Frettsack - Murmel Clausen - E-Book

Frettsack E-Book

Murmel Clausen

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Beschreibung

Ich will ein Kind von mir

Jens Fischer hat keinen Schlag bei den Frauen. Die Hoffnung, jemals eine Familie gründen zu können, hat er längst verloren. Verbittert wird er Samenspender, um sein Erbgut wenigstens anonym weiterzugeben. Als er jedoch vom Frettchen seines Mitbewohners Sven in den Sack gebissen und kastriert wird, setzt er alles daran, die Frau zu finden, die durch seine letzte Spende indirekt von ihm geschwängert wurde. Mithilfe von Sven und dem Balkanhünen Hondo bricht er in die Samenbank ein und gelangt so an die Adresse der bezaubernden, aber verheirateten Maren Heinze. Und endlich hat Jens ein Ziel in seinem Leben: Er muss diese Frau für sich gewinnen.

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Murmel Clausen

Frettsack

Roman

WILHELMHEYNEVERLAGMÜNCHEN

Das Buch

Jens Fischer hat keinen Schlag bei den Frauen. Die Hoffnung, jemals eine Familie zu gründen, hat er verloren. Frustriert wird er Samenspender, um sein Erbgut wenigstens anonym weiterzugeben. Als er jedoch vom Frettchen seines Mitbewohners Sven in den Sack gebissen und kastriert wird, setzt er alles daran, die Frau zu finden, die durch seine letzte Spende von ihm geschwängert wurde. Er bricht in die Samenbank ein und gelangt so an die Adresse der bezaubernden, aber verheirateten Maren Heinze. Endlich hat Jens ein Ziel in seinem Leben: Er muss diese Frau für sich gewinnen.

Der Autor

Murmel Clausen, geboren 1973 in München, als Co-Autor für den Kinoerfolg Der Schuh des Manitu mitverantwortlich, schrieb bislang vorrangig fürs Fernsehen. Er verfasste u. a. Sketche für Ladykracher, Tramitz & friends und die Kultcomedy Die Bullyparade. Frettsack ist sein erster Roman.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen. Originalausgabe 06/2012

Copyright © 2012 Murmel Clausen

Copyright © 2012 by Wilhelm Heyne Verlag, München

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Redaktion: Tamara Rapp

Umschlaggestaltung: Eisele Grafik-Design, München unter Verwendung eines Fotos von © Retales Botijero/Flickr/Getty Images

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-07437-1V002

www.heyne.de

Für Frau und Kind

Pfeifhase

»Ihre Pfiffe dienen den Pfeifhasen als Warntöne, um ihre Reviergrenzen abzustecken.«

Ich stehe im Biergarten an der Kasse und könnte mal wieder kotzen. Vorne blockiert ein junger, vollkommen überforderter Vater den Betrieb, zwei Maßkrüge in der einen Hand, einen Teller Spareribs in der anderen, eine große Brezen am Unterarm und an den Unterschenkeln je ein kleines Kind, die typische arme Sau Mitte dreißig. Er meint es sicherlich gut, will nicht die Fehler machen, die sein Vater und so. Dass ihn die Gesamtsituation jetzt schon an den Rand eines Herzkaspers bringt, würde er niemals zugeben. Gerade hat er die Maßkrüge abgestellt, legt sich Daumen und Zeigefinger an die Lippen und macht das widerlichste Geräusch der Welt– er pfeift. Wenn jetzt noch ein Hund kommt, drehe ich durch. Doch da hetzt schon eine Frau in seinem Alter durch die Reihen, wild einen Geldbeutel schwenkend. Ich weiß auch nicht, warum der Pfeifhase und seine Frau sich die Aufgaben nicht so einteilen können, dass sie mit den Kindern am Tisch wartet, während er wie ein vernünftiger Mensch das Essen holt. Heute scheinen Eltern grundsätzlich anders zu funktionieren als in meiner Kindheit. Es geht inzwischen mehr darum, der Welt zu zeigen, wie geduldig und unspießig man seine Kids behandelt, die– und das kann man gar nicht oft genug betonen– im Kindergarten und mit den Spielsachen, die für ihr Alter empfohlen werden, komplett unterfordert sind.

Meine Abrechnung mit den verkorksten Vätern, die unserer Generation entsprungen sind, interessiert das Mädchen vor mir aber sicher nicht. Also, die junge Frau. Ich sage immer Mädchen, auch zu Frauen über dreißig; das ist sicherer, da ich das Alter von Mitmenschen nicht mehr schätzen kann– die Gabe geht verloren, wenn man keinen Bezug mehr zum eigenen Alter herstellen kann, wenn man sich selbst acht Jahre jünger vorkommt, als man ist. Bis einen ein acht Jahre Jüngerer siezt– oder noch schlimmer, eine acht Jahre Jüngere. Trotzdem will ich das Mädchen ansprechen, einfach nur so, den Versuch ist es wert; sie ist nicht zu gut aussehend, könnte vielleicht etwas abnehmen, alles an ihr ist irgendwie so mittel bis geht schon. Genau mein Typ.

»Das ist mal wieder so ein Moment, der einen zweifeln lässt, ob man wirklich Kinder haben sollte.«

»Sprichst du mit mir?«

Positiv vermerke ich sofort, dass sie mich nicht gesiezt hat. Bei Gleichaltrigen kommt das einer Demütigung mit Anlauf gleich. Negativ notiere ich, als sie sich tatsächlich zu mir umdreht, dass sie doch etwas weniger als so mittel ist, ich hatte das Gesicht bis jetzt nur im Profil gesehen. Bei meinem Glück ist sie sogar noch froh, dass ich sie angesprochen habe, ich bereue es jetzt schon.

»Ja, nee, ist egal. Jens.«

»Wie?«

»Mein Name«, antworte ich und lächle.

»Und was hast du davor gesagt?«

Jetzt lächelt sie ebenfalls, runzelt dabei die Stirn und schaut schlagartig wieder einigermaßen okay aus. War ja klar: Ich spreche mal wieder die mit dem unzuverlässigen Aussehen an. Und da ich das Gespräch begonnen habe, bleibe ich dran, man weiß ja nie, ob am Ende das okaye oder doch das nicht so gute Aussehen überwiegt. Natürlich birgt das gewisse Risiken. Man kann schlecht mit seiner Freundin Schluss machen, bloß weil man festgestellt hat, dass sie leider die meiste Zeit nicht ganz so gut aussieht, wie man sich das anfangs eingebildet hatte. Gerade im Frühstadium einer Beziehung sollte man lieber einmal öfter hingucken! Und hier, na ja, ungewiss, aber mit Potential. Vielleicht finde ich sie nach der ersten Maß sogar echt ganz gut.

»Ich meinte, dass der Typ da vorne mit den Kindern, also, dass es schon krass ist, was man heute als Eltern–«

»Schon klar. Für dich ist das ein Grund, keine Kinder zu bekommen.«

»Genau.«

»Für mich ist es mehr die Möglichkeit, dass da ein Typ wie du rauskommen kann.«

Mit einem total unangebrachten Überlegenheitslächeln wendet sie sich ab und geht zu einer anderen Kasse, an der ein paar Menschen weniger stehen. Sie war jetzt ja nicht sonderlich schlagfertig oder geistreich. Nur grundlos böse. Ich habe keine Ahnung, warum mir Frauen so oft derart feindselig begegnen. Gut, die hier wird einen Kinderwunsch hegen und einfach nicht den Partner finden, der ihn ihr erfüllt, was aber auch kein Wunder ist, wenn sie sich gegenüber den Kerlen, die in Frage kommen, sprich Männern wie mir, so abweisend verhält. Wirklich. Dabei liegen wir schon im obersten Bereich von dem, was sie überhaupt erwarten darf. Ich meine, sie sieht aus wie eine durchschnittliche Angestellte bei einer Versicherung, Bank oder einem Energiekonzern. Sie hat auf ihrem Computermonitor Spielzeug aus Überraschungseiern stehen, die sie »Ü-Eier« nennt. Sie sagt, denkt und mag auch sonst ausschließlich langweilige Dinge, die sie mit ihren noch langweiligeren Freunden macht, die man auf keinen Fall kennenlernen will. Mittags isst sie Sandwiches oder Salat, hat eine völlig kaputte Verdauung und wird trotzdem langsam fett, weil sie keinen Sport treibt, nur Cardio, was bei ihrem Tempo gerade mal halb so effektiv ist wie zehn Minuten Sauna. Außerdem gibt’s danach zur Belohnung immer irgendwo was Süßes. Dafür raucht sie nicht. Laut ihrem Profil bei friendscout24 ist sie zwei Zentimeter größer und fünf Kilo leichter als in Wirklichkeit, und das nicht, weil sie in den drei Jahren, die sie dort schon erfolglos Mitglied ist, entsprechend geschrumpft und in die Breite gegangen ist. Nein, Gewicht und Größe bearbeitet sie immer wieder mal, je nachdem wie sie sich fühlt. Unter Lebensmotto hat sie »Carpe Diem!« stehen, lacht am liebsten über sich selbst und nie über andere–

»Dreizehnsechzig«, unterbricht die Kassiererin mein Profiling.

»Krass. Ist da Pfand drauf?«

»Bist du blöd?«

Schon wieder diese Feindseligkeit. Wobei das Mädchen an der Kasse eigentlich ganz hübsch ist, so um die zwanzig und perfekt für einen Job im Biergarten qualifiziert, weil der aufgrund seiner Wetterabhängigkeit genauso unverbindlich ist wie sie. Sie stammt aus einer ganz anderen Welt, wo immer was los ist und man sich jederzeit grundlos anfiest.

»Nein«, antworte ich.

»Was?«

»Ich bin nicht blöd.«

»Das war doch nicht so gemeint. Echt, wie blöd bist du eigentlich?«

Sofort legen sich meine Schamdrüsen ins Zeug und produzieren Schweiß auf meiner Stirn, am Hals und im Nacken. Ich spüre deutlich, wie eine Schweißperle vom Haaransatz über meine Stirn in Richtung Nase aufbricht und unterwegs ein paar Freunde einsammelt. Endlich zu einem stolzen Tropfen vereint geben sie Gas und kullern mir über die Nasenspitze, bis der gemeinsame Ausflug auf dem Handrücken der Kassiererin endet, mit der sie gerade meine 15 Euro entgegennimmt. Sie zieht ihre Hand zurück, schaut mich an und verachtet mich für alles, was ich bin, war und sein werde.

»Stimmt so«, murmele ich.

»Ach, nee«, quittiert sie.

Sie zieht die Augenbrauen hoch und denkt sich ihren Teil, was ich, Gott sei Dank, nicht mit anhören muss. Was kann ich denn für meine Schilddrüse? Ja, gut, ich werde langsam alt. In ein paar Tagen siebenunddreißig. Oder ich bin es mit meinen sechsunddreißig schon. Neulich habe ich irgendwo gelesen, dass siebenunddreißig das neue Siebenundzwanzig sei, was vollkommener Unsinn ist. Es ist höchstens ein neues Siebenunddreißig, aber selbst das bringt nur Nachteile mit sich. Das erkläre ich auch Sven, nachdem ich mich durch die Menschen gewühlt und wieder zu ihm an den Tisch gesetzt habe.

Sven ist mein Mitbewohner, seit ich einmal den Fehler gemacht habe und mit einer Frau zusammengezogen bin. Ihr Name war Natascha Kehl, und sie ließ mich nach drei Monaten in und auf einer Drei-Zimmer-Wohnung in der Isarvorstadt sitzen, die ich alleine nicht bezahlen konnte. Um ehrlich zu sein, fiel es mir schon schwer, überhaupt was zur Miete beizutragen. Aber ich möchte nicht über die furchtbare Zeit mit Natascha sprechen, ich möchte überhaupt kein Wort mehr über sie verlieren, nur sagen, dass durch ihr Verschwinden Sven Wilde in mein Leben getreten ist. Also, als WG-Mitbewohner. Er ist drei Jahre jünger, treibt wie ich keinen Sport und liegt sieben oder acht Kilo unter seinem Idealgewicht. Was wiederum genial ist, denn ich liege immer sieben oder acht Kilo über meinem, womit wir uns im wahrsten Sinne ideal ergänzen. Außerdem war er bei der Besichtigung gleichzeitig betrunken, verkatert und leicht bekifft, mir also auf Anhieb sympathisch.

»Und was war das alte Siebenunddreißig?«, will er jetzt wissen.

»Na ja, das ist genau das Ding: Es gibt kein altes Siebenunddreißig«, erwidere ich.

»Aber ein neues?«

»Na ja, auch nur indirekt. Es gibt neue Siebenunddreißigjährige.«

»Aber du bist doch anders als die, die vor zehn Jahren siebenunddreißig waren.«

»Falsch, ich nicht. Nur weil jeder Vierte in meinem Alter plötzlich beschließt, dass er einen Marathon laufen muss, heißt das nicht, dass auch ich mich anders benehme als die vor mir. Die sogenannten neuen Siebenunddreißigjährigen sind so GQ-Leser und Typen mit sportlichen Hobbys. Fitnessdeppen. Idioten, die ihrem Körper vormachen wollen, dass sie jung geblieben sind. Sind sie aber nicht. Und der Hacky-Sack in ihrer Hosentasche hilft da auch nicht.«

Sven schüttelt nur den Kopf, er findet sich schließlich auch noch knackig jung mit seinen vierunddreißig. Er spricht Mädchen an, die sich als Töchter der Frauen herausstellen könnten, die ich ansprechen würde. Aber nicht, weil er irgendwie auf Teenies steht, sondern weil er sich für nicht wesentlich älter hält.

»Du wirkst aber nicht wie siebenunddreißig«, tröstet er mich dann.

»Danke. Trotzdem habe ich wahnsinnigen Schiss davor, dass ich in ein paar Jahren zu hören bekomme, dass ich zu alt bin. Und zwar für alles, was ich mache oder machen will.«

»Was hast denn du für ’ne Krise?«

Sven lebt laut eigener Aussage krisenfrei, genauer gesagt, seit er Egon Friedell gelesen hat. Jetzt erklärt er mir ständig, dass ein System nur krank sein kannund wir die Krise als Immunschwäche sehen sollen, die uns stärkt und ohne die wir eingehen würden. Ich erwidere dann immer, dass bei mir die Krise der Normalzustand ist, ein Leben ohne Chancen, weshalb ich auch mit ihm in einer WG wohne. Diese Abkürzung steht entgegen der landläufigen Meinung nicht für »Wohngemeinschaft«, sondern bedeutet, dass man »wegen Geldmangels« eine Behausung teilen muss. Sven studiert pharmazeutische Biotechnologie, spricht aber zum Glück nicht darüber, er zahlt pünktlich, kann putzen, wenn es sein muss, und pinkelt im Sitzen. Wie geschaffen für die widrigen Gegebenheiten des Lebens als Männergemeinschaft.

»Es ist doch ganz einfach: Wir werden sicher über hundert Jahre alt. Aber Kinder können wir trotzdem nur bis Anfang vierzig kriegen«, beginne ich meinen Unmut zu erläutern.

»Picasso hat, glaube ich, so mit achtzig oder neunzig Jahren noch–«

»Ja. Der war halt auch Picasso. Ich bin aber nur ich und werde in diesem Leben keine Kinder mehr bekommen. Das ist eine Tatsache.«

»Quatsch.«

»Kein Quatsch. Auf mich stehen… Nee, anders. Auf mich lassen sich höchstens Frauen ein, die gleich alt oder älter sind als ich. Und ich glaube auch nicht, dass die mit mir schlafen, weil sie mich unwiderstehlich finden, sondern, na ja, weil ich eben da bin und sie lasse– so wie sie mich auch lassen. Es ist ein Ranlassen und Rangelassenwerden, mehr nicht. Ich bin nett, aber zu unsportlich, um sexy zu sein. Ich schau auch nur so lala aus. Und ich bin uncool, weil ich nicht verstehe, wie Mode funktioniert.«

»Ja. Und?«

Es spricht für Sven, dass er mein komplett zerrüttetes Selbstbild einfach so stehen lässt. Er toppt diese Leistung sogar noch, indem er seine Maß hebt, um mit mir anzustoßen. Ich rede lieber weiter, als sein Prosit auf meine Uncoolness zu erwidern.

»Aber mal angenommen, es verliebt sich doch eine in mich. Das passiert vielleicht in einem oder zwei Jahren, weil ich zurzeit nicht richtig suche. Da sitze ich dann also verliebt mit einer mindestens Achtunddreißigjährigen– Mann, die schwängere ich doch nicht sofort. Das muss alles erst mal wachsen. Ich hab keinen Bock auf ein Wochenendkind, das dann zu irgendeinem Friedhelm oder Dietmar Papa sagt, für den die Alte mich nach drei Jahren verlassen hat, weil er im Gegensatz zu mir regelmäßig Geld verdient–«

»Du schweifst ab.«

»Auf jeden Fall wäre sie zu dem Zeitpunkt, wo wir endlich ernsthaft Kinder planen könnten, mindestens dreiundvierzig oder so. Und da ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir ein Kind mit Down-Syndrom bekommen, eins zu zwanzig.«

»Und?«

»Da hab ich keine Lust drauf, und Abtreiben geht erst recht nicht.«

Das scheint Sven zu verstehen. Wenigstens arbeitet das irgendwie in ihm. Er hockt da, schaut an mir vorbei in die Ferne, nimmt einen großen Schluck Bier und setzt dann an, mir seine Welt zu erklären. Nicht zum ersten Mal. Ich habe noch nie darum gebeten, ich wollte sie niemals so genau kennenlernen und habe schon immer so schnell wie möglich versucht, alles, was er sagt, wieder zu vergessen, da ich befürchte, dass mich allein die Kenntnis einzelner Pfeiler, auf die sich seine Lebensphilosophie stützt, zu einem dümmeren Menschen machen könnte. Die Grundzüge seiner Welt haben sich jedoch in meinem Kopf verankert, und ich kann sie nicht mehr löschen, sie würden jede Gehirnwäsche überleben.

Bei ihm– und seiner Überzeugung nach bei jedem Mann– geht es darum, den Samen möglichst weit zu streuen. Neu für mich ist, dass er schon mindestens zehn Kinder hat, um die er sich jedoch nicht kümmern muss. Was auch richtig so ist, da er mit seinem Erbgut ihm vollkommen fremden Menschen den Wunsch erfüllt, Eltern zu werden. Sven geht seit Jahren jede Woche Sperma spenden, er hat sein Hobby zum Beruf gemacht, gesteht er mit spürbarem Stolz. Mir wird bei der Geschichte übel. Er spricht über seine Ziele in der Biochemie, irgendwelchen Auslösern, Triggern und wahnwitzigen Szenarien, in denen er alle Menschen, die durch sein Sperma gezeugt wurden, steuern oder irgendwie zu sich rufen kann. Eine Armee aus kleinen Sven-Abkömmlingen, die ihm eines Tages zur Verfügung stehen wird. Wer ihm zu lange zuhört, wird dümmer, keine Frage.

»Und selbst, wenn das alles Schwachsinn ist, kann ich immerhin meine Miete von dem Geld zahlen«, beschließt er endlich seinen Vortrag, während dem mein gerade noch so fröhlich schäumendes Bier schal geworden ist.

»Von welchem Geld?«

»Na, von den Rubbel-Rubeln. Das bringt mir im Monat vierhundert Euro.«

»Du hast die ganze Zeit von Samenspenden gesprochen. Und jetzt willst du mir erklären, dass das ein Vierhundert-Euro-Job ist?«

»Ja, so ungefähr. Das hängt davon ab, wie gut das Sperma ist.«

»Und bis wohin geht das?«

»Du spendest einmal pro Woche und bekommst Minimum fünfundzwanzig Euro, maximal hundert, je nach Menge und Qualität. Und ich habe sehr viel vom Besten.«

Ich bin mir nicht sicher, ob ich dieses Gespräch über Masturbation mit Sven noch weiterführen möchte. Immerhin ist das ein Thema, über das ich mich sonst nicht mit anderen bei einer kühlen Maß Bier unterhalte.

»Du wichst doch auch dauernd, oder?«

»Wer? Ich?«

»Klar. Und wenn du wirklich Kinder willst…«

Sven lässt diesen Satz so halbgar stehen. Ich hasse es, wenn ich Sätze vervollständigen soll, vor allem, wenn sie aus einem mir unbekannten Logikuniversum stammen. In meinem System muss man eine Frau finden, die man liebt und die einen ebenfalls liebt, um Kinder in die Welt zu setzen. Alles andere ist doch Betrug an sich, der Natur und den Menschen. Petrischalenbastarde aus Svens Lenden kämen mir nicht ins Haus. Der einzige Sinn und Zweck eigener Kinder besteht doch darin, etwas von sich weiterzugeben, das man dann mit seiner Erziehung, seinen Werten und seiner Weisheit prägt. Gut, ich bin dumm und naiv wie fast alle und habe keine Ahnung, wie ich einem Kind irgendwelche Werte vermitteln soll, da meine eigenen auch bloß schwach ausgeprägt sind. Stark ist nur meine wachsende Verbitterung. Meine Meinungen sind nicht manifestiert, ich wanke durch den Alltag und meine mal dies, mal das, je nach Gefühlslage und Einfluss von außen. Trotzdem, wenn ich so an ein Kind denke–

»Ist da noch frei?«

Zum Beispiel an eines von dem unglaublich hübschen Mädchen, das da mit Freundin vor unserem Tisch steht und mich fragend anschaut. Da sie offensichtlich auf eine Reaktion wartet, sage ich: »Ja.«

»Dachte ich mir.«

Jetzt kichern beide und gehen, ohne sich noch einmal umzusehen. Wenn sie einem schon wehtun müssen, dann doch bitte nicht auch noch proaktiv. Wenn ich sie anspreche und dafür einen Spruch kassiere, ist das in Ordnung, aber mich anzusprechen, nur um mir dann einen reinzuwürgen, das ist Vorsatz. Plötzlich fällt mir auf, dass unser Tisch der letzte ist, an dem nur zwei Personen sitzen. Im gesamten Biergarten drängen sich die Menschen an den Tischen, rücken auf, Schenkel an Schenkel, Rücken an Rücken, nur hier hocken zwei traurige Volksfesthupen, die den Gedanken gut finden, 100 Euro dafür zu bekommen, sich selbst zu befriedigen.

Pinguin

»An der Universität Darmstadt haben Bioniker und Luftfahrttechniker ausgerechnet, dass ein Humboldtpinguin eine Geschwindigkeit von 468 km/h erreichen müsste, umvon der Erde abheben und wie ein echter Vogel fliegen zu können.«

Tatsächlich ist es gar nicht so einfach, Samenspender zu werden. Man muss zunächst mal sein Blut untersuchen und sich durch die Beantwortung beschränkter Fragen die geistige Gesundheit bestätigen lassen. Danach geht es an die Wurst. Dreißig Minuten nach Abgabe kann das »Material«, wie man Sperma hier nennt, untersucht werden, weil es sich dann verflüssigt. Ungefähr eine Stunde später hat man dann alle Ergebnisse. Doch wegen potentieller Latenzen, einer frischen HIV-Ansteckung oder so, werden die Spermien erst ein halbes Jahr später verwendet. Zumindest ist das bei Dr. Frank Parisius so, im Münchner Zentrum für Heterologe Insemination, kurz MZHI. Die Praxis ist ein kleiner Feng-Shui-Traum, es gibt keine Ecken und Kanten, alles ist rund und irgendwohin ausgerichtet– ich tippe mal, Richtung Wonne. Diese übertriebene Ausgewogenheit ruft in mir sofort ein gewisses Unwohlsein hervor, die vom teuer bezahlten Feng-Shui-Berater angestrebte Harmonie stellt sich bei mir auf jeden Fall nicht ein. Stattdessen erliege ich der Vision, wie eine moppelige Dame in einem wallenden Fair-Trade-Sack mit ihrem Pendel in der Hand im Raum steht und verkündet, noch einmal mit der Wünschelrute durch die Zimmer wandern zu müssen, weil der dringende Verdacht auf eine Wasserader besteht. Der man allerdings mit einem Zimmerbrunnen entgegenwirken könne, um das Ader-Ying feucht auszuyangen oder so.

Nun plätschert ein Zimmerbrunnen im sonst reichlich tristen Wartezimmer und feuert mit jedem Tropfen meine Blase an, Urin loszuwerden. Ich war allerdings schon zweimal, da man spätestens seit John Irvings Wassertrinker weiß, wie sehr sich der Weg zum Höhepunkt in die Länge ziehen kann, wenn man Druck auf der Blase verspürt. Wahrscheinlich ist der Rest des Wartebereichs auch deswegen so deprimierend schlicht gehalten, damit man ruhig und weich in der Birne wird. Darauf lässt auch der Kandinsky oder Franz Marc schließen, der an der Wand hängt, ich kenne mich damit nicht mehr aus, obwohl ich Leistungskurs Kunst hatte. Könnte auch ein Klee sein, Blauer Reiter, irgend so was, das Zeug hängt im Lenbachhaus beim Königsplatz, ich sollte vielleicht mal hin, Kunst gucken ist eigentlich ganz okay, wenn ich richtig stehe und nicht wieder nach einer Stunde Rückenschmerzen bekomme–

»Herr Jens Fischer?«

»Hier!«, antworte ich. Unsinnigerweise, schließlich sitze ich alleine im Wartezimmer.

»Wenn Sie mir einfach folgen wollen.«

Die hübsche Arzthelferin mustert mich auffordernd, und ich will ihr sofort überallhin folgen. Gleichzeitig sterbe ich ein wenig, denn ich weiß, dass mich diese wunderschöne Frau nun in das Zimmer führen wird, in dem ich masturbieren muss. Die Attraktivität von Arzthelferinnen steigt mit der Peinlichkeit der Untersuchungen oder Behandlungen, die in den Praxen durchgeführt werden. Bei Seh- oder Hörtests sitzen einem in der Regel irgendwelche Krapfen gegenüber, mit denen man im Leben nicht flirten möchte. Sobald man aber sein zerrüttetes Gebiss zeigen muss oder den Darm ausgespült bekommt, damit der Arzt bei der Darmspiegelung freie Sicht hat, treten einem elfengleiche Geschöpfe entgegen. Hier ist es Frau Verena Matisse, wie ihr Namensschild verrät, hinter der ich wie ein Pinguin in eine Onanierkabine watschle. Ich kann das Schild nur flüchtig scannen, da es genau auf ihrer Brust angebracht ist. Überhaupt kann ich sie kaum ansehen. Denn sollte sie mich dabei ertappen, wie ich sie mustere, wird sie denken, dass ich sie in der Kabine als Masturbiervorlage benutzen will. Also schaue ich weg und hoffe, nein bete, dass sie mich an irgendeinen Zivi oder so übergeben wird, einen Typen, der mich dann in die lustige Wichsstube führt, einen Witz macht und sich verpisst. Natürlich weiß ich, dass genau das nicht geschehen wird. Es wird einen merkwürdigen Moment in dem Zimmer geben, wenn sie mir, dem Erstspender, dem Neuling, dem Anfänger, alles erklärt. Sie wird mich auf Hefte hinweisen oder–

»Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen auch einen Film anmachen.«

»Was? Nee, das brauch ich nicht«, stottere ich. Gleichzeitig wird mir heiß und kalt. Sie schaut mich mit ihren dunklen Rehaugen an, ich will am liebsten wegrennen.

»Im Ernst– das ist wirklich in Ordnung. Was Sie hier machen und wie, ist mir vollkommen egal, ich finde es toll, dass Sie generell bereit sind, Sperma zu spenden.«

»Echt?«

Sie lächelt nur und öffnet die Tür zu den acht Quadratmetern, in denen ich gleich Hand an mich legen werde. Ich verdränge den Gedanken daran und konzentriere mich auf ihr Lächeln, das nichtssagende Lächeln einer hübschen Frau, in das man alles hineininterpretieren kann, wenn man jung ist; mit knapp siebenunddreißig spiegelt sich darin nur noch die eigene Vergänglichkeit. Würde sie mich duzen, wäre das schon ein großer Schritt, aber ich werde ja bereits seit Jahren von allen Seiten angesiezt, selbst Punks nutzen mittlerweile die Höflichkeitsform, was aber nicht an mir liegen muss, sie sind einfach nicht mehr Punk.

»Wichtig ist lediglich, dass Sie das Ejakulat in diesen Behälter füllen«, erklärt die Assistentin, während ich mit meinen Gedanken ganz woanders bin. Nämlich dort, wo sie nicht ist, wo ich allein sein kann, ungestört. Es war ein Fehler, hierherzukommen. Für eine Sekunde befürchte ich, dass Frau Verena Matisse nur ein Köder ist, dass gleich Kurt Felix, Paola und der Spaßvogel hereinplatzen und diesen gelungenen Streich mit der versteckten Kamera auflösen werden.

»Alles klar?«

»Wie?«

»Sie schwitzen.«

»Das ist ein Hobby. Wir können übrigens ruhig du sagen…«

»Nein. Haben Sie noch irgendwelche Fragen?«, wiegelt sie das Angebot streng ab. Ich könnte jetzt lustig sein, die Situation mit einem fröhlichen Spruch wieder auflockern, aber das sollte ich nicht. Bestimmt bekommt sie Tag für Tag gefühlte neunhundert blöde Witze zu hören. Da wir uns so oder so schon in einem Umfeld befinden, das nach schlechten Herrenwitzchen schreit, würden die naheliegenden Sprüche sie zusätzlich auch noch als Frau beleidigen. Wobei, eigentlich fällt mir kein einziger, wirklich lustiger Spruch ein, nur totaler Schrott, wie immer, wenn die Situation nach primitiver Komik schreit.

»Gut, dann finden Sie mich vorne, wenn Sie fertig sind, Herr Fischer.«

»Ja, ich komme, wenn ich komm…«, rutscht es mir heraus, das Schlimmste, Peinlichste, Widerwärtigste, was ich in dieser Situation sagen konnte, ein Kommwitz, für den man mich steinigen, ja, für den man Steinigen in Deutschland wieder einführen sollte, nur um mich entsprechend bestrafen zu können. Frau Verena Matisse verlässt den Raum und schließt die Tür hinter sich, und ich stehe mit einem Mal ratlos da, denn ich habe nichts von dem mitbekommen, was sie erklärt hat. Nur dass mein Sperma in den Becher soll. Zu meinem Entsetzen schaltet sie von draußen jetzt doch einen Film ein, plötzlich flimmert pornografisches Material über den Monitor an der Wand. Man sieht schon auf den ersten Blick, dass die Hauptdarstellerin eine von den Pornstars ist, die mittlerweile von einer Erotikmesse zur nächsten tingeln, um dort vor den laufenden Kameras und Handycams ihrer Fans zu strippen. Nichts an ihr ist echt, jeder Funken Lebensfreude wurde ihr aus der Seele gebumst und gefilmt. Ich wende mich vom Monitor ab und schaue mir die Hefte an, die etwas stilvoller sind.

Trotzdem fällt es mir schwer, meine Aufgabe hier zu erfüllen. Ich muss mir die ganze Zeit vorstellen, dass Sven schon in ebendiesem Raum gehockt und sich einen runtergeholt hat. Ich komme mit diesem Thema seit jeher schwer zurecht, weil ich aus einem verklemmten Elternhaus stamme, eine Tatsache, die mir beim Fernsehen vermittelt wurde, als meine Mutter bei jeder anzüglichen Szene den Sender wechselte. Selbstbefriedigung ist eben nicht das Natürlichste der Welt. Wäre es so verdammt natürlich, dann wäre es ganz normal, sich zum Beispiel in der U-Bahn auf der Fahrt in die Arbeit ganz entspannt einen von der Palme zu wedeln. Man würde sich beim Abendessen mit Freunden darüber unterhalten, was einem neulich Lustiges beim Wichsen passiert ist, wie man wild um sich onanierend eine alte Schulfreundin getroffen hat, die komischerweise auch gerade dabei war, sich selbst zu befriedigen. Und dabei würde man an seinem Pullermann rumfummeln. Weil’s halt Spaß macht.

Genau das tut aber niemand. Es ist nämlich das Unnatürlichste, was man machen kann, die offensichtlichste Form des Selbstbetrugs. Es hat seine Gründe, warum man es vor dem Rest der Menschheit verheimlicht. Noch nie in meinem Leben habe ich das getan, was ich nun tun soll, während ein anderer Mensch wusste, dass ich es tue. Vielleicht hat es dann und wann der oder die ein oder andere geahnt, aber ganz sicher hat es niemals jemand so genau gewusst wie in diesem Augenblick Frau Verena Matisse. Für mich sind die folgenden Minuten jedenfalls unangenehm, fast als würde ich beobachtet. Das geht so lange, bis ich mir selbst mantramäßig einrede, dass ich tatsächlich nichts anderes mache, als Samen zu spenden, also im eigentlichen Sinn keine sexuelle Handlung ausführe.

Das würde ich am liebsten auch Frau Verena Matisse erklären, als ich mit meinem Becher in der Hand zu ihr an die Rezeption komme: ihr von der Einsicht berichten, die ich gerade hatte. Mir fehlt nur die erzählerischeEinleitung, sprich, die Beschreibung des Moments der Erkenntnis, über den ich die Erkenntnis gewonnen habe. Ein astreiner Catch-22, der erste, den ich selbst als solchen identifiziere. Vielleicht kann ich ja damit anfangen.

»Den Becher sollten Sie doch im Raum lassen.«

»Ach so, ja, äh, ich war mir nicht sicher, wo.«

»Auf dem kleinen Tisch unter dem großen, roten Pfeil, direkt neben dem Schild ›Hier bitte Becher abstellen‹. Aber das erschließt sich nicht gleich jedem.«

»Tut mir leid.«

Ich will gerade meinen kleinen Becher wieder zurück in den Raum tragen, doch die schnippische Frau Matisse hat offenbar ausgeschnippt und möchte nun, dass ich ihn einfach bei ihr deponiere. Auf der Rezeption. Da er nicht durchsichtig ist, mache ich das auch und will gerade irgendwas von wegen neuem Termin und so stottern, als hinter mir jemand mit Svens Stimme sagt: »Hab ich dich erwischt, du alter Wichswichtel!«

»Sven?«

»Und? Hat sie auch das Video für dich angemacht?«

»Er wollte nicht, aber ich hab mir gedacht, dass es nicht schaden kann«, mischt sich Frau Matisse ins Gespräch. »Er war dann auch recht flott.«

»Na ja, ich hab–«

»So geil, oder?«

»Quatsch, ich brauch so was normal nicht–«

»Pass auf, Alter, ich mach ganz schnell, und dann stoßen wir auf dein erstes Mal an!«

Er schnappt sich meinen Becher vom Empfang und will damit in einem der Räume verschwinden, aber ich kann ihn gerade noch aufhalten und meine Spende retten.

»Ey, die Becher lässt man eigentlich im Raum unter dem großen, roten Pfeil«, erklärt Sven mir, als wäre ich ein dummer Bub.

»Ja, schon klar, aber da war, also, das ging nicht. Deswegen soll ich ihn lieber hier… nicht wahr?«

Die schöne Frau Matisse schaut kurz auf und nickt, dann streckt sie ihre Hand aus. Sven zögert kurz.

»Wenn ich da auch reinspritze, dann habt ihr einen schönen Cocktail. Das ist dann so eine Art Spermaroulette: Entweder wird es ein kleines Genie oder eben ein Mongo wie er.«

Ich mochte es noch nie, wenn schöne Frauen, die sonst gegen Humor immun sind, laut über mich lachen.

Rotrückenspinne

»Das Weibchen trägt zwei Spermatheken in sich, womit das Töten des ersten Männchens einem zweiten Männchen die Möglichkeit der Befruchtung bietet, was wiederum der genetische Vielfalt der Gattung zugutekommt.«

Ich habe mir von einem Schüler eine Zigarette geschnorrt, bin noch dabei, zu verarbeiten, dass er mich gesiezt hat, als er höflich fragte, ob ich auch Feuer bräuchte, und warte auf Sven. Eigentlich habe ich vor einem Jahr das Rauchen aufgegeben, es fühlte sich eines Morgens plötzlich so sinnentleert an. Die Lust war weg, und ich fragte mich, warum ich überhaupt rauche, es bringt mich nicht weiter, es gibt kein Ziel, das ich mir errauchen kann,höchstens genug geraucht zu haben, um mal ’ne Stunde nicht rauchen zu wollen. Ich habe keine verdammte Ahnung, woher das alles kam, aber es war ein Gedanke gewordener Hausbesetzer: Als er sich bei mir eingenistet hatte, wollte er nicht mehr gehen. Ich hatte brav über zwanzig Jahre geraucht, und dann wares von heute auf morgen vorbei damit, die schlechte Luft war raus. Das geht mir so durch den Kopf, während ich warte. Aber diesmal tut die Zigarette tatsächlich gut, ich bekomme ein sanftes Rauschgefühl, das in wenigen Minuten wieder verfliegen wird, wie damals am Anfang vor zwanzig Jahren. So ist Rauchen perfekt, so soll essein. Vielleicht ist das ja die einzig richtige Lösung: Rauchen als Zeitvertreib statt als Vollzeitbeschäftigung.

»Cool, du rauchst wieder! Kann ich auch eine?« Sven kommt auf mich zugelaufen. »Ich wusste, dass du wieder anfängst. Hatten wir irgendwas gewettet?«

»Nein, und selbst wenn, ich hab nicht wieder angefangen. Ich gönn mir nur eine. Das ist ein großer Unterschied.«

»Für mich ist die Situation eindeutig: Jens raucht.«

»Ja, aber nur eine.«

»Also hast du keine?«

»Nee, aber du kannst die hier fertig rauchen, wenn du willst.«

»Klar. Ich nehm sie dir gern aus deinen frischen Wichsfingern.«

»Ich hab mir die Hände gewaschen. Du etwa nicht?«

»Gib her.«

Ich reiche ihm die Kippe und versuche dabei, nicht seine Finger zu berühren. Generell war ich in den vergangenen Tagen irgendwie vorsichtiger im Umgang mit den Dingen, die Sven tagaus, tagein in unserer Wohnung so berührt. Seit ich weiß, wie er seine Miete finanziert, ist mir bewusst, dass er seine Sexualität mit sich selbst auch zu Hause auslebt. Gestern habe ich Sagrotanspray für die Toilette besorgt und finde das gemeinsam genutzte Bad plötzlich sehr eklig. Ich weiß ja weder, wie, wann oder wo Sven an sich herumspielt, noch was er danach mit dem Produkt seiner Eigenliebe anstellt. Wie schon erwähnt– ich finde die ganze Thematik dermaßen abstoßend, dass ich mich kaum noch in der WG bewegen kann, da sich der Gedanke an eine »Wichsgemeinschaft« in mein Gehirn gebrannt hat. Was, wenn es Sven antörnt, in meinem Zimmer–

»In einer Stunde wissen die, ob dein Material was taugt.«

»Richtig. Die wollen mich anrufen.«

Sven hat die Kippe in zwei tiefen Zügen so gut wie vernichtet und hält sie mir noch mal rüber, ich lehne eilig ab.

»Das heißt, dass du noch keine Kohle bekommen hast?«

»Nee. Ist ja nur für den Test.«

»Demnach muss heute ich einen ausgeben?«, hakt Sven besorgt nach. Er schnippt die Kippe weg, beißt sich auf die Unterlippe und saugt geräuschvoll Luft ein.

»Nein«, antworte ich. »Bier und Fleisch liegen im Kühlschrank, wir brauchen nur noch Holzkohle und einen freien Platz am Flaucher.«

»Ey, willst du grillen? Ich hasse Grillen.«

»Ich weiß. Aber einmal im Jahr beschert uns der Sonnengott mit einem unvergesslichen Abend. Heute nicht zu grillen, wäre praktisch Gotteslästerung.«

»Das ist eine ganz banale Omegalage. Und von Grillen steht in meinem Buch nichts.«

»Sicher? Haben wir nicht letztes Jahr auch einen Abend am Flaucher verbracht?«

»Ja, aber da war der Sonnengott gerade beim Samenspenden, und wir haben uns den Arsch abgefroren und mit äußerst schlechter Laune in deinen Geburtstag reinge… Fuck!«

Ich liebe es, Sven die Grenzen seiner sozialen Fähigkeiten aufzuzeigen, zumal diese sehr eng gesteckt sind. Für normale Menschen ist es nicht schwer, sich den Geburtstag seines Mitbewohners zu merken oder diskret mit seinen Eigenheiten umzugehen, die man in den Jahren des Zusammenlebens zwangsläufig kennenlernt. Für Sven hingegen sind das kaum zu bewältigende Aufgaben. Weil ich einmal die Polizei gerufen habe, als in der Kneipe gegenüber nachts um zwei noch die besoffenen Münchener Hannover-Fans gegrölt haben– ihre verpupste Kackmannschaft hatte im Spiel um den elften Platz der Bundesliga ein souveränes null zu null erkämpft–, erklärt Sven jedem Menschen, dass ich beim kleinsten Geräusch auf der Straße immer gleich die Bullen rufe. Wenn seine Mutter auf unserem Festnetzanschluss anruft, erkundigt sie sich bei mir nach jedem Detail meines Lebens. Sie fragt, ob sich mein Stuhlgang verbessert hat, sollte ich in der Woche davor mal Bauchschmerzen oder einen verkaterten Magen gehabt haben. Ich verstehe nicht, warum Sven Details aus meinem Leben so gerne mit anderen Menschen teilt und gleichzeitig Jahr für Jahr meinen Geburtstag vergisst. Doch in diesem Augenblick will ich dieses Fass nicht aufmachen, sondern lieber ein paar Bier in der Isar kaltstellen und Fleisch auf den Grillrost werfen.

»Wieso machen wir das eigentlich nicht öfter?«, fragt Sven scheinheilig, als ich tatsächlich drei Stunden später zwei schön in Zitrone, Öl und Zwiebeln marinierte Koteletts über der perfekten Glut auf das genau zehn Zentimeter darüber liegende Gitter lege. Ich weiß auch nicht, warum bei mir derart das Deutschsein durchbricht, sobald ich mit Fleisch und Feuer in Kontakt komme.

Wir haben einen wirklich guten Fleck am Flaucher erwischt, eine Feuerstelle direkt neben einem Baum, den das Hochwasser vor ein paar Wochen hier angespült haben muss und an den wir uns jetzt lehnen können. Es ist erst halb acht, weshalb noch viele junge Eltern hier sind, die ihren Kindern zurufen, dass es nicht sehr nett ist, Steine auf die Enten und Schwäne zu werfen. Nur zu gerne würde ich erzieherisch eingreifen, die Eltern teeren und federn und sie von ihren Kindern mit Steinen beschmeißen lassen. Das wäre zwar sicherlich auch nicht sehr nett, könnte aber im Gegensatz zu den sanften Ermahnungen eine gewisse Wirkung zeigen.

»Wir könnten einmal die Woche so eine Art Stammgrillabend machen«, schlägt Sven vor.

»Ich dachte, du hasst Grillen.«

»Ja, meistens. Aber jetzt zum Beispiel nicht. Hast du Kippen da?«

»Nein, Sven. Ich rauche nicht wieder. Ich hab mir nur eine–«

»Komm schon, rauch wieder. Du bist in letzter Zeit unausstehlich.«

»Was bin ich?«

»Seit wir neulich im Biergarten waren, bist du beschissen drauf. Sagt meine Mama auch.«

»Schön. Wie geht’s ihr?«

»Nein, Jens. Wie geht es dir?«

Obwohl er wie ein Sozialpädagogikstudent klingt, hat Sven dieses Mal Recht. Ich bin tatsächlich seit einigen Tagen schlecht gelaunt. Sehr sogar. Und zwar nicht bloß, weil ich neulich im Biergarten gesagt habe, dass mein Leben verdammt nochmal vorbei ist, dass ich keine Kinder kriegen und einfach nur noch älter werden werde– sondern weil ich davon inzwischen vollkommen überzeugt bin.

Behauptung und Überzeugung gehen bei mir nicht immer Hand in Hand. Normalerweise behaupte ich sehr viel, denn was ich sage, kann ich auch gleich in eine Behauptung verpacken, das klingt besser. Das habe ich mir bei den selbstsicheren Menschen abgeschaut, die mir so auf den Sack gehen, die mich so verbittern lassen. Gerade meine persönliche Zukunft betreffend habe ich schon mehr Behauptungen aufgestellt, als gesund sein kann. Aber ich kann sie schließlich jederzeit widerrufen und das Gegenteil behaupten. Nur diesmal nicht, was mich wirklich schockiert, weil es wahrscheinlich das erste Mal in meinem Leben ist, dass ich tatsächlich glaube, was ich behauptet habe.

»Außerdem bist du dauernd irgendwie abwesend.« Sven reißt mich aus meinen Gedanken.

»Bitte?«

»Du brauchst eine Aufgabe, mein Freund.«

»Wie?«

»Eine Aufgabe. Irgendwas fürs Leben. Ein Hobby.«

»Ich hasse Hobbys.«

»Weil du keins hast. Aber wenn du dich erst mal in irgendwas verbeißt…«

»Ich wollte was fürs Leben. Eine Familie. Und jetzt bin ich Samenspender.«

»Mann, sei froh, dass die dein Material überhaupt nehmen«, versucht Sven mich zu trösten. »Stell dir vor, die hätten angerufen und dir gesagt, dass du nicht nur bei Verena am Empfang verschissen hast, sondern auch noch wertlose Gülle in deiner Hose spazieren trägst.«

»Ja, gut, dann freue ich mich jetzt, dass ich vielleicht ein fremdes Paar beglücke. Ich meine, was für traurige Characters müssen das denn sein?«

»Wie meinst du das?«

»Komm, ein Kind, dessen Vater du nicht kennst? Da kann einem der Arzt doch rein theoretisch alles Mögliche unterjubeln.«

»Klar. Es gab zum Beispiel einen Typen in den Staaten, der über siebzig Frauen mit seinen eigenen Chromosomen befruchtet hat.«

»Siehst du? Und es gibt eh zu viele Menschen. Die können doch auch ein Kind adoptieren.«

»Klar. Aber warum den Papierkrieg einer Adoption auf sich nehmen, wenn man einen kleinen Sven bekommen kann?«

In meiner Hosentasche vibriert mein Handy und bricht das Gespräch zum Glück ab. Ich habe den Timer eingeschaltet, damit ich das Fleisch nicht vergesse. Ich drehe sofort die Koteletts um und werfe ein paar Räucherholz-Chips in die Glut. Nicht weil es geschmacklich etwas bringt, sondern lediglich, weil es für ein paar Minuten die Aufmerksamkeit der gesamten Grillgemeinde auf uns zieht.

»Und wer garantiert mir, dass die damit wirklich Babys machen und sie nicht an einen Chemiekonzern zur Forschung schicken?«

»Wohin denn?«, will Sven sofort wissen.

»Na, das haben die doch erklärt. Entweder benutzen die dein Erbgut, um einem Paar, das keine Kinder bekommen kann, seinen Wunsch zu erfüllen– oder sie geben das Zeug in die Forschung, damit Paare, die keine Kinder bekommen wollen, mit funktionstüchtigen Spermakillercremes versorgt werden.«

»Das glaube ich nicht.«

»Ist aber so. Deswegen können die auch so viel Geld zahlen. Steht alles in der Broschüre, die sie einem mitgeben.«

»So was lese ich nicht.«

»Es kann aber sein, dass alles, was du denen bisher gespendet hast, in die Herstellung eines neuen Super-Anti-Baby-Mittelchens gegangen ist.«

»Kann es gar nicht. Weil die Eltern natürlich ein Baby wollen, das ihnen irgendwie ähnlich sieht. Dafür brauchen die also einen Spender, der entweder dem Vater ähnelt– oder so unauffällig ist, dass man da auf jeden Fall immer irgendwen drin erkennen kann. Zur Not die Großeltern.«

»Und?«

»Die haben mir gesagt, dass ich ein Allerweltsgesicht habe!«

Selten hat ein Mensch das mit mehr Stolz von sich behauptet.

»Hey, schau mal, der Spast aus dem Biergarten und sein hässlicher Freund«, widerlegt im gleichen Moment eine weibliche Stimme Svens These. Es ist das junge Mädchen, das uns im Biergarten so blöd angemacht hat. Sie muss dieser neuen Gattung von Mädchen angehören, die sich an den Rotrückenspinnen ein Beispiel nehmen sollten. Da wartet das Weibchen nämlich wenigstens bis zur Kopulation mit seinem tödlichen Angriff. Zum Glück verschwinden die beiden Biester so plötzlich, wie sie aufgetaucht sind, und Sven rettet die Stimmung.

»Weil es dein Geburtstag ist, darfst du der Spast sein.«

»Danke, mein hässlicher, hässlicher Freund.«

Frett

»Im Kampf beißen sich Frettchen in ihrem Gegner fest und lassen sich von der Bissstelle nicht mehr lösen.«

Nach meiner Testspende habe ich im Sommer insgesamt dreimal bei Dr. Parisius mein Erbgut in kleinen Bechern hinterlassen, mit der Garantie, dass eine dieser ersten Gaben auch bezahlt würde, sobald die Latenzzeit abgelaufen und keine weiteren Probleme aufgetreten seien. Natürlich hatten mir diese nicht klar definierten weiteren Probleme schlaflose Nächte bereitet. Ich war sicher, dass meine DNA genau überprüft, jedes einzelne Chromosom durchleuchtet und demütigenden Tests unterzogen wurde. Die Sorge, dass meine Abkömmlinge Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin Fischer im Labor für sehr viel Vergnügen und Hohn gesorgt haben könnten, war stets präsent. Ich bin aus Träumen erwacht, in denen mich irgendwelche Laborfreaks mit meiner Doppelhelix als Schal um den Hals geschlungen fragen, ob dieser Gen-GAU mein Ernst sei. Ob ich wirklich so dreist wäre, diesen Dreck fremden Menschen unterschieben zu wollen, auf dass sie das aus dieser Kacke erwachsende Kind bekämen. Doch Dr. Parisius hat gute Nachrichten für mich.

»Ja, Herr Fischer, Ihre Spermien sind kerngesund und in einer sehr hohen Konzentration im Ejakulat vorhanden. Gesundheitlich scheint auch alles in bester Ordnung zu sein, Erbkrankheiten gab es in Ihrer Familie ja keine?«

Dr. Parisius schaut mich fragend an. Ich bin gedanklich noch bei Frau Verena Matisse vom Empfang, die mich heute mit ganz anderen Augen angesehen hat. Sie weiß wohl schon von meinem Ergebnis. Ich meine sogar, eine Spur von Interesse an meiner Person in ihren Augen erkannt zu haben.

»Herr Fischer? Kein Diabetes, Krebs, Albinismus in der Verwandtschaft?«, will Dr. Parisius wissen.

»Nein, die sind alle topfit oder tot. Krank ist keiner.«

Da lacht er, der Doc. Seine perlweißen Zähne blitzen auf, und ich lache erleichtert mit, zeige dem Lackaffen meinen Zahnbelag. Ich ahne, dass ich dieses Gebäude mit 100 Euro in der Tasche verlassen werde.

»Wunderbar: Krank ist keiner.«

»Absolut keiner.«

»Sicher?«, bohrt der Doktor nach, mit einem Schlag wieder vollkommen ernst. Ich nicke nur. Da erhebt er sich und streckt mir die Hand entgegen, die sicherlich schwitzig sein wird, ich stehe ebenfalls auf und reiche ihm meine, es kommt zum erwartet feuchten Händedruck.

»Dann darf ich Sie, trotz Ihres relativ hohen Alters, herzlich als Donator Spermatoris bei uns willkommen heißen, wie ich unsere Spender gerne scherzhaft nenne. Eine Ihrer Initialspenden werden wir auf jeden Fall verwerten.«

»Donator Spermatoris. Sehr gut«, heuchle ich und wische seinen Handschweiß unauffällig in meine Hose. Dr. Parisius kommt um seinen Tisch herum und begleitet mich zur Tür.

»Sie sollten sich bewusst darüber sein, dass Sie nicht erfahren werden, wie die von Ihnen gespendeten Spermien genutzt werden.«

»Ja, das ist mir klar.«

»Ich sage das nur, weil es vorkommt, dass Spender denken, sie würden hier zu Vätern. Das mit Fremdsamen gezeugte Kind gilt in Deutschland gemäß Artikel 1592 Nr. 1 BGB als legitimes Kind des Ehemannes oder Partners der Mutter, der die Vaterschaft zuvor anerkannt hatte.«

»Sehr gut, ich will eh–«

»Trotzdem legt uns der Gesetzgeber immer wieder Steine in den Weg. In dieser kleinen Broschüre können Sie alles Wichtige nachlesen.«

Er drückt mir eine Ausgabe seines Flyers mit dem denkbar dämlichen Titel »Dank dem Spender« in die Hand, den ich dankend einstecke, obwohl ich ihn schon nach meinem ersten Besuch hier mitgenommen und gründlich zu Hause studiert habe. Mit einer Hand auf der Türklinke verrät er mir dann noch, dass ich mit meiner Spermienqualität den höchsten Satz ausgezahlt bekommen werde: 110 Euro. Mein strahlendes Lächeln versteht der Doktor jedoch falsch– ich freue mich einfach nur, dass ich mehr bekomme als Sven. Er hingegen interpretiert es als kleine Geldseligkeit, und ich lasse ihn in dem Glauben. Zehn Minuten und einen kleinen Orgasmus später bekomme ich tatsächlich 220 Euro von Frau Verena Matisse ausbezahlt– einmal für jetzt, einmal für das alte Material.

»…hundertfünfzig, zweihundert, zweihundertzwanzig.«

»