um es im Ginster zwischen den Felsen von Petra Coda pflücken zu können.

So viel, dass es für drei reichte.

Franck legte ebenfalls einen Strauß nieder, ließ dabei aber die Straße keine Sekunde aus den Augen. Ihr VW Passat stand mit eingeschaltetem Warnblinklicht am Rand.

Valentine beugte sich als Letzte hinab, wobei man ihr deutlich ihren Widerwillen anmerkte.

Alle drei standen sie da, direkt vor dem zwanzig Meter tiefen Abgrund. Unablässig versuchte das zwischen den Klippen tosende Meer den roten Felsen, in deren Ritzen braune Algen wie Altersflecken klebten, sein Blau aufzuzwingen.

Clotilde drehte sich zu ihrer Tochter um. Mit ihren fünfzehn Jahren überragte Valentine sie bereits um gut fünfzehn Zentimeter. Sie trug eine oberhalb der Knie abgeschnittene Jeans und ein House of Cards-T-Shirt. Nicht unbedingt das passende Outfit, um an einer Gedenkstätte Blumen niederzulegen und eine Schweigeminute zu halten.

Clotilde übersah es einfach. Ihre Stimme wurde sanft, als sie sagte: »Hier ist es passiert, Valentine. Hier sind dein Opa und deine Oma gestorben. Und auch dein Onkel Nicolas.«

Valentines Blick war in die Ferne, auf einen Jetski gerichtet, der vor der Küste an der Spitze der Halbinsel La Revellata durch die Wellen pflügte. Franck, ans Geländer gelehnt, sah zum Warnblinklicht seines Passats hinüber.

Die Zeit dehnte sich, als würde sie durch die Hitze in die Länge gezogen. Die Sonne verflüssigte die Sekunden, die langsam dahinsickerten. Als ein Auto dicht an ihnen vorbeifuhr, spürten sie die abstrahlende Wärme des Motors. Der Mann, der mit nacktem Oberkörper am Steuer saß, sah erstaunt zu ihnen hinüber.

Seit jenem Sommer 1989 war Clotilde nicht mehr hier gewesen.

Doch viele tausende Male hatte sie an diesen Ort, an genau diesen Moment gedacht. Was sie im Angesicht des Abgrunds sagen, an was sie denken würde. Wenn die Erinnerungen wieder hochkämen. An die Art und Weise, wie sie diese Wallfahrt zelebrieren wollte. Wie eine Würdigung. Ein gemeinsames Erlebnis.

Und nun machten die beiden ihr alles kaputt!

Clotilde hatte sich enge Verbundenheit und behutsam gestellte Fragen ausgemalt, starke, mit Franck und Valentine geteilte Emotionen. Und nun standen sie hier ans Geländer gedrückt, als hätten sie bloß eine Reifenpanne und würden genervt auf den Abschleppwagen warten.

Aber noch wollte Clotilde nicht aufgeben.

»Dein Großvater hieß Paul, deine Großmutter Palma.«

»Ja, Maman …«

Schönen Dank auch, Valentine! Bist wirklich ein cooles Mädchen!

Ihre Tochter hatte ihr »ich weiß« ein wenig zu sehr gedehnt, so dass es ihrer Standardantwort bei alltäglichen Ermahnungen glich.

Räum deine Sachen auf. Mach dein Handy aus. Krieg gefälligst deinen Hintern hoch.

Ihre übliche Minimalleistung an Entgegenkommen …

Ja, Maman…

Okay, Valou, dachte Clotilde. Okay, das ist jetzt vielleicht nicht der lustigste Augenblick deiner Ferien. Okay, ich gehe euch mit diesem Unfall, der beinahe dreißig Jahre zurückliegt, auf die Nerven. Aber verdammt noch mal, ich habe immerhin fünfzehn Jahre damit gewartet, dich hierher mitzunehmen! Damit du groß genug bist, um zu verstehen, und weil ich dich mit dieser Geschichte nicht zu früh belasten wollte.

Der Jetski war verschwunden. Oder es hatte ihn eine Welle erwischt und er war untergegangen.

»Gehen wir?«, fragte Valentine.

Diesmal sogar ohne sich die geringste Mühe zu geben, ihre Unlust zu kaschieren.

»Nein!«

Clotilde war laut geworden. Zum allerersten Mal ließ Franck seinen Passat aus den Augen, der ihm noch immer aufdringlich zuzwinkerte.

Nein! wiederholte Clotilde innerlich. Seit fünfzehn Jahren halte ich durch, fünfzehn Jahre lang habe ich versucht, dem allen aus dem Weg zu gehen, habe versucht, jegliche Andeutung dessen, was passiert ist, zu vermeiden. Zwanzig Jahre habe ich die Coole gemimt, mein lieber Franckie, habe mich nie beklagt. Zwanzig Jahre lang war ich die mit dem heiteren Lächeln, die ein wenig verrückte, immer lustige Person, die alles auf die leichte Schulter nimmt, die die Einzelteile wieder zusammenfügt, diejenige, die Frieden stiftet und euch sicher durch den Alltag schifft, mit einem Lied auf den Lippen, damit es euch nicht langweilig wird.

Und was verlange ich im Gegenzug von euch? Nur läppische fünfzehn Minuten! Fünfzehn Minuten eurer zweiwöchigen Ferien! Fünfzehn Minuten von deinen fünfzehn Lebensjahren, meine Große! Fünfzehn Minuten von unserer zwanzigjährigen Liebesbeziehung, mein Schatz!

Fünfzehn Minuten für alles, was ich euch gegeben habe, eine Viertelstunde Mitgefühl für meine Kindheit, die genau hier endete, an diesen Felsen, denen das völlig egal ist, die all das vergessen haben und auch noch in tausend Jahren da sein werden. Fünfzehn Minuten eines ganzen Lebens, ist das zu viel verlangt?

Sie gestanden ihr zehn zu.

»Gehen wir, Papa?«, fragte Valentine.

Franck nickte, und sie marschierte am Geländer entlang zurück zum Passat. Valentines Flip-Flops schmatzten auf dem Asphalt.

Franck drehte sich zu Clotilde um. »Ich weiß, Clotilde, ich weiß. Aber du musst Valou verstehen. Sie hat deine Eltern überhaupt nicht gekannt. Ich auch nicht. Sie sind vor siebenundzwanzig Jahren gestorben. Sie waren schon beinahe zehn Jahre tot, als wir beide uns kennenlernten, und fast fünfzehn, als Valou geboren wurde. Für sie sind sie …« Er zögerte, wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. »Sie … sind nicht Teil ihres Lebens.«

Clotilde antwortete nicht.

Es wäre ihr lieber gewesen, Franck hätte den Mund gehalten und sie die letzten fünf Minuten in Ruhe gelassen.

In ihrem Kopf tauchte der Vergleich mit Francks Eltern auf, mit Oma Jeanne und Opa André, bei denen sie jeden Monat ein Wochenende verbrachten und die Valou bis zu ihrem zehnten Lebensjahr jeden Mittwoch gehütet hatten. Bei ihnen verkroch sie sich noch immer, wenn etwas nicht nach ihrem Willen ging.

»Sie ist zu jung, um das zu verstehen, Clotilde.«

Zu jung…

Clotilde nickte, um ihm zu zeigen, dass sie seiner Meinung war. Dass sie ihm zuhörte. Wie immer. Wie so oft. Immer seltener. Dass sie seinen vorgefassten Lösungen widerspruchslos zustimmte.

Franck schlug die Augen nieder und ging nun seinerseits zum Passat hinüber.

Clotlide rührte sich nicht. Noch nicht.

Zu jung…

Hunderte Male hatte sie das Für und Wider abgewogen.

Sollte sie besser nichts sagen, ihre Tochter mit dieser alten Geschichte in Ruhe lassen? Sie für sich behalten? Eigentlich kein Problem, sie war es ja gewohnt, mit ihrem Kummer alleine fertigzuwerden.

Aber auf der anderen Seite waren da die Ansichten von Psychologen, die Frauenmagazine, die gut gemeinten Ratschläge von Freundinnen: Eine moderne Mutter sollte mit offenen Karten spielen, die Familiengeheimnisse auf den Tisch bringen, Tabus beiseitefegen. Vorbehaltlos alles offenlegen.

Weißt du, Valou, als ich in deinem Alter war, hatte ich einen sehr schweren Unfall. Versuch mal, dich an meine Stelle zu versetzen. Stell dir vor, uns dreien würde etwas passieren, und wir beide, Papa und ich, wären mit einem Mal nicht mehr da und du wärst auf einen Schlag auf dich alleine gestellt.

Versuch mal, dir das vorzustellen, meine Große… Vielleicht hilft dir das, zu verstehen, wer deine Mutter ist. Warum sie seither versucht, alles an sich abprallen zu lassen, und nicht vom Strudel des Lebens mitgerissen zu werden.

Wenn dich das überhaupt interessiert.

Clotilde sah ein letztes Mal hinüber zur Bucht von La Revellata, zu den drei zartlilafarbenen Thymiansträußchen und beschloss dann, ihrer Familie zu folgen.

Franck saß bereits hinter dem Lenkrad. Er hatte das Autoradio eingeschaltet. Valentine hatte ihre Fensterscheibe heruntergelassen und blätterte in einem Reiseführer. Sanft zerzauste Clotilde ihrer Tochter das Haar, die sich darüber beschwerte. Gezwungen lachte sie auf und stieg dann auf der Beifahrerseite ein.

Die Sitze waren brütend heiß.

Clotilde lächelte ihrem Mann entschuldigend an. Das Versöhnliche hatte sie von Nicolas geerbt. Das war alles, was ihr Bruder ihr vermacht hatte. Das und seine Vorliebe für Herausforderungen und seinem Hang zu unglücklichen Liebesgeschichten.

Der Wagen sprang an. Clotilde legte eine Hand auf Francks Knie, genau unter den Rand seiner Shorts.

Ruhig fuhren sie zwischen Meer und Bergen dahin. Im Licht der hochstehenden Sonne wirkten die Farben fast schon zu intensiv und gesättigt, als würden sie durch eine zu stark kolorierte Postkartenidylle fahren.

Traumhafte Ferien vor einer Wahnsinnskulisse.

Alles war schon vergessen. Der Wind würde die Feldthymiansträußchen noch vor Einbruch der Nacht wegfegen.

Nicht zurückblicken, ermahnte sich Clotilde. Nach vorne schauen.

Sich zwingen, das Leben zu lieben. Sich zwingen, ihr Leben zu lieben.

Sie öffnete das Fenster und ließ den Wind durch ihr langes Haar wehen, die Sonne ihre nackten Beine liebkosen.

So denken, wie es die Frauenzeitschriften, ihre Freundinnen und Glücksratgeber tun: Glück? Man musste einfach nur daran glauben!

Dazu waren die Ferien doch da, der wolkenlose Himmel, das Meer, die Sonne.

Einfach fest daran glauben.

Illusionen tanken für den Rest des Jahres.

Clotildes Hand glitt auf Francks Schenkel ein wenig höher, während sie den Kopf nach hinten neigte, um ihren Hals dem Himmel darzubieten, der so blau war wie eine künstliche Kulisse.

Franck erschauerte, während Clotilde die Augen schloss und automatisch weitermachte, ihre Finger von ihren Gedanken abkoppelte.

Auch dazu waren Ferien da.

Gebräunte Haut, nackte Körper, heiße Nächte.

Um die Illusion des Begehrens wachzuhalten.

Kapitel 3

Montag, 7.August 1989, erster Ferientag, blauer Sommerhimmel

Ich heiße Clotilde.

Ich möchte mich Ihnen vorstellen, einfach weil es höflich ist, auch wenn ich nicht weiß, wie Sie heißen.

Wenn ich das mit dem Schreiben durchhalte, werde ich es vielleicht in ein paar Jahren erfahren. Alles ist übrigens top secret. Außerdem bin ich neugierig, wer Sie sind und wie Sie trotz all meiner Vorsichtsmaßnahmen an mein Tagebuch kommen konnten.

Mein Liebhaber, der Mann meines Lebens, dem ich am Morgen nach dem ersten Mal zitternd das Tagebuch aus meiner Jugendzeit überreiche? Irgendein Idiot, der es gefunden hat, weil ich superchaotisch bin und so etwas deshalb fast vorprogrammiert war?

Einer meiner unzähligen Fans, die sich auf dieses Meisterwerk des jungen neuen Stars am Literaturhimmel stürzen?

Oder ich selbst … Wenn ich alt bin, so in fünfzehn Jahren … Sagen wir, wenn ich schon superalt bin, also in dreißig Jahren. Ich habe dieses Tagebuch unten in einer Schublade wiedergefunden, und während ich es lese, fühle ich mich, als säße ich in einer Zeitmaschine.

Zunächst werde ich Ihnen ein bisschen von mir erzählen, wie gesagt, ich heiße Clotilde. Drei Stichworte zu meiner Person:

Erstens: Mein Alter. Schon alt … Fünfzehn Jahre. Zweitens: Meine Größe. Noch klein … ein Meter achtundvierzig, das Thema bereitet mir echt Kopfschmerzen!

Drittens: Mein Look. Meine Mutter findet ihn fürchterlich. Kein Wunder, das ist ja auch beabsichtigt, denn ich möchte aussehen wie Lydia Deetz in Beetlejuice. Ein Gothic Look mit schwarzer Spitze, Drachenzahnpony, großen Pandaaugen …, noch dazu kann sie mit Geistern sprechen! Gespielt von Winona Ryder, noch nicht mal achtzehn und die schönste Schauspielerin der Welt.

Aber kommen wir zurück zu meinem ersten Ferientag … Das große Abenteuer der Familie Idrissi aus Tourny in Papas rotem Fuego. Tourny liegt im Vexin und ist ein Kaff zwischen der Normandie und Paris, an einem kleinen Fluss namens Epte, von dem die Einheimischen behaupten, er habe mehr Kriege und Tote verursacht als der Rhein.

Ich habe lange darüber nachgedacht, wie ich am besten unseren nächtlichen Aufbruch mit jeder Menge Gepäck in die Sommerferien nach Korsika schildern soll. Die nicht enden wollende Fahrt hinten auf der Rückbank neben Nico, der sich zehn Stunden lang damit vergnügen kann, Autos, Bäume und Straßenschilder zu betrachten und dabei nicht mal gelangweilt wirkt. Der Tunnel unter dem Mont-Blanc, anschließend der traditionelle Imbiss in Chamonix (Gemüsequiche und Salat). Weiterfahrt durch Italien, weil – laut Papa – der Hafen von Genua nicht viel weiter weg ist als der von Nizza, Toulon oder Marseille, aber die Italiener niemals streiken. Ja, all das hätte ich detailliert schildern können, aber ich überspringe das lieber. Und konzentriere mich auf die Fahrt mit der Fähre.

Wer noch nie eine Überfahrt mit der Fähre gemacht hat, weiß nicht, was ein erster Ferientag ist.

Das werde ich Ihnen mit Hilfe der vier Elemente gleich beweisen.

Zunächst das Wasser

Die riesige, gelb-weiße Fähre mit dem korsischen Mohrenkopf ist erst mal großartig. Doch wenn sie ihr Maul öffnet, vergeht einem der Spaß.

Zumindest Papa. Zehn Stunden Fahrt, nur um bei der Ankunft von einer Horde aufgeregter Italiener angebrüllt zu werden. Ich kann gut verstehen, dass einen das nervt.

Destra

Sinistra

Schreiende und mit den Armen rudernde Italiener, so als würde Papa gerade seine erste Fahrstunde absolvieren.

Avanti avanti avanti

Papa, der sich tapfer zwischen Dutzenden anderer verschreckter Autofahrer hindurchlaviert, die am Steuer ihrer Wagen mit Anhänger oder mit Jetskis auf dem Dach, in Sportcoupés mit überstehenden Surfbrettern oder in einem derart mit Schwimmreifen, Luftmatratzen und Badelaken vollgestopften Renault Espace sitzen, dass sie nach hinten keine Sicht mehr haben.

Avvicina avvicina

Lastwagen, Autos, Campingmobile, Motorräder. Alles passt rein! Immer. Auf den Zentimeter genau. Das erste Ferienwunder.

Stop stop stop

Die Italiener, die auf den Fähren arbeiten, waren früher, als sie noch klein waren, bestimmt Meister im Puzzeln. Dreitausend Fahrzeuge in weniger als einer Stunde in eine Fähre zu quetschen ist eine gigantische Meisterleistung. Der Italiener strahlt und hebt den Daumen.

Perfetto

Papas Fuego ist eines der dreitausend Puzzle-Teilchen. Er öffnet die Fahrertür, wobei er versucht, den links von ihm stehenden Corsa nicht zu beschädigen, und steigt mit eingezogenem Bauch aus.

Dann das Land

Das wirklich Wichtige geschieht zwischen dem Moment, wo man sich in der Kabine auszieht und zum Schlafen hinlegt, und dem Zeitpunkt, wenn man, vier oder fünf Stunden später, wieder aufsteht. Es ist ein bisschen so, wie wenn sich eine Schlange häutet.

Oft bin ich die Erste von uns, die in ihre Shorts, das Van Halen-T-Shirt und die Flip-Flops schlüpft, die Sonnenbrille aufsetzt und, zack, zur Brücke rennt. Land in Sicht!

Alle stehen schon dicht gedrängt an der Reling, um die Küste, den Strandsee von Biguglia am Cap Corse zu bewundern. Die Sonne schickt ihre ersten Strahlen hinab, und ich stromere durch die Gänge des Schiffes auf der Suche nach unbekannten Gerüchen. Ich stolpere über einen großen blonden, verschlafenen Typen, der im Gang auf seinem Rucksack liegt. Voll krass! Das Mädchen, das sich mit zerzauster Mähne und nacktem Rücken an ihn kuschelt, schläft noch, eine Hand unter das offene Hemd ihres Schweden geschoben.

Eines Tages werde ich das Mädchen mit dem nackten Rücken sein. Und dann werde ich auch einen schlecht rasierten Backpacker an meiner Seite haben.

Hörst du, Leben, enttäusch mich gefälligst nicht!

Im Moment begnüge ich mich mit dem Geruch des Mittelmeers. An die Reling gelehnt, atme ich auf Zehenspitzen den Duft der Freiheit ein.

Das Feuer

Bitten kehren Sie zu Ihren Fahrzeugen zurück.

Das Höllenfeuer beginnt! Subway to Hell!

Eine Ewigkeit bleiben wir in diesem Backofen stehen, vielleicht nur, weil irgendein Oberschlauer, der noch nicht richtig wach ist, mit seinem Wagen die Tür blockiert. Womöglich derjenige, der am Vortag als Letzter eingetroffen ist. Vielleicht der blonde schwedische Backpacker.

Es ist eine Falle, wir werden hier alle in den Abgasen verrecken, weil irgendein Idiot schon den Motor angelassen hat und es ihm alle anderen nachmachen, ohne dass sich auch nur ein einziges Auto in Bewegung setzt.

Und dann öffnet sich das Tor der Fähre mit einem Krach, als würde ein Haus einstürzen.

Ich bin frei!

Die Luft

Traditionellerweise geht die Familie Idrissi gleich darauf an der Place Saint-Nicolas auf der Terrasse unter Palmen frühstücken.

Papa bietet uns das volle Programm: Croissants, frisch gepresste Säfte, Kastanienkonfitüre. Plötzlich hat man den Eindruck, dass wir eine Familie sind. Sogar ich, die gothic queen. Sogar Nico, der vor der Abreise den Globus drehte und blind auf ein Land deutete, um herauszufinden, aus welchem Land wohl das Mädchen vom Campingplatz kommt, mit der er ausgehen wird.

Ja, wir sind eine Familie, für einundzwanzig Tage, drei Wochen im Paradies.

Maman, Papa und Nicolas.

Und ich.

***

Sacht schloss er das Tagebuch.

Perplex.

Es ist schon Jahre her, dass er es gelesen hat.

Sie ist also zurück … Siebenundzwanzig Jahre später.

Warum?

Das ist so offensichtlich. Sie war zurückgekommen, um in der Vergangenheit zu wühlen. Um nach etwas zu suchen, das sie hier zurückgelassen hatte. In einem anderen Leben.

Aber er war darauf vorbereitet. Seit Jahren schon.

Wie weit würde sie gehen? Wie tief würde sie in den Geheimnissen der Familie Idrissi stochern wollen?

Kapitel 4

12. August 2016 22 Uhr

Mein Vater hat das Lenkrad nicht eingeschlagen.«

Clotilde, die auf einem Stuhl im Garten saß, hatte ihr Buch beiseitegelegt. Ihre nackten Füße mit den rot lackierten Nägeln wühlten im Sand. Über den grünen Plastikgartenmöbeln baumelte am Ast des Olivenbaums eine Lampe, die ihr zuckendes Licht in die Nacht warf. Ihre schattige, abseits gelegene Parzelle maß zehn auf fünfzehn Meter. Dafür waren die Sanitäranlagen nicht in Nähe und der Bungalow für drei Erwachsene lächerlich klein. »Hier lebt man eben draußen, Mademoiselle Idrissi«, hatte der Platzwart der Campinganlage Euproctes versichert, als sie im Winter reserviert hatte. Offensichtlich hatte sich Cervone Spinello nicht verändert.

»Was?«, entgegnete Franck.

Da er nur mühsam das Gleichgewicht hielt, machte er sich nicht die Mühe, sich umzudrehen. Er hatte auf dem Rücksitz eine Zeitung ausgebreitet, um sich mit nackten Füßen darauf zu stellen. Mit der linken Hand hielt er sich am Dachgepäckträger seines Passats fest, während er sich mit der rechten abmühte, die Schrauben der Gepäckbox aufzubekommen.

»Mein Vater«, fuhr Clotilde fort. »In der Kurve von Petra Coda hat er das Lenkrad nicht eingeschlagen. Daran erinnere ich mich genau. Erst eine lange gerade Strecke, gefolgt von einer engen Kurve, und mein Vater, der geradewegs in die hölzerne Absperrung rast.«

Franck wandte nur den Kopf zu ihr, während seine Hand weiter blindlings die Schraube lockerte.

»Was willst du damit sagen, Clotilde? Worauf willst du hinaus?«

Seine Frau ließ sich Zeit mit der Antwort. Sie beobachtete Franck. Das Erste, was ihr Mann am Abend des ersten Ferientages machte, war, den Dachgepäckträger und die dazugehörige Box abzumontieren. Sie wusste, dass er dafür eine ganze Reihe von Begründungen parat hatte. Der zusätzliche Treibstoffverbrauch, die Windanfälligkeit, die Abdrücke der Lastenträgerfüße auf der Karosserie … Für Clotilde war es vor allem ein zusätzliches Teil, das sie in ihrem Feriendomizil unterbringen mussten. Aber im Grunde nicht einmal das. Diese Dachbox, die man irgendwohin stellen, verräumen, abdecken musste, war ihr so was von egal. Sie fand es einfach nur bescheuert! Wie konnte man sich mit so einem Blödsinn aufhalten? Eine kleine Schraube nach der anderen lösen und sie dann in kleine, den jeweiligen Löchern entsprechend nummerierte Säckchen verstauen?

Leider taugte Valou in solchen Momenten nicht als Friedensstifterin. Ihr Teenager stromerte bereits über den Campingplatz, um das Durchschnittsalter der Urlauber und ihre Nationalitäten herauszufinden.

»Nichts, Franck. Ich will nichts damit sagen.«

Clotildes Stimme klang leicht verdrossen. Franck war schon bei einem anderen Loch angekommen und meckerte über den Idioten, der die Schrauben zu fest angezogen hatte.

Er selbst, gestern.

Ein Beispiel für Francks Humor.

Clotilde beugte sich vor und blätterte durch die Seiten ihres Buches. Temps glaciaires, Eiszeit. Auf eine Art war es wirklich der perfekte Titel für einen Sommerbestseller.

Das war ihre Art von Humor.

»Ich weiß nicht«, fuhr sie fort. »Es ist nur so ein Gefühl. Als ich mir vorhin die Strecke angesehen habe, hatte ich den Eindruck, dass mein Vater noch die Zeit gehabt hätte, auf die Bremse zu treten und das Lenkrad herumzureißen, selbst wenn er zu schnell gefahren wäre. Das habe ich schon damals gedacht.«

»Du warst fünfzehn, Clotilde.«

Ohne zu antworten, legte sie das Buch beiseite. Ich weiß, Franck. Ich weiß, dass es nur flüchtige Eindrücke sind; dass sich alles in zwei oder drei Sekunden abgespielt hat … Aber das, Franck, das ist eine Gewissheit! Eine absolute Gewissheit! Papa hat das Lenkrad nicht eingeschlagen. Er fuhr geradewegs auf den Abgrund zu. Mit uns allen im Auto!

Für einen Moment fixierte Clotilde die Lampe, die sanft über ihrem Kopf schaukelte. Ein Schwarm Nachtfalter hauchte sein kurzes Leben an der heißen Glühbirne aus.

»Da ist noch etwas anderes, Franck. Während des Unfalls griff Papa nach Mamans Hand.«

»Vor der Kurve?«

»Ja, direkt davor. Kurz bevor wir gegen die Absperrung prallten, als wenn er schon gewusst hätte, dass wir alle in die Tiefe stürzen würden, dass er nichts dagegen tun konnte.«

Ein leichtes Seufzen. Die dritte Schraube gab nach.

»Was willst du damit sagen, Clotilde? Dass dein Vater Selbstmord begehen wollte? Mit euch allen im Auto?«

Clotilde antwortete schnell. Vielleicht zu schnell.

»Nein, Franck, natürlich nicht! Er war wütend, weil wir spät dran waren. Er wollte mit uns zu einem Konzert. Außerdem haben meine Eltern den Jahrestag ihres Kennenlernens gefeiert. Wir haben mit der ganzen Familie darauf angestoßen. Mit seinen Eltern, den Cousins und Cousinen, den Nachbarn. Nein, das war kein Selbstmord, natürlich nicht …«

Franck zuckte mit den Achseln.

»Dann wäre das also geklärt! Es war ein Unfall.«

Er nahm den Schraubenschlüssel in die andere Hand. Vom Stellplatz nebenan vernahm man leise eine italienische Fernsehserie.

»Und dann war da noch Nicolas’ Blick. Er wirkte nicht überrascht«, sagte Clotilde mit gedämpfter Stimme.

»Wie meinst du das?«, fragte Franck und hielt inne.

»Kurz bevor wir die Absperrung durchbrachen, in der Sekunde davor, als wir schon wussten, dass es vorbei sein würde, dass nichts mehr das Auto aufhalten könnte, sah ich in den Augen meines Bruders einen merkwürdigen Ausdruck. Als wüsste er etwas, das ich nicht wusste, eben als sei er nicht sonderlich überrascht. Als hätte er begriffen, warum wir alle sterben mussten.«

»Du bist nicht tot, Clotilde.«

»Doch, ein wenig schon …«

Sie schaukelte mit ihrem Plastikstuhl hin und her. In dem Moment wünschte sie sich nichts sehnlicher, als dass Franck zu ihr kommen und sie in den Arm nehmen würde. Dass er sie an sich drücken, ihr irgendetwas sagen würde. Er hätte auch schweigen können. Hauptsache, er hätte versucht, sie zu trösten.

Nachdem die vierte Schraube gelöst war, lud er sich die leere, graue Dachbox auf den Rücken.

Genau wie Obelix, dachte Clotilde.

Die Vorstellung entlockte ihr ein Lächeln.

Allerdings ohne die Wampe. Mit vierundvierzig war Franck noch immer ein gutaussehender Mann, breitschultrig und muskulös. Es war nun fast zwanzig Jahre her, dass er sie mit seinem offenen Lächeln, seiner beruhigenden, selbstsicheren Art, aber auch mit seiner Statur eines disziplinierten Kraulschwimmers erobert hatte. Das hatte Clotilde geholfen, durchzuhalten, ihn zu lieben, sich davon zu überzeugen, dass er der Richtige war. Davon, dass es Schlimmeres gab, viel Schlimmeres.

Nun hatte er Jahr für Jahr ein halbes Kilo zugenommen, in der Taille Zentimeter um Zentimeter zugelegt und ein Bäuchlein bekommen. Doch ihr war das egal. Für sie war der Körper ihres Mannes nicht wirklich wichtig, während Franck eine große Sache daraus machte.

»Du solltest dir wirklich nicht deine Ferien mit dieser alten Geschichte vermiesen, Clotilde.«

Womit er eigentlich meinte:

Du solltest uns nicht die Ferien mit deiner alten Geschichte vermiesen.

Clotilde rang sich ein Lächeln ab. Alles in allem hatte Franck ja recht. Sie hatte der ganzen Familie ihre Wallfahrt aufgehalst. Das musste aufhören.

»Glaubst du, ich hätte Valou nicht davon erzählen sollen? Ihr besser nicht die Unfallstelle gezeigt?«

»Doch, natürlich. Immerhin sind es ihre Großeltern. Das ist wichtig für sie …« Das war Francks großer Vorteil. Man konnte immer mit ihm über Erziehungsfragen reden.

Während er auf Clotilde zukam, wischte er sich seine Hände an einem Tuch ab, das auf der Leine hing.

»Weißt du, Clotilde, ich bin stolz auf dich. Dass du, nach alldem, was du durchgemacht hast, den Mut dazu hattest. Ich weiß, woher du kommst. Das vergesse ich nicht. Aber jetzt …«

Er trocknete sich die Schultern, die Achseln, den Brustkorb ab, warf das Handtuch über die Leine und beugte sich dann über Clotilde.

Zu spät, dachte sie, zu spät, mein Liebling.

Nur ein paar Sekunden zu spät.

»Und was jetzt, Franck?«

Franck legte eine Hand um ihre Taille.

»Wir könnten uns vielleicht … ein wenig hinlegen?«

Clotilde erhob sich und wich sacht zurück. Ohne ihn vor den Kopf zu stoßen. Aber auch, ohne ihm Hoffnung zu machen.

»Nein, Franck. Nicht jetzt.«

Sie trat vor, griff nun ihrerseits nach einem Handtuch auf der Leine und schnappte sich ihren Kulturbeutel.

»Ich muss erst mal duschen.«

Kurz bevor sie die Allee erreicht hatte, machte sie noch einmal kehrt.

»Franck …, ich glaube nicht, dass wir den Unfall überlebt haben.«

Er sah sie dümmlich an, er hatte sie einfach so gehen lassen. Und er verstand nicht, was dieser Satz in ihrem Gespräch zu suchen hatte.

Der Campingplatz war nur schwach beleuchtet. Nach der einzigen Laterne in Allee B, wo seit einem halben Jahr fünf finnische Komfortbungalows standen, kam Clotilde am letzten, für Zelte reservierten Stellplatz vorbei. Dort lagerte eine Gruppe von Motorradfahrern, ein Bier in der Hand.

Der Duft nach Freiheit.

Mit einem Hauch Melancholie.

Clotilde spazierte an der Parzelle entlang. Rund ein Dutzend Köpfe drehte sich fast gleichzeitig nach ihr um. Clotildes Rock war knielang und die drei geöffneten Blusenknöpfe enthüllten die Wölbung ihrer Brüste.

Clotilde war sich bewusst, dass sie auch mit zweiundvierzig Jahren noch sehr attraktiv war.

Sicher, sie war klein und zart. Seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr hatte sie gerade mal vier Kilo zugenommen. Heute schöner als gestern, mit Rundungen an genau den richtigen Stellen.

Wenige Minuten später kam Clotilde, in ihr Badetuch gehüllt, aus der Dusche. Sie hatte die Sanitäranlagen fast für sich allein. Außer ihr war nur ein dunkelhäutiger Teenie da, damit beschäftigt, sich die Beine mit einem Elektrorasierer zu enthaaren, der wie ein elektrischer Insektenvernichter surrte. Auf der anderen Seite der gekachelten Wand vernahm nahm man das lautstarke Gelächter junger Männer, begleitet von endlosem Techno-Gedudel.

Clotilde nutzte die Gelegenheit, sich eingehend in dem großen Spiegel zu betrachten, der sich über die ganze Wand zog. Sie strich ihr langes, schwarzes Haar, das ihr bis zur Brust ging, glatt. Auf diesem Campingplatz fühlte sie sich in die Zeit von vor siebenundzwanzig Jahre zurückversetzt – derselbe Körper, dasselbe Gesicht, derselbe Spiegel.

Dieser mädchenhafte Körper, den sie zu jener Zeit nur als große Last empfunden hatte. Und dann dieser Einfall, der damals ihr einziger Trumpf, ihre einzige Waffe gegen die Jungen gewesen war. Lächerlich … eine Wasserpistole!

Kapitel 5

Mittwoch, 9. August 1989, dritter Ferientag, marineblauer Himmel

Tut mir leid, dass ich mich zwei Tage lang nicht gemeldet habe. Es ist nicht so, dass ich zu beschäftigt gewesen wäre: Ich faulenze den lieben langen Tag. Doch ich brauchte Zeit, um mich startklar zu machen, mich zu orientieren, zu beobachten, mich zurechtzufinden, wie eine Anthropologin bei ihrer Arbeit, eine Zeiteisende, die ins Jahr 1989 katapultiert wurde. Inkognito … Lydia Deetz beim Rapport. Live-Übertragung von einem unbekannten Planeten, auf dem es bei Tag über fünfunddreißig Grad warm ist und die Eingeborenen praktisch nackt herumlaufen.

Kurz und gut, wenn ich Sie ein wenig vernachlässigt habe, dann deshalb, weil ich nicht weiß, womit ich beginnen soll. Und wo soll ich überhaupt schreiben? Mitten auf unserem langgestreckten Campingplatz, auf der Terrasse des Bungalows C29, den wir seit meiner Geburt jedes Jahr mieten?

Bei Opa und Oma, im Hof der Schäferei von Arcanu?

Mitten am Strand von L’Alga?

Okay, ich versuche es als Erstes am Strand! Ich werde Ihnen das Postkarten-Idyll beschreiben: Weißer Sand. Türkisfarbenes Wasser. Gebräunte Haut.

Und nur ein kleiner schwarzer Fleck.

Ich!

Die kleine Lydia-Winona, mit ihrem Sträflings-T-Sirt, der Igelfrisur und den Flip-Flops mit dem Zombiekopf. Eine Bekloppte, die auch bei vierzig Grad im Schatten ihr T-Shirt anbehält! Was? Geben Sie es ruhig zu. Sie denken dasselbe wie meine Mutter. Total verrückt, die Kleine …

Ihnen, aber nur Ihnen, meinem geheimen Vertrauten, werde ich es erklären. Bei meiner Größe von ein Meter vierzig und meinem nicht vorhandenen Busen sehe ich aus wie eine Zehnjährige. Also ist das einzige Mittel, um etwas älter zu wirken, mein Zombie-T-Shirt auch am Strand zu tragen. Damit halte ich mir die Kleinen vom Hals, die vielleicht auf die Idee kommen könnten, mich zu fragen, ob ich mit ihnen eine Sandburg bauen will. Denn wenn ich auch nicht wie fünfzehn aussehe, fühle ich mich doch in meinem Kopf, meinem Herzen und meinem Körper so.

Also streife ich meine Rüstung über.

Ich weiß, was Sie jetzt sagen werden, jetzt kommt die Leier von der verzogenen Göre, die es nicht zu schätzen weiß, an diesem wundervollen Fleckchen Erde seine Ferien verbringen zu dürfen, und die für Berge, Meer und Strand nur Verachtung empfindet.

Aber so ist es nicht. Überhaupt nicht.

Ganz und GAR NICHT.

Ich liebe das alles, ich liebe den Strand, ich liebe das Meer!

Im Hallenbad von Vernon schwimme ich wie eine Verrückte eine Bahn nach der anderen, bis ich nicht mehr kann und auf den Grund des Beckens sinke – so wie Isabelle Adjani in ihrem kleinen Matrosenpullover.

J’ai bu la tasse, tchin tchin.

T’avaler, que m’importe,

Si l’on me trouve à moitié morte.

Ich finde den Text von Adjani und Gainsbourg schön. Dieser Mann ist einfach göttlich … Er genehmigt sich eine Zigarette nach der anderen, eine Frau nach der anderen, und er wird noch viele unvergessliche Songs schreiben.

Übrigens, da wir gerade von Wasser sprechen: Ich muss Ihnen etwas gestehen … Vor ein paar Monaten ist etwas Merkwürdiges passiert. Ich habe auf einmal das Bedürfnis, das Schwarz von Tim Burton gegen Blau einzutauschen.

Le Grand Bleu, Im Rausch der Tiefe. Das Mittelmeer im Zeitraffer direkt über der Wasseroberfläche gefilmt, die Musik von Eric Serra, die weißen und türkisfarbenen Fassaden der griechischen Häuser.

Und peng! In weniger als zwei Stunden habe ich mich unsterblich in die Delphine verliebt, und dann vielleicht auch ein bisschen in ihren menschlichen Kameraden, nicht in den Sizilianer mit der Brille, nein, in den anderen. Den Apnoetaucher mit den tiefgründigen Augen …

Jean-Marc Barr …

Wenn ich beim Eintauchen ins Mittelmeer nur daran denke, dass ich im gleichen Wasser schwimme wie er, macht mich das ganz verrückt. Es kommt mir vor, als wäre der Film hier gedreht worden, vor der Küste der Halbinsel La Revellata.

Das Schwarz als Schutzpanzer, doch mein Herz schlägt für Blau.

Sie dürfen es aber niemandem verraten! Das ist wichtig, ich vertraue Ihnen. Ich vertraue Ihnen mein Leben an.

Ich sitze hier im Sand und schreibe. Am Strand von L’Alga, der geformt ist wie eine nächtliche Mondsichel, die von den plätschernden Wellen des leuchtendblauen, seichten Meeres liebkost wird, und wo einem Fische zwischen den Fingern und Zehen hindurchschwimmen.

Von den Mitgliedern der Familie Idrissi ist nur Maman mit mir hier. Papa ist irgendwohin gefahren. Merkwürdig, immer wenn er in seiner Heimat ist, wird er rastlos. Doch ohne sie, zu Hause, klebt er am Sofa fest. Nico ist sicher mit einem ganzen Schwarm Mädchen unterwegs. Ich kann also nicht lange bleiben, denn ich muss ein Auge auf ihn haben. Ich möchte auf dem Laufenden sein.

Es sind also nur Maman und ich am Strand – und jede Menge fremde Leute. Ich liebe es, einfach mit meinem Tagebuch im Sand zu sitzen und das Leben der anderen zu beobachten. Zum Beispiel drei Badelaken von mir entfernt gibt es eine sehr hübsche Frau, die ihre Brüste entblößt hat, aber nicht, um sie zu zeigen, sondern um ein hungriges Baby zu stillen. Ich finde das einerseits sehr berührend, andererseits widert mich der Anblick an. Eine merkwürdige Mischung aus beidem.

Maman starrt auch, offenbar mit einem gewissen Neid, zu ihr hinüber.

Maman liegt auf dem Tuch neben mir, aber dennoch fünf Meter von mir entfernt.

Als wenn ich nicht ihre Tochter wäre.

Als würde sie sich für mich schämen.

Als sei ich ein Makel – der einzige an meiner perfekten Mutter.

Ich porträtiere sie kurz in drei Stichpunkten. Von der nettesten bis zur schlimmsten Seite.

Punkt 1. Maman heißt Palma. Der Name stammt aus dem Ungarischen, meine Großeltern kommen von dort, aus Sopron, unweit der österreichischen Grenze. Manchmal nenne ich sie Palma Mama.

Punkt 2. Maman ist groß und schön. Man sagt auch, sie sei schlank und rank, gut gebaut, rassig … Sie ist ein Meter fünfundsiebzig groß. Sie können sich also vorstellen, wie sie erst am Abend in Highheels aussieht mit ihren langen Storchenbeinen, einer Kolibritaille, dem Schwanenhals und den großen verwunderten Augen einer verschreckten Eule.

Manchmal sollen Gene ja eine Generation überspringen.

Dafür bin ich der lebende Beweis! Die Ärzte, die ich aufgesucht habe, sind sich einig. Mein Wachstum ist abgeschlossen. Ich werde nie größer als ein Meter fünfundfünfzig werden, wie Millionen und Abermillionen anderer Frauen auch, erklärten sie mir, um mich zu beruhigen. Und da die Gene oft eine Generation überspringen, wäre es durchaus möglich, dass ich irgendwann eine Tochter haben werde, die ebenso groß wird wie Maman. Schöne Aussichten! Ich ziehe es vor, nicht mal daran zu denken, und komme direkt zu Punkt 3.

Halten Sie sich fest.

Maman ist eine Nervensäge. Maman ist gemein. Maman geht mir auf den Wecker. Maman liegt fünf Meter von mir entfernt auf ihrem Badelaken und liest Das rote Leuchten von Régine Deforges, und ich würde ihr nur zu gerne all diese Worte, die ich in meinem Heft verberge, direkt ins Gesicht schleudern. Also, das schwöre ich bei all meinen korsischen Ahnen, die auf dem Friedhof von Marcone ruhen, ich schwöre am Strand von L’Alga, und Sie, mein zukünftiger Leser, sind mein Zeuge …

Ich möchte später nicht so werden wie sie! Ich möchte nicht so eine Mutter werden wie sie. Nicht so eine Frau. Und schon gar nicht so alt sein wie sie.

Wow! Ich hebe den Kopf und merke, dass ich mir keine Sorgen machen muss. Maman schläft auf dem Bauch. Mit nacktem Rücken. Sie hat ihr grünes Bikinioberteil geöffnet. Sie kann mich ruhig mit meinem T-Shirt nerven, sie ist selbst nicht besser, sie verkleidet sich ja auch. Ihr winziges Oberteil, das sie, sobald sie aufsteht, mit gespielter Schamhaftigkeit wieder zuhakt, damit bloß kein Mann einen Blick auf ihren Busen erhaschen kann. Und wie sie ihr Buch hinlegt! Und wie sie mit kleinen Schritten zum Meer hinunterläuft und mir zuruft: Kommst du nicht, Liebes?

Und wenn sie tropfnass wieder da ist, zu mir sagt: Also, das Wasser ist wirklich wunderbar. Liebes, ist dir nicht zu heiß in deinem T-Shirt? Und zack, legt sie sich wieder hin und tut so, als würde sie sich für ihr Buch interessieren, das ihr übrigens die ganzen Ferien reicht. Dann lässt sie erneut ihr Oberteil fallen. Maman würde eher sterben, als dass auf ihrer Haut die Streifen der Träger zu sehen sind. Ich mit meinem T-Shirt weiß schon jetzt, welchen Witz ich zu hören bekommen werde, wenn die Schule wieder losgeht: »He, Clotilde, bist du diesen Sommer die Tour de France geradelt?«

Ich höre besser auf, damit Sie mir jetzt nicht mit Ihrer Küchenpsychologie kommen … Na los, sagen Sie schon, denn schließlich ist es das, was Sie denken …

Ich bin eifersüchtig auf meine Mutter!

Pfff … Wenn Sie meinen.

Aber ich habe meinen eigenen Plan. Ich werde einen Liebhaber finden, mit dem ich mein Leben lang Spaß habe! Ich werde Kinder haben, die ich derart zum Lachen bringe, bis sie sich für mich schämen. Und eine Arbeit, die ein ständiger Kampf ist: Boxerin, Bären-Dresseurin, Seiltänzerin, Exorzistin.

Mein Schwur am Strand von L’Alga!

Beim nächsten Mal erzähle ich von Papa. Aber jetzt muss ich gehen, Maman hat ihre Brüste in ihr winziges Oberteil mit den schlaffen Trägern gepackt und kommt zu MEINEM Handtuch. Ich schwanke, ob ich die Nette spielen oder zubeißen soll. Ich weiß noch nicht. Ich werde improvisieren.

Ciao …

***

Er klappte das Heft zu.

Ja, zweifellos, Palma war eine schöne Frau. Eine sehr schöne Frau.

Sie verdiente es nicht zu sterben. Sicher nicht.

Aber da nun mal das Schlimmste geschehen war und sie nicht wiederauferstehen konnte, blieb ihm nur, dafür zu sorgen, dass niemand je die Wahrheit erfuhr.

Kapitel 6

13. August 2016 9 Uhr

Clotilde hatte ein Baguette, drei Croissants und einen Liter Milch eingekauft und trug alles in einem Beutel in der einen, den Orangensaft in der anderen Hand. Sie hatte eine falsche Abzweigung genommen.

Mit Absicht.

Valou schlief immer noch. Franck war aufgebrochen, um zum Semaphor von Cavallo zu joggen.

Clotilde erinnerte sich, wie sie im Sommer 1989 jeden Morgen das Frühstück besorgen und frisches Brot an der Rezeption holen musste. Sie war damals durch die Alleen des Campingplatzes gestreift in der Hoffnung, irgendjemandem zu begegnen, doch zu dieser frühen Stunde lagen die Jugendlichen noch im Bett. Und so hatte sie einen komplizierten Rückweg durch das Labyrinth der Zelte gewählt. Heute hingegen wollte Clotilde auf dem schnellsten Weg ihr Ziel erreichen, den Bungalow C29. Dort hatte sie nämlich die ersten fünfzehn Sommer ihres Lebens verbracht.

Sie hätte ihn fast nicht wiedererkannt, denn in der Zwischenzeit waren die großen Olivenbäume mit den verknorpelten Stämmen gewachsen und bildeten einen Sichtschutz vor dem Gebäude, dessen Grundfläche sich verdoppelt hatte: eine elektrische Markise war hinzugekommen, eine Terrasse, ein Grill, eine Sitzecke. Der neue Leiter des Campingplatzes hatte alles modernisiert. Cervone Spinello, der den Platz von seinem Vater übernommen hatte, war ein Mann mit ausgeprägtem Geschäftssinn. All die Neuerungen, wie der Tennisplatz, die geplante Wasserrutsche und der Pool, machten Clotilde bewusst, dass von dem alten, naturbelassenen Platz ihrer Kindheit fast nichts mehr geblieben war. Damals hatte das Areal nichts weiter geboten als ein schattiges Grundstück, ein Bett zum Schlafen, Wasser zum Waschen und Bäume, um sich zu verstecken.

Während Clotilde das Grundstück C29 eingehender betrachtete, wurde ihr bewusst, dass sie seit dem Unfall nicht mehr hier gewesen war. Nach dem tragischen Unglück hatte der Besitzer des Campingplatzes, Basile Spinello, ihre Habseligkeiten – Kleidung, Kassetten, Bücher – in einer großen Tasche nach Calvi, ins Krankenhaus gebracht. All ihre persönlichen Gegenstände waren da, bis auf einen. Der, an dem sie am meisten hing: das Tagebuch. Dieses blaue Heft mit den Aufzeichnungen über alles, was sie während jenes Sommermonats bewegt hatte. Und das sie auf einer Bank in der Schäferei von Arcanu vergessen hatte.

Hatte Basile es übersehen oder war es in der Aufregung irgendwo verloren gegangen? Sie hatte nicht gewagt, danach zu fragen. Sie hatte noch häufig daran gedacht, als sie aus dem Krankenhaus in der Balagne nach Paris und dann nach Conflans gebracht wurde, zu Jozsef und Sara, den Eltern ihrer Mutter, von denen sie dann bis zu ihrer Volljährigkeit großgezogen wurde.

Aber mit den Jahren hatte sie auch das Heft vergessen. Vielleicht wartete es irgendwo auf sie, dachte Clotilde lächelnd. Lag in irgendeiner Schublade, war hinter ein Möbel gerutscht oder stand in einem Regal zwischen vergilbten Büchern.

Clotilde ging auf den Bungalow C29 zu und schob die Zweige eines Olivenbaums beiseite, der kleiner war als die vor der Terrasse. 1989 hatte ein Baum wie dieser vor ihrem Fenster gestanden. Vielleicht ließ Cervone die alten Bäume ausreißen, um neue zu pflanzen?

»Suchen Sie etwas?«, fragte ein Mann, der mit verwundertem Blick aus dem Bungalow trat. Er hatte eine Kaffeetasse in der Hand und ein Käppi der New York Giants über seine grauen Schläfen gezogen.

Clotilde mochte die unkomplizierte Geselligkeit der Campingplätze. Ein buntes Miteinander ohne Absperrungen, Hecken oder Zäune. Aber auch keine echte Privatsphäre.

»Äh, nichts.«

Etwas weiter weg spielten zwei Kinder auf dem Weg.

»Haben Sie Ihren Ball unter den Bungalow geschossen?«

Angesichts seines breiten Grinsens ahnte Clotilde, wie gern er sie auf allen vieren, den Hintern in den engen Leggins in die Luft gestreckt, vor der Terrasse hätte herumkriechen sehen. Und wenn sie es recht bedachte, störte Clotilde wiederum genau das an Campingplätzen. Das Fehlen von Abtrennungen und eindeutigen Grenzen. Die offenbaren Begierden.

»Nein. Ich schwelge nur in Erinnerungen. Früher habe ich in den Ferien hier immer in diesem Bungalow gewohnt.«

»Wirklich? Das dürfte aber länger her sein. Wir reservieren ihn nun schon seit acht Jahren jeden Sommer.«

»Das war vor siebenundzwanzig Jahren …«

Der Giants-Fan setzte eine erstaunte Miene auf, die ein unausgesprochenes Kompliment ausdrückte. So alt sehen Sie nicht aus.

Hinter ihm tauchte eine Frau auf. Sie hielt einen Becher in der Hand, das lockige Haar war mit einer Holzspange zusammengehalten und die faltige Haut teilweise von einem Pareo verdeckt. Auch sie lächelte.

Sie stellte sich neben ihren Mann und fragte Clotilde:

»Siebenundzwanzig Jahre? Sie haben früher hier gewohnt? Entschuldigen Sie meine Neugier, aber sind Sie zufällig Clotilde Idrissi?«

Im ersten Moment wusste Clotilde nicht, was sie sagen sollte. Verrückte Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Hatte man etwa eine Gedenktafel am Haus angebracht: Hier lebten Paul und Palma Idrissi. Wurde der Unfall ihrer Eltern seit Jahrzehnten von Generation zu Generation auf dem Campingplatz weitererzählt? Der verfluchte Bungalow …

Die Frau blies auf ihren offensichtlich heißen Becher und schob eine Hand unter das T-Shirt ihres Giants.

Ein verstecktes und doch deutliches Zeichen. Der hier gehört mir. Die universelle Sprache der Körper und Gesten, die im Sommer unter freiem Himmel Ausdruck findet. Man stellt sich zur Schau, man beobachtet, man streift den anderen leicht im Vorübergehen … Aber anfassen ist verboten, selbst wenn die Nähe verführerisch ist.

»Ich habe Post für Sie, Clotilde. Und die wartet schon eine ganze Weile auf Sie.«

Wieder wurde Clotilde von einem Schwindel erfasst.

»Seit … siebenundzwanzig Jahren?«, stammelte sie.

Die Frau brach in Gelächter aus.

»Nein, nicht ganz so lang. Wir haben den Brief gestern erhalten. Fred, kannst du ihn mal holen? Er liegt oben auf dem Kühlschrank.«

Ihr Mann ging ins Haus und kam mit einem Umschlag zurück. Seine Frau schmiegte sich erneut an ihn und las die Adresse laut vor.

Clotilde Idrissi

Bungalow C29, Camping des Euproctes

20260 La Revellata

Clotildes Herzschlag beschleunigte sich, sie starrte die Frau fassungslos an.

»Keine Bange, wir fragen Sie nicht nach Ihren Papieren«, sagte der Giants-Fan lachend. »Wir hätten den Brief sonst am Empfang abgegeben, aber wo Sie schon mal hier sind …«

Clotilde nahm den Umschlag mit feuchten Händen entgegen.

»Danke.«

Sie stolperte die Allee entlang. Ihre Ballerinas hinterließen schlängelnde Spuren im Sand. Sie starrte auf ihren Namen und Vornamen, die Anschrift auf dem Umschlag. Sie kannte diese Schrift, aber das war doch nicht möglich. Sie wusste, dass es nicht möglich war.

Planlos lief sie über den Campingplatz. Sie musste allein sein, um diesen Brief zu lesen, und nur ein Ort kam dafür in Frage. Geheim und heilig. Die Grotte des Veaux Marins. Ein Loch im Steilufer, das man entweder vom Meer oder über einen engen Pfad vom Campingplatz aus erreichen konnte. In diese Höhle hatte sie sich als junges Mädchen häufig zurückgezogen, um zu lesen, zu träumen, zu schreiben oder um zu weinen. Früher hatte sie gerne geschrieben, doch dann waren die Worte mit einem Mal auf- und davongeflogen. Ihr Talent hatte den Unfall nicht überlebt.

Mühelos stieg sie zu ihrem Versteck hinunter. Der Kiesweg war durch Zementstufen ersetzt worden. Die Wände der Höhle waren mit den Graffitis Verliebter und obszönen Tags beschmiert, und es roch nach Bier und Urin. Doch das war nicht wichtig, denn der Blick aus der Grotte auf das Mittelmeer war noch immer schwindelerregend schön. Man fühlte sich wie ein Meeresvogel, bereit, sich mit nur einem Flügelschlag in die Wellen zu stürzen.

Clotilde stellte ihre Einkaufstasche ab und drang tiefer in die Höhle ein, setzte sich auf einen kühlen, fast feuchten Felsen und öffnete behutsam den Umschlag. Sie zitterte, als würde sie einen Liebesbrief in den Händen halten, obwohl sie noch nie eine glühende Liebeserklärung per Post bekommen hatte. Dazu war sie ein paar Jahre zu spät geboren worden. Ihre Verehrer schrieben SMS oder E-Mails. Das war damals neu und ungemein aufregend gewesen, doch von diesen elektronischen Geständnissen war heute nichts mehr übrig. Keine Zeile, keine in einem Buch verborgene Nachricht.

Mit Daumen und Zeigefinger zog Clotilde ein kleines weißes, zweimal gefaltetes Blatt aus dem Umschlag und schlug es auf.

Meine liebe Clotilde,

ich weiß nicht, ob Du heute noch immer so eigensinnig bist, wie Du es früher warst, aber ich möchte Dich um etwas bitten.

Morgen, wenn Du in der Schäferei von Arcanu bei Cassanu und Lisabetta bist, bleib ein paar Minuten bei Sonnenuntergang an der Steineiche stehen, damit ich Dich sehen kann.

Ich hoffe, ich erkenne Dich wieder.

Es wäre schön, wenn auch Deine Tochter da wäre.

Ich bitte Dich um nichts anderes. Wirklich nichts anderes.

Doch, vielleicht siehst Du hinauf zum Himmel und betrachtest Beteigeuze. Wenn Du wüsstest, meine Clotilde, wie viele Nächte ich diesen Stern betrachtet und an Dich gedacht habe.

Mein ganzes Leben ist eine Dunkelkammer.

Ich umarme Dich.

P.

Die Wellen brachen sich am Eingang der Höhle und ließen Gischtspritzer ins Innere regnen. Clotildes Hand, die den Brief hielt, bebte.

Es war ein ruhiger und bereits sehr warmer Morgen. Die Sonne lugte schon neugierig bis tief in die Grotte hinein.

Ich umarme Dich.

Das war die Schrift ihrer Mutter.

P.

Das war die Unterschrift ihrer Mutter.

Wer, außer ihrer Mutter, nannte sie »meine Clotilde«? Wer, außer ihrer Mutter, kannte all diese Details? Ihre Gothic-Punk-Kleidung, die sie nach dem Unfall nie mehr getragen hatte. Wer sonst wusste von Beetlejuice oder Beteigeuze, dem Stern im Sternbild des Orions? Das Poster hing damals in Clotildes Zimmer. Maman hatte den Film direkt in Quebec bestellt und ihr zum vierzehnten Geburtstag geschenkt. Die frankokanadische Übersetzung des Films war so viel poetischer als die amerikanische Version.

Clotilde trat vor die Höhle und blickte auf den Pfad zum Meer und auf den Weg oberhalb der Grotte, der zu den Stränden von L’Alga und L’Oscelluccia führte. Dort irrte eine Jugendliche umher, das Handy ans Ohr gepresst.

Wieder blickte Clotilde auf den Brief.

Wer, außer ihrer Mutter, konnte sich an diesen Satz erinnern, mit dem Lydia Deetz im Film ihr Dasein definierte? Dieser Kultspruch aus ihrem Lieblingsfilm? Dieser Satz, den Clotilde ihrer Mutter an den Kopf geworfen hatte, damit sie sie endlich in Ruhe ließ, an jenem Abend, an dem sie so heftig miteinander gestritten hatten?

Es war ihr Geheimnis gewesen. Zwischen Mutter und Tochter.

Ihre Mutter wollte am nächsten Tag mit ihr in die Stadt, um präsentable Kleidung für sie zu kaufen, was bequem, bunt und feminin bedeutete. Ehe Clotilde ihr die Tür vor der Nase zuknallte, hatte sie sie noch verzweifelt angeschrien. Lydia Deetz’ Worte schienen genau das zu beschreiben, was sie gerade fühlte.

Mein ganzes Leben ist eine Dunkelkammer. Eine riesige … bescheuerte … Dunkelkammer.

Kapitel 7

Freitag, 11. August 1989, fünfter Ferientag, malvenfarbener Himmel

Ich mag meinen Vater.

Ich bin mir nicht sicher, ob ihn viele Leute mögen. Aber ich ja. Dreimal ja!