FRIESLAND UND DAS BLONDE GIFT - Christian Dörge - E-Book

FRIESLAND UND DAS BLONDE GIFT E-Book

Christian Dörge

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  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2021
Beschreibung

1968. Als Rechtsanwalt Siemen Friesland von einer Urlaubsreise nach Rom in die ostfriesische Kleinstadt Hagensmoor zurückkehrt, findet er in seiner Wohnung eine ihm unbekannte, spärlich bekleidete Blondine vor, die ihn augenscheinlich erwartet. Jene ungebetene (und zudem betrunkene) Besucherin loszuwerden erweist sich als ebenso schwierig wie unangenehm. Wenige Stunden später wird die geheimnisvolle Blondine ermordet aufgefunden, und Friesland gerät unter Mordverdacht...    Der Roman  FRIESLAND UND DAS BLONDE GIFT  von Christian Dörge, Autor u. a. der Krimi-Serien  Ein Fall für Remigius Jungblut  und  Die unheimlichen Fälle des Edgar Wallace , ist der Auftakt einer Reihe von Krimis aus Deutschlands Norden. 

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Seitenzahl: 244

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CHRISTIAN DÖRGE

 

 

FRIESLAND

UND DAS BLONDE GIFT

 

 

 

 

Roman

 

 

 

 

Signum-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

Der Autor 

 

FRIESLAND UND DAS BLONDE GIFT 

Die Hauptpersonen dieses Romans 

 

Erstes Kapitel 

Zweites Kapitel 

Drittes Kapitel 

Viertes Kapitel 

Fünftes Kapitel 

Sechstes Kapitel 

Siebtes Kapitel 

Achtes Kapitel 

Neuntes Kapitel 

Zehntes Kapitel 

Elftes Kapitel 

Zwölftes Kapitel 

Dreizehntes Kapitel 

Vierzehntes Kapitel 

Fünfzehntes Kapitel 

Sechzehntes Kapitel 

Siebzehntes Kapitel 

Achtzehntes Kapitel 

Neunzehntes Kapitel 

Zwanzigstes Kapitel 

Einundzwanzigstes Kapitel 

Zweiundzwanzigstes Kapitel 

Dreiundzwanzigstes Kapitel 

Vierundzwanzigstes Kapitel 

Fünfundzwanzigstes Kapitel 

Sechsundzwanzigstes Kapitel 

Siebenundzwanzigstes Kapitel 

Achtundzwanzigstes Kapitel 

Das Buch

 

 

1968.

Als Rechtsanwalt Siemen Friesland von einer Urlaubsreise nach Rom in die ostfriesische Kleinstadt Hagensmoor zurückkehrt, findet er in seiner Wohnung eine ihm unbekannte, spärlich bekleidete Blondine vor, die ihn augenscheinlich erwartet. Jene ungebetene (und zudem betrunkene) Besucherin loszuwerden erweist sich als ebenso schwierig wie unangenehm.

Wenige Stunden später wird die geheimnisvolle Blondine ermordet aufgefunden, und Friesland gerät unter Mordverdacht...

 

Der Roman Friesland und das blonde Gift vonChristian Dörge, Autor u. a. der Krimi-Serien Ein Fall für Remigius Jungblut und Die unheimlichen Fälle des Edgar Wallace, ist der Auftakt einer Reihe von Krimis aus Deutschlands Norden. 

Der Autor

 

Christian Dörge, Jahrgang 1969.

Schriftsteller, Dramatiker, Musiker, Theater-Schauspieler und -Regisseur.

Erste Veröffentlichungen 1988 und 1989:  Phenomena (Roman), Opera (Texte).  

Von 1989 bis 1993 Leiter der Theatergruppe Orphée-Dramatiques und Inszenierung  

eigener Werke,  u.a. Eine Selbstspiegelung des Poeten (1990), Das Testament des Orpheus (1990), Das Gefängnis (1992) und Hamlet-Monologe (2014). 

1988 bis 2018: Diverse Veröffentlichungen in Anthologien und Literatur-Periodika.

Veröffentlichung der Textsammlungen Automatik (1991) sowie Gift und Lichter von Paris (beide 1993). 

Seit 1992 erfolgreich als Komponist und Sänger seiner Projekte Syria und Borgia Disco sowie als Spoken Words-Artist im Rahmen zahlreicher Literatur-Vertonungen; Veröffentlichung von über 60 Alben, u.a. Ozymandias Of Egypt (1994), Marrakesh Night Market (1995), Antiphon (1996), A Gift From Culture (1996), Metroland (1999), Slow Night (2003), Sixties Alien Love Story (2010), American Gothic (2011), Flower Mercy Needle Chain (2011), Analog (2010), Apotheosis (2011), Tristana 9212 (2012), On Glass (2014), The Sound Of Snow (2015), American Life (2015), Cyberpunk (2016), Ghost Of A Bad Idea – The Very Best Of Christian Dörge (2017). 

Rückkehr zur Literatur im Jahr 2013: Veröffentlichung der Theaterstücke Hamlet-Monologe und Macbeth-Monologe (beide 2015) und von Kopernikus 8818 – Eine Werkausgabe (2019), einer ersten umfangreichen Werkschau seiner experimentelleren Arbeiten.  

2021 veröffentlicht Christian Dörge den Giallo-Roman Das rote Trauma und startet drei Roman-Serien: Die unheimlichen Fälle des Edgar Wallace sowie München-Krimis um die Privatdetektive Jack Kandlbinder und Remigius Jungblut. 

FRIESLAND UND DAS BLONDE GIFT

 

  Die Hauptpersonen dieses Romans

 

 

Siemen Friesland: Rechtsanwalt (und ehemaliger Marine-Leutnant) in Hagensmoor.

Ariane Harms: eine Tänzerin. 

Egbert Sartorius: ein wohlhabender Börsenmakler. 

Nienke Sartorius: seine Frau. 

Sinja Lambertus: Cousine von Egbert Sartorius. 

Matthias Hansen: Hauptkommissar bei der Kriminalpolizei Emden. 

Ingmar Stutenbrinck: Inspektor bei der Polizei von Hagensmoor. 

Klaus Urban: Rechtsanwalt von Nienke Sartorius. 

Karen Stiegeisen: Friedrich Stiegeisens Nichte. 

Erich Bornemann: Nancy Stiegeisens Bruder. 

Leo Arnim: Besitzer des Nachtlokals Die Wunderlampe. 

Deike Jensen: Siemen Frieslands Sekretärin. 

Frank von Brehmen: Zweiter Offizier auf dem Kühlschiff Godewind. 

Philip Lohmann: Staatsanwalt in Hagensmoor. 

Rudolfo Cassini: Pianist und der Gesangslehrer von Karen Stiegeisen. 

Emmanuel Klein: Privatdetektiv. 

Theodora Frey: Freundin von Ariane Harms. 

 

 

Dieser Roman spielt in der ostfriesischen Kleinstadt Hagensmoor im Jahre 1968.

 

 

 

 

 

  Erstes Kapitel

 

 

An einem kalten Donnerstagabend sah ich die blonde Sirene zum ersten Mal. Ich war gerade aus dem Urlaub zurückgekommen, und als ich meine Wohnungstür öffnete, fand ich sie im Wohnzimmer vor. Beinahe hingegossen lag sie auf meinem Sofa, hatte meinen Radioapparat angedreht und trank ihren Cognac; sie musste ihn mitgebracht haben, denn ich mag Cognac nicht und kaufe auch nie welchen.

Wie angewurzelt blieb ich stehen; ihr Aufzug verschlug mir die Sprache. Sie trug ein schwarzes Höschen und einen schwarzen Büstenhalter – das war alles. Sie lag da, ein Bein bequem unter den Körper gezogen, und lächelte mir zu. Ich hatte sie noch nie in meinem Leben gesehen, ich stand einfach nur auf der Schwelle und starrte sie offenen Mundes an; meine Reisetasche hielt ich in der Hand – ihr Gewicht von fünfzig Pfund spürte ich im Augenblick nicht einmal.

Die Beine meiner Besucherin und ihr üppiger Busen waren durchaus beachtenswert. Ihr leuchtend blondes Haar und ihre perlweiße Haut stachen wirkungsvoll von der schwarzen Reizwäsche ab. Ihr Blick war zwar alkoholverklärt, aber doch recht einladend und herzgewinnend.

»Friesland?«, fragte sie leise.

Ich nickte nur, immer noch sprachlos.

»Du kommst recht spät«, sagte sie.

Ich stellte meine Tasche ab und trat zögernd ins Zimmer. »Im Gegenteil«, erwiderte ich, »ich komme viel zu früh.«

Das stimmte. Vor etwa zwanzig Minuten war ich am Bahnhof von Hagensmoor eingetroffen, acht Tage früher, als ich beabsichtigt hatte; eine Woche Rom hatte mir vollauf genügt. Die Lautstärke, der irrsinnige Verkehr, die exzentrischen Frauen, eingezwängt in viel zu kleine Kostüme und beladen mit viel zu großen Schmuckstücken – all das war mir allmählich auf die Nerven gegangen. Die Jagd nach Zerstreuung wird dort unten mit scheinbar geradezu finsterem Eifer betrieben, und so verließ ich, einer plötzlichen Eingebung folgend, die Ewige Stadt, ohne jemandem in Hagensmoor ein Wort davon zu sagen.

Und nun fand ich hier in meiner Behausung diese halbnackte blonde Fee!

Ich trat zu ihr hin. Auf einem Lederhocker neben dem Sofa lagen ihre nachlässig hingeworfenen Kleider: ein moosgrünes Kostüm mit Mantel und darüber ein dazu passender Hut, an dessen Rand eine nilgrüne Feder schwankte.

Da stand ich nun, breitbeinig und wie vor den Kopf geschlagen, während ich angestrengt mein Gedächtnis durchwühlte. Selbst auf diese Entfernung lehnte sich mein Geruchssinn auf: Der Duft von Jasmin in Verbindung mit Alkoholdunst ergab eine so liebliche Mischung, dass ich förmlich zurückprallte. Ihre Augen waren halb geschlossen, ihre Lippen lächelten verschwommen. Der etwas starre Gesichtsausdruck zeigte deutlich, dass sie bereits ordentlich betrunken war oder es zumindest sehr bald sein würde.

»Nimm doch endlich Platz!«, forderte sie mich auf, während ihre weinrot lackierten Fingernägel auf einem Sofakissen spielten.

Der Mann in mir sagte: Sei kein Frosch, Friesland! Vorwärts, einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul! Doch der Rechtsanwalt in mir war misstrauisch: Vorsicht, alter Knabe, immer langsam. Nicht alles ist Gold, was glänzt. Da stimmt was nicht im Staate Dänemark! Rasch überdachte ich die Lage. In der falschen Wohnung konnte sie nicht sein, denn sie hatte meinen Namen genannt. Auch war sie nicht etwa von irgendeinem Freund mit exzentrischem Humor deponiert worden, denn keiner hätte meine verfrühte Heimkehr vorausahnen können. Selbst meine Sekretärin hatte ich von der Änderung meiner Pläne nicht verständigt.

Ich schüttelte den Kopf. »Hören Sie mal zu, mein hübsches Kind«, sagte ich. »Das ist alles gut und schön. Ich bin tief gerührt. Sie haben einen ansehnlichen Körper, und ein anderes Mal will ich gern unsere Muttermale miteinander vergleichen. Aber ich bin gerade 1.700 Kilometer weit gereist, bin also todmüde und nervös und nicht in der Stimmung zu solchen Spielchen. Was ich brauche, ist ein Bad und mindestens zehn Stunden Schlaf. Kurz und gut: Ich will meine Ruhe haben! Außerdem möchte ich wissen, wie Sie hier eigentlich reingekommen sind und was der Witz des Ganzen ist.«

»Witz?« Ihr Lächeln wurde unsicher, hielt sich aber noch. Sie schaute verwirrt drein, erhob sich taumelnd und starrte mich an. Dann fragte sie scharf: »Ist das hier nicht das Hans-Adalbert-Apartmenthaus?«

»Ist es, ja.«

»Apartment 7 E?«

»Stimmt auffallend.«

»Sie sind Siemen Friesland?«

»Laut Geburtsurkunde bin ich's.«

Woraufhin sie sich wohlig zurücksinken ließ und mich wieder anlächelte. »Dann nimm’s, wie’s kommt, und überlass alles Ariane. Ariane weiß genau, was sie zu tun hat.«

»Und was, wenn ich fragen darf, wird Ariane tun?«

»Das wirst du gleich sehen«, sagte sie kichernd, »einen Moment! Komm, setz dich zu mir und mach’s dir bequem.«

Sie ging mir auf die Nerven. Während sie nach dem Glas griff und sich einen kräftigen Schluck Cognac genehmigte, schaute ich finster auf sie hinunter.

»Zieh dich an!«, forderte ich sie auf.

»Oh, nein«, widersprach sie kopfschüttelnd. »Du verstehst nicht. Es ist viel besser, wenn ich nichts anhabe, weil...«

Die Türglocke schrillte und schnitt ihr das Wort ab. Sie reagierte darauf, als sei das Sofa plötzlich elektrisch geladen worden. Ihr Kinn flog hoch, ihre Miene belebte sich, und sie hopste vom Sofa. Dann stürmte sie auf mich los, stieß mich nach rückwärts in einen Clubsessel hinein, der zwei Schritte hinter mir stand, und setzte sich auf meinen Schoß. Ihr Kopf sank zur Seite, und sie umklammerte meinen Hals. »Stell dich nicht so blöd an!«, zischte sie und küsste mich. Und wie sie mich küsste! Ich saß da, starr und steif wie eine Schaufensterpuppe.

Sie machte ihre Sache gut, sehr gut sogar, sozusagen technisch vollendet, noch dazu ganz ohne meine Mitwirkung, und ein wohliger Schauer durchzuckte meine Rückenwirbel.

Dann aber, ganz plötzlich, hatten wir Gesellschaft.

Ein Mann war leise ins Zimmer getreten und stand nun wie vom Donner gerührt da. Es war Georg, unser Portier, bewaffnet mit zwei Flaschen Bier; ich hatte ihn beim Heimkommen beauftragt, sie für mich zu holen. Er ließ seinen Unterkiefer fallen und starrte uns mit weit aufgerissenem Mund an. Dann blinzelte er mir verschmitzt zu, stellte die Flaschen gemächlich auf den Boden und zog sich zurück.

Die blonde Frau saß noch immer auf meinem Schoß, hing immer noch an meinem Mund – ich aber hatte nun genug. Ich schob ihr Kinn zurück und machte mich frei.

»Wer war das?«, murmelte sie.

»Mein Gewissen!«, antwortete ich. »Steh auf!«

Ihre Hände umklammerten meinen Nacken, ihre Augen waren trübe, und sie drängte ihren Mund, mit Lippenstift verschmiert, hungrig zu mir hin. »Noch mehr!«, lallte sie.

Nun hatte ich nur einen Wunsch: Zum Teufel mit ihr, hinaus aus meiner Wohnung, hinaus aus meinem Leben, fort mit diesem schönen Körper, mit Schnapsdunst, Fleischeslust und so weiter!

Ich schob sie von meinem Schoß und stand auf. Sie landete mit einem lauten Plumps auf dem Teppich, von wo sie mich, ihr Kinn in die Hände gestützt, ein wenig einfältig anschaute.

Ich schnauzte sie an: »Steh auf und zieh dich an! Wenn du nicht in fünf Minuten fertig bist, schmeiß ich dich raus, nackt wie du bist. Es ist mir ganz egal, was die Nachbarn denken. Ich habe jetzt die Nase voll! Also los, marsch!«

Ihre Augen wurden größer und größer, fassungslos starrte sie mich an. Dann aber veränderten sich ihre Züge schlagartig, sie gerieten gleichsam aus den Fugen, ihr Ausdruck wurde hart und böse, und nun fluchte und schimpfte sie, grob und überaus sachkundig.

Ich beugte mich zu ihr hinunter, riss sie hoch, packte sie an den Schultern und schüttelte sie nicht gerade sanft.

»Spar dir diese Litanei für einen, der sie zu schätzen weiß«, fuhr ich sie an. »Antworte, was hast du hier zu suchen?«

Ihre Lippen wurden blutleer unter der Schminke. Ich ließ sie los und trat einen Schritt zurück. Unsicher schwankte sie hin und her.

»Ich will ’n Schnaps!«, wimmerte sie.

»Zuerst will ich Antworten!«

Ihr Mund verzog sich eigensinnig.

Ich stieß einen Seufzer aus. »Also gut. Nimm einen. Aber nur einen! Und die Flasche kannst du mitnehmen.«

Sie riss die Flasche an sich, goss sich ein Glas randvoll ein und kippte es mit einem Zug hinunter, als sei es eine bittere Medizin. Es war wirklich ein beachtenswerter Anblick.

»Das wird dir hoffentlich die Zunge lösen, mein Schatz«, sagte ich, »also, schieß los!«

Sie ließ das Glas los und sank vornüber. »Ich hab' eine Menge zu erzählen«, lallte sie. »Kein Kerl kann Ariane reinlegen und sie dann im Dreck sitzenlassen. Der wird hochgenommen! Darauf kannst du dich verlassen!«

»Ich warte immer noch«, brummte ich und wiederholte: »Schieß los!«

Ihr Ausdruck wurde starr, ihre Nasenflügel zogen sich krampfhaft zusammen, sie zitterte am ganzen Leib und atmete mühsam. Schweiß trat ihr auf die Stirn, ihr Gesicht wurde gelblich-blass, sie taumelte zurück und krallte sich haltsuchend ans Sofa.

Schließlich murmelte sie: »Du weißt doch, wer mich geschickt hat... weil... weil...« Die Worte rissen ab und wurden zu einem Geflüster, das bald in lautem Röcheln endete.

So stand sie mir gegenüber und versuchte zu sprechen. Ihr Mund bewegte sich krampfhaft, doch kein Laut kam hervor, ihre Augen verdrehten sich. Dann sank sie langsam zu Boden wie schmelzendes Wachs.

 

 

 

 

  Zweites Kapitel

 

 

Sie lag ausgestreckt da und schnarchte, dass die Wände förmlich zitterten. Offensichtlich war sie betrunkener als zwei Matrosen auf Landurlaub.

Nachdenklich betrachtete ich sie. Was sollte ich tun? Wenn ich sie hier ausschlafen ließe, würde das zumindest fünfzehn Stunden dauern. Es blieb also nichts anderes übrig, als sie auf die Straße zu schleppen, sie in ein Taxi zu setzen und sie vom Fahrer nach Hause bringen zu lassen.

Ich leerte den Inhalt ihrer Handtasche auf das Sofa; es war erstaunlich wenig darin: ein Schlüssel zu einem Sicherheitsschloss, ein Parfüm-Fläschchen, das ich sehr vorsichtig anfasste – wenn ich es zerbrach, musste ich wohl meine Wohnung fluchtartig räumen –, ein funkelnagelneuer Hundert-Mark-Schein und etwas Kleingeld. Das war alles. Keine Adresse, kein Ausweis. Nur ein Zettel mit meiner von Hand geschriebenen Adresse:

 

Siemen Friesland, Hans-Adalbert-Apartmenthaus, Apt. 7 E.

 

Sie anzuziehen war ein schwieriges Unterfangen, denn sie war steif wie ein toter Aal. Ihre Schuhe fand ich und zog sie ihr über die bloßen Füße; Strümpfe waren nicht da.

Ihr stoßweises, röchelndes Atmen beunruhigte mich; ihr Gesicht war verzerrt und schweißüberströmt, es gefiel mir gar nicht, aber Alkohol übt oft diese Wirkung aus.

Dann eilte ich hinunter auf die Straße, rief ein Taxi herbei und dirigierte es zur Hintertür.

»Was ist los?«, fragte der Fahrer, ein Mann mit einem ausgesprochenen Spitzbubengesicht.

Ich hielt ihm einen Zehn-Mark-Schein hin und fragte: »Wollen Sie sich den verdienen?«

»Hm! Was soll ich tun... Wen soll ich dafür umbringen?«

»Quatschen Sie nicht! Ich habe oben bei mir eine Dame, die ihre alkoholische Aufnahmefähigkeit überschätzt hat. Ich bringe sie runter und setze sie in Ihren Wagen. Sie sollen sie rumfahren, bis sie nüchtern wird.«

»Und dann?«

»Fahren Sie sie nach meinetwegen nach Emden, oder bringen Sie sie nach Haus, was sie will.«

Lauernd betrachtete er mich. »Und wenn sie die ganze Nacht schläft?«

»Die Luft wird sie schon wach machen, vielleicht schon in zehn Minuten, dann brauchen Sie mir nichts zurückzuzahlen.«

»Wo wohnt die Dame denn?«

Ich zuckte die Achseln. »Das weiß ich nicht, aber Sie kriegen noch einen Zehner, wenn Sie sie nach Haus schaffen und mir die Adresse bringen. Mein Name ist Friesland, ich bin Rechtsanwalt.«

Er war noch immer misstrauisch: »Und wenn sie am Ende der Welt wohnt?«

»Sie hat genügend Geld bei sich, sie kann selbst für alles zahlen... Die zehn Mark sind eine Gratifikation, wenn Sie so wollen.«

Er schob sein Kinn vor und stellte den Motor ab. »Gut, bringen Sie sie her!«

Als ich in meine Wohnung kam, lag die schöne Blonde wie gehabt lang ausgestreckt auf dem Boden. Ihr Mund war weit aufgerissen, und sie war noch bleicher als vorhin; es war in der Tat erschreckend. Ich stülpte ihr den Federhut auf den Kopf und hob sie hoch, als die Wohnungsklingel neuerdings läutete.

Ich ließ Ariane los, und sie glitt zu Boden wie ein Wäschebündel. Bewegungslos stand ich da, die Ohren gespitzt. Was sollte der Andrang? Kein Mensch wusste, dass ich schon zu Hause war, ich erwartete keinen Besuch. Eine kurze Stille folgte, dann wurde wieder geläutet wie bei einem Feueralarm. Schließlich hämmerte eine Faust an die Tür. Ich holte tief Atem, ging selbstbewusst durchs Zimmer in den Vorraum und stieß die Wohnungstür auf.

Zwei Männer und eine junge Dame standen davor; der eine, ein großer, stämmiger Kerl, hielt die Faust hoch und wollte gerade weiter hämmern. Über einer riesigen, keulenförmigen Nase thronte eine Brille mit daumendicken Gläsern. Neben ihm stand ein blässlicher junger Mann, der mich reichlich blöde angrinste, dahinter die junge Dame, die irgendwie gar nicht zu ihren Begleitern passte.

Sie hatte eine schöne, schlanke Figur, leuchtend kupferrotes Haar und strahlend blaue Augen. Mir war, als hätte ich sie schon irgendwo gesehen.

Der große Kerl mit der Brille herrschte mich an: »Aus dem Weg!«

Sanft erwiderte ich: »Was wünschen Sie denn?«

»Ich will rein!«

Ich schüttelte den Kopf. »Das geht leider nicht.«

Die junge Dame riss die Augen auf und stieß hervor: »Aber... Aber das ist ja gar nicht Egbert!«

Stirnrunzelnd legte der Brillenmann die Hand auf meine Schulter und sagte: »Jedenfalls wollen wir uns mal umschauen.«

»Nehmen Sie Ihre unverschämte Pfote weg!«, knurrte ich.

Er nahm die Hand von meiner Schulter und stemmte sie an meine Brust. Das hätte er nicht tun sollen. Seine Keulennase stellte ein Ziel dar, das man kaum verfehlen konnte. Als ich zuschlug, prallte er an die Wand zurück; sein steifer, schwarzer Hut rollte auf den Boden, und seine Nase war plötzlich zu einer zerquetschten Tomate geworden.

Der junge Mann war käsebleich und sprang zur Seite. Das Mädchen schrie nicht, starrte mich aber erstaunt an.

Der große Mann zog ein Taschentuch hervor und bemühte sich, die aus seiner Nase strömende rote Flut einzudämmen.

»Wollen Sie noch immer reinkommen?«, fragte ich freundlich.

Mir einen giftigen Blick zuwerfend, knurrte er: »Das werden Sie mir büßen!«, hob seinen Hut auf und stapfte zum Fahrstuhl; der junge Mann trippelte hinter ihm drein.

Die kupferrote Schöne hingegen hielt die Stellung. Mein Lächeln erwiderte sie freundlich und sagte: »Sie sind doch Siemen Friesland?«

»Es lässt sich wohl nicht leugnen.«

»Darf ich nicht reinkommen?«

Ich dachte an die in meinem Zimmer auf dem Boden liegende Blondine. Die junge Dame bemerkte mein Zögern und fügte hinzu: »Ich möchte gern mit Ihnen sprechen.«

Ich schüttelte den Kopf: »Ein anderes Mal.«

Erstaunt schaute sie mich an. »Wo ist...? Wir hatten geglaubt, Egbert Sartorius wäre hier.«

»Nein, das ist er nicht... Und wenn ich ihn erwische, drehe ich ihm den Hals um.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Ich erkläre es Ihnen bei seiner Beerdigung.«

Die Fahrstuhltür ging auf, und der Liftboy rief: »Nach unten!«

Freundlich lächelnd nickte sie mir zu, drehte sich auf dem Absatz um und eilte davon.

Ich schloss die Tür hinter mir, blieb stehen und dachte mit gemischten Gefühlen über Egbert Sartorius nach. Ich hatte die Reise nach Rom dazu benutzt, sein Haus in Trastevere zu verkaufen – ein kaum bescheiden zu nennendes Anwesen mit fünfzehn Zimmern, einem riesigen Garten, einem großen Schwimmbecken und einem Tennisplatz. Egbert war mein Klient, ein recht guter – aus verschiedenen Gründen. Wir hatten zusammen studiert, er hatte mehr Geld, als er ausgeben konnte, und bei ihm war stets der Teufel los. Als ich verreiste, hatte ich ihm auf seinen Wunsch (und ohne weitere Nachfragen) meinen Wohnungsschlüssel hinterlassen. Das fiel mir nun ein, und ich konnte mir die Anwesenheit der Blondine erklären.

Ich ging in mein Wohnzimmer und betrachtete sie stirnrunzelnd. Egbert war ein berüchtigter Schürzenjäger, ein Lebemann. Er warf mit dem Geld buchstäblich um sich. Wahrscheinlich war sie eine seiner Freundinnen. Er sammelte Frauen wie andere Männer Briefmarken oder Münzen, das war sein Steckenpferd. Er war verheiratet, hatte sich aber kürzlich von seiner Frau getrennt.

Der Atem der Blonden ging noch immer stoßweise, röchelnd. Ich hob sie hoch und trug sie zum Gepäckfahrstuhl. Der alte Mann, der ihn bediente, riss die Tür auf und ließ uns wortlos hinein. Er hatte schon viele Betrunkene erlebt.

Unten deponierte ich die Blondine auf dem Rücksitz des Taxis. Sie rollte sofort zur Seite, ihr Rock schob sich hoch, und ihre schönen, weißen Schenkel kamen zum Vorschein.

Der Fahrer stieß einen Pfiff aus und sagte: »Das ist ja mal ’n Prachtstück!« Die zehn Mark riss er mir aus der Hand.

»Sie wissen, was Sie zu tun haben«, ermahnte ich ihn, »und lassen Sie die Fenster zu, sie ist völlig durchgeschwitzt.«

Er hatte es sehr eilig. Nachdem der Wagen um die Ecke davongebraust war, stieß ich einen Seufzer der Erleichterung aus.

Zurück in meiner Wohnung, goss ich mir ein Glas Whisky ein, ging damit ins Badezimmer, ließ Wasser einlaufen, zog mich aus, stieg in die Wanne, schloss die Augen und streckte mich wohlig.

Gerade als ich nach dem Glas griff, läutete die Wohnungsklingel erneut wie verrückt.

Stöhnend richtete ich mich auf und trocknete mich ab, um hinauszugehen. Ich verlangte ja nun wirklich nicht viel, nur ein bisschen Ruhe und Frieden. Ich steckte einen Papierknäuel in die Klingel, und das Sturmgeläut verstummte.

Wieder legte ich mich in die Wanne und genoss die Ruhe, als ich ein Geräusch hörte...

Schritte – in meiner Wohnung!

»Ich rief: »Hallo!«

Keine Antwort. Schwere Schritte waren aus dem Schlafzimmer zu hören... Die Badezimmertür öffnete sich... Auf der Schwelle stand ein dunkelhaariger, stämmiger Mann, mit einem braungebrannten, kantigen Gesicht. Er trug die blaue Uniform eines Offiziers der Handelsmarine. Aus seinen harten, grauen Augen starrte er mich durchdringend an.

Ich saß aufrecht in der Wanne und erwiderte sein Starren.

»Wo ist sie?«, zischte er, das Kinn vorgeschoben.

»Wo ist... wer?«

Eine blaue Ader schwoll auf seiner Stirn an. »Hören Sie, Friesland, ich will Ariane haben! Ich werde sie finden, und wenn ich die ganze Bude entzweischlagen muss! Wo ist sie?«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich habe keine Ahnung, wer Sie sind und wovon Sie reden. Und es ist mir auch ganz egal. Dies ist meine Wohnung. Scheren Sie sich sofort raus!«

Er ballte die rechte Hand zur Faust – eine Hand, die sich ohne Axt zum Entwurzeln von Bäumen eignete. »Sie war hier«, donnerte er, »ich hab’ sie raufgehen sehen!«

»Niemand ist hier«, entgegnete ich wütend, »ich war allein – bis Sie hereingekommen sind.«

Er warf mir einen vernichtenden Blick zu und stürmte ins Schlafzimmer. Ich hörte ihn in der Wohnung rumoren. Nach einer Weile kam er zurück und erklärte giftig: »Sie ist weg, aber sie war hier, ich rieche ihr Parfüm. Ich gebe Ihnen einen guten Rat, Friesland: Lassen Sie die Finger von Ariane! Wenn ich sie je bei Ihnen erwische, dann schlag’ ich Ihnen den Schädel ein!«

Damit drehte er sich um und verschwand. Das Haus schien in seinen Grundfesten zu erbeben, als er die Wohnungstür ins Schloss warf.

Empört stieg ich aus der Wanne, trocknete mich ab und ging zur Wohnungstür. Ich hatte sie nicht abgeschlossen. Das holte ich nach, öffnete dann die Fenster und entließ den Jasminduft in die frische Luft.

Schließlich legte ich mich ins Bett und versank sofort in tiefen Schlaf.

Ich träumte. Ich lief hinter einer halbnackten Blondine her, ein Mann in einer blauen Uniform griff mich an der Schulter und wollte mich zurückreißen.

 

 

 

 

  Drittes Kapitel

 

 

Irgendwann... wachte ich auf. Ich wehrte mich dagegen. Eine Hand packte mich an der Schulter, eine schwere Hand, die mich heftig rüttelte und schüttelte.

Wie aus weiter Ferne ertönte eine Stimme: »Er kann nicht tot sein, er ist ja noch warm.«

Ich glaube, dass ich knapp zwei Stunden geschlafen hatte. Mühsam hob ich den Kopf.

»Was ist denn los?«, knurrte ich.

Ein scharfgeschnittenes, schmales Gesicht war über mich gebeugt; dunkle Augen starrten mich drohend an. Ein mir unbekanntes Gesicht.

»Friesland?« wurde ich gefragt.

»Ja. Immer noch.« Ich blinzelte das Gesicht an.

»Gut! Stehen Sie auf!«, wurde kommandiert.

Ich schwang die Füße auf den Boden und hielt meinen Kopf stöhnend mit beiden Händen. Mir war hundeelend zumute; ich hatte das Gefühl, als hätte ich überhaupt nicht geschlafen. Ein wenig benommen schaute ich auf und sah noch zwei weitere Männer im Zimmer. Der eine hatte rostrotes Haar, und man erkannte auf den ersten Blick, dass er ein Polizist war, obwohl er keine Uniform trug. Neben ihm stand der alte Mann, der den Gepäckfahrstuhl bediente.

Der Mann mit dem schmalen Gesicht fragte ihn, mit dem Daumen auf mich deutend: »Ist das der Vogel?«

Der alte Mann duckte den Kopf. »Jawohl, mein Herr, das is’ er. Ich glaube, er heißt Friesland. Er hat in meinem Fahrstuhl die Dame nach unten gebracht. Er hat sie getragen, sie muss sternhagelvoll gewesen sein. Sie hat ganz schwer geatmet...«

»Wie hat sie ausgesehen?«

»Hellblondes Haar... Schönes Haar... Ein hübsches Ding... Sie hätt’ nicht so viel trinken sollen.«

Ich war nun hellwach. »Was ist denn los?«, fauchte ich.

Der Mann mit dem scharfgeschnittenen Gesicht brachte eine Polizeimarke zum Vorschein und erwiderte gelassen: »Hauptkommissar Hansen von der Mordkommission.«

»Mordkommission?«

»Regen Sie sich nicht auf! Wir sollten in Ruhe miteinander sprechen.«

»Worüber denn?«

Er antwortete nicht, sondern sagte zu dem Polizisten: »Bringen Sie den Kerl rein, Wienick!«

Hauptkommissar Hansen betrachtete mich aus seinen gescheiten, dunklen Augen prüfend, aber keineswegs bösartig. Wienick kam ins Zimmer zurück, zusammen mit ihm tauchte der Taxifahrer mit dem Spitzbubengesicht auf.

Er war zappelig und zerrte nervös an seinem Kragen. Als er mich erblickte, deutete er mit zitterndem Finger auf mich und schrie: »Das is’ er! Das is’ der Schweinehund, der mir diese Hure angedreht hat. Er hat gesagt, sie wär’ besoffen, und ich soll sie in der Gegend rumfahren, bis sie wieder nüchtern is’. Aber sie is’ nicht nüchtern geworden. Als ich nach hinten zu ihr hingeschaut hab’, is’ sie auf dem Boden gelegen... mausetot!«

Ich sprang auf. Ich brachte kein Wort hervor, ich konnte ihn nur anstarren.

»Jawoll!«, schrie er. »Mir ’ne tote Hure in meinen Wagen stecken un’ mir lausige zehn Mark in die Hand drücken, um sie loszuwerden... Der Sauhund, der...«

»Genug!«, unterbrach ihn Hansen. »Führen Sie ihn raus, Wienick.«

»Ich verstehe das alles nicht«, sagte ich zum Hauptkommissar. »Ist sie wirklich tot?«

»Na, und wie!«

»Aber wieso... wann...?«

»Sie wissen es nicht?«, fragte er, den Kopf zur Seite geneigt.

Ich spreizte meine Hände. »Woher soll ich das wissen? Sie hat gelebt, als ich sie ins Taxi geschafft habe. Sie war betrunken, duun, sternhagelvoll. Woran ist sie denn gestorben?«

»Gift! Wahrscheinlich war es in dem Schnaps, den sie getrunken hat. Es wird gerade eine Autopsie vorgenommen. Was hat sie denn getrunken?«

»Cognac.«

»Diesen da?« Er zog eine Flasche aus der Tasche.

Langsam nickte ich. »Ich glaube, ja.«

»Von Ihnen?«

»Ich mag keinen Cognac, und ich kaufe nie welchen.« Irgendwie kam ich mir in diesem Moment vor wie eine Schallplatte mit Sprung.

Er schaute mich skeptisch an. »Wie ist die Flasche dann in Ihre Wohnung gekommen?«

»Ich habe nicht die geringste Ahnung... Sie muss sie mitgebracht haben.«

Wienick, der ins Zimmer zurückgekommen war, stand da, die Hände in den Taschen vergraben, und beobachtete mich.

»Wie heißt sie?«, fragte Hansen.

»Ariane«, antwortete ich.

»Ariane... und weiter?«

»Ich weiß es nicht. Ich habe sie heute zum ersten Mal in meinem Leben gesehen. Das klingt merkwürdig, ich weiß es, aber es ist so. Ich kam heute Abend von einer Urlaubsreise nach Rom zurück, und da war sie... Sitzt in meinem Wohnzimmer mit dieser Flasche Cognac, und hat sich häuslich eingerichtet! Ich schwöre Ihnen, ich weiß nicht, wer sie war und wie sie hereingekommen ist.«

Wienick schnaubte verächtlich.

»Also, Sie haben sie hier vorgefunden, als Sie heimkamen«, sagte Hansen. »Und dann?«

»Sie hatte getrunken. Und sie war so besoffen, dass sie zusammenklappte, ehe sie meine Frage, was sie hier wollte, beantworten konnte.«

»Da haben Sie sie nach unten geschafft und in ein Taxi verfrachtet.«

»Ich war so frei. Außerdem nahm ich an, sie würde nüchtern werden und dem Fahrer ihre Adresse mitteilen.«

»Holen Sie den Portier«, sagte Hansen zu Wienick.

Bald kam Wienick mit unserem wackeren Georg zurück, der höchst unglücklich dreinschaute. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn, und er schluckte dauernd.

»Wiederholen Sie, Georg, was Sie uns vorhin erzählt haben«, sagte Hansen freundlich.

Georg benetzte sich die Lippen. »Also, Herr Kommissar, als Herr Friesland aus dem Taxi gestiegen is’, hat er mir gesagt, ich soll für ihn Bier holen. Das hab’ ich gemacht und hab’ ihm die Flaschen nach oben gebracht. Als ich geläutet hab’ und er mir nicht aufmachte, bin ich reingegangen; die Tür is’ nicht zugeschlossen gewesen...« Er schluckte und rollte die Augen. »Also, da is’ Herr Friesland im Sessel gesessen, mit dem blonden Mädchen, sie is’ auf seinem Schoß gesessen.«

»Und was haben sie gemacht, Georg?«, fragte Hansen.

Wieder schluckte der Georg. »Sie haben sich geküsst, mein Herr.«

Hansen nickte. »Also, Friesland, ziehen Sie sich bitte an, Sie müssen mit uns kommen.«

Ich schaute ihn entsetzt an. »Aber Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich etwas damit zu...?«

»Ziehen Sie sich an!«

Also zog ich mich langsam an und versuchte krampfhaft zu denken, aber mein Hirn war wie leergefegt.

Im Wohnzimmer blieb Hansen stehen, blickte suchend umher, dann ging er in die Knie und schaute unter die Möbel. Schließlich griff er unters Sofa und holte etwas hervor – es war ein lilafarbener Damenhandschuh.

»Ist der von ihr?«, fragte er.

»Wahrscheinlich, denn ich trage keine Damenhandschuhe.«

Wieder schnaubte Wienick verächtlich. Er fing langsam aber sicher an, mir auf den Wecker zu gehen.

Wir gingen hinunter auf die Straße. Ein Polizeiwagen stand vor der Tür. Ich setzte mich zwischen Hansen und Wienick auf den Rücksitz. Ganz zwanglos, keine Handschellen, aber ich fühlte mich nicht zwanglos. Was geschah mit mir? Ich, ein bekannter Rechtsanwalt – bekannt zumindest unter den 20.000 Seelen von Hagensmoor – wurde des Mordes an einem mir ganz und gar fremden Mädchen beschuldigt!

 

 

 

 

  Viertes Kapitel