Fremdes Neuseeland - Ann Kathrin Saul - E-Book

Fremdes Neuseeland E-Book

Ann Kathrin Saul

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Beschreibung

Innerhalb kürzester Zeit verlor Ann Kathrin Saul ihre Mutter, ihren Mann, ihre Lebensfreude und letztendlich sich selbst. Was sollte sie jetzt tun? Sich ins Bett verkriechen oder alle Energie in einen Neuanfang stecken? Um sich wieder selbst zu finden, kündigte Ann Kathrin Saul ihren Job, verkaufte ihr ganzes Hab und Gut, sagte Familie und Freunden Lebewohl und startete in ihr neues Leben. Durch knietiefen Matsch, reißende Flüsse, enge Schluchten, über schmale Grate und endlose Strände wanderte Ann Kathrin Saul durch die Wildnis Neuseelands. Mit dabei hatte sie nur das, was in ihren Rucksack passte. Für fünf Monate war der 3.000 Kilometer lange Fernwanderweg Te Araroa ihr Zuhause. „Fremdes Neuseeland“ beschreibt das intensive Selbstfindungsabenteuer einer jungen Frau, die über Grenzen ging, um Schritt für Schritt wieder zu sich selbst zu finden.

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Inhalt

Prolog

1Das Ende der Welt

2Das Land der langen, weißen Wolke

3Der Engel Judie

4Das Tor zum Trail

5Reset

6Hilfloser Helfer

7Hummeln im Po

8Glück

9Begegnungen

10Ablenkung

11Urlaub

12Unter Kiwis

13Land voraus

14Scheitelpunkt

15Über den Wolken

16Höhen und Tiefen

17Wasser

18Kleine Welt

19Frei

20Der Kreis schließt sich

21Der Weg ist das Ziel

22Himmelblau

Danksagung

Glossar

Impressum

Prolog

And to make an end is to make a beginning.

T.S. Eliot

Noch etwa drei Meter bis zur anderen Seite. Ich hebe meinen rechten Fuß und versuche ihn seitwärts zu setzen. Die Strömung reißt ihn nach hinten weg. Ich taumele, bewahre aber meinen Stand. Noch einmal versuche ich es – mit demselben Ergebnis. Der Fluss raubt mir jede Kraft. Auch mein linker Fuß, der mich bislang fest am Boden gehalten hat, fängt an über den Boden zu rutschen. Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich mich einer Situation ausgesetzt, für die ich physisch nicht genügend Kraft habe. Angst kriecht in mir hoch. Die Strömung reißt unerbittlich an meinen Füßen und Stöcken. Ich stehe mitten im Fluss und versuche mich zu halten, während ich merke, dass meine Kräfte rapide schwinden.

Einige Monate zuvor hatte ich schon einmal einen Punkt in meinem Leben erreicht, an dem ich keine Kraft mehr hatte. Weder körperlich noch seelisch. Ich konnte nicht mehr. Noch nie war ich so tief gefallen. Noch nie hatte etwas so sehr geschmerzt. Dennoch brachte ich in dieser Ohnmacht eine ungeahnte Kraft auf und tat etwas, was mir im wahrsten Sinne das Leben rettete: Ich ließ mein bisheriges Leben zurück!

Es war ein sonniger Septembertag. Ausgemergelt, mit einem gequälten Lächeln auf den Lippen und tiefen Ringen um die Augen umarmte ich nacheinander meinen Vater und meine Stiefmutter. Hinter mir erstreckte sich die Glasfront des Terminalgebäudes am Frankfurter Flughafen, in der sich der blaue Himmel spiegelte. Um uns herum parkten Autos. Es roch nach Abgasen. Ich war angespannt, hatte meine Hände unbewusst zu festen Fäusten geballt. Das Lächeln auf den Gesichtern meiner Lieben verbarg die sorgenvollen Gedanken, die sich hinter ihrer Stirn abspielen mussten. Meine Stiefmutter hörte nicht auf zu betonen, dass ich jederzeit zurückkommen und meinen Plan verwerfen könne, dass ich nichts tun müsse, was ich nicht wolle.

Zu diesem Zeitpunkt aber war mir alles egal. Wenn mich jemand nach den Risiken meines Vorhabens fragte oder mich auf potenzielle Gefahren aufmerksam machte, entgegnete ich immer mit der gleichen Phrase:

„Ich habe nichts mehr zu verlieren.”

Egal, wie es sich für andere anhören mochte, ich meinte es genau so. Einerseits versuchte ich mir die Angst vor dem unbekannten Abenteuer zu nehmen, im Sinne von: “Wenn wirklich etwas passiert, dann soll es vielleicht so sein und ist wohl das Beste.” Andererseits war es die Wahrheit. Ich hatte die wichtigsten Personen in meinem Leben verloren und mit ihnen alles, was bislang von großem Wert für mich war, aufgegeben und verlassen.

Nachdem ich schließlich auch dem Hund „Auf Wiedersehen“ gesagt hatte, schulterte ich meinen Rucksack. “So schwer – wie soll ich das jemals schaffen?” dachte ich nicht zum ersten Mal in den vergangenen Tagen. Nach außen bemüht, zuversichtlich zu wirken, ging ich auf den Eingang der Flughafenhalle zu. Ohne mich noch einmal umzudrehen, verschwand ich in dem Gebäude. Als sich die Schiebetür hinter mir schloss, schloss sich auch das Kapitel meines bisherigen, so geliebten Lebens.

Sitz 35 J. Ich holte aus meinem Rucksack Kopfhörer und E-Reader raus, verstaute ihn im Gepäckfach und ließ mich in den Sitz plumpsen. Kurzes, freundliches “Hello” zum Nachbarn auf dem Fenstersitzplatz. Rotblondes Haar, Dreitagebart, mein Alter. Also etwa dreißig. “Ich bin dreißig und in dieser Situation“, rief ich mir schmerzhaft ins Gedächtnis. So hatte ich mir mein Leben mit dreißig keinesfalls vorgestellt. Vor fünf Monaten erst hatte ich ebenfalls in einem Flugzeug gesessen, neben mir mein Ehemann Ben, und wir freuten uns, dass wir meinen dreißigsten Geburtstag in sieben verschiedenen Zeitzonen feiern würden.

Damals hatte ich mir die Zeit mit einem Film vertrieben, in dem Reese Witherspoon die Hauptrolle spielte: “Wild” oder “Der große Trip”. Er handelte von Cheryl Strayed, einer 26-jährigen Amerikanerin, die nach dem frühen Tod ihrer Mutter einsah, dass ihr chaotisches Leben so nicht mehr weitergehen konnte. Sie beschloss, den Pacific Crest Trail – einen der drei großen Fernwanderwege in den Vereinigten Staaten – ohne jegliche Erfahrung zu wandern. Das war 1995 und eine wahre Begebenheit. Ich war völlig fasziniert von der Geschichte und eine schon lang in mir schlummernde Sehnsucht nach endlosem Wandern und Natur pur kam in mir hoch. Als Kind hatte ich Fotos von meinen Eltern gesehen, wie sie einige Wochen lang mit Rucksack, Kocher und Zelt den GH20 auf Korsika gewandert waren. Seitdem wollte etwas in mir auch Fernwandern, aber es schlummerte im Unterbewusstsein. Die Sehnsucht wurde wieder etwas wacher, als Ben und ich eine Reportage über Wanderer auf dem Appalachian Trail, dem anderen großen Fernwanderweg in den USA sahen. Wir beide liebten es zu wandern, aber für unseren knappen Urlaub konnten wir uns eine solche Tortur zunächst nicht vorstellen und wählten ein Zwischending; Mehrtagestouren in Peru, Vietnam und Südafrika – jeweils mit Tagesgepäck.

Erst als wir beide schon psychisch von dem, was kommen sollte, so gebeutelt waren, entschlossen wir uns spontan in einer Nacht- und Nebel-Aktion, die ersten etwa 240 Kilometer des Saar-Hunsrück-Steiges zu wandern. Zum ersten Mal mit vollem Gepäck wandernd, quälten Ben und ich uns die Anstiege des Mittelgebirges hinauf. Alles tat weh. Der Nacken, die Füße, die Achillessehnen, die Hüftgelenke, die Knie. Blasen, Schürfwunden, geschwollene Füße und blaue Nägel waren unsere Begleiter. Wir litten viel und redeten wenig, jeder seinen eigenen Gedanken und Sorgen nachhängend. Die körperlichen Blessuren und die Natur reinigten unsere geschundenen Seelen größtenteils, aber als wir uns in die Bahn setzten, um zu unserem Auto zurückzufahren, waren wir beide erleichtert, dass wir nicht mehr weitergehen mussten. Genau ein Jahr nach dem Saar-Hunsrück-Steig sagte ich im Flugzeug zu Ben:

„Wow, der Film ist so ziemlich genau mein momentanes Leben. Mit der Ausnahme, dass du mich nicht verlassen hast und ich nicht drogenabhängig bin. Ich hätte mir auch eine Auszeit nehmen und ‚so etwas’ machen sollen. Aber ‚so etwas’ alleine zu machen, dazu hätte ich, glaube ich, nie den Mut.”

Nie hätte ich in diesem Moment gedacht, dass ich nur wenige Monate später “so etwas“ tun würde. Für mich jedoch war es die einzige Möglichkeit. Ich hatte meine Mutter verloren, meinen Mann, die Lebensfreude und letztendlich mich selbst.

1 Das Ende der Welt

Was hinter uns liegt und was vor uns liegt, sind Kleinigkeiten, verglichen mit dem, was in uns liegt.

Ralph Waldo Emerson

Betäubt lauschte ich der Musik, die aus meinem Kopfhörer dudelte, während sich mein Blick im langen Flur des Flugzeuges verlor.

Der Anfang vom Ende hatte sich vier Jahre zuvor ereignet: Ich war 26, hatte nach dem Studium eine Arbeit als Physiotherapeutin gefunden, die mir Spaß machte und mich ausfüllte. Mit meinem Freund Ben wohnte ich in einer wunderschönen Wohnung im Herzen Münchens. Allein ihn anzusehen und seine aufrichtige Liebe zu fühlen, machte mich unendlich glücklich. Natürlich gab es auch Streitpunkte, aber insgesamt führten wir eine sehr harmonische, leidenschaftliche und humorvolle Beziehung.

Es war Ende August und ich kam mit dem Fahrrad von der Arbeit. Ich schloss unsere Wohnungstür auf, hörte das gewohnte Klicken des Schlosses und roch beim Eintreten den Duft unseres Zuhauses, eine Mischung aus Essen, Holz und frischer Wäsche. Noch als ich meinen Rucksack im Flur ablegte, hörte ich das Telefon klingeln. Ich öffnete die Wohnzimmertür und ging zum Regal, auf dem das Telefon lag. Der dunkle Holzboden knarzte unter meinen Schritten. Ich meldete mich und hörte die vertraute Stimme meiner Mutter. Sie lebte im Norden Schleswig-Holsteins, wo Ben und ich aufgewachsen waren und erkundete sich regelmäßig, wie es uns beiden am anderen Ende Deutschlands erging. Nach dem Austauschen von allgemeinen Informationen – „wie geht’s, wie ist das Wetter, was machst du sonst so?“ – kam ein Punkt, an dem ich merkte, wie meine Mutter nach passenden Worten suchte. Und schließlich kamen sie sachlich und bestimmt über ihre Lippen: „Ich war heute beim Frauenarzt... Ich habe einen Knoten in der Brust.“

Mit weichen Knien setzte ich mich auf einen der Holzstühle in der Mitte unseres Wohnzimmers und starrte fassungslos die Weltkarte an der Zimmerwand an.

„Scheiße“, war alles, was ich herausbringen konnte. Mama war in ihrem Leben nie richtig krank gewesen, nicht mal an einen Schnupfen konnte ich mich erinnern. Sie aß gesund, rauchte schon seit sie mit meinem älteren Bruder schwanger war nicht mehr und ruderte hunderte von Kilometern im Jahr. Was sie mir da erzählte, konnte einfach nicht wahr sein. Meine Familie war auf einmal verletzbar, ich selber eingeschlossen.

„Ja, das kann man wohl sagen“, riss Mamas Stimme mich aus meinen Gedanken.

„Weiß man schon, ob er bösartig ist?“, wollte ich wissen und es spielten sich filmartig alle Vorlesungen über Brustkrebs während meines Studiums vor meinem inneren Auge ab.

„Wir warten noch auf die Ergebnisse, aber es sieht wohl danach aus. Die Frauenärztin hat vorsorglich schon mal einen Operationstermin in eineinhalb Wochen reserviert. Nächste Woche gehe ich erstmal noch mit meiner Zehnten auf die Pippilotta.“

Das war typisch meine Mutter. Einer der aufopferndsten Menschen, den ich bis dahin kannte. Die Klassen- und gleichzeitig Abschlussfahrt ihrer zehnten Klasse auf ihrem geliebten Schulsegelschiff wollte sie sich auch von einer bedrohlichen Krankheit nicht nehmen lassen.

„Ist das denn gut, so lange zu warten?“, fragte ich besorgt und sah die Metastasen nur so durch ihren Körper wandern.

„Naja, die Ärztin sagt, dass der Knoten schon so groß sei, dass es auf eine Woche mehr oder weniger auch nicht mehr ankäme.“

Das klang nicht gerade gut. Ich fragte sie noch nach einigen Details und sagte zum Schluss des Telefonats: „Ich werde hochkommen, wenn du operiert wirst.“

„Ach Maus, das musst du nicht. Du kannst dir doch nicht so einfach freinehmen...“ Wieder typisch Mama. Wäre es nach ihr gegangen, sollte sich ja keiner Gedanken oder Sorgen um sie machen und erst Recht nicht irgendetwas für sie stehen und liegen lassen.

„Natürlich komme ich hoch. Das klappt schon“, sagte ich bestimmt.

„Okay. Danke. Hab dich lieb“, sagte sie sanft.

„Ich dich auch, Mama.“ Wir legten auf.

Völlig durcheinander saß ich immer noch auf dem Holzstuhl in der Mitte des Wohnzimmers. Wie durch Ohropax hörte ich einen Schlüssel im Wohnungstürschloss und dann meinen Freund eintreten. Dass er früher als üblich von der Arbeit kam, bemerkte ich gar nicht. Als er ins Wohnzimmer kam, schauten wir uns lange in die Augen. Ich fühlte, dass er versuchte aus meinem Gesicht zu lesen.

„Mama hat angerufen. Sie hat Brustkrebs“, sagte ich leise ohne Begrüßung.

„Ich weiß“, antwortete er und nahm mich in den Arm. Sobald ich meinen Kopf an seine Brust legte, kamen die Tränen, die von da an in den nächsten Jahren immer wieder kommen würden. Mein bis dato relativ sorgenfreies Leben war vorbei. Meine Mutter war nicht mehr dieselbe Frau in meinen Augen: Plötzlich war sie verletzbar und nun lag es an mir, sie vor dem Schlimmsten zu beschützen.

Letztendlich lag es nicht in meiner Macht und knapp dreieinhalb Jahre später streichelte ich die kalte Wange meiner kurz zuvor gestorbenen Mutter. Das war Heiligabend 2014.

Anfang September 2015 wäre Mama 67 geworden. Im Gegensatz zu mir liebte sie es, ihren Geburtstag groß zu feiern und tagelang im Voraus in der Küche zu stehen und die leckersten Gerichte und Torten zuzubereiten. Nach ihrem Tod gingen mein Bruder, Papa, seine Frau, Mamas Lebenspartner und ich an ihrem Geburtstag essen. Einerseits taten wir es, um an Mama zu denken und andererseits war es mein Abschiedsessen. Am Morgen hatte ich meine Lieblingsblume, eine Sonnenblume, auf Mamas Grab gelegt und ihr „Auf Wiedersehen“ gesagt. Ich wusste nicht, ob ich jemals wieder zu ihrem Grab kommen würde. Das war sowieso nicht sie. Sie war in allem anderen, im Wind, in den Bäumen, in mir, aber nicht in diesem kalten Erdloch.

Und nun saß ich in einem Flugzeug, weit weg von ihrem Grab. Zehneinhalb Stunden. Kurzer Stop-over in Seoul, Südkorea. Mit jedem Kilometer, den das Flugzeug zurücklegte und mich von Deutschland entfernte, fühlte ich mich besser. Als würde nach und nach eine große Last von meinen Schultern fallen. Wie so oft zuvor war ich erstaunt, wie viel allein räumliche Distanz ausmachen konnte. Und für mich sollte es nun noch weitergehen. Ans andere Ende der Welt.

2 Das Land der langen, weißen Wolke

Nur im Alleinsein können wir uns selber finden. Alleinsein ist nicht Einsamkeit, sie ist das größte Abenteuer!

Hermann Hesse

Am 22. September 2015 landete ich frühmorgens in Auckland. An diesem Tag nun sollte mein Leben von neuem beginnen.

Te Araroa, der lange Pfad – Neuseelands Trail. Diesen Trail zu wandern, um mich selber wiederzufinden – das sollte mein Leben für die nächsten Monate sein. Noch am gleichen Tag, an dem Ben mir gesagt hatte, dass er unsere Beziehung nicht mehr weiterführen könne, googelte ich nach Fernwanderwegen. In meinem Kopf war ich die Möglichkeiten durchgegangen und war dabei auf drei Alternativen gestoßen. Erstens: Ich könnte mich selbst bemitleiden, im Bett liegenbleiben und weinen, könnte versuchen zu verhungern und dann für den Rest meines Lebens einen Knacks weghaben. Zweitens: Ich könnte um uns kämpfen und vielleicht noch weitaus größere Verletzungen davontragen. Und drittens: Ich könnte alles aufgeben und etwas Verrücktes tun, ich könnte mein bisheriges Leben tatsächlich beenden – und versuchen, ein neues Leben zu beginnen. Ein Neuanfang! Ich hatte sofort an den Film mit Reese Witherspoon gedacht. Da es Ende Juli war und früher oder später der Herbst und schließlich der Winter auf der Nordhalbkugel einziehen würde, war für mich von vornherein klar, dass ich auf die andere Seite der Welt fliegen würde. „Je weiter weg von Deutschland desto besser!“ dachte ich mir. Ich wollte weit weg von den Schmerzen und den Leuten sein, die zwar alles dafür taten, dass es mir besser ging, aber die mich im gleichen Moment an die bislang wichtigsten Menschen in meinen Leben erinnerten. Und die hatte ich innerhalb von sieben Monaten für immer verloren.

Mein Blick huschte damals über eine Top-10-Liste der besten Fernwanderwege weltweit. Appalachian Trail, Pacific Crest Trail, Continental Divide Trail, der Jakobsweg – definitiv nichts für mich. Meine Augen blieben an zwei Trails hängen: dem Tokai Nature Trail in Japan und dem Te Araroa in Neuseeland. Die ersten Sätze, die ich über den Te Araroa las, beschrieben einen Wanderweg, der wie für mich gemacht war. Der noch relativ junge Trail führte vom Norden der Nordinsel über größtenteils abgelegene Wege durch verschiedenste Landschaften Neuseelands bis zum Süden der Südinsel. Schon vorher existierende Tracks waren durch neuere zu einem langen Weg verbunden worden. Nahezu unberührte Natur und noch nicht so viel „Betrieb“ wie auf den anderen berühmten Fernwanderwegen der Welt warteten auf mich. Zudem wollte ich, seit ich Australien elf Jahre zuvor verlassen und es zeitlich nicht mehr „rüber“ geschafft hatte, immer schon nach Neuseeland. Als ich Ben kennengelernt hatte, war er gerade von einem einjährigen „Working Holiday“-Aufenthalt in Neuseeland wiedergekommen und völlig begeistert von dem Land. Kurz bevor Mama starb, erzählte sie mir, dass sie und ihr Lebenspartner geplant hatten, für längere Zeit nach Neuseeland zu gehen und dort mit dem Wohnmobil herumzureisen. – Meine Mutter, die zwar viel und gerne aber nie zuvor außerhalb Europas gereist war! Der Gedanke machte mich damals glücklich und gleichzeitig zutiefst traurig, wusste ich doch, dass ihr dieser Wunsch nicht mehr erfüllt werden würde. Auch deshalb fühlte sich meine Entscheidung, nach Neuseeland zu gehen, richtig an. Die Würfel waren gefallen!

In den nächsten Tagen kündigte ich meinen Job, den Mietvertrag für die Doppelhaushälfte und sämtliche Mitgliedschaften. Ich packte meine persönlichen Sachen in Umzugskisten und verkaufte das Silberbesteck und weitere Gegenstände meiner Mutter. Ich wollte nichts mehr besitzen und brauchte zudem das Geld. Der aufgelöste Bausparvertrag meiner Mutter würde einen weiteren Teil der Reise finanzieren. Nahezu alle Sachen, die mir Ben geschenkt hatte, verkaufte ich oder gab sie in die Altkleiderspende. Um alles andere musste sich Ben mit Unterstützung seiner Familie und Freunde kümmern. Es tat zu sehr weh, durch all die in den Möbeln, Büchern, Souvenirs, Pflanzen und CDs gespeicherten Erinnerungen an eine wunderschöne Zeit zu gehen. Nicht einmal eineinhalb Jahre zuvor waren wir von München zurück in unsere Heimatstadt in den Norden gezogen. Wir hatten uns teure neue Möbel gekauft und mit viel Liebe und Zeit den Garten der gemieteten Haushälfte hergerichtet. Wir dachten, wir würden maximal noch ein Mal in den nächsten zehn Jahren umziehen, und zwar ins eigene Haus. Ein halbes Jahr nachdem ich die Haushälfte meiner Mutter ausgeräumt und aufgelöst hatte, fühlte ich mich nicht in der Lage, dies erneut und mit meinem eigenen Haushalt zu tun.

Das Gefühl nichts mehr wert und verlassen worden zu sein, ließ Begegnungen mit unseren Nachbarn und anderen Bekannten, die keine Ahnung hatten, was los war, nicht zu, und Treffen mit jenen, denen ich von der Trennung erzählen musste, waren eine Tortur. Mehr und mehr zog ich mich in eine Blase zurück, in der ich meinen Blick gen Boden richtete und meiner täglichen Zwanzig-Stunden-Pack-Arbeit nachging. Die Vorbereitungen für den Trail hielten mich am Leben: Ich buchte den nächstmöglichen Open-Return-Flug nach Neuseeland und beantragte ein neunmonatiges Besuchervisum; ich schloss eine Langzeit-Auslandsversicherung ab und meldete mich arbeitslos; ich lud mir die Trailnotizen auf meinen E-Reader und die GPS-Daten auf mein kürzlich erstandenes Garmin-GPS. Ich sammelte die Ausrüstung zusammen, die zwar nicht perfekt für einen Fernwanderweg war, die ich aber aufgrund meiner bisherigen Mehrtageswanderungen schon besaß. Was ich noch nicht besaß und noch brauchte, kaufte ich mir nach und nach. Sogar ein Testament schrieb ich, in dem ich meinen Bruder als alleinigen Erben meines geringen Besitzes bestimmte. Tränen tropften dabei auf das Papier, welches ich dann in einen Umschlag für ihn steckte mit der Aufschrift:

Falls mir irgendwas passieren sollte… Wenn ich gesund und munter zurückkomme – und dafür gebe ich mein Bestes – zerreiß den Umschlag einfach. Nur als Vorsorge… Habe nicht vor zu sterben. Habe Dich lieb. Deine kleine Schwester.

Ich hatte Angst vor dem, was vor mir lag. Zwar hatte ich Wander- und Auslandserfahrung, aber nie war ich alleine unterwegs gewesen. Nun fühlte ich mich körperlich und geistig entkräftet und in einem unbekannten Land in weit abgelegenen Gebieten alleine zu wandern würde mich an meine Grenzen und über sie hinausbringen. Dem Risiko dabei zu sterben sah ich mit tiefem Schmerz und dem Gedanken „ich habe doch nichts mehr zu verlieren“ entgegen. Aber für mich gab es keine andere Wahl. Und sollte ich tatsächlich ums Leben kommen, hatte ich zumindest noch etwas von der Welt gesehen und war eins mit der Natur geworden.

In den Wochen vor meiner Abreise arbeitete ich lange To-Do-Listen ab, bis ich soweit war, das Haus zu verlassen. Es waren noch gut fünf Wochen bis zum Abflug, aber ich hielt es „Zuhause“ nicht mehr aus. Ich hatte kein Zuhause mehr. Auch bei meinem Vater und seiner Frau konnte ich nicht wohnen; erinnerte mich doch alles zu sehr an Ben und Mama. Also flüchtete ich nach Hamburg und lebte abwechselnd bei meinem Bruder und bei meinem besten Freund und Schwager Lars. Ich las viel und versuchte mir ein Bild über den Trail zu verschaffen. Mit besonderen Dehnübungen und der Eigen-Mobilisationsbehandlung meiner Gelenke versuchte ich meine Schwachstellen, die mir auf dem Trail Probleme machen könnten, zu entschärfen. Sobald ich nichts tat, kamen die Traurigkeit und der stechende Schmerz in mir hoch. Ruhelos ging ich täglich viele Kilometer durch Hamburg und an der Elbe entlang, um Körper und Geist zu betäuben. Ich fühlte mich einsam wie nie. Es war Ferienzeit und meine Familie und viele meiner Freunde waren im Urlaub, als alles geschah. Unsere gemeinsamen Freunde verhielten sich souverän, ergriffen nicht Partei, konnten das Geschehene ebenso wenig verstehen. Dennoch konnte ich sie nicht treffen, es tat zu sehr weh, von Ben zu hören. Wieder und wieder erzählte ich geduldig die Geschichte, in der Hoffnung, dass es meinen Freunden das Gefühl gab zu helfen. Eine Hülle meiner selbst, spulte ich monoton das Geschehene ab. Denjenigen, die nicht in Hamburg oder Norddeutschland wohnten, sagte ich nur kurz vor dem Abflug oder gar nicht, was passiert war. Ich konnte ihre Fassungslosigkeit nicht ertragen. Alle, die bescheid wussten, und meine Familie waren toll, alle boten mir ihre Hilfe an, alle machten sich Sorgen um mich, alle versuchten mich aufzuheitern. Aber niemand konnte mir helfen. Es tat weh, die traurige Erkenntnis in ihren Augen zu sehen. Niemand konnte die schwarze Faust, die mein Herz zerdrückte und mir dabei die Kehle zuschnürte, öffnen. Hilfe musste von woanders herkommen. Und ich suchte die Hilfe in der Ferne und der Natur. Als ich mich in meinen letzten Wochen in Deutschland nach und nach von meinen engsten Freunden verabschiedete, verspürte ich keine Trauer. Da war einfach nichts mehr in mir. Eine Leere. Benommenheit. Zeit zu gehen.

Und nun war ich nach etwa dreißig Stunden Flug am anderen Ende der Welt. Da wir viel miteinander gereist waren, drehten sich meine ersten Gedanken in der Warteschlange der Einreisenden um Ben. Es fühlte sich komisch an, ohne ihn ein Land zu entdecken. „Von heute an wird alles besser!“ redete ich mir selber gut zu und ließ geduldig die Passkontrolle und die Zollformalitäten über mich ergehen. Ich zeigte dem Flughafenpersonal mein Zelt und die Wanderschuhe, die ich vor der Einreise gründlich gewaschen hatte, da ich wusste, dass die Neuseeländer sehr strikte Kontrollen haben. Mikroorganismen, die sich zum Beispiel in der Erde unter der Schuhsohle befinden, könnten verheerende Auswirkungen auf das Ökosystem der Insel haben. Aber alles war gut. Der freundliche Zollbeamte war zufrieden mit meinen Stiefeln und auch mein Zelt bekam ich ohne Beanstandung zurück.

Durch eine Glasschiebetür schritt ich in die Empfangshalle. Um mich herum wurden die mit mir ankommenden Fluggäste geküsst, umarmt oder mit einem Handschlag begrüßt. Mein Name stand auf keinem der von den Wartenden gehaltenen Schilder. Mich würde niemand umarmen. Ich war in einem Land, in dem ich keine Menschenseele kannte. Ich war allein und auf mich gestellt. Die Begrüßungs- und Abschiedsszenen, die sich an einem Flughafen boten, hatten mich immer schon sehr berührt, auch als alles gut war. Nun beobachtete ich mit einer emotionalen Leere die Familien, die Paare, die Kollegen, die sich unter Tränen oder Lachen wiedervereinten. Ich fühlte mich wie ein Alien, der gerade auf der Erde gelandet war und nun aufmerksam die Verhaltensweisen der Menschen beobachtete. Nachdem ich Neuseeländische Dollar abgehoben hatte, verließ ich das Flughafengebäude und atmete so tief ich konnte zum ersten Mal in meinem Leben neuseeländische Luft. Es fühlte sich hervorragend an.

3 Der Engel Judie

Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.

Antoine de Saint-Exupery

Die nächsten Tage in Auckland verbrachte ich damit, fehlende Ausrüstung – einen Kocher, eine Tasse, ein kurzärmeliges Shirt aus Merino-Wolle, eine neuseeländische SIM-Karte – zu kaufen und einen Überblick über mögliche Trail-Mahlzeiten zu bekommen. Es war noch relativ kalt – zwischen 12° und 16° C – und es nieselte zwei Tage lang. Zweifel kamen in mir auf, ob ich die Sache nicht zu früh anging. Andererseits wusste ich nichts mit mir anzufangen und hörte den Trail rufen. Als ich die ersten Sonnenstrahlen auf einer Bank im Hafen von Auckland genoss, blickte ich auf die andere Seite nach Devonport und stellte mir vor, was für ein großartiges Gefühl es sein müsste, in einigen Monaten dort zu Fuß anzukommen und die Fähre nach Auckland zu nehmen. Genau dorthin wo ich im Moment saß.

Nach meinen ersten zwei Tagen in einem günstigen Hotel an der zentral gelegenen Queen Street zog ich zu Judie, die drei Zimmer über AirB‘n‘B vermietete. Mit meinem Rucksack wanderte ich zwei Stunden durch die Straßen, größtenteils auf dem Trail, dem ich einige Zeit später durch Auckland folgen sollte. Auf und ab, durch Häuserschluchten, über den Motorway, durch den Domainpark, in dessen Mitte sich imposant das Auckland Museum präsentierte. Die Sonne schien. Der Rucksack fühlte sich wirklich schwer an, und ich hatte noch nicht einmal Proviant und Wasser eingepackt! Ich sah es als Symbol der mentalen Last, die ich trug. Und letztendlich fühlte es sich gut an.

In Judies Haus begrüßten mich zwei ihrer Gäste, Jasper aus den Niederlanden und Ahmed aus Saudi-Arabien. Judie war zu diesem Zeitpunkt bei der Arbeit und ich würde sie erst abends kennenlernen. Jasper zeigte mir das lichtdurchflutete und geschmackvoll eingerichtete Haus und führte mich schließlich in mein Zimmer mit der Bemerkung:

„Du hast übrigens ein Upgrade bekommen: den Raum mit Badezimmer, weil Ahmed noch länger in dem Zimmer wohnt, das du eigentlich gebucht hast.“

Das Glück schien heute auf meiner Seite zu sein und ich freute mich über diese willkommene Fügung. Ich legte meine Sachen ab und ging zum nächsten New World Supermarkt, um mir etwas zu essen zu kaufen. Als ich die Preise für frisches Obst und Gemüse sah, bekam ich einen leichten Schrecken. Ich hatte zwar schon gehört, dass Neuseeland als die Schweiz von Ozeanien galt, aber dass eine Kiwi aus Neuseeland, wenn ich sie in Neuseeland kaufte, teurer war als in Deutschland, hätte ich nicht gedacht. Appetitlos wanderte ich die Regalreihen auf und ab, in der Hoffnung, dass mich irgendwas anlächelte.

Nach einer viel zu langen Zeit im Supermarkt kam ich mit einer Avocado, Knäckebrot und Käse wieder zurück zu Judie. Ich hatte gerade lustlos mein Abendbrot gegessen und war dabei mein Geschirr wegzuräumen, als Judie schwungvoll um die Ecke in die Küche kam und mich mit einer solch ehrlichen Herzlichkeit begrüßte, dass ich nicht anders konnte, als ein offenes Lächeln zurückzugeben. Sofort sprang ein Funken der Sympathie auf mich über. Ihre wachen, blauen Augen, in den weichen Gesichtszügen, die von blondem, elegant gewelltem, schulterlangem Haar umspielt wurden, strahlten Wärme und aufrichtiges Interesse aus. Ihre feminine Figur, an der kein Gramm Fett zu viel war, und die makellose Haut ließen sie aussehen wie Mitte vierzig, obwohl sie zu meinem Erstaunen bereits sechzig Jahre alt war. Schon in unserem ersten Gespräch kam mir Judie vor wie die pure Lebensfreude. Sie war intelligent und gleichzeitig sinnlich und bestimmt. Ich fühlte mich in ihrer Gegenwart ausgesprochen wohl und war froh über mein glückliches Händchen bei der Unterkunftswahl.

Von Judies Haus aus unternahm ich in den nächsten Tagen kleine Wanderungen zu den Parks und genoss die Aussicht von den Vulkanen, deren grüne Kuppen zusammen mit der Skyline und der Harbour Bridge das Stadtbild prägen. Ich versuchte, so weit wie möglich in die Ferne zu gucken: An der Küste entlang und zu den Hügelketten im Süden, um zu sehen, woher ich kommen und wohin ich gehen würde. An meinem sechsten und letzten Abend in Auckland kochte Judie für die beiden Langzeitgäste und mich. Bei einem Glas Wein und einem leckeren persischen Gericht unterhielten wir uns angeregt. Ich fühlte mich wohl. Judie war ein sehr offener, interessierter und interessanter Gesprächspartner. Kurz bevor wir anfingen, das Geschirr abzuräumen, blickte Judie mir in die Augen und sagte:

„Ann, ein Grund, warum ich das Dinner gemacht habe, ist: ich wollte dich fragen, ob wir vielleicht ein bisschen in Kontakt bleiben können, so dass ich weiß, dass du okay bist?“

Gerührt von dieser Herzlichkeit und Fürsorge antwortete ich mit einem Riesenlächeln im Gesicht:

„Wow, danke! Auf jeden Fall. Jeder in Deutschland würde dich dafür lieben und dich sofort umarmen!“

Judie lächelte: „An sich ist es ein sicheres Land, aber da draußen im „Bush“ und ganz alleine kann das hart sein. Es ist gut, wenn jemand in Neuseeland weiß, wo du gerade bist.“

Ich konnte mein Glück immer noch nicht fassen. In Deutschland hatte ich mich so alleingelassen gefühlt, obwohl jeder Hilfe und emotionalen Beistand angeboten hatte und nun war da diese wunderbare Person, die ich gerade mal ein paar Tage kannte, und von der ich mich sofort verstanden und unterstützt fühlte.

„Ich werde dir vor jedem Streckenabschnitt eine SMS schicken, in der ich dir schreibe, von wo nach wo ich wandere und wann ich voraussichtlich ankomme. Sobald ich am Etappenziel bin, werde ich dir wieder eine SMS schicken. Sollte ich mich nicht melden, gib mir ’nen Tag und wenn dann noch nichts kommt, kannst du Search and Rescue oder die Polizei kontaktieren.“ Ich fand es doof, das zu sagen, schließlich war es Judies Heimat und sie wüsste am besten, was im Falle eines Falles zu tun sei.

„Das klingt nach einer guten Idee“, pflichtete Judie mir bei.

„Ja“, ich überlegte kurz, „und ich schreibe dir die Nummern meines Bruders und meines Schwagers auf; die kannst du im Notfall benachrichtigen.“ Ich merkte, wie das Gespräch in eine negative Richtung ging und fügte schnell mit einem sanften Lächeln hinzu: „Aber ich hoffe natürlich, dass es nicht so weit kommt.“ Tief im Innern war ich selbst von meinen eigenen Worten wenig überzeugt.

Meine Gedanken wanderten zu den Trailnotizen, die ich mir lediglich für die ersten zwei Wochen angeguckt hatte. Es versprach eine völlig neue Erfahrung für mich zu werden: Wasser suchen, wild campen, navigieren, Flüsse durchqueren, meinen Weg durch dichte Wälder bahnen und über Wiesen mit Schafen, Kühen und – als ich dies gelesen hatte, waren meine Sorgen weiter gewachsen – Stieren wandern. Seit ich als Kind von einem Pferd überrannt und als Teenager von einem Bullen über eine Koppel gejagt worden war, hatte ich größten Respekt vor diesen Tieren. Sie waren mir einfach zu groß.

In Deutschland wusste keiner so genau, wie der Trail beschaffen war. Es ärgerte mich manchmal, wenn Leute zu mir sagten: „Viel Spaß in Neuseeland!“. Sie hatten nicht verstanden, dass das für mich kein Urlaub war und dass ich Angst, aber keine andere Alternative hatte. Öfter beschlich mich das Gefühl, dass ich allen etwas Gutes tat, wenn ich nicht mehr im Lande war. Als würde eine Welle der Erleichterung durch die Reihen meiner Freunde und meiner Schwiegerfamilie gehen. Jeder konnte mit seinem fröhlichen Leben weitermachen, als wäre nichts passiert und musste keine Rücksicht auf mich nehmen oder sich um mich kümmern. Das war zumindest der Eindruck, der sich in meinen düsteren Gedanken festsetzte. Ich wollte niemandem eine Last sein. Zudem war ich ein Abbild meiner Mutter in jungen Jahren. Es musste in der akuten Trauerzeit für enge Verwandte und Bekannte schwierig sein, mit dieser Ähnlichkeit zurechtzukommen. Erst nachdem ein bisschen Gras über die Sache gewachsen sein würde, könnte ich Mamas soziales Umfeld damit erfreuen, dass sie in mir weiterlebte. Dieser Zeitpunkt war jedoch noch in ungewisser Ferne.

Ich schob meine düsteren Gedanken beiseite, lächelte tapfer und trank ein weiteres Glas Merlot mit Judie. Die ermutigenden Gespräche mit ihr und ihre angenehme Gesellschaft taten mir gut. Als wir die Küche verließen, um uns bettfertig zu machen, drehte sich Judie zu mir um und sagte:

„Und damit du es weißt, Neuseeland ist relativ klein – egal wo du auf der Nordinsel bist, du bist maximal acht Autostunden von hier entfernt. Also egal was ist, sag Bescheid, wenn du meine Hilfe brauchst und ich hole dich.“

Überwältigt von dieser aufopfernden Hilfsbereitschaft umarmte ich Judie und nuschelte ein „Thank you so much“ in ihre Schulter. Kaum in meinem Zimmer angekommen, schrieb ich die gute Nachricht der Familiengruppe bei WhatsApp, um alle zu beruhigen. In meinem Tagebuch hielt ich in dieser Nacht als letzten Satz folgendes fest:

Bescheuerter Gedanke, aber vielleicht ist sie von Mama ’beauftragt’?

4 Das Tor zum Trail

We never lose our loved ones. They accompany us, they don‘t disappear from our lives. We are merely in different rooms.

Paulo Coelho

Früh am nächsten Morgen nahm ich den „naked-Bus“ von Auckland in Richtung Norden, nach Kaitaia. Judie hatte drauf bestanden mich zur Bushaltestelle im CBD, dem Stadtzentrum von Auckland zu bringen. Mitten in der morgendlichen Rushhour hielt sie am Straßenrand. Um keinen Stau zu verursachen, verabschiedete ich mich schnell mit einer Umarmung von Judie, wuchtete meinen schweren Rucksack aus dem Kofferraum und winkte ihr zu, bevor sie wieder im dichten Verkehr verschwand. Ich querte die Straße und stellte mich ans Ende der Reihe von wartenden Backpackern. Wieder fühlte ich mich wie eine Außerirdische, die nur beobachtete, aber nicht teilnahm. Wie unterschiedlich diese Backpacker und ich waren, kam mir dabei immer wieder in den Sinn. So wie sie war ich auch einmal gewesen. Nun war in mir keine Unbeschwertheit oder Vorfreude auf das, was mich am nächsten Ort erwartete. Ich hatte eine Mission zu erfüllen, meine „Therapie“.

Es regnete und war kalt. Die Busfahrerin nahm meinen Rucksack unter Ächzen entgegen und verstaute ihn im Gepäckfach, während ich mir schon im hinteren Bereich des Busses einen Sitzplatz suchte. Pünktlich setzte sich der Bus in Bewegung und wir verließen Auckland über die Harbour Bridge, von der sich eine imposante Aussicht auf die Skyline der Stadt bot.

Mit Musik in meinen Ohren beobachtete ich die Landschaft, die an mir vorbeizog und stellte mir vor, wie es wäre hier in einigen Wochen durchzuwandern. Ein zu diesem Zeitpunkt unwirkliches Gefühl. Die Scheiben des Busses waren beschlagen und sie verströmten eine feuchte Kälte. An der Bushaltestelle in Kaitaia wurden alle circa neunzehnjährigen Deutschen, die mit mir im Bus gewesen waren, von ihren wahrscheinlich zukünftigen Arbeitgebern und Gastfamilien abgeholt. Wieder war ich die Einzige, auf die niemand wartete. Da es nach wie vor in Strömen regnete, zog ich den Regenschutz über meinen Rucksack, schulterte ihn und marschierte die etwa zwei Kilometer zu einem Hostel, in dem ich ein Zimmer gebucht hatte, immer entlang der Hauptstraße an den kleinen Geschäften vorbei. Außer ein paar wenigen Maori, die vor den Geschäften unter der Überdachung saßen oder standen und mich interessiert ansahen und grüßten, war die kleine Ortschaft wie ausgestorben. Vielleicht verstärkt durch den grauen, wolkenverhangenen Himmel wirkte Kaitaia trist und ärmlich auf mich. Sollten so alle Ortschaften aussehen, durch die ich gehen würde? Mich beschlich ein mulmiges Gefühl. Hier irgendwo in der Nähe wild zu campen, wenn es keine Unterkunft gäbe, würde sich nicht sicher anfühlen. Ich wusste, dass es in Neuseeland, anders als in Australien oder anderen Ländern, keine gefährlichen Tiere gab. Die Spezies Mensch machte mir schon eher Sorgen. Einige Erfahrungen in meiner Vergangenheit hatten dazu geführt, dass ich häufig zunächst das Schlechte im Menschen vermutete. „Aber“, so dachte ich, als ich den Bürgersteig entlangwanderte, „ich habe nichts zu verlieren. Schlimmer als das, was ich hinter mir gelassen habe, kann es nicht sein.“ Damit schob ich jeglichen Zweifel beiseite. Diese Einstellung funktionierte.

Ich erreichte das Hostel und das erste, was ich wahrnahm, war die Band „Kraftklub“, deren Lieder mir in voller Lautstärke aus einem benacbarten Gebäude entgegenschallten. „Bin ich in den falschen Bus gestiegen?“ dachte ich amüsiert und drückte die Klingel der Rezeption.

Kaitaia, eine etwa 5000-Seelen-Gemeinde ist der nördlichste Ort, den man mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen kann, und für einen Te Araroa-Wanderer das Tor zum Trail, der am Cape Reinga beginnt. Das Kap ist von Kaitaia noch einhundert Kilometer entfernt und ich hoffte im Hostel jemanden kennenzulernen, der mich im Auto dorthin mitnehmen würde. Aus diesem Grund checkte ich für zwei Nächte ein und bekam ein Zimmer für mich allein mit zwei Hochbetten. Ich stellte meinen Rucksack neben mein Bett und ging in die Küche. Niemand da. Also machte ich mich auf den Weg zum Supermarkt. Der Pak‘n‘Save-Supermarkt war wie ein Tagesausflug für mich. Nicht weil er weit weg war, sondern weil ich durch jede Reihe ging, mir alles genau ansah und überlegte, ob es auf dem Trail taugen würde oder nicht. Schließlich verließ ich den Pak’n’Save nach einer gefühlten Ewigkeit mit Porridge und Tee für das Frühstück, Zwei-Minuten-Nudeln und gefriergetrockneten „Backcountry-Cuisine“-Mahlzeiten für das Abendbrot, einigen Müsliriegeln und einer Tüte Scroggins, der neuseeländischen Nuss-Trockenfrüchte-Schokoladen-Mischung für das Wandern, und einer Flasche Wein für die letzten zwei Abende in der Zivilisation – einem neuseeländischen Pinot Noir, den ich mir zur Feier des Tages, dem Geburtstag meiner besten Freundin Ina sowie zu meinem Neustart gönnte.

Zurück im Hostel bemerkte ich, dass dort insgesamt nun ein bisschen mehr Leben war. Mehrere kleine Gruppen von neunzehn- bis zwanzigjährigen Deutschen in dreckigen Arbeitsklamotten schleppten müde ihre Einkäufe in die Küche. „Neudeutschland wäre vielleicht ein geeigneterer Name für das Land.“ dachte ich mir im Stillen. Ich rückte mir zwei Stühle im Patio vor meinem Zimmer zurecht, holte mir ein Weinglas aus der Küche und setzte mich. Die Stunden vergingen beim Lesen und Weintrinken. Mein Kindle war auf dem Flug kaputtgegangen und so hatte ich ihn schweren Herzens bei Judie gelassen. Die Vorstellung, abends nach einem langen Wandertag im Zelt zu liegen und zu lesen, hatte etwas sehr Beruhigendes für mich. Bücher waren meine Freunde. Da ich aber eh schon Schwierigkeiten hatte, meine komplette Ausrüstung im Rucksack zu verstauen und mir das Gewicht Sorgen bereitete, hatte ich beschlossen, auf Bücher zu verzichten. Für die Busfahrt und die zwei Nächte in Kaitaia hatte ich mir aber in Auckland noch schnell „Aleph“ von Paulo Coelho gekauft. Andreas, mein ehemaliger Rudertrainer und auch heute noch sehr wichtiger Mensch in meinem Leben, hatte es gelesen. In Deutschland hatte er mir von der Geschichte erzählt und was er daraus für sich gezogen hatte. Das Buch faszinierte und inspirierte mich und ich zitierte zwei Stellen aus dem Buch, die mich aufbauten, in meinem Tagebuch:

Die Liebe steht außerhalb der Zeit. Oder besser gesagt, die Liebe ist Zeit und Raum zugleich in einem einzigen sich ständig verändernden Punkt, dem Aleph.

Ich dachte an diese typischen Sprüche in einer Beziehung wie: „Ich möchte nicht, dass du dich meinetwegen veränderst.“ Dieser Spruch hatte unsere Beziehung im letzten halben Jahr dominiert. Ben und ich hatten immer offen und ehrlich über das verflixte siebte Jahr gesprochen. Irgendwo hatten wir mal aufgeschnappt, dass man innerhalb von sieben Jahren seine Prioritäten im Leben nochmal überdenkt und zum Teil radikal neuordnet, auch wenn der Partner da eventuell keinen Platz mehr findet. Damals hatten wir uns gegenseitig versichert, dass uns so etwas nichts anhaben könne, so lange wir über alles redeten. Und dann nach sechseinhalb wunderschönen Jahren mit Höhen und Tiefen war es auf einmal vorbei. Wir hatten uns verändert. Und ich wollte mich wieder verändern. Nicht für Ben – sondern mit ihm. Meinen Weg im Leben wiederfinden, nachdem ich mein symbolisches Zuhause, meine Mutter und mich selber verloren hatte.

Die Menschen, die wir lieben, verlieren wir nie. Sie begleiten uns, sie verschwinden nicht aus unserem Leben. Es ist eher so, als würden wir uns in verschiedenen Räumen aufhalten.

Bislang hatte ich mir im Leben nie viele Gedanken über Tod und Sterben gemacht. Aber irgendwie gab es immer einen Teil in mir, der an ein Leben vor und nach dem Tod geglaubt oder es sich wenigstens gewünscht hatte. Nachdem die Ärztin meiner Mutter deutlich gemacht hatte, dass ihre Lebenserwartung eher Wochen als Monate betrug und wir uns in den Armen lagen, sagte ich ihr halb scherzend:

„Wenn es ein Leben nach dem Tod gibt, sehen wir uns da auf jeden Fall wieder. Vielleicht nicht genau in dieser Konstellation – vielleicht bist du dann meine Tochter oder ich deine Katze. Aber wir werden uns auf jeden Fall wiedersehen!“

So absurd es für mich klang, ich wollte es glauben. Auch war einer der letzten Sätze, die ich meiner Mutter eine Woche später kurz vor ihrem Tod zuflüsterte:

„Wir sehen uns in einem anderen Leben.“

Die Zeilen von Paulo Coelho zu lesen, dieses Bild mit den unterschiedlichen Räumen im Kopf zu haben, tröstete mich ungemein. Das Bild sollte mir in Zukunft immer wieder helfen. Während ich so dort in Gedanken und in meinem Buch versunken saß, führte die Rezeptionistin ein großes, schlankes Mädchen in den Patio, das sich von allen anderen Bewohnern hier unterschied. Nicht wegen ihrer langen roten Haare oder ihrer Körpergröße, sondern weil sie Wanderstöcke in den Händen hielt, einen großen Rucksack und Stiefel trug. Ihr Gesicht und der Nacken waren knallrot verbrannt und ihre gebeugte Haltung und das erschöpfte Gesicht drückten Enttäuschung und Trauer aus. Ich schnappte den Satz „Ich habe aufgegeben“ auf. Quasi direkt vor meinen Füßen fing sie mühsam an, ihr Zelt aufzubauen. Wir kamen ins Gespräch und es stellte sich raus, dass sie vor ein paar Tagen aufgebrochen war, um den Te Araroa zu gehen.

Ihr Name war Linda, sie war neunzehn, kam aus Köln und hatte gerade die Schule beendet. Sie war völlig erschöpft und frustriert. Dennoch sprudelte ihre Geschichte nur so aus ihr heraus: Linda hatte versucht per Anhalter zum Cape Reinga zu kommen. Bis zum Te Paki-Fluss, den der Trail etwa zwanzig Kilometer nach dem Kap kreuzt, wurde sie mitgenommen. Von dort aus war sie zwei Tage am Ninety Mile Beach gewandert, ohne eine Menschenseele zu treffen. Nach diesen zwei Tagen waren die Einsamkeit und das Gefühl nicht voranzukommen zu viel für sie gewesen. Als ein Fischer ihr anbot, sie mitzunehmen, war sie sofort dabei. Hier saß sie nun, Enttäuschung und Verwirrung ins Gesicht geschrieben. Ihre Geschichte faszinierte mich. Ich fragte mich, warum ein Mädchen nach dem Abitur beschließt, diesen Trail zu gehen und nicht wie viele andere in ihrem Alter via „Working Holiday Visa“ zu arbeiten. Außerdem wollte ich wissen, warum Linda so schnell aufgegeben hatte, ohne dass ihr eine bedrohliche Situation im Weg stand.

„Hast du von vornherein geplant den Trail zu gehen? Ich meine, bevor du nach Neuseeland gekommen bist, oder hast du dich dazu entschlossen, als du schon hier warst?“ fragte ich interessiert.

„Ja, schon. Also, ich habe schon in Deutschland alles geplant, dort die Ausrüstung gekauft und mir das GPS von ’ner Freundin geliehen. Das Zelt hier“, sie deutete auf das halbaufgebaute grüne Zelt, „habe ich mir noch in Neuseeland gekauft.“

Ich war verblüfft. „Wow, Respekt! Echt. In deinem Alter… Finde ich wirklich beeindruckend, dass du dir das hier vorgenommen hast. Willst du es noch einmal versuchen?“

Linda überlegte kurz und sagte langsam: „Nee. Das ist schon ok.“

„Ehrlich?“ Ich war erstaunt und konnte es kaum glauben, dass sie ihren Traum, in den sie so viel investiert hatte, so schnell aufgab.

„Ja doch. Ich bin auch nicht enttäuscht oder sauer auf mich. Ich habe damit abgeschlossen.“ Kurze Pause. Sie hob den Blick und richtete ihre dunkelgrünen Augen auf mich: „Aber du schaffst das! Da bin ich mir ganz sicher.“

Wie lieb sie war.

„Na, mal sehen“, lächelte ich und fügte hinzu: „Ich nehme mir zumindest erstmal vor, nach Wellington zu kommen und dann sehe ich weiter.“

Linda hatte ihr Zelt noch nicht ganz aufgebaut. Jede Bewegung schien Kraft zu kosten. Ich bot ihr an, in meinem Zimmer zu schlafen – wir müssten dem Hostel ja nichts davon erzählen – und so quatschten wir noch lange, bis wir beide einschliefen.

Mein Schlaf war unruhig. Wie so häufig seit der Trennung wachte ich mitten in der Nacht verwirrt auf. Meine Träume waren schon immer sehr real und in dieser Nacht träumte ich von Ben. Ich konnte nicht mehr einschlafen. Zu viele Gedanken. Aber seit Neuseeland keine Tränen mehr.

5 Reset

If you are for journeys there and back, out of the comfortable Western world, over the edge of the Wild and home again, and can take an interest in a humble hero (blessed with a little wisdom and a little courage and considerable good luck), here is the record of such a journey and such a traveller.

J.R.R. Tolkien, The Hobbit

Cape Reinga. Der nördlichste Punkt auf neuseeländischem Festland. Hier treffen sich eindrucksvoll die verschiedenen Blautöne und Strömungen der Tasmanischen See und des Pazifiks. Im Maori-Glauben reisen die Seelen der Verstorbenen hierher und gleiten von den Wurzeln eines Pohutukawa Baumes ins Meer, um sich ihren Vorfahren anzuschließen.

Das Wetter an meinem bedeutenden Tag war perfekt – blauer Himmel und die Sonne wärmte die milde Frühlingsluft bei angenehmen 20°C. Zahlreiche Touristen machten sich auf dem gepflasterten Weg in Richtung Leuchtturm auf, um Fotos zu machen. Außerdem erwartete sie und mich dort der letzte und nördlichste Wegweiser auf neuseeländischem Festland, der anzeigt, wie weit es zu den verschiedensten Orten auf der Welt ist. Mich interessierte nur einer: Bluff – 1452 Kilometer Luftlinie. Sollte ich es tatsächlich bis nach Bluff, dem offiziellen Endpunkt des Te Araroa, schaffen, würde ich 3000 Kilometer Fußmarsch hinter mich gebracht haben. Drei Mal zu Fuß durch Deutschland. Unvorstellbar.

Ich lehnte meinen Rucksack gegen den Wegweiser, dessen gelbe Schilder in den blauen Himmel zeigten. Lange schaute ich ihn an, meinen Startpunkt ins neue Leben. Würde er mich wieder auf den richtigen Weg bringen? Ich fragte einen Touristen, ob er ein Foto von mir und dem Wegweiser machen könnte – eine Te Araroa-Tradition. Wanderer des Trails machten immer ein Foto am nördlichsten und eins am südlichsten Wegweiser Neuseelands. Tapfer versuchte ich in die Kompaktkamera zu lächeln, die ich meiner Mutter ein paar Jahre zuvor zu Weihnachten geschenkt hatte. Meine Haltung zeigte jedoch alles andere als Zuversicht; dünn und verschreckt, die Schultern hängend und die Hände kraftlos an der Seite baumelnd. Von der Athletin, die ich mein ganzes Leben gewesen war, war nichts mehr zu erkennen. Stattdessen dominierte mein riesiger Rucksack das Bild. Auch der erinnerte mich an meine Mutter, hatten wir ihn doch vor elf Jahren für meinen damaligen Australien-Trip zusammen in Hamburg gekauft. Marineblau mit der Australien-Flagge als Aufnäher stand er dort und reichte mir bis zur Hüfte. Meine roten Trekkingschuhe und der schwarze Wassersack baumelten auf der Rückseite. Seitlich schauten meine zwei Wasserflaschen heraus. Ich sah meinen riesigen Begleiter kritisch an. Wir waren Freunde, aber es war, als würde ich die Hälfte von mir selbst auf dem Rücken schleppen. Anforderungen nicht gewachsen zu sein, die mit Ausdauer zu tun hatten, das hatte es bislang in meinem Leben nicht gegeben. Schon mit sieben Jahren war ich mit meiner Mutter acht Kilometer gejoggt oder als Vierjährige mit meiner Familie die Berge in Österreich, Frankreich und Deutschland auf- und abgewandert und hatte Spaß dabei gehabt. Davon, dass ich wochen- oder sogar monatelang wandern könnte, war ich ohne jeden Zweifel überzeugt. Nur vor dem Gewicht meines Rucksackes hatte ich Respekt. Er wog sicherlich mehr als die Hälfte meines eigenen Körpergewichtes, das zu diesem Zeitpunkt einen persönlichen Tiefstwert erreicht hatte. Ich befürchtete Gelenkprobleme, vor allem in den Hüften. Mein Rucksack machte mich schließlich zu einem Menschen mit starkem Übergewicht. Außerdem hatte ich meine mentale Last zu tragen.

Gegen zwölf Uhr hatte ich das Hostel verlassen und war angespannt als Beifahrerin einer netten Maori-Dame auf den kurvigen Straßen in den Norden gefahren. Es war mittlerweile 14:30 Uhr und ich plante zwölf Kilometer bis zum Twilight Beach zu gehen. Dort sollte laut den Trailnotizen ein Basic-Campingplatz des Departement of Conservation (DOC) sein. Wie so ein Platz aussah, wusste ich nicht. Alles war ungewiss für mich und ich hatte größten Respekt und Angst vor dem, was vor mir lag und gleichzeitig fühlte ich mich erleichtert, dass es nun endlich losging. Wenn ich erstmal angefangen hatte zu laufen, würde ich so schnell nicht wieder aufhören. Aufgeben lag nicht in meiner Natur, ich war eine Kämpferin. Ein kleiner Tiger, wie mich mein Trainer Andreas während meiner Ruderjahre genannt hatte.

Ich atmete noch einmal tief durch, bevor ich meinen Rucksack im Stehen auf meinen Oberschenkel zog und ihn von da aus auf meinen Rücken schwang. Die Physiotherapeutin in mir wollte lieber vorbeugen als nachsorgen und somit hatte ich mir die rückenschonendste Technik vom ersten Tag an angewöhnt. Der Rucksack ragte etwa eine Handbreit über meinen Kopf. Mit großer Sorgfalt schloss ich alle Gurte, rollte meine Weste und platzierte sie etwas unterhalb meiner Schlüsselbeine unter den Rucksackriemen. Ein Tipp von meinem Vater, um übermäßiges Einschneiden der Träger zu vermeiden.

Und dann ging ich los, Schritt für Schritt. Ein paar Stufen bergauf und einige hundert Meter zurück zu dem Punkt, wo der Trail rechts abging, legte ich unter den interessierten Blicken der Touristen schnell zurück. Ich mochte nicht im Mittelpunkt stehen, stattdessen schämte ich mich fast dafür, anders zu sein. Anders, weil ich nicht zum Vergnügen hier war. Eine dunkelgrüne Tafel mit gelber Schrift markierte den Einstiegspunkt zum Te Paki Coastal Track. An der Rückseite des Schildes entdeckte ich den ersten Te Araroa-Wegweiser; ein kleines weißes Schild, auf dem die schwarzen Silhouetten von sanften Hügeln und von zwei grazilen neuseeländischen Ti Kouka Bäumen zu sehen waren. Ein pfeilförmig zulaufendes Blau zeigte mir den Weg zum Strand. Ich drehte mich noch einmal um. Der kleine weiße Leuchtturm mit der runden Kuppel schaute einsam auf das Meer hinaus. Schließlich gab ich mir einen Ruck und folgte dem Pfad. Vorsichtig ging ich die kurz darauf folgenden in den Sandstein geschlagenen und mit Holz verstärkten Stufen hinab, die mich nach einiger Zeit zum Te-Werahi-Strand brachten. Seitdem ich von dem Hauptweg zum Leuchtturm abgebogen war, war ich allein. Ab vom Schuss. Weg von der Zivilisation. Handy-Empfang hatte ich nicht. Um Strom zu sparen hatte ich das Gerät ausgeschaltet. Vielleicht würde ich es brauchen, um die darauf gespeicherten Karten anzuschauen. Überall hatte ich gelesen und gehört, dass ich in Neuseeland einen Personal Locator Beacon (PLB), eine Notfunkbake, dabeihaben sollte, weil ich mit dem Handy wegen des fehlenden Empfangs in vielen Gebieten selten Hilfe rufen könnte. Ich hatte keine Ahnung von so etwas und hatte nach einigen Stunden Internet-Recherche die Sache als zu teuer und zu kompliziert abgetan. Eigentlich war ich immer der Meinung, dass nichts teurer sei als das Leben. Aber meine aktuelle Situation hatte mich an einen Tiefpunkt gebracht, der mich einfach auf mein Schicksal vertrauen ließ. Bei jedem Schritt machte ich mir bewusst, wie vorsichtig ich sein musste. Nur eine Unachtsamkeit und wegen der ungewohnten Belastung durch das Rucksackgewicht konnte schnell etwas passieren: Dass ich umknickte, stürzte und mir im schlimmsten Fall etwas brach.

Meine Gedanken gingen zu meinem Schwiegervater, der sich während einer Wanderung in Schweden ein Jahr zuvor bei einem Sturz sein Sprunggelenk gebrochen hatte. Würde mir das jetzt und hier passieren, wäre ich zwar noch nicht allzu weit von dem Parkplatz weg, aber verletzt wäre der Weg dorthin vielleicht schon nicht mehr möglich. Mit den Wanderstöcken fing ich viel von meinem Gewicht ab, trotzdem zitterten nach einer halben Stunde schon meine Waden und ich konnte meine Oberschenkel fühlen. Über immer wieder eingeschobene, in den gelb-orangenen Lehm gebaute Stufen führte mich der Track stetig abwärts. Durch einheimische Vegetation von Manuka-Büschen und Flachs wanderte ich oberhalb der Steilküste, von wo ich das dunkelblaue Wasser gegen die Felsen spritzen sah. Der salzige Geruch des Meeres erreichte mich hier oben kaum, denn er wurde vom trockenen Staub und dem herben Kräutergeruch der Büsche überdeckt. Ein Blick zurück verriet mir, dass ich schon etwas Distanz zwischen mich und Cape Reinga gebracht hatte. Nur noch ganz klein konnte ich den weißen Leuchtturm am Ende der Küste ausmachen. Das strahlende Weiß hob sich kontrastreich von dem satten Grün der Büsche und dem weichen Blau des Himmels und des Meeres ab.

Im Stehen legte ich eine kurze Pause ein und trank etwas Wasser aus meiner Flasche. Durstig war ich nicht, aber es war warm und ich nahm mir vor, jede halbe Stunde eine Trinkpause einzulegen und jede volle Stunde eine kurze Pause zu machen, um meinen Rucksack abzulegen. Meine Armbanduhr sollte auf dem Trail meinen Tagesrhythmus bestimmen. Im „normalen“ Leben war ich kein großer Fan von Armbanduhren. Nur zur Arbeit trug ich sie.

Arbeit. So weit weg. So unmöglich in diesem Augenblick. Ich hatte keine Kraft mehr für soziale Interaktion auf professioneller Basis. Hatte ich doch so lange meine Kollegen und Patienten nicht merken lassen, dass bei mir im Privaten eigentlich alles mächtig schief lief. Erst als Ben die Worte gesagt hatte, die mich vollends aus der Bahn warfen, konnte ich auch meine professionelle Fassade nicht mehr aufrecht erhalten – und ließ meine Patienten und Kollegen von einem auf den anderen Tag im Stich.

Nach meinem Studium hatte ich mich bei meinen ersten Jobs in München auf Schwindel und erworbene Hirnschädigungen spezialisiert. Zwei Teilzeitstellen, Praxis und Uniklinikum. Perfekte Mischung, außerordentliches Team; meine Traumjobs. Aber der Wunsch nach Familiengründung und die Sehnsucht nach der norddeutschen Mentalität und unseren Freunden und Familien zog Ben und mich ein halbes Jahr nach der Hochzeit wieder in den hohen Norden. Dort sollte das Übel seinen Lauf nehmen. Mir war von vornherein klar gewesen, dass Norddeutschland nicht gerade bekannt für seinen vielfältigen Arbeitsmarkt war. Als Physiotherapeutin würde ich zwar immer Arbeit finden, da ich mich allerdings sehr spezialisiert hatte, war die Auswahl überaus begrenzt. Für Praxen war ich nicht interessant, weil ich keine der üblichen Fortbildungen aufweisen konnte, und im Gegenzug interessierten mich die Praxen nicht, da ich dort nicht meiner Spezialisierung nachgehen konnte. Die einzigen Optionen waren ein großes Rehazentrum an der Ostsee mit neurologischer Abteilung – oder die Selbstständigkeit. Also bewarb ich mich beim Rehazentrum und besuchte gleichzeitig ein Existenzgründerseminar, schrieb meinen Businessplan und fand immer mehr Gefallen an der Idee, meine Spezialisierung als Selbstständige auf den Markt zu bringen. Zeitgleich wartete ich monatelang auf eine konkrete Antwort des Rehazentrums, das mich wegen schwankender Belegungszahlen hinhielt. Die ungewohnte Situation der Arbeitslosigkeit, der Nutzlosigkeit – so empfand ich diese Zeit – wirkte sich sehr negativ auf mich aus. Ben, der von zu Hause aus arbeitete, musste vieles abfangen und unternahm einen Versuch nach dem anderen, um mich aufzumuntern.

Es folgte ein Schlag in die Magengrube: Bei Bens Onkel wurde Leukämie diagnostiziert. Die Ärzte gaben ihm nur noch wenige Monate. Erst ein halbes Jahr zuvor, kurz nach unserer Hochzeit, war Bens Großvater, der ihm sehr viel bedeutete, plötzlich gestorben und hatte eine große Lücke in der Familie hinterlassen. Nun sollte auch noch sein Onkel folgen. Ben sprach nicht darüber. Nur einmal, als es darum ging, ihn ein letztes Mal zu besuchen. Noch als wir die Diagnose verdauten, kam die nächste Horrornachricht. Der Husten, der meine Mutter über Wochen gequält hatte, stellte sich als inoperable Metastase in der Lunge heraus. Meine Welt brach zusammen, wusste ich doch um die Prognose von Lungenkrebs. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Die Jahre nach dem Brustkrebs waren so sorgenfrei verlaufen, dass ich dachte, meine Mutter wäre über den Berg. Genau zu dieser Zeit sagte mir das Rehazentrum zu und ich gab den Gedanken an eine mögliche Selbstständigkeit auf.

Die Zusage erhielt ich, als Ben und ich auf dem Saar-Hunsrück-Steig wanderten, um uns in den zwei Wochen jeder auf seine Art darauf vorzubereiten, mit unseren bevorstehenden Verlusten zurecht zu kommen. Wir feierten unsere 29. Geburtstage, die nur dreizehn Tage auseinanderlagen, auf dem Trail. Drei Tage lang trug ich eine Flasche Champagner in meinem Rucksack. Egal, was das Leben für uns bereit hielt, Ben und ich versuchten so verrückt, spontan und lebensfroh zu bleiben, wie wir immer waren. Wir waren zusammen und doch irgendwie allein, jeder für sich mit seinem Schmerz und seinen Ängsten.

Als ich kurz nach dem Urlaub die Arbeit aufnahm, konnte ich mich nicht recht ins Team integrieren. Dabei war ich ein kontaktfreudiger Mensch, wenn ich wollte. Aber ich wollte nicht! Ich machte mir Sorgen um meine Mutter, meine Welt drehte sich in diesem Augenblick nur um sie. Anstatt einen schönen Moment mit Ben oder Freunden zu genießen, ertappte ich mich immer wieder dabei, wie ich mich fragte, was meine Mutter wohl in diesem Moment machte und wie sie sich fühlte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie in einem halben Jahr vielleicht schon nicht mehr da sein würde. Meine Kollegen empfand ich als zu albern, und ich fühlte mich aufgrund meiner andersartigen Therapieansätze als Außenseiter. Die Unzufriedenheit versuchte ich nach Feierabend abzulegen, was mir aber nicht gelang. Auch Ben war unglücklich mit seinem Heimarbeitsplatz, was er mir aber nie erzählte.

Nach einiger Zeit ging es mit meiner Arbeit bergauf. Aller Umstände zum Trotz hatte ich mich in den Arbeitsrhythmus eingefunden und konnte sogar mit den Kollegen scherzen. Die Patienten waren von Anfang an kein Problem gewesen. Als ich nach dem Tod meiner Mutter wieder zur Arbeit kam, war ein neuer Kollege da. Schon im ersten Moment, wo wir uns sahen, funkte etwas zwischen uns. Nicht im romantischen Sinne, sondern wir merkten sofort, dass wir gut miteinander konnten, und das Arbeitsklima wurde so für mich viel angenehmer. Ich genoss die Pausen, die wir zusammen verbrachten und wir lachten viel. Und dann war es vorbei. Von einem Tag auf den anderen.

„Ich liebe dich. Aber ich kann nicht mehr“, hatte Ben gesagt.