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In 'Friedrich Engels: Dialektik der Natur' präsentiert der Autor Friedrich Engels eine tiefgründige Analyse der Naturgesetze und ihrer philosophischen Implikationen. Das Buch ist geprägt von Engels' marxistischem Weltbild und seiner Auffassung von evolutionären Prozessen. Engels verbindet Naturwissenschaft und Philosophie, um die dialektische Entwicklung der Natur zu erklären und dabei auch auf die Rolle des Menschen in diesem Prozess einzugehen. Mit einem klaren und analytischen Schreibstil bietet Engels eine umfassende Abhandlung, die den Leser dazu anregt, über die Welt und ihre Strukturen tiefgründig nachzudenken. Friedrich Engels, bekannt als enger Freund und Koautor von Karl Marx, war ein bedeutender Denker des 19. Jahrhunderts. Sein politisches Engagement und seine intellektuelle Arbeit prägten maßgeblich die sozialistische Bewegung. 'Dialektik der Natur' zeigt Engels als vielseitigen Denker, der sich nicht nur mit sozialen Fragestellungen, sondern auch mit naturwissenschaftlichen Themen auseinandersetzte. Seine Fähigkeit, komplexe Ideen klar und verständlich zu vermitteln, macht ihn zu einem einflussreichen Schriftsteller und Denker. Dieses Buch ist für alle Leser, die an der Verbindung von Naturwissenschaft und Philosophie interessiert sind, sehr zu empfehlen. Friedrich Engels liefert mit 'Dialektik der Natur' eine faszinierende Untersuchung über die grundlegenden Prozesse der Natur und lädt dazu ein, über die Entwicklung der Welt und des Menschen nachzudenken. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
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Seitenzahl: 465
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Books
Diese Werksammlung mit dem Titel „Friedrich Engels: Dialektik der Natur“ führt das Projekt zusammen, das Engels zu Lebzeiten nicht abschließen konnte. Sie bietet den breitesten verfügbaren Überblick über seine naturphilosophischen Arbeiten und Entwürfe und macht die Werkstatt seines Denkens sichtbar. Ziel der Zusammenstellung ist es, die Spannweite und innere Kohärenz des Vorhabens erkennbar zu machen: von programmatischen Skizzen bis zu ausgearbeiteten Artikeln. Leserinnen und Leser erhalten damit eine Grundlage, um Engels’ Versuch nachzuvollziehen, naturwissenschaftliche Erkenntnisse mit einer materialistischen und historisch verstandenen Dialektik zu vermitteln, ohne den fragmentarischen Charakter der überlieferten Textbestände zu verdecken.
Der Band vereint unterschiedliche Textsorten: detaillierte Planskizzen, eine Skizze des Gesamtplans sowie eine Skizze des Teilplans; ausgearbeitete Artikel, darunter eine Einleitung und thematisch fokussierte Abhandlungen; außerdem Notizen und Fragmente, die das Entstehen von Argumenten dokumentieren. Hinzu treten Sammlungen „Aus der Geschichte der Wissenschaft“ und „Naturwissenschaft und Philosophie“, die Quellenarbeit, Lektüreprotokolle und kritische Exzerpte spiegeln. Diese Vielfalt macht die Sammlung weniger zu einem „Buch“ im engeren Sinne als zu einem Archiv eines Denkprozesses, in dem argumentatives Ausprobieren und systematische Darstellung nebeneinander bestehen und sich gegenseitig erhellen.
Die Planskizzen, insbesondere die Skizze des Gesamtplans und die Skizze des Teilplans, legen die architektonische Idee des Projekts frei. Sie zeigen, wie Engels Themen, Abteilungen und Übergänge anordnen wollte, und bilden damit den Horizont, vor dem die Artikel, Notizen und Fragmente zu lesen sind. „Titel und Inhaltsverzeichnisse der Konvolute“ geben Auskunft über Ordnungsvorstellungen und Arbeitsbündel, die Engels für seine Stoffe gebildet hat. Diese paratextuellen Zeugnisse sind mehr als Beiwerk: Sie dokumentieren ein Forschungsprogramm, das Naturprozesse, ihre historischen Bedingungen und die methodische Reflexion auf wissenschaftliches Arbeiten in eine gemeinsame Perspektive stellen will.
Im Teil „Artikel“ verdichten sich zentrale Motive des Projekts. Die Einleitung und die „Alte Vorrede zum »[Anti-] Dühring«. Über die Dialektik“ markieren den methodischen Anspruch und stellen Bezüge zur zeitgleichen Gesellschaftskritik her. Sachkapitel wie „Dialektik“, „Grundformen der Bewegung“, „Maß der Bewegung. – Arbeit“, „Wärme“ und „Elektrizität“ zeigen, wie Engels naturwissenschaftliche Themen begrifflich ordnet und aufeinander bezieht. „Flutreibung. Kant und Thomson-Tait“ verweist auf Auseinandersetzungen mit damaligen Lehrmeinungen. Die Artikel sind so gesetzt, dass sie sowohl eigenständig lesbar sind als auch Querbezüge über das Ganze hinweg nahelegen.
Besonderes Gewicht erhält die Abhandlung „Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“. Sie verbindet naturhistorische Betrachtung mit Gesellschaftstheorie und fragt nach der Rolle der Arbeit für die Ausbildung spezifisch menschlicher Fähigkeiten. Diese Schrift ist breit rezipiert und bis heute Gegenstand kontroverser Diskussionen, unter anderem in Anthropologie, Archäologie und Arbeitsforschung. In der Sammlung steht sie im Kontext des Gesamtunternehmens: Arbeit erscheint nicht als isoliertes Thema, sondern als Vermittlungskategorie, die Naturverhältnisse, Technik, Sprache und soziale Praxis verbindet und damit den methodischen Kern dialektischen Denkens konkretisiert.
Die Abteilungen „Notizen und Fragmente“, „Aus der Geschichte der Wissenschaft“ sowie „Naturwissenschaft und Philosophie“ öffnen den Blick auf Engels’ Lektüren, Argumentversuche und Problemkartierungen. Hier lassen sich Übergänge verfolgen, an denen Begriffe provoziert, präzisiert oder verworfen werden. Der Abschnitt „Dialektik“ mit „Allgemeinen Fragen der Dialektik. Grundgesetze der Dialektik“ und „Dialektische Logik, und Erkenntnistheorie. Von den »Grenzen der Erkenntnis«“ dokumentiert die Arbeit an methodischen Grundfragen. Nicht abschließende Formulierungen sind dabei produktiv: Sie bewahren die Beweglichkeit des Denkens und laden dazu ein, Argumentketten im Entstehen zu begleiten, statt allein fertige Resultate zu registrieren.
Mit „Bewegungsformen der Materie. Klassifizierung der Wissenschaften“ und den thematischen Feldern „Mathematik“, „Mechanik und Astronomie“, „Physik“, „Chemie“ und „Biologie“ wird ein systematischer Bogen von abstrakten zu konkreteren Naturzusammenhängen geschlagen. Engels interessiert, wie unterschiedliche Wissenschaften ihre Gegenstände bestimmen, welche Methoden daraus folgen und wie Übergänge zwischen Disziplinen begriffen werden können. Die leitende Idee ist, qualitative Wandlungen und quantitative Bestimmtheiten als ineinandergreifende Momente zu fassen. So dient die Klassifikation nicht der Abgrenzung, sondern dem Aufweis innerer Verknüpfungen, aus denen sich eine historische Dynamik naturhafter Prozesse rekonstruieren lässt.
Stilistisch verbindet die Sammlung begriffliche Strenge mit anschaulichen Beispielen und einer klaren, argumentativ zielgerichteten Prosa. Die Texte sind auf begriffliche Durchdringung angelegt und zugleich didaktisch orientiert: Sie suchen die Vermittlung zwischen komplexen wissenschaftlichen Sachverhalten und ihrem philosophischen Gehalt. Wo polemische Passagen auftreten, dienen sie der Präzisierung von Begriffen und der Abwehr spekulativer oder dualistischer Positionen. Insgesamt entfaltet sich ein Stil, der Übergänge betont, Zwischenstufen sichtbar macht und die Konsequenzen von Definitionen auf konkrete Forschungsfelder rückbindet.
Thematisch verbindet die Sammlung Naturwissenschaft, Methode und Gesellschaftstheorie. „Die Naturforschung in der Geisterwelt“ exemplifiziert die Auseinandersetzung mit erkenntnistheoretischen Fehlwegen und metaphysischen Versuchungen. Die Bezugnahme auf Positionen, die mit Namen wie Kant oder Thomson-Tait verbunden sind, zeigt, wie Engels aktuelle Debatten seiner Zeit aufnimmt und prüft. Dadurch wird die Dialektik nicht neben die Wissenschaft gestellt, sondern als Reflexionsform innerhalb wissenschaftlicher Praxis entfaltet. Die Texte empfehlen sich daher als Beitrag zur Geschichte der Wissenschaften ebenso wie zur Selbstverständigung heutiger Forschung über Begriffe und Verfahren.
Die anhaltende Bedeutung des Gesamtwerks liegt in seiner doppelten Leistung: Es bietet ein Programm zur begrifflichen Integration heterogener Einzelergebnisse und setzt zugleich auf historische Sensibilität für die Veränderlichkeit wissenschaftlicher Theorien. Die Sammlung zeigt, wie eng methodische Fragen mit gesellschaftlicher Praxis verbunden sind – etwa dort, wo Arbeit, Technik und Naturbezug zusammengedacht werden. Sie ist deshalb relevant für Diskussionen in Philosophie der Wissenschaft, Wissenschaftsgeschichte, Technik- und Umweltdebatte. Gerade der fragmentarische Befund schärft den Blick für offene Probleme, Anschlussmöglichkeiten und die Notwendigkeit interdisziplinärer Verständigung.
Die vorliegende Zusammenstellung respektiert den Werkcharakter als offenes Projekt. Sie macht die verschiedenen Schichten – Plan, Ausarbeitung, Notiz – nebeneinander sichtbar und lädt zu einer Lektüre ein, die Querverweise, Wiederaufnahmen und Verschiebungen ernst nimmt. Wer das Ganze erkunden will, kann mit Einleitung und Vorrede beginnen, um den methodischen Rahmen zu erfassen, und anschließend die Artikel zu zentralen Naturthemen konsultieren. Die Notizen und Fragmente eröffnen sodann die innere Bewegung der Begriffe und die Dialoge mit Quellen. So entsteht ein Bild, das keine Endform behauptet, sondern gedankliche Arbeit dokumentiert.
Diese Werksammlung ist als Grundlage für Studium, Forschung und interessierte Lektüre gedacht. Sie ermöglicht es, den Versuch einer materialistischen Naturdialektik in seinen Elementen nachzuvollziehen, ohne den provisorischen Status vieler Stücke zu nivellieren. Indem sie unterschiedliche Textsorten und thematische Register zusammenführt, macht sie die produktive Spannung zwischen Systementwurf und empirischer Anschauung erfahrbar. Wer den Band als Ganzes liest oder gezielt Schwerpunkte wählt, begegnet einer Denkbewegung, die von der Sache her argumentiert und ihre Voraussetzungen reflektiert. Die Sammlung will dabei Anstoß geben, offene Fragen weiterzuführen.
Friedrich Engels (1820–1895) war Philosoph, Ökonom und Mitbegründer des wissenschaftlichen Sozialismus. Neben seiner Zusammenarbeit mit Karl Marx prägte er selbstständig zentrale Debatten der Philosophie der Natur. Die hier versammelten Texte – von Planskizzen und Einleitungen bis zu Artikeln wie Die Naturforschung in der Geisterwelt, Wärme, Elektrizität und Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen – dokumentieren Engels’ Versuch, eine materialistische Dialektik mit den Naturwissenschaften seiner Zeit zu vermitteln. Die Sammlung zeigt ihn sowohl als Architekt systematischer Entwürfe (Skizze des Gesamtplans) als auch als präzisen Beobachter wissenschaftlicher Kontroversen, deren gesellschaftliche Tragweite er in philosophische Kategorien übersetzte.
Die Werke entstanden vor dem Hintergrund tiefgreifender Umwälzungen im 19. Jahrhundert: Industrialisierung, Klassenbildung und rasante Fortschritte in Physik, Chemie und Biologie. Engels wollte diese Entwicklungen begrifflich fassen und ihre innere Bewegung dialektisch deuten. Die Dialektik fungiert in den Texten als Methode, die Einheit von Natur, Geschichte und Denken zu erfassen. Während Einleitungen und Artikel die Grundzüge entfalten, verfeinern Notizen und Fragmente die Argumentation. Die Sammlung ist in Teilen unvollendet; sie spiegelt einen offenen Arbeitsprozess, in dem Engels Hypothesen prüft, Themen ordnet und mit Planskizzen die Systematik seiner Naturauffassung skizziert.
Engels wuchs in Barmen auf, verließ das Gymnasium vorzeitig und bildete sich parallel zu kaufmännischer Ausbildung und späterer Tätigkeit in Manchester autodidaktisch weiter. Früh rezipierte er die Hegelsche Dialektik, die er materialistisch transformierte. Von Ludwig Feuerbach übernahm er die Kritik idealistischer Konstruktionen. In Bezug auf die Sammlung ist Hegels Denkfigur der Entwicklung – Übergang, Widerspruch, Negation – zentral; sie prägt Abschnitte wie Dialektik und Allgemeine Fragen der Dialektik. Zugleich lassen Anklänge an Kant erkennen, etwa wenn Engels in Flutreibung. Kant und Thomson-Tait kosmogonische Hypothesen diskutiert und deren Reichweite gegenüber empirischer Forschung abwägt.
Für seine naturwissenschaftlichen Studien griff Engels auf zeitgenössische Lehrwerke und Debatten zurück. Er setzte sich mit Mechanik, Thermodynamik und Elektrodynamik auseinander, um Grundformen der Bewegung und Maß der Bewegung – Arbeit systematisch zu verankern. Der Einfluss Darwins ist in Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen deutlich: Variation, Anpassung und Stammesgeschichte liefern Material für eine dialektische Anthropologie. Auch Auseinandersetzungen mit Physikern wie William Thomson und Peter Guthrie Tait werden sichtbar, wenn Engels deren Argumente prüft. Die intellektuelle Prägung verbindet somit klassische deutsche Philosophie mit den naturalistischen Strömungen des 19. Jahrhunderts.
Den Kern der Sammlung bilden Entwürfe zu einem umfassenden Projekt, das später als Dialektik der Natur bekannt wurde. In Planskizzen, Skizze des Gesamtplans und Skizze des Teilplans entwirft Engels die Architektur einer materialistischen Philosophie der Natur, die von Mathematik über Physik und Chemie bis zur Biologie reicht. Titel und Inhaltsverzeichnisse der Konvolute dokumentieren die fortschreitende Systematisierung. Engels versteht Natur als sich selbst bewegenden Prozess, den er nach Bewegungsformen der Materie gliedert. Das Unternehmen blieb unvollendet und wurde erst nach seinem Tod veröffentlicht, doch die Anlage zeigt seinen Anspruch, wissenschaftliche Ergebnisse begrifflich-strukturell zu integrieren.
Die Artikelgruppe bündelt programmatische Texte. Die Einleitung skizziert Aufgabe und Methode der Naturforschung aus dialektischer Sicht. Die Naturforschung in der Geisterwelt polemisiert gegen spiritistische Deutungen und fordert empirische Strenge gegen spekulative Überschüsse. Im Stück Dialektik markiert Engels Übergänge von Quantität zu Qualität und die Rolle des Widerspruchs als Motor der Entwicklung. Grundformen der Bewegung ordnet unterschiedliche Naturprozesse hierarchisch, während Maß der Bewegung – Arbeit physikalische Größen in eine allgemeine Theorie der Bewegung einbindet. Zusammengenommen geben diese Texte dem Projekt begriffliches Rückgrat und zeigen Engels als stilistisch knappen, argumentativ dichten Autor.
Zu den physiknahen Arbeiten zählen Flutreibung. Kant und Thomson-Tait, Wärme und Elektrizität. Engels diskutiert hier Fragen der Himmelsmechanik, des Energieerhalts und der irreversiblen Prozesse, stets auf der Suche nach dialektischen Knotenpunkten: Polarität, Transformation, Sprung. In Wärme wird die Thermodynamik als Bewegungsgesetz verhandelt, in Elektrizität die Wechselwirkung von Kräften und Materie. Flutreibung verbindet kritische Lektüre klassischer Kosmogonie mit zeitgenössischer Physik. Charakteristisch ist Engels’ Bemühen, formale Begriffe nicht zu hypostasieren, sondern sie über historische Entwicklung und experimentelle Befunde zu vermitteln.
Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen ist ein weithin rezipierter Text, der naturhistorische und gesellschaftstheoretische Einsichten verbindet. Engels argumentiert, dass Arbeit – verstanden als zweckmäßige, kooperative Tätigkeit – die Evolution der Hand, die Entwicklung des Gehirns und die Entstehung von Sprache förderte. Damit gewinnt Praxis den Rang einer naturgeschichtlichen Kraft. Die Schrift illustriert, wie die Sammlung die Brücke zwischen Natur- und Sozialtheorie schlägt: biologische Veränderungen stehen in Wechselwirkung mit sozialen Formen, Technik und Kommunikation. Engels’ Darstellung bleibt vorsichtig gegenüber spekulativen Einzelheiten und knüpft an darwinistische Einsichten an.
Notizen und Fragmente, Aus der Geschichte der Wissenschaft und Naturwissenschaft und Philosophie eröffnen den Werkstattcharakter des Projekts. Engels verfolgt Traditionslinien wissenschaftlicher Begriffe, prüft Hypothesen und ordnet Felder in Bewegungsformen der Materie. Die Abschnitte über Dialektische Logik, und Erkenntnistheorie. Von den Grenzen der Erkenntnis behandeln Reichweite und Fallibilität des Wissens. Die Klassifizierung der Wissenschaften spannt von Mathematik über Mechanik und Astronomie, Physik und Chemie bis zur Biologie. Titel und Inhaltsverzeichnisse der Konvolute belegen wiederholte Versuche, den Stoff systematisch zu gliedern – ein Indiz für die Größe des Vorhabens und den offenen, lernenden Charakter der Arbeit.
Engels’ Überzeugungen verbinden materialistische Ontologie mit dialektischer Methode. In der Alten Vorrede zum Anti-Dühring. Über die Dialektik verteidigt er die Notwendigkeit, Natur und Gesellschaft als Prozesse zu denken, in denen Gegensätze wirksam sind. Gegen idealistische oder mystifizierende Deutungen betont er empirische Kontrolle und historische Vermittlung. Die Naturforschung in der Geisterwelt zeigt seine Skepsis gegenüber übernatürlichen Erklärungen. Zugleich versteht Engels Wissenschaft sozial: Erkenntnis steht in Beziehung zu Produktion, Technik und Klassenverhältnissen. Daraus leitet er eine Kritik dogmatischer Systeme ab und plädiert für eine Theorie, die sich an der Bewegtheit der Wirklichkeit messen lässt.
Zur öffentlichen Rolle gehört Engels’ Engagement für die Arbeiterbewegung und die Ausarbeitung des wissenschaftlichen Sozialismus, der sein Gesamtwerk durchzieht. In der Sammlung reflektiert er, wie naturwissenschaftliche Erkenntnisse und dialektische Logik eine kohärente Weltauffassung stützen, ohne in Doktrin zu erstarren. Die Diskussion um Grenzen der Erkenntnis dient ihm, um Agnostizismus und Skepsis zu prüfen, ohne die Objektivität der Welt preiszugeben. Praxis bleibt Prüfstein: Theorien müssen im Handeln, in Technik und experimenteller Forschung bewähren. Diese Haltung prägt seine Auseinandersetzungen mit zeitgenössischen Autoren und verleiht der naturphilosophischen Arbeit gesellschaftliche Relevanz.
In seinen letzten Jahren lebte Engels in London, unterstützte die internationale Arbeiterbewegung und betreute zentrale Projekte des Marxschen Nachlasses. Er starb 1895. Die naturphilosophischen Manuskripte blieben zu Lebzeiten unveröffentlicht und wurden erst posthum ediert, wodurch sie eine anhaltende Diskussion über Dialektik und Naturwissenschaft auslösten. Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen gewann besondere Resonanz in Anthropologie und Technikgeschichte; die Analysen zu Wärme, Elektrizität und Flutreibung beeinflussten Debatten zur Wissenschaftsgeschichte. Die Sammlung steht heute für einen offenen, revisionsfähigen Materialismus, der Empirie und Systematik verbindet und damit philosophische, wissenschaftliche und politische Diskurse nachhaltig geprägt hat.
Friedrich Engels, 1820 in Barmen geboren und 1895 in London gestorben, arbeitete ab den frühen 1870er Jahren an den Manuskripten, die später als „Dialektik der Natur“ zusammengefasst wurden. Die Sammlung spiegelt die Epoche des Hoch- und Spätindustrialismus, die Konsolidierung des Nationalstaats in Deutschland nach 1871 sowie das explosive Wachstum der Naturwissenschaften wider. Engels verfasste Notizen, Skizzen und ausgearbeitete Artikel, meist zwischen 1873 und 1883, teils mit späteren Ergänzungen. In London, einem Zentrum wissenschaftlicher Debatten, verfolgte er Entwicklungen in Physik, Chemie, Biologie und Astronomie. Der Band dokumentiert somit die Anstrengung, ein sozialistisches Denken mit den Umwälzungen der Naturerkenntnis des 19. Jahrhunderts zu verbinden.
Die industrielle Revolution hatte eine neue Klassenstruktur hervorgebracht, deren Gegensätze Engels bereits in den 1840er Jahren beobachtet hatte. In den 1870er und 1880er Jahren bahnte sich die zweite industrielle Revolution an: Stahl, Elektro- und Chemieindustrie erweiterten die Produktivkräfte. Wissenschaftliche Forschung wanderte zunehmend in Fabriklaboratorien und angewandte Institute. Vor diesem Hintergrund versteht sich die Sammlung als Versuch, die „Bewegungsformen der Materie“ theoretisch zu ordnen und den Zusammenhang von Naturprozessen, Technik und gesellschaftlicher Arbeit zu fassen. Texte wie „Grundformen der Bewegung“ oder „Maß der Bewegung. – Arbeit“ verorten Naturgesetze in einer Welt tiefgreifender ökonomischer und technologischer Umbrüche.
Intellektuell stand Engels in der Tradition der deutschen klassischen Philosophie, insbesondere Hegels, zugleich in Auseinandersetzung mit dem aufkommenden Positivismus und dem populären Materialismus der 1850er Jahre. In den Notizen zur Dialektik will er Widerspruch, Wechselwirkung und Entwicklung als allgemeine Momente natürlicher Prozesse begreifen, ohne in idealistische Metaphysik zu verfallen. Die in der Sammlung überlieferten „Planskizzen“ und die „Skizze des Gesamtplans“ dokumentieren den Anspruch, eine systematische Darstellung der Natur nach materialistischer Dialektik zu entwerfen. Die „Alte Vorrede zum ‚Anti-Dühring‘“ verweist auf die polemische Konstellation der 1870er Jahre, in der Engels seine Methode schärfte.
Politisch prägten ihn die Niederlage der Pariser Kommune 1871, die Gründung sozialdemokratischer Parteien und die Repressionen des deutschen Sozialistengesetzes (1878–1890). Engels arbeitete in London eng mit Marx zusammen und beobachtete zugleich die britische Wissenschaftskultur, von Fachgesellschaften bis zur populären Naturforschung. Diese Bedingungen erklären, warum die Sammlung sowohl strenge naturwissenschaftliche Auseinandersetzungen als auch gesellschaftstheoretische Erwägungen enthält. Die „Einleitung“ und die Abschnitte zu allgemeinen Fragen der Dialektik reagieren auf ein Umfeld, in dem Wissenschaft als Autorität für Fortschritt galt, aber ihre soziale Einbettung umstritten blieb.
Darwins Evolutionstheorie (seit 1859) und die Debatten über Abstammung und Selektion beschäftigten die europäische Öffentlichkeit ebenso wie Naturforscher. In Deutschland popularisierte Ernst Haeckel monistische Deutungen, während Anthropologie und Paläontologie sich formierten. Engels greift diese Strömungen auf, wenn er in „Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ die Rolle der Arbeit in der Menschwerdung thematisiert. Der Text erschien 1896 postum in der Zeitschrift Die Neue Zeit und knüpft an die breitere Rezeption des Darwinismus an, ohne sich auf deterministische Lesarten festzulegen. Er ordnet biologische Entwicklung in einen historischen Materialismus ein, der Praxis und Umweltverhältnisse betont.
Die Physik des 19. Jahrhunderts revolutionierte das Verständnis von Energie und Bewegung. Mit Arbeiten von Joule, Clausius, Helmholtz und Thomson/Kelvin etablierten sich die Sätze der Thermodynamik. Maxwell begründete das Feldmodell der Elektrizität und des Magnetismus. Engels’ Artikel „Wärme“ und „Elektrizität“ verarbeiten diese Umbrüche, während „Flutreibung. Kant und Thomson-Tait“ auf Debatten zu kosmischen Prozessen verweist, in denen auch die gezeitenbedingte Abbremsung von Himmelskörpern erörtert wurde. Bezugspunkte waren unter anderem das „Treatise on Natural Philosophy“ von Thomson und Tait und weiterführende Untersuchungen der Zeit. Engels versucht, diese Wissensbestände in eine entwicklungslogische Perspektive zu stellen.
Die Chemie erfuhr seit der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Systematisierung, die mit Mendelejews Periodensystem (1869) einen Ordnungsrahmen gewann. Parallel expandierte die chemische Industrie – Farbstoffe, Düngemittel und synthetische Prozesse prägten neue Produktionsweisen. Engels sammelt in den Fragmenten zu „Chemie“ Beobachtungen, die die Naturgesetzlichkeit chemischer Verwandlungen in eine allgemeine Bewegungslehre einfügen wollen. Seine Notizen entstanden vor dem Aufkommen der Elektronentheorie und Quantenphysik, was die historische Stellung der Texte markiert: Sie spiegeln das Wissen eines späten 19. Jahrhunderts, das Elemente ordnete und Reaktionen klassifizierte, während mikrophysikalische Modelle erst im Entstehen begriffen waren.
In der Biologie festigten sich Zelltheorie und Keimtheorie, getragen von Forschern wie Schleiden, Schwann, Pasteur und Koch. Zoologie, Botanik und Physiologie institutionalisierten sich in Laboren und Universitäten. Engels’ Stücke zu „Biologie“ und „Naturwissenschaft und Philosophie“ reflektieren diese Professionalisierung und wenden sich gegen vitalistische Deutungen. Aus seiner Sicht stehen Lebensprozesse nicht außerhalb allgemeiner Naturgesetze, sondern sind spezifische Formen der Bewegung der Materie. Sein Bestreben, die Klassifizierung der Wissenschaften aus den „Bewegungsformen der Materie“ abzuleiten, knüpft an zeitgenössische Enzyklopädieprojekte an, jedoch mit einer eigenständigen, historisch-materialistischen Prämisse.
Die Bereiche „Mathematik“ sowie „Mechanik und Astronomie“ beziehen sich auf eine an Newton geschulte Himmelsmechanik und die präzise Messbarkeit von Naturvorgängen. Nach dem Vorbild großer Synthesen des 19. Jahrhunderts versucht Engels, Begriffe und Methoden so zu ordnen, dass sie Übergänge zwischen Disziplinen sichtbar machen. Die Auseinandersetzung mit der Kant-Laplace’schen Nebularhypothese und mit Lehrbüchern wie jenem von Thomson/Tait demonstriert, wie kosmologische Modelle und mechanische Prinzipien zusammen gedacht wurden. Dabei interessiert ihn weniger das einzelne Faktum als die Durchgängigkeit von Entwicklung, Wechselwirkung und Gesetzmäßigkeit im gesamten Naturzusammenhang.
Die Abschnitte „Dialektik“ sowie „a) Allgemeine Fragen der Dialektik“ fassen die Methode als Lehre vom Zusammenhang, von der Umwandlung von Quantität in Qualität, der Durchdringung von Gegensätzen und der Negation der Negation. Solche Formulierungen knüpfen an Engels’ Ausführungen im ‚Anti-Dühring‘ an, in denen Natur- und Gesellschaftsprozesse nach gemeinsamen Bewegungsformen betrachtet werden. In den Manuskripten werden diese Motive auf naturkundliche Beispiele angewandt, ohne das Material in ein fertiges System zu pressen. Der historische Wert liegt gerade in der offenen, tastenden Annäherung an ein Programm, das Disziplinengrenzen überschreitet.
Kontroversen über die „Grenzen der Erkenntnis“ prägten das späte 19. Jahrhundert, befeuert durch Neo-Kantianismus und empiristische Strömungen. Die Sammlung enthält Passagen zu „dialektischer Logik“ und Erkenntnistheorie, in denen Engels die gesellschaftliche Praxis als Kriterium der Wahrheit betont. Dieser Praxisbezug reagiert auf Skepsis gegenüber metaphysischen Systemen wie gegenüber naivem Empirismus. In der wissenschaftlichen Kultur seiner Zeit wurden Experimente, technisch-industrielle Anwendungen und mathematische Formalisierung zu Instanzen der Beglaubigung. Engels nimmt diese Entwicklung auf, um Erkenntnis als historisch vermittelten, kollektiven Prozess zu fassen, der seine Maßstäbe in tätiger Aneignung der Natur gewinnt.
Die Auseinandersetzung mit Spiritualismus und Okkultismus, sichtbar in „Die Naturforschung in der Geisterwelt“, gehört in eine lange Welle öffentlicher Séancen und Medienstreitigkeiten seit den 1850er Jahren. In Großbritannien und anderswo wurden derartige Phänomene teils in Zeitschriften diskutiert, teils in Vereinen untersucht; 1882 entstand die Society for Psychical Research. Engels ordnet solche Debatten als Symptom einer Übergangskultur ein, in der wissenschaftliche Autorität noch umkämpft war. Der Text bezieht Position für eine kritische, experimentell kontrollierte Naturforschung gegen spekulative oder spiritistische Erklärungen, ohne die soziale Attraktivität solcher Bewegungen zu unterschätzen.
Im Deutschen Reich und in Großbritannien wuchsen staatliche und private Förderstrukturen für Forschung. Universitäten, polytechnische Schulen und Industrieforschung (etwa in der Farbenchemie) verbanden Wissensproduktion mit wirtschaftlicher Konkurrenz. Sozialpolitische Maßnahmen der 1880er Jahre in Deutschland erweiterten zugleich das Terrain, auf dem Technik und Medizin wirkten. Engels’ Notizen, etwa zur „Klassifizierung der Wissenschaften“, spiegeln das Bedürfnis, dieses institutionelle Gefüge theoretisch zu ordnen: Naturerkenntnis erscheint darin als Produkt gesellschaftlicher Arbeitsteilung, deren Fortschritt die Möglichkeiten theoretischer Verallgemeinerung erweitert – und umgekehrt von ihr leitend strukturiert wird.
Die Manuskripte blieben zu Engels’ Lebzeiten unveröffentlicht. Er wandte sich in den 1880er Jahren vorrangig der Edition von Marx’ Ökonomie-Manuskripten zu. Nach seinem Tod 1895 gelangten die Papiere in das Marx-Engels-Institut in Moskau, das in den 1920er Jahren mit der Edition begann. Die erste Publikation der „Dialektik der Natur“ erfolgte in den 1920er Jahren, auf der Grundlage diverser Entwürfe, Notizen und Fragmente. Dabei wurden editorische Entscheidungen notwendig, die Reihenfolge, Textgestalt und Kommentierung betrafen. Spätere Ausgaben, darunter in Deutschland und der internationalen MEGA-Edition, arbeiteten die Überlieferungslage philologisch weiter auf.
In der Sowjetunion und später im osteuropäischen Raum wurde die Sammlung zu einer Referenz für Lehrbücher und Debatten über dialektischen und historischen Materialismus. Sie diente als Baustein für eine Philosophie der Natur, die Gesetzmäßigkeit und Entwicklung betonte und nach Anschlussfähigkeit an die moderne Forschung suchte. Zugleich kam es in den 1920er und 1930er Jahren zu Auseinandersetzungen über die richtige Interpretation, in denen unterschiedliche philosophische Schulen konkurrierten. Der kanonisierte Gebrauch in Ausbildung und Propaganda vereinfachte manches, machte den Text aber einem breiten Publikum bekannt und verankerte ihn im institutionellen Gedächtnis der Wissenschaftskulturen des Ostens.
Außerhalb des Ostblocks fanden einzelne Motive Resonanz bei naturwissenschaftlich orientierten Marxisten, etwa in Großbritannien. Wissenschaftler wie J. D. Bernal, J. B. S. Haldane oder Joseph Needham suchten nach historischen und systematischen Verknüpfungen zwischen Forschungspraxis und gesellschaftlicher Entwicklung. Ihre Arbeiten knüpften an Engels’ Einsicht in die soziale Bedingtheit von Wissenschaft an, ohne seine naturphilosophischen Skizzen schlicht zu übernehmen. Parallel griffen Kritiker aus dem Umfeld des Logischen Empirismus und später der Kritischen Rationalisten die Dialektik als unpräzise an. Debatten um Kriterien wissenschaftlicher Bewährung prägten die Rezeption im 20. Jahrhundert nachhaltig.
Innerhalb des westlichen Marxismus forderten Philosophen, darunter György Lukács in den 1920er Jahren, eine strikte Bindung der Dialektik an die Gesellschaftstheorie und bestritten ihre Anwendbarkeit auf die Natur als solche. Diese Kontroverse lenkte den Blick auf das Fragmentarische der „Dialektik der Natur“ und auf Engels’ programmatischen Charakter. Seit den 1960er Jahren entstand neues Interesse im Kontext von Ökologie, Technikfolgenabschätzung und Systemtheorie, was historische Neuinterpretationen begünstigte. Die Sammlung wurde dabei teils als historisches Dokument des 19. Jahrhunderts gelesen, teils als Angebot, Verflechtungen zwischen Naturprozessen und gesellschaftlicher Praxis zu reflektieren, ohne systemdogmatischen Anspruch zu erheben. Das Werk „Dialektik“ und die Rubriken „Titel und Inhaltsverzeichnisse der Konvolute“ unterstreichen die Offenheit des Unterfangens.
Die Planentwürfe skizzieren Aufbau und Ziel der Sammlung, von methodischen Grundlegungen über naturwissenschaftliche Fallstudien bis zu historischen und systematischen Teilen. Sie zeigen den Versuch, zeitgenössische Naturforschung mit materialistischer Dialektik zu verbinden und thematische Übergänge vorzustrukturieren. Der Ton ist programmatisch und ordnend.
Diese Texte begründen, warum Natur nur angemessen als Prozess in Bewegung und Wechselwirkung verstanden werden kann. Sie kontrastieren dialektisches Denken mit statischer Metaphysik und heben Zusammenhang, Entwicklung und Widerspruch als leitende Kategorien hervor. Der Stil ist argumentativ, mit didaktischer Klarheit und zugespitzter Systemkritik.
Anhand von Mechanik, Thermodynamik, Elektromagnetismus und Himmelsmechanik erprobt Engels seine Kategorien im Detail. Er diskutiert Debatten der Zeit, um zu zeigen, wie sich Formen der Bewegung ineinander umsetzen und quantitative Veränderungen qualitative Umschläge vorbereiten. Der Ton ist beispielreich, streitbar und um begriffliche Präzision bemüht.
Die Kritik an der 'Geisterwelt' wehrt unwissenschaftliche Deutungen ab und verteidigt methodische Strenge in der Naturforschung. Der Beitrag zur Menschwerdung betont den prägenden Anteil von Arbeit, Werkzeuggebrauch und sozialer Organisation an biologischer und kognitiver Entwicklung. Beides verbindet entzaubernde Analyse mit materialistischer Erdung.
Diese Notizen zeichnen Wissenschaftsgeschichte als widerspruchsvolle, durch Praxis und Technik vermittelte Entwicklung. Fortschritt erscheint weniger als lineare Anhäufung von Fakten denn als Umgestaltung von Begriffen und Problemen. Der Zuschnitt ist bündig und skizzenhaft.
Reflexionen über das Verhältnis empirischer Forschung zu materialistischen Grundkategorien strukturieren diesen Komplex. Engels kritisiert Dualismen und eine philosophielose Positivität und fragt nach Materie, Bewegung, Kausalität sowie dem Verhältnis von Zufall und Notwendigkeit. Der Blick bleibt auf Zusammenhänge und kategoriale Klärungen gerichtet.
Hier werden allgemeine Gesetze, Vermittlungen und Widerspruchsformen der Dialektik als Denk- und Naturlogik umrissen. Erkenntnistheoretische Passagen verhandeln Reichweite, Grenzen und historische Erweiterbarkeit des Wissens. Der Ton ist systematisch suchend und zugleich gegen dogmatische Schranken gerichtet.
Ein Entwurf ordnet Bewegungsformen von der Mechanik über Physik und Chemie bis zur Biologie und ihre Übergänge. Die Klassifikation betont emergente Gesetzlichkeiten und warnt vor reduktionistischer Verkürzung. Ziel ist eine gestufte, aber zusammenhängende Sicht auf Naturprozesse.
Auszüge und Skizzen zu einzelnen Disziplinen prüfen zentrale Ergebnisse auf ihre dialektische Deutung. Besonderes Gewicht liegt auf Spannungen, offenen Fragen und Umbruchpunkten als Motoren weiterer Forschung. Der Arbeitscharakter ist explorativ, mit dichter Verknüpfung von Beispiel und Begriff.
Die Verzeichnisse geben Einblick in die geplante Architektur und thematische Bündelung des Projekts. Sie dienen als Wegweiser durch den fragmentarischen Bestand und markieren intendierte Verbindungslinien. Dadurch wird die Konzeption der Sammlung als Ganzes nachvollziehbar.
Durchgängig erscheint Natur als prozesshaft, verknüpft und historisch offen, wobei Formen der Bewegung sich wandeln und auf höheren Stufen neue Eigenschaften hervorbringen. Engels verbindet polemische Zuspitzung mit didaktischer Erläuterung und stützt abstrakte Kategorien auf konkrete wissenschaftliche Beispiele. Der Wechsel von ausgearbeiteten Artikeln und Notizen zeigt eine Werkstattperspektive, die auf interdisziplinäre Synthese zielt.
1. Historische Einleitung: in der Naturwissenschaft durch ihre eigene Entwicklung die metaphysische Auffassung unmöglich geworden.
2. Gang der theoretischen Entwicklung in Deutschland seit Hegel (alte Vorrede). Rückkehr zur Dialektik vollzieht sich unbewußt, daher widerspruchsvoll und langsam.
3. Dialektik als Wissenschaft des Gesamtzusammenhangs. Hauptgesetze: Umschlag von Quantität und Qualität – Gegenseitiges Durchdringen der polaren Gegensätze und Ineinander-Umschlagen, wenn auf die Spitze getrieben – Entwicklung durch den Widerspruch oder Negation der Negation – Spirale Form der Entwicklung.
4. Zusammenhang der Wissenschaften. Mathematik, Mechanik, Physik, Chemie, Biologie. St. Simon (Comte) und Hegel.
5. Aperçus über die einzelnen Wissenschaften und deren dialektischen Inhalt:
1. Mathematik: dialektische Hülfsmittel und Wendungen. – Das Mathematisch-Unendliche wirklich vorkommend;
2. Mechanik des Himmels – jetzt aufgelöst in einen Prozeß. – Mechanik: Ausgegangen von der Inertia, die nur der negative Ausdruck der Unzerstörbarkeit der Bewegung ist;
3. Physik – Übergänge der molekularen Bewegungen ineinander. Clausius und Loschmidt;
4. Chemie: Theorien. Energie;
5. Biologie. Darwinismus. Notwendigkeit und Zufälligkeit.
6. Die Grenzen des Erkennens. Du Bois-Reymond und Nägeli. – Helmholtz, Kant, Hume.
7. Die mechanische Theorie. Haeckel.
8. Die Plastidulseele – Haeckel und Nägeli.
9. Wissenschaft und Lehre – Virchow.
10. Zellenstaat-Virchow.
11. Darwinistische Politik und Gesellschaftslehre – Haeckel und Schmidt. – Differentiation des Menschen durch Arbeit. – Anwendung der Ökonomie auf die Naturwissenschaft. Helmholtz’ »Arbeit« (»Populäre Vorträge«, II)
1. Bewegung im Allgemeinen.
2. Attraktion und Repulsion. Übertragung von Bewegung.
4. Schwere – Himmelskörper – irdische Mechanik.
5. Physik. Wärme. Elektrizität.
6. Chemie.
7. Resumé.
a) Vor 4: Mathematik. Unendliche Linie. + und – gleich.
b) Bei Astronomie: Arbeitsleistung durch Flutwelle.
Doppelrechnung bei Helmholtz, II, 120.
»Kräfte« bei Helmholtz, II, 190.
Die moderne Naturforschung, die einzige, die es zu einer wissenschaftlichen, systematischen, allseitigen Entwicklung gebracht hat im Gegensatz zu den genialen naturphilosophischen Intuitionen der Alten und zu den höchst bedeutenden, aber sporadischen und größtenteils resultatlos dahingegangnen Entdeckungen der Araber – die moderne Naturforschung datiert wie die ganze neuere Geschichte von jener gewaltigen Epoche, die wir Deutsche, nach dem uns damals zugestoßenen Nationalunglück, die Reformation, die Franzosen die Renaissance und die Italiener das Cinquecento nennen, und die keiner dieser Namen erschöpfend ausdrückt. Es ist die Epoche, die mit der letzten Hälfte des 15. Jahrhunderts anhebt. Das Königtum, sich stützend auf die Städtebürger, brach die Macht des Feudaladels und begründete die großen, wesentlich auf Nationalität basierten Monarchien, in denen die modernen europäischen Nationen und die moderne bürgerliche Gesellschaft zur Entwicklung kamen; und während noch Bürger und Adel sich in den Haaren lagen, wies der deutsche Bauernkrieg prophetisch hin auf zukünftige Klassenkämpfe, indem er nicht nur die empörten Bauern auf die Bühne führte – das war nichts Neues mehr –, sondern hinter ihnen die Anfänge des jetzigen Proletariats, die rote Fahne in der Hand und die Forderung der Gütergemeinschaft auf den Lippen. In den aus dem Fall von Byzanz geretteten Manuskripten, in den aus den Ruinen Roms ausgegrabnen antiken Statuen ging dem erstaunten Westen eine neue Welt auf, das griechische Altertum; vor seinen lichten Gestalten verschwanden die Gespenster des Mittelalters; Italien erhob sich zu einer ungeahnten Blüte der Kunst, die wie ein Widerschein des klassischen Altertums erschien und die nie wieder erreicht worden. In Italien, Frankreich, Deutschland entstand eine neue, die erste moderne Literatur; England und Spanien erlebten bald darauf ihre klassische Literaturepoche. Die Schranken des alten Orbis terrarum wurden durchbrochen, die Erde wurde eigentlich jetzt erst entdeckt und der Grund gelegt zum späteren Welthandel und zum Übergang des Handwerks in die Manufaktur, die wieder den Ausgangspunkt bildete für die moderne große Industrie. Die geistige Diktatur der Kirche wurde gebrochen; die germanischen Völker warfen sie der Mehrzahl nach direkt ab und nahmen den Protestantismus an, während bei den Romanen eine von den Arabern übernommene und von der neuentdeckten griechischen Philosophie genährte heitre Freigeisterei mehr und mehr Wurzel faßte und den Materialismus des 18. Jahrhunderts vorbereitete.
Es war die größte progressive Umwälzung, die die Menschheit bis dahin erlebt hatte, eine Zeit, die Riesen brauchte und Riesen zeugte, Riesen an Denkkraft, Leidenschaft und Charakter, an Vielseitigkeit und Gelehrsamkeit. Die Männer, die die moderne Herrschaft der Bourgeoisie begründeten, waren alles, nur nicht bürgerlich beschränkt. Im Gegenteil, der abenteuernde Charakter der Zeit hat sie mehr oder weniger angehaucht. Fast kein bedeutender Mann lebte damals, der nicht weite Reisen gemacht, der nicht vier bis fünf Sprachen sprach, der nicht in mehreren Fächern glänzte. Leonardo da Vinci war nicht nur ein großer Maler, sondern auch ein großer Mathematiker, Mechaniker und Ingenieur, dem die verschiedensten Zweige der Physik wichtige Entdeckungen verdanken; Albrecht Dürer war Maler, Kupferstecher, Bildhauer, Architekt und erfand außerdem ein System der Fortifikation, das schon manche der weit später durch Montalembert und die neuere deutsche. Befestigung wiederaufgenommenen Ideen enthält. Machiavelli war Staatsmann, Geschichtschreiber, Dichter und zugleich der erste nennenswerte Militärschriftsteller der neueren Zeit. Luther fegte nicht nur den Augiasstall der Kirche, sondern auch den der deutschen Sprache aus, schuf die moderne deutsche Prosa und dichtete Text und Melodie jenes siegesgewissen Chorals, der die Marseillaise des 16. Jahrhunderts wurde. Die Heroen jener Zeit waren eben noch nicht unter die Teilung der Arbeit geknechtet, deren beschränkende, einseitig machende Wirkungen wir so oft an ihren Nachfolgern verspüren. Was ihnen aber besonders eigen, das ist, daß sie fast alle mitten in der Zeitbewegung, im praktischen Kampf leben und weben, Partei ergreifen und mitkämpfen, der mit Wort und Schrift, der mit dem Degen, manche mit beidem. Daher jene Fülle und Kraft des Charakters, die sie zu ganzen Männern macht. Stubengelehrte sind die Ausnahme: entweder Leute zweiten und dritten Rangs oder vorsichtige Philister, die sich die Finger nicht verbrennen wollen.
Auch die Naturforschung bewegte sich damals mitten in der allgemeinen Revolution und war selbst durch und durch revolutionär; hatte sie sich doch das Recht der Existenz zu erkämpfen. Hand in Hand mit den großen Italienern, von denen die neuere Philosophie datiert, lieferte sie ihre Märtyrer auf den Scheiterhaufen und in die Gefängnisse der Inquisition. Und bezeichnend ist, daß Protestanten den Katholiken vorauseilten in der Verfolgung der freien Naturforschung. Calvin verbrannte Servet, als dieser auf dem Sprunge stand, den Lauf der Blutzirkulation zu entdecken, und zwar ließ er ihn zwei Stunden lebendig braten; die Inquisition begnügte sich wenigstens damit, Giordano Bruno einfach zu verbrennen.
Der revolutionäre Akt, wodurch die Naturforschung ihre Unabhängigkeit erklärte und die Bullenverbrennung Luthers gleichsam wiederholte, war die Herausgabe des unsterblichen Werks, womit Kopernikus, schüchtern zwar und sozusagen erst auf dem Totenbett, der kirchlichen Autorität in natürlichen Dingen den Fehdehandschuh hinwarf. Von da an datiert die Emanzipation der Naturforschung von der Theologie[1q], wenn auch die Auseinandersetzung der einzelnen gegenseitigen Ansprüche sich bis in unsre Tage hingeschleppt und sich in manchen Köpfen noch lange nicht vollzogen hat. Aber von da an ging auch die Entwicklung der Wissenschaften mit Riesenschritten vor sich und gewann an Kraft, man kann wohl sagen im quadratischen Verhältnis der (zeitlichen) Entfernung von ihrem Ausgangspunkt. Es war, als sollte der Welt bewiesen werden, daß von jetzt an für das höchste Produkt der organischen Materie, den menschlichen Geist, das umgekehrte Bewegungsgesetz gelte wie für den anorganischen Stoff.
Die Hauptarbeit in der nun angebrochnen ersten Periode der Naturwissenschaft war die Bewältigung des nächstliegenden Stoffs. Auf den meisten Gebieten mußte ganz aus dem Rohen angefangen werden. Das Altertum hatte den Euklid und das ptolemäische Sonnensystem, die Araber die Dezimalnotation, die Anfänge der Algebra, die modernen Zahlen und die Alchimie hinterlassen; das christliche Mittelalter gar nichts. Notwendig nahm in dieser Lage die elementarste Naturwissenschaft, die Mechanik der irdischen und himmlischen Körper, den ersten Rang ein, und neben ihr, in ihrem Dienst, die Entdeckung und Vervollkommnung der mathematischen Methoden. Hier wurde Großes geleistet. Am Ende der Periode, das durch Newton und Linné bezeichnet wird, finden wir diese Zweige der Wissenschaft zu einem gewissen Abschluß gebracht. Die wesentlichsten mathematischen Methoden sind in den Grundzügen festgestellt; die analytische Geometrie vorzüglich durch Descartes, die Logarithmen durch Neper, die Differential-und Integralrechnung durch Leibniz und vielleicht Newton. Dasselbe gilt von der Mechanik fester Körper, deren Hauptgesetze ein für allemal klargestellt waren. Endlich in der Astronomie des Sonnensystems hatte Kopier die Gesetze der Planetenbewegung entdeckt und Newton sie unter dem Gesichtspunkt allgemeiner Bewegungsgesetze der Materie gefaßt. Die andern Zweige der Naturwissenschaft waren weit entfernt selbst von diesem vorläufigen Abschluß. Die Mechanik der flüssigen und gasförmigen Körper wurde erst gegen Ende der Periode mehr bearbeitet. Die eigentliche Physik war noch nicht über die ersten Anfänge hinaus, wenn wir die Optik ausnehmen, deren ausnahmsweise Fortschritte durch das praktische Bedürfnis der Astronomie hervorgerufen wurden. Die Chemie emanzipierte sich eben erst durch die phlogistische Theorie von der Alchimie. Die Geologie war noch nicht über die embryonische Stufe der Mineralogie hinaus; die Paläontologie konnte also noch gar nicht existieren. Endlich im Gebiet der Biologie war man noch wesentlich beschäftigt mit der Sammlung und ersten Sichtung des ungeheuren Stoffs, sowohl des botanischen und zoologischen wie des anatomischen und eigentlich physiologischen. Von Vergleichung der Lebensformen untereinander, von Untersuchung ihrer geographischen Verbreitung, ihren klimatologischen etc. Lebensbedingungen, konnte noch kaum die Rede sein. Hier erreichte nur Botanik und Zoologie einen annähernden Abschluß durch Linné.
Was diese Periode aber besonders charakterisiert, ist die Herausarbeitung einer eigentümlichen Gesamtanschauung, deren Mittelpunkt die Ansicht von der absoluten Unveränderlichkeit der Natur bildet. Wie auch immer die Natur selbst zustande gekommen sein mochte: einmal vorhanden, blieb sie, wie sie war, solange sie bestand. Die Planeten und ihre Satelliten, einmal in Bewegung gesetzt von dem geheimnisvollen »ersten Anstoß«, kreisten fort und fort in ihren vorgeschriebnen Ellipsen in alle Ewigkeit oder doch bis zum Ende aller Dinge. Die Sterne ruhten für immer fest und unbeweglich auf ihren Plätzen, einander darin haltend durch die »allgemeine Gravitation«. Die Erde war von jeher oder auch von ihrem Schöpfungstage an (je nachdem) unverändert dieselbe geblichen. Die jetzigen »fünf Weltteile« hatten immer bestanden, immer dieselben Berge, Täler und Flüsse, dasselbe Klima, dieselbe Flora und Fauna gehabt, es sei denn, daß durch Menschenhand Veränderung oder Verpflanzung stattgefunden. Die Arten der Pflanzen und Tiere waren bei ihrer Entstehung ein für allemal festgestellt, Gleiches zeugte fortwährend Gleiches, und es war schon viel, wenn Linné zugab, daß hier und da durch Kreuzung möglicherweise neue Arten entstehn konnten. Im Gegensatz zur Geschichte der Menschheit, die in der Zeit sich entwickelt, wurde der Naturgeschichte nur eine Entfaltung im Raum zugeschrieben. Alle Veränderung, alle Entwicklung in der Natur wurde verneint. Die anfangs so revolutionäre Naturwissenschaft stand plötzlich vor einer durch und durch konservativen Natur, in der alles noch heute so war, wie es von Anfang an gewesen, und in der – bis zum Ende der Welt oder in Ewigkeit – alles so bleiben sollte, wie es von Anfang an gewesen.
So hoch die Naturwissenschaft der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts über dem griechischen Altertum stand an Kenntnis und selbst an Sichtung des Stoffs, so tief stand sie unter ihm in der ideellen Bewältigung desselben, in der allgemeinen Naturanschauung. Den griechischen Philosophen war die Welt wesentlich etwas aus dem Chaos Hervorgegangnes, etwas Entwickeltes, etwas Gewordenes. Den Naturforschern der Periode, die wir behandeln, war sie etwas Verknöchertes, etwas Unwandelbares, den meisten etwas mit einem Schlage Gemachtes. Die Wissenschaft stak noch tief in der Theologie. Überall sucht sie und findet sie als Letztes einen Anstoß von außen, der aus der Natur selbst nicht zu erklären. Wird auch die Anziehung, von Newton pompöserweise allgemeine Gravitation getauft, als wesentliche Eigenschaft der Materie aufgefaßt, woher kommt die unerklärte Tangentialkraft, die erst die Planetenbahnen zustande bringt? Wie sind die zahllosen Arten der Pflanzen und Tiere entstanden? Und wie nun gar erst der Mensch, von dem doch feststand, daß er nicht von Ewigkeit her da war? Auf solche Fragen antwortete die Naturwissenschaft nur zu oft, indem sie den Schöpfer aller Dinge dafür verantwortlich machte. Kopernikus, im Anfang der Periode, schreibt der Theologie den Absagebrief; Newton schließt sie mit dem Postulat des göttlichen ersten Anstoßes. Der höchste allgemeine Gedanke, zu dem diese Naturwissenschaft sich aufschwang, war der der Zweckmäßigkeit der Natureinrichtungen, die flache Wolffsche Teleologie, wonach die Katzen geschaffen wurden, um die Mäuse zu fressen, die Mäuse, um von den Katzen gefressen zu werden, und die ganze Natur, um die Weisheit des Schöpfers darzutun. Es gereicht der damaligen Philosophie zur höchsten Ehre, daß sie sich durch den beschränkten Stand der gleichzeitigen Naturkenntnisse nicht beirren ließ, daß sie – von Spinoza bis zu den großen französischen Materialisten – darauf beharrte, die Welt aus sich selbst zu erklären, und der Naturwissenschaft der Zukunft die Rechtfertigung im Detail überließ.
Ich rechne die Materialisten des achtzehnten Jahrhunderts noch mit zu dieser Periode, weil ihnen kein andres naturwissenschaftliches Material zu Gebote stand als das oben geschilderte. Kants epochemachende Schrift blieb ihnen ein Geheimnis, und Laplace kam lange nach ihnen. Vergessen wir nicht, daß diese veraltete Naturanschauung, obwohl an allen Ecken und Enden durchlöchert durch den Fortschritt der Wissenschaft, die ganze erste Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts beherrscht hat und noch jetzt, der Hauptsache nach, auf allen Schulen gelehrt wird.
Die erste Bresche in diese versteinerte Naturanschauung wurde geschossen nicht durch einen Naturforscher, sondern durch einen Philosophen. 1755 erschien Kants »Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels«. Die Frage nach dem ersten Anstoß war beseitigt; die Erde und das ganze Sonnensystem erschienen als etwas im Verlauf der Zeit Gewordenes. Hätte die große Mehrzahl der Naturforscher weniger von dem Abscheu vor dem Denken gehabt, den Newton mit der Warnung ausspricht: Physik, hüte dich vor der Metaphysik! – sie hätten aus dieser einen genialen Entdeckung Kants Folgerungen ziehn müssen, die ihnen endlose Abwege, unermeßliche Mengen in falschen Richtungen vergeudeter Zeit und Arbeit ersparte. Denn in Kants Entdeckung lag der Springpunkt alles ferneren Fortschritts. War die Erde etwas Gewordenes, so mußte ihr gegenwärtiger geologischer, geographischer, klimatischer Zustand, mußten ihre Pflanzen und Tiere ebenfalls etwas Gewordenes sein, mußte sie eine Geschichte haben nicht nur im Raum nebeneinander, sondern auch in der Zeit nacheinander. Wäre sofort in dieser Richtung entschlossen fortuntersucht worden, die Naturwissenschaft wäre jetzt bedeutend weiter, als sie ist. Aber was konnte von der Philosophie Gutes kommen? Kants Schrift blieb ohne unmittelbares Resultat, bis lange Jahre später Laplace und Herschel ihren Inhalt ausführten und näher begründeten und damit die »Nebularhypothese« allmählich zu Ehren brachten. Fernere Entdeckungen verschafften ihr endlich den Sieg; die wichtigsten darunter waren: die Eigenbewegung der Fixsterne, der Nachweis eines widerstehenden Mittels im Weltraum, der durch die Spektralanalyse geführte Beweis der chemischen Identität der Weltmaterie und des Bestehens solcher glühenden Nebelmassen, wie Kant sie vorausgesetzt.
Es ist aber erlaubt zu zweifeln, ob der Mehrzahl der Naturforscher der Widerspruch einer sich verändernden Erde, die unveränderliche Organismen tragen soll, so bald zum Bewußtsein gekommen wäre, hätte die aufdämmernde Anschauung, daß die Natur nicht ist, sondern wird und vergeht, nicht von andrer Seite Sukkurs bekommen. Die Geologie entstand und wies nicht nur nacheinander gebildete und übereinander gelagerte Erdschichten auf, sondern auch in diesen Schichten die erhaltenen Schalen und Skelette ausgestorbner Tiere, die Stämme, Blätter und Früchte nicht mehr vorkommender Pflanzen. Man mußte sich entschließen anzuerkennen, daß nicht nur die Erde im ganzen und großen, daß auch ihre jetzige Oberfläche und die darauf lebenden Pflanzen und Tiere eine zeitliche Geschichte hatten. Die Anerkennung geschah anfangs widerwillig genug. Cuviers Theorie von den Revolutionen der Erde war revolutionär in der Phrase und reaktionär in der Sache. An die Stelle der Einen göttlichen Schöpfung setzte sie eine ganze Reihe wiederholter Schöpfungsakte, machte das Mirakel zu einem wesentlichen Hebel der Natur. Erst Lyell brachte Verstand in die Geologie, indem er die plötzlichen, durch die Launen des Schöpfers hervorgerufenen Revolutionen ersetzte durch die allmählichen Wirkungen einer langsamen Umgestaltung der Erde.
Die Lyellsche Theorie war noch unverträglicher mit der Annahme beständiger organischer Arten als alle ihre Vorgängerinnen. Allmähliche Umgestaltung der Erdoberfläche und aller Lebensbedingungen führte direkt auf allmähliche Umgestaltung der Organismen und ihre Anpassung an die sich ändernde Umgebung, auf die Wandelbarkeit der Arten. Aber die Tradition ist eine Macht nicht nur in der katholischen Kirche, sondern auch in der Naturwissenschaft. Lyell selbst sah jahrelang den Widerspruch nicht, seine Schüler noch weniger. Es ist dies nur zu erklären durch die inzwischen in der Naturwissenschaft herrschend gewordne Teilung der Arbeit, die jeden auf sein spezielles Fach mehr oder weniger beschränkte und nur wenige nicht des allgemeinen Überblicks beraubte.
Inzwischen hatte die Physik gewaltige Fortschritte gemacht, deren Resultate in dem für diesen Zweig der Naturforschung epochemachenden Jahr 1842 von drei verschiedenen Männern fast gleichzeitig zusammengefaßt wurden. Mayer in Heilbronn und Joule in Manchester wiesen den Umschlag von Wärme in mechanische Kraft und von mechanischer Kraft in Wärme nach. Die Feststellung des mechanischen Äquivalents der Wärme stellte dies Resultat außer Frage. Gleichzeitig bewies Grove – kein Naturforscher von Profession, sondern ein englischer Advokat – durch einfache Verarbeitung der bereits erreichten einzelnen physikalischen Resultate die Tatsache, daß alle sog. physikalischen Kräfte, mechanische Kraft, Wärme, Licht, Elektrizität, Magnetismus, ja selbst die sog. chemische Kraft, unter bestimmten Bedingungen die eine in die andre umschlagen, ohne daß irgendwelcher Kraftverlust stattfindet, und bewies so nachträglich auf physikalischem Wege den Satz des Descartes, daß die Quantität der in der Welt vorhandenen Bewegung unveränderlich ist. Hiermit waren die besondren physikalischen Kräfte, sozusagen die unveränderlichen »Arten« der Physik, in verschieden differenzierte und nach bestimmten Gesetzen ineinander übergehende Bewegungsformen der Materie aufgelöst. Die Zufälligkeit des Bestehens von soundso viel physikalischen Kräften war aus der Wissenschaft beseitigt, indem ihre Zusammenhänge und Übergänge nachgewiesen. Die Physik war, wie schon die Astronomie, bei einem Resultat angekommen, das mit Notwendigkeit auf den ewigen Kreislauf der sich bewegenden Materie als Letztes hinwies.
Die wunderbar rasche Entwicklung der Chemie seit Lavoisier und besonders seit Dalton griff die alten Vorstellungen von der Natur von einer andern Seite an. Durch Herstellung von bisher nur im lebenden Organismus erzeugten Verbindungen auf anorganischem Wege wies sie nach, daß die Gesetze der Chemie für organische Körper dieselbe Gültigkeit haben wie für unorganische, und füllte sie einen großen Teil der noch nach Kant auf ewig unüberschreitbaren Kluft zwischen unorganischer und organischer Natur aus.
Endlich hatten auch auf dem Gebiet der biologischen Forschung, namentlich die seit Mitte des vorigen Jahrhunderts systematisch betriebnen wissenschaftlichen Reisen und Expeditionen, die genauere Durchforschung der europäischen Kolonien in allen Weltteilen durch dort lebende Fachleute, ferner die Fortschritte der Paläontologie, der Anatomie und Physiologie überhaupt, besonders seit systematischer Anwendung des Mikroskops und Entdeckung der Zelle, so viel Material gesammelt, daß die Anwendung der vergleichenden Methode möglich und zugleich notwendig wurde. Einerseits wurden durch die vergleichende physische Geographie die Lebensbedingungen der verschiednen Floren und Faunen festgestellt, andrerseits die verschiednen Organismen nach ihren homologen Organen untereinander verglichen, und zwar nicht nur im Zustand der Reife, sondern auf allen ihren Entwicklungsstufen. Je tiefer und genauer diese Untersuchung geführt wurde, desto mehr zerfloß ihr unter den Händen jenes starre System einer unveränderlich fixierten organischen Natur. Nicht nur, daß immer mehr einzelne Arten von Pflanzen und Tieren rettungslos ineinander verschwammen, es tauchten Tiere auf, wie Amphioxus und Lepidosiren, die aller bisherigen Klassifikation spotteten, und endlich stieß man auf Organismen, von denen nicht einmal zu sagen war, ob sie zum Pflanzenreich oder zum Tierreich gehörten. Die Lücken im paläontologischen Archiv füllten sich mehr und mehr und zwangen auch dem Widerstrebendsten den schlagenden Parallelismus auf, der zwischen der Entwicklungsgeschichte der organischen Welt im ganzen und großen und der des einzelnen Organismus besteht, den Ariadnefaden, der aus dem Labyrinth führen sollte, worin Botanik und Zoologie sich tiefer und tiefer zu verirren schienen. Es war bezeichnend, daß fast gleichzeitig mit Kants Angriff auf die Ewigkeit des Sonnensystems C. F. Wolff 1759 den ersten Angriff auf die Beständigkeit der Arten erließ und die Abstammungslehre proklamierte. Aber was bei ihm nur noch geniale Antizipation, das nahm bei Oken, Lamarck, Baer feste Gestalt an und wurde genau 100 Jahre später, 1859, von Darwin sieghaft durchgeführt. Fast gleichzeitig wurde konstatiert, daß Protoplasma und Zelle, die schon früher als letzte Formbestandteile aller Organismen nachgewiesen, als niedrigste organische Formen selbständig lebend vorkommen. Damit war sowohl die Kluft zwischen anorganischer und organischer Natur auf ein Minimum reduziert, wie auch eine der wesentlichsten Schwierigkeiten beseitigt, die der Abstammungstheorie der Organismen bisher entgegenstand. Die neue Naturanschauung war in ihren Grundzügen fertig: Alles Starre war aufgelöst, alles Fixierte verflüchtigt, alles für ewig gehaltene Besondere vergänglich geworden, die ganze Natur als in ewigem Fluß und Kreislauf sich bewegend nachgewiesen.
Und so sind wir denn wieder zurückgekehrt zu der Anschauungsweise der großen Gründer der griechischen Philosophie, daß die gesamte Natur, vom Kleinsten bis zum Größten, von den Sandkörnern bis zu den Sonnen, von den Protisten bis zum Menschen, in ewigem Entstehen und Vergehen, in unaufhörlichem Fluß, in rastloser Bewegung und Veränderung ihr Dasein hat. Nur mit dem wesentlichen Unterschied, daß, was bei den Griechen geniale Intuition war, bei uns Resultat streng wissenschaftlicher, erfahrungsmäßiger Forschung ist und daher auch in viel bestimmterer und klarerer Form auftritt. Allerdings ist der empirische Nachweis dieses Kreislaufs nicht ganz und gar frei von Lücken, aber diese sind unbedeutend im Vergleich zu dem, was bereits sichergestellt ist, und füllen sich mit jedem Jahr mehr und mehr aus. Und wie konnte der Nachweis im Detail anders als lückenhaft sein, wenn man bedenkt, daß die wesentlichsten Zweige der Wissenschaft – die transplanetari sche Astronomie, die Chemie, die Geologie – kaum ein Jahrhundert, die vergleichende Methode in der Physiologie kaum fünfzig Jahre wissenschaftlicher Existenz zählen, daß die Grundform fast aller Lebensentwicklung, die Zelle, noch nicht vierzig Jahre entdeckt ist!
Aus wirbelnden, glühenden Dunstmassen, deren Bewegungsgesetze vielleicht erschlossen werden, nachdem die Beobachtungen einiger Jahrhunderte uns über die Eigenbewegung der Sterne Klarheit verschafft, entwickelten sich durch Zusammenziehung und Abkühlung die zahllosen Sonnen und Sonnensysteme unsrer von den äußersten Sternringen der Milchstraße begrenzten Weltinsel. Diese Entwicklung ging offenbar nicht überall gleich schnell vor sich. Die Existenz dunkler, nicht bloß planetarischer Körper, also ausgeglühter Sonnen in unserm Sternsystem, drängt sich der Astronomie mehr und mehr auf (Mädler); andrerseits gehört (nach Secchi) ein Teil der dunstförmigen Nebelflecke als noch nicht fertige Sonnen zu unserm Sternsystem, wodurch nicht ausgeschlossen ist, daß andre Nebel, wie Mädler behauptet, ferne selbständige Weltinseln sind, deren relative Entwicklungsstufe das Spektroskop festzustellen hat.
Wie aus einer einzelnen Dunstmasse ein Sonnensystem sich entwickelt, hat Laplace im Detail in bis jetzt unübertroffner Weise nachgewiesen; die spätere Wissenschaft hat ihn mehr und mehr bestätigt.
Auf den so gebildeten einzelnen Körpern – Sonnen wie Planeten und Satelliten – herrscht anfangs diejenige Bewegungsform der Materie vor, die wir Wärme nennen. Von chemischen Verbindungen der Elemente kann selbst bei einer Temperatur, wie sie heute noch die Sonne hat, keine Rede sein; inwieweit die Wärme sich dabei in Elektrizität oder Magnetismus umsetzt, werden fortgesetzte Sonnenbeobachtungen zeigen; daß die auf der Sonne vorgehenden mechanischen Bewegungen lediglich aus dem Konflikt der Wärme mit der Schwere hervorgehn, ist schon jetzt so gut wie ausgemacht.
Die einzelnen Körper kühlen sich um so rascher ab, je kleiner sie sind. Satelliten, Asteroiden, Meteore zuerst, wie denn ja unser Mond längst verstorben ist. Langsamer die Planeten, am langsamsten der Zentralkörper.
Mit der fortschreitenden Abkühlung tritt das Wechselspiel der ineinander umschlagenden physikalischen Bewegungsformen mehr und mehr in den Vordergrund, bis endlich ein Punkt erreicht wird, von wo an die chemische Verwandtschaft anfängt, sich geltend zu machen, wo die bisher chemisch indifferenten Elemente sich nacheinander chemisch differenzieren, chemische Eigenschaften erlangen, Verbindungen miteinander eingehn. Diese Verbindungen wechseln fortwährend mit der abnehmenden Temperatur, die nicht nur jedes Element, sondern auch jede einzelne Verbindung von Elementen verschieden beeinflußt, mit dem davon abhängenden Übergang eines Teils der gasförmigen Materie zuerst in den flüssigen, dann in den festen Zustand und mit den dadurch geschaffenen neuen Bedingungen.
Die Zeit, wo der Planet eine feste Rinde und Wasseransammlungen auf seiner Oberfläche hat, fällt zusammen mit der, von wo an seine Eigenwärme mehr und mehr zurücktritt gegen die ihm zugesandte Wärme des Zentralkörpers. Seine Atmosphäre wird der Schauplatz meteorologischer Erscheinungen in dem Sinne, wie wir das Wort jetzt verstehn, seine Oberfläche der Schauplatz geologischer Veränderungen, bei denen die durch atmosphärische Niederschläge herbeigeführten Ablagerungen immer mehr Übergewicht erlangen über die sich langsam abschwächenden Wirkungen nach außen des heißflüssigen Innern.
Gleicht sich endlich die Temperatur so weit aus, daß sie wenigstens an einer beträchtlichen Stelle der Oberfläche die Grenzen nicht mehr überschreitet, in denen das Eiweiß lebensfähig ist, so bildet sich, unter sonst günstigen chemischen Vorbedingungen, lebendiges Protoplasma. Welches diese Vorbedingungen sind, wissen wir heute noch nicht, was nicht zu verwundern, da nicht einmal die chemische Formel des Eiweißes bis jetzt feststeht, wir noch nicht einmal wissen, wieviel chemisch verschiedene Eiweißkörper es gibt, und da erst seit ungefähr zehn Jahren die Tatsache bekannt ist, daß vollkommen strukturloses Eiweiß alle wesentlichen Funktionen des Lebens, Verdauung, Ausscheidung, Bewegung, Kontraktion, Reaktion gegen Reize, Fortpflanzung, vollzieht.
Es mag Jahrtausende gedauert haben, bis die Bedingungen eintraten, unter denen der nächste Fortschritt geschehn und dies formlose Eiweiß durch Bildung von Kern und Haut die erste Zelle herstellen konnte. Aber mit dieser ersten Zelle war auch die Grundlage der Formbildung der ganzen organischen Welt gegeben; zuerst entwickelten sich, wie wir nach der ganzen Analogie des paläontologischen Archivs annehmen dürfen, zahllose Arten zellenloser und zelliger Protisten, wovon das einzige Eozoon canadense uns überliefert, und wovon einige allmählich zu den ersten Pflanzen, andre zu den ersten Tieren sich differenzierten. Und von den ersten Tieren aus entwickelten sich, wesentlich durch weitere Differenzierung, die zahllosen Klassen, Ordnungen, Familien, Gattungen und Arten der Tiere, zuletzt die Form, in der das Nervensystem zu seiner vollsten Entwicklung kommt, die der Wirbeltiere, und wieder zuletzt unter diesen das Wirbeltier, in dem die Natur das Bewußtsein ihrer selbst erlangt – der Mensch.
Auch der Mensch entsteht durch Differenzierung. Nicht nur individuell, aus einer einzigen Eizelle bis zum kompliziertesten Organismus differenziert, den die Natur hervorbringt – nein, auch historisch. Als nach jahrtausendelangem Ringen die Differenzierung der Hand vom Fuß, der aufrechte Gang, endlich festgestellt, da war der Mensch vom Affen geschieden, da war der Grund gelegt zur Entwicklung der artikulierten Sprache und zu der gewaltigen Ausbildung des Gehirns, die seitdem die Kluft zwischen Menschen und Affen unübersteiglich gemacht hat. Die Spezialisierung der Hand – das bedeutet das Werkzeug, und das Werkzeug bedeutet die spezifisch menschliche Tätigkeit, die umgestaltende Rückwirkung des Menschen auf die Natur, die Produktion. Auch Tiere im engem Sinne haben Werkzeuge, aber nur als Glieder ihres Leibes – die Ameise, die Biene, der Biber; auch Tiere produzieren, aber ihre produktive Einwirkung auf die umgebende Natur ist dieser gegenüber gleich Null. Nur der Mensch hat es fertiggebracht, der Natur seinen Stempel aufzudrücken, indem er nicht nur Pflanzen und Tiere versetzte, sondern auch den Aspekt, das Klima seines Wohnorts, ja die Pflanzen und Tiere selbst so veränderte, daß die Folgen seiner Tätigkeit nur mit dem allgemeinen Absterben des Erdballs verschwinden können. Und das hat er fertiggebracht zunächst und wesentlich vermittelst der Hand. Selbst die Dampfmaschine, bis jetzt sein mächtigstes Werkzeug zur Umgestaltung der Natur, beruht, weil Werkzeug, in letzter Instanz auf der Hand. Aber mit der Hand entwickelte sich Schritt für Schritt der Kopf, kam das Bewußtsein zuerst der Bedingungen einzelner praktischer Nutzeffekte, und später, bei den begünstigteren Völkern, daraus hervorgehend die Einsicht in die sie bedingenden Naturgesetze. Und mit der rasch wachsenden Kenntnis der Naturgesetze wuchsen die Mittel der Rückwirkung auf die Natur; die Hand allein hätte die Dampfmaschine nie fertiggebracht, hätte das Gehirn des Menschen sich nicht mit und neben ihr und teilweise durch sie korrelativ entwickelt.
Mit dem Menschen treten wir ein in die Geschichte. Auch die Tiere haben eine Geschichte, die ihrer Abstammung und allmählichen Entwicklung bis auf ihren heutigen Stand. Aber diese Geschichte wird für sie gemacht, und soweit sie selbst daran teilnehmen, geschieht es ohne ihr Wissen und Wollen. Die Menschen dagegen, je mehr sie sich vom Tier im engeren Sinn entfernen, desto mehr machen sie ihre Geschichte selbst, mit Bewußtsein, desto geringer wird der Einfluß unvorhergesehener Wirkungen, unkontrollierter Kräfte auf diese Geschichte, desto genauer entspricht der geschichtliche Erfolg dem vorher festgestellten Zweck. Legen wir aber diesen Maßstab an die menschliche Geschichte, selbst der entwickeltsten Völker der Gegenwart, so finden wir, daß hier noch immer ein kolossales Mißverhältnis besteht zwischen den vorgesteckten Zielen und den erreichten Resultaten, daß die unvorhergesehenen Wirkungen vorherrschen, daß die unkontrollierten Kräfte weit mächtiger sind als die planmäßig in Bewegung gesetzten. Und dies kann nicht anders sein, solange die wesentlichste geschichtliche Tätigkeit der Menschen, diejenige, die sie aus der Tierheit zur Menschheit emporgehoben hat, die die materielle Grundlage aller ihrer übrigen Tätigkeiten bildet, die Produktion ihrer Lebensbedürfnisse, d.h. heutzutage die gesellschaftliche Produktion, erst recht dem Wechselspiel unbeabsichtigter Einwirkungen von unkontrollierten Kräften unterworfen ist und den gewollten Zweck nur ausnahmsweise, weit häufiger aber sein grades Gegenteil realisiert. Wir haben in den fortgeschrittensten Industrieländern die Naturkräfte gebändigt und in den Dienst der Menschen gepreßt; wir haben damit die Produktion ins unendliche vervielfacht, so daß ein Kind jetzt mehr erzeugt als früher hundert Erwachsene. Und was ist die Folge? Steigende Überarbeit und steigendes Elend der Massen und alle zehn Jahre ein großer Krach. Darwin wußte nicht, welch bittre Satire er auf die Menschen und besonders auf seine Landsleute schrieb, als er nachwies, daß die freie Konkurrenz, der Kampf ums Dasein, den die Ökonomen als höchste geschichtliche Errungenschaft feiern, der Normalzustand des Tierreichs ist. Erst eine bewußte Organisation der gesellschaftlichen Produktion, in der planmäßig produziert und verteilt wird, kann die Menschen ebenso in gesellschaftlicher Beziehung aus der übrigen Tierwelt herausheben, wie dies die Produktion überhaupt für die Menschen in spezifischer Beziehung getan hat. Die geschichtliche Entwicklung macht eine solche Organisation täglich unumgänglicher, aber auch täglich möglicher. Von ihr wird eine neue Geschichtsepoche datieren, in der die Menschen selbst, und mit ihnen alle Zweige ihrer Tätigkeit, namentlich auch die Naturwissenschaft, einen Aufschwung nehmen werden, der alles Bisherige in tiefen Schatten stellt.
