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Wissenschaftlicher Aufsatz aus dem Jahr 2006 im Fachbereich Filmwissenschaft, Note: Sehr gut, Universität Wien (Theater-, Film- und Medienwissenschaft), Veranstaltung: keine - Teil von Diplomarbeit, Sprache: Deutsch, Abstract: Antihelden-Figuren, häufig Protagonisten von Graphic Novels, lassen sich nur schwer auf bestimmte Charaktereigenschaften klassifizieren.Im Folgenden wird die Graphic Novel From Hell von Alan Moore und Eddie Campbell hinsichtlich formaler und inhaltlicher Kennzeichen sowie insbesondere hinsichtlich der Motive des Antihelden Abberline - ein typischer Problemcharakter, ein Versager, der mit ernster und mürrischer Miene durchs Leben schreitet - untersucht. Im Anschluss daran findet ein Vergleich mit der gleichnamigen Verfilmung From Hell (USA, 2002, R: Albert Hughes, Allen Hughes) statt, der Unterschiede und Ähnlichkeiten der filmischen Version analysiert und dabei auch intermediale Aspekte mit einschließt.
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Veröffentlichungsjahr: 2009
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Der Antiheld - ein Heldentypus, der sich im Umfeld von Comic(-verfilmungen)1bewusst von Superhelden absetzt und ein Image an den Tag legt, das sich kaum auf einen Punkt bringen lässt.2Antihelden-Figuren sind in der Regel die Protagonisten von Graphic Novels - eine anspruchsvollere Form von Comics der Independent-Szene mit ernsthaften Thematiken, besonderer Grafik und großteils von großem Umfang, wie die Graphic NovelFrom Hell,die über 400 Seiten umfasst - und sie lassen sich schwer auf bestimmte Charaktereigenschaften klassifizieren, was sie just erforschenswert machen. Interessant ist weiters, dass die Antihelden infolge einer filmischen Umsetzung „Vom Comic zum Film“ jene verschieden adaptiert bzw. interpretiert werden, was auch als Ausgangspunkt dieses anschließenden Textes gilt.
Inspektor Abberline ausFrom Hellist ein typischer Antiheldentypus mit der Affinität eines Problemcharakters. Es sind die Probleme mit dem Alltag, mit dem gesellschaftlichen System und der verlorenen Liebe etc. die beiden Figuren - Comic und Film - mächtig zu Last liegen, sodass sie daran brechen. Beide sind gequält von den Problemen der Vergangenheit, beide leiden unter dem Ballast des Wissens um den wahren Mörder und das unmenschliche Vorgehen des Scotland Yard, das niemand erfahren darf, beiden Figuren ist eine negative Grundstimmung von melancholisch bis mürrisch zu eigen und beide sind Randfiguren, die an den Gesellschaftsstrukturen anecken und dennoch gibt es wesentliche Unterschiede zwischen beiden, die nun herausgearbeitet werden sollen.
Bei diesem Text „FromHell- Vom Comic zum Film“ handelt es sich um einen Teil meiner Diplomarbeit mit dem Titel „Antihelden in Comicverfilmungen. Transformationsanalyse ausgewählter Graphic Novel und deren Verfilmungen“3, die im März 2006 am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien verfasst wurde.
Im Folgenden wird die Graphic NovelFrom Hellvon Alan Moore und Eddie Campbell hinsichtlich formaler und inhaltlicher Kennzeichen sowie insbesondere hinsichtlich der Motive des Antihelden Abberline untersucht. Im Anschluss daran findet ein Vergleich mit der gleichnamigen VerfilmungFrom Hell(USA, 2002, R: Albert Hughes, Allen Hughes) statt, der Unterschiede und Ähnlichkeiten der filmischen Version analysiert und dabei auch
1Mehr zum Thema Comicverfilmungen und Antihelden: Kainz, Barbara (Hrsg.): Comic.Film.Helden.
Heldenkonzepte und medienwissenschaftliche Analysen, Wien, 2009 (erscheint in Kürze).
2Mehr zum Thema Antiheld vgl.: Kainz, Barbara: Der Antiheld hat viele Gesichter. Motive und Image einer
Heldenspezies in Comicverfilmungen, Wien, 2008.
3Kainz, Barbara: Antihelden in Comicverfilmungen. Transformationsanalyse ausgewählter Graphic Novel und
deren Verfilmungen, Wien, 2006.
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intermediale Aspekte mit einschließt. Zur Analyse der Motive des Antihelden wurde auf die Zaubermärchenanalyse nach Vladimir Propp angewendet.
1.1 Zaubermärchenanalyse nach Propp
Bei der Zaubermärchenanalyse nach Propp handelt es sich um eine strukturalistische Erzähltheorie, mit der Propp das Märchen in seine unveränderlichen Bestandteile zerlegt. Er kann dabei „(…) 31 Funktionen nachweisen, auf deren Basis sich die Handlung sämtlicher hier analysierter Märchen entwickelt.“4Jede Funktion der handelnden Personen zeichnet sich durch ein Symbol (Buchstabe und Ziffer) aus, fügt sich schließlich der Gesamterzählung und ergibt damit eine, den Bau des Märchens charakterisierende Formel.5Die schematischen Grundelemente, auf die Propp die Zaubermärchen reduziert, setzen sich folgendermaßen zusammen:
Hier soll das Märchengenre untersucht werden, an dessen Anfang die Zufügung
irgendeines Verlustes, eines Schadens (…) oder der Wunsch eine Sache zu
besitzen (…) steht und das sich über die Stationen der Abreise des Helden und
der Begegnung mit dem Schenker, der ihm ein Zaubermittel schenkt, mit dessen
Hilfe der gesuchte Gegenstand gefunden wird, entwickelt. Im weiteren Verlauf
bietet das Märchen den Zweikampf mit dem Gegner (…), die Rückkehr und die
Verfolgung. Oft ergeben sich in dieser Komposition zusätzliche Verwicklungen.
Der Held ist schon im Begriff, nach Hause zurückzukehren, da wird er von seinen
Brüdern in einen Abgrund geworfen. Er trifft dann erneut ein, muss sich einer
Prüfung unterziehen, die in schwierigen Aufgaben besteht, besteigt den Thron
und verheiratet sich (…).6
Dieser vereinfacht geschilderte kompositionelle Kern des Zaubermärchens kann verschiedene Variationen einnehmen. Ein Märchen kann auch aus mehreren Sequenzen bestehen, „(…) d. h. [aus] solchen, in denen z. B. mehrere Schädigungen vorkommen, von denen jede ihre eigene Entwicklung nimmt.“7Grundsätzlich geht Propp allerdings von der Abreise des Helden, dem ein Verbot bzw. ein Unglück vorausgeht, der Zweikampf mit dem Sieg über den Gegner, die Rückkehr und Verfolgung bzw. Prüfung und Lösung, aus. Dieses Schema findet sich z. B. auch auf schamanischen Reisen wieder: „(...) und vergleicht man sie [Schamanengeschichten] mit der Wanderung oder den Flug des Märchenhelden, so zeigt sich eine Übereinstimmung.“8Die Verbindung zwischen Comic-Held und Märchen bzw.
4Propp, Vladimir Jacovlevic: Morphologie des Märchens, Frankfurt a. M., 1982, S. 65.
5Ebd., S. 31.
6Propp, Vladimir Jacovlevic: Die historischen Wurzeln des Zaubermärchens, München, 1987, S. 14.
7Propp, Vladimir Jacovlevic: Morphologie des Märchens, Frankfurt a. M., 1982, S. 101.
8Propp, Vladimir Jacovlevic: Die historischen Wurzeln des Zaubermärchens, München, 1987, S. 461.
