Frost & Payne - Band 11: Schachmatt - Luzia Pfyl - E-Book
Beschreibung

Cecilias Exkursion zu den Quellen des Nils wird ungemütlich. Zu spät deckt sie einen Plot gegen Nathan Cosgrove auf. Über dem Mittelmeer kommt es zu einer Auseinandersetzung zwischen Leben und Tod. Während das Team um Frost und Payne einzelnen Spuren nachgeht, erkennt Dr. Baxter das wahre Motiv des Mörders – und begibt sich auf einen gefährlichen Weg, der keine Wiederkehr zulässt. Payne stellt Frost endlich zur Rede und verlangt Erklärungen von ihr. Ein Streit bricht aus, der das Fortbestehen des Teams gefährdet. Dies ist der elfte Band der neuen Steampunk-Serie "Frost & Payne". Da die Reihe aufeinander aufbaut, empfehlen wir, mit dem Auftaktroman, "Die Schlüsselmacherin", zu beginnen.

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Seitenzahl:147

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Sammlungen



Table of Contents

»Schachmatt«

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

Seriennews

Glossar

Impressum

 

 

Frost & Payne

Band 11

»Schachmatt«

 

von Luzia Pfyl

1.

 

Der Himmel hing dunkel über dem nachmittäglichen London. Dicke Regentropfen prasselten auf die Dächer und die Straßen. Jeder, der unterwegs war, versteckte sich unter einen Schirm, schlug den Kragen seines Mantels hoch und zog die Schultern ein. Kälte und Nässe drangen in jede Ritze, durch jeden Schuh.

Es war kein guter Tag, den Nummer 7 sich zum Sterben ausgesucht hatte.

Alexander Grimm war zutiefst frustriert und wütend, dass sein letztes Experiment schon wieder nicht funktioniert hatten. Einer nach dem anderen starb ihm weg, manchmal sogar noch während der Operation. Er wusste nicht, woran es lag, dass sie ihm alle wegstarben. An seinen Abläufen war alles korrekt. Er sterilisierte die Geräte und Skalpelle, er suchte sich nur gesunde Versuchsobjekte aus, die auch etwas auf den Rippen hatten, und er sorgte auch danach gut für sie. Es fehlte ihnen an nichts in seinem Labor, und doch … Und doch entwickelten sie Fieber, stießen die neuen Extremitäten ab oder bekamen eine Sepsis.

Es war zum Verzweifeln. Er hatte einen Traum, den er sich verwirklichen wollte. Doch dieser drohte bereits jetzt zu scheitern. Man hatte schon vorher versucht, ihm Steine in den Weg zu legen. An der Universität hatten sie ihn rausgeworfen, als man seine Experimente entdeckt hatte. Bei den anderen Studenten hatte er schnell den Übernamen Frankenstein erhalten.

Frankenstein. Der Vergleich hinkte, denn er hatte nicht vor, jemals Tote zum Leben zu erwecken und ein Monster zu erschaffen. Er hasste sie alle. Sie hatten ihn verstoßen und aus den medizinischen Kreisen ausgeschlossen, sodass er seine Ausbildung nicht in England beenden konnte.

Aber er wäre nicht er, wenn er nicht andere Wege gefunden hätte. Nach dem Rauswurf war er einfach ins Ausland gegangen, nach Paris, und hatte seine Studien dort fortgeführt. Niemand hatte ihn in Frankreich gekannt, niemand hatte gewusst, dass er wegen gravierender Verstöße gegen die Ethik aus Oxford verbannt worden war.

Grimm stellte sich vor einem Geschäft unter die Markise und zog die Schultern nach oben. Verdammte Kälte, verdammter Regen. Das war kein Herbstregen, das war eine Sintflut. Seit Wochen regnete es schier pausenlos. Überall war Wasser. Die Kanalisation war in gewissen Vierteln vollkommen überlastet und hatte mehrere Keller geflutet.

Wahrlich ein feiner Tag für Nummer 7, um zu sterben, dachte er sarkastisch.

Er hatte die Leiche bereits entsorgt. Um die Müllberge an den Docks kümmerte sich niemand. Keiner würde ein weiteres nasses Bündel Stoff verdächtig finden, nicht, wenn dieses zwischen Unrat und Schmutz lag.

Vielleicht sollte er eine Pause einlegen, dachte er und vergrub die behandschuhten Finger tief in den Taschen seines langen Mantels. Vielleicht seine bisherigen Experimente, seine Notizen in aller Ruhe noch einmal durchgehen und nach dem Fehler suchen. Er musste einen Fehler gemacht haben, denn er konnte sich sonst nicht erklären, dass bisher jedes seiner Versuchssubjekte gestorben war.

Sie waren schwach, dachte er grimmig und hätte am liebsten vor Abscheu auf den Boden gespuckt. Ja, sie waren schwach gewesen, unbrauchbar. Sie hatten nur den Eindruck gemacht, seinen Experimenten standzuhalten und mit ihm zusammen eine neue Zukunft der Medizin zu schreiben. Er war auf sie hereingefallen.

Er brauchte jemanden, der überleben konnte. Kein verdrecktes Straßenkind, das stark aussah, aber innerlich schwächelte. Er brauchte jemanden, der perfekt war.

Ein neuer Entschluss setzte sich in seinem Inneren fest. Er trat wieder hinaus in den Regen, spannte den Schirm auf und mischte sich unter die Passanten, die sich auf der Victoria Street in Richtung Westminster Cathedral bewegten. Er hatte kein bestimmtes Ziel. Seit er Nummer 7 entsorgt hatte, lief er durch die Stadt und hoffte, die Bewegung würde Ruhe in seine umherwirbelnden Gedanken bringen.

Zwischen den Regenschirmen tauchte die riesige Fassade des Victoria-Luftbahnhofes auf. Der Regenschleier hüllte den einer Kathedrale ähnelnden Bau in ein zwielichtiges Grau. Die Luftschiffe, die dahinter abhoben, waren kaum als solche zu erkennen. Dunkle, eierförmige Gebilde, die durch die Luft schwebten.

Ein Gemisch aus brennendem Gummi Arabicum, Aether, Metall und Öl stieg ihm in die Nase. Beinahe gleichzeitig hörte er den Lärm, der dazugehörte. Ungeduldiges Hupen, Pferdewiehern, laute Rufe und entfernte Sirenen. Ein Verkehrsunfall. Jetzt konnte er auch den Rauch sehen, der aus mehreren Fahrzeugen quoll Mit dem Regenschirm stieß er gegen den Mann, der direkt vor ihm ging. Er war einfach stehen geblieben.

Verdammte Schaulustige, dachte er und zwängte sich an dem Mann vorbei. Auf dem Platz vor dem Luftbahnhof gab es kein Durchkommen mehr. Durch den Unfall waren beide Straßenseiten blockiert. Die Schaulustigen versperrten die Gehsteige und den Platz. Zu allem hinzu kamen die Reisenden, die den Bahnhof verließen und betraten, aufgeregte Pferde, bellende Hunde und eine ganze Schar Hennen, die aus einem der Unfallwagen entwischt waren.

Es war ein perfektes Chaos, eine Kakophonie, wie nur London sie produzieren konnte.

Grimm bewegte zwischen den Menschen hindurch an den Unfallwagen vorbei und überquerte die Straße. Er wusste nicht einmal, was er im Luftbahnhof suchte. Vielleicht nur einen halbwegs trockenen Platz, wo er sich eine Tasse Tee genehmigen konnte.

Zwischen den vielen grauen Leibern entdeckte er aus dem Augenwinkel etwas Rotes. Er blieb stehen, wendete sich dem Rot zu. Es war ein Mädchen mit braunen Locken. Sie trug einen roten Mantel. Der Wollstoff leuchtete regelrecht, so sehr hob er sich vom grauen Umfeld ab. Neben ihr auf dem Boden stand ein brauner Koffer. Wartete sie auf jemanden? Hatte sie ihre Eltern verloren?

Sie ist perfekt, schoss es Grimm durch den Kopf. Seine Beine trugen ihn wie von selbst zu ihr. Die Menschenmenge teilte sich vor ihm, als bewegte er sich wie Moses durch das Rote Meer.

»Hallo«, sagte er und bemerkte, dass seine Stimme belegt war. Er räusperte sich. Das Mädchen sah mit großen grauen Augen zu ihm auf, nicht im Geringsten schüchtern. »Bist du ganz alleine hier? Wo sind deine Eltern?«

»Nein, ich bin nicht alleine, Mister«, antwortete sie ihm, klammerte sich jedoch etwas fester an ihren Regenschirm. »Meine Eltern holen den Rest des Gepäcks.«

»Ah, ich verstehe. Ich hoffe, ihr ward nicht in den Unfall da drüben verwickelt.«

»Nein, unser Chauffeur weiß, wie man fährt.«

Er musste unweigerlich schmunzeln. Oh, sie war perfekt. Eine kribbelige Erregung erfasste ihn. Aber er musste sich ermahnen, vorsichtig zu sein. Dies war kein Straßenkind. Er befand sich mitten in einer großen Menschenmenge.

Das Gute war, dass niemand auf ihn und das Mädchen achtete. Der Unfall war zu aufregend, jetzt erst recht, denn die Polizei war da und verschlimmerte das Chaos.

»Ich muss ebenfalls auf jemanden warten. Wollen wir uns ein trockenes Plätzchen suchen?«

»Ich weiß nicht …« Das Mädchen schaute sich um, auf einmal doch etwas unsicher.

»Ich bin mir sicher, dass deine Eltern uns sofort finden werden. Wir gehen nicht weit, nur vor die Eingangstore des Bahnhofes. Unter dem Vordach ist es trocken.«

»Okay.«

Er lächelte und nahm ihren Koffer auf. »Ich trage den für dich. Wie heißt du?«

»Lydia.«

»Ein sehr schöner Name. Wusstest du, dass er von den alten Griechen stammt? Er bedeutet unter anderem Kämpferin.« Oh, ja, sie war perfekt. »Mein Name ist Dr. Alexander Grimm.«

 

*

 

Mitten in der Nacht erreichte die Kutsche endlich ihren Zielort. Payne schob den Vorhang vor dem kleinen Fenster beiseite und schaute nach draußen in die Dunkelheit. Die lange Fahrt saß ihm in den Knochen und er war nicht sonderlich begeistert davon, gleich dem Drachen gegenübertreten zu müssen.

Aber es war die einzige Möglichkeit gewesen, die ihm auf die Schnelle eingefallen war. Niemand im Team außer ihm wusste, wo die Heynes wohnten. Der Junge würde hier in Sicherheit sein, auch wenn er nicht gerade mit offenen Armen empfangen werden würde.

Payne unterdrückte ein Gähnen und wandte sich an David, der ihm gegenüber auf der Bank saß. Der Junge war auf halbem Weg vor lauter Erschöpfung eingeschlafen. Kurz musterte er den Arm in der Schlinge, die Schrammen und den Schmutz in seinem hageren Gesicht. Der Junge hatte einiges durchmachen müssen. Doch das Einzige, was er momentan für ihn tun konnte, war, ihn in Sicherheit zu bringen.

Behutsam rüttelte er ihn an der Schulter. »Wir sind da.«

David schrak hoch. »Wo sind wir?«, fragte er verwirrt und schaute aus dem Fenster. In der Dunkelheit würde er nicht viel erkennen können.

»Bei meinen Schwiegereltern. Hier bist du in Sicherheit. Die Heynes sind nette Leute, versprochen.« Payne öffnete die Tür und ließ David aussteigen.

Ein Kiesweg führte vom gusseisernen Tor durch den Garten zum Anwesen. Die Fenster des Hauses waren dunkel. Über der schweren Eichentür des Eingangs brannte eine kleine Aetherlampe und spendete spärliches Licht. Im Gegensatz zu London war es hier auf dem Land unglaublich still. Und dunkel. Straßenlaternen suchte man vergeblich, auch Nachbarn waren weit genug entfernt, um die Lichter in deren Häusern nicht zu sehen.

Payne drückte dem Kutscher ein paar Geldscheine in die Hand und wies ihn an, auf ihn zu warten. Er hatte nicht vor, länger als nötig hierzubleiben. Er wollte so schnell wie möglich wieder zurück nach London, denn er hatte ein ungutes Bauchgefühl, was Frost anging.

Er zog an der Schnur für die Klingel. Nichts geschah. Er klingelte noch einmal. Dann war endlich zu hören, wie das schwere Schloss geöffnet wurde. Eine Hausmagd im Nachthemd stand verschlafen da und schaute sie mit großen Augen an. Ihre Haare hingen strähnig aus der schief sitzenden Nachthaube, die sie trug.

»Wer sind Sie?«

»Verzeihen Sie die frühe – oder späte – Störung, Miss. Wecken Sie Mr. Heynes, bitte, es ist ein Notfall«, antwortete Payne.

»Ein Notfall?«, echote sie misstrauisch und musterte ihn sowie David im spärlichen Lampenlicht.

»Geh zur Seite, Molly. Ich weiß, wer das ist«, sagte eine brummige Stimme aus dem Zwielicht hinter der Magd.

»Hallo, Walter. Nimm bitte die Schrotflinte herunter, es ist nicht nötig.« Und zu David wisperte Payne: »Er wird nicht schießen, keine Sorge.«

»Was zum Teufel hast du hier zu suchen, Jackson?«, blaffte Mr. Heynes und hielt weiterhin das Gewehr auf Payne gerichtet. Er trug einen Morgenmantel und sah alles andere als würdevoll aus. »Weißt du eigentlich, wie spät es ist?«

»Vier Uhr morgens, glaube ich. Wir sind die ganze Nacht durchgefahren. Ich wäre nicht hier, wenn es nicht wirklich dringend wäre. Mir ist das mindestens genauso unangenehm wie dir, das kannst du mir glauben. Lässt du uns nun herein?«

Walter grummelte, machte dann aber einen Schritt beiseite, um sie eintreten zu lassen. Sein Blick fiel auf David. »Ein Notfall, sagst du? Ist etwas mit Cecilia?«

»Nein, mit Cecilia ist alles in Ordnung. Ehrlich«, fügte Payne schnell an, als Walter argwöhnisch die Augen zusammenkniff.

»Walter!«

Das Licht ging an. Am oberen Ende der Treppe, die vom Foyer in den ersten Stock führte, stand Elizabeth Heynes. Der Drache. Payne zuckte unweigerlich zusammen. Sie trug ein rosafarbenes Nachthemd und darüber einen Morgenmantel. Ihre grauen Haare steckten auf Lockenwicklern und unter einer ebenso rosafarbenen Nachthaube. An den nackten Füßen trug sie Pantoffeln.

»Was zum Teufel geht hier vor? Weißt du, wie spät es ist?« Sie stampfte die Treppe herunter.

»Es ist Jackson, dear.«

»Jackson?«, rief sie ungläubig aus.

»Guten Morgen, Elizabeth.«

»Ist etwas mit Cecilia?«, fragte sie aufgeregt, ohne ihn zurückzugrüßen.

»Mit Cecilia ist alles in Ordnung, sagt er«, meinte Walter, bevor Payne den Mund aufmachen konnte. »Ich glaube, es geht um diesen Jungen, den er dabeihat.«

»Was für einen Jungen?«

Payne mahlte mit dem Kiefer, schluckte seine aufkeimende Wut jedoch hinunter. Am liebten hätte er ihnen gesagt, dass er direkt vor ihnen stand, ließ es aber bleiben. Er war darauf angewiesen, dass die Heynes David für ein paar Tage bei sich aufnahmen.

»Sein Name ist David Cassidy«, sagte er stattdessen und schob ihn einen Schritt nach vorne.

»Hallo, Mr. und Mrs. Heynes«, sagte David schüchtern und hob grüßend die Hand. »Sie haben ein sehr schönes Haus.«

»Oh, er hat Manieren«, meinte Elizabeth zu Walter. »Kaum zu glauben, so, wie er aussieht.« Dann runzelte sie die Stirn. »Walter, nimm endlich dieses schreckliche Ding herunter.« Sie nahm ihrem Mann die Schrotflinte aus den Händen und stellte sie hinter ihm an die getäfelte Wand.

»Nun, was ist das für ein Notfall, dass du uns mitten in der Nacht aus dem Bett holst, Jackson?«, verlangte Walter zu wissen. Sein grauer Schnurrbart zuckte.

»David ist in Gefahr und kann nicht in der Stadt bleiben. Es ist nur für ein paar Tage, bis wir den Verantwortlichen geschnappt haben. Ihr seid die Einzigen, von denen niemand außer mir weiß, wo ihr wohnt. Ich sah keine andere Möglichkeit.«

»Hm«, machte Elizabeth und musterte, ebenso wie Walter, David eingehend. Payne wusste genau, was sie an ihm bemängeln würde: schmutzige, löchrige Kleidung, ungewaschen, strohige Haare, die unbedingt geschnitten werden mussten … Die Liste wäre lang.

Doch Elizabeths Reaktion überraschte ihn: »Also gut. Komm mit, mein Junge. Du siehst aus, als würdest du gleich im Stehen einschlafen. Du musst völlig erschöpft sein.« Sie führte David mit einer bestimmend leitenden Hand auf dem Rücken zur Treppe.

David schaute unsicher über die Schulter zu Payne. »Es ist alles in Ordnung«, sagte Payne und lächelte, worauf David nickte.

Walter räusperte sich. »Ich könnte dir einen Brandy anbieten.«

»Gerne, danke.« Nicht die Antwort, die Walter hatte hören wollen, jedenfalls nach dessen Gesichtsausdruck zu schließen, doch Payne fühlte sich völlig erschlagen. Er brauchte eine kurze Stärkung, bevor er den Rückweg nach London antrat.

Er folgte Walter in den Salon, wo dieser ihm ein Glas mit der bernsteinfarbenen Flüssigkeit in die Hand drückte. Er forderte ihn nicht auf, sich zu setzen, also blieb Payne stehen. »Ich möchte den Kutscher nicht allzu lange warten lassen«, sagte er nach einer Weile unangenehmen Schweigens.

»Unsinn, du bleibst natürlich bis zum Morgen.« Walter nippte an seinem Brandy. »Du siehst ebenso erschöpft aus wie dieser Junge.«

Elizabeth kam zurück und schloss die Tür des Salons hinter sich. Sie setzte sich neben Walter auf die Couch. »Wer ist er?«, fragte sie und schaute Payne direkt an.

Sie hatte seinen Arm gesehen, vermutete Payne. Sie war etwas blass geworden um die Nase. »Ich nehme an, ihr habt in den letzten Wochen die Zeitungen gelesen. Die toten Kinder mit den künstlichen Körperteilen?« Er wartete, bis die Heynes nickten. »David ist eines dieser mechanischen Kinder.«

2.

 

Die Heynes schauten ihn entsetzt an. Elizabeth legte die Hand an die Brust und wechselte einen Blick mit ihrem Mann.

»Er ist eines der … Aber das ist gar nicht möglich, Jackson! Es stand nichts davon in der Zeitung, dass eines der Kinder überlebt hat.«

Jetzt setzte Payne sich doch, obwohl sie ihn immer noch nicht dazu eingeladen hatten. Mit einem schweren Seufzer ließ er sich auf die Couch gegenüber fallen. »Weil niemand davon weiß, deshalb«, sagte er matt. »Ich ahnte selbst bis vor Kurzem nicht, dass es ihn gibt. Frost hat ihn gefunden. Und jetzt ist sein Leben in Gefahr, weil der Mörder ihn ebenfalls gefunden hat.«

»Aber der Mörder ist tot!«, meinte Walter nun mit abschließender Bestimmtheit. »Das stand so in der Zeitung.«

»Glaubt nicht alles, was ihr in der Zeitung lest. Ich versichere euch, der Mann lebt noch und ist auf freiem Fuß. Mein Team und ich arbeiten unter Hochdruck daran, ihn zu finden. Deswegen musste ich auch den Jungen zu euch bringen, denn in der Stadt ist er nicht mehr sicher.«

»Und da bringst du ihn ausgerechnet zu uns?!«, rief Elizabeth nun aus.

»Niemand außer mir weiß, wo ihr lebt und dass der Junge überhaupt hier ist«, gab Payne zurück. Er leerte sein Glas und stellte es auf den Beistelltisch neben der Couch. »Wie gesagt, dies war ein Notfall. Ich bin euch dankbar dafür, dass ihr den Jungen für ein paar Tage bei euch aufnehmt. Ich komme ihn holen, sobald es wieder sicher für ihn in London ist.« Er stand auf. »Und jetzt sollte ich wirklich gehen. Ich muss zurück.«

»Unsinn.« Elizabeth stand ebenfalls auf und hob das Kinn. »Du solltest dich ausruhen nach der langen Reise.«

»Ich kann in der Kutsche schlafen.«

»Ich glaube nicht, dass man dabei von Ausruhen sprechen kann.« Sie nickte, wie um sich selbst zu bestätigen. »Du kannst Cecilias Zimmer haben.«

Der Drache ließ keine Widerrede zu, also fügte Payne sich und gab dem Kutscher Bescheid. Wenn er ehrlich war mit sich selbst, so hatte er an ein wenig Schlaf in einem bequemen Bett nichts auszusetzen. Sein ganzer Körper war steif und schmerzte.

 

Cecilias Zimmer sah noch genauso aus wie damals vor etwas über zehn Jahren, als er das letzte Mal hier gewesen war. Vor einem der Fenster stand das alte Teleskop und war in den Nachthimmel ausgerichtet. Auf einer Truhe in der Ecke saßen immer noch dieselben Puppen und Teddybären und blickten ihn mit ihren leblosen Knopfaugen an. Er erinnerte sich daran, wie er Cecilia damit aufgezogen hatte.

»Ich habe sie schon dreimal in den Keller geräumt, aber Mutter legt sie jedes Mal wieder zurück. Ich habe aufgegeben«, hatte sie gesagt und dabei gelacht.

Payne hörte ihr Lachen aus der Vergangenheit durch das Zimmer schweben. Er lächelte und kämpfte sich aus den Schuhen. Sobald sein Oberkörper die Matratze berührte, war er bereits eingeschlafen.

 

Warmes Sonnenlicht weckte ihn aus einem traumlosen Schlaf. Payne lag auf dem Bauch und blinzelte. Einen Moment lang wusste er nicht, wo er war. Er drehte sich auf den Rücken und fuhr sich mit den Händen über das Gesicht.

Wie spät war es? Verdammt, sie hatten ihn nicht geweckt. Bestimmt mit Absicht, das sah ihnen ähnlich. Er sollte schon längst auf dem Rückweg nach London sein.

Er rollte aus dem Bett und suchte seine Schuhe zusammen. Draußen auf dem Flur kam ihm Molly entgegen, die Haushälterin.

»Oh, Mr. Payne, Sie sind wach!« Bevor er sich wehren konnte, führte sie ihn zurück und zu einem Badezimmer. »Mrs. Heynes möchte, dass Sie sich frischmachen, bevor Sie nach unten gehen.«