Frost & Payne - Band 1: Die Schlüsselmacherin (Steampunk) - Luzia Pfyl - E-Book
Beschreibung

Die ehemalige Diebin Lydia Frost eröffnet eine Agentur für Verlorenes und Vermisstes. Ihr neuster Auftrag führt sie ausgerechnet zurück zur berüchtigten Madame Yueh und den "Dragons", der Organisation, von der sie sich gerade erst hart ihre Freiheit erkämpft hat. Als gäbe das nicht schon genug Probleme, muss sie auch noch den Pinkerton Jackson Payne ausfindig machen. Doch der Amerikaner hat seine eigenen Aufträge. Frost steht plötzlich im Kreuzfeuer und muss sich zwischen Paynes Leben und ihrer Freiheit entscheiden. Dies ist der erste Band der neuen Steampunk-Serie "Frost & Payne".

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Beliebtheit


Table of Contents

Die Schlüsselmacherin

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

Vorschau

Seriennews

Glossar

Impressum

Frost & Payne

Band 1

Die Schlüsselmacherin

 

 

von Luzia Pfyl

 

1.

 

Nebel umhüllte die Ufer der Themse wie ein Leichentuch, als Big Ben die volle Stunde schlug. Seine Glocken hallten gespenstisch über die schlafende Stadt. Es war weit nach Mitternacht und bitterkalt. Eisiger Wind aus Norden kündigte einen Schneesturm an.

Ein Boot trieb auf dem schwarzen Fluss. Der Ruderer mühte sich gegen die Strömung ab, sein Ziel, die Mitte des Wassers, hatte er schon fast erreicht. Von einem kleinen Landungssteg oberhalb der London Bridge aus schipperte er den Fluss hinauf; Blackfriars, Temple, Charing Cross. Wenn es nach ihm ginge, hätte er seine Arbeit auch gleich hinter der Brücke ausgeführt, doch sein Auftraggeber war sehr »speziell« gewesen. Sie sollten noch ein wenig frei sein und schwimmen dürfen, nur für kurze Zeit, bevor man sie fand, hatte er gesagt.

Eine einzelne Aetherlaterne wies ihm den Weg, doch selbst ihr helles Licht vermochte den Nebel kaum zu durchdringen. Der Ruderer zog unermüdlich die Riemen durch das Wasser. Er kannte den Fluss, Old Father Thamse, und die Häuser und Fabriken an dessen Ufer, wie er sein schäbiges Zimmer im Dunkeln kannte. Er brauchte die Häuser nicht zu sehen, um zu wissen, wo er sich befand.

Er hatte die Stunde gut gewählt. Die letzten Arbeiter der Fabriken in Southwark waren längst nach Hause gegangen, und die früh aufstehenden Seemänner und Dockarbeiter schliefen noch. Bei diesem Nebel und dieser Kälte verließ sowieso niemand freiwillig sein warmes Heim.

Ein stetes Dröhnen drang an seine Ohren. Tagsüber, im Lärm der Stadt, war es kaum wahrnehmbar, doch in der Stille der Nacht umso lauter. Er schaute nach oben. Über ihm schwebten zwei Scheinwerferstrahlen durch den Dunst. Ein Luftschiff. Der Größe nach musste es aus Übersee kommen.

Er kümmerte sich nicht weiter darum, denn von dort oben konnte man ihn genauso wenig sehen wie vom Ufer aus. Niemand beachtete ein einsames Boot auf dem Wasser.

Er hatte die richtige Stelle erreicht und zog die Ruder ins Innere des Bootes. Dann wandte er sich seiner Fracht zu. Zwei längliche Bündel lagen gut verschnürt und fest verpackt im Heck. Vorsichtig, um das Boot nicht allzu sehr ins Schwanken zu bringen, stand er auf und stemmte das erste nach oben. Es war schwer, aber nicht ganz so schwer wie ein Kohlesack. Er hievte es hoch und warf es in den Fluss. Er widmete sich dem zweiten, stutzte jedoch. Glitzerte da etwas? Er nahm die Laterne zur Hand und leuchtete das Heck aus.

Eine der Schnüre hatte sich gelöst und gab den Inhalt des Bündels preis. Metall blitzte im Licht der Aetherlaterne. Es sah aus wie eine Hand. Er fluchte und spuckte seinen Rest Kautabak über Bord. Sein Auftraggeber hatte ihm gesagt, dass die Bündel gut verzurrt sein mussten. Man hatte ihn sehr gut bezahlt bisher, und dies war nicht das erste Mal, dass er in die Mitte des Flusses gerudert war. Er durfte seinen Auftraggeber nicht enttäuschen. Dieser würde es sofort bemerken, falls er seine Arbeit nicht erledigte.

Mit wenigen Handgriffen hatte er die Sackleinen zurechtgezurrt und die Schnur neu verknotet. Nun sah alles ordentlich aus. Er hob das Bündel hoch und warf es ebenfalls ins Wasser. Das laute Klatschen, als es die Oberfläche durchbrach, störte die Stille. Aber er war zufrieden.

Er setzte sich wieder, nahm die Ruder zur Hand und machte sich auf den Weg zurück an Land. Für heute Nacht war seine Arbeit getan.

 

 

2.

 

Der Himmel über der Garnet Street explodierte in tausend Farben.

Lydia Frost kämpfte sich durch die Menge. Laute Musik und das Knallen der Feuerwerke donnerten in ihren Ohren. Ein Feuerspucker erhellte die Straße vor ihr. Die Menschen um sie herum begannen zu applaudieren.

»Entschuldigung, dürfte ich durch?«

Sie schlängelte sich weiter durch die Zuschauer, deren Gesichter abwechslungsweise rot, orange, grün und blau erstrahlten. Der Rauch der Feuerwerke kratzte in ihrer Kehle, und es roch stechend nach Schwefel. Frost bog um eine Ecke und nickte den beiden Türstehern, die vor einem mit Fackeln erhellten Eingang standen, zu. Sie ließen sie wortlos ein.

Die Stille, die sie umfing, war beinahe ebenso laut wie die Feuerwerke draußen vor der Tür. Mit fahrigen Bewegungen rückte sie ihren Wollmantel zurecht und klemmte eine lose gewordene Strähne ihrer braunen Haare hinter das Ohr. Ihr Blick fiel auf ihre Stiefel, und so unauffällig wie möglich versuchte sie, den daran haftenden Dreck abzuschütteln. Das musste reichen.

Frost nahm das Geschenk aus ihrer Umhängetasche und hielt es wie einen Schutzschild vor ihren Körper.

Es hatte sie einiges an Überwindung gekostet, heute Abend hierherzukommen. Vor drei Monaten hatte sie sich dazu entschieden, ihrer Ziehfamilie den Rücken zu kehren, um auf eigenen Füßen zu stehen. Sie hatte es sattgehabt, ein Werkzeug für das Imperium der Organisation zu sein. Die Möglichkeit, sich ein Leben außerhalb der Familie aufzubauen, würde so schnell nicht wiederkommen. Sie hatte dafür kämpfen müssen, dass sie sie gehen ließen, obwohl sie von Anfang an nie richtig dazugehört hatte, weil sie anders war. Sie war keine Chinesin. Madame Yueh hatte sie als Kind von der Straße aufgelesen, und ihr stellte sich niemand in den Weg. Aber die Fähigkeit, jede Tür öffnen zu können, hatte sie zum perfekten Hilfsmittel gemacht.

Frost atmete tief durch und zwang sich zur Ruhe. Trotz allem fühlte sie sich ihrer Familie immer noch verpflichtet. Wenigstens soweit, dass sie sie zum chinesischen Neujahr besuchte. Es wäre unhöflich gewesen, hätte sie es nicht getan, und sie wollte das sonst schon schwierige Verhältnis nicht noch stärker belasten.

»Ich möchte bitte Madame Yueh sprechen«, sagte sie zu dem Chinesen, der soeben hinter einem Perlenvorhang hervortrat. Er trug traditionelle Kleidung und war der Hausvorsteher.

»Ah, Miss Lydia«, begrüßte der Mann sie mit einem freundlichen Nicken. »Ein glückseliges neues Jahr wünsche ich Ihnen.«

Frost machte eine leichte Verbeugung. »Das wünsche ich Ihnen ebenfalls, Mr. Lee.« Sie wartete, bis auch er sich der Höflichkeit entsprechend verbeugt hatte, dann erkundigte sie sich erneut nach ihrer Ziehmutter. »Ich würde ihr gerne ein Neujahrsgeschenk überreichen.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen, Miss Lydia. Bedauerlicherweise muss ich Ihnen mitteilen, dass Madame Yueh ausgegangen ist.«

Das war nicht gut. Sie hätte ihr das Geschenk gerne persönlich gegeben und die Sache so schnell wie möglich hinter sich gebracht. Sie hatte bereits die Einladung abgelehnt, mit ihr und der Familie das Neujahrsfest zu verbringen, und sie damit beleidigt. Aber sie wollte Michael nicht länger warten lassen.

»Mr. Lee, bitte richten Sie ihr aus, dass ich hier war und ihr mit diesem kleinen Geschenk alle nur erdenklichen Wünsche für das neue Jahr überbringe.« Frost kämpfte mit den Höflichkeitsfloskeln. Sie hatte nie viel dafür übrig gehabt, auch wenn Madame Yueh sich alle Mühe gegeben hatte, sie die chinesischen Traditionen zu lehren.

So schnell es der Anstand erlaubte, verabschiedete Frost sich von Mr. Lee und eilte zurück hinaus auf die Straße. Die Kakophonie aus Flöten, Zimbeln und Feuerwerk hatte sie sogleich wieder umfangen. Vorne auf der Garnet Street zog ein feuerroter Drache vorbei. Frost holte ihre Taschenuhr aus dem Mantel und murmelte einen Fluch. Die vollgestopften Straßen hatten sie eine Menge Zeit gekostet. Michael wartete bestimmt schon.

Statt sich erneut durch die Menschen zu drängen, ging Frost in die entgegengesetzte Richtung und bog in die Parallelstraße ein. Auch hier waren viele Menschen unterwegs, vor allem zu den Opiumhöhlen, die weiter unten an den Docks lagen. Ganz London schien sich an diesem Abend in Chinatown aufzuhalten, um das chinesische Neujahr zu feiern. Den meisten war es jedoch egal, was sie feierten, wie Frost wusste, so lange sie eine weitere Gelegenheit hatten, sich zu betrinken und den harten Alltag wenigstens für einen Moment zu vergessen.

Es war Mitte Februar 1885, und London war das Zentrum eines weltweiten Imperiums. Nach dem Bau der ersten Dampfmaschine und – vor allem – nach der Entdeckung des Aethers vor ungefähr fünfzig Jahren hatten sich die Technologien sprunghaft entwickelt. Fabriken waren überall aus dem Boden geschossen. Bald gab es in jedem Lebensbereich Maschinen, die Straßen Londons wurden von Aether beleuchtet, und über dem Smog, der die Stadt mittlerweile das ganze Jahr einhüllte, schwebten Luftschiffe jeder nur erdenklichen Größe.

London war das von Kohle geschwärzte mechanische Herz des Empires. Die größte Stadt der Welt.

Frost war ganz in Gedanken versunken und bemerkte nicht, wie sich ihr jemand in den Weg stellte. Erst, als eine kräftige Hand sich um ihren Oberarm schloss und sie mitten im Schritt gestoppt wurde, schaute sie auf und ging instinktiv in Abwehrhaltung. Unter ihrem Korsett trug sie wie immer ein verborgenes Messer.

»Jetzt wärst du beinahe an mir vorbeigelaufen.«

»Michael!« Frost lachte erleichtert auf. »Ich dachte, wir treffen uns beim Blauen Affen?«

»Da habe ich auch über eine halbe Stunde auf dich gewartet.« Michael Cho verzog das Gesicht in gespielter Enttäuschung, worauf Frost ihm sanft auf den Oberarm boxte. Für einen Moment strahlten seine schwarzen schmalen Augen grün und golden auf, als über ihnen Feuerwerk explodierte.

»Es hat einfach zu viele Menschen hier. Oben an der Garnet Street ist kein Durchkommen mehr.« Frost stieß den Atem aus und schaute zu ihm auf. »Ich war bei Madame Yueh.«

»Sie wird sich gefreut haben, dich zu sehen. Wir vermissen dich alle.« Michael bot ihr den Arm an, und gemeinsam schlenderten sie den Weg zurück, den Frost gekommen war. Gefrorener Schnee knirschte unter ihren Stiefeln, die ersten Flocken eines erneuten Schauers fielen aus dem schwarzen Himmel.

»Sie war nicht da.« Frost merkte, wie sich eine Spur Enttäuschung in ihre Stimme schlich. Ja, die Entscheidung, Madame Yueh und damit die Organisation zu verlassen, war allein ihre gewesen. Dennoch fühlte es sich an, als hätte sie ihre Familie im Stich gelassen. Die vergangenen drei Monate hatte sie sich gefühlt, als säße sie auf zwei Stühlen, die sich immer weiter voneinander entfernten. Auf dem einen Stuhl ihre Familie, auf dem anderen ihre Freiheit.

Michael legte den Arm um sie und drückte ihr einen Kuss auf die Schläfe. »Madame Yueh ist nicht nachtragend. Sie wird dir verzeihen, und dann kommst du zurück.« Die Geste war so vertraulich, dass Frost kurz zusammenzuckte. Das war neu.

»Ich werde aber nicht zurückkommen«, sagte sie mit Nachdruck und löste sich von ihm. »Die Agentur läuft gut.« Die Agentur lief überhaupt nicht. Aber das brauchte Michael nicht zu wissen. »Ich kann mich vor Aufträgen kaum retten. Du glaubst gar nicht, was die Leute alles verlieren.« Sie hatte gehofft, ihr Talent im Beschaffen von Dingen in den Dienst der Londoner zu stellen. Das Yard war vollkommen überfordert. Also warum nicht eine Art Detektei gründen, hatte sie sich gedacht. Jeden Tag verschwanden Menschen spurlos, wurden Gegenstände gestohlen. Frost hatte geglaubt, dass die Leute, die nicht zu Scotland Yard gehen wollten, ihr die Tür einrennen würden. Bisher saß sie jedoch mehr oder weniger untätig in ihrem Büro herum.

Michael lachte versöhnlich. »Wie du meinst. Darf ich dich wenigstens besuchen kommen?«

»Natürlich. Ich würde mich freuen.«

Sie hatten die Garnet Street erreicht und tauchten ins Getümmel ein. Jemand zündete Böller. Die Zuschauer wichen respektvoll zurück. Frost hielt Michaels Hand, damit sie ihn in der Menge nicht verlor, und ließ sich von ihm führen.

»Jetzt mach nicht so ein angesäuertes Gesicht, Lydia«, rief Michael über den Lärm hinweg. »Es ist Neujahr! Komm, wir gehen zu den anderen. Die haben bereits ohne uns angefangen zu feiern.«

Frost lächelte und konnte sich sogar mit dem Gedanken anfreunden, ein oder zwei Pints mit den Jungs zu trinken. So wie früher.

 

Sie hatte den übelsten Kater seit Langem.

Frost stöhnte und hielt sich den Kopf, als sie sich zurück auf das Bett hievte. Die Zunge klebte ihr am Gaumen, und ihre Glieder fühlten sich an wie tonnenschwerer Stahl, der sich langsam in Kautschuk verwandelte.

»Ich hasse dich, Michael«, ächzte sie, als sie sich dazu zwang, aufzustehen. Sie schlurfte ins Bad und stolperte auf dem Weg dahin über ihre Kleidung. Stiefel, Lederhose, Korsett, Bluse, Mantel. Wenigstens hatte sie es noch fertiggebracht, sich halbwegs anständig auszuziehen und nicht gleich in voller Montur ins Bett zu fallen, wie es ebenfalls schon geschehen war.

Im Badezimmer zündete sie die Aetherlampe an und blinzelte in ihr Spiegelbild. »Meine Güte …«, murmelte sie und rubbelte sich mehrmals mit den Händen über das Gesicht, um die Durchblutung anzuregen. Vielleicht würde sie so weniger wie ein Zombie aussehen. Sie brauchte ein langes heißes Bad und danach einen sehr starken Kaffee.

Das Bad tat gut und weckte Frosts Lebensgeister wenigstens so weit, dass sie sich nicht mehr ganz so zerdrückt fühlte. Sie zog sich frische Kleidung an und ging hinunter in ihr Büro. Eigentlich war es ein ehemaliges Ladengeschäft, inklusive Küche und Waschraum zum Hinterhof hinaus. Dazu gehörte die winzige Wohnung im Obergeschoss. Frost hatte in den vergangenen Monaten alles Mobiliar des Vorbesitzers entfernen lassen. Nichts erinnerte mehr an die Schneiderei, die hier gewesen war. Stattdessen hatte sie die kleine Wohnung und das Büro nach ihrem Geschmack eingerichtet. Vor allem das grünbezogene Sofa im Wohnzimmer oben liebte sie. Ein Wandschirm aus Bambus und bemaltem Papier trennte ihren Schlafbereich vom Rest des Wohnzimmers ab und sorgte für Privatsphäre. Über dem Kamin hing, wie in so ziemlich jedem Wohnzimmer des Empires, ein Portrait von Königin Victoria, die Wandtapete war dezent gemustert. In einem chinesischen Kabinett, welches eingeklemmt zwischen Kamin und Ecke stand, befanden sich eine Musikbox sowie Frosts Sammlung an Whiskys.

Ihren Schreibtisch aus massiver Eiche hatte sie unten im Laden etwas versetzt zum Schaufenster gestellt. Zwei Stühle für die Klienten standen davor. Hinter dem Schreibtisch und an der linken Wand fortführend befanden sich deckenhohe Bücherregale, ein Teppich sorgte für etwas Gemütlichkeit. An einer Wand hing auch hier ein Portrait von Königin Victoria. Frost hatte ansonsten nur spärlich dekoriert. Ein paar chinesische Tuscheskizzen hier, eine Blumenvase dort.

Nur das Schaufenster war noch leer. Vielleicht lag es am fehlenden Schriftzug auf der Scheibe, dass Klienten ausblieben. Sie brauchte dringend einen Namen für ihre Agentur.

»Guten Morgen, Helen«, rief Frost, als sie Geräusche aus der Küche hörte.

»Wohl eher guten Mittag, Miss Frost«, antwortete Helen. Die junge Frau mit den erdbeerblonden Haaren stand lächelnd in der Tür und wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab. Helen war Frosts Hausmädchen, frisch und voller Elan. Sie erledigte die Hausarbeiten mit einem Enthusiasmus, für den Frost sie immer wieder bewunderte. Ohne Helen würden das Büro und die Wohnung innerhalb weniger Tage in vollkommenem Chaos versinken. »Die Zeitung und die Post liegen auf Ihrem Schreibtisch. Ich habe eben frischen Kaffee und ein paar Sandwiches gemacht. Ich dachte mir, Sie werden hungrig sein, wenn sie aufwachen.«

Frost hätte Helen küssen mögen. »Was würde ich nur ohne dich machen?« Sie nahm eine Tasse dampfenden Kaffees entgegen – schwarz und ohne alles, so, wie sie es mochte – und ging zu ihrem Schreibtisch hinüber. Mit einem wohligen Seufzer ließ sie sich in den Sessel dahinter fallen und griff nach der Times.

»Ach ja, Mr. Cho war hier«, sagte Helen, als sie kurz darauf mit einem Teller vollbeladen mit den versprochenen Sandwiches aus der Küche kam und ihn neben die Kaffeetasse auf den Tisch stellte.

»Michael?«, fragte Frost verwundert und griff nach einem der Sandwiches. Helen machte die besten der Stadt, da würde sie jede Wette eingehen.

Helen nickte. »Ich habe angeboten, Sie zu wecken, Miss, aber Mr. Cho hielt es für besser, Sie schlafen zu lassen. Er wollte warten, also habe ich weiter geputzt. Aber als ich das nächste Mal ins Büro schaute, war er bereits gegangen.«

»Hat er gesagt, was er wollte?«

»Nein, Miss.« Sie schüttelte den Kopf. »Noch mehr Kaffee?«

Frost reichte ihr dankend die bereits leere Tasse und vertiefte sich wieder in die Zeitung. Die Titelseite war voll mit Bildern vom gestrigen Neujahrsfest. Aber sie war nicht bei der Sache und schweifte gedanklich immer wieder ab.

Was hatte Michael so früh von ihr gewollt? Frost konnte sich kaum daran erinnern, wie sie nach Hause gekommen, geschweige denn, welche Uhrzeit es gewesen war. Aber Michael hatte noch nie viel Schlaf gebraucht. Schon als sie noch Kinder gewesen waren, war er selten erst nach Sonnenaufgang auf den Beinen gewesen. Im Gegensatz zu Frost, die man des Öfteren hatte zwingen müssen, das warme Bett überhaupt zu verlassen.

Helen kam mit dem Kaffee zurück. »Ich mache als Nächstes oben weiter, Miss Frost. Brauchen Sie noch etwas?«

Frost schüttelte den Kopf und bedankte sich bei ihr. Sie konnte sich glücklich schätzen, in Helen eine so gute und obendrein liebenswürdige Haushälterin gefunden zu haben. Frost legte die Zeitung beiseite und sah die Post durch.

»Rechnung. Rechnung. Werbung. Rechnung …« Sie seufzte und warf die Briefe auf den Tisch. Im Kopf überschlug sie die Zahlen. Wenn sie alle Forderungen beglich (sie erinnerte sich vage an zwei weitere Briefe von ihrem Schneider, der sie ermahnte, endlich ihre bei ihm offenen Beträge zu bezahlen), dann hatte sie kein Geld mehr für die Miete. Helens Lohn stand diese Woche ebenfalls an, und etwas essen musste sie auch.

»Das neue Jahr fängt ja gut an«, brummte sie und biss herzhaft in das Lachsbrötchen. Nur machte, außer den chinesischen Einwohnern, niemand in dieser Stadt eine Woche Urlaub über das chinesische Neujahr hinweg. Sie konnte es sich nicht leisten, die Bezahlung der offenen Rechnungen weiter zu verschieben. Im Tresor hinter ihr im Bücherregal herrschte jedoch gähnende Leere. Sie brauchte dringend Arbeit.

Kauend zog Frost ihr Notizbuch heran und blätterte darin bis zum letzten Eintrag. Den jüngsten Fall hatte sie vor zwei Wochen abgeschlossen. Die verlegte Brosche zu finden, war vergleichsweise einfach gewesen. Seither hatte kein neuer Klient ihre Dienste in Anspruch nehmen wollen. Sie hatte gehofft, dass Mrs. Dunnborow sie an ihre Freundinnen empfehlen würde.

Sie brauchte Geld. Schnell. Vielleicht konnte sie den Schneider weiter vertrösten – allerdings, da war sie sich sicher, würde sie sich wohl oder übel bald einen neuen suchen müssen. Oder er hetzte ihr die Schuldeneintreiber auf den Hals.

»Alles in Ordnung, Miss?«

Frost zuckte leicht zusammen und schaute auf. Sie hatte nicht gehört, wie Helen eingetreten war. »Du kennst nicht zufälligerweise ein paar reiche Leute, die etwas verloren haben?« Verzweifelte Zeiten verlangten nach verzweifelten Mitteln.

Helen schüttelte amüsiert den Kopf. »Nein, Miss, leider nicht. Aber vielleicht kennt Mr. Cho welche.« Sie deutete zum Schaufenster hinaus auf die verschneite Straße.

Frost beugte sich nach rechts aus dem Sessel, um auf die Straße sehen zu können. Tatsächlich, da kam Michael, dick eingepackt in einen dunklen Mantel und den Hut tief in die Stirn gezogen, auf ihren Laden zu. Unter dem Arm trug er ein in loses Zeitungspapier gewickeltes Paket. Frost warf Helen ein vielsagendes Lächeln zu, worauf diese einen Knicks andeutete und wieder hinauf in die Wohnung ging.

Das Glöckchen über der Tür klingelte, als Michael eintrat. Er brachte einen Schwall eisige Luft und ein paar Schneeflocken mit herein. Seit gestern Nacht schneite es ununterbrochen. Bald schon würde London unter einer dicken Schneedecke begraben liegen.

»Bringst du mir mein Neujahrsgeschenk?«, fragte Frost forsch und lehnte sich im Sessel zurück.