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Eine Tote im Friedwald? Eigentlich hatten sich die Freunde aus der späten Tübinger 68er-Generation im Schloss Hohenentringen nur mal wieder so getroffen. Doch dann liegt die Reporterin Petra Kleinert tot im Friedwald. Die unbequeme Journalistin recherchierte einige brisante Themen. Für Kommissar Bergmann und seine Kollegen ist schnell klar, dass sie bei ihren Recherchen wohl jemandem zu nahe gekommen war. Ihre Ermittlungen führen sie in die jüngere politische Vergangenheit der Tübinger Szene und in die Geschichte des Schönbuchs. Auch dubiose Grundstücksspekulationen im Neckartal könnten der Hintergrund für die Tat sein. Nur ein Ortstermin kann hier helfen, denkt sich der Kommissar. Nach einer dramatischen Flucht wird der Täter gestellt.
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Seitenzahl: 268
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Mario Haas
In Heilbronn geboren, lebt er seit vielen Jahren in Herrenberg. Er ist verheiratet und hat drei fast erwachsene Töchter. Seine Aktivitäten reichen von Wandern, Radfahren, kulturellen Interessen bis hin zur Mitarbeit bei der Asylhilfe.
Der Kriminalroman »Friedwald« ist sein erstes Buch.
Mario Haas
Friedwald
Schwabenkrimi
Oertel+Spörer
Dieser Kriminalroman spielt an realen Schauplätzen.Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden.Sollten sich dennoch Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen ergeben, so sind diese rein zufällig und nicht beabsichtigt.
© Oertel+Spörer Verlags-GmbH + Co. KG 2017Postfach 16 42 · 72706 ReutlingenAlle Rechte vorbehalten.Titelbild: Fotolia © den-belitskyGestaltung: PMP Agentur für Kommunikation, ReutlingenLektorat: Bernd WeilerSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-88627-500-7
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Interner Polizeibericht der Polizeidirektion Tübingen
Am 1. März 1972 befanden sich die beiden Polizeihauptmeister T. B. und H. S. auf einer routinemäßigen Streifenfahrt in der Wilhelmstraße in Tübingen. Dabei fiel ihnen ein roter Kleinwagen der Marke Ford auf, welcher mit leicht überhöhter Fahrt und etwas unsicherer Fahrweise stadtauswärts fuhr. Die beiden Kollegen entschieden sich daraufhin, das Auto zu kontrollieren. Als am Streifenwagen das Blaulicht angeschalten wurde, um das Fahrzeug zum Anhalten aufzufordern, beschleunigte dieses plötzlich stark und fuhr in Richtung Unterjesingen. Aufgrund des aktuellen Sicherheits- und Vorsorgeerlasses zur Terroristenbekämpfung und wegen der momentan festgestellten Aktivitäten linksextremer Gruppierungen in Tübingen wurde über Funk sofort eine entsprechende Meldung erstattet. In Unterjesingen konnte auch ein dort anwesender zweiter Streifenwagen das Fluchtfahrzeug nicht stoppen. Da das Fahrzeug weiter in Richtung Herrenberg fuhr und somit das Zuständigkeitsfeld der Kollegen demnächst verließ, wurde eine entsprechende Funkmeldung getätigt. In Herrenberg wurden daraufhin zusammen mit Polizeikräften aus Böblingen entsprechende Maßnahmen in die Wege geleitet. Eine erste Fahrzeugsperre vor Herrenberg wurde vom Fluchtfahrzeug durchbrochen. Alle betroffenen Polizeikräfte waren über Funk zu diesem Zeitpunkt in erhöhter Alarmbereitschaft. Am Ortseingang des Herrenberger Ortsteils Affstätt waren die beiden Kollegen P. M. und H. L. über Funk informiert worden, dass das Fluchtfahrzeug sich auf sie zubewegte. Beim Versuch des Flüchtigen, auch diese Polizeisperre zu durchbrechen, verkeilte sich das Fluchtfahrzeug in einem angrenzenden Zaun. Als der Kollege P. M. im Fahrzeuginneren hektische Bewegungen wahrnahm, feuerte er zum Eigenschutz eine Salve seiner Maschinenpistole auf das Fahrzeug ab. Dabei traf eine Kugel die Fluchtperson tödlich am Hals.
Wie sich danach herausstellte, handelte es sich bei der getöteten Person um den 17-jährigen Lehrling Richard Epple aus Ammerbuch-Breitenholz. Bei den weiteren Ermittlungen wurde festgestellt, dass es sich bei Herrn Epple um eine Person ohne Führerschein handelte, welche vermutlich aus diesem Grund Fahrerflucht begangen hatte. Im privaten Umfeld von Herrn Epple wurden keinerlei Verbindungen zu linksextremen Verbindungen in Tübingen festgestellt. Bei dem Vorfall handelt es sich daher um eine Verkettung unglücklicher Umstände und klarem Fehlverhalten des Opfers.
Besonders tragisch ist daher der Umstand, dass sich unser junger Kollege Herr P. M. am 14. März 1972 vermutlich wegen dieser Geschehnisse mit seiner Dienstwaffe das Leben nahm. Sein Leichnam wurde eine Woche später unter großer Anteilnahme in seinem Heimatort beigesetzt. Nach dem unglücklichen Tod von Richard Epple wird zurzeit im linksextremen Spektrum von Tübingen erhöhte Betriebsamkeit gemeldet und beobachtet. Dieser Umstand wurde bereits dem Innenministerium in Stuttgart gemeldet. Das Jugendzentrum in der Wilhelmstraße sollte dabei besonders beobachtet werden. Entsprechende Maßnahmen sind mit dem Einsatzstab der Polizeidirektion abzustimmen.
Polizeidirektor H. L., Tübingen, den 6. April 1972
Ein Sonntag im Februar 1980
Hannes als besonders misstrauischer Mensch schaute sich die anwesenden anderen Gäste ganz genau an, als die fünf Freunde das Bergcafé in Reusten betraten. Da nur drei Rentner direkt am Tisch vor der Theke saßen, entschied sich die Gruppe, sich im hinteren Teil des Raumes an einen Tisch zu setzen. Hannes platzierte sich mit dem Rücken zum Fenster, um den Eingang im Blick zu haben.
»Mensch Hannes, du bist wirklich paranoid«, sagte Katrin, als sie ihn dabei beobachtete.
»Katrin, lass ihn doch, wir haben doch ausgemacht, vorsichtig zu sein«, erwiderte Hans-Peter darauf.
»Na, dass sich die erste RAF hier getroffen hat, ist schon eine Weile her«, sagte Petra schmunzelnd.
»Also, es war nicht wirklich die RAF, sondern nur deren erster Verteidiger. Aber heutzutage kennen ja alle nur Otto Schily«, fügte Katrin hinzu.
»Dieser Verteidiger ist aber dann auch in den Untergrund gegangen und lebt heute im Libanon, glaube ich«, sagte Hans-Peter.
»Hört auf, die Wirtin kommt«, sagte Hannes immer noch leicht angespannt. Während die eine Wirtin mit einem typischen: »Was wellet Se«, die Getränkebestellung der fünf entgegennahm, unterhielt sich ihre Schwester mit den Herren am Stammtisch. Als sie den Tisch mit der Bestellung wieder verließ, sagte Karin im Flüsterton: »Hört zu, dieser Staat hat überall Augen und Ohren und bespitzelt seine Bürger. Und das Bergcafé hier gehört nun mal wegen diesem Verteidiger vielleicht zu ihren Observationszielen. Nachdem er abgetaucht ist, wurde hier sogar eine Hausdurchsuchung durchgeführt. Könnt ihr euch das vorstellen, wie diese beiden urschwäbischen Schwestern hier jede Tür aufschließen mussten. Und das, obwohl sich einige Wochen zuvor hier wichtige lokale Politiker getroffen hatten, um mit den Bürgern über die damals geplante Müllverbrennungsanlage im angrenzenden Altingen zu diskutieren.«
Sie lächelte in die Runde.
»Ja, und genau deshalb ist es vermutlich unauffälliger als eines unserer WG-Zimmer in Tübingen«, erwiderte Hannes.
»Wir hätten uns ja auch im Jugendzimmer von Hans-Peter in der Villa seiner Eltern in Nürtingen treffen können, um die Revolution zu planen«, sagte Katrin, erneut mit einem breiten Grinsen.
»Klar, mein Alter hätte bei eurem Anblick bestimmt sofort seine CDU-Freunde angerufen und die hätten dann gleich die grüne Minna vorfahren lassen«, sagte Hans-Peter mit einem kurzen aber lauten Lachen.
»Darf ich daran erinnern, warum wir uns heute hier getroffen haben. Wir hatten die Idee vor acht Jahren nach der Besetzung des Epplehauses, eine Aktion durchzuführen unter dem Namen Kommando Richard Epple. Rache für die Gewalt des Staates an einem unschuldigen jungen Menschen«, sagte Joachim ernst.
»Eigentlich hatten wir die Idee ja schon, nachdem wir die Gemeinderatssitzung im Tübinger Rathaus kurz zuvor gestürmt hatten, wegen dem ungeklärten Brand in unserem Jugendclub in der Wilhelmstraße und der Weigerung, ihn wieder aufzubauen«, korrigierte ihn Petra.
»Wisst Ihr noch, am selben Abend war zuvor das Konzert von Ton-Steine-Scherben in der Mensa Wilhelmstraße. Das ist auch schon wieder acht Jahre her. Rio stand direkt vor mir«, sagte Katrin während sie begann den Rauchhaus-Song zu summen.
»Ja, und was ist geschehen seither? Nichts! Wir haben uns verstrickt in verschiedene Gruppierungen wie die Spartakisten, die DKP oder den Marxisten-Leninisten. Außer in dunklen Ecken in Kneipen die theoretische Revolution zu besprechen, ist doch gar nichts passiert«, sagte Hans-Peter etwas verärgert.
»Komm H-P, wir waren noch zu jung für die Weltrevolution. Wir machten grad unser Abitur oder standen am Anfang unseres Studiums«, versuchte Katrin Hans-Peter zu beruhigen.
»Und vergesse nicht, Petra und ich kannten Conny von den Marxisten. Als dieser dann mit seiner RAF-Druckerei in Tübingen von den Bullen hochgenommen wurde und er Klaus und Irmi (Anmerkung: Klaus Jünschke und Irmgard Müller) verriet, war die RAF am Ende. Da mussten wir unsere Füße echt mal eine Zeit lang stillhalten«, fügte Joachim leise hinzu.
»Ja, was für ein Scheißjahr für die Bewegung. Dann wird ja auch noch die Meinhof von einem Freund verraten. Unglaublich. Na typisch, ein Lehrer«, entfuhr es Hans-Peter mit einem spitzen Unterton.
»Das musste ja kommen, nur weil ich auf Lehramt studiere und damit fast automatisch eine Verbeamtung einhergeht. Hör auf, ich werde genug Ärger mit dem Radikalenerlass bekommen, der Beamte ausschließt, die einer radikalen Gruppierung angehören«, entfuhr es Katrin sofort.
»Ich weiß, was der Radikalenerlass ist. Übrigens heißt es genau, dass die Mitgliedschaft in einer verfassungsfeindlichen Organisation in der Regel Zweifel an der Verfassungstreue begründet«, erwiderte Hans Peter mit einem zynischen Unterton.
»Hört auf euch gegenseitig Vorhaltungen zu machen. Wir sind hier, um zu entscheiden, wie es weitergeht. Wir sind nun alle fertig mit unserem Studium. Sollen wir dann einfach ein fester Bestandteil der Gesellschaft werden? Als Zahnrädchen im Getriebe des Kapitals? Oder entscheiden wir jetzt, wirklich etwas zu ändern?«, machte Joachim deutlich.
Mit einer Körperbewegung nach vorne machte Petra deutlich, dass sie dazu etwas hinzufügen wollte.
»Jo hat recht, wir müssen uns nun entscheiden. Wer will den Weg von der Theorie zur Praxis gehen. Es ist keine einfache Entscheidung. Es ein Entschluss, der radikal und unumkehrbar das Leben verändert.«
»Ich würde vorschlagen, dass sich jeder einmal dazu ein paar Tage seine Gedanken macht. Am kommenden Freitag findet ja im Epplehaus ein Konzert statt. Wer weiter gehen will, trifft sich dort im hinteren Raum um dreiundzwanzig Uhr«, erklärte Hannes.
»Ja, dann wird dort die Sache vollendet, na sagen wir zumindest weitergeführt, wo alles begann«, fügte Petra hinzu.
Im gleichen Moment ging die Tür des Bergcafés auf und zwei männliche Wanderer um die Dreißig betraten den Raum, schauten sich kurz um und setzten sich in der Mitte des Raumes an einen kleinen Tisch.
Ein kurzer Blick von Hannes in die Runde genügte und alle verstanden. Nachdem die Getränke geliefert wurden, unterhielten sich die fünf nun hörbar über ihre Studiengänge und verließen kurz darauf das Bergcafé und wurden nie wieder zusammen dort gesehen.
Auszug aus dem Verfassungsschutzbericht 1985
Am 27. September 1985 wurde der mutmaßliche RAF-Terrorist Karl-Friedrich Grosser bei einem Überfall auf zwei Geldbotinnen eines Supermarktes in Ludwigsburg festgenommen. Ein unbekannter männlicher Mittäter konnte mit der Beute entkommen.
Asservaten aus einer am 11. September 1985 in Tübingen entdeckten konspirativen Unterkunft der RAF lassen vermuten, dass der Raubüberfall auf den Geldboten eines Supermarktes im Kreis Tübingen am 3. Juni 1985, bei dem einer der Täter den Geldboten ohne Vorwarnung in den Hals schoss, ebenfalls von der RAF verübt worden ist. Mit der Forderung nach dem Aufbau einer »Antiimperialistischen Front in Westeuropa«, versucht die RAF, dem Terrorismus eine neue europäische Dimension zu geben. Zwischen der französischen terroristischen Gruppe Action Directe (AD) und der RAF sind Ansätze einer Zusammenarbeit erkennbar, die über eine gegenseitige logistische Unterstützung hinausgehen.
Montag, 13. April, 5.50 Uhr
Bei zwei schulpflichtigen Kindern und einer Frau, welche halbtags arbeitet, muss »Mann« automatisch morgens früher aufstehen, um in Ruhe das Bad aufsuchen zu können. Um mit bald fünfzig seinen Dreitagebart pflegen zu können, braucht man einfach etwas Zeit. Und das geht nun mal nicht, wenn der Schulbus gleich kommt oder die Ehefrau einen fragt, wann man denn heute Abend genau nach Hause kommen wird. So stehe ich also jeden Morgen als Erster auf, bin als Erster im Bad und als Erster im Büro in der Polizeidirektion Tübingen.
Leider bin ich dann aber nicht automatisch auch der Erste, der das Büro verlässt und immer pünktlich zu Hause ist. Dieser Umstand führt dazu, dass meine Frau Nicole mich regelmäßig zum familiären Verhör vorlädt, um mich zu fragen, warum ich als Familienvater und Ehemann vermutlich mehr Überstunden leiste als andere Kollegen. Natürlich kann sie diese These nicht belegen, ich kann ihr aber blöderweise auch das Gegenteil nicht beweisen. Aber andere Kollegen haben auch nicht vor zwei Jahren die Leitung der Mordkommission übernommen. So stehe ich also an diesem Montagmorgen im Bad unseres Reihenmittelhauses in einem Dorf zwischen Tübingen und Rottenburg und betrachte das kleine graue Haar, welches ich in meiner Ohrmuschel entdeckt habe. Oh, wie ich sie hasste, diese kleinen grauen Dinger.
Es ist kurz vor sechs Uhr, als ich mein Diensthandy aus der Küche klingeln höre. Besser gesagt ich höre es spielen, die Melodie von »Highway to hell«, von AC/DC. Ich erinnere mich, als das erste Mal mein neuer Vorgesetzter, ein Herr Weber, es zufällig bei einer Besprechung hörte. »Unpassend«, waren seine Worte gewesen.
Unpassend waren auch meine Gedanken, als ich dabei auf sein bis oben zugeknöpftes rosa Hemd blickte. Es ist schon schlimm, einen weit über zehn Jahre jüngeren Vorgesetzten akzeptieren zu müssen, der so gar keine Ahnung von guter Musik hatte. Nach einem kurzen Räuspern meldete ich mich mit einer deutlich tieferen Stimme »Angus Young von AC/DC, guten Morgen.«
»Wer?«, fragte die Stimme in der Leitung.
»Angus Markus Bergmann, Polizeidirektion Tübingen«, erwiderte ich in meiner normalen Stimme.
»Oh, entschuldigen Sie, hier spricht Polizeiobermeister Ludwig von der Dienststelle Ammerbuch. Ich habe Ihre Nummer von der Zentrale in Tübingen.«
»Wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte ich ihn, während in meinem Kopf bereits die Schubladen aufgingen, in welche ich gleich den Grund dieser morgendlichen Störung ablegen würde. Raub, Einbruch, Ehebruch, Beinbruch?
»Wir haben eine Leiche für Sie«, klang es aus dem Hörer.
»Oh«, antwortete ich kurz, während alle Schubladen in meinem Kopf laut zugeschlagen wurden.
»Der Revierförster vom Naturpark Schönbuch, Revier Ammerbuch, hat eine tote Frau im Wald gemeldet.«
»Mitten im Wald?«, fragte ich etwas verwundert.
»Nein, sie lag, schon im Wald, im Friedwald«, kam die verzögerte Antwort.
Ich überlegte kurz, ob der Kollege wohl davon ausgeht, dass ich alle Namen der Waldgebiete der Umgebung kenne. Dann fiel es mir aber doch noch ein.
»Ja. Ich habe kürzlich in der Zeitung davon gelesen. Der Friedhof im Wald oberhalb von Ammerbuch beim Schloss Hohenentringen.«
»Die Streife vor Ort konnte nicht feststellen, ob es sich dabei um einen Unfall oder um einen Mord handelt«, wurde mir berichtet.
»Okay, ich werde in fünf Minuten losfahren. Und bitte sagen Sie den Kollegen vor Ort, sie sollen sicherheitshalber den Fundort großzügig absperren«, sagte ich ganz ruhig.
»Davon ist selbstverständlich auszugehen. Auf Wiederhören.« Hörte ich noch mit einer distanzierten Stimme, bevor die Leitung unterbrochen wurde.
Leider ist es in der Realität, wie in der vieler Fernsehkrimis. Bis man den Fundort einer Leiche sichert, muss man plötzlich feststellen das schon zehn Polizisten, Zeugen und Bestatter durch den Tatort gelaufen waren. Die Kriminaltechnik feiert danach immer Silvester.
Bevor ich kurz danach mit einem Viertagebart und einem sichtbaren grauen Haar im Ohr losfuhr, zückte ich noch kurz mein neues Diensthandy und steckte es in die Freisprecheinrichtung. Wieso heißen die Dinger eigentlich Smartphones? Was ist daran eigentlich smart? Also ich würde diese Dinger lieber »des Teufels Glasscheibe«, nennen. Habe ich schiefe Finger oder eine Krümmung in meiner Optik? Meine Trefferquote, die richtige Zahl oder den korrekten Buchstaben auf dieser Glasscheibe zu treffen liegt bei unter fünfzig Prozent. Klar, meine beiden Kinder lachen mich dabei immer aus. Aber warum beherrscht meine Frau dieses Monster und ich nicht? Nur an meiner begrenzten Geduld wird es doch nicht liegen. Mit leicht zugekniffenen Augen wählte ich die Nummer meiner Kollegin Jenny und fuhr los.
»Hallo, Superbulle, stehst du gerade unter der Dusche und musst an mich denken«? Ich weiß nicht, ob ich es liebte oder hasste, dass sie so offen mit mir redete?
»Nein, ich sitze auf dem Klo und brauche deine Hilfe, das Papier ist aus«, versuchte ich gleich zu kontern.
»Bitte lass es wirklich wichtig sein, ich liege noch im Bett und der Wecker ging noch nicht einmal runter«, sagte sie ganz freundlich.
»Nun ja, ich brauche deine Hilfe. Ich bin auf dem Weg nach Ammerbuch zu einer toten Frau. Sie liegt auf dem Waldfriedhof Friedwald im Schönbuch. Kannst du vielleicht in deinem supermodernen Handy nachschauen und mir Informationen über diesen Friedwald zukommen lassen. Ich fahre bereits und möchte etwas vorbereitet dort ankommen«, sagte ich in der Hoffnung, dass ihr es schmeichelte, dass ihr siebzehn Jahre älterer Kollege ihre Hilfe benötigte.
»Okay, okay, ich ziehe mir nur kurz etwas über und melde mich gleich bei dir«, sagte sie und legte auf.
Da war es wieder, dieses Programm im Kopf, das den Satz »ich ziehe mir nur kurz etwas über«, mit einem Bild zusammenfügte. Über was? Bestimmt nicht über den Rollkragenpulli, den sie zum Schlafen anhat. Ich musste dabei an unsere letzte Weihnachtsfeier denken, als ich Jenny noch zum Bahnhof begleitete und wir herumalberten und uns oft wie im Spiel anfassten dabei. Zum Abschied schauten wir uns lange in die Augen. Ich ging schnell weg und winkte ihr kurz danach hinterher, als sie bereits in die Richtung des Bahnsteiges unterwegs war. Sie hatte es allerdings nicht mehr gesehen.
Als ich auf dem Parkplatz vor dem Schloss Hohenentringen vorfuhr, stand noch der Morgennebel auf der angrenzenden Wiese dieser Hochebene. Rechts vor dem Schloss zeigte ein Schild in Richtung des Feldweges zum Friedwald. Ich überlegte kurz, ob ich den kurzen Weg lieber zu Fuß gehen oder mit dem Wagen fahren sollte. Da es sich aber um meinen Privatwagen handelte, entschloss ich mich, ihn abzustellen und auf dem feuchten Feldweg nur meine Schuhe dreckig zu machen. Eigentlich war es mir fast egal. Ich mochte mein Auto eh nicht, seit es als Kombi in mein, nein sagen wir unser Familienleben getreten ist. Es sieht aus wie viele andere Marken und ist matt grau. Schon öfters bin ich auf dem Supermarktparkplatz an ein falsches Auto hingelaufen. Und an der Ampel schaute keiner mehr herausfordernd oder bewundernd aus dem anderen Auto herüber. Mit zwanzig hatte ich einen marsroten Audi 80 mit nur 50 PS, aber einem Kassettenrekorder mit Autoreverse und aufgeschraubten Lautsprechern auf der Hutablage. Auch im Winter kurbelte man an der roten Ampel immer etwas die Scheibe herunter, damit der Polofahrer neben einem mitbekam, wer die bessere Rockmusik hörte.
Als ich mir auf dem Feldweg gerade die Jacke zumachte, zeigte mir Angus Young, dass ich nun wirklich auf dem letzten Drücker meine Informationen bekommen würde.
»Sorry ich musste erst noch einen Freund heimschicken«, musste ich da hören. Jetzt war es amtlich, kein Rollkragenpulli.
»Fasse dich kurz, ich bin gleich da«, entfuhr es mir besonders nüchtern. »Langsam glaube ich wirklich, dass du heute Morgen kein Klopapier auf dem stillen Örtchen hattest«, sagte sie in einem beschwichtigenden Ton.
»Also hör zu, Markus, ein Friedwald ist eine alternative Form der Bestattung. Die Asche Verstorbener ruht dort in biologisch abbaubaren Urnen an den Wurzeln einzelner Bäume, anonym oder mit Schildern an den Bäumen. In Deutschland gibt es schon mehrere solcher Friedwälder. Der in Ammerbuch wurde 2011 eröffnet. Beerdigungen konnten eine religiöse Zeremonie enthalten oder frei gestaltet werden. Die Trauerfeier fand vor der Beisetzung am Rand des Waldes auf einer Aussichtsebene am Schönbuchrand statt. Sogar schon jemand von der Familie Porsche lag dort begraben. Und, kurz und prägnant genug?«, endete der Kurzvortrag von Jenny mit einer Frage.
»Ja, du bist ein braves Mädchen«, sagte ich leicht ironisch und fügte hinzu: »Ich sehe bereits das große Holzkreuz der Aussichtsebene. Hör zu, ich verschaffe mir hier erst einmal einen Überblick von der Sachlage und melde mich dann, ob ich dich hier brauche, okay.«
»Jawohl, Käpt’n Bergmann, bis später«, sagte sie und legte gleich auf, bevor ich noch einen Spruch entgegnen konnte.
Gegenüber des Platzes mit dem Holzkreuz machte der Weg eine Rechtskurve und führte in den angrenzenden Wald. Genau dort sah ich bereits zwei Kollegen von mir stehen und einen etwa sechzigjährigen Mann mit einem grauen Bart und grüner Försteruniform. Die Absperrbänder waren tatsächlich schon angebracht worden. Ob der Kollege vorhin am Funk doch eine Anmerkung gemacht hatte?
»Guten Morgen, die Herren. So, was für ein unerfreulicher Grund führt uns so früh am Morgen hierher«, sagte ich. Ich war unzufrieden mit mir, dass ich wie so oft keinen wirklich guten Gesprächsanfang fand.
»Es wurde Ihnen ja sicherlich ausgerichtet, dass der hier anwesende Revierförster, heute am frühen Morgen, eine Damenleiche entdeckt hat«, war die sachliche Antwort eines Kollegen.
»Ja, sicherlich«, war meine knappe Antwort, während ich allen drei Personen reihum die Hand gab. Der Revierförster, der sich mir als Hubert Fadler vorstellte, führte mich direkt zum Fundort, während ein Kollege der Streife uns folgte, der andere allerdings an der Absperrung stehen blieb. Nach fünfzig Metern führte ein kleiner Trampelpfad rechts in den Wald. Nach wenigen Schritten sah ich die Frau auf dem Boden flach vor einem Baum liegen. Der Kopf, welcher in einem ungewöhnlich stumpfen Winkel zum Körper direkt an der großen Wurzel lag, wies keine sichtbaren Verletzungen auf. Auch Blut war nicht zu sehen. Bevor ich mir die Handschuhe anzog, um die Leiche zu untersuchen, ging ich zuerst ein paar Schritte zurück, um den Fundort nochmals genauer auf mich wirken zu lassen. Dabei fiel mir erst jetzt etwas eigentlich ganz Offensichtliches auf. Die Frau hatte nur einen Schuh an. Am rechten Fuß trug sie nur einen bräunlichen Socken. Am linken Fuß den gleichen Socken und einen bräunlichen zarten Halbschuh. Ich meine mich zu erinnern, dass diese Art Schuhe Ballerina hießen. Wo war der andere Schuh? Ich schaute mich um, nirgends war er. Die Situation stellte sich für mich so dar: Vielleicht konnte diese Frau zufällig gestürzt und beim Aufprall tödlich verletzt worden sein. Aber warum verliert sie dabei ihren Schuh. Und wenn es so war, wo ist dann der zweite Schuh? Kann ein Tier ihn mitgenommen haben? Eher wahrscheinlicher war die Möglichkeit, dass sie auf der Flucht vor jemanden den Schuh verlor, gestolpert ist und daran unglücklich starb. Warum sollte sie sonst gerannt sein. Aber auch hier die Frage, wo war der Schuh? Und was macht diese schätzungsweise sechzigjährige Frau mitten in der Nacht hier mit so leichten Schuhen, in einer dünnen Bluse und mit einer sehr modischen, aber wenig wärmenden leichten Jacke für diese Jahreszeit.
»Wir sperren hier alles ab und holen die Spurensicherung«, rief ich dem wartenden Kollegen und dem Förster auf dem Weg zu.
»Die Spurensicherung. Gleich der große Bahnhof. Was wollen die hier finden?«, fragte der Kollege etwas verblüfft.
»Den fehlenden Schuh«, war meine kurze Antwort.
Als ich zusammen mit dem Förster zurück zum Parkplatz vor dem Schloss ging, versuchte ich ihm die üblichen Fragen zu stellen.
»Herr Fadler, haben Sie etwas angerührt an der Leiche oder dem Fundort?«
»Warum soll ich das getan haben?«, fragte er etwas irritiert zurück.
»Hmm, ja, vielleicht um zu schauen, ob sie noch lebt oder wie sie heißt«, sagte ich, und versuchte meine Verärgerung über diese Gegenfrage zu verbergen.
»Ach so«, war die Antwort ohne einen Kommentar.
»Liegt die Frau nun unverändert an dem Baum, oder haben Sie die Lage des Körpers vielleicht doch verändert«, fragte ich mit leicht ungeduldiger Stimme. »Douglasie und nein«, war seine kurze Antwort, ohne dabei eine emotionale Regung zu zeigen.
»Herr Fadler, bitte antworten Sie mir etwas ausführlicher auf meine Fragen«, klang ich immer verärgerter.
»Der Baum ist eine Douglasie, und nein, ich habe die Frau nicht angerührt«,
»Na, geht doch«, sagte ich etwas erleichtert.
»Ich bin gerne früh am Morgen im Wald unterwegs. Der Weg, der durch den Friedwald führt, ist ein Hauptverbindungsweg. Er verbindet den Sportplatz am Entringer Sattel mit dem Schloss Hohenentringen und ist Teil des Fernwanderweges HW 5. Er ist an Wochenenden einer der meistbegangenen Strecken im Schönbuch. Ich beobachte den Abschnitt im Friedwald immer ganz besonders, ob Wildschweine vielleicht einen Schaden angerichtet haben«, war seine für mich überraschend ausführliche Aussage.
Am Parkplatz angekommen, übergab ich den Revierförster einem eingetroffenen Kollegen zur Aufnahme der Zeugenaussage. Davor reichte ich ihm wie üblich eine Visitenkarte von mir, falls ihm noch die sagenumwobenen sachdienlichen Hinweise einfallen sollten.
Ich entschloss mich, Jenny anzurufen.
»Du kannst dich doch gleich auf dem Weg hierher machen. Es war vermutlich wohl doch kein Unfall oder ein natürlicher Tod. Und abgesehen davon, könnte das echt ein Fall genau für dich sein«, sagte ich geheimnisvoll.
»Oh, warum denn das?«, fragte sie neugierig.
»Weil wir einen Damenschuh suchen«, war die einfache Antwort.
»Das verstehe ich jetzt nicht. Aber egal, ich bin grade in der Polizeidirektion angekommen und mache mich gleich auf dem Weg zu dir«, war ihre Antwort.
Nachdem ich mein Handy wieder in der Jackentasche verstaut hatte, ließ ich meinen Blick über den Parkplatz kreisen. Von wo aus war das Opfer zum Friedwald gelaufen, fragte ich mich? Sie ist entweder von hier zum Tatort gelaufen oder von Parkplatz des Sportplatzes aus auf der anderen Seite des Friedwaldes. Von hier aus war es wesentlich kürzer, wenn ich an ihre leichte Kleidung dachte. Auf dem Parkplatz standen nur fünf Fahrzeuge. In der Zwischenzeit zwei Polizeifahrzeuge, mein hässlicher Kombi und zwei Autos, die vermutlich die Nacht über hier gestanden hatten. Der Tau hatte eine dichte Schicht über die beiden Wagen gezogen. Ich rief einem der gerade angekommenen Streifenpolizisten zu, er solle bitte die beiden Pkw-Halter ermitteln und versuchen, diese zu kontaktieren.
Der Innenhof des Schlosses Hohenentringen war menschenleer, was um diese Uhrzeit nicht verwunderlich war. Ich lehnte mich an die Steinmauer am Rand des Biergartens und blickte weit über das Ammertal. Mein Reihenmittelhaus und unser Dorf dazu konnte man allerdings von hier aus nicht sehen, da der Blick nur nach Südwesten möglich war. In diesem Augenblick fiel mir ein, dass ich heute noch keinen Kaffee und etwas zu essen gehabt habe. Plötzlich spürte ich Hunger und Müdigkeit. Da stehe ich nun, ich armer Tor, mitten in einem Biergarten und so weit weg von einem Getränk und einer Butterbrezel, dachte ich bei mir.
Jenny und die Spurensicherung kamen fast gleichzeitig an. Kurz dahinter sah ich das Einsatzfahrzeug der Gerichtsmedizin anfahren. Wie fast immer zu dieser Jahreszeit hatte Jenny eine ihrer engen Outdoorjacken an, die ihre Hüfte besonders betonten.
»Guten Morgen. Was hat es nun mit diesem Damenschuh auf sich?«, fragte sie mich gleich.
»Ja, das ist so eine Sache. Der toten Frau fehlt ein Schuh. Aber vielleicht taucht er ja bei der näheren Untersuchung des Fundortes auch wieder auf«, sagte ich beschwichtigend, um nicht später mit meiner Vermutung völlig daneben zu liegen.
Nachdem ich ihr den Fundort und die Sachlage kurz beschrieben hatte, entschieden wir uns, zuerst die Einschätzung der Spurensicherung und der Gerichtsmedizin abzuwarten.
Um die Zeit bis dahin zu überbrücken, gingen wir zum Schloss, um unsere Ermittlungen dort zu beginnen. Als wir keine Klingel fanden, klopften wir laut an die Eingangstür des Turmes. Ein Mann um die Sechzig, der bereits eine Jacke anhatte und mehrere Einkaufstaschen in der Hand hielt, öffnete die alte Holztür und trat auf uns zu.
»Ja, wie kann ich Ihnen helfen? Wir öffnen erst zur Mittagszeit«, sagte er bestimmend.
»Entschuldigen Sie die Störung. Mein Name ist Bergmann und dies hier ist meine Kollegin, Frau Faß vom Polizeipräsidium Tübingen. Falls Sie der Gastwirt hier sind, hätten wir ein paar kurze aber wichtige Fragen an Sie«, erwiderte ich in einem betont sachlichen Tonfall.
»Es tut mir leid, aber ich muss dringend ein paar wichtige Einkäufe erledigen, geht das nicht später?«, antwortete er.
»Es tut mir auch leid, aber da Sie es sowieso morgen aus der Presse erfahren werden, kann ich Ihnen bereits jetzt schon mitteilen, dass heute in der Nähe Ihres Anwesens eine Person tot aufgefunden wurde«, antwortete ich darauf, wobei ich bewusst den genauen Fundort nicht erwähnte.
Wie so oft bei solchen Mitteilungen, kann man beobachten, wie sich bei den gegenüberstehenden Personen eine gewisse Körperspannung einstellt. Die Augen öffnen sich weit und man erhält als Antwort seine eigenen Worte erwidert.
»Tot. Person. Hier? Wo genau?«, war die erwartete Reaktion.
»Die Person wurde heute Morgen im Wald aufgefunden«, sagte ich noch unverbindlich, »und es ist nicht auszuschließen, dass diese Person gestern Abend bei Ihnen hier im Gasthof gewesen ist. Wir hätten uns deshalb gerne mit Ihnen unterhalten, ob Ihnen etwas Besonderes aufgefallen ist und welche Personenkreise gestern bei Ihnen verkehrten und eventuell reserviert hatten.«
Nachdem uns Herr Binder, der sich als Pächter des Schlosses vorgestellt hatte, kurz danach in einem vorderen Gastraum einen Kaffee eingeschenkt hatte, warfen wir zusammen einen Blick in das Reservierungsbuch. Herr Binder erklärte uns, dass sonntags bei ihm immer sehr viel los sei. Zwischen neunzehn und zwanzig Uhr hatte er fünf Tischreservierungen und nach seiner Einschätzung zwischen zwanzig und zweiundzwanzig Uhr bis zum Schluss zwanzig zusätzliche Gäste. Die Reservierungen waren zwei kleinere Familienfeste, außerdem eine Gruppe der Naturfreunde, ein Treffen alter Freunde und ein Frauenstammtisch, der sich hier monatlich traf. Nachdem wir uns alle vorliegenden Daten und Kontaktpersonen notiert hatten, und ich noch schnell einen zweiten Kaffee getrunken hatte, verabschiedeten wir uns und gingen zurück zum Parkplatz. Dort kam uns der Streifenpolizist entgegen, den ich gebeten hatte, die Halter der beiden Fahrzeuge zu ermitteln.
»Also, der grüne Allrad dort gehört einem Dieter Becker aus Rottenburg. Den habe ich vorhin aus dem Bett geklingelt. Das war aber nicht so schlimm, er ist Rentner. Er hatte hier ein Treffen der Naturfreunde und musste das Auto stehen lassen, wegen dem guten Trollinger.«
Ohne hörbar Luft zu holen, kam er gleich ohne Umschweife zu dem zweiten Wagen.
»Diese weiße Limousine ist zugelassen auf eine Frau Petra Kleinert, Rebengasse 10 in Tübingen-Derendingen. Sie war daheim telefonisch nicht zu erreichen. Wir versuchen gerade, noch ihren Arbeitgeber zu ermitteln und sie möglichweise dort zu kontaktieren.«
»Vielen Dank, Kollege. Bitte informieren Sie mich über den weiteren Sachstand«, sagte ich und begann bereits im Kopf zu zählen. Eine Fahrzeughalterin, ein Frauenstammtisch und die Hälfte der restlichen Gäste waren bestimmt auch Frauen. Und dann war ja noch das Personal. Und wenn sie gar nicht Gast war, sondern nur den Friedhof besuchen wollte? Mussten wir dann alle Personen ermitteln, die auf dem Friedhof begraben waren?
Im nächsten Moment sah ich einen weißen Einweganzug der Spurensicherung auf uns zukommen. Gleich werden unsere weiteren Ermittlungen sich vielleicht auflösen oder in eine bestimmte Richtung laufen, dachte ich flehend. Der Kollege hatte in beiden Händen eine Sicherungstüte für Beweismittel und hielt diese uns entgegen.
»Also, nach der ersten Einschätzung des Gerichtsmediziners war die Todesursache vermutlich Genickbruch durch den Aufprall an der Baumwurzel. So und hier sehen Sie ihre Damenhandtasche. Diese haben wir zwischen dem Fundort und dem Waldweg auf der rechten Seite unter einem Farn entdeckt.«
»Und der fehlende Schuh?«, entfuhr es mir sichtlich ungeduldig.
»Weit und breit kein Schuh. Wir haben in der Umgebung jedes Blatt umgedreht. Aber wir suchen weiter«, antwortete er sichtlich unberührt.
Jenny und ich sahen uns kurz aber intensiv in die Augen. Nicht, dass ich jetzt eine Genugtuung verspürte, dass ich recht hatte. Ein klein wenig vielleicht.
»So, diese Handtasche hier beinhaltet alles, was wohl hineingehört. Hygieneartikel, Handy und ein Schlüsselbund. Auch mit einem Geldbeutel, in welchem Bargeld um die hundertfünfzig Euro und diverse Karten enthalten sind. Außerdem der Personalausweis. Darf ich vorstellen, Ihre Tote ist Frau Petra Kleinert. Geboren am 19. September 1955 in Tübingen. Wohnhaft in der Rebengasse 10 in Tübingen-Derendingen.«
Den Anruf oder einen Besuch bei ihrem Arbeitgeber können wir uns wohl ersparen, dachte ich mir. Mit dieser Einschätzung sollte ich allerdings falsch liegen.
Montag, 13. April, 9.32 Uhr
Als wir in der Polizeidirektion ankamen, führte mein erster Weg nicht zum Unterschreiber meiner Urlaubskarte, wie ich meinen Vorgesetzten gerne heimlich nannte. Wie passend doch diese Umschreibung war. Eine Person die einem vorgesetzt wurde. Nein, ich ging direkt in die Kantine. Die zwei Kaffee im Schloss hatten mir zwar gut getan, erzeugten aber langsam ein flaues Gefühl im Magen, da ich den ganzen Morgen noch nichts gegessen hatte.
»Noi, Brezla send aus«, war die Meldung auf mein wortloses Umherschauen in der fast leeren Auslagetheke der Kantine.
»Liebe Frau Meier, was hätten Sie denn noch für einen verhungernden Staatsdiener wie mich?«, war meine flehende Frage.
»Oin trockens Roggeweckle oder oin Tomaten/Käs-Dreikornspitz«, war die Hiobsbotschaft.
»Na, dann packen Sie mir bitte den Vegispitz ein«, war meine enttäuschte Antwort.
Auf dem Weg in mein Büro im dritten Stock wurde ich am Aufzug bereits von unserer Verwaltungskraft Sabine angesprochen, die wohl ein paar Akten im Haus umhertrug.
»Du Markus, Herr Weber hat schon telefonisch dreimal nach dir gefragt. Er wollte wissen, was denn da los sei im Schönbuch. Du sollst dich umgehend bei ihm melden.«
Zuerst einmal musste aber der Vegispitz gegessen werden, denn ich brauchte etwas im Bauch, um besser denken zu können. Und um das mir bevorstehende Gespräch mit dem Weber-Grill emotionslos zu überstehen. Ja Weber-Grill, so nannten wir ihn hier spaßeshalber, oder auch Grillmeister.
Statt ihn anzurufen, entschied ich mich persönlich bei ihm vorbeizugehen. Ich hasste es, wenn er entschied, wann ein Gespräch vorbei war und er den Hörer blitzschnell nach dem »Auf wiederhö…«, auflegte. Da ging ich lieber selber zu ihm und verließ mit einer Ausrede dann den Raum, wenn ich meinte, er sei genug informiert worden.
Als ich das Vorzimmer betrat, lächelte mir Eva Sommer entgegen. Eva kannte ich schon seit Jahren. Sie war bereits die beste Kraft von Webers Vorgänger gewesen. Das war noch ein Vorgesetzter aus altem Schrot und Korn. Hart in der Sache, aber immer menschlich und interessiert an einem. Eva und ich hatten Herrn Habinger a. D. sehr gemocht.
»Ist er da?«, fragte ich Eva.
»Ja, geh gleich rein, er sucht dich schon«, antwortete sie.
»Mensch, Bergmann, da sind Sie ja. Wüsste ich nicht genau, dass Sie mit der Handhabung Ihres neuen Diensthandys nicht klarkommen, müsste ich ja fast glauben Sie haben mich absichtlich nicht vom Tatort aus angerufen«, hallte es mit vorwurfsvoll entgegen.
