FRIESLAND UND DAS LETZTE SPIEL - Christian Dörge - E-Book

FRIESLAND UND DAS LETZTE SPIEL E-Book

Christian Dörge

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  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2021
Beschreibung

1968. Atemlos vor Aufregung und mitten in der Nacht taucht Julius Frankenberg, Theaterproduzent im ostfriesischen Hagensmoor, bei Rechtsanwalt Siemen Friesland auf: Filmstar Lorenz Westermann, Hauptdarsteller in Frankenbergs neuestem Erfolgs-Stück, wurde wegen Körperverletzung verhaftet. Friesland soll ihn gegen Kaution aus dem Gefängnis holen. Was wie ein Routine-Fall in der schillernden Welt des Theaters beginnt, entpuppt sich, nachdem ein erster Mord geschieht, als ein dicht gewobenes Netz aus Täuschungen und Intrigen. Um sich nicht in diesem Netz zu verfangen, muss Siemen Friesland seine Ermittlungen bis nach Bayern ausdehnen - ob er dort den Schlüssel zur Lösung des Falls findet?    Der Roman  FRIESLAND UND DAS LETZTE SPIEL  von Christian Dörge, Autor u. a. der Krimi-Serien  Ein Fall für Remigius Jungblut  und  Die unheimlichen Fälle des Edgar Wallace , ist der zweite Band einer Reihe von Krimis aus Deutschlands Norden. 

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CHRISTIAN DÖRGE

 

 

FRIESLAND

UND DAS LETZTE SPIEL

 

 

 

 

Roman

 

 

 

 

Signum-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

Der Autor 

 

FRIESLAND UND DAS LETZTE SPIEL 

 

Die Hauptpersonen dieses Romans 

Erstes Kapitel 

Zweites Kapitel 

Drittes Kapitel 

Viertes Kapitel 

Fünftes Kapitel 

Sechstes Kapitel 

Siebtes Kapitel 

Achtes Kapitel 

Neuntes Kapitel 

Zehntes Kapitel 

Elftes Kapitel 

Zwölftes Kapitel 

Dreizehntes Kapitel 

Vierzehntes Kapitel 

Fünfzehntes Kapitel 

Sechzehntes Kapitel 

Siebzehntes Kapitel 

Achtzehntes Kapitel 

Neunzehntes Kapitel 

Zwanzigstes Kapitel 

Einundzwanzigstes Kapitel 

Zweiundzwanzigstes Kapitel 

Dreiundzwanzigstes Kapitel 

Vierundzwanzigstes Kapitel 

Fünfundzwanzigstes Kapitel 

Sechsundzwanzigstes Kapitel 

Siebenundzwanzigstes Kapitel 

Achtundzwanzigstes Kapitel 

Neunundzwanzigstes Kapitel 

Das Buch

 

 

1968.

Atemlos vor Aufregung und mitten in der Nacht taucht Julius Frankenberg, Theaterproduzent im ostfriesischen Hagensmoor, bei Rechtsanwalt Siemen Friesland auf: Filmstar Lorenz Westermann, Hauptdarsteller in Frankenbergs neuestem Erfolgs-Stück, wurde wegen Körperverletzung verhaftet. Friesland soll ihn gegen Kaution aus dem Gefängnis holen.

Was wie ein Routine-Fall in der schillernden Welt des Theaters beginnt, entpuppt sich, nachdem ein erster Mord geschieht, als ein dicht gewobenes Netz aus Täuschungen und Intrigen. Um sich nicht in diesem Netz zu verfangen, muss Siemen Friesland seine Ermittlungen bis nach Bayern ausdehnen - ob er dort den Schlüssel zur Lösung des Falls findet?

 

Der Roman Friesland und das letzte Spiel vonChristian Dörge, Autor u. a. der Krimi-Serien Ein Fall für Remigius Jungblut und Die unheimlichen Fälle des Edgar Wallace, ist der zweite Band einer Reihe von Krimis aus Deutschlands Norden. 

Der Autor

 

Christian Dörge, Jahrgang 1969.

Schriftsteller, Dramatiker, Musiker, Theater-Schauspieler und -Regisseur.

Erste Veröffentlichungen 1988 und 1989:  Phenomena (Roman), Opera (Texte).  

Von 1989 bis 1993 Leiter der Theatergruppe Orphée-Dramatiques und Inszenierung  

eigener Werke,  u.a. Eine Selbstspiegelung des Poeten (1990), Das Testament des Orpheus (1990), Das Gefängnis (1992) und Hamlet-Monologe (2014). 

1988 bis 2018: Diverse Veröffentlichungen in Anthologien und Literatur-Periodika.

Veröffentlichung der Textsammlungen Automatik (1991) sowie Gift und Lichter von Paris (beide 1993). 

Seit 1992 erfolgreich als Komponist und Sänger seiner Projekte Syria und Borgia Disco sowie als Spoken Words-Artist im Rahmen zahlreicher Literatur-Vertonungen; Veröffentlichung von über 60 Alben, u.a. Ozymandias Of Egypt (1994), Marrakesh Night Market (1995), Antiphon (1996), A Gift From Culture (1996), Metroland (1999), Slow Night (2003), Sixties Alien Love Story (2010), American Gothic (2011), Flower Mercy Needle Chain (2011), Analog (2010), Apotheosis (2011), Tristana 9212 (2012), On Glass (2014), The Sound Of Snow (2015), American Life (2015), Cyberpunk (2016), Ghost Of A Bad Idea – The Very Best Of Christian Dörge (2017). 

Rückkehr zur Literatur im Jahr 2013: Veröffentlichung der Theaterstücke Hamlet-Monologe und Macbeth-Monologe (beide 2015) und von Kopernikus 8818 – Eine Werkausgabe (2019), einer ersten umfangreichen Werkschau seiner experimentelleren Arbeiten.  

2021 veröffentlicht Christian Dörge den Giallo-Roman Das rote Trauma und startet drei Roman-Serien: Die unheimlichen Fälle des Edgar Wallace sowie München-Krimis um die Privatdetektive Jack Kandlbinder und Remigius Jungblut. 

FRIESLAND UND DAS LETZTE SPIEL

 

  Die Hauptpersonen dieses Romans

 

Siemen Friesland: Rechtsanwalt (und ehemaliger Marine-Leutnant) in Hagensmoor.

Julius Frankenberg: Theaterproduzent. 

Lorenz Westermann: Schauspieler und Hauptdarsteller in der Komödie Wie eine Katze am Sonntag.

Stine Andersen: Julius Frankenbergs Sekretärin. 

Raimund Degenhardt: Prokurist bei der Firma Westerdiek & Co. 

Hindrik Degenhardt: sein Bruder. 

Sigmund Walfried: Richter beim Amtsgericht Hagensmoor. 

Volker Servatius: Staatsanwalt. 

Carl Brecht: Stine Andersens Onkel. 

Eleonora Brecht: seine Frau. 

Walter F. Lammers: Direktor der Firma Westerdiek & Co. 

Anastasia Lammers: seine Tochter. 

Edward Groper: ein höchst zwielichtiger Geschäftsmann. 

Röttger Schweer: Herausgeber des Skandal-Magazins Das Schlüsselloch. 

Remigius Jungblut: Privatdetektiv in München. 

Rosie Schneeberger: eine junge Frau aus Starnberg. 

Klaus Drexel: Rechtsanwalt. 

 

 

Dieser Roman spielt in der ostfriesischen Kleinstadt Hagensmoor im Jahre 1968.

 

 

 

 

  Erstes Kapitel

 

 

»Wachen Sie auf, Siemen! Wachen Sie auf.«

Der Störenfried war mitten in der Nacht in meine Wohnung eingedrungen, hatte meinen Wecker mit voller Lautstärke an mein Ohr gehalten und mich schließlich dadurch aus meinem Tiefschlaf gerissen, dass er mich immer wieder unerbittlich bei Namen rief.

Schließlich erkannte ich den nächtlichen Besucher. Es war Julius Frankenberg, unser gealtertes Hagensmoorer Theater-Wunderkind, mit seiner hohen braunen Stirn, seinen zynischen klugen Augen und seinem schmalen ehrgeizigen Mund.

»Sie sind betrunken«, sagte ich verbittert, »feiern Sie woanders weiter, aber gefälligst nicht hier.«

Frankenberg hatte Grund genug, zu feiern. Erst vor ein paar Stunden hatte ich ihn im Hafenhaus verlassen, wo er an die zwanzig Personen zu Gast hatte. Der Champagner floss in Strömen, und Frankenberg konnte hinsichtlich der Freude über die erfolgreiche Premiere seines neuen Stückes kein Ende finden. Wie eine Katze am Sonntag war ein brillantes Lustspiel, und die Begeisterung der Zuschauer zeigte, dass Frankenberg damit einen Riesentreffer gelandet hatte; fraglos würde er mit diesem Stück mindestens durch ganz Norddeutschland auf Tournee gehen. Zwei der wichtigsten Theaterkritiker aus Emden und aus Hamburg waren bis zum Schluss der Vorstellung geblieben und dann noch immer amüsiert lachend weggegangen, was genug über die Qualität des Stückes aussagte. Ich hatte Frankenbergs Gesellschaft als einer der ersten verlassen, um zu Bett zu gehen, weil ich schon früh am Morgen einen Gerichtstermin wahrnehmen musste.

»Wie viele Schlaftabletten haben Sie diesmal eingenommen?«, fragte Frankenberg, nachdem er mich erfolgreich geweckt hatte.

»Die übliche Dosis. Warum?«

»Weil ich mich zwanzig Minuten lang bemüht habe, Sie telefonisch zu erreichen, bevor ich hergekommen bin. Ich sagte dem Hausmeister, es sei äußerst dringend, und er ließ mich ein.« Frankenberg griff nach meinen Hosen und warf sie mir aufs Bett. »Ziehen Sie sich an.«

»Zu dieser Zeit? Nicht um alles in der Welt.«

»Sie müssen sich an die Arbeit machen.«

»Nein, mein Lieber.« Ich wurde ernst. »Ich bin ein Anwalt, kein Arzt. Mein Stand verpflichtet mich keineswegs, vierundzwanzig Stunden am Tag zur Verfügung zu stehen. Seien Sie ein guter Junge, Frankenberg. Gehen Sie zu Ihrer Feier zurück und lassen Sie mich weiterschlafen.«

»Mit der Feier ist’s aus und vorbei«, sagte er trocken. »Lorenz Westermann sitzt im Gefängnis.«

»Was sagen Sie da?«

»Lorenz ist im Gefängnis. Hinter Gittern! Eingesperrt, verhaftet!«

Ich starrte ihn an. Lorenz Westermann war in Frankenbergs Stück der Star, ein hübscher Junge mit einem ungewöhnlichen Sinn für Publikumswirkung, den er seiner Tätigkeit in verschiedenen Nachtclubs verdankte. Zwei Filme hatten ihn in ganz Deutschland bekannt gemacht und den Beweis geliefert, dass er ein echter Komiker von wirklicher Begabung war. Die Filmgesellschaft hatte ihn dennoch fallen lassen, aber daran waren Lorenz' unberechenbare Launen schuld.

Jetzt war ich hellwach und sah Frankenbergs müde Augen in seinem nervösen Gesicht.

»Verhaftet? Aus welchem Grund?«

»Wegen tätlichen Angriffs und Körperverletzung.«

»Wen hat Lorenz angegriffen?«

»Einen Fremden. Einen Mann, den er nicht kennt, den er nie in seinem Leben gesehen hat. Sie müssen Lorenz auf Kaution herausholen, Siemen. Wir haben heute eine Nachmittagsvorstellung, und das Theater ist bis auf den letzten Platz ausverkauft. Wenn Lorenz nicht auftritt, wird die Hälfte der Zuschauer das Eintrittsgeld zurückverlangen.« Schweißtropfen standen ihm bei diesem Gedanken auf der Stirn. »Und ich sage Ihnen noch etwas. Sollte Lorenz im Gefängnis bleiben, sind wir erledigt. Wir können zusperren und unserem Geld hinterherwinken.«

»Und die Zweitbesetzung?«

»Wie bitte?« Frankenberg sah mich mit dem Blick an, der sonst nur für geistig Zurückgebliebene verwendet wird. »Lorenz Westermann ist ein Star. Die Zuschauer zahlen, um eine Berühmtheit zu sehen. Wir stehen und fallen mit seinem Auftreten.«

Ich seufzte. »Ich habe Sie gewarnt, Frankenberg, erinnern Sie sich? Lässt man Lorenz ein paar Gläser trinken, so kann er sich nicht mehr beherrschen. Deshalb haben ihn die Filmfritzen in Berlin fallen lassen wie eine heiße Kartoffel; er ist einfach zu unbeherrscht. Bei den Riesensummen, die dort jeder Film kostet, war ihnen das Risiko einfach zu groß: Würde er sich betrinken, anschließend irgendjemanden zusammenschlagen und deshalb für ein paar Wochen eingesperrt werden, so würde das ihre ganze Kalkulation in Makulatur verwandeln. Nun, dasselbe ist jetzt Ihnen passiert. Mein herzlichstes Beileid.«

Er sah mich ungläubig an. »Was ist los mit Ihnen, Siemen? Haben Sie denn für Geld nichts übrig?«

»Von hübschen Mädchen abgesehen, gibt es nichts auf der Welt, was ich lieber hätte.«

Er wusste natürlich, dass ich das nicht ernst meinte, aber er sagte mit Betonung: »Haben Sie vergessen, dass Sie an dem Stück mit viertausend Mark beteiligt sind? Wollen Sie die verlieren, statt den doppelten Betrag einzustreichen?«

Das stimmte. Leider. Julius Frankenberg war ungefähr vor einem halben Jahr mein Klient geworden, als er mich beauftragte, die entsprechenden Verträge mit dem Autor und den Hauptdarstellern abzuschließen. Ich hatte Wie eine Katze am Sonntag als Manuskript gelesen, es war meiner Ansicht nach sehr lustig, mit einer Menge komischer Szenen aus dem Leben und Treiben in einem großen Kaufhaus. Wenn sie ausgiebig lachen können, geben die Leute gern Geld aus, und so hielt ich das Risiko für gering, mit fünfzig anderen vertrauensvollen und auf das Beste hoffenden Mitbürgern auch mein Geld in die Sache zu investieren.

»Sie haben einen wunden Punkt berührt«, sagte ich. »Nein, ich will natürlich kein Geld verlieren. Nachmittags gehe ich hin, ich werde sehen, was ich tun kann.«

Frankenberg ließ ein Stöhnen der Verzweiflung hören. »Die Nachmittagsvorstellung.«

»Ich habe vormittags eine Verhandlung.«

»Können Sie die nicht verschieben?« Am liebsten hätte er mich auf den Knien angefleht.

Ich gab nach. »Nun gut. Ich werde alles versuchen. Gleich morgen früh.«

»Bitte, Siemen.« Er hob bittend die Hände. »Sie können einen Menschen wie Lorenz nicht über Nacht im Gefängnis lassen. Er ist ein Schauspieler, er ist feinfühlig und...«

»Schon gut. Er ist ungefähr so feinfühlig wie ein verwundetes Nashorn. Erzählen Sie mir bloß nicht, dass er nicht schon früher mal eingesperrt wurde.«

»Nur einmal, als man ihn festnahm, weil er leicht beschwipst am Steuer seines Wagens saß. Ist denn das ein Verbrechen?«

»Eines der ärgsten. Sie sind wahrscheinlich noch nie überfahren worden. Und wenn ich mich richtig erinnere, habe ich doch in Lorenz' Vertrag eine Klausel eingefügt, dass er keinen Alkohol zu sich nehmen darf, solange das Stück läuft. Hat er dies nicht selbst versprochen...?«

»Das hat er, Siemen, und er hat sein Versprechen gehalten, das können Sie mir glauben. Auch bei der Feier hat er keinen Alkohol angerührt. Er war nicht betrunken.«

»Wieso hat er dann einen völlig Fremden angegriffen?«

»Das hat sich so abgespielt: Kurz nachdem Sie fortgegangen waren, hat auch Lorenz die Gesellschaft verlassen. Er sah, dass Stine wegging, und ist ihr gefolgt.«

»Stine Andersen?«

Julius Frankenberg nickte und sah einigermaßen verlegen drein. Stine Andersen war seine Mitarbeiterin, seine Sekretärin, sein unentbehrliches Faktotum. Ich mochte Stine gut leiden, hatte viel Zeit mit ihr verbracht. Wir waren miteinander ausgegangen, hatten getanzt, waren hier und da an die See gefahren – wie das eben so ist. Sie war hübsch, lebendig, geistreich, gebildet, mit spöttischen Augen, einem aparten Gesicht und einem ausgesprochen sinnlichen Mund.

Lorenz Westermann hatte sie bei den Proben gesehen, hatte sich Hals über Kopf in sie verliebt und sie stürmisch umworben. Er war Stine offenkundig sympathisch, und sie fühlte sich geschmeichelt, mehr aber nicht. Frankenberg war es gewesen, der sie bewogen hatte, die Beziehung fortzusetzen. Er war der Ansicht, ihr Einfluss würde Lorenz Halt geben und dazu beitragen, dass er ein geregeltes Leben führte und sich vom Alkohol fernhielt. Stine, mit ihrem übertriebenen Gefühl für Loyalität, ließ sich das Ganze über den Kopf wachsen. Mochte es auch für das Stück von Vorteil sein, so warf es doch einen Schatten auf meine Zuneigung für Stine. Mit meinen Einwänden erreichte ich lediglich, dass Stine halsstarrig wurde.

»Wir haben einander nichts versprochen, Siemen«, hatte sie gesagt. »Du bist nicht gebunden und hast auch kein Recht, mir Vorschriften zu machen.«

Frankenbergs Stimme bereitete meinen Gedanken ein Ende. »Lorenz hält sehr an dem fest, was er besitzt; das wissen Sie selbst. Er wollte Stine ständig um sich haben. Sie musste ihn bei guter Laune halten, ihm Gesellschaft leisten, ihn beraten, ihn gewissermaßen lenken. Heute bei der Premiere stand sie auf seinen Wunsch hinter der Bühne, und danach gingen wir alle ins Hafenhaus. Sie waren ja auch dort, aber nicht lange. Als Sie fort waren, nahm Stine ihren Mantel und ging. Ich hatte es nicht bemerkt, wohl aber Lorenz.

Er ging ihr nach, in eine Bar, Paulsens in der Fletumer Straße. Anscheinend hatte sie dort ein Rendezvous.«

»Um ein Uhr morgens?«

»Ja. Irgendwer wartete schon auf sie. Sie setzten sich in ein Séparée und bestellten etwas zu trinken. Sie kennen Lorenz' Temperament. Es reichte ihm, als er sie mit einem anderen Mann sah. Er betrat das Séparée und packte Stine am Arm. Alles ging so schnell, dass niemand ihn daran hindern konnte. Der Mann stand auf und protestierte. Lorenz schlug ihn nieder. Der arme Teufel hatte keine Möglichkeit, sich zur Wehr zu setzen. Er fiel nach hinten und schlug mit dem Kopf an die Tischkante. Er verlor das Bewusstsein; man konnte ihn nicht zu sich bringen und musste ihn mit einem Krankenwagen fortschaffen.«

»Wo ist er jetzt?«

»Im Krankenhaus, noch immer bewusstlos.«

»Wie heißt er?«

»Degenhardt... Raimund Degenhardt.«

Ich nahm das Telefon, rief im Krankenhaus von Hagensmoor an und überredete eine Krankenschwester auf charmante Weise, mir Auskunft zu geben. Ich bedankte mich ausführlich und legte den Hörer auf. Dann schüttelte ich ernst den Kopf.

»Schlechte Aussichten. Degenhardt gilt als schwerer Fall. Ich fürchte, Lorenz befindet sich in einer echt schwierigen Lage.«

»Aber es war doch nicht seine Schuld. Es war ein Unfall. Der verflixte Tisch hat den Schaden angerichtet.«

»Gut, Julius, erklären Sie das dem Staatsanwalt. Sagen Sie ihm, er solle den Tisch wegen tätlichen Angriffs und Körperverletzung anklagen. Geht er darauf ein, so ist Lorenz...«

»Bitte, Siemen!« Frankenberg war keineswegs empfänglich für Sarkasmus. »Verschonen Sie mich mit Ihren Witzen. Zu viel steht auf dem Spiel. Sie müssen Lorenz gegen Kaution freibekommen.«

»Ich werd’s versuchen. Morgen früh.«

Er pflanzte sich vor mir auf und sah verstört drein. Eine Flut von Bitten und Einwänden ergoss sich über mich. Ich ließ ihn ausreden und sagte dann: »Sehen Sie, Julius, Sie haben keine Ahnung, wie so etwas vor sich geht. Wenn ich jetzt sofort, mitten in der Nacht, Lorenz aus dem Schlamassel herausholen soll, muss ich mir zuerst eine schriftliche Bestätigung verschaffen, dass er sich wegen tätlichen Angriffs in Haft befindet. Damit muss ich zur Wohnung eines Richters gehen und ihn aus dem Bett klingeln. Es ist jetzt beinahe vier Uhr früh. Ich kenne sämtliche Richter vom Amtsgericht in Hagensmoor persönlich; aber jeder von ihnen würde ein solches Vorgehen nicht eben freundlich aufnehmen. Ich müsste den betreffenden Richter davon überzeugen, es sei absolut notwendig, dass Lorenz sofort, in eben diesem Augenblick, in Freiheit gesetzt wird, und nicht erst ein paar Stunden später. Meinen Sie, dass er dafür Verständnis haben wird? Nicht die Bohne. Wahrscheinlich wird er einen Wutanfall bekommen und mich die Treppe hinunterwerfen. Glauben Sie mir, Julius, ich weiß, wovon ich spreche; das ist mein Geschäft. Lorenz ist dort, wo er jetzt ist, in Sicherheit. Nehmen Sie meinen Rat ernst, und geben Sie Ruhe bis morgen früh.«

Er fuhr sich durch die Haare, noch immer verzweifelt, aber ruhiger. »Wann kann er freikommen?«

»Gegen Mittag. Vielleicht.«

»Was soll das heißen: vielleicht?«

»Der Erfolg meiner Bemühungen hängt von drei Faktoren ab: von der Zustimmung des Staatsanwalts, von der Laune des Richters und vom Zustand des Verletzten. Der Schädel eines Menschen ist eine zerbrechliche Sache. Die Behörde kann Lorenz in Haft behalten, bis man sich dort klar darüber ist, wie es Degenhardt geht.«

Frankenberg fiel etwas Unerfreuliches ein: »Angenommen, der Mann stirbt...«

»In diesem Falle würde die Anklage von tätlichem Angriff mit Körperverletzung auf Totschlag geändert werden.«

Er schluckte. Dann fragte er heiser: »Und die morgige Nachmittagsvorstellung?«

»Ich werde tun, was ich kann, um Lorenz auf der Bühne zu haben, sobald der Vorhang sich hebt.«

»Mein erster großer Erfolg seit zwei Jahren! Wenn’s damit nichts wird, bin ich bankrott.«

»Ist Lorenz so wichtig? Ich glaube, die Zweitbesetzung ist ganz gut.«

»Nicht stark genug.« Frankenberg war ein geborener Pessimist.

»Beruhigen Sie sich, Julius. Gehen Sie nach Hause und schlafen Sie ein paar Stunden. Wir brauchen beide Ruhe, morgen haben wir viel zu tun.«

Er trollte sich – nicht gerade bereitwillig.

Ich setzte mich aufs Bett und wählte Stines Telefonnummer. Es meldete sich aber nur das Amt; Stines Nummer sei geändert und die neue noch nicht ins Verzeichnis aufgenommen. Man könne mich nicht verbinden.

Das war keine angenehme Überraschung. Aber schließlich hatte ich Stine in den letzten vierzehn Tagen nicht angerufen.

Ich stellte den Wecker auf sieben Uhr und knipste das Licht aus.

  Zweites Kapitel

 

 

Das Gebäude des Amtsgerichts am Hans-Böckler-Platz bietet einen eindrucksvollen Anblick. Man hat es aus Marmor und Stahl errichtet, mit dem Zweck, zu richten und zu strafen. Der Staatsanwalt hat dort seinen Sitz, es gibt Räume für die Richter und Zellen für die Missetäter.

Selbst in einer Kleinstadt von der Größe Hagensmoors, mit all den Dieben, Betrügern, Gewalttätern und Mördern, ganz zu schweigen von den etwa achttausend braven Bürgern, die gelegentlich vom rechten Pfade abweichen, läuft die Justiz pausenlos auf Hochtouren.

Ich erfuhr, dass Lorenz Westermann die Nacht im Polizeiarrest verbracht hatte. Durch den Beamten, der ihn verhaftete, war Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet worden. Mit Lorenz zu sprechen, war mir im Augenblick nicht möglich.

Als ich das Büro verließ, in dem ich diese Auskunft erhalten hatte, traf ich Julius Frankenberg. Er schlaflose Nacht lag hinter ihm, seine Augen waren rot und verschwollen. Hinter ihm tauchte Stine auf. Auch sie hatte nicht geschlafen, aber sie sah dennoch wie stets hinreißend aus.

Einen Augenblick lang starrten wir einander schweigend und einigermaßen verlegen an. Ich hatte mich gestern Abend absichtlich von ihr ferngehalten, schmollend wie ein gekränkter Gymnasiast. Als ich sie jetzt so erschöpft und traurig vor mir sah, fühlte ich, wie Gewissensbisse an mir nagten. Vor wenigen Stunden hatten zwei Männer – einer von ihnen ein skandalumwitterter Ex-Filmstar – um sie gekämpft. Sensationslüsterne Reporter waren in Windeseile in ihr Privatleben eingebrochen; plötzlich war sie gegen ihren Willen ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gerückt. Sie lächelte mir schüchtern zu. Normalerweise besaß Stine Andersen genügend Selbstvertrauen; jetzt aber schien sie wehrlos, und ich hatte den Wunsch, sie zu beschützen.

»Moinsen«, sagte ich ruhig. »Ich hab’ dich gestern Abend anzurufen versucht, aber deine Nummer hat sich geändert.«

Sie nickte. »Zu viele junge Schauspielerinnen haben angerufen, um engagiert zu werden.«

Und nicht wenige Playboys, dachte ich.

»Wo ist Lorenz?«, fragte Frankenberg. »Haben Sie ihn gesehen?«

»Noch nicht. Man wird ihn zur ersten Einvernahme um halb zehn herbringen.«

»An allem bin nur ich schuld«, sagte Stine kläglich. »Ich hätte gestern Abend die Gesellschaft nicht verlassen sollen.«

»Mach dir keine Vorwürfe, dass du nicht allwissend bist«, antwortete ich. »Du bist weder für Lorenz' übles Naturell verantwortlich, noch hast du den Tisch unter Degenhardts Kopf geschoben.«

Ihr schauderte, und sie wurde blass, als sie sich an den Vorfall erinnerte. Unvernünftigerweise empfand ich plötzlich Eifersucht.

»Bedeutet er dir denn so viel?«, fragte ich.

»Wer?«

»Der Verletzte. Raimund Degenhardt.«

»Um Himmelswillen!«, mischte sich Frankenberg ein. »Sie kennt den Burschen überhaupt nicht. Gestern Abend hat sie ihn zum ersten Mal in ihrem Leben gesehen.«

Ich blickte Stine an. »Warst du nicht mit Degenhardt verabredet?«

»Doch.«

Das war mir ein Rätsel. »Mit einem völlig Fremden? Um ein Uhr morgens?«

Die Menge, die sich jetzt in die geöffnete Tür des Amtsgerichts drängte, wo die in der vergangenen Nacht verhafteten Personen dem Richter vorgeführt werden sollten, schob uns in den Gerichtssaal; das machte dem Gespräch ein Ende. Ich verschaffte Stine und Frankenberg Sitzplätze und trat vor. Der Protokollführer verkündete, dass die Sitzung eröffnet sei. Alles schwieg, und der Richter trat ein. Sein Anblick genügte, um mich mutlos zu machen.

Siegmund Walfried war der gefürchtetste Richter von ganz Hagensmoor. Er war klein und vertrocknet und glich seine körperlichen Mängel durch überhebliches Betragen und beißenden Witz aus. Er hatte die Augen eines Gelbsüchtigen und einen chronischen Magenkatarrh. Die meisten Anwälte flehten um Vertagung, wenn sie Walfried auf dem Richterstuhl erblickten.

Ich aber war wehrlos, denn das war eine erste Einvernahme, und ich musste sie durchstehen.

Dann bemerkte ich, dass Volker Servatius den Staatsanwalt vertrat, und das war noch ärger. Bekäme ich jemals den Auftrag, die Besatzung eines Raumschiffes für den Flug zum Mars auszuwählen, so stünde Servatius an erster Stelle auf der Liste. Aus irgendeinem Grunde verhielten wir uns zueinander wie Feuer und Wasser. Wir hatten schon öfter die Klingen gekreuzt, und dabei waren stets Funken geflogen.

Servatius arbeitete seit vielen Jahren bei der Staatsanwaltschaft und verstand sein Handwerk. Er war energisch, sachkundig und ehrgeizig. Er sah gepflegt und elegant aus und schien mit seiner Stellung sehr zufrieden zu sein.

Die ersten drei Fälle dieses Vormittags erledigte er rasch und geschickt. Dann rief der Beamte Lorenz Westermann auf und überreichte dem Richter die Akten.

Lorenz wurde von einem Polizisten in Uniform aus dem Arrest vorgeführt. Sein Anzug war zerknittert, seine Krawatte saß schief, er war unrasiert. Der schlaflosen Nacht in fremder Umgebung hatte er es zu verdanken, dass seine Augen trübe waren; sanft waren sie aber keineswegs. Als er vor dem Richter stand, gab er sich zwar den Anschein wilden Trotzes, war aber doch sichtlich erleichtert, als ich neben ihn trat. Er versuchte zu lächeln; das gelang ihm jedoch nicht so recht.

Walfried sah die Anklageschrift flüchtig durch und blickte dann angewidert auf Lorenz hinab.

Der Protokollführer verlas die Anklage und fragte: »Erklärt sich der Beschuldigte für schuldig oder für nicht schuldig?«

»Für nicht schuldig«, sagte ich sehr respektvoll, »und wenn es dem Gericht gefällt, so verzichtet die Verteidigung im Augenblick auf die Einvernahme.«

Durch den Verzicht auf eine Einvernahme gab ich rechtlich zu, dass genügend Beweismaterial vorlag, um den Angeklagten in Haft zu halten, schaltete aber die Notwendigkeit aus, ihn noch vor der Verhandlung zu verhören. Das Gericht konnte das Verfahren gegen Lorenz ruhig fortsetzen; mir ging es jetzt nur um die Freilassung auf Kaution.

Walfried nickte. »Dann muss ich ein Hauptverfahren gegen den Beschuldigten einleiten.«

»Dessen bin ich mir bewusst, Herr Vorsitzender«, sagte ich, »aber ich möchte dem Gericht einige Tatsachen unterbreiten. Herr Westermann spielte gestern bei der Premiere eines erfolgreichen Theaterstücks die Hauptrolle, und heute ist seine Mitwirkung bei der Nachmittagsvorstellung dringend erforderlich. Wenn das Gericht eine Kaution festsetzen würde, so könnte der Angeklagte...«

Servatius sprang auf und protestierte laut. »Herr Vorsitzender, die Anklage gegen diesen Mann lautet auf tätlichen Angriff! Das Opfer liegt im Krankenhaus und ist noch immer bewusstlos. Ich habe den behandelnden Arzt vor weniger als einer Stunde gesprochen. Der Patient schwebt zwischen Leben und Tod. Der Arzt lehnt jegliche Prognose ab. Es ist durchaus möglich, dass der Verletzte stirbt, und wenn das geschieht, so müssen wir Westermann wegen Totschlags anklagen. In Anbetracht der Schwere des Angriffs, der Brutalität des Angeklagten, aber auch der lebensgefährlichen Verletzung des Opfers beantrage ich, zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Kaution zu akzeptieren, jedenfalls nicht, bis das wirkliche Ausmaß der Verletzungen des Opfers bekannt ist.«

Walfrieds Mund war zusammengepresst, als er eine Braue in meine Richtung hob.

»Herr Vorsitzender«, sagte ich, »der Angeklagte ist kein Landstreicher, kein Bettler; er ist ein wohlsituierter, verantwortungsbewusster Bürger unserer Stadt, der keineswegs die Absicht hat, sich diesem Gericht zu entziehen. Wenn...«

Der Hammer des Richters fiel, als unbestreitbarer Schlusspunkt meines unvollendeten Satzes.

»Das alles ist mir klar, Herr Verteidiger. Dieses Gericht kennt aber keinen Unterschied zwischen reich und arm. Wir stimmen dem Antrag der Staatsanwaltschaft zu. Die Kaution wird abgelehnt, der Angeklagte bleibt in Haft. Der nächste Fall.«

Julius Frankenbergs verzweifeltes Stöhnen war selbst im Lärm des Gerichtssaals deutlich zu vernehmen.

Ich hielt tapfer stand. »Darf ich die Aufmerksamkeit des Herrn Vorsitzenden auf die außerordentlichen Nachteile richten, die...«

Bumm!, machte der Hammer, und der Nacken des Richters über dem Hemdkragen färbte sich dunkelrot. Kalt, scharf und bestimmt sagte er: »Sind Sie schwerhörig, Herr Verteidiger? Haben Sie nicht gehört, wie ich entschieden habe: keine Kaution?«

»Ja, aber...«

»Hörten Sie mich sagen, ich würde eine weitere Erörterung des Falls gestatten?«

»Nein, aber...«

»Genug.« Er schaute böse drein. »Der nächste Fall.«

Volker Servatius lächelte. Lorenz' Augen suchten flehentlich die meinen. Ich beugte mich zu ihm und flüsterte: »Verhalten Sie sich ruhig und machen Sie keine Dummheiten. Ich habe noch einen Trumpf im Ärmel.«

Ich näherte mich der hölzernen Tür, welche die Hauptpersonen von den Zuschauern trennt, und geriet in einen Wirbelsturm. Die Tür wurde gewaltsam aufgerissen; ein wahrer Athlet stürzte herein und warf mich beinahe über den Haufen. Aber nicht hinter mir war er her. Eine riesige Faust packte Lorenz bei der Schulter und schob ihn vorwärts und rückwärts, um einen entscheidenden Boxhieb landen zu können.

Der Hieb traf Lorenz knapp unter der Schläfe, ohne ihn jedoch zu Boden zu bringen, und der nächste ging zollbreit daneben. Sofort entspann sich ein wüster Faustkampf, von Flüchen begleitet, wie man sie innerhalb der heiligen Mauern eines Gerichtssaales gewöhnlich nicht zu hören bekommt.

Der Fremde war ein stämmiger Kerl, dessen vor Wut gerötetes Gesicht erkennen ließ, dass er entschlossen war, Lorenz Westermann den Garaus zu machen.

Der Richter zertrümmerte mit seinem Hammer beinahe die Tischplatte und rief mit lautem Gebell zur Ordnung. Während meiner ganzen Anwaltspraxis hatte ich eine solche Szene noch nie erlebt. Volker Servatius hatte sich mit offenem Mund zurückgezogen, die Zuschauer waren begeistert, und Walfried schien knapp vor einem Schlaganfall zu stehen.