Frost & Payne - Band 10: Der graue Baron - Luzia Pfyl - E-Book
Beschreibung

Das Katz-und-Maus-Spiel mit dem Mörder hat gerade erst richtig angefangen. Lydia Frost findet sich in einer gefährlichen Pattsituation wieder: Entweder tut sie, was Dr. Grimm von ihr verlangt, oder ihr Team wird die tödlichen Konsequenzen tragen müssen. Hilfe von Scotland Yard kann sie keine erwarten, denn auch da brodelt es unter der Oberfläche gewaltig. Doch Frost wäre nicht Frost, wenn sie sich einfach so fügen würde. Es gibt immer einen Ausweg. Doch dieser Weg wird bitter bezahlt werden müssen ... Dies ist der zehnte Band der neuen Steampunk-Serie "Frost & Payne". Da die Reihe aufeinander aufbaut, empfehlen wir, mit dem Auftaktroman, "Die Schlüsselmacherin", zu beginnen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl:143

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Beliebtheit


Table of Contents

»Der graue Baron«

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

Seriennews

Glossar

Impressum

 

 

Frost & Payne

Band 10

»Der graue Baron«

 

von Luzia Pfyl

1.

 

»Lass los!«

»Nein, lass du los!«

»Ich hatte sie aber zuerst!«

»Sie gehört mir! Mama!«

David seufzte. Flora und Sarah stritten sich wieder einmal um die Puppe. Die beiden Mädchen zerrten an den Armen des Spielzeugs. Bald würde eines der Gliedmaße reißen.

Seine Mutter streckte den Kopf aus der Küche heraus, die grau werdenden Haare hatten sich aus dem lockeren Knoten gelöst, den sie immer trug. Ihr Gesicht war gerötet und verschwitzt. Heute war Waschtag, und eigentlich hätten Flora und Sarah ihr helfen sollen.

»Hört auf, euch zu zanken«, sagte seine Mutter matt. Sie war erschöpft, das sah er ihr deutlich an. »Fiona schläft. Ich will nicht, dass ihr sie weckt, habt ihr mich verstanden?«

»Ja, Mutter«, antworteten die beiden unisono, ließen die Puppe jedoch nicht los.

»Gut so. Und jetzt helft mir bitte.«

»Warum kann David eigentlich nicht helfen?«, fragte Sarah, die älteste seiner drei Schwestern, und zeigte auf ihn. »Er sitzt den ganzen Tag nur da und macht nichts.«

»Ihr wisst genau, warum. Er ist noch krank und braucht Erholung.« Seine Mutter trat nun ganz aus der Küche und stemmte die Hände in die Hüften. »Keine Widerrede mehr, Abmarsch in die Küche, Mädchen. Oder wollt ihr etwa für zwei weitere Wochen mit dreckigen Kleidern herumlaufen?«

Murrend schlurften Flora und Sarah in die Küche. Die Puppe ließen sie auf den Boden fallen, wo sie mit verdrehten Gliedmaßen liegen blieb.

David starrte sie an. Die glasigen Knopfaugen starrten zurück. Das Quietschen der Presse, mit der die nasse Wäsche ausgewrungen wurde, drang an seine Ohren. Auf einmal hatte er das Gefühl, dass die Wände sich verschoben und den Raum verkleinerten. Das Geplapper von Sarah und Flora wurde zu einem fernen Echo.

Er sprang vom Sofa auf und rannte den Flur hinab zur Wohnungstür. Auf dem Treppenabsatz vor der Mietskaserne, in der sie wohnten, kaum über der Schwelle, blieb er schwer atmend stehen und schaute auf das geschäftige Treiben auf der Straße. Fußgänger, Arbeiter, Omnibusse, Pferdegespanne, Kutschen – der Lärm holte ihn in die Realität zurück.

Ich sollte wieder reingehen, dachte David und legte die Hand bereits an den Türknauf. Doch drinnen in der engen Wohnung konnte er nicht atmen. Seine Schwestern gingen ihm auf die Nerven, und seine Mutter war auf dem besten Weg, sich in eine überfürsorgliche Glucke zu verwandeln. Nie ließ sie ihn alleine. Nichts durfte er machen, nicht einmal Geschirr abwaschen.

Alles, was er seit seiner Heimkehr tat, war auf der Couch zu sitzen und vorzugeben, in dem Buch zu lesen, dass sie ihm gegeben hatte. Seine Schwestern gingen ihm aus dem Weg, als hätte er eine ansteckende Krankheit. Sie wussten nicht, wie sie mit ihm umgehen sollten, denn seine Mutter ließ es ständig so aussehen, als würde er jeden Moment in tausend Stücke zerbrechen.

Mit jedem Tag wurde David unglücklicher und frustrierter. Er wollte nicht wieder eingesperrt sein. Es fühlte sich an, als hätte er das Kellerlabor gegen sein eigenes Zimmer getauscht. Er durfte nicht raus. Er durfte nichts machen. Jemand brachte ihm regelmäßig etwas zu essen und sprach mit ihm, als sei er zehn Jahre alt.

Zum Trotz und weil er das erste Mal seit Tagen frische Luft atmete, zog er die Haustür hinter sich zu und setzte sich auf die Stufen vor dem Haus. Ab und zu kamen und gingen Bewohner der Mietskaserne, zwängten sich an ihm vorbei. Die alte Mrs. Robinson blieb kurz stehen und fragte, wie es seinen Schwestern ginge.

Seine Mutter hatte erzählt, dass er sehr lange schwer krank gewesen war, wenn sie auf seinen eigenen Verbleib angesprochen worden war. David war das nur recht. Sollten die Leute glauben, was sie wollten, solange sie nicht die Wahrheit erfuhren.

Seine Mutter hatte ihm Handschuhe genäht, die er nun immer trug. Den Arm selbst konnte er gut unter den Ärmeln seiner Kleidung verbergen, doch die Hand war dann immer noch sichtbar. Wenn jemand fragte, warum er Handschuhe trug, sagte er, dass die Krankheit Narben hinterlassen und seine Hände entstellt hatte.

Aber nur wenige sprachen ihn darauf an. Niemand interessierte sich wirklich für ihn und seine Familie. Sie waren nur eine von vielen im Haus, im Viertel.

Mit jedem Tag wurde David kräftiger. Seine Mutter hatte zwar wie immer kein Geld, doch sie bestand darauf, dass er das meiste Essen bekam. Mit jedem Tag fühlte er, dass er den Arm besser unter Kontrolle hatte. Vielleicht war das Ding doch nicht so schlecht.

Ein Schatten fiel auf ihn, und er schaute auf. Drei dreckige Gesichter grinsten ihn an.

»Du bist also tatsächlich wieder da.«

»George hat gesagt, dass er es von Sarah weiß.«

»David!«

Der jüngste der Butcher Boys, Caleb, fiel David um den Hals. Billy und Tommy standen unten auf dem Gehweg, Tommy wie immer mit verschränkten Armen. David zischte auf, als Caleb an seinen gebrochenen Arm stieß, und schob ihn weg.

»Oh, tut mir leid, ich wollte nicht …!« Caleb zuckte zurück und blieb beschämt neben ihm stehen. Die Fliegerbrille rutschte ihm ins Gesicht.

»Schon okay. Der Arm ist gebrochen.« David atmete langsam in den Bauch, bis die Schmerzen abgeklungen waren.

»Stimmt es, dass du von einem Wagen überfahren wurdest?«, fragte Billy. »George sagte, dass Sarah das gesagt hat.«

David nickte. Sarah war ein Plappermaul, aber wenigstens hielt sie sich an die Abmachung. Sie sagten den Leuten, die fragten, warum er einen gebrochenen Arm hatte, dass er im Fieberwahn geschlafwandelt hatte und auf die Straße gelaufen war.

Das war besser als die Wahrheit. Niemand außer Miss Frost wusste die Wahrheit. Nicht einmal seine Mutter verstand die volle Tragweite dessen, was ihm passiert war, denn er schwieg beharrlich. Zum einen glaubte sie felsenfest, dass der Kindermörder ihn in seiner Gewalt gehabt hatte, zum anderen wollte er ihr nicht noch mehr Sorgen bereiten.

Wenn sie wüsste, was er tatsächlich hatte durchmachen müssen, würde sie den Verstand verlieren.

David nickte und hob den gebrochenen Arm etwas an. »Ein Omnibus hat mich erwischt.«

»Was sollen die Handschuhe?«, fragte Tommy und beugte sich argwöhnisch vor.

»Ich war lange krank und …« Er brach ab, starrte auf seine bedeckten Hände.

»Krank? Erzähl uns keinen Quatsch, Dave«, meinte Billy. »Wir wissen, dass du monatelang verschwunden warst. Deine Mutter hat uns heulend gefragt, ob wir wissen, wo du bist.«

»Wo warst du?«, fiepte Caleb in seinem viel zu großen Pulli. »Anna ist auch verschwunden, weißt du? Und dann kam diese Lady und hat nach dir gefragt.«

Miss Frost. David schaute auf, blickte in die wachen Gesichter seiner Freunde. Er spürte einen kalten Hauch im Nacken und wusste, dass sie wieder da war.

Die drei sollten sich einmal waschen. Anna kicherte schräg hinter ihm. Ein Schauer fuhr David den Rücken hinab. Was für ein Anblick! Die Butcher Boys wiedervereint.

Du meinst also, ich soll ihnen alles erzählen?, fragte er zurück.

Warum nicht? Sie sind deine Freunde, und sie wissen sowieso schon Bescheid, dass die Geschichte, die deine Mutter und deine Schwestern erzählen, nicht der Wahrheit entspricht.

»Oh, come on!«, rief Tommy ungeduldig aus. »Hast du dir etwa auch noch den Kopf aufgeschlagen?«

»Ich erzähle euch alles, aber nicht hier.« David stand auf und ließ seinen Blick über die geschäftige Straße schweifen. Miss Frost hatte ihn gewarnt, dass er das Haus nicht verlassen durfte, weil er ihn sonst erkennen könnte. Das wollte er auf keinen Fall. Aber dies war sein Viertel. Er kannte jede Straße wie seine eigene Hosentasche. Er kannte jedes Schlupfloch, jede Abkürzung, jede Schlammpfütze.

»Hauptquartier?«, fragte Billy in die Runde.

»Hauptquartier.« David nickte. Einen Moment lang zögerte er und schaute hinauf zum halb offenstehenden Fenster, hinter dem sich sein Wohnzimmer befand. Seine Mutter würde einen Herzinfarkt bekommen, wenn er jetzt einfach verschwand, ohne ihr etwas zu sagen. Eigentlich durfte er nicht einmal hier vor dem Haus sein.

Aber er hatte seine Freunde schon so lange nicht mehr gesehen und die Nase voll davon, ständig in der engen Wohnung mit seinen nervenden Schwestern eingesperrt zu sein. Er musste raus.

»Wo bleibst du denn, Dave?«, rief Tommy und winkte. Er stand bereits an der Ecke zum winzigen Durchgang zwischen zwei Häusern, den sie immer als Abkürzung nahmen.

»Ich komme!«

Leichtfüßig sprang David die letzten Stufen hinab und rannte seinen Freunden hinterher. Eine Woge der Freude übermannte ihn, und ein Lachen entwich seiner Kehle. Neben sich hörte er Anna jauchzen. Sie freute sich ebenfalls, wieder draußen auf der Straße zu sein.

Das Versteck der Butcher Boys sah immer noch genau gleich aus. Ein heruntergekommener Schuppen in einem winzigen Hof zwischen drei Häusern. Die Bretterverschläge waren zugepflastert mit Postern und Plakaten, das einzige Fenster war trüb und dreckig. An der Tür hing kein Schloss, denn das hätte Diebe und anderes Gesindel angelockt, wie die Jungs zu Beginn hatten feststellen müssen. Seither war die Tür nur angelehnt, und sie hüteten sich, den Verschlag auszubessern.

Drinnen stand der Tisch immer noch in derselben Ecke, ebenso wie die muffige Strohmatratze, die sie manchmal zum Übernachten brauchten, wenn es zuhause wieder einmal Schläge vom Vater gab oder die Mutter eine Nachtschicht in der Fabrik hatte.

In einem winzigen Regal lagen ihre Schätze: erbeutete Taschenuhren jeder Machart und jeden Wertes, lederne Geldbeutel, mittlerweile ohne Inhalt, Brillen, Armbänder, Broschen. Alles, was man in einer Menschenmenge mit einem flinken Handgriff mitgehen lassen konnte. Tommy hatte das Regal im toten Winkel zwischen Tür und Fenster platziert, von keiner Seite einsehbar. Man musste schon mitten in der Hütte stehen und sich umdrehen, um es zu erblicken.

»Also, was ist nun mit den Handschuhen?«, fragte Billy und deutete auf Davids verhüllte Hände. »Es ist viel zu warm dafür.« Es war zu warm, ja, aber David spürte es nur auf einer Seite.

Er schaute seine drei Freunde der Reihe nach an. Sein Herz begann aufgeregt zu pochen. Wie würden sie reagieren? Würden sie ihn ein Monster schimpfen und davonjagen?

Vorsichtig zupfte er an den Fingern seines gebrochenen Armes und zog den Handschuh aus. So weit, so gut. Hier war alles normal. »Versprecht mir, dass ihr nicht ausflippt.«

»Warum denn? Hast du nur noch drei Finger an der anderen Hand?«, fragte Caleb mit seiner Piepsstimme.

David schüttelte den Kopf. Er wünschte sich, dem wäre so. Damit hätte er einfacher leben können. Mit den Zähnen zog er am Mittelfinger, bis der Handschuh von seiner Hand glitt.

Dreistimmiges Keuchen wurde laut, Caleb stieß einen leisen Schrei aus. Alle drei wichen vor David zurück, geschockt, aber auch mit einer Spur Neugier im Blick.

»Es ist nicht nur die Hand«, sagte David. »Mein ganzer rechter Arm ist aus Metall.«

»Abartig!«, rief Billy aus und traute sich einen Schritt näher.

»Ist die Hand echt?«, verlangte Tommy zu wissen. Er war wie immer argwöhnisch und misstrauisch.

Mühselig schälte David sich aus dem Hemdsärmel, um seinen Freunden den ganzen Arm zu zeigen. Am Schulteransatz zeugten die dicken, immer noch geröteten Narben eindeutig von der Echtheit. Eine Welle an gemischten Gefühlen überflutete ihn, als er die Gesichter von Tommy, Billy und Caleb musterte, während diese mit Entsetzen, Ekel und kindlichem Interesse seinen Arm begutachteten; Unsicherheit, Angst, Freude darüber, endlich jemanden in sein schreckliches Geheimnis einweihen zu können.

»Der Mann, der mich in einen Keller gesperrt hat und mir den Arm gegeben hat, hatte auch ein Mädchen namens Anna«, sagte er nach einer Weile, weil er das staunende Schweigen brechen wollte. Je länger dieses nämlich anhielt, desto unwohler fühlte er sich.

»Anna?«, fiepte Caleb und machte große Augen. »Schneewittchen?«

David nickte. Er hatte Anna vorher nicht gekannt, aber die anderen Butcher Boys anscheinend schon. Sie hatten ab und zu von einem Mädchen namens Schneewittchen gesprochen, das auf dem Markt selbstgemachte Taschentücher verkaufte. »Sie hat das Experiment nicht überlebt. Sorry, Caleb. Mochtest du sie etwa?«

Hinter sich hörte er Anna kichern. Ihr eisiger Atem streifte seine nackte Schulter und ließ ihn frösteln.

»Ich hab sie nur ein paar Mal auf dem Markt gesehen. Sie sah aus wie Schneewittchen.«

»Wir kannten sie vermutlich über drei Ecken«, sagte Billy abwesend. Er konnte die Augen immer noch nicht vom mechanischen Arm abwenden. »Wie funktioniert er?«

»Keine Ahnung. Wie eine fast normale Hand, denke ich. Wenn ich eine Faust machen will, macht er eine Faust. Wenn ich den Arm beugen will, beugt er sich.« David zuckte mit den Schultern.

Tommy verschränkte die Arme und machte ein düsteres Gesicht. »Sag nicht, dass du von ihm entführt worden bist.«

»Von wem?«

»Na, von dem Kerl, der monatelang Kinderleichen mit mechanischen Körperteilen hinterlassen hat. Die sahen auf den Bildern in der Zeitung genauso aus wie du.«

»Die sahen tot aus, Tommy«, meinte Caleb mit Entrüstung und schob sich die immer wieder herunterfallende Fliegerbrille auf den Kopf. »David sieht nicht tot aus.«

»Du weißt, wie ich es meine«, gab Tommy zurück und deutete mit dem Kinn auf den Arm. »Die hatten auch so Arme oder Beine.«

Jetzt war es an David, die Stirn zu runzeln. »Er hatte vor mir schon andere, das weiß ich. Er hat mich Nummer 23 genannt. Anna war Nummer 24.«

»Hat er dich gehen lassen? Warst du schon bei der Polizei?«, wollte Billy nun wissen.

David schüttelte den Kopf. »Ich bin geflohen. Tommy, sag deinem Bruder danke für die Lektionen im Bombenbauen, die er uns mal gegeben hat.«

Tommy reckte stolz das Kinn und grinste schief. »Er sitzt zurzeit in Newgate, weil er einen Tubeschacht mit einem Sprengsatz hat einstürzen lassen, aber ich werde es ihm ausrichten, wenn ich ihn das nächste Mal besuchen darf.«

»Du solltest unbedingt zur Polizei, Dave«, sagte Billy drängend. »Du bist ein Zeuge.«

»War da nicht noch diese nette Lady?«, fragte Caleb und schaute fragend zu Billy auf.

Billy nickte. »Miss Frost oder so, ja. Aber sie ist nicht von der Polizei. Jedenfalls hat sie das behauptet.«

»Ich kenne Miss Frost«, beeilte David sich zu sagen. Das Thema mit Scotland Yard war ihm unangenehm. »Sie sagte, ich solle nicht zur Polizei gehen, zu meiner eigenen Sicherheit. Er läuft noch frei rum und könnte mich erkennen und wieder einsperren.« Was er diesmal nicht überleben würde, dessen war er sich sicher.

Tommy schnalzte mit der Zunge. »Liest du eigentlich keine Zeitung? Sie haben ihn geschnappt. Oder besser gesagt, eine durchgehende Kutsche hat ihn erwischt.«

»Das glaube ich nicht.« David blieb der Mund offenstehen.

Das glaube ich auch nicht, sagte Anna schräg hinter ihm. Ihre Stimme war leise und ernst geworden. Frag ihn nach der Zeitung.

»Hast du die Zeitung noch?«

Tommy wandte sich ab und wühlte in einer Kiste voller Kram. Er zog eine von Wasser gewellte Gazette hervor und reichte sie ihm. »Titelseite. Ich glaube, ein Teil des Artikels wurde von Ratten gefressen.«

Mit hart pochendem Herzen starrte David auf die Bilder auf der ersten Seite und ließ die Worte der Schlagzeile auf sich wirken: »Serienmörder endlich gefasst – doch er ist bereits tot!«

»Ironie des Schicksals, wie?«, fragte Tommy.

David gab ihm keine Antwort. Seine Augen flogen über die eng beschriebenen Spalten des Artikels. Er spürte Annas Präsenz, als sie sich neben ihm über die Zeitung beugte.

Er konnte kaum aufnehmen, was er da las. Er war tot? Man hatte einen mechanischen Arm bei ihm gefunden und ihn nur so überführen können? Sein Blick wanderte über die Lichtbilder. Eines zeigte die Unfallstelle, an der jedoch nichts mehr vom Unglück zu sehen war, ein anderes zeigte eine der Leichen, die man aus der Themse gefischt hatte. Das dritte und letzte Bild war eine etwas verschwommene Aufnahme des Mörders. Anscheinend lag er auf einem Tisch. Und er sah sehr tot aus.

Kalter Schweiß brach David aus, und sein Atem beschleunigte sich. Anna neben ihm reagierte ähnlich. Sie sog scharf die Luft ein.

Ich sehe es auch, wollte er sagen. Er ist es nicht! Sie haben den Falschen!

»Und?«, fragte Caleb.

»Was ist denn auf einmal mit dir?«, wollte Billy wissen und schob die Zeitung beiseite, um ihn genauer ansehen zu können. »Du bist ja ganz blass geworden.«

»Sie haben den Falschen«, murmelte David. »Er ist es nicht. Er sieht ganz anders aus. Älter. Und er hat einen Bart.«

»Willst du etwa behaupten, Scotland Yard hat einen Fehler gemacht?«, fragte Tommy und verschränkte wieder die Arme.

David nickte zögerlich. »Ganz sicher. Er ist es nicht. Dieser Mann ist nicht der Mörder.«

»Ha!«, rief Tommy aus und klatschte einmal in die Hände, was David, Billy und Caleb zusammenzucken ließ.

»Was, ha?« Billy schaute Tommy irritiert an.

»Scotland Yard hat einen gravierenden Fehler gemacht. Und ich wette, Dave hier ist der einzige, der den Mörder identifizieren kann.«

»Ich verstehe nicht, worauf du hinauswillst«, sagte Billy. »Du bist komisch heute.«

»Halt doch die Klappe«, gab Tommy zurück, ließ sich jedoch in seinem Eifer nicht beirren. »Hört zu: Was ist, wenn wir ihn finden und Scotland Yard ausliefern?«

»Was?«, rief Caleb aus, wobei ihm die Fliegerbrille endgültig unter das Kinn rutschte.

»Moment, du willst den Mörder suchen? Bist du auf den Kopf gefallen oder so?« Billy zeigte Tommy den Vogel.

»Aber es ist der