Frisch gemacht! - Susanne Fröhlich - E-Book
Beschreibung

Mutter oder moderne Frau? Dies ist eine Frage, die eine Entscheidung verlangt. Entweder, oder. Oder? In ihrem gewohnt witzigen Ton schildert Susanne Fröhlich das Sowohl-als-auch zwischen allen Rollen-Klischees. "Frisch gemacht" ist die Fortsetzung des ersten Romans "Frisch gepresst" und erfüllt alle Erwartungen an eine "Frauengeschichte", die Spaß macht.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:422


Susanne Fröhlich

Frisch gemacht!

Roman

Roman

FISCHER E-Books

Inhalt

Unsere Adresse im Internet: [...]Für Conny, die Königin [...]Montag, 8.05 UhrMontag, 8.41 UhrMontag, 14.35 UhrMontag, 17.40 UhrDienstag, 7.30 UhrDienstag, 7.40 UhrMittwoch, 8.00 UhrDonnerstag, 5.30 UhrDonnerstag, 9.30 UhrDonnerstag, 12.30 UhrFreitag, 7.35 UhrSamstag, 9.00 UhrSonntag, 7.05 Uhr

Unsere Adresse im Internet: www.fischerverlage.de

Für Conny, die Königin der Inspiration, und meine phantastischen Patenkinder Hannah, Antonia und Karla-Emilia

Montag, 8.05 Uhr

»Ich will aber die Lackschuhe«, schreit meine Tochter. »Ohne die Lackschuhe gehe ich nicht in den Kindergarten.« Na super. Ich bin sowieso schon spät dran. Und jetzt das. Draußen regnet es, als würde unser Stadtteil geflutet, und meine Tochter will in Lackschuhen aus dem Haus. Ich probiere die pädagogisch wertvolle Variante. Schließlich habe ich Bücher gelesen. »Liebling, du siehst doch, wie es schüttet, da gehen die Lackschuhe kaputt. Und dann bist du ganz traurig. Zieh doch deine lustigen Gummistiefel an.«

Jeder Erziehungsratgeber wäre stolz auf mich. Allerdings nur für wenige Minuten. Claudia, meine Tochter, zeigt nämlich keinerlei Einsicht. Sie schreit weiter und schmeißt die Gummistiefel in die Ecke. Jetzt langt es. Dann eben keine Pädagogik. Ich schnappe das Kind, die Gummistiefel, und so kommt zusammen, was nicht zusammen will. Ich habe keine Lust, mir im Kindergarten von einer schnippischen Erzieherin Vorträge über saisonal angemessenes Schuhwerk anzuhören. Morgens um acht ist meine Geduld eh nicht auf dem Höhepunkt. Sie brüllt noch im Auto weiter: »Du bist böse, die Schuhe sind böse, ich will nicht in den Kindergarten.«

 

Ich habe das Gefühl, dieser Montag wird mein Freund.

Kurz vor der Eingangstür des Kindergartens springt Claudia in eine Pfütze und saut sich so richtig ein. Egal. Wenn ich nicht wieder zu spät im Büro auflaufen will, dann muss das hier jetzt zackig gehen. Meine Nylons haben auch eine ordentliche Ladung abbekommen. Ich gebe das nasse Kind ab, und ehe eine der Erzieherinnen, Sonja oder Gabi, irgendeinen Kommentar abgeben kann, bin ich auch schon weg. »Ich habe es eilig, also bis heute Nachmittag.« Aus den Augenwinkeln kann ich gerade noch sehen, wie Gabi und Sonja einträchtig ihre Köpfe schütteln. Nach dem Motto: ›Wer hier mal erzogen werden sollte, ist garantiert nicht das arme Kind.‹ Na wenn schon.

 

Im Auto merke ich, dass das Kindergartentäschchen, Modell Hase Felix – rot kariert, zurzeit sehr angesagt –, noch auf dem Beifahrersitz liegt. Mitsamt dem Salamibrot und den Apfelschnittchen. Wenn ich jetzt nochmal umdrehe, bin ich total zu spät. So schnell verhungern die Kleinen nicht, wird ihr schon einer was abgeben, tröste ich mich und beschließe, das Brot gleich selbst zu essen. Salami ist an sich bei meiner Dauerdiät nicht vorgesehen, aber wo sie nun mal drauf ist auf dem Brot, esse ich sie halt mit. Was kann denn die Salami dafür. Außerdem ist es Putensalami, und die ist bekanntlich ja schon fast gesund. Zum Ausgleich gehe ich heute eben mal nicht in die Kantine. Ich verspreche es mir selbst. Da bin ich ganz groß drin – in Eigenversprechungen.

Natürlich wieder Stau. Immer vor diesem miesen Autobahnkreuz. Ich wohne zwar in der Stadt, aber an der Grenze. Und fahre über die Autobahnumgehung. Ich esse auch noch die Apfelstücke. Der Körper braucht schließlich Vitamine. Gerade in aufregenden Situationen.

 

Mein Dienst beginnt um 8.45 Uhr. Meistens komme ich so gegen neun. Manchmal auch gegen Viertel nach neun. Früher war ich nie spät dran. Ja – früher. Früher hatte ich auch keine morgendlichen Lackschuhdiskussionen, Cornflakesunfälle und »ich muss nochmal Pipi«-Unterbrechungen. Früher, das war die Zeit, in der ich noch kein Kind hatte. In der meine größte Sorge morgens war, welche Stiefeletten ich zu welchem Fummel trage.

 

Seit drei Jahren ist alles anders, denn ich bin Mutter.

Die Mutter von Claudia. Und die Lebensgefährtin von Christoph, einem, laut eigenen Angaben, viel versprechenden Jungjuristen in renommierter Kanzlei.

Kurz nach der Geburt, im Krankenhaus, ließ sich das Muttersein noch recht viel versprechend an. Hormonberauscht und umringt von profunden Säuglingsschwestern, habe ich à la Nina Ruge gedacht: Alles wird gut. Es wurde auch gut, aber vor allem anstrengend. Ich erinnere mich genau.

Andrea Schnidt, zehn Wochen nach der Geburt. Daheim mit Kind. So habe ich mich gefühlt:

 

Jung, sexy und zu allem bereit, wenn ich nicht zu müde gewesen wäre.

Meine Tochter ist zehn Wochen alt und ich bin zehn Jahre gealtert. Wenn das in dem Tempo weitergeht, bin ich in der Seniorenwohnanlage, bevor die Kleine ihren ersten Zahn hat, habe ich gedacht.

 

Sie schreit schon wieder.

Würde ich den ganzen Tag so rumbrüllen, hätte ich längst keine Stimme mehr. Bei Babys scheint es diesen durchaus nützlichen Effekt der automatischen Lautstärkedrosslung nicht zu geben. Deren Ausdauer wird durch keinerlei Abnutzung geschmälert. Das Stimmchen hat sogar immer noch Steigerungsmöglichkeiten. Unglaublich.

Ich gucke streng. Sehr streng. »Hör bitte auf zu schreien, liebe Claudia.« Man soll schon mit den Kleinsten in deutlicher Erwachsenensprache sprechen. Knappe, klare Anweisungen in freundlichem und höflichem Tonfall, eben genau wie bei Männern. Was man soll, ist meiner Tochter allerdings komplett egal. Sie schreit weiter. Vielleicht funktioniert es nur bei männlichen Babys. Jungs eben. Meine Tochter jedenfalls lässt sich nicht so einfach maßregeln. Revoluzzerbaby.

Jetzt bin ich fast noch stolz auf das Geschrei. Man kann sich wirklich alles schönreden. Oder denken. Ich sehe schon eine moderne Jeanne d’Arc in ihr. Das Kind kommt halt doch nach mir. Ich reagiere auf Anweisungen auch eher spröde. Christoph, mein Lebensgefährte, würde sagen, was heißt da spröde – gar nicht reagierst du. Ignorant kannst du sein.

Und wenn schon. Scheint ihm ja zu gefallen, oder hätte er mich sonst ausgewählt? Dass er mich ausgewählt hat, ist etwas, das ich ihm oft genug vorhalte. Dabei ist das natürlich totaler Quatsch. Aber Männer lieben dieses Gefühl, verantwortlich zu sein. Wow, er – der große Macher. Der Entscheider. Der Beutehai. Wenn man ihnen zu deutlich klarmacht, dass sie uns raffinierten Jägerinnen nur tumb in die Falle gegangen sind, wie geblendetes waidwundes Wild, reagieren sie schnell gereizt. Deshalb immer in dem Glauben lassen, man sei williges Opfer gewesen. Das nährt das Jägergefühl in ihnen und macht sie glücklich. So einfach ist das bei den Männern. Jedenfalls dieser Teil.

Claudia schreit weiter.

Ich überlege, kurz ins Arbeitszimmer zu flüchten, die Tür zuzumachen und die Anlage aufzudrehen. Was man nicht hört – ist doch auch nicht existent, oder? Ohren zu und auf ein Wunder warten. Ich schaffe es nicht. Bin doch zu gutherzig. Ein Muttertier eben. Oder ist es Frauensolidarität? Oder nur Angst, als Rabenmutter der Woche in irgendeiner Talkshow zu landen? Oder vor den Nachbarn als herzlose Bestie dazustehen?

 

Ich schultere Claudia und mache mich auf Tour. Dermaßen gründlich habe ich meine Wohnung in kinderlosem Zustand nie erforscht. Seit Tagen schon wandere ich mit meiner Tochter kreuz und quer durch unsere Vierzimmerwohnung. Camel Trophy der besonderen Art. Ich bin das Kamel. Was man auf so einer Wohnzimmertour entdecken kann, ist irre. Kaugummipapierchen einer Marke, die es seit knapp einem Jahr auf dem deutschen Markt nicht mehr gibt, lagen schräg hinter der Couchgarnitur, die auch mal wieder gründlich gesaugt werden könnte. Krümelig wie die Bezüge sind, hat man das Gefühl, Grobi aus der Sesamstraße hat seine Vorratsschränke über unserer Couch ausgekippt. Oder lümmelt heimlich, in den Sekunden, in denen ich ungestört im Bett liege, auf meinem Sofa. Auf jeden Fall: Merken. Für heute Abend. Christoph muss dringend Staub saugen! Auch das Sofa. Nicht dass Claudia noch eine Allergie kriegt. Obwohl Kinder ja Keime brauchen. Übertriebene Hygiene soll gar nicht gut für sie sein. Wie beruhigend für Hausfrauen wie mich. Obwohl: Haushalt ist im Moment Christophs Baustelle. So ein Kind ist Arbeit genug. Jedenfalls für mich. Aber: Mit dem Personal, selbst dem familiär vertrauten, ist das so eine Sache. Er macht zwar, was er soll, aber nicht ganz so, wie er soll. Sein und mein Gründlichkeitsanspruch kommen aus unterschiedlichen Universen. »Wenn ich es schon mache, dann so, wie ich es will«, ist sein Standardspruch. Durchaus legitim, aber leider trotzdem doof. Ich würde selbstverständlich in seiner Position nichts anderes sagen, aber genau das wiederum würde ich ihm natürlich niemals sagen. Raffinesse, dein Name ist Andrea.

 

Christoph ist ein äußerst ordentlicher Zeitgenosse. Vor allem mit seinem Krempel. Der kann Tage damit zubringen, die Bücher in seinen Regalen auf Linie zu bringen, und wenn man ihn mal richtig nerven will, muss man nur ein oder zwei Bände verschieben. Einfach tief ins Regal reindrücken. Kann man lustig im Vorbeigehen erledigen. Das sieht er, kaum, dass er den Raum betreten hat. Er hat den absoluten Selektierblick. Nimmt wahr, was ihm wichtig ist, und blendet den Rest geschickt aus. Ob das antrainiert ist oder genetisch, habe ich noch nicht rausfinden können.

 

Auch das Trekking durch die Wohnung, mit Sightseeing und Animationseinlagen jeglicher Art, hat leider kaum Wirkung gezeigt. Meine Tochter ist von der anspruchsvollen Sorte und schreit weiter. Pausen werden nur beim Luftholen gemacht. Klitzekleine Momente, in denen man denkt, ja – geschafft – es ist vorbei. Haha. Von wegen. Reingelegt vom eigen Fleisch und Blut. Schnödes dadada und gutschi gutschi bringen bei Claudia wenig. Vielleicht habe ich auch noch nicht die richtige Frequenz gefunden. Wie doll wollen zehn Wochen alte Mädchen geschaukelt werden? Wie hoch muss die Stimme sein? »Alles ganz einfach«, sagen Ratgeberbücher, »handeln Sie intuitiv.« Frauen sollen die Intuition ja quasi gepachtet haben. Ich warte bis heute auf meine. Wacht man eines Morgens auf, und sie ist da? Oder gibt es Menschen, die irgendwie immerzu daneben liegen? Menschen, denen es an Intuition fehlt. Die keine haben. Können die was dafür, oder ist es was Erbliches? Wenn man schon keine hat, wäre es schön, wenigstens nichts dafür zu können.

Claudia schreit weiter.

 

Ich probiere es mit Nahrung. Bei mir hilft Nahrung immer. Bei guter und bei schlechter Laune. Essen macht ein wundervolles Gefühl. Vorher und währenddessen. Hinterher darf man heutzutage eigentlich ja kein gutes Gefühl mehr haben. Wer isst, wird bestraft. Erst mit dem schlechten Gewissen und dann mit Speckschichten, Ganzkörperröllchen und gehässigen Blicken von Boutiquetussen und anderen, die mühelos in Kleidergröße 158/164 passen. Dabei können sie, diese lebenden Zahnstocher in Kindergrößen, ja nur durch uns, Frauen die sich trotz Kleidergröße 38/40 oder gar 42/44 noch nicht umgebracht haben, ihre Maße wirklich genießen. Ally McBeal-Darstellerin Calista Flockheart sieht neben mir eben mit Sicherheit dürrer aus als neben Gwyneth Paltrow. Die Allys dieser Welt brauchen Frauen wie mich, um dieses herrliche Gefühl der Überlegenheit zu haben. Die Dürren haben uns also sehr viel nötiger als wir sie. Ich weiß das. Aus eigener Erfahrung. Mein früherer Chef war so drall, dass ich Fotos mit ihm geliebt habe. Ich sah neben ihm fast filigran aus. Zierlich, zart und schlank. Herrlich.

Außerdem wird meine These von einer verlässlichen Quelle untermauert. Linda heißt die Quelle, um genau zu sein. Eine ehemalige Kommilitonin von Christoph. Linda hat mir das nach zwei Gläschen Maibowle mal verraten. Dass fette Frauen sie beglücken. Weil sie ihre Schlankheit so apart unterstreichen. Auf einer Juristenparty war das. Linda wollte schon immer Juristin werden. »Wegen der Gerechtigkeit?«, habe ich sofort beeindruckt gefragt. »Ne«, hat sie mich angestrahlt, »nee, nee, weil die schwarzen Roben so schick sind und Schwarz mich dann ja noch schlanker macht.« Juristin, sage ich nur. Na ja. Ansonsten ist Linda eigentlich nicht unnett. Und eine der wenigen Frauen, die knallhart zugibt, was die Dünnen von den Dicken halten. Wobei »dick« für Linda bei Kleidergröße 40 beginnt. 34 ist erstrebenswert, 36 ist gut, 38 noch okay und 40 asozial. Fett. Und damit widerlich. »Ich wollte so nicht leben«, hat Linda mir mit Blick auf meine Schenkel anvertraut. »Das hat so was Disziplinloses. Was von, na ja, sich nicht im Griff haben. Und das so offensichtlich. Wenn ich du wäre, könnte ich in der Öffentlichkeit keinen Bissen mehr zu mir nehmen.«

»Iss doch zu Hause, du Zicke«, habe ich gedacht, und im Stillen schon mal durchgerechnet, was so ’ne Frau im Leben noch an Analysekosten zahlen wird. Sie hat es an meinem Blick gesehen. »Mag sein, dass ich einen Totalknall habe«, hat sie direkt zugegeben, »aber den kann ich dafür ärmellos und bauchfrei ausleben.«

1:0 für sie.

 

Ärmellos und bauchfrei sind Themen, über die ich nicht mal mehr nachdenke. Themen, die von meiner Festplatte komplett gelöscht sind. Obwohl ich mir nach der Geburt so schlank wie lange nicht vorgekommen bin. Was war ich stolz, als ich im Stehen meine Füße endlich wieder sehen konnte! War leider eine Täuschung, nicht das mit den Füßen, sondern dem Schlanksein. Seitdem ich aus dem Krankenhaus raus bin, trage ich nur noch zwei Dinge. Meinen Jogginganzug und meinen Bademantel. Abwechselnd. Nicht etwa, weil ich schon eifrig am Sporttreiben bin. Nein – weil mir noch nichts anderes wirklich gut passt. Außer den Schwangerschaftsklamotten, aber die habe ich schon alle meiner Schwester vermacht. Meiner Schwester, die natürlich, kaum hatten wir den Kreißsaal verlassen, nachziehen musste. Meine Schwester Birgit hat schon eine Tochter und hätte den schwesterlichen Gleichstand, wir beide mit je einem Kind, wahrscheinlich nicht ausgehalten. Sie, als die Ältere, musste schon immer mehr haben. Beim Nachtisch kann ich das ja noch verstehen. Oder bei Geschenken. Aber wenn es um Kinder geht? Nur um mich zu übertrumpfen ein Kind kriegen?

 

Voll bekloppt, aber die Klamotten habe ich ihr trotzdem vermacht. So bin ich eben. Großherzig. Großzügig. Hätte ich allerdings ihre Reaktion gekannt, hätte ich die Fummel lieber öffentlich verbrannt. Sie hat den Karton aufgemacht, die Sachen rausgezerrt, hochgehalten, ausgebreitet, den Gummizug auseinander gezogen, die Stirn verzogen und gesagt: »Na ja, wenn ich Drillinge kriege, dann kann ich das Zeug vielleicht brauchen«. Was übersetzt so viel heißen sollte wie: Gott, warst du ’ne Tonne. Der Herr möge vermeiden, dass ich so ende wie meine feiste kleine Schwester. Mieses Stück, meine Schwester. Aber ihr Spruch war ein Riesenlacher. Leider nicht für mich, sondern für meine große Schwester selbst, die sich kaum mehr einkriegen konnte, und meine Mutter, die sowieso der Meinung ist, dass ich keinesfalls in der Nähe eines Schlachthauses vorbeigehen sollte, weil die Gefahr einer akuten Notschlachtung bestünde. Meine Mutter ist eine gestrenge Person. »Sechs Wochen nach der Entbindung sah ich aus, als wäre nie was gewesen«, hat sie mir schon erzählt, als ich noch im Krankenhaus lag. Zum Ansporn sozusagen. Jetzt, nachdem der Countdown schon abgelaufen ist, zeigt sie mir sehr gerne donnerstags in der aktuellen Bunten die Bilder von irgendwelchen Schauspieltussis, die direkt nach den Presswehen schon weniger gewogen haben als je zuvor und in klitzekleinen Bauchfreifummeln auf Partys rumlungern. Was ich mich jedes Mal frage, ist, wie passen eigentlich die Slipeinlagen in Nilpferdgröße unter diese Schlauchfummel – oder müssen Frauen, die im Schauspielfach tätig sind, oder so tun als ob, so was nicht tragen? Bleiben solche Tussis von weltlichen Unannehmlichkeiten körperlicher Art einfach verschont? Gemein.

Auf jeden Fall sind es Frauen von anderen Planeten. Frauen, deren Haaransatz regelmäßig wie von Zauberhand automatisch nachgesträhnt wird und die niemals stoppelige Beine haben. Frauen aus Barbieperfektland. Zur Strafe und zum Trost für Frauen wie mich enden sie dann mit solchen Typen wie Dieter Bohlen. Irgendwo gibt’s doch noch so was wie Gerechtigkeit.

Montag, 8.41 Uhr

Gerecht ist auch, dass ich heute Morgen mal sofort einen Parkplatz finde, der weniger als einen Stadtteil von meinem Büro entfernt ist. Ich arbeite bei einem öffentlich-rechtlichen Sender. Dem Rhein-Main Radio und TV. RMRT ist die schicke Abkürzung. Früher, also vor der Geburt meiner Tochter, war ich bei einer Import-Export-Firma. Der Chef, Hohrwerker junior, einer der beklopptesten Typen zwischen hier und Feuerland, ein Mann mit der sozialen Kompetenz einer Brotschneidemaschine, hat allerdings entschieden, dass Halbtagskräfte für seine Firma nicht in Frage kommen. »Was kann man denn an einem Vormittag überhaupt schaffen?«, hat er mich entgeistert gefragt, als ich ihm vorgeschlagen habe, wieder halbtags an meinen Arbeitsplatz zurückzukehren. Klar, bei seinem Arbeitstempo ist halbtags wirklich nicht viel zu machen. »Außerdem, Frau Schnidt«, fügt der bis dato unentdeckte Autist dann noch nach einer kleinen Pause hinzu, »jetzt sollte doch Ihr Kind Priorität haben, und hat nicht Ihr Mann, oder also der an Ihrer Seite, einen gut dotierten Beruf?« Ich wusste ziemlich schnell, dass das nicht gerade ein herzliches Welcome-back-Signal war. »Du musst kämpfen«, hat Sabine, eine meiner liebsten Freundinnen, gemeint, »du hast ein Recht auf Wiedereinstieg. Alles muss man sich von so einem nicht gefallen lassen. Ruf die Gewerkschaft an. Den Mütterbund. Die Familienministerin. Lass uns einen Protestmarsch organisieren.« Prima Ideen. Keine Frage. Und natürlich hat sie Recht. Aber trotzdem hatte ich keine Lust auf das Gezacker. »Dann eben nicht«, habe ich den Hohrwerker angezischt, »wenn Sie ohne einen Spitzenkraft wie mich zurechtkommen können, bitte sehr. Ich habe längst andere Angebote.« Ein kurzer, prägnanter Auftritt. Ich fand mich toll. So konsequent. Kein bisschen unterwürfig. Souverän, ohne Geheule und devotes In-den-Staub-Werfen. Ob der Hohrwerker davon allerdings genauso beeindruckt war, da bin ich mir unsicher. Er machte einen eher erleichterten Eindruck.

 

Leider war das mit den anderen Angeboten auch noch gelogen. Und Christoph war sofort richtig sauer: »Dann bleib halt zu Hause, das ist’s ja wohl, was du bezweckt hast.« Na herrlich. Dabei war er derjenige, der nicht wollte, dass ich wieder arbeite. Und jetzt, nach einem halben Jahr, das. Da denkt man, man kennt zwar nicht die gesamte Männerwelt, wer würde das schon von sich behaupten, aber wenigstens den eigenen Kerl, und dann so was. Ich habe es mir selbstverständlich nicht gefallen lassen: »Du wirst dich noch umgucken. In null Komma nix habe ich einen Job. Mit richtig viel Kohle. Und Claudia geht in die Krippe. Wie abgemacht. Und wenn du Lust auf Erziehungsurlaub hast, tu dir keinen Zwang an, ich werde dich auf jeden Fall unterstützen. Soweit es meine Arbeit zulässt. Du weißt ja, wovon ich rede.«

 

Drei Monate habe ich gebraucht, um eine Stelle zu finden. Drei richtig demütigende Monate. Die Welt, jedenfalls die Arbeitswelt, hatte nicht gerade auf mich gewartet. Die Einzigen, die sich gefreut haben, waren die Altpapiercontainer. Mit meinen Bewerbungspapieren hätte man locker die gesammelten grünen Tonnen eines beliebigen afrikanischen Staates füllen können.

 

Dann bin ich, in meiner Verzweiflung, zu einer Zeitarbeitsfirma gegangen. Und auf Umwegen über eine Maklerfirma (sechs lange Wochen) beim Rhein-Main Radio und TV gelandet. Wer denkt: »Wow, welch ein Aufstieg«, war noch nie bei einem Sender. In Maklerfirmen arbeiten jedenfalls großteils fiese Möpse mit gemeinen Methoden. Gelernt haben sie das wahrscheinlich bei Fernsehfuzzis. Was da abgeht, kann man sich, wenn man die netten kleinen Sendungen sieht, nicht vorstellen. Aber der Reihe nach.

 

Nach fünf Monaten Zeitarbeit, als Vertretung in verschiedenen Abteilungen, hat mich RMRT, der Sender, doch tatsächlich gefragt, ob ich Interesse an einer festen Stelle habe. »Wir würden Sie gerne längerfristig an uns binden.« Welch ein Auftrieb. Bestätigung. »Ich muss gut sein, sie wollen mich haben«, habe ich Christoph freudestrahlend berichtet. »Sie zahlen weniger, wenn sie nichts mehr an die Zeitarbeitsfirma abtreten müssen«, hat er meinen Erfolg sofort relativiert. Etwas mehr Euphorie hätte mir schon gut getan. Ich habe mich trotzdem gefreut und das Angebot angenommen. Das Resultat: Ich arbeite nun für eine Unterhaltungsshow. »Raten mit Promis«, heißt die Sendung. Ähnlich originell wie der Titel ist auch die Sendung. Der Moderator testet einen Promi auf Herz und Nieren. Macht kleine Spielchen rund um Fitness und Wissensstand. Moderator dieser nicht direkt als innovativ zu bezeichnenden Show ist Will Heim (der eigentlich Willi heißt, das aber nicht lässig und witzig genug findet), der so schwul ist, dass man selbst im härtesten Winter locker auf die Heizung verzichten kann, wenn er im Raum ist. Will kann ganz reizend sein – wenn er will. Kleiner Wortwitz. Leider will er selten. Seine Laune steigt und sinkt mit den jeweiligen Einschaltquoten. Und er ist der eitelste Mensch, den ich je kennen gelernt habe. Seine gute Seite ist, dass er gern lang schläft. Vor 12.30 Uhr erscheint der nie im Sender. Anrufe bis 11.00 Uhr sind strengstens untersagt: »Das schlägt auf meine Laune, und das wollen wir doch nicht.« Nein, wollen wir nicht, Will, denn seine Laune ist auch so meistens schwer zu ertragen. Was für den gut gelaunt ist, ist für mich irgendwas zwischen Depression und Amoklauf. Umso dankbarer sind wir normalen einfachen Mitarbeiter, wenn Will schön ausgeschlafen hat. Das ist ja das Gemeine an solchen Menschen. Wenn muffelige Zeitgenossen mal freundlich »Guten Morgen« sagen, gerät die Umwelt schon nahezu in Ekstase. Leute wie ich, mit einer gewissen Grundfreundlichkeit ausgestattet, werden hingegen schon angeraunzt, wenn sie mal eine Stufe runterfahren. »Na, sind wir heute schlecht drauf, keinen Sex gehabt oder was …?«

 

Montag ist immer ein heikler Tag in der Redaktion, denn unsere Sendung läuft samstags im Abendprogramm. Sonntags sind dann die Quoten da, und Montag ist der erste Tag, an dem wir uns gemeinsam diesen miesen kleinen Zahlen stellen müssen. Natürlich habe ich Sonntag im Videotext nachgeschaut, was uns heute erwartet. Die Quoten, sozusagen die Bibel der Fernsehschaffenden, kann man immer am darauf folgenden Tag der Sendung so ab 9.30 Uhr nachlesen. Auf der Fernsehseite der jeweiligen Anstalt. Wir hatten am Samstag 3,7 % Marktanteil und 50 000 Zuschauer. Für Thomas Gottschalk wäre das ein Suizidgrund. Alles unter 15 Millionen ist für den doch ein sozialer Abstieg. Kurz vor der Fernsehgosse. Aber wir sind ja auch nicht das ZDF, sondern nur ein kleiner Muckelsender. Trotzdem: 3,7 % Marktanteil sind auch bei uns kein Anlass, eine Champagnerparty steigen zu lassen. Normalerweise haben wir um die 5% und etwa 65 000 Zuschauer. Wo also waren die 15 000, die uns da fehlen? Alle im Urlaub? Obwohl keine Ferien sind? Nee, das zieht nicht. »Schnidt, jetzt schön überlegen und eine feine Entschuldigung für Will finden«, heißt meine mentale Aufgabe für die Zeit bis zum Auftauchen des selbst ernannten Moderatorengottes Will. Denn Will glaubt gerne, was ich mir so ausdenke. Egal, wie bescheuert es ist. Einmal habe ich ihn damit beschwichtigt zu sagen, »Opel Rüsselsheim hatte Wandertag auswärts – in Niedersachsen oder Mecklenburg Vorpommern«, und er war sofort überzeugt. Für ihn ist bei dem Thema nur eines klar: An ihm kann es nicht liegen. Selbstkritik ist ein Wort, das Will weder kennt noch kennen lernen möchte. Ich weiß nicht, ob es an seiner totalen Selbstüberschätzung liegt oder an einer komplett falschen Eigenwahrnehmung, aber Will macht halt nichts verkehrt. Dass er ein Mann ist, hilft dabei natürlich. Männer neigen generell weniger zur Selbstkritik. Das muss was in den Genen sein. Christoph hat es auch. Allerdings im Vergleich zu Will nur in Spurenelementen. Dem Himmel sei Dank!

 

Außerdem ist Will ein Star. Findet er jedenfalls. Wenn ihn morgens beim Bäcker oder auf dem Weg ins Büro jemand erkannt hat, dann kann das für die gesamte Redaktion lebensrettend sein. Ein Autogrammwunsch ist für Will so etwas wie für andere Menschen ein Wochenende in einem Wellness-Hotel. Natürlich würde er aber genau das niemals zugeben. Im Gegenteil: »Hach, ständig die Autogrammwünsche. Ich kann ja nirgends mehr ohne Karten hingehen. Nee, was ein Stress.« So ähnlich lamentiert der ständig vor sich hin. Und die Redaktion stöhnt teilnahmsvoll mit, anstatt zu sagen: »Wer seinen Kopf in die Glotze streckt, muss mit so was rechnen.« Was wir uns bei dem Typen einen abschleimen. Eigentlich eklig. Aber wer aufmuckt, kann sich sofort einen neuen Job suchen. Ich finde, wenn überhaupt, dann sollten das sowieso die Redakteure und Redakteurinnen machen. Immer der Reihe nach. Auch beim Kritisieren. Ich bin Redaktionsassistentin, und seit wann müssen die in der untersten Hierarchiestufe die diffizilsten Aufgaben erledigen. Dummerweise steigt der Mut zum Kritisieren nicht parallel zur Gehaltsstufe. Da hier alle seit Jahren den Mund halten, versuche ich es eben auch. Schließlich war »hör mal, nur eins ist hier echt wichtig, nie, aber auch nie, an Will rummeckern« das Erste, was man mir in dieser Redaktion mitgeteilt hat. Parole Dauerschleim. So kommt es, dass der »große« Will umgeben ist von einer Ansammlung lebender Nickdackel. Widerlich, aber wahr.

 

Montags erledige ich immer zuerst die Post und die E-Mails. Wer noch nie an einen Sender geschrieben hat, Menschen wie ich zum Beispiel, kann sich gar nicht vorstellen, für wie viele Zeitgenossen das die Erfüllung schlechthin zu sein scheint. Allein sechzehn E-Mails warten in meinem Rechner auf mich. Die bösen werden zuerst abgearbeitet. Dann sind sie weg, bevor Will erscheint. An ganz mutigen Tagen lasse ich ein oder zwei, je nach meiner Tagesform, für ihn ausdrucken. Das Schlimme ist, dass man jede Mail beantworten muss. Egal, wie grenzdebil oder bösartig sie ist. Ich mache mir eine Latte Macchiato, heutzutage trinkt ja kaum mehr einer normalen Kaffee, und lege los.

E-Mail, die Erste:

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

was da in Ihrem Sender von meinen Gebühren finanziert wird, ist gelinde gesagt eine Frechheit. Dieser tuntige, selbstgefällige Moderator, der nicht in der Lage ist, auch nur eine gescheite Frage zu stellen, wurde am vergangenen Samstag nur noch übertroffen von dem unsäglichen Gast Rainer Sauterfluss. Der offensichtlich angetrunkene und kettenrauchende Schauspieler ist eine Schande für unser Land. Ein Mann, der nicht einmal weiß, in welchem Jahrhundert Goethe gelebt hat. Ich schäme mich für Ihr Programm. Haben Sie denn keine Augen im Kopf? Handeln Sie, oder ich werde Ihr Programm nicht mehr einschalten.

Ihr Heinz Kümmerlich

 

Na super. Das geht ja klasse los an diesem Morgen. Was für eine Drohung. Herr Kümmerlich wird uns eventuell nicht mehr gucken. Sollen mir jetzt die Tränen kommen? Soll ich mich vor die nächste U-Bahn werfen? Was denkt der? Mir doch egal. Aber das darf man natürlich keinesfalls schreiben. Auch nicht, dass es Fernbedienungen gibt, mit denen man umschalten und im Extremfall sogar ausschalten kann. Wurscht, was muss, das muss, Schnidt, jetzt nicht verzagen, sondern arbeiten:

 

Lieber Herr Kümmerlich,

Sie haben ja so Recht. Unser Moderator stellt schon seit Jahren keine gescheite Frage, und unser Studiogast Rainer Sauterfluss hatte mehr Promille im Blut, als Mascarpone Kalorien hat. Ich verstehe Sie nur zu gut und empfehle Ihnen, unseren Sender von Ihrer Fernbedienung zu tilgen.

Herzliche Grüsse von einer, die voll und ganz Ihrer Meinung ist,

Andrea Schnidt – Redaktion »Raten mit Promis«

 

Das wäre so in etwa die Antwort, die ich gerne geben würde. Dann könnte ich anschließend allerdings direkt beim Personalchef vorbeischauen und meine Papiere abholen. Also schreibe ich:

 

Sehr geehrter Herr Kümmerlich,

es ist wirklich äußerst schade, dass Ihnen unsere letzte Sendung nicht so recht Spaß bereiten konnte. Dass Sie den Eindruck hatten, Herr Sauterfluss, der berühmte und mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Schauspieler, sei betrunken, ist nicht korrekt. Herr Sauterfluss ist Künstler, und das Kreative in ihm wirkt eventuell auf manche Zuschauer ein wenig befremdlich.

Wir hoffen, Sie geben uns eine weitere Chance, und wären sehr froh, auf Sie auch am nächsten Samstag als Zuschauer zählen zu können.

Herzliche Grüße Andrea Schnidt – Redaktion »Raten mit Promis«

 

PS. Die virtuelle Autogrammkarte unseres Moderators soll Sie ein wenig versöhnlicher stimmen.

 

O Mann, was für ein verlogener Scheiß. Klar war der Sauterfluss besoffen. Und das nicht zu knapp. Der war kaum in der Lage, seinen Kopf in der Maske noch gerade zu halten, und die Maskenbildnerin Billie war allein durch das Ausatmen von Herrn Sauterfluss kurz vor einer Alkoholvergiftung. Schlimmer aber traf es die Aufnahmeleiterin. Die hatte richtig Mühe, den Alten und seine Tatschfinger loszuwerden. Sauterfluss war entsetzt und beleidigt darüber, dass ihm eine Frau widerstehen kann. Tatjana, die Aufnahmeleiterin, etwa 30 Jahre jünger als Rainer Sauterfluss, hat ihm in ihrer Not dann erzählt, dass sie leider nur auf Frauen steht. Erst dann hat der sich hormonell etwas beruhigt, ihr aber sofort vorgeschlagen, oder besser vorgelallt, dass sie, falls sie es mal richtig besorgt haben will, jederzeit Bescheid geben kann. Wörtlich klang das so:

»Wenn du mal mit mir gefickt hast, dann weißt du, wo der Hammer hängt, und kannst deine Weiber vergessen.« Tatjana hätte fast in ihr Walkie-Talkie gekotzt und kurz überlegt, ob sie wirklich ins lesbische Lager wechseln soll. Will, der dabeistand, hat gelacht und dem Sauterfluss kollegial auf die Schulter gehauen. Will liebt nämlich Prominente. Er lebt in dem Glauben, der Umgang mit so genannten Promis würde ihn auch noch prominenter machen. Nach dem Motto: »Gott, was muss der berühmt sein, wenn der solche Freunde hat … «

Die nächste Mail ist kaum besser:

 

Sehr geehrte Senderverantwortliche,

wer soll Sendungen wie die Ihre am vergangenen Samstag eigentlich schauen? Menschen mit dem IQ einer Rindswurst oder dem Intellekt eines südargentinischen Hamsters? Bitte ersparen Sie uns und unseren Gebühren in Zukunft eine solche Scheiße.

Ohne jede Hochachtung Ralf Gunstmann

 

Das wird ja immer schöner. Im Vergleich mit Herrn Gunstmann war die Mail von Herrn Kümmerlich ja geradezu Fanpost. Ich kopiere die Antwort an Kümmerlich, tausche die Namen aus, und ab geht die Post. Nur die Autogrammkarte von Will schenke ich mir diesmal. Nicht dass der Gunstmann noch komplett ausrastet.

Im Stil zwischen Kümmerlich und Gunstmann geht es weiter. Sehr viel hoffnungsvolle elektronische Post ist nicht dabei. Zwischendrin tut mir Will sogar Leid. Man muss als Moderator schon ein ziemlich dickes Fell haben. Aber bei seinem Einkommen fällt die Fellpflege sicherlich um einiges leichter. Will verdient pro Sendung mehr als ich im Quartal. Als ich darüber nachdenke, sinkt mein Mitleid sofort wieder. Noch eine Viertelstunde, dann ist Redaktionssitzung. Immer morgens um 11.00 Uhr. Und dann nochmal nachmittags, wenn Ihre Hoheit Will den Sender beehrt. Oft habe ich Glück und bin dann längst auf dem Heimweg. Hole meine persönliche Hoheit aus dem Kindergarten ab.

 

»Andrea, telefonier doch noch mal mit der Mock, und kläre alles wegen der Anreise. Spätestens um 16.00 Uhr muss die am Samstag hier sein«, brüllt mir Tim aus dem Nebenraum Anweisungen zu. Ein »bitte« wäre nicht schlecht gewesen. Hätte mir gut getan. Macht es doch jeden Satz irgendwie gefälliger. Aber bitte und danke sind leider für die meisten meiner Kollegen Fremdworte. Selbst meine Tochter benutzt diese Worte häufiger als meine Redaktion. Und das will was heißen. Tim, ein Redakteur der ersten Stunde, seit Jahren bei diesem Sender, mittlerweile Redaktionsleiter, findet meine Ansprüche in dieser Hinsicht Zeitverschwendung. »Hier muss es zackig gehen, da kann man doch mal auf Formalitäten der spießigen Art verzichten«, hat er mir mal lang und breit erklärt, als ich mutig nach einem Hauch von »bitte« verlangt habe. Würden wir Herzen transplantieren und ich wäre die OP-Schwester, die das Besteck reicht, würde ich seinen Einwand durchaus verstehen. Da muss es auch mal ohne bitte und danke gehen. Aber wir hier machen schließlich nur Fernsehen. Tim hält Fernsehen aber für mindestens ebenso wichtig. »Wir berühren die Herzen unserer Zuschauer, sorgen für Emotionalität und erretten einsame Menschen«, hat er doch glatt mal in einem Gespräch gesagt. In einem Ton, dass man gedacht hat, er wäre der Entdecker der Relativitätstheorie. Mindestens. Dazu ist mir dann echt nichts mehr eingefallen.

 

Also rufe ich die Mock an. Auch ohne bitte. Anett Mock ist Moderatorin. Beim Privatfernsehen. Ihre Sendung »Sonnenschein mit Mock allein« ein Renner. Deshalb kann man Anett Mock auch nicht einfach so anrufen. Anett Mock hat, wie alle wichtigen Menschen, eine Agentin. Eine richtige Superzicke. Kerstin Tritsch. Kerstin Tritsch vertritt einen Haufen Prominente, und deshalb muss eine niedere Senderangestellte wie ich sich mit Menschen wie Kerstin Tritsch gut stellen. Sonst kommen die großen Promis nicht zum kleinen Will. Und am kommenden Samstag ist die Mock unsere Studiokandidatin. Ich flöte ins Telefon: »Einen herrlichen guten Morgen, Frau Tritsch, Schnidt hier, Andrea Schnidt von RMRT, grüße Sie«, eröffne ich das Gespräch. »Ach, Frau Schnidt, wurde ja mal Zeit, dass Sie sich melden«, kommt die knappe Antwort von der Tritsch. Kein »Guten Morgen« oder was Vergleichbares. Jetzt hätte ich Lust, einfach aufzulegen. Ich unterdrücke den Impuls und frage, wie die Quotenqueen Anett Mock zu uns anreisen möchte. »Anett fährt, wie Sie sicher wissen, nicht mit der Bahn.« Interessant. Wie will die denn dann von Köln nach Frankfurt kommen? Zu Fuß? Die Tritsch kann Gedanken lesen. »Anett wird selbstverständlich fliegen.« Von Köln nach Frankfurt. Ökologisch und ökonomisch ein Knaller. Aber Studiogäste sind die Könige. Wenn die Mock fliegen will, bitte sehr. Wir würden sie auch per Bobbycar abholen oder per Sänfte nach Frankfurt tragen, wenn die Dame es wünscht. »Kein Problem, Frau Tritsch, ich buche für Frau Mock Köln–Frankfurt und retour.« »Fein, Frau Schnidt, aber denken Sie dran, Frau Mock reist nur Business Class.« Selbstverständlich. So dürr wie die Mock ist, kann die ohne das Sandwich aus der Business Class den Tag wahrscheinlich nicht überstehen. Würde mit Hungerödemen in unserer Sendung auflaufen. Der Unterschied zwischen Holzklasse und Business Class ist nämlich das Sandwich. Und dass man seinen Mantel aufhängen kann. Und es gibt Zeitschriften. Serviceparadies Lufthansa. Wahnsinn. Das Zeitschriften-, Mantelaufhängen- und Sandwich-Programm kostet dann nahezu das Doppelte, aber wenn Frau Mock dadurch bei Laune gehalten wird, buchen wir ihr eben Business Class. In Wahrheit geht’s der sowieso nur um ihre Freimeilen. Fliegt man Business, bekommt man die doppelte Meilenzahl gutgeschrieben, und wenn’s um so was geht, sind die meisten Promis Fachleute. Da staunt unsereins.

 

Frau Tritsch reißt mich aus meinen Neidgedanken. »Denken Sie bitte daran, ein ordentliches Hotel zu buchen. Frau Mock ist zu bekannt, um in irgendeiner Klitsche zu übernachten.« Aha. Zu bekannt. Die tut grad so, als hätte ich die Mock in der Jugendherberge unterbringen wollen. Doppelstockbetten mit pickeligen Teenies aus mehreren Nationen, die dann nachts promigeil über sie herfallen würden. »Frau Mock mag den Frankfurter Hof recht gern«, lässt sie mich noch wissen. Prima, das Hotel mag unsere Honorarabteilung auch besonders gern. Da kriegen die sofort anfallartigen Schaum vorm Mund, schließlich kostet das Frühstück im Frankfurter Hof so viel wie anderswo die gesamte Übernachtung. »Ich tu, was ich kann, Frau Tritsch«, beende ich das Gespräch, »und melde mich, wenn ich die Uhrzeiten habe«. »Tun Sie das«, sagt sie gnädig und hängt ein.

 

Ich beichte der Redaktion die Sache mit dem Frankfurter Hof. »Du weißt doch, dass wir den nicht zahlen können«, zischt mich Tim an. »Buch sie ins Interconti, da kriegen wir Spezialtarif«, befiehlt er in strengem Redaktionsleiterton. Fein, dann ist der Frankfurter Hof eben ausgebucht. Für Frau Mock jedenfalls. Und die Tritsch. Ich mache alles fertig und faxe der Tritsch die Daten. Für einen weiteren Anruf bin ich heute nicht in der richtigen Verfassung. Wer weiß, was der Tritsch an Sonderwünschen noch einfällt. Außerdem habe ich Hunger. Ein kleines Kindergartenbrot mit Äpfelchen ist ja auch kaum die ausreichende Nahrungsmenge für eine erwachsene Frau wie mich. Vor allem für eine, die solche Telefonate wie ich führen muss. Sandra will auch in die Kantine. Ein Glücksfall. Sandra ist der lebende Beweis dafür, dass es auch nette Menschen bei Sendern gibt. Okay, sie ist erst ein halbes Jahr hier und hat früher in der Erwachsenenbildung gearbeitet. Vielleicht schult das und schafft eine Art Hornhaut auf der Psyche.

 

Das Cordon Bleu ist lecker, aber ziemlich fettig. Na ja, man kann ja schlecht erwarten, dass einem die Kantinenbesatzung die Brigitte Diät kocht. Aber warum eigentlich nicht? Wäre doch mal was. Beschließe, den Personalrat um eine Petition zu bitten. Oder gleich die Gewerkschaft. Wenigstens die berühmte Magic-Kohl-Soup müsste ja drin sein.

Sandra und ich entscheiden, nach diesem Vormittag zur mentalen Stärkung auch den Schokopudding zu essen. Er ist beim Menü inklusive, und auch so ein Schokopudding leidet darunter, abgewiesen und stehen gelassen zu werden. Hat Sandra gesagt. Und Sandra sollte es wissen, denn Sandra hat Psychologie studiert.

 

Karina von der Kultur sitzt uns am nächsten Tisch schräg gegenüber. Karina heißt bei uns nur »die stumme Zwinkerin«. Sie zwinkert ständig mit den Augen. Weil sie, so Insiderinformationen, ihre Kontaktlinsen nicht verträgt, aber zu eitel ist, eine Brille zu tragen. Stumm heißt sie, weil sie nie grüßt. Jedenfalls nicht Menschen aus der Unterhaltungsabteilung. Karina ist eine Fernsehadelige. Weil sie eben bei der Kultur arbeitet, und die sind bekanntlich was Besseres. Obwohl sie sogar schlechtere Quoten als wir haben. Aber für die Kulturellis ist das noch eine Auszeichnung. Hätten sie Quote, würden sie ja gesehen. Ein Albtraum für diese Typen. Denn Kultur ist selbstredend nur für die kleine und feine Elite der Menschheit. Menschen, die in der Lage sind zu verstehen, was ihnen die selbst ernannten Hüter des Kulturgutes vermitteln. Quote würde Karina verschrecken. Sie liebt es, zur Minderheit der Intellektuellen zu gehören. Unterhaltung ist für sie ein Grund für den Untergang des Abendlandes. Getoppt wird die Unterhaltung nur noch vom Sport, auf den selbst die Unterhaltungsleute wie wir herabsehen dürfen. Das nur zu den internen Hierarchiestufen in einem normalen Sender voller Neurotiker. Ich habe übrigens auch Kontaktlinsen, aber ich vertrage sie besser und zwinkere nur, wenn ich es will.

Wir trödeln mit dem Schokopudding rum, um die Zeit bis zu meinem Feierabend zu überbrücken. Am Anfang habe ich wie eine hektische Arbeitsbiene vor mich hin malocht. Das mag in meiner Abteilung keiner. Setzt die anderen unter Druck, macht ihnen ein schlechtes Gewissen. Will ich schuld an so was sein? Nein, natürlich nicht. Deshalb habe ich das Tempo ein bisschen gedrosselt, nur meinen Kollegen zuliebe. Und das Schöne – man kann sich dran gewöhnen.

Ich ahne es, kaum dass ich wieder am Schreibtisch sitze: Will ist im Anmarsch. Will kommt nicht ins Büro, er erscheint. Hat seinen Auftritt. Auch heute. Gelbes Jackett. Ein ältlicher Zitronenfalter mit starkem Haarausfall und miesepetrigem Gesicht. Will leidet schrecklich unter seinem täglich weniger werdenden Haupthaar. Aber statt es kurz zu schneiden, sprayt und gelt er, was die Tübchen und seine paar Haare hergeben. Und dann trägt er Sonnenbrille. Heute. Bei dem ekelhaften Wetter. »Bindehautentzündung«, herrscht er mich an, als könne er Gedanken lesen. »Ooch, du Ärmster«, bejammere ich ihn pflichtschuldig. »Noch so ’ne Quote, und ich schmeiß die Sendung, das mach ich nicht mehr mit«, geht es gleich weiter. Jetzt ist der Moment für die aufmunternden Worte gekommen. Bei diesem »Will-Klassiker«-Satz »ich schmeiß die Sendung« heißt es zu reagieren, als hätte er angekündigt, sich von der nächsten Brücke in eine 400 Meter tiefe Kluft zu stürzen. »Das darfst du nicht, Will. Die Menschen lieben dich. Wir hier brauchen dich … «, ich lasse eine wahre Schleimsalve auf ihn niederprasseln. »Na ja, Andrea, mal schauen«, gibt er sich gnädig, und ich bin ihn los. Jetzt sind die anderen im Nebenraum dran. Tim, Sandra und Co. Meistens muss Sandra die Hauptarbeit in Sachen Aufmunterung erledigen. Weil sie, wie alle immer wieder betonen, »ja vom Fach ist«.

 

Bis 14 Uhr kann ich den Flug von der Mock noch zweimal umbuchen. Dass die Lufthansa ihre Flugpläne nicht nach Anett Mock richtet, ist aber auch wirklich skandalös. Dann: Endlich Feierabend. Bevor die Mock vielleicht doch noch per Fesselballon einschweben will, mache ich die Flatter.

Auf dem Heimweg komme ich am Klinikum vorbei. Rechter Hand liegt das hospitaleigene Schwimmbad. Jedes Mal, wenn ich die Schwimmhalle sehe, habe ich eine Art Déjà-vu. Da hilft die beste Verdrängungsstrategie wenig:

Hier war ich nämlich mal beim Schwimmkurs. Also nicht für mich, sondern wegen Claudia. Schwimmen soll ja irre gut sein für die Babys. Sie mental schulen und ihre Motorik verbessern. Kaum ein Säuglingsratgeber, der Schwimmen nicht zum absoluten Muss erklärt. Weil’s schlau macht und beweglich.

Nach diesen Argumenten war mir klar – ich muss zum Baby-Schwimmen. Schon weil ich null Lust habe, mir im Alter anzuhören, dass meine Claudia nur so ungeschickt durchs Leben stolpert, weil ich zu faul fürs Babyschwimmen war. Auf diese Art Vorwürfe kann ich gut verzichten. Man muss vorbeugen, wo man nur kann. Obwohl ich noch nie gerne im Hallenbad war. Allein der Geruch. Diese Chlor-Schweiß-Fußpilzmischung. Und der Gedanke: in einer Brühe zu plantschen, in der Menschen schwimmen, die seit langem das erste Mal wieder Kontakt zu Wasser haben. Außerdem habe ich ja eine gewisse Keimphobie. Da ist Schwimmbad nun wirklich nicht der Top-Platz. Und ein Krankenhausschwimmbad schon gar nicht. Offene Wunden von Rekonvaleszenten nässen in ein Wasser, das beste Bakterienvermehrungstemperatur hat. Richtig sauwarm ist. Pippiwarm. Aber – wer A sagt, muss bekanntlich auch B sagen. Und wer heutzutage Kinder kriegt, kommt ums Hallenbad kaum herum. Also gehe ich zum Babyschwimmen. Ich bin schließlich eine aufopferungsvolle Mutter. Keine Frage.

 

Mein Gott! Was soll ich bloß anziehen? Im Hallenbad. Meine Bikinis bedecken selbst bei großzügiger Betrachtung höchstens die Hälfte von mir. Es quillt überall raus. Der Bauch hängt so, dass man kaum ahnen kann, dass ich ein Bikiniunterteil trage. Wahnsinn. Bikini scheidet damit definitiv aus. Was nun?

Ein Badeanzug muss her.

Was muss, das muss.

Ab in die Stadt. Shopping. Badeanzug kaufen gehört zu den Dingen, um die sich kaum eine Frau reißt. Allein die grässliche Anprobe.

 

Ich beschließe, dass Claudia und ich unseren ersten gemeinsamen Stadtbummel unternehmen. Meine Tochter und ich, beim lustigen Weibershoppen. Kreditkarten Gassi führen. Dummerweise weiß Claudia den Spaß noch nicht wirklich zu schätzen. Um nicht zu sagen – sie scheint Einkaufen zu hassen. Kaum habe ich sie, besonders nett zurechtgemacht, natürlich, da man ja nie weiß, wen man trifft, in ihrem Kinderwagen, fängt sie an zu knöddern. Kein richtiges Schreien, aber ein Geräusch, das Unheil ahnen lässt. Egal. Ich kann sie schlecht zu Hause liegen lassen, und da ich leider kein reizendes Personal zur Verfügung habe, muss sie halt mit. Ist schließlich auch ihr Babyschwimmen, und es wäre ihr wohl kaum recht, wenn ihre Mutter nackt antreten würde. Selbst Babys haben ja wohl so was wie Schamgefühl.

Wir fahren mit der Straßenbahn in die City. Drei Stationen, keine Parkplatzsuche, in der Theorie jedenfalls sind öffentliche Verkehrsmittel eine phantastische Angelegenheit. Praktisch gesehen ist alles doch etwas anders. Als der dritte Kerl an mir vorbeidrängelt, ohne auch nur auf die Idee zu kommen, mir zu helfen, bin ich kurz davor, die Bild-Zeitung anzurufen. Die haben doch so ’ne Rubrik. ›Bild hilft‹ oder so ähnlich. Dann die Rettung: Eine ältere Frau erbarmt sich. »Ach des is ja noch en ganz en frisches«, tätschelt sie an Claudia rum. Eigentlich hasse ich Leute, die ungefragt in den Kinderwagen langen und mein Baby befummeln. Ich sterilisiere jedes Kleinteil, und die fassen mit ihren ungewaschenen Patschhänden meinem Liebling mitten ins Gesicht. Aber – ich halte mich zurück. Sehe es als Entlohnung für spontane Hilfsbereitschaft. Nach drei Stationen ein weiterer Kraftakt. Kinderwagen raus aus der Bahn – fast vors Auto gelaufen, und dann ist es geschafft. Wir sind im Zentrum der Shopaholics. Claudia schläft. Straßenbahnfahren scheint ihr zu liegen. Ein Indiz. Sie wird eine Globetrotterin – ein reiselustiges, neugieriges Wesen. Ja: Sie ist ein tolles Kind. Hätte ja auch brüllen können. Oder spucken. Meine Tochter ist ein Engel. Ein Paradebaby. Ich muss sofort Christoph anrufen und ihm Mitteilung machen. Was wäre ich ohne mein Handy.

 

»Anwaltskanzlei Schröder – Gebhard, guten Morgen – was kann ich für Sie tun?« – Oh, die Vorzimmertante. »Hallo Frau Trundel, Andrea Schnidt hier – dürfte ich bitte Christoph sprechen?« Ich kann eine wirklich höfliche Frau sein. Frau Trundel auch. Trotzdem lehnt sie ab. »Sitzung, Frau Schnidt, Sitzung, Sie kennen das ja.« Klar kenne ich das. Aber ich kann mich kaum erinnern. War ich je eine berufstätige Frau, die mit erwachsenen Menschen tagtäglichen Umgang hatte? Menschen, die nicht der Briefträger oder meine Schwiegermutter Inge sind? Oder der Eismann? Die Mutti-Mutation geht verdammt schnell. Eben noch jung und erfolgreich – jetzt jung, aber nicht so aussehend, und erfolgreich nur in Teilen. Aufzuchterfolg, wenn überhaupt. Ich bin seit vier Monaten zu Hause und trotzdem schon ganz weit weg vom Arbeiten. Anfangs ist das ja herrlich. Man ist so schwanger, dass man kaum mehr hinter den Computer passt, und sehnt den Mutterschutz herbei wie sonst nichts im Leben. Jetzt ist der Mutterschutz rum, und ich weiß nicht so recht, ob dieses Leben das ist, was ich dauerhaft haben will. Ich an der Leggingsfront. Na ja – mal abwarten. »Ein Kind braucht seine Mutter«, meint meine Mutter, und Inge, meine Fast-Schwiegermutti, ist völlig ihrer Meinung. Die tun gerade so, als wollte ich auswandern und das Kind in ein rumänisches Kinderheim abschieben und nicht etwa halbtags ein wenig arbeiten.

 

Sitzung hin, Sitzung her. Ist Christoph der Vater meiner Tochter oder nicht? »Frau Trundel, ich kenne das mit den Sitzungen, aber ich muss ihn trotzdem sprechen«, teile ich der Vorzimmerfee in etwas strengerem Ton mit. »Gibt’s ein Problem?«, fragt sie sogar recht teilnahmsvoll. »Nee, und wenn, würde ich es gerne mit meinem Lebensgefährten besprechen«, antworte ich schon etwas ungehalten. »Bitte, wie Sie wünschen.« Sie ist beleidigt. Gott, was nehmen sich diese Frauen wichtig. Aber sie verbindet mich. Immerhin. »Ja bitte«, höre ich Christophs Stimme. »Ich bin’s, Andrea, stell dir vor, Claudia ist Straßenbahn gefahren«, erzähle ich glückselig. Eine Pause. Schweigen. Und dann: »Hat sie die Bahn gelenkt, saß sie am Steuer, oder warum holst du mich mitten aus einer wichtigen Sitzung. Mann, Andrea, das hier ist die monatliche Partnersitzung. Hast du ’nen Sockenschuss, oder was?«

 

Blöder Sack. Egozentrischer Volldepp. Ich lege auf. Das geht nun echt zu weit. Das habe ich nun wirklich nicht nötig. War das eben am Telefon derselbe Mann, der mir noch gestern Abend gesagt hat: »Ich will an jedem Entwicklungsschritt meiner Prinzessin teilhaben!« Noch so ’ne Nummer, und der kann in die Kanzlei ziehen. Rund um die Uhr Sitzung halten. Wichtigtuer. Entscheidende Sitzung. Lächerlich. Lässt sein eigen Fleisch und Blut hängen für irgendwelche stoffeligen Partner in einer klitschigen Kanzlei. Na, dem werde ich heute Abend ordentlich paar einschenken.

 

Jetzt ist auch noch Claudia aufgewacht. Prima. Christoph, ich danke dir. Hat das arme Ding sicherlich gespürt, dass Papa desinteressiert ist. »Nicht aufregen«, säusele ich, »wir gehen jetzt fein einkaufen, schön lieb sein, Mami muss nur schnell einen Badeanzug kaufen. Du willst doch auch, dass Mami schick ist beim Schwimmen.« Claudia ist relativ unbeeindruckt. Sie weint. Ich schuckle den Kinderwagen wie eine mittlere Schiffschaukel. Nix wie rein ins erste Kaufhaus. Boutiquen kann ich momentan abhaken. Ich glaube kaum, dass die meine Größe führen, und habe wenig Lust, mich von einer zickigen Verkäuferin entsetzt mustern zu lassen. Bademoden 3. Stock. Na toll. Rauf auf die Rolltreppe. Ist gar nicht so schwierig, wie ich gedacht habe. Obwohl ich innerhalb der Minuten, die ich auf der Rolltreppe bin, sofort Horrorvisionen von RTL -Notruf-tauglichen Unfällen habe. Ich stürze, meine Haare verhaken sich in den Stufen, und während ich langsam skalpiert werde, plumpst Claudia aus dem Wagen und kullert die Stufen runter. Seit ich ein Kind habe, springen mir solche Schreckensszenarien viel schneller ins Hirn. Man sorgt sich doch ganz anders. Trotzdem schaffe ich es und beschließe, nachher, um runterzukommen, den Aufzug zu nehmen. Man muss sein Glück ja nicht provozieren. Außerdem verliere ich zurzeit dermaßen viele Haare, dass ich es mir nicht leisten kann, noch welche in der Rolltreppe zu lassen. Wo ich eh nicht gerade gesegnet bin mit dem, was man Haar nennt. Wenn das mit dem Haarausfall weiter so geht, muss ich mir wie Naddel eine Perücke anschaffen. Vielleicht sogar ganz praktisch. Wer Perücke trägt, hat wenigstens eine berechenbare Frisur und nicht wie ich jeden Morgen eine neue Überraschung auf dem Kopf. Als ich das mal Christoph erzählt habe, hat der sich einen Witz draus gemacht und mich wochenlang morgens mit den Worten »Hier kommt ja mein lebendes Überraschungsei« begrüßt und mir den Kopf getätschelt. Juristen und Humor, kann ich dazu nur sagen.

 

Abteilung Bademoden. Gezielt steuere ich den Ständer mit den Einteilern an. Die haben richtig ordentlich Auswahl hier. Leider nur bis Größe 42. Und ob ich da reinpasse? Warum eigentlich nicht. Wenn ich ein bisschen den Bauch einziehe, müsste das bei dem Stretchstoff vielleicht klappen. Ich schnappe mir 6 Teile und schiebe Claudia und mich Richtung Umkleide. Ich bin nun wahrlich keine begeisterte Anprobiererin, aber bevor ich nochmal losziehe, weil ich zu Hause merke, dass ich mich total verschätzt habe, beiße ich lieber in den sauren Apfel.

»Bitte nur drei Teile«, erklärt mir eine schnippische Person, die Wärterin der Umkleiden. »Auch gut«, sage ich und drücke ihr die anderen drei übrigen in die Hand. Leopardenmuster mit Goldbauchkettchen wäre vielleicht sowieso etwas gewagt. Auch der Quergestreifte kann weg. Und Rosa ist für jemanden wie mich doch bei näherer Betrachtung zu nah dran am ordinären Hausschwein.

Damit ich nicht vergesse, wie viele Badeanzüge ich mithabe, gibt die Verkäuferin mir noch ein kleines Plastikschild mit einer malerischen 3 drauf. »Vielen Dank auch«, versuche ich die ironische Tour, aber die Umkleidenherrscherin ist längst damit beschäftigt, ihre Fingernägel zu begutachten.

Claudia stelle ich direkt vor meine Kabine. Der Gedanke, jemand könnte mein wirklich äußerst mühsam Erpresstes mitnehmen, gefällt mir gar nicht. Außerdem – ohne Kind brauche ich auch keinen Badeanzug. Das wäre dann doppelt ärgerlich. Die Kabine ist eng. Alle Kabinen sind eng. Außer in schnieken Boutiquen. Das Licht beschissen. Oder ist meine Haut echt so fahl? Eine weißhäutiges Streifentier guckt mir aus dem Spiegel entgegen. Meine Unterhose gehört auch nicht in die Kategorie Reizwäsche. Der Gummibund hat schon bessere Tage gesehen. Aber irgendwo hat selbst der tougheste Gummibund seine Grenzen. Während ich mich fast schon mitleidig im Spiegel mustere, reißt die Fingernagelgafferin den Vorhang weg. »Oje«, entfährt es ihr, und ich kann zwar verstehen, was sie meint, würde ihr aber trotzdem nur zu gerne ein paar scheuern. »Ich möchte bitte in Ruhe probieren«, herrsche ich sie an. »Man kann es den Kunden auch nie recht machen«, stapft sie trotzig von dannen. Zimtzicke. Kinderhasserin. »Der zahlst du keine Rente«, beschließe ich im Namen von Claudia und fühle mich gleich besser.

 

Modell eins ist eins dieser maritimen Teile. Schlicht dunkelblau mit weißem Rand. Eigentlich ganz nett. Bis auf den kleinen Hüftanker. Ohne Körbchen und anderen Schnickschnack. Der Anzug ist etwas knapp. Was dazu führt, dass meine Brüste platt gedrückt kurz über dem Bauchnabel hängen. Wie zwei lappige Pfannkuchen. Nee – untragbar. Weg damit. Teil zwei ist das eher florale Modell. Bunte Sommerblumen. Nicht schlecht, aber die Träger schneiden dermaßen ein, dass ich wahrscheinlich noch Wochen nach dem Tragen ein Muster auf der Haut haben werde und nachher wirke, als hätte ich mir ein Branding verpassen lassen. Außerdem ist zartgelb auch für südamerikanische Trägerinnen mit bronzefarbenem Naturteint (ist die Welt nicht ungerecht!) geeigneter. Weg damit. Nummer drei passt perfekt. Na also, wer sagt es denn. Es ist ehrlich gesagt kein wirklich geschmackvolles Modell, aber alles kann man halt auch nicht haben. Der Badeanzug ist lila changierend, hat Körbchen mit Verstärkung und breite Träger. Gerader Beinausschnitt. Hässlich, definitiv, aber für den Kurs wird’s reichen. Ist ja kein Bademodenmodell-Contest.

Und auch nicht Größe 42. Sondern 44. Hing wohl falsch. Egal, das Schild kann man ja rausschneiden. Dann schnell den Verdrängungsmechanismus eingeschaltet, und nach ein paar Wochen weiß man selbst nicht mehr, was das Teil für ’ne Größe hat. 79 Euro. Für einen Badeanzug. Mich trifft fast der Schlag. Und jetzt auch noch das: Während ich mich noch streng vor dem Spiegel drehe, geht draußen das Geschrei los. Claudia. Ich springe aus der Kabine und stehe in meinem Lila Badeanzug Größe 44