Beschreibung

Gute Freundschaften sind ein wichtiger Glücksfaktor und sie verlängern unser Leben. Doch meist haben unsere Freundschaften ein ungenutztes Entwicklungspotential. Wolfgang Krüger ist ein erfahrener Freundschaftsberater und beschreibt, wie man wirkliche Freunde erkennen kann, wir unsere Freundschaften verbessern und Konflikte klären können. Ein sehr lebensnaher Ratgeber über die Kunst der Freundschaft.

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Inhaltsverzeichnis

Das schwierige Glück der Freundschaft

Freunde sind lebenswichtig

Wie erkenne ich einen wirklichen Freund?

Wie kann man seine Freundschaften verbessern?

Konflikte in Freundschaften

Die große Schule der Freundschaft

Wie man neue Freunde findet

Die neuen Facebook-Freundschaften

Die Freundschaften im Wandel des Lebens

Freundschaft und Liebe

Ein Leben ohne Freunde

ist kein Leben.

Henry Miller

Das schwierige Glück der Freundschaft

Wer sind Ihre besten Freunde?

Welcher Freund hat Sie am meisten enttäuscht?

Wie zufrieden sind Sie mit Ihren Freundschaften?

Wie können Sie Ihre Freundschaften verbessern?

Von welchem Freund müssten Sie sich trennen?

Ich will Ihnen helfen, diese Fragen zu beantworten. Denn meist wissen wir zu wenig über Freundschaften. Obwohl sie sehr wichtig sind, stehen sie nicht im Fokus unserer Aufmerksamkeit. Im Allgemeinen unterschätzen wir sogar ihren Einfluss auf unser Lebensglück. Deshalb gibt es tausende Bücher über die Liebe und nur wenige über Freundschaften. Das wollte ich ändern und daher beschäftige ich mich seit Jahrzehnten so intensiv mit dem Thema Freundschaften, dass ich schließlich zum Freundschaftsberater wurde. Das war naheliegend, denn Freundschaften spielten in meinem Leben immer eine bedeutende Rolle. Als ich jung war, empfand ich Partnerschaften als zu unsicher, das verlockende Liebesglück erlebte ich als schwierig. Freundschaften waren für mich deshalb immer eine stabile Säule meiner Lebensgestaltung. Inzwischen lebe ich zwar in einer festen Liebesbeziehung, aber Freundschaften sind noch immer eine wichtige Bereicherung meines Lebens.

Ich bin überzeugt, dass Freundschaften eine der unverzichtbaren Grundlagen für das Lebensglück darstellen. Das bestätigt eine Umfrage des Instituts Allensbach. Sie ergab, dass 58% aller Deutschen glauben, dass sie durch Freunde glücklich werden. Hinsichtlich des Geldes waren nur 49% davon überzeugt..1

Wir haben zu wenige Freunde

Allerdings gibt es oft es einen großen Unterschied zwischen unserem abstrakten Wissen und unserer Lebensrealität. Wir wissen zwar, dass Freundschaften wichtig sind, trotzdem werden auch Sie immer wieder Zeiten kennen, in denen Sie Ihre Freundschaften vernachlässigen. Die Folgen spüren Sie oft nicht unmittelbar, dennoch sind sie tragisch, da der Stellenwert von Freundschaften für unsere seelische Stabilität enorm hoch ist. Wer gute Freundschaften pflegt, ist wesentlich selbstbewusster – sagt Denissen. Er hat festgestellt, dass an jenen Tagen unser Selbstbewusstsein steigt, an denen wir Freunde treffen. Und das Selbstwertgefühl von Menschen sei in jenen Ländern höher, wo ein intensiver sozialer Kontakt üblich sei. Deutschland liege hier im Mittelfeld. 2

Der Wert der Freundschaft

Wenn wir das Leben unter dem Aspekt ‚Glück„ betrachten, dann gehören Freundschaften zu den Basis-Werten. Dies zeigte sich auch in einer Befragung amerikanischer Studenten. Die Auswertung der Interviews ergab, dass für sie sowohl die Liebe als auch die Freundschaft zu den wichtigsten persönlichen Werten zählen.3 Dennoch pflegen viele Menschen überhaupt keine Freundschaften. Eine internationale Studie ergab, dass 20% aller Deutschen, 23% aller Österreicher und 34% der Ungarn keinen einzigen Freund haben.4

Doch wie ist es mit der großen Mehrheit, mit jenen Menschen, die offenbar Freundschaften pflegen? Wie geht es Ihnen mit Ihren Freundschaften? Haben Sie nicht auch den Eindruck, Sie könnten sich mehr um Ihre Freundschaften kümmern? Davon ist jedenfalls die Mehrheit der Bevölkerung überzeugt. Ich habe in den letzten Jahren insgesamt 500 Menschen in teilweise mehrstündigen Interviews befragt und dabei festgestellt, dass 60% von ihnen ihre Freundschaften für verbesserungswürdig hielten.5 Davon war die Hälfte sogar massiv unzufrieden mit ihren Freundschaften. Typische Aussagen waren:

Wir sehen uns zu selten, verlieren uns zu sehr aus den Augen.

Wir hatten einen Konflikt, konnten nie darüber reden – es blieb eine gewisse Distanz.

Ich kann meinen Freundinnen nicht alles erzählen, sie würden mich nicht verstehen.

Auch die Lifeboat-Studie aus den USA hat gezeigt, dass viele Erwachsene mit ihren Freundschaften unzufrieden sind. Dies betrifft vor allem die Altersgruppe zwischen 40 und 60 Jahren, hier gaben ¾ der Befragten an, dass sie ihre Freundschaften als nicht befriedigend empfanden.6

Wie kann man seine Freundschaften verbessern?

Natürlich interessierte es mich, inwieweit meine Interviewpartner ihre Freundschaften für entwicklungsfähig hielten. Ich fragte sie daher, wie sie ihre Freundschaften verbessern könnten. „Ich wollte schon immer… eigentlich sollte ich… „ – hieß es dann nach längerem Überlegen. Und dann folgte immer die Erkenntnis, dass man den Freundschaften zu wenig Zeit einräume.

Ein Abend in der Woche

Tatsächlich nehmen uns Beruf, Partnerschaft und Kinder meist voll in Anspruch. Dann laufen die Freundschaften quasi nebenher. So sind sie oft ein Luxus, den wir uns erst dann leisten, wenn wir den Strudel des Alltags bewältigt haben – oder wenn es Probleme gibt. Dadurch dünnen sich natürlich diese Beziehungen aus. Eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Verbesserung unserer Freundschaften besteht deshalb darin, dass wir uns Zeit dafür einräumen. „Ein Abend in der Woche für die Freundschaften“ – empfehle ich daher in meinen Beratungen. Ich bin überzeugt, dass jeder von uns mindestens zwei bis drei Stunden in der Woche in seine Freundschaften investieren sollte.

Anregung: Nehmen Sie sich einen festen Abend Zeit für Ihre Freundschaften. Egal was passiert: Es ist wichtig, dass Sie an diesem Abend über Ihre Freundschaften nachdenken, mit Freunden telefonieren, sich mit Freunden treffen. Und dieser Abend steht nicht zur Disposition, selbst wenn Ihr Mann mit Ihnen ausgehen möchte, wenn die Kinder der besten Freundin betreut werden müssen, wenn viel Arbeit auf dem Schreibtisch liegt. Sie gehen ja auch ins Fitnessstudio oder melden sich regelmäßig im Internetportal an, um eine Partnerschaft zu suchen. Diese Regelmäßigkeit sollten auch Ihre Freundschaftsabende haben.

Die innere Aufgeschlossenheit für Freunde

Natürlich ist es nicht nur ein Zeitproblem, wenn wir unsere Freunde zu wenig sehen. Schließlich liegt der durchschnittliche Fernsehkonsum bei drei Stunden am Tag. Vielmehr fehlt uns oft die Kraft, der Schwung, die Freunde zu sehen. Wenn Sie sich nach einem langen Arbeitstag noch um die eigene Familie gekümmert haben, sind Ihre Kräfte erschöpft. Dann verfügen Sie nicht über die soziale Aufgeschlossenheit, die Neugierde, die Unbekümmertheit, wie man sie noch bei Kindern findet, die einfach auf den anderen zugehen und ihm sagen: „Du bist jetzt mein Freund“. Und so ziehen wir uns nach einem langen Arbeitstag eher in den kleinen Kreis der Partnerschaft zurück. Doch nach einer Trennung oder Pensionierung spürt man leidvoll die eigene Einsamkeit und registriert, dass Freundschaften fehlen. Dann verstehen wir auch die Aussage des Soziologen George C. Homans, der in den fünfziger Jahren die Entwurzelung des heutigen Menschen beschrieb und darauf hinwies, dass wir ohne intensive Bindungen zu einem Staubhaufen von Individuen würden. 7

Die Lösung des Bindungsproblems

Ob wir im Leben glücklich werden, hängt entscheidend davon ab, wie wir es schaffen, das Bindungsproblem geschickt zu lösen. Denn es muss uns gelingen, enge Bindungen einzugehen und gleichzeitig dem heutzutage so wichtigen Freiheitsbedürfnis Rechnung zu tragen. Wir sind in den letzten Jahrhunderten zu Individualisten geworden und haben zunehmend Schwierigkeiten, uns fest in eine soziale Gemeinschaft einzuordnen. Außerdem geht die Bedeutung unserer Herkunfts-Familie immer weiter zurück, Partnerschaften dauern immer kürzer. Und zugleich hat sich die Zahl der alleinlebenden Menschen in den letzten zwanzig Jahren fast verdoppelt.

Die Auflösung alter, zum Teil einengender Bindungen ist offenbar ein zweischneidiges Schwert. Sie ermöglicht einen positiven Prozess der Persönlichkeitsentwicklung, führt aber auch zu einer steigenden Vereinsamung. Verlassenheitsgefühle sind dadurch zu einem kollektiven Problem geworden.8 Dies wird auch durch eine Umfrage aus dem Jahre 2015 erhärtet: Immerhin 23% der Deutschen stimmten der Aussage zu, dass die Einsamkeit für sie ein Problem sei.9

Fragen: Sind Sie manchmal einsam? Rufen Sie dann Freunde an, um mit ihnen zu reden oder sich zu treffen? Hilft Ihnen das bei der Bewältigung der Einsamkeit?

Wie wir uns verwurzeln können

Das eigentliche Kernproblem des Menschseins besteht offenbar darin, dass wir feste Bindungen benötigen, die uns nicht einengen. Das Glück des Lebens finde man nur, wenn man Bindungen eingeht, sagte deshalb einmal die Schriftstellerin Christa Wolf. Wir brauchen also ein soziales Dorf, das uns innerlich stützt und dennoch unseren Wunsch nach Freiheit nicht gefährdet. Das ist nur durch Freundschaften möglich. Freundschaften sind daher das soziale Modell der Zukunft, da sie verbindlich sind, uns aber auch einen großen Freiheitsraum ermöglichen. In familiären Beziehungen ist dies kaum erreichbar. Dort bestehen immer Verpflichtungen, innere Abhängigkeiten und Erwartungen. Sowohl gegenüber den Eltern als auch Geschwistern und Großeltern gibt es emotionale Verwicklungen und Anspruchshaltungen, die oft schwer zu überwinden sind. Sobald die Eltern pflegebedürftig werden, aber auch bei Erbschaften brechen häufig diese emotionalen Konflikte auf. Deshalb besteht bei den meisten Menschen der Wunsch, eine selbstgestaltete Familie zu gründen: Das sind Freundschaften. Dies zeigte sich auch in einer Studie der Stiftung für Zukunftsfragen aus dem Jahre 2013: Immerhin 92% der Befragten gaben an, enge Freunde seien für sie unerlässlich. Dies sind zehn Prozent mehr als noch vor 10 Jahren.

Welch eine kostbare Blume

ist die Freundschaft,

ohne sie kann selbst ein

starker Mann nicht lange leben.

Robert Walser

Freunde sind lebenswichtig

Ich habe Ihnen in Erinnerung gerufen, wie wichtig Freundschaften sind. Ihnen ist bewusst geworden, wie sehr Sie – ohne es zu wollen - manchmal Ihre Freundschaften vernachlässigen. Und Sie haben sicher festgestellt, dass Sie mit manchen Freundschaften unzufrieden sind. Wenn Sie dies nachhaltig ändern wollen, sollten

Sie mehr in Ihre Freundschaften investieren,

Sie sollten die Kunst der Freundschaft erlernen,

Sie sollten eine Freundschaft mit sich selbst beginnen.

Und Sie sollten sich mit Ihren Freunden auseinandersetzen, um Konflikte zu klären.

Sie ahnen, dass dies ein sehr bedeutendes und langfristiges Projekt ist. Es ist eine Lebensaufgabe, sich um gute Freundschaften zu bemühen. Mit solchen Aufgaben ist es aber so wie mit der gesunden Lebensweise. Wir wissen, dass es gut wäre abzunehmen, das Rauchen einzustellen und mehr Gemüse zu essen. Doch wir können uns den Erfolg nicht plastisch genug vorstellen und sind deshalb nicht genügend motiviert, die eigene Lebensweise wirklich umzustellen. Dies ist auch bei Freundschaften so. Wir machen dann zwar oft Anläufe und nehmen uns vor, uns mehr um die Freunde zu kümmern. Manchmal haben wir sogar ein schlechtes Gewissen und unser soziales Über-Ich mahnt: Du musst mehr für Deine Freundschaften tun. Doch so entsteht nur ein ungeliebtes Pflichtprogramm, das wir nach wenigen Tagen bereits vergessen haben. Dann empfinden wir die Pflege der Freundschaften vor allem als Arbeit. Wir werden nur dann zu Freundschaftskünstlern, wenn wir innerlich spüren, welch unbezahlbaren Gewinn solche persönlichen Freundschaften für uns bringen. Dann wird die Pflege der Freundschaften für uns ein tiefes Bedürfnis und eine große Freude.

Freundschaften als Herzensbedürfnis

Seit Jahrzehnten gehören intensive Freundschaften für mich zu meinen Herzenswünschen. Beispielsweise treffe ich mich seit 30 Jahren mit meinem besten Freund am Samstag um 14.00 Uhr in einem Cafe. Wir haben dann genügend Zeit, dass jeder von seinen persönlichen Anliegen, beruflichen Plänen und sogar von seinen Träumen erzählen kann. Im Laufe der Woche speichere ich manche Fragen, die ich gern meinem Freund stellen möchte. Es ist für mich entlastend, ihn an meiner Seite zu wissen, er begleitet sehr anteilnehmend und unterstützend mein Leben. Ich habe auch deshalb sehr viel Zeit und Kraft und Ideen in meine Freundschaften investiert, weil ich immer wusste, dass ich reich beschenkt werde. Meine Freundschaften machen mich ausgeglichener, glücklicher und selbstbewusster.

Wenn Sie also etwas für die Verbesserung Ihrer Freundschaften tun wollen, sollten Sie sich zunächst den ‚Nutzen„ der Freundschaften erarbeiten. Auch meine Freundschaftskurse beginne ich immer mit der Vermittlung der sieben Freundschafts- Gewinne. Diese ‚Gewinne„ machen deutlich, dass Ihr Leben erheblich stabiler und glücklicher werden könnte, wenn Sie die Kunst der Freundschaft vertiefen.

1. Mit guten Freundschaften lebt man länger

Gute Freundschaften sind ein Lebenselixier. Wir brauchen sie so nötig wie das Wasser, die Nahrung und die Luft. Ohne Freunde können wir nicht leben. Nun wird mancher feststellen, dass er viele Menschen kennt, die keine Freunde haben. Doch was ist das für ein Leben? Und wenn ein Mensch überhaupt keine Freunde hat, ist dann nicht sein Leben vorzeitig zu Ende? In einer australischen Langzeitstudie verfolgten Wissenschaftler 10 Jahre lang das Leben von 1500 Menschen, die älter als 70 Jahre waren. Hierbei zeigte sich, dass sich ihr Leben bei intensiven freundschaftlichen Verbindungen deutlich verlängerte, während enge Kontakte zu Kindern und Verwandten die Lebenserwartung nur unwesentlich beeinflussten. Die Teilnehmer mit dem stärksten Netzwerk hatten eine um 22% höhere Lebenserwartung als jene Menschen mit den wenigsten Freundschaften. 10 Dies wurde schließlich auch durch die Analyse von 148 Studien zum Sterberisiko untermauert, bei der 300.000 Menschen erfasst wurden. Sie zeigte, dass Menschen mit einem guten Freundeskreis eine um 50% höhere Überlebenswahrscheinlichkeit haben. 11

2. Gute Freunde stärken das Immunsystem

Es ist ein beruhigendes Gefühl, sich im Notfall auf seine Freunde verlassen zu können. Gute Freunde geben uns ein Gefühl der Sicherheit. Sie bewirken, dass sich um uns herum ein unsichtbarer Schutzwall aufbaut, der unsere Seele und unseren Körper umgibt. Viele Ärgernisse und Schwierigkeiten des Lebens können an diesem Wall abprallen, weil wir uns durch unsere Freundschaften in dieser Welt trotz all ihrer Probleme geborgen fühlen. Fehlen solche Freundschaften, besteht die Gefahr, dass der durch die großen und kleinen Schwierigkeiten verursachte Stress allmählich unser Leben bestimmt. Man könnte auch sagen, dass Freundschaften der 'Vorgarten der Seele und unseres Körpers' sind. Ohne diesen schützenden 'Garten' sind wir sowohl seelisch als auch körperlich sehr verwundbar. Wir können dann in Belastungssituationen sogar ernsthaft erkranken, weil uns die notwendigen Abwehrkräfte fehlen.

Wenn jemand für längere Zeit unter einer körperlichen Krankheit leidet, wird ein kluger Arzt immer die Frage nach dem Immunsystem des Patienten stellen. Er weiß, dass die Abwehrkraft eines Menschen entscheidend von seiner Lebensstimmung, seiner Lebensfreude und somit auch von seinen Beziehungen abhängt. Kurz gesagt: Mit guten Freundschaften lebt man gesünder. Das hat auch der amerikanische Psychologe John Jemmot nachgewiesen. Er untersuchte die Reaktionen des Immunsystems von 257 Frauen und Männern. Zuvor erfragte er, wer von ihnen gute Freundschaften hatte und wer eher auf Geld und Macht Wert legte. Dabei zeigte sich, dass die Teilnehmer, denen gute Freundschaften wichtig waren, bessere Abwehrkräfte hatten. 12

Gute Freundschaften können deshalb eine Medizin für einen kranken Menschen sein. Doch wie würden Sie reagieren, wenn Ihr Arzt auf den Rezeptblock schriebe, Sie sollten sich gute Freunde suchen? So merkwürdig wäre das gar nicht. Ist es nicht problematisch, dass jedes Jahr in Deutschland fast 40 Milliarden für Medikamente – beispielsweise gegen Schlafstörungen - ausgegeben werden? Es gilt daher, die Mahnung Francis Bacons zu beherzigen. Dieser meinte schon vor mehr als 400 Jahren, es gäbe zwar viele Arzneien für körperliche Beschwerden, "aber keine Arznei erschließt das Herz so sehr wie ein treuer Freund, dem man seine Leiden und Freuden, Ängste und Hoffnungen, seine Sorgen und Geheimnisse und alles, was sonst noch das Herz bedrückt, gleichsam wie in einer Art von weltlicher Beichte bekennen kann." 13

Fragen: Waren Sie in den letzten Jahren oft krank? Erkennen Sie dabei ein persönliches Defizit an Freundschaften?

3. Freundschaften verringern Sorgen

Freundschaften beruhigen unser ‚Nervenkostüm‟. Zwar kann man einwenden, dass konfliktreiche Freundschaften sehr viel Stress verursachen können. Ich bin auch Freundschaften mit Menschen eingegangen, von denen ich enttäuscht wurde, die mich gekränkt und ausgenutzt haben. Dies passierte insbesondere mit einigen intensiven Berufsfreundschaften. Ich empfand sie zunächst als sehr beglückend, weil wir über vieles reden konnten. Als ich mich jedoch aus dem Berufskreis zurückzog, endeten auch die Freundschaften. Und von einer Kollegin, mit der ich befreundet war, fühlte ich mich letzten Endes ausgenutzt. Ich half ihr jahrelang bei privaten und beruflichen Problemen, aber als sie eine Partnerschaft begann, hatte sie einen neuen Helfer gefunden und meldete sich nicht mehr.

Leider gilt selbst in der Freundschaft die alte Erkenntnis: Was uns glücklich machen könnte, kann uns auch verletzen. Unverletzlich sind wir nur dort, wo wir gleichgültig sind. Ich habe deshalb solche Enttäuschungen akzeptiert. Sie haben mich aber veranlasst, meine Menschenkenntnis zu verbessern und konfliktfähiger zu werden. Daher haben für mich negative Erfahrungen nichts an der grundsätzlichen Einschätzung geändert, dass gute Freundschaften eine sehr beruhigende, spannungsreduzierende Wirkung haben.

Ein Gespräch unter guten Freunden dämpft Sorgen und reduziert Ängste. Insofern tragen solche Freundschaften zur seelischen und körperlichen Gesundheit bei. Deshalb war ich nicht überrascht, dass ich bei vielen Patienten, die unter starken psychosomatischen Störungen litten, einen auffälligen Mangel an guten Freundschaften diagnostizierte. Vor allem bei Kopfschmerzen, Migräne, Schlafstörungen, Bluthochdruck und psychisch bedingten Hautproblemen fiel mir auf, dass die Patienten kaum Freunde hatten, mit denen sie offen über sich reden konnten. Dadurch ergab sich für sie ein innerer Stress, der letztlich zu den psychosomatischen Symptomen führte.

Besonders wichtig sind die freundschaftlichen Gespräche natürlich für jene Menschen, die unter einer lebensbedrohlichen Krankheit leiden. Das habe ich selbst erlebt, denn einige meiner Freunde litten in den letzten Jahren unter schwerwiegenden Krankheiten. Immer waren wir füreinander da, selbst nachts lag oft das Handy neben mir. Ich hatte meinen Freunden angeboten, sie dürften mich auch nach Mitternacht anrufen, wenn sie von Ängsten überschwemmt würden. Und immer fragte ich die Freunde, wie ich sie unterstützen, was ich für sie tun könne. Doch meine Freunde waren auch für mich da, wenn ich mit einer schweren Erkrankung zu kämpfen hatte. Unsere Freundschaft bewährte sich gerade in solchen Zeiten und ich kann sehr die Erkenntnis der amerikanischen Ureinwohner bestätigen, dass ein Freund ein Mensch ist, "der meine Sorgen auf dem Rücken trägt."

Fragen: Wen würden Sie anrufen, wenn Sie von Sorgen geplagt werden? Wen könnten Sie anrufen, wenn Sie krank sind?

4. Freunde als Hilfe in der Not

Noch in meiner Kindheit war es unüblich, sich bei Problemen an Freunde zu wenden. Für Hilfe war die Partnerin, waren die Eltern, manchmal auch die Geschwister zuständig. Das hat sich in wenigen Jahrzehnten grundlegend geändert. Das zeigt eine internationale Studie, in der die Frage gestellt wurde, vom wem man sich Hilfe in Notsituationen erwarten würde. Sie ergab, dass sich bei seelischen Problemen und schwerwiegenden Entscheidungen fast 28 Prozent der Befragten an den Partner und über 18 Prozent an Freunde wenden würden. Nur 8.7% würden zu ihrer Mutter, 3,7% zu ihrem Vater und 1,1% zu ihrem Pfarrer gehen. 14 Eine Emnid-Umfrage aus dem Jahre 2010 bestätigte dies: Wichtige Geheimnisse vertrauen wir dem Partner/der Partnerin (51%) oder einem guten Freund (25%) an, aber nur selten der Mutter (11%). Offenbar haben inzwischen die Freunde für die meisten Menschen in Notsituationen - neben dem Partner - die größte Bedeutung. 15

Fragen: Wen würden Sie anrufen, wenn Sie befürchten, dass Ihr Partner fremd geht? Wen rufen Sie an, wenn Sie Ihren Arbeitsplatz verloren haben?

5. Freunde stabilisieren unser Ich

Es wird immer wieder Zeiten im Leben geben, in denen wir unsere Aufmerksamkeit stärker auf den Beruf oder den Partner konzentrieren. Doch spätestens dann, wenn uns gute Freunde verlassen oder für lange Zeit nicht erreichbar sind, werden wir sie vermissen. Bald wird uns der Austausch mit unserem Freund fehlen. Unser Ich wird ein wenig wackliger. Es wird poröser wie ein Gestein, das den Schadstoffen der Luft ausgesetzt ist. Denn wie die Balken in einem Fachwerkhaus sind die Freundschaften wichtig für unsere innere seelische Struktur. Fehlen solche Freundschaften, sind wir anfällig für eine Depression und Angststörungen.

Solange wir in den üblichen Bahnen des Alltags leben, werden wir zwar das Freundschafts-Defizit nicht unbedingt bemerken. Doch sobald wir etwas unternehmen, das unser Selbstbewusstsein strapaziert, wird uns bewusst, dass der stabilisierende Einfluss der Freunde fehlt. Ich selbst rufe gern meine guten Freunde an, bevor ich beispielsweise ein wichtiges Fernseh- oder Rundfunkinterview gebe. Das dämpft mein Lampenfieber etwas. Ich bin immer irritiert, falls ich keinen meiner Freunde erreiche. Mit großer Anteilnahme las ich deshalb, dass auch Franz Kafka unruhig wurde, wenn sein bester Freund Max Brod für längere Zeit abwesend war. Er fühlte sich geradezu amputiert und äußerte, er habe ein Periskop - eine Sehhilfe - eingebüßt.

Fragen: Merken Sie, wie Ihr Selbstbewusstsein schwankt, wenn Sie zu wenig Kontakt mit Ihren Freunden haben? Rufen Sie Ihre Freunde vor einer Prüfung oder einer wichtigen Verabredung an, bei der Sie Lampenfieber empfinden könnten?

6. Durch Freundschaften können wir Krisen bestehen

Am stärksten sind wir auf unsere Freunde in Krisenzeiten angewiesen. Krisen werden immer durch extreme Verunsicherungen ausgelöst. Wer hat nicht schon solche Krisen erlebt, die oft damit zusammenhängen, dass wir aus dem gewohnten sozialen Rahmen herausgerissen werden? Wer von seinem Partner verlassen wurde oder ihn durch den Tod verloren hat, wird die Verzweiflung kennen, die man nur mit guten Freunden überwinden kann. Diese sind bereit, sich immer wieder die Sorgen und Kümmernisse anzuhören, auch wenn man tage- und wochenlang von den gleichen Ängsten erzählt. Stehen solche Freunde nicht zur Verfügung, kann ein Mensch das Gefühl haben, in ein dunkles Loch zu stürzen. In den letzten Jahren habe ich viele Gespräche mit Menschen geführt, die nach einer Trennung in eine tiefe Krise geraten waren. Sie hatten den festen Boden unter den Füßen verloren. Doch diese Krisen haben sie fast immer gemeistert, wenn sie gute Freundschaften pflegten.

Frage: Welche Lebenskrisen konnten Sie mithilfe Ihrer Freunde bewältigen?

7. Freundschaften als unzerreißbares Band

Es hat mich immer sehr beeindruckt und hoffnungsfroh gestimmt, welche Krisen Menschen verarbeiten konnten, wenn sie gute Freunde kannten. Doch manchmal ist der Begriff ‚Krise‟ noch zu schwach. Manche Erlebnisse sind für uns eher ein Weltuntergang. Wenn dann die Erde unter unseren Füssen bebt, brauchen wir Freunde, die zu uns halten. Wie stabilisierend Freunde sein können, erlebten viele Menschen vor allen in den Zeiten des Krieges. Sie konnten sogar den Verlust der Heimat im Nationalsozialismus überstehen, obgleich sie ihren Wirkungskreis, viele Menschen, ihre Wohnung, ihre vertraute Umgebung verloren. Ihre Seelenstärke kann man nur ermessen, wenn man bedenkt, wie viele diesen Verlust nicht überwinden konnten.

Nicht nur Kurt Tucholsky und Stephan Zweig resignierten und setzten ihrem Leben vorzeitig ein Ende. Unzählige andere verkrafteten den Verlust der Heimat nicht, wurden nie heimisch im Exil. Umso bemerkenswerter ist für mich die Stellungnahme von Carl Zuckmayer, der in seiner Autobiographie über diese Existenzbedrohung schreibt: "Die einzige Heilkraft, die es dagegen gibt, der einzige Halt in diesem lockeren Treibsand, ist die Existenz der Freunde. Der alten, angestammten, von denen es auch über Jahrzehnte hinweg keine Entfremdung gibt, und solcher, die plötzlich da sind, als hätte man sie schon immer gekannt, als wäre man schon vor der Geburt, in einem früheren Leben, mit ihnen verbunden gewesen... Denke ich an die hellsten und an die schwärzesten Stunden in meinem Leben und im Leben derer, die mir nahestanden, so ist die Freundschaft wie ein festes, sichtbarliches, unzerreißbares Band hindurch geschlungen. In den guten Zeiten war sie eine Steigerung im gegenseitigen Geben und Empfangen. In den Zeiten der Not wurde sie zu einem Anker, an den man sich hielt, zur Lotsenschaft, manchmal zum Rettungsring, und immer, auch in den Niederbrüchen, auch im Geschlagensein, blieb sie ein irdisches Fanal, ein Feuerschiff, ein Signal im Nebel." 16

Offenbar können uns Freundschaften ein tiefes Gefühl der Sicherheit geben. Was eine gute Mutter oder ein guter Vater für das Kind ist, können intensive Freundschaften für uns Erwachsene sein. Sie können uns das Gefühl vermitteln, dass wir nie ganz allein, nie den Wechselfällen des Lebens ganz ausgeliefert sind. Sie können das Fundament unseres Daseins sein und uns helfen, auch die dunklen Stunden des Lebens zu überstehen.

Freundschaften – die schwierige Lebensaufgabe

Freundschaften sind offenbar lebenswichtig. Aber nicht immer sind sie beglückend. In den meisten Freundschaften gibt es mehr oder minder tiefgreifende Probleme. Mich hat es deshalb immer gestört, wie sehr Freundschaften in Büchern und Vorträgen verklärt werden. Die Schwierigkeiten und Probleme der Freundschaften bleiben meist unberücksichtigt. Mit unseren alltäglichen Durchschnittsfreundschaften hat das wenig zu tun.

Nach meiner Erfahrung gehört die Freundschaft - ebenso wie die Liebe und die Kindererziehung - zu den 'schwierigen Lebensaufgaben'. Sobald man etwas älter und erfahrener geworden ist und die ersten Freundschaftskrisen erlebt hat, wird man bei diesem Thema etwas besonnener reagieren. Man kennt die Schwächen seiner Mitmenschen - ein wenig auch die eigenen - und ahnt, dass wahre Freundschaften sehr wertvoll und nicht gerade häufig sind. Trotzdem sehnt man sich nach echten Freunden und ist etwas ratlos. Jedenfalls war ich es, als ich begann, mich vor vielen Jahren für dieses Thema zu interessieren.

Freundschaften waren für mich immer sehr wichtig. In meiner Kindheit und Jugend war ich mit einem Jungen des Nachbarhauses befreundet. Wenn wir uns treffen wollten, pfiffen wir aus dem Hoffenster unser Signal und streiften dann oft stundenlang gemeinsam durch die Stadt. In meiner Studienzeit hatte ich zahlreiche Freundschaften mit Kommilitonen, mit denen ich manchmal bis in den frühen Morgen hinein über die Vorlesungen, die Liebe und das Leben diskutierte. Und während meiner Therapeutenausbildung und dem Aufbau meiner Praxis hatte ich einige intensive Freundschaften mit Berufskolleginnen und -kollegen. Sie empfand ich als besonders beglückend, da wir sowohl über persönliche als auch über berufliche Fragen sprechen konnten und darüber hinaus eine gemeinsame Lebensanschauung hatten.

Allerdings musste ich im Laufe der Jahre auch die Erfahrung machen, dass meine nahen Freundschaften immer sehr aufregend sein konnten. Sie waren aufregend in doppelter Hinsicht: einerseits sehr intensiv und zugleich konfliktanfällig. Das veranlasste mich, eine eigene Standortbestimmung vorzunehmen. Ich begann die gesamte alte Freundschaftsliteratur durchzuarbeiten. Mir wurde klar, dass es eine Kunst ist gute Freundschaften aufzubauen, die man erlernen kann. Dazu gehören beispielsweise die richtige Auswahl der Freunde, die aktive Gestaltung der Freundschaften und die Fähigkeit, Konflikte zu lösen. Ob wir gute Freundschaften haben, hängt wesentlich davon ab, ob wir diese Freundschaftskunst meistern, die leider in den Schulen nicht gelehrt wird. Dort erlernen wir zwar das Rechnen und Schreiben und verschiedene Sprachen, doch die Sprache der Freundschaft wird uns nicht vermittelt. Offenbar nimmt man in unserer Gesellschaft die Kunst der Freundschaft nicht wichtig genug.

Die Schule der Freundschaft