Fremdgehirn - Flynn Williams - E-Book

Fremdgehirn E-Book

Flynn Williams

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Beschreibung

Manche Menschen töten einmal. Andere hören nie wieder auf. David Weiss wollte verschwinden. Vergangenheit auslöschen. Ein neues Leben beginnen. Doch das, was er verdrängt hat, lebt weiter in seinen Gedanken, in seinen Trieben, in der kalten Klarheit, mit der er beobachtet. Als ein junger Mann tot aufgefunden wird und alles nach Selbstmord aussieht, fühlt es sich für David richtig an. Zu richtig. Erinnerungen an eine Tat aus der Kindheit brechen auf und mit ihnen die Erkenntnis, dass Gewalt für ihn nie nur Notwehr war. Während die Welt weiterdreht, beginnt David zu akzeptieren, was er ist. Und was er werden kann. Ein kompromissloser psychologischer Thriller über Schuld ohne Reue, das Erwachen dunkler Begierden und die beängstigende Frage, ob manche Menschen nicht zerbrechen, sondern endlich sie selbst werden.

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Seitenzahl: 283

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Flynn Williams lebt und arbeitet in Köln.

In seinen psychologischen Thrillern beschäftigt er sich mit den dunklen Rändern menschlicher Identität: Schuld, Verdrängung und der schmale Grat zwischen Kontrolle und Kontrollverlust.

Seine Geschichten verzichten auf einfache Antworten. Stattdessen führen sie tief in die Gedankenwelt von Figuren, die nicht gerettet werden wollen und manchmal auch nicht gerettet werden sollten.

Williams schreibt nah an der Psyche, kompromisslos und ohne moralischen Trost.

Für meine kleine schöne Familie:

Ihr seid mein bester Anker,

mein ehrlicher Stolz

und mein größtes Glück.

Alles was ich tue, tue ich für uns.

Danke, dass Ihr mein Zuhause seid.

Für meine Lieblingsmenschen:

Auf die Nächte,

die zu Morgen wurden

und Freunde,

die zur Familie wurden.

Dieses Buch ist für Euch.

Euer

Flynn

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

1

Der Himmel hing tief über den Dächern der Stadt, als David zum ersten Mal den Boden des Busbahnhofs betrat. Die Luft roch nach Regen, Metall und fremden Geschichten. Grau. Alles war grau: der Beton, der Himmel, selbst die Menschen, die an ihm vorbeihasteten und sich in ihren Mänteln verkrochen. Er blieb einen Moment stehen und sah dem Bus nach, der ihn ausgespuckt hatte. Die Rücklichter verschwanden in einer Kurve. Dann war er wieder allein. David zog den Griff seines Koffers aus und folgte dem Schild Richtung Innenstadt. Er hatte kein Smartphone in der Hand, kein Navi, keine Musik in den Ohren. Nur eine ausgedruckte Wegbeschreibung und eine Adresse: Kornstraße 74, 3. Etage links.

Jede Stadt hat einen eigenen Puls. Diese hier schlug leise, verhalten, als wolle sie niemanden aufwecken. Selbst die Tauben auf den Dächern wirkten träge. Die Fassaden hatten diesen morbiden Charme, der sich nicht zwischen Verfall und Stolz entscheiden konnte. Auf manchen Balkonen hingen Wimpel vergangener Fußballweltmeisterschaften, auf andere tote Pflanzen in geflochtenen Körben. David mochte das. Er mochte Städte, in denen man niemandem auffiel. An einer Ampel wartete er länger als nötig. Nicht, weil Autos kamen, sondern weil er beobachten wollte. Die Leute sahen durch ihn hindurch. Keiner sah ihn an. Niemand lächelte. Genau richtig. Hier würde er nicht auffallen. Er war einer von vielen. Die Kornstraße war schmal, leicht abschüssig und gesäumt von Häusern, die wie müde Beobachter auf ihn herabblickten.

Manche Fenster waren dunkel, andere hell erleuchtet, obwohl niemand zu sehen war. Auf halber Strecke stieß er auf eine kleine Buchhandlung mit verblasstem Schaufenster, daneben ein leerstehender Friseursalon. Die Klingel über der Tür hatte jemand mit Klebeband fixiert. Dann sah er die Nummer 74. Ein grauer Altbau mit einer schweren Tür aus dunklem Holz. Kein Schild, keine Klingel. Nur eine eingelassene Briefklappe mit angelaufenem Messing. David holte den Schlüssel hervor, den ihm die Vermieterin zwei Wochen zuvor kommentarlos per Post geschickt hatte. Ein handgeschriebener Zettel lag dabei: „3. Etage links. Schließen Sie die Tür nachts unbedingt ab.“ Er drehte den Schlüssel im Schloss, es klemmte kurz, dann gab die Tür nach mit einem tiefen und kehligen Knarren. Der Hausflur war schwach beleuchtet, die Wände mit einem dünnen, rissigen Anstrich versehen. Es roch nach altem Linoleum, feuchtem Putz und etwas anderem Süßlichem, das man nicht zuordnen konnte.

David nahm den Koffergriff fester. Kein Laut, kein Schritt, keine Musik aus Nachbarwohnungen. Nur sein eigenes Atmen. Der erste Schritt auf der Treppe hallte zu laut. Holz, alt, aber tragfähig. Die Schritte hallten auf dem Weg nach oben wie kleine Hammerschläge in seinem Kopf.

Dritte Etage. Tür links. Die Tür war grau gestrichen, mit einer abgeplatzten Kante. Im Holz waren Spuren, nicht tief, aber wie von Nägeln. Oder Krallen. Er ignorierte es. Schloss auf, trat ein. Der Raum war kälter als der Flur. Und still. Still auf eine unangenehme Weise, als würde er von der Stille beobachtet. Es war alles da, wie angekündigt: Bett,

Tisch, Schrank, Waschbecken. Eine kleine Kochnische mit zwei Herdplatten und einem leisen brummenden Kühlschrank. Die Gardinen hingen schwer und staubig vor einem großen, vergitterten Fenster. Er ging hin, schob sie zur Seite. Der Blick fiel auf einen schmalen Hinterhof. Unten stand ein verbeulter Einkaufswagen im Matsch. David ließ sich auf das Bett fallen. Die Matratze war hart, aber sauber. Es quietschte. Einmal. Dann hörte er es. Ein leises Schaben. Oben. Er hielt den Atem an. Das Geräusch war schwach, fast wie ein Schleifen. Nicht konstant, aber rhythmisch. Wie jemand, der über den Boden kriecht. Oder kratzt. Es kam eindeutig von oben. Er blickte zur Decke, starrte auf den hellgrauen Putz. Kein Wasserfleck. Kein Riss. Er stand auf, trat in die Mitte des Raumes und lauschte. Das Geräusch hatte aufgehört. Er schüttelte den Kopf. „Vielleicht ein Tier.“ Aber das beruhigte ihn nicht. Die Vermieterin hatte am Telefon gesagt, dass das Dachgeschoss sei Jahren leer, ungenutzt und verschlossen sei. David stand weiterhin in der Mitte des Zimmers und versuchte zu lauschen. Nichts mehr. Nur das leise Brummen des Kühlschranks, das mit jedem Atemzug lauter zu werden schien. Der Kratzer an der Decke war verschwunden oder vielleicht nie da gewesen. Er zwang sich zu einem Seufzer, stellte seinen Koffer neben das Bett und begann auszupacken. Das Geschirr in der Kochnische war staubig. Er stellte zwei Teller, ein Glas, Besteck auf den Tisch. In der unteren Schublade fand er einen angelaufenen Dosenöffner und einen Lappen, der modrig roch. Er warf ihn in den Mülleimer, der leer war bis auf ein vergilbtes Kaugummipapier. Er zog sich die Jacke aus, hängte sie an einen rostigen Haken an der Wand. Dann öffnete er das Fenster. Der Luftzug war kalt. Er blieb einen Moment so stehen, beide Hände am Rahmen. Tief unter ihm bewegte sich etwas. Eine Gestalt oder nur ein Schatten? David kniff die Augen zusammen. Da war jemand unten im Hof. Ein Mann mit einem Einkaufswagen. Breit gebaut, unbeweglich, als wäre er aus Stein. Plötzlich hob die Gestalt den Kopf. David wich einen Schritt zurück. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Aber da war nichts mehr. Nur der leere Hinterhof. Er schloss das Fenster, hastig, schob die alten staubigen Gardinen zu. Er aß kalt. Eine Dose Ravioli, direkt aus der Dose. Dann legte er sich aufs Bett, vollständig bekleidet. Der Raum war dämmerig, das Deckenlicht flackerte leicht. Er dachte an nichts oder an zu vieles gleichzeitig. Gesichter, Geräusche, Szenen aus seiner Kindheit, aus der Busfahrt, aus keinem bestimmten Leben. Manchmal war es, als wären Erinnerungen nicht seine. Wie alte Filme, die man ihm zeigte. Oder wie Träume, die andere geträumt hatten. Er schlief ein, irgendwann. In die Stille hinein. Dann war es wieder da. Das Kratzen und das dumpfe Schleifen. Diesmal war es näher. Nicht über ihm. Sondern in der Wand. David setzte sich auf. Sein Mund war trocken. Er sah zum Fenster, dann zur Tür. Nichts. Doch das Kratzen kam erneut. Kurz. Dann Pause. Dann wieder. Er stand auf, barfuß, leise. Legte sein Ohr an die Wand zur rechten Seite. Hinter der Wand war nur der Flur. Ein Atem. Direkt dahinter. Er spürte ihn, so deutlich, dass er einen Schritt zurückwich. Sein Herz pochte. Er riss die Tür auf. Der Flur war leer. Nur Dunkelheit und der faulige Geruch von Feuchtigkeit und Metall. Dann kam die Stimme. Ganz leise. "Du bist zurück." David erstarrte. Er schloss die Tür langsam wieder. Verriegelte sie und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Er sagte sich, dass es ein Traum war oder ein Echo. Oder vielleicht eine Einbildung. Aber etwas in ihm sagte etwas anderes. Etwas in ihm war wach geworden. Etwas, das lange geschlafen hatte. Er legte sich ins Bett und schlief ein.

David wachte früh auf. Es war noch dämmrig, aber der Himmel war ein wenig heller als in der Nacht. Ein schwaches Licht drang durch die Ritzen der Gardinen. Sein Rücken schmerzte. Er hatte sich kaum bewegt. Die Kleidung klebte an seinem Körper, der Schweiß war kalt geworden. Er stand auf, ging ins Bad, wusch sich Gesicht und Hände. Das Wasser war eiskalt, schien aus einem unterirdischen Brunnen zu kommen. Es roch nach Eisen. Wie Blut. Er schüttelte sich und griff zu seinem Handtuch. Gegen acht Uhr verließ er das Zimmer. Er wollte zu einer Bäckerei. Der Flur war leer, das Licht flackerte. Die Treppe hinab hörte er von unten eine Tür klappen. Stimmen. Eine weibliche Stimme, scharf, präzise, als hätte sie eine Klinge verschluckt. Im Erdgeschoss traf er sie: Frau Bittner. Die Vermieterin. Sie war kleiner, als er erwartet hatte. Schmal, drahtig, mit silbergrauen Haaren, die zu einem festen Knoten gebunden waren. Ihre Augen wirkten zu groß für das schmale Gesicht. Glänzend, fast nass. „Herr Weiss?“, fragte sie, ohne zu lächeln. „Sie wohnen in dritte Etage links?“ David nickte. Sie musterte ihn von oben bis unten. Kein Gruß. Kein Willkommen. „Haben Sie irgendwas... Ungewöhnliches gehört letzte Nacht?“ Er zögerte. „Wie meinen Sie das?“ Sie beugte sich leicht vor. Ihre Augen glänzten stärker. „Geräusche. Kratzen. Stimmen.“ David wollte lügen. Aber seine Stimme war schneller. „Ja.“ Ein kurzes Zucken ihrer Mundwinkel. Kein Lächeln. Eher ein Zeichen von Unruhe. „Sie sind der Erste seit Jahren, der das zugibt.“ David fröstelte. „Was war das?“ Frau Bittner trat einen Schritt näher. Ihr Parfum war alt und schwer. Nach Mottenkugeln und Lavendel. „Dieses Haus... sieht alles, weiß vieles, aber es vergisst nichts. Manche Leute glauben, Wände könnten nichts speichern. Aber das stimmt nicht. Holz hört. Es erinnert sich.“ David war still. „Ignorieren Sie es.“, sagte sie dann mit seltsam sanfter Stimme. „Tun Sie einfach, als sei alles normal. Das ist das Beste.“ Dann drehte sie sich um und ging. Ihre Schritte auf den Fliesen hallten nach, als wäre sie viel schwerer, als sie aussah. David stand noch lange da und hatte das Gefühl, dass das Haus gerade zu atmen begonnen hatte. Er hatte in dem Moment vergessen, warum er seine Wohnung verließ. David kehrte langsam zurück in den dritten Stock. Jeder Schritt die Treppe hinauf fühlte sich schwerer an als der letzte. Nicht wegen der Müdigkeit, sondern wegen etwas anderem. Als würde er gegen eine unsichtbare Strömung anlaufen, die ihn daran hindern wollte, zurück in das Zimmer zu gehen. „Ignorieren Sie es.“ Die Worte der Vermieterin hingen wie Staub in der Luft, schwer und klebrig. Er erreichte die Tür. Die abgeplatzte Kante, die Kratzspuren. Sie wirkten schärfer jetzt. Frischer. Als hätte sie jemand in der Nacht erneuert und vertieft. David schloss auf, trat ein. Der Raum war genauso, wie er ihn verlassen hatte und doch anders. Kühler und leerer. Der Kühlschrank brummte nicht mehr. Dafür tickte irgendwo eine Uhr. Langsam, beharrlich, obwohl er sich sicher war, dass es hier keine Uhr gab. Er zog die Vorhänge zur Seite. Der Himmel hatte sich aufgehellt, aber das Licht war fahl. Keine Sonne. Kein Blau. Nur ein ausgewaschenes Weiß, wie ein zu oft gewaschener Lakenrest. Unten im Hof war der Einkaufswagen verschwunden. Dafür lag dort jetzt ein schwarzer Müllsack. Offen. Ein Kinderhandschuh ragte halb heraus. David wich vom Fenster zurück. Er verbrachte den Vormittag schweigend. Jeder Versuch, sich abzulenken mit Auspacken, mit dem Versuch, sich einen Tee zu kochen, scheiterte am stetigen Gefühl, beobachtet zu werden. Nicht direkt. Nicht frontal. Aber aus einem Winkel, den man nicht einsehen konnte. Gegen Mittag verließ er die Wohnung wieder. Er hatte Hunger und musste raus. Raus aus der Stille, raus aus dem Atem des Hauses. Die Stadt empfing ihn mit derselben Grauheit wie am Vortag. Aber jetzt sah er sie anders. Die schräg abblätternden Fensterläden wirkten wie halb geschlossene Augen. Die knarrenden Fahrräder wie vergessene Stimmen. Und jedes Fenster, an dem er vorbeiging, schien kurz ein Gesicht zu zeigen und es im nächsten Augenblick wieder zu verlieren. Er fand einen kleinen Bäcker an der Ecke einer Seitenstraße. Innen war es warm, das Gebäck duftete nach Butter und Zucker, doch die Frau hinter der Theke sprach kaum. Als er bezahlte, sagte sie leise, fast zu sich selbst: „Sie wohnen in der Vierundsiebzig, oder?“ David hob den Kopf. „Ja.“ Sie sah ihn nicht an. „Man merkt es. Sie tragen den Blick.“ David schaute sie an. „Welchen Blick?“ Aber sie antwortete nicht mehr. Packte seine Brötchen ein, legte sie vor ihn hin, ohne aufzuschauen. Als wäre das Gespräch nie passiert. Zurück im Haus war alles still. Kein Kratzen. Kein Schleifen. Nur der eigene Atem, seine Schritte auf den ausgetretenen Stufen. Doch als er die Tür zur Wohnung aufschloss, bemerkte er es sofort: Der Koffer war geöffnet. Seine Kleidung war durchwühlt. Nicht ordentlich, nicht gezielt, sondern so, wie Tiere in Nestern wühlen. Er ging langsam durch den Raum. Alles andere schien unberührt. Nur auf dem Tisch lag jetzt etwas, das vorher nicht dort war: ein einzelner, vergilbter Schlüssel. Alt, schwer, mit einem roten Stofffaden daran, der ausgeblichen war wie eine Narbe. Er nahm ihn nicht in die Hand. Stattdessen ging er ins Badezimmer, wusch sich erneut das Gesicht. Das Wasser war noch immer kalt, das Eisen noch intensiver. Als er aufblickte, war der Spiegel beschlagen. Und in dem Beschlag: ein Fingerabdruck. Er war sich sicher, ihn nicht hinterlassen zu haben. David verließ das Bad, langsam, Schritt für Schritt. Er atmete durch die Nase ein, ruhig, gezwungen. Versuchte, sich zu beruhigen. Aber da war es wieder. Das Geräusch. Kein Kratzen diesmal. Ein Summen. Tief, brummend, wie eine Kehle, die singt. Er trat zur Wand, legte erneut das Ohr an das kühle Holz. Kein Flur diesmal. Sondern ein Flüstern, so nah, dass es ihn frösteln ließ. „Du bist zurück und es erinnert sich.“ Dann fiel das Licht aus. Nur für einen Moment, aber es reichte. Denn als es zurückkehrte, war der Schlüssel vom Tisch verschwunden. David starrte auf die leere Tischplatte. Der Schlüssel war fort und mit ihm war etwas in seinem Kopf aufgegangen. Ein Riss. Ein Riss, durch den Erinnerungen sickerten wie kaltes Wasser durch einen schlecht abgedichteten Fensterspalt. Er sank langsam auf den Stuhl, stützte die Ellbogen auf den Tisch, den Kopf in die Hände. Sein Atem ging flach. Unruhig. Und dann war es da. Nicht als Gedanke, nicht als klare Erinnerung, sondern als Bild. Blitzartig, schmerzhaft. Wie ein Diaprojektor, der zu schnell wechselt. Ein Flur. Dunkel. Ein Schuss. Das Bild seiner Mutter fiel zuerst. Dann das Gesicht seines Stiefvaters. Verzerrt. Nicht von Wut, sondern von diesem Moment danach. Dem Moment, wenn ein Mensch erkennt, dass etwas Unwiderrufliches geschehen ist. David hatte nicht geschrien. Hatte nicht geweint. Nur gehandelt. Er wusste nicht mehr genau, wie. Nur dass es schnell gegangen war. Und dass er die Pistole in der Hand hatte. Schwer. Kalt. Fast größer als seine kindliche Faust und dass er abgedrückt hatte. Er erinnerte sich an das Blut auf dem Teppich. An das Zucken in den Händen. Und an das Schweigen danach, das sich tiefer in ihn eingebrannt hatte als alles andere. Die Polizei hatte ihn gefunden, zitternd, mit leerem Blick. Nicht hysterisch. Nicht panisch. Nur still. Zu still. Was dann kam, war noch schlimmer.

Die Klinik. Nicht die Art, in der bunte Bilder an den Wänden hingen und freundliche Stimmen von „Heilung“ sprachen. Sondern ein Ort, an dem die Zeit stehen blieb. In dem jedes Lächeln wie ein Werkzeug wirkte. Etwas, das an ihm arbeitete. Sie nannten es Therapie. Er nannte es Zerlegung. Stundenlange Gespräche mit Fremden, die in Notizblöcke schrieben, während er auf zerkratzten Sesseln saß. Fragen, die sich wiederholten. Immer wieder. Als würde man versuchen, eine Wahrheit aus ihm herauszupressen, die er längst vergessen wollte. „Wie hast du dich gefühlt, als du geschossen hast? Hast du es für richtig gehalten? War es aus Wut? Oder aus Angst?“ Er wusste nie, was sie hören wollten. Also sagte er nichts oder log. Oder erfand Träume. Manchmal glaubte er selbst daran. Dann wieder nicht. Sie gaben ihm Medikamente. Pillen, die ihn träge machten. Die seine Gedanken glätteten wie nasse Tücher. Die Farben blasser machten. Geräusche dämpften. Die Träume auslöschten oder sie so intensiv machten, dass er schreiend aufwachte. Dreimal versuchte er zu fliehen. Beim dritten Mal ließen sie ihn in ein anderes Zimmer bringen. Kein Fenster. Nur Licht von oben. Und Wände, die sich anfühlten wie Haut. Weich, aber kalt. Sein einziger Trost war ein kleiner Holzwürfel, den ihm eine der Pflegerinnen heimlich zugesteckt hatte. Er roch nach Harz und Wärme. Er hatte ihn unter der Matratze versteckt. Wenn er ihn in der Hand hielt, wusste er, dass er noch da war. Noch echt. Jahre vergingen. Zeit war dort nicht messbar. Als man ihn entließ, war er fünfzehn. In einer Pflegefamilie. Neue Namen. Neue Regeln. Aber das Alte blieb. Wie ein dunkler See in ihm, unter der Oberfläche. Unruhig, aber ruhig genug, um zu schweigen. Bis jetzt. Jetzt war das Schweigen gebrochen.

Nicht mit einem Schrei. Sondern mit einem Schlüssel, der auftauchte und verschwand. Mit einem Schatten im Hof. Mit einer Stimme hinter der Wand. David stand auf, ging zum Waschbecken. Stützte sich ab. Kaltes Wasser. Wieder. Es half nicht. Nichts half. Denn in seinem Inneren klopfte es jetzt. Nicht an Türen, sondern an Erinnerungen. Er hob den Kopf, sah in den Spiegel und fragte sich: War er es damals wirklich gewesen? Oder war da noch etwas anderes gewesen. Etwas, das er seit all den Jahren nicht erinnern durfte? Es begann mit dem Spiegel. Nicht sofort. Nicht aufdringlich. Zuerst war da nur ein Gefühl. Ein kaum wahrnehmbares Flimmern am Rand seines Blickfelds. Dann ein Schatten, der zu lange blieb. Ein Umriss, der nicht zu ihm gehörte. Am dritten Tag sah David ihn zum ersten Mal bewusst. Er hatte sich gerade das Gesicht gewaschen, das kalte Wasser rann ihm vom Kinn, als er aufsah und ihn sah. Seinen Stiefvater. Nicht so, wie er ihn kannte. Sondern so, wie er ihn das letzte Mal gesehen hatte: Blass. Blut am Hemdkragen. Die Augen weit offen, leer und starr. Und doch schien er zu atmen. Seine Lippen bewegten sich, formten Worte, die kein Geräusch machten. David taumelte zurück, stieß sich am Türrahmen. Als er wieder hinsah, war der Spiegel leer. Nur sein eigenes, bleiches Gesicht. Wasser. Atem. Nichts sonst. Aber es blieb nicht bei einem Mal. Die Erscheinung kehrte zurück. Immer wieder. In Fenstern. In Spiegelungen. In den dunklen Ecken seines Blicks, wenn das Licht flackerte. Manchmal sprach er. Manchmal schrie er. „Mörder.“ Das Wort kam wie ein Schlag in die Brust. Einmal, leise. Einmal, laut. Dann immer wieder. „Feigling… Mörder… Du hast es gewollt. Deine Mutter war meinetwegen tot, aber meinetwegen hat sie wenigstens gelitten. Du hast sie aus… Feigheit gerächt. Siehst du es jetzt? Sie hasst dich auch.“ David schlug sich die Ohren zu. Er schrie zurück, allein im Raum, mit heiserer Stimme, aber das Bild verschwand nie lange. Manchmal war es nur eine Stimme im Dunkeln. Manchmal nur ein Lufthauch, der nach Tabak und kaltem Metall roch. Der Geruch seines Stiefvaters, vermischt mit dem Eisenwasser aus dem Bad. Er suchte verzweifelt nach Ruhe. Versuchte zu schlafen, aber selbst im Traum war er da. Stand neben dem Bett. Saß auf dem Schrank oder sprach durch die Wand. Und jedes Mal, wenn er auftauchte, wirkte er realer. Greifbarer. Als würde er langsam aus der Erinnerung herausklettern, Schicht für Schicht. David begann, sich selbst zu meiden. Er vermied Spiegel. Wusch sich im Dunkeln. Sprach nicht mehr laut. Denn jedes Geräusch konnte ein Echo hervorrufen. Jedes Licht konnte ihn zeigen. Die schlimmste Nacht kam, als David mitten im Schlaf hochschreckte und ihn am Fußende des Betts sitzen sah. Er war nicht blutig. Nicht verzerrt. Sondern einfach da. Lebendig. Wie früher. Wie damals. Und er sprach: „Du dachtest, es wäre vorbei. Aber ich bin in dir. Ich war nie weg. Ich bin das, was du bist.“ David schrie. Laut. Roh. So sehr, dass seine Kehle brannte. Aber das Haus blieb still. Kein Nachbar klopfte. Keine Tür öffnete sich. Kein Schritt im Flur. Nichts. Er war allein mit dem, was in ihm war.

In der vierten Nacht saß David auf dem Boden, die Stirn an die Wand gelehnt. Seine Hände zitterten, der Kiefer war verkrampft. Der Kühlschrank brummte im Takt seines Herzschlags. Die Gardinen bewegten sich leicht, obwohl kein Wind ging. Dann ein Kratzen. Direkt hinter ihm. Nicht mehr in der Wand. Sondern in ihm. Er stand langsam auf. Ging zum Spiegel. Nicht weil er sehen wollte, sondern weil er musste und da war er wieder. Nicht als Spiegelbild, sondern im Spiegel. Der Stiefvater mit starrem Blick. Das Hemd offen, Einschussloch in der Brust. Doch er lächelte. Breit. Abscheulich. Zähne, zu weiß für einen Toten. „Du trägst mich gut, David. Wie ein schöner, warmer Mantel. Erinnerst du dich, wie sie geschrien hat?“ David biss sich auf die Lippe. Blut tropfte auf das Waschbecken. „Du hast mich nicht aus Hass getötet. Du hast es genossen. Der Rückstoß. Das Geräusch. Du wolltest wissen, wie es sich anfühlt, Gott zu sein.“ Er schloss die Augen. Aber die Stimme blieb. Sie war jetzt im Zimmer. Dann ein Klopfen. Nicht an der Tür. Sondern aus dem Inneren der Wand. Drei Mal. Dumpf. Schwer. Ein Flüstern: „Er ist nicht tot. Nur verschlossen.“

Am nächsten Morgen fand er einen Gegenstand in seiner Jackentasche, den er nie dort hineingelegt hatte: Eine rostige Patronenhülse. Eingewickelt in ein Taschentuch. Darauf: ein einzelnes Wort, mit Bleistift gekritzelt: „OBEN.“ David wusste nicht mehr, wann er zum letzten Mal geschlafen hatte. Wirklich geschlafen. Nicht nur gelegen, gezittert, geschwitzt. Die Stimme war immer da. Manchmal laut. Manchmal flüsternd, aber nie ganz weg und manchmal war sie nicht allein. Einmal, als er das Licht im Bad einschaltete, zuckte sein Blick in den Spiegel und etwas war hinter ihm. Groß, schwarz und verschwommen. Doch mit den Augen seines Stiefvaters. Als er sich umdrehte, war da nur Wand. Am Morgen hatte er Kratzspuren an seinem Rücken. Drei Linien. Tief, aber sauber. Wie mit einem Skalpell gezogen. An einem anderen Abend fand er den Kühlschrank offen vor. Drinnen lag kein Essen mehr, nur ein einzelner Gegenstand: Ein Revolver. Verrostet. Alt. Aber vertraut. Er wusste, woher er kam. Es war die Waffe, die sein Stiefvater damals auf seine Mutter gerichtet hatte. Die Waffe, die David ihm aus der Hand gerissen hatte. Die, mit der er geschossen hatte. Zweimal. David hob sie nicht auf. Er starrte sie nur an. Minutenlang. Dann war sie weg. Als hätte sie sich aufgelöst oder als wäre sie nur für ihn sichtbar gewesen. In der folgenden Nacht träumte er nicht. Er erwachte mit einem Schrei, weil er glaubte, jemand hätte ihm den Namen ins Ohr gehaucht: „Jakob.“ Der Name seines Stiefvaters. Den er seit Jahren nicht gehört, nicht gedacht hatte. Den er verbannt hatte, zusammen mit allem, was damals geschah. Doch jetzt war er zurück. Er versuchte zu schreiben. Zu erinnern. Um sich selbst zu beweisen, dass er noch existierte. Aber das Notizbuch, das er aus seinem Koffer zog, war bereits vollgeschrieben. In seiner Handschrift. Nur ein Satz. Wieder und wieder. Seite um Seite: „Ich habe ihn nicht erschossen. Er hat mich nie verlassen. Ich bin er.“ Später in der Nacht war da ein Geräusch im Flur. Nicht laut. Aber stetig. Ein Atmen. Direkt vor seiner Tür. Nicht heftig. Nicht gehetzt. Sondern langsam. Tief, wie das Atmen eines schlafenden Tieres. David wagte keinen Laut. Doch die Türklinke bewegte sich.

Nur ein Stück. Langsam. Wie eine Begrüßung. Dann die Stimme wieder. „Du trägst mich gut, David. Was, wenn du nie aufgehört hast, zu schießen?“ Er verbrachte den Morgen auf dem Boden, den Rücken zur Wand, den Blick auf das Fenster gerichtet, das er nicht mehr zu öffnen wagte. Denn draußen, tief unten im Hof, stand der Schatten. Wie immer. Breit gebaut. Unbeweglich und er starrte direkt nach oben. Diesmal aber hob er langsam die Hand und formte mit den Fingern einen Pistolengriff. David wusste jetzt: Er hatte die Tür zur Vergangenheit nie geschlossen. Er war die Tür geworden.

Am nächsten Morgen zwang David sich hinaus. Die Luft war schwer, der Himmel so bleiern wie eh und je, aber er wusste, dass er zur Universität musste. Die Einschreibefrist lief ab. Und irgendetwas in ihm sagte, wenn er nicht ging, würde er nie wieder hinauskommen. Die Gebäude der Universität ragten wie steinerne Finger in den grauen Himmel. Kein Lächeln auf den Gesichtern, keine Worte in den Fluren. Nur Bewegung. Unzusammenhängend. Mechanisch. Wie Puppen, die vergessen hatten, dass sie einmal Menschen waren. David betrat das Verwaltungsgebäude. Die Decken waren hoch, das Licht grell nach den Tagen in seinem abgedunkelten Zimmer. Die weißen Neonröhren flackerten. Immer ein bisschen. Immer gerade dann, wenn er stehen blieb. Er hielt die Papiere in der Hand. Seine Einschreibung. Sein Name. David Weiss. Doch das Papier fühlte sich fremd an, als hätte es jemand anderes ausgefüllt. Als er den Raum betrat, in dem andere Studierende warteten, war es, als würde jemand das Licht in seinem Kopf ausschalten. Die Gespräche waren gedämpft, nicht leise, sondern absichtlich undeutlich. Ein Mädchen sah ihn an. Nur für einen Moment. Dann flüsterte sie etwas zu ihrem Sitznachbarn und beide lachten. Ohne Mimik. Ohne Ton. Nur ein Zittern im Gesicht. Ein Zucken. Wie Fratzen hinter Masken. David setzte sich in die letzte Reihe. Niemand sah ihn an. Niemand begrüßte ihn. Er war da, aber nicht wirklich da. Er spürte den kalten Abstand zwischen sich und den anderen wie eine Haut, die er nie loswerden würde. Ein junger Mann, vielleicht ein Kommilitone, setzte sich plötzlich neben ihn. Kein Blick. Kein Wort, aber David roch etwas. Verbranntes Haar. Eisen. Wie damals. Der Mann drehte den Kopf ganz langsam, viel zu langsam und flüsterte: „Was tust du hier? Die Toten können sich nicht einschreiben.“ David schluckte, aber da war niemand neben ihm. Der Stuhl war leer und auf dem Platz, auf dem der Mann gesessen hatte, lag nur ein zerknitterter Zettel.

Darauf in blasser Tinte: „DU BIST NICHT DAVID. NICHT MEHR.“

Als er endlich an der Reihe war und seine Unterlagen abgeben wollte, sah ihn die Sekretärin lange an. Zu lange. Ihre Pupillen waren zu groß. Zu schwarz. Dann nahm sie die Papiere und tippte langsam. Tastenanschläge wie Hiebe. Dann: „Willkommen.“ Aber ihre Stimme klang, als würde sie ein Begräbnis einläuten. Als David das Gebäude verließ, war der Himmel dunkler geworden. Er blickte zurück, nur ein einziges Fenster war beleuchtet. Und dort stand er. Der Schatten. Mit den weißen Augen. Er hob die Hand. Und zeigte auf ihn. David rannte. Doch der Schatten verschwand nicht. Er war überall, wo Fenster waren. Am nächsten Tag betrat David das Hauptgebäude der Universität. Der lange Gang roch nach kaltem Kaffee, Druckerschwärze und etwas Unaussprechlichem, das wie eine Erinnerung an nasse Erde in alten Kellern wirkte. Die Studierenden liefen an ihm vorbei, schnell, zielgerichtet als wüssten sie genau, wo sie hingehörten. David wusste es nicht. Sein Hörsaal lag im dritten Stock. Raum 3.21 Soziologische Grundlagen. Ein Raum voller fremder Gesichter, mit eiligen Stimmen, die sich wie Insektengeflirre in den Ecken der Decke sammelten. Er setzte sich wieder ganz hinten. Niemand sprach mit ihm. Einige sahen ihn an, aber ihre Blicke waren leer, wie durch eine Glasscheibe. Die Professorin betrat den Raum. Groß, dünn mit knochigen Schultern. Ihre Stimme war trocken, präzise, fast mechanisch. Als sie die Anwesenheitsliste verlas und seinen Namen sagte: „David Weiss?“, stockte sie kurz. Dann las sie weiter, ohne ihn anzusehen. Nach dem Seminar stieg er die Treppe hinunter. In seinem Kopf rauschte noch der monoton heruntergeratterte Lehrstoff, als wäre es ein Mantra, das etwas anderes verdecken sollte. Da fiel sein Blick auf ein Plakat.

Es hing halb lose an einem der schwarzen Bretter, die voller verschwommener Veranstaltungsankündigungen waren. Doch dieses hier stach hervor. Weiße Schrift auf tiefrotem Grund. Eine Kerze darauf, tropfend, halb abgebrannt. Darunter in verschnörkelter, fast blutartiger Schrift:

“Nachtlichter - Die Party für verlorene Seelen”

Exklusiv für Erstsemester!

Heute. 22:00 Uhr. Gebäude B, Untergeschoss. Raum U17.

Bring dein Licht mit. “Manche Türen öffnen sich nur, wenn man nichts erwartet.”

David fröstelte. Es war nur eine Einladung zu einer Party, aber nichts daran fühlte sich normal an. Der Name. Das Design. Das Datum. Er konnte den Blick nicht abwenden. Er hörte Stimmen um sich, Lachen. Doch sie wurden dumpf. Der Flur flackerte kurz, wie in einem alten Film. Dann war alles wieder ruhig. Er wusste, er würde hingehen. Nicht weil er feiern wollte. Nicht weil er dazugehören wollte. Sondern weil etwas in ihm flüsterte: „Du wirst dort jemanden treffen, der dein Leben verändern wird.“ Die Nacht kam schnell. Der Himmel war schwarz wie getränktes Tuch, und der Wind trug den Geruch von Asche über die Dächer. David stand vor Gebäude B, sein Blick haftete an einer rostigen Metalltür, die halb geöffnet war und leise in ihren Angeln schwang. Darauf war ein schief geklebtes Blatt Papier: “U17-Nachtlichter.” Er trat ein. Der Gang hinab ins Untergeschoss war eng und stickig, das Licht schien aus einer anderen Zeit zu stammen. Flackernd, gelblich, ohne erkennbare Quelle. Musik war zu hören. Dumpfe Bässe, verzerrte Stimmen. Wie ein Fest am Grund eines Sarges. Der Raum U17 war überfüllt mit tanzenden Körpern, Nebel und zu viel billiger Parfümierung. Licht zuckte aus einer alten Stroboskoplampe, die nur ab und zu funktionierte. An den Wänden hingen Spiegel, aber das Glas war blind, zerschrammt und in manchen sah David Bewegungen, die nicht zu den Umstehenden passten. Er ging langsam durch die Menge, fast schwebend, wie ein Geist inmitten von Leben. Oder: Scheinleben. Dann hörte er das Lachen. Zuerst vereinzelt. Dann gebündelt, aber gezielt. Drei Studenten standen in einer Ecke, betrunken, raumgreifend, arrogant. Einer von ihnen, ein hochgewachsener Typ mit raspelkurzem Haar und einem süffisanten Grinsen, zeigte auf David. „Hey! Wer hat den eingeladen? Sieht aus, als wäre er gerade aus einem Leichenhaus entwischt!“ Lachen. Laut. Überzogen. Ein anderer rief: „Vielleicht ist das einer dieser Psychos, die die Welt verändern wollen!“ Wieder lautes Gelächter. Dann der Dritte, mit glasigen Augen: „Der starrt dich an, als würde er dich in kleine Stücke sägen.“ Ein weiteres lautes Gelächter. „Na dann besser nicht einschlafen, was?“ Noch mehr Gelächter. David stand da. Regungslos. Er lächelte nicht. Er ging nicht. Er beobachtete. Wie sie ihn musterten, verächtlich, unbewusst grausam. Sie hatten keine Ahnung, aber sein Herz schlug schneller. Nicht vor Scham. Nicht vor Angst. Sondern vor einer plötzlichen, dunklen Klarheit. Er verließ die Party. Schweigend, ohne dass es jemand bemerkte. Sein Gang war ruhig. Aber in seinem Innern, da war etwas aufgewacht.

2

Zurück in der Wohnung war alles still. Das Kratzen war fort. Das Flüstern auch, aber in seinem Kopf hallte das Lachen nach. Es fraß sich in ihn hinein. Wie Säure. Er saß auf dem Bett. Hielt die Hände auf den Knien. Die Gardinen wehten leicht, obwohl das Fenster geschlossen war. Dann sagte er es. Flüsterte es wie ein Gebet: „Der mit den kurzen Haaren. Er lacht nicht nochmal über mich.“ Sein Blick war leer. Aber sein Kiefer war angespannt. „Er weiß es nur noch nicht, aber er gehört mir. Ich sehe ihn. Ich sehe sie alle und sie werden mich sehen. Richtig sehen.“ Dann stand er auf. Schritt für Schritt zur Wand, an der noch das halb ausgepackte Messer lag, das er zum Dosenöffnen benutzt hatte. Er berührte es nur mit den Fingerspitzen. Spürte die Kälte. Den Gedanken. Die Wohnung atmete wieder. Langsam. Schwer. Fast wie zustimmend. Zwei Nächte später wusste David, wie der Student hieß. Timon Keller. Studierte Medienwissenschaften. Immer in Begleitung anderer, laut, selbstsicher. So jemand, der in jedem Raum der Mittelpunkt war, ohne je bemerkt zu haben, wer still im Schatten stand. David hatte ihn beobachtet. In der Mensa, aus der Ferne. Auf dem Campus, auf dem Weg zu den Seminarräumen. Immer mit Sonnenbrille, selbst bei bedecktem Himmel. So als sei er zu gut für das Licht der Welt. David schrieb seinen Namen auf einen Zettel. Langsam. Dunkle Tinte. Ein einziges Mal. Er hatte herausgefunden, dass Timon in einem Studentenwohnheim lebte, keine zehn Minuten vom Hauptgebäude entfernt. Ein alter Bau, fünfte Etage, Zimmer 5.14. Freitagabend. David stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite, in der Dunkelheit verborgen. Die Fenster des Wohnheims wirkten wie tote Augen. Doch eines war hell. 5.14. Er sah Silhouetten. Timon war da, mit zwei anderen. Musik war zu hören, dumpf und nervig. Ein weiteres dieser endlosen Spiele aus Oberflächlichkeit, Dosenbier und aufgesetztem Lachen. David lächelte nicht. Er notierte sich die Uhrzeit: 21:48 Uhr. Dann verschwand er im Schatten des nächsten Haus-eingangs. Wartete. Beobachtete und sah, wie sie eine halbe Stunde später das Gebäude verließen. Timon war angetrunken, lallte laut, schob seine Freunde zur Seite, als sei er der König der Welt. David folgte ihnen. Zuerst in sicherem Abstand. Dann näher. Immer näher. Er beobachtete, wie sie in eine Bar gingen. Wie Timon sich in Szene setzte. Wie fremde Mädchen lachten. Wie er lachte. David stand draußen. Stundenlang. Er zählte die Fenster. Zählte die Lichter. Zählte die Atemzüge. Als Timon allein zur Toilette ging, kurz verschwunden in einem engen Gang, trat David kurz näher an das Fenster heran, sah sein Spiegelbild im Glas. Doch es war nicht nur sein eigenes. Hinter ihm war ein dunkler Umriss. Breit, kantig und kalte weiße Augen. Die Stimme war ein Hauch: „Zeig ihm, wie man Stille spricht.“