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Frosch, König und Königin E-Book

Axel Adamitzki

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Beschreibung

Dominik Bendow, dreiundzwanzig Jahre alt, träumt seit drei Jahren davon, durch die Liebe einer schönen Frau aus seinem misslichen Leben erlöst zu werden. Er lebt allein mit seiner Mutter. Er scheut jegliche Konflikte, er ist ein ›Frosch‹. Von seiner Mutter hat er gelernt, dass man nur etwas bekommt, wenn man vorher etwas gibt – auch im Gefühlsleben. Erlöse und du hast einen Anspruch auf Erlösung. In Camilla glaubt er, endlich die Frau gefunden zu haben, die er erlösen kann, die ihn dafür lieben wird. Ist es nicht unsagbar naiv, zu glauben, Liebe sei einforderbar? Eine entsetzliche Bloßstellung, die sein Innerstes heftig erschüttert, lässt ihn schließlich ›erwachen‹. Wird aus dem ›Frosch‹ Dominik tatsächlich der ›König‹ Dominik? Und, mehr noch, ›sieht‹ und findet er am Ende seine Königin?

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Seitenzahl: 284

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Vorwort
Impressum
Zum Geleit
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Schlusswort

Impressum neobooks

Frosch, König und Königin

Ein modernes Märchen

Vorwort

Hinweis:

Dieser Roman war bis Anfang Juni 2021 ausschließlich bei Amazon unter dem Titel »Frosch, König und Königin« gelistet. Unter gleichem Titel ist der Roman jetzt allerorts als eBook erhältlich. Am Inhalt gab es gegenüber dem ursprünglichen Werk keine Veränderungen.

Dominik Bendow, dreiundzwanzig Jahre alt, träumt seit drei Jahren davon, durch die Liebe einer schönen Frau aus seinem misslichen Leben erlöst zu werden.

Er lebt allein mit seiner Mutter. Er scheut jegliche Konflikte, er ist ein ›Frosch‹.

Von seiner Mutter hat er gelernt, dass man nur etwas bekommt, wenn man vorher etwas gibt – auch im Gefühlsleben. Erlöse und du hast einen Anspruch auf Erlösung.

In Camilla glaubt er, endlich die Frau gefunden zu haben, die er erlösen kann, die ihn dafür lieben wird. Ist es nicht unsagbar naiv, zu glauben, Liebe sei einforderbar?

Eine entsetzliche Bloßstellung, die sein Innerstes heftig erschüttert, lässt ihn schließlich ›erwachen‹.

Wird aus dem ›Frosch‹ Dominik tatsächlich der ›König‹ Dominik? Und, mehr noch, ›sieht‹ und findet er am Ende seine Königin?

Impressum

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors. Das nachfolgende Werk ist frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig und nicht beabsichtigt, auch stimmen Orte und ihre Beschreibungen nicht mit der Wirklichkeit überein. Markennamen sowie Warenzeichen, die im vorliegenden Werk Verwendung finden, sind Eigentum ihres rechtmäßigen Eigentümers.

Alles ist Fiktion, gleichwohl – emotional und abstrakt betrachtet – wäre alles genau so möglich.

Axel Adamitzki

Scheiblerstraße 81

47800 Krefeld

[email protected]

www.axel-adamitzki.de

Lektorat: Bianca Weirauch, Weida

Bildnachweis: www.depositphotos.com

Zum Geleit

Die Annahme, Märchen aus alten Zeiten seien für unser heutiges Leben unerheblich, bedeutungslos und nichtssagend, ist weit verbreitet.

Was für ein Irrtum.

Im Märchen vom Froschkönig beispielsweise haben wir es mit einem Frosch, einer Prinzessin, einem König, einer Königin und weit im Hintergrund mit einer Hexe zu tun. Und all diese Wesensarten gibt es heute noch immer.

»Stimmt«, wird die eine oder andere Frau bestätigend einwerfen. »Ich wache jeden Morgen neben einem Frosch auf.« So ähnlich wird sich auch der eine oder andere Mann äußern, wenn er an seine Frau denkt. Vielleicht wird er sich fragen: »War sie damals schon eine Hexe, damals, als ich mich in sie verliebt hab?«

Sicherlich, diese Frösche und Hexen gibt es heute tatsächlich. Das ist indes nur die halbe Wahrheit.

Die ganze Wahrheit ist: Jede Frau ist Prinzessin, Königin und Hexe, jeder Mann ist Frosch, König und auch Teufel.

Und wie wird nun die Frau zur Königin, der Mann zum König?

Wer in den Spiegel blickt und das annimmt, was zu sehen ist, mit allen Vor- und Nachteilen, wer das Wunder des Lebens an sich begreift, wer sich also selbst liebt, wird nie etwas anderes sein als eine Königin oder ein König.

Jeder Frau ist zu wünschen, möge sie eine Königin sein, und ganz gewiss wird sie ihren König »sehen«, ebenso ist jedem Mann zu wünschen, möge er ein König sein, so wird er seine Königin »erblicken«.

Von all dem erzählt dieses Märchen, das sich jederzeit genau so an jedem beliebigen Ort zutragen könnte. Es ist das Märchen von einem Frosch und einer Prinzessin, von einem König, einer Königin und einer Hexe. Es wird geweint und gelacht, hintergangen und beteuert und gehasst und geliebt.

Und wie in den alten Märchen üblich, wird auch hier, ganz am Ende, belohnt und bestraft.

So sind Märchen nun einmal, auch heute noch.

Kapitel 1

Es war einer dieser Tage, die gänzlich überflüssig erschienen. Wenngleich sich in Dominik Bendows Leben in der nächsten Zeit viel verändern sollte, war heute davon nichts zu spüren. Im Gegenteil, an diesem Freitag sollte ihm der Zwiespalt seines Lebens, der ihm oft genug seine zukunftsträchtigen Gedanken verstellte, erneut schonungslos deutlich werden.

Dominik war enttäuscht. Man sah es ihm an. Obwohl, er sah immer aus, als sei er enttäuscht. Allein Menschen, die ihn wirklich kannten, würden den Unterschied sehen. Und im Grunde traf das einzig auf einen Menschen zu: auf seine Mutter. Zumindest glaubte er das.

»So, damit haben wir es für heute. Noch Fragen?«, rief er in die Runde und blickte jeden Anwesenden kurz an.

Natürlich nicht. An einem Freitag um vierzehn Uhr gab es Nachfragen, wenn am folgenden Montag die Klausur in darstellender Geometrie bevorstand, auf die die Studierenden, die hier in seinem Tutorial saßen, sich vorbereiteten. Heute, mitten im Semester, wollten alle lediglich weg.

»Gut. Und ein schönes Wochenende. Wir sehen uns am Dienstag wieder.« Freudlos sah er die sieben Studenten an. Der achte Platz war erneut leer geblieben. Bekümmert und bedrückt wendete Dominik sich ab.

Während der Seminarraum sich leerte, sammelte Dominik seine Unterlagen zusammen, ließ sie in seine abgewetzte braune Ledertasche gleiten und blickte noch einmal hinüber zu dem achten Platz. Was ist mit ihr?, fragte er sich. Heute fehlt sie schon zum dritten Mal. So wird sie die Klausur ganz sicher nicht bestehen.

Dominik schüttelte den Kopf, nahm seine Tasche, trat an die Tür, hob seinen Mantel vom Haken, sah sich ein letztes Mal um, löschte das Licht und ging verdrossen, mit gesenktem Kopf, den langen leeren Flur entlang. Ein langweiliges, austauschbares Wochenende stand ihm bevor. Wie er das hasste. Nichts daran konnte er ändern. Ihr Blick, freundlich und verloren, Hilfe suchend und voller Zweifel, hätte ihn getragen – der Blick seiner Prinzessin.

Auf der Straße tauchte er in einen trüben Januartag ein. Den Kopf eingezogen, wirkte er keinesfalls wie ein Mann von eins vierundachtzig, zudem verschwand der Kopf hinter dem hochgeschlagenen Mantelkragen, was ihn beinahe gänzlich in seinem langen Wintermantel verschwinden ließ. Die blauen Augen, ewig suchend, tasteten still den Gehweg ab. Die hängenden Schultern passten so gar nicht zu seinem festen Schritt.

Dominik wurde kalt. An den Ohren, in seinen Gedanken. Er blieb kurz stehen, zerrte aus der Manteltasche eine schwarze Strickmütze hervor und zog sie sich über den halblangen Haarschopf. Links und rechts lugten braune wellige Strähnen unordentlich wie bei einem kleinen Jungen hervor. Die Ohren waren nun geschützt, die Gedanken froren noch immer.

Ohne Hast ging er weiter, zur U-Bahn. Camilla Dammers, dachte er. Meine Prinzessin.Was sie wohl macht? Ihren Namen würde er nie vergessen.

*

Die vier Stationen bis nach Hause stand er wie immer angelehnt neben einer Tür. Niemand achtete hier auf ihn. Man war mit sich beschäftigt, teilte der Welt aufgefordert oder unaufgefordert oder gar aufdringlich mit, wo man sich im Moment befand, was man gerade tat, oder man las oder war mit geschlossenen Augen in sich gekehrt. Das Ruckeln des Zuges, die Trägheit der Körper, die vor und zurück, nach links und rechts gezogen oder gedrückt wurden, glich einer einstudierten Choreografie – mehr verband die Menschen in der U-Bahn nicht miteinander.

An jedem Bahnhof hob Dominik kurz den Kopf, blickte auf den Stationsnamen und war beruhigt. Ein paar Kilometer blieben ihm für Gedanken und Träume – ein Ritual.

Noch nie hab ich sie lachen gesehen, dachte er. Ihre Augen, tiefbraun und rund.Glubschaugen? Er schmunzelte. Nein, beileibe nicht, sie sind makellos. Wie alles an ihr. Und ihre Traurigkeit war der Zauber, dem er vom ersten Moment an erlegen war.

Dreimal schon. Erneut schüttelte er den Kopf. Kommt sie am Ende gar nicht mehr?

Nein, nur das nicht. Die Mundwinkel verloren den Halt und rutschten ab.

Wusste sie denn nicht, dass sie freitags dafür sorgte, dass er sich bereits auf den Montag freute? Dass er das Elend des Wochenendes hinter sich gebracht hatte und es lediglich noch ein Tag war, bis er sie wiedersah? Und wusste sie nicht, dass er sich dienstags schon auf den Freitag freute? Woche für Woche?

Nein, all das wusste sie nicht.

›Kaiserdamm‹. Dominik stieg aus und bevor er auf der Straße war, gingen ihm seine Träume verloren. Weitergefahren waren sie nicht. Das hatte er einmal ausprobiert. Bereits am nächsten Bahnhof war er ausgestiegen und zurückgelaufen. Das schlechte Gewissen, Haltloses getan zu haben, hatte während der kurzen Weiterfahrt beharrlich an ihm gezerrt. Wo seine Träume jeden Tag verweilten, wusste er nicht. Natürlich wusste er es, nur konnte er ihnen dorthin allein nicht folgen.

Dominik öffnete die Haustür und stieg zur ersten Etage hinauf. »Beletage«, verkündete seine Mutter immer gern, wenn sie um eine Beschreibung ihres Zuhauses gebeten wurde. »Vier Zimmer, Balkon, zwei Bäder, eine Küche, ein Gästeklo und eine geräumige Abstellkammer«, ließ sie zusätzlich wissen. Eine solche Wohnung in Berlin, am Kaiserdamm, das war schon was. Natürlich Eigentum, doch das ließ sie stets unerwähnt. »Über Geld spricht man nicht, mein Junge«, hatte Dominik früh von ihr gelernt. Seit fünf Jahren gehörten ihr auch die restlichen Wohnungen des Hauses, von den Eltern geerbt. Und auch darüber sprach sie nie.

In der Beletage lebte Dominik mit seiner Mutter. Als Student wohnt man bei seinen Eltern, das ist legitim, war ein Mantra, das ihn in den letzten zwei, drei Jahren immer öfter überfiel.

Sein Vater hatte seine Sachen packen müssen, als Dominik keine drei Jahre alt gewesen war. Also gab es hier seit über zwanzig Jahre ausschließlich ihn und seine Mutter.

Das war in Ordnung. Unter der Woche. Heute nicht.

Camilla, ihre wiederholte Abwesenheit beim Tutorial, hatte ihn enttäuscht, und er wollte wenigstens mit seiner Trauer, wenn ihm schon die Träume abhandengekommen waren, ein paar Augenblicke allein sein und nicht sofort in das Gesicht seiner Mutter blicken müssen, das ewig forderte und ihn beobachtete. Sie sollte auch enttäuscht sein, zumindest einen Moment lang.

Dominik schloss die Wohnungstür auf, zog bedachtsam seine Schuhe aus, stellte sie ordentlich auf das Abtropfgitter und verschwand in seinem Zimmer. Längst hatte sie ihn bemerkt, doch wollte er jetzt nicht ... Dominik ließ seine Ledertasche auf den Schreibtisch fallen, zerrte die Mütze vom Kopf, steckte sie zurück in die Manteltasche und zog den schweren Wintermantel aus.

Bevor er auf seinem Bett lag, um sich zu entspannen, was ihm wieder nicht gelingen würde, das wusste er jetzt schon, lauschte er in die Stille. Und verächtlich zog er die Augenbrauen hoch. Sie stand bereits hinter der Tür. Dominik kannte die Geräusche, die sie beim Atmen machte, nur zu genau. Sie war herzkrank, behauptete sie, seit er denken konnte. »Du musst behutsam mit deiner Mutter umgehen«, hatte ihm vor langer Zeit ein Mann ... ein Arzt? ... gesagt. Dominik wusste nicht mehr, wer es gewesen war. Der Satz war hängen geblieben, ließ sich nicht ausradieren, war zu seiner Aufgabe geworden. Er hasste sich dafür. Geh behutsam mit deiner Mutter um. Und was ist mit mir?

Dominik legte den Kopf auf das Kissen und starrte an die weiße Decke. Gleich würde sie in seinem Zimmer stehen, ohne angeklopft zu haben, dennoch behaupten, es getan zu haben, und ihn vorwurfsvoll fragend ansehen. Der Prolog zum Freitagsschauspiel. Lange schon war es eine Tragödie, mit ihm in der »männlichen« Hauptrolle.

Seit zwei, drei Jahren träumte er davon, zumindest freitags, vor dem ersten »Vorhang« in der weißen Raufasertapete verschwinden zu können, für die Frau hinter der Tür unsichtbar zu werden. Und seit es Camilla in seinem Leben gab, träumte er, allein von ihr dort gesehen zu werden. Aus den Raufasererhebungen würde er ihr zu ihrem Lächeln verhelfen, dafür würde sie, seine Prinzessin, ihn aus der Wand erlösen.

Was für ein Traum.

»Da bist du ja.«

»Du hast wieder nicht angeklopft.«

»Sicher.«

»Nein.«

»Unsinn. Lass uns nicht streiten. Ich habe Kaffee gemacht und deinen Lieblingskuchen besorgt. Kommst du, mein Junge? ... Oder hast du zu tun?« Monika Bendow stand zwei Schritte vor dem Bett ihres Sohnes.

Auch wenn ihre Figur »vermanscht« war, wie sie stets selbst von sich behauptete, war ihre Erscheinung durch und durch bestimmend. Die kurzen graumelierten Haare, das ausladende Gestell ihrer schwarzen Hornbrille und die dünnen Lippen, die den Gesichtsausdruck beherrschten, zogen den Blick weg von den blauen stechenden Augen, die wortlos bestrafen konnten. Ein Umstand, den sie während ihrer Dienstzeit als Gymnasiallehrerin – sie hatte bis vor einem Jahr Deutsch und Geschichte unterrichtet – weidlich beansprucht hatte. Den viel zu großen Busen, den sie als Strafe Gottes auf sich nahm, kaschierte sie auch heute wieder mit einer weiten dunkelgrünen Seidenbluse. Die kurzen Beine, auf denen sie durchs Leben schritt, verbarg sie unter einem langen grauen Wollrock.

Sie war mehr als einen Kopf kleiner als ihr Sohn, doch war das lediglich eine Äußerlichkeit.

Ohne Antwort zu geben, starrte Dominik weiterhin die Zimmerdecke an und wartete einen Moment. Das waren seine Sekunden der Macht, die leider zu rasch vergingen.

»Gib mir eine Minute«, sagte er schließlich, wobei er die Augen schloss. Einem kleinen Jungen gleich, wollte er nicht gesehen werden.

»Ja, natürlich, mein Junge. Ich hole eben Kaffee und Kuchen aus der Küche und decke den Tisch im Wohnzimmer ein. Ich bin in fünf Minuten fertig.«

Sie sah sich kurz um, stellte seine Ledertasche neben seinen Schreibtisch, nahm seinen Wintermantel hoch, legte ihn sich ordentlich über den Arm und verließ das Zimmer.

Was für ein Auftritt.

*

Monika Bendow war achtunddreißig, als sie Dominik das Leben »geschenkt« hatte. Bald schon war er zu ihrem Königssohn geworden. Berthold Bendow, ihr Gatte, für den sie sich drei Jahre vorher entschieden hatte, vernachlässigte sie nach der Geburt des Sohnes mehr und mehr. Er war schlichtweg überflüssig geworden.

Berthold war der Erste und Einzige, mit dem sie je das Bett als Mann und Frau geteilt hat. Und das auch nur zu einem Zweck. Mit zweiunddreißig war urplötzlich der Wunsch nach einem eigenen Kind in ihr erwacht. Woher dieser Wunsch rührte, fand sie nie heraus. Obwohl sie nach Ansicht ihrer ehemaligen Kollegen kaum Weiblichkeit zu bieten hatte, war sie immens wählerisch. Drei Jahre dauerte es, bis es Berthold Bendow gab. Es war keine Liebe; bei ihr allein das Verlangen nach einem Kind, bei ihm die Aussicht auf ein gemachtes Nest, aus dem er kaum drei Jahre nach Dominiks Geburt mit einer annehmbaren Abfindung behänd entfernt worden war. Nie wieder hatte sie von ihm gehört, auch das war im Abfindungsvertrag, der sicher verwahrt in ihrem Schreibtisch ruhte, festgelegt worden. Sie hatte ein Kind gewollt - einem gesunden Sohn hatte sie das Leben geschenkt.

»Ja, ich habe es ihm geschenkt. Und dafür darf er mir ewig dankbar sein.« Gern und oft ließ sie diese Bemerkung im Bekanntenkreis, der überschaubar war, fallen. Auch Dominik musste sich diesen Satz mehr als einmal in der Woche anhören. Als Kind hatte er ihn mit Stolz erfüllt: Er war ein Geschenk, hatte er fälschlicherweise angenommen. Als Heranwachsender waren erste Zweifel aufgekommen, heute hasste er diesen Satz.

Bescheidene Versuche, das »Geschenkkorsett«, kompakt und hart wie Stahl, das ihn einschnürte, zu lösen, waren vor zwei, drei Jahren kläglich gescheitert. Zu behaglich war das Leben letztlich in der Beletage – so sahen es seine Bekannten.

Sie begriffen ihn nicht.

Dominik liebte und hasste seine Mutter gleichermaßen. Für ihn war der Spagat zwischen sich lösen und sie zugleich ehren und achten allein nicht machbar – so sah er sich.

Und so wartete er auf Erlösung, versteckt in der weißen Raufasertapete, und war bereit, ebenfalls für Erlösung zu sorgen. Der erlösende Erlöser – was für eine Tragödie.

*

Fünf Minuten später saß Dominik am Esstisch. Das warme gelbe Licht der Lampe darüber leuchtete bald einzig den Tisch aus und ließ den Wohnbereich mit Sessel und Couch, Wohnzimmertisch und Fernsehanrichte und auch vier Ölbilder im Stile Monets in einer gräulich schmutzigen Dämmerung verschwinden.

Die antike Standuhr, rechts neben der Tür zum Flur, ein Erbstück ihrer Großmutter, schlug dreimal – Viertel vor vier.

Das Freitagsschauspiel, Woche für Woche aufgeführt, konnte beginnen.

Alles war ruhig. Auch das Leben auf der Straße, das kaum vernehmbar ins Zimmer drang, erschien nun wie das letzte Räuspern, kurz bevor die Aufmerksamkeit ganz den Schauspielern gehört.

Käsemohnkuchen. Von seinem Lieblingsbäcker auf der Reichsstraße. Kein Weg war ihr für ihn zu weit. Dieser Gedanke erfüllte Dominik mit verachtendem Stolz.

Stumm, mit gesenktem Blick, ließ er sich Kaffee einschenken, wartete auf den Spritzer Milch, den er entsetzlich liebte, nahm den Teelöffel und rührte lautlos um. Schließlich hob er die Kuchengabel von der Serviette, drehte den Kuchenteller, bis die schmale Seite des Kuchens auf ihn zeigte, und begann zu essen.

Wortlos, mit einem dünnen Lächeln, beobachtete seine Mutter ihn, wie er Gabel für Gabel in sich hineinschaufelte. Immer mal trank sie einen Schluck Kaffee. Kuchen mochte sie nicht.

Sie hoffte auf ein Wort von ihm, sie hoffte, er würde sein Leben mit ihr teilen, wie früher - sie hoffte vergebens. Bis vor drei, vier Jahren hatte er es getan, aus Liebe zu ihr. Alles hatte sie in sich aufgesaugt, nicht das kleinste Lächeln, nicht die unwichtigste Träumerei hatte sie sich nur angehört und ihm unversehrt und taktvoll zurückgegeben, nein, nichts hatte er behalten dürfen. Stets hatte sie ihn wie entleert in sein Zimmer entlassen.

Nie hatte sie Kuchen gebraucht, sie hatte ja ihn.

Das war vorbei.

Mit verhaltener Stimme sagte sie schließlich: »Heute Abend wird auf ARTE eine Oper übertragen. ›Die Zauberflöte‹ ...«

Dominik hielt den Blick gesenkt, kratzte die übrig gebliebenen Mohnkrumen vom Teller und schwieg. Letzten Freitag war es Molière, ›Der eingebildete Kranke‹, gewesen. Am Freitag davor ein Konzert der Berliner Philharmoniker. Und ... und ... und.

»Wir könnten gemeinsam ... Wär doch schön, oder? Der Weinhändler hat heute Vormittag unseren Wein angeliefert. Zwölf Flaschen des Spätburgunders, den du so magst, sind auch dabei.« Beschaulich gespannt schloss sie den Mund, und sie wartete.

Nun endlich war es an ihm. Wär doch schön, oder?, war sein Stichwort.

Dominik hob den Kopf und sah sie überrascht an, wobei sie das spöttische Blitzen in den Augen nicht übersehen sollte. Und er sagte ... flüsternd und scheinbar voller Wehmut: »Schade. Heute Abend bin ich schon verabredet. Leider.«

Ihr Blick veränderte sich, wurde kalt, eiskalt. Wie ihn dieses Echo wärmte. Seine Worte hatten sie getroffen, obgleich unvorstellbar, denn jeden Freitag waren es die gleichen.

»Gehst du wieder in diese Kneipe?«

»Ich treffe mich da mit Freunden.« Seine Erklärung klang völlig normal, dabei ging er bald ausschließlich dort hin, weil es sie störte. Freunde waren es nicht, die er Freitag für Freitag im Solo, einer Musikkneipe am Kiez, traf. Bis auf Stefan Huske waren es nichts anderes als Bier trinkende Bekannte, die zu später Stunde lauter grölten, als die Liveband spielen durfte, und es waren Frauen, die sich mit den Bier trinkenden Jungs amüsieren wollten.

Freunde hatte er dort nicht. Und die Frauen? ... Nichts für ihn.

Aber das wusste sie nicht.

»Isst du vorher noch?« Diese Frage, unscheinbar und kalt, dennoch beinahe fürsorglich, war eine Falle. Auch die sah das Textbuch so vor – Freitag für Freitag. Und er trat in die Falle, weil seine Mutter ihm leidtat.

»Gern. Am liebsten zwei Scheiben Graubrot mit Schabefleisch. Wenn du daran gedacht hast.«

Natürlich hatte sie frisches Graubrot von seinem Lieblingsbäcker mitgebracht, auch war sie kilometerweit mit dem Fahrrad gefahren, um Schabefleisch beim Biometzger zu kaufen.

»Ja ... dafür ist deine Mutter gut genug.«

Spöttisch drehte sie sich ab und blickte zum Fenster. Es war dunkel geworden. Sie stand auf, ging zu einer Stehlampe neben dem linken Fenster, schaltete das Licht an und sah erbost hilflos und stumm zu ihm herüber.

Wenn sie es nur endlich begreifen würde: Hier war er, der Sohn, dort war sie, die Mutter. Hier und dort. Im Grunde herzlich einfach.

»Ich kann auch unterwegs eine Curry essen, wenn dir das lieber ist.«

»Mir wäre es lieber, du würdest nicht jede Freitagnacht betrunken nach Hause kommen.«

Das waren ihre Worte, Freitag für Freitag. Er gönnte sie ihr, obwohl er selten betrunken nach Hause kam.

»Und da sind ganz sicher auch Frauen.«

Dominik schwieg. Der Satz war neu. Noch angetan von seiner Selbstlosigkeit, ihr, dem Drehbuch folgend, in die Falle gegangen zu sein, bemerkte er das Unheil nicht, das, abweichend von allen einstudierten Sätzen, auf ihn zurollte.

»Wage es nicht, jemals ein solches Weibsbild hier betrunken anzuschleppen.«

Dominik verzog abschätzig den Mund. »Keine Sorge, da gibt es keine, die mich interessiert.«

»Aha! Und welche interessiert dich?«

Dominik sah sie erschrocken an. Was für ein Fehler. Er hatte vergessen, dass seine Mutter zuweilen auch wie eine normale Frau empfand.

Er stand hastig auf und verließ wortlos das Zimmer. Camilla gehört mir, allein mir.

»Da gibt es also eine Frau? ... Und du sagst deiner Mutter nichts davon?« Sie lief hinter ihm her, wagte nicht, ihn anzufassen oder gar aufzuhalten.

Dominik schwieg, presste die Lippen fest zusammen. In seinem Zimmer angekommen, griff er nach seinem Laptop und warf sich auf sein Bett.

»Du störst«, murmelte er, ohne sie anzusehen.

Sie schreckte zurück und blieb in der Zimmertür stehen. Sie wusste, was diese zwei Worte bedeuteten. Er hatte nach seiner heftigsten Abwehrmöglichkeit gegriffen.

Einmal hatte sie ihn so »erwischt«, auf dem Bett, halb nackt, schwer atmend, mit dem Laptop auf den Knien. »Du störst«, waren auch damals seine Worte gewesen. Nicht noch einmal wollte sie so etwas sehen. Verbieten konnte sie ihm diese »Schweinerei« nicht.

Ein letzter Blick, empört und abstoßend, und schon warf sie die Tür lautstark zu, ging in ihr Zimmer und ließ auch dort die Tür dröhnend ins Schloss fallen. Alsdann ertönte Beethovens Fünfte - unüberhörbar für ihn und alle anderen Mitbewohner des Hauses.

Dominik atmete tief durch und legte den Laptop neben sich auf den Boden. Nie würde er es vor ihr machen. Wie ekelhaft. Aber ihre Angst davor, ihn erneut »erwischen« zu können, und auch ihre Ohnmacht, nichts dagegen tun zu können, waren schon ein gewaltiges Faustpfand. Ultima Ratio.

*

Kurz nach acht Uhr betrat Dominik das Solo, die Musikkneipe. Eine Currywurst hatte er unterwegs nicht essen müssen. Sie hatte ihm zwei Scheiben Graubrot mit Schabefleisch und ein Glas Milch auf einem Tablett vor die Tür gestellt und deutlich vernehmbar angeklopft. Worte hatte sie keine verloren.

»Ich bin dann weg«, hatte er am Abend, beim Gehen, mit erhobenem Kopf in den Flur gerufen und sanft die Wohnungstür geschlossen.

Sie wird in sein Zimmer gehen, sich angewidert umsehen, das Tablett in die Küche tragen und später vielleicht sogar sein Bett frisch beziehen.

Sie tat ihm leid.

»Du siehst so merkwürdig aus? Was ist los? Bist du verliebt?« Albert Achern, der Schatten von Holger Griebert, dem Frauenschwarm hier in der Kneipe, war gerade gekommen und stand jetzt neben ihm.

»Unsinn.« Dominik mochte Albert nicht, auch mit Holger sprach er selten mehr, als nötig war. Jeden Freitag schleppte Holger garantiert einen One-Night-Stand ab. Das störte Dominik nicht, lediglich wie er es tat.

Ab und an fiel für Albert auch etwas ab, die verschmähte oder die stille unattraktive Freundin. Was für ein armseliges Krumensammeln.

Ganz anders Stefan Huske, der Vierte in ihrer ungleichen Runde. Der suchte hier Freitag für Freitag tatsächlich die Frau fürs Leben. Gefunden hatte er bislang allein barsch abweisendes Lächeln. Trotzdem war er nicht bereit, aufzugeben. Das imponierte Dominik.

Dominik sah sich gelangweilt um. Vielleicht acht, neun oder zehn Gäste verloren sich bislang in der großen dunklen Halle, standen an hohen Biertischen und unterhielten sich kaum hörbar. Die Band des Abends baute das Equipment auf. In einer Stunde würde es hier anders aussehen, unterhalten konnte man sich dann nicht mehr.

Dominik liebte es, unter Menschen zu sein, ohne mit ihnen sprechen zu müssen.

*

Die Musik war heute einfach nur laut. Dominik konnte das beurteilen. Bis zum Abitur hatte er in einer Band – mit Freunden - gespielt. Er hatte die E-Gitarre »gezupft«.

Nach dem vierten oder fünften Bier interessierte die Unzulänglichkeit der heutigen Band bald niemanden mehr. Man unterhielt sich, laut, taxierte sich, wog ab, stand nebeneinander, lachte und beroch sich, blieb oder schlenderte weiter. Der »Markt« war eröffnet.

So hatte Dominik vor zwei Jahren seine Jungfräulichkeit verloren. Anna. Sie hatte neben ihm gestanden, ihn angelächelt. Er hatte nicht zurückgelächelt, hatte das Signal nicht verstanden, war bald mal aufs Klo gegangen. Sie war ihm gefolgt. Was für ein Missverständnis. Ein schneller Fick in der Kabine, auf der Klobrille. Für beide zu schnell – er war fertig, sie noch lange nicht. Sie war entsetzt gewesen, hatte wutschnaubend und wortlos ihren Slip hochgezogen und ihn mit dem vollen Gummi über seinem schlaffen Schwanz zurückgelassen.

Ein Jahr später hatte Nina neben ihm gestanden. Eine Romantikerin. Es war eine laue Sommernacht gewesen. Im Schlosspark kannte sie ein kuscheliges Plätzchen. Wieder kam er zu früh. »Das macht nichts. Wir haben Zeit, oder?«, sagte sie und zog ihm einen neuen Gummi über. »Erdbeergeschmack«, sagte sie, »ich liebe Erdbeergeschmack.«

Er ließ sie machen, alles. Und sie sagte und zeigte ihm, was sie brauchte, wie sie ihn wollte. Die Romantik verflog. Am Ende kam auch sie auf ihre Kosten. Zufrieden, dennoch bedrückt erlebte sie den Tagesanbruch in seinen Armen.

»Schade, dass wir beide so hilfebedürftig sind«, hatte sie hoffnungsverloren gemurmelt. »Du bist ein Frosch und ich eine Itsche. Leider können wir uns gegenseitig nicht erlösen. Schade.«

Dominik hatte ihre Worte erst Tage später verstanden. Frosch und Itsche - Hilfsbedürftigkeiten suchen Erlösung. Und endlich hatte er gewusst, was er nötig hatte: seine Prinzessin.

Kapitel 2

Camilla erwachte. Eine Straßenbahn fuhr am Haus vorbei. Irgendwo hupte ein Auto, bellte ein Hund.

Sie öffnete die Augen. Die diffuse Finsternis im Zimmer war von einer tonlosen Stille. Sie drehte den Kopf. Neben ihr lag ein Kerl, besser gesagt, sie lag neben einem Kerl – in dessen Bett. Sein Atem ging verhalten und regelmäßig.

Camilla erhob sich, setzte die Füße neben das Bett auf den Boden und strich sich über die nackten schweren Brüste. Wo waren ihre Sachen? Und wo die Wohnungstür? Sie würde alles finden. Sie war geübt darin.

Erneut drehte sie den Kopf. Noch immer konnte sie ihn nicht erkennen. Wie sieht er aus? Wie heißt er? Sie erinnerte sich nicht. Es war auch bedeutungslos, die Antworten gehörten zum Gestern.

Er hatte sie zum Lachen gebracht, letzte Nacht, in einem Club in Mitte. Sie hatten geflirtet und gelacht. Seine zufällig absichtsvollen Berührungen waren angenehm gewesen, auch hatte er gut gerochen. Wie beinahe jeden zweiten oder dritten Freitagabend war das für sie ausreichend, um mit und bei einem Kerl den Abend zu beenden.

Der Sex war annehmbar, zwei bis drei. Daran erinnerte sie sich. Aber das ... es war bedeutungslos, es gehörte einfach dazu.

Er hatte sie zum Lachen gebracht, das war es, was sie gebraucht hatte. Alles andere war nur Spiel.

Sie musste nach Hause, am besten ohne ein Wort.

»Du bist schon wach?«

Zu spät.

»Schlaf weiter.«

»Möchtest du einen Kaffee?«

Camilla schüttelte stumm den Kopf.

Er schien es zu sehen. »Soll ich dich fahren?«

Wieder schüttelte sie den Kopf.

»Sehen wir uns wieder?«

»Ich weiß, wo ich dich finde. Schlaf weiter«, sagte Camilla, ohne lange zu überlegen. Die beiden Sätze waren eingeübt, schon manches Mal benutzt.

»Es war schön mit dir.« Seine Hand berührte ihren Rücken, Camilla zuckte zusammen. Nun gehörte er endgültig zum Gestern.

Durch das gardinenlose Fenster drang trüb der Morgen ins Zimmer. Er schien im Chaos zu leben, vielleicht irrte sie sich auch – es war belanglos. Endlich erblickte Camilla ihre Sachen. Ohne zu zögern, sprang sie hoch, zog sich an und vermied es, ihn anzusehen.

»War ich so schlimm?«

»Es war schön gewesen. Aber das war gestern.« Mitunter musste sie deutlich werden - so wie jetzt.

»Schade.«

Wie sie das an den Kerlen hasste: Am Abend sind sie Riesen, am nächsten Morgen wimmernde Zwerge.

Sie musste weg, ganz schnell.

*

Bald eine Stunde später stieg Camilla aus einem Taxi. Endlich zu Hause.

Hier, in Neu-Westend, war alles ruhig, hier fuhr keine Straßenbahn, hier bellte selten ein Hund, hier war samstags um neun Uhr kaum ein Mensch zu sehen. Aber daran verschwendete sie keinen Gedanken.

Camilla durchschritt den Vorgarten, vorbei an einem leeren Springbrunnen, der seit Jahren, marode und funktionslos, darauf wartete, abgebrochen zu werden.

Mit gesenktem Kopf verschwand sie in der Villa, in der sie und ihre Mutter wohnten. Auch hier lag vieles im Argen. Das Dachgeschoss, nie wirklich genutzt, hatten sie dem Verfall preisgegeben, lediglich auf das Dach darüber achteten sie peinlich genau. Im ersten Obergeschoss befanden sich ihre privaten Räume. Jede Frau hatte ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer und ein eigenes Bad, das ihnen sehr wichtig war. Konstanze, ihre Mutter, mochte es nicht, ihrer Tochter ungeschminkt zu begegnen. Obwohl ... Begegnungen gab es selten genug. Der weitläufige Wohnraum im Erdgeschoss, die Bibliothek und das sogenannte Herrenzimmer betraten sie nur hin und wieder - um zu lesen, zu feiern oder Freunde zu empfangen – und das bald stets getrennt. In der Küche - dem Reich von Sylvia Mertens, ihrer Haushälterin, der »mütterlichen Schnittstelle« zwischen den beiden Frauen, wie Camillas Vater, der das alles hier bezahlte, gern und oft erwähnte - stand in der Ecke ein großer weißer Tisch, an dem sie frühstückten oder Häppchen aßen, um nichts weiter als den kleinen Hunger zu stillen. Und das selten gemeinsam. Sie hatten sich arrangiert, mit der Villa, mit dem Leben darin.

Im Flur sah sich Camilla um, und sie horchte. Alles war still. Wo ist sie? Schon unterwegs? Dann fiel es ihr ein, und Camilla grinste missbilligend. Wie konnte sie das vergessen. Seit ein paar Wochen war ihre Mutter beinahe jedes Wochenende auf einem »Tantraseminar«, wie sie es nannte. Davor hatte sie sich ganz »normal« mit Männern in Cafés getroffen und sich anschließend in irgendeinem Hotelzimmer amüsiert. Das war ihr zu langweilig geworden. »Zu intim, da fehlt der Kick«, hatte sie gesagt. Den hatte sie vor Wochen auf einem Tantra-Wochenende das erste Mal verspürt. »Es war wie ein Erwachen«, hatte sie ihrer Tochter Tage später anvertraut. Beim Erzählen über ihren Sex war sie immer schon hemmungslos gewesen. »Er gehört zum Leben wie das Essen. Und da tauscht man auch gern Rezepte aus«, war ihr Credo. Und genau so erzählte sie, als ginge es allein um Rezepte. Nie hatte sie Details ausgelassen, auch wenn deutlich war, dass Camilla sie nicht hören wollte. Darüber sah sie schlicht hinweg.

Und so erfuhr Camilla auch alles über ihr »neues Erwachen«. »Man nimmt sich in den Arm und streichelt sich gegenseitig. Das ist der Anfang.« Viel wichtiger war ihrer Mutter das öffentliche und hingebungsvolle Vögeln, das demonstrative Einssein zweier Körper neben anderen Körpern.

Stets ging sie allein oder mit einer Freundin zu diesen Seminaren. Da die Örtlichkeiten und Zusammensetzungen der Gruppen Woche für Woche wechselten, war die Auswahl an Partnern für »die hoheitsvolle Vereinigung«, wie sie es nannte, schier unerschöpflich.

Sie war fünfundvierzig, erste Fältchen, Lachfalten, obwohl sie kaum lachte, gruben sich erkennbar ins Gesicht. Noch immer war sie von berückender Schönheit. Anders als mit zwanzig, und genau das störte sie. Das lange rote und wellige Haar, die grünen Augen, die atemraubenden Lippen und auch die Sommersprossen auf Nase und Wangen, der Busen, nicht zu groß und beinahe so fest wie bei einer Dreißigjährigen, die vollendete Figur, die langen makellosen Beine und letztlich auch das Tattoo – eine Schlange, die über die linke Schulter gekrochen kam und jedem, der sie betrachten durfte, züngelnd in die Augen sah – gaben ihrem Aussehen etwas Betörendes. All das wollte sie nicht hören. Sie war keine zwanzig mehr. An diesem allzu natürlichen Makel verzweifelte sie – von Jahr zu Jahr mehr.

Dass die männlichen Teilnehmer der Tantraseminare sie gleichwohl begehrten, dass sich bald jeder mit ihr »vereinen« wollte, war da lediglich ein schwacher Trost. Viele weibliche Beteiligte, oft jünger als sie, verachteten sie. Am Ende war das ihr wirklicher Kick.

Immer wieder erzählte sie Camilla davon, obwohl die kaum zuhörte, es ihr oft genug sogar unangenehm war. Andere Themen gab es eher nicht. Die beiden Frauen lebten in der Villa, ohne sich zu »berühren«.

Camilla störte das nicht. Und ihre Mutter?

Camilla zuckte die Achseln, ging in ihr Zimmer, zog sich aus und stellte sich unter die Dusche. Der Kerl der letzten Nacht war lange vergessen, nun galt es eben noch, ihn von der Haut zu spülen.

Zehn Minuten später stand sie nackt vor dem Spiegel in ihrem Bad und betrachtete sich. Sie war bildhübsch. Und sie war zweiundzwanzig. Ging ihre Mutter ihr deshalb aus dem Weg? Oder am Ende auch, weil sie die tiefbraunen Augen und das schwarze Haar, das sie zurzeit kurz geschnitten, gegelt und links gescheitelt trug, von ihrem Vater hatte? Nichts an ihr erinnerte an ihre Mutter. Die kleine Nase, die leicht geschwungenen Augenbrauen und auch die »hinreißenden Ohren«, wie ihr Vater immer gern sagte, waren genetische Erbstücke von ihm.

Camilla rubbelte sich die schweren Brüste trocken und warf nun einen etwas anderen Blick auf sich, diesen Blick, den sie bekommen hatte, vor Jahren, als ihr Vater sie das letzte Mal nackt gesehen hatte. Ihre vollendeten Hüften, die Scham, kahl und glatt, wie die Kerle es gernhatten, würde er heute nicht mehr betrachten wollen. Nein, gewiss nicht. Aber all das bewachte er, all das war sein Schatz. Sie war sein Schatz, und sie war es gern.

Den Kerlen bot sie viel für ein Lächeln. Niemals ihre Mobilnummer, ihre Adresse oder ihren richtigen Namen. Das hatte ihr Vater ihr schon früh nahegelegt, ohne heute zu wissen, wie sehr sie diese Ratschläge nötig hatte – alle zwei, drei Wochenenden.

Und Camilla hörte auf ihren Vater. In jeder Hinsicht.

Vor etwa achtzehn Jahren, Camilla war vier Jahre alt gewesen, hatten sich ihre Eltern getrennt. Ihr Vater war zu seinem alten Leben zurückgekehrt. Es hatte diese vier, fünf Jahre neben Konstanze, seiner Frau, gebraucht, um seine Tochter, die er über alles liebte, in sein unstetes Leben, das ihm immer sehr wichtig war, väterlich einbeziehen zu können. Er liebte Frauen um fünfundzwanzig. Schon als er achtzehn war, hatte er das getan – damals mit wenig Erfolg. Im Laufe der Jahre hatte sich das beträchtlich geändert.

Damals, bei der Trennung, war Konstanze siebenundzwanzig, ein Alter, das eben noch akzeptabel war. Ihr Nachteil war, dass er sie zu lange kannte. Er wusste, wie sie roch, er wusste, wie sie stöhnte, er wusste, was sie zum Höhepunkt trieb – nichts an ihr war neu, nichts an ihr geilte ihn noch auf.

Konstanze ging es ebenso. Die Trennung war einvernehmlich, zumal er nicht kleinlich war. Bis heute nicht.