Frost & Payne - Band 12: Das mechanische Herz - Luzia Pfyl - E-Book
Beschreibung

Alles scheint verloren. Alle Hoffnungen zerfallen wie Ascheflocken im Wind. Vergangenheit und Gegenwart vermischen sich, alles wird auf den Kopf gestellt. Lydia Frost kämpft gegen ihre Gefangenschaft in Grimms Labor und gegen die Kindheitserinnerungen an, die plötzlich aus den Nebeln auftauchen. Jackson Payne unternimmt einen letzten verzweifelten Versuch, Frost zu retten – und wird dabei vor eine Entscheidung gestellt, an der er zu zerbrechen droht. Dies ist der zwölfte Band der neuen Steampunk-Serie "Frost & Payne". Da die Reihe aufeinander aufbaut, empfehlen wir, mit dem Auftaktroman, "Die Schlüsselmacherin", zu beginnen.

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Seitenzahl:257

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Table of Contents

»Das mechanische Herz«

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

Seriennews

Impressum

 

 

Frost & Payne

Band 12

»Das mechanische Herz«

 

von Luzia Pfyl

1.

 

Alexander Grimm stieß mit der Schulter die schwere Stahltür auf, die in den Keller führte. Er trug das Mädchen mit dem roten Wollmantel auf den Armen. Sie schlief friedlich dank des Barbiturats, das er ihr verabreicht hatte. Ein kleiner Moment der Ablenkung hatte genügt, um die Spritze in das Fleckchen Haut zu versenken, das zwischen Mantelkragen und Halstuch hervorgeschaut hatte.

Die Aetherlampen an der Decke des Kellerraumes gingen an, als er eintrat. Vorsichtig hob er das Mädchen auf einen der beiden Tische. Ihren Koffer legte er auf den anderen und öffnete die Schnallen. Erst hatte er überlegt, ihn einfach neben dem Eingang des Victoria Luftbahnhofes stehen zu lassen, doch das war ihm zu gefährlich erschienen. Das Mädchen war nicht von der Straße. Es hatte Eltern, die jeden Moment zwischen den Passanten auftauchen konnten.

Der Kofferinhalt war nicht spektakulär: ein paar Kleidungsstücke, eine Haarbürste, zwei Bücher und ein Teddybär mit einer roten Schleife um den Hals. Die Bücher warf er achtlos weg, aber die restlichen Gegenstände brachte er alle zu der schmalen Matratze, die in einer Ecke des Kellerraumes lag. Den Teddybären setzte er aufrecht an die Wand, damit er mit seinen toten Knopfaugen in den Raum starren konnte.

Grimm schmunzelte, als er sich erhob. Dieses Mal hätte er also einen Zuschauer.

Er ging zu einem der Schränke, die die Wand neben seiner Werkbank säumten. Er öffnete die mit Glas beschlagene Tür und holte eine kleine Holzkiste heraus. Einen Moment lang überlegte er, ob er wirklich dieses Stück verwenden sollte. Er hatte monatelang daran gearbeitet und dann ganze Nächte darauf verwandt, um den Mechanismus zu perfektionieren. Er wusste, dass das Stück funktionierte – aber würde es auch in einem Körper seinen Dienst verrichten?

Er durfte es nicht verschwenden. Erst musste er herausfinden, ob das Mädchen wirklich so geeignet war, wie es den Anschein machte.

Vorsichtig legte er die Schachtel zurück in den Schrank. Er entledigte sich seines Mantels und tauschte ihn gegen den weißen Ärztekittel aus. Das Mädchen auf dem Tisch regte sich. Grimm zog ein kleines Gerät aus der Tasche des Kittels. Es war eines der brandneuen Dictaphons, mit denen er seine Stimme aufnehmen konnte. Er hatte es erstanden, als er Nummer 7 gefunden hatte. Es hatte sich als äußerst praktisch herausgestellt, da er es während der Operation hatte laufen lassen können. Statt sich im Nachhinein mühsam Notizen aus dem Gedächtnis machen zu müssen, konnte er nun seiner Arbeit nachgehen und die einzelnen Arbeitsschritte währenddessen beschreiben, als hätte er einen Zuhörer. Später würde er in aller Ruhe die Aufnahme abhören und eine Abschrift für seine Unterlagen machen.

»23. September 1875«, sagte er deutlich und hielt das Dictaphon dabei nah an seinen Mund. »Soeben ist Nummer 8 eingetroffen. Ich beginne mit den ersten Untersuchungen.«

Feierlich legte er das Gerät an das Kopfende des Tisches, auf dem das Mädchen lag. Für einen Augenblick betrachtete er das liebliche Gesicht mit den rosigen Wangen und den flatternden Lidern. Das Betäubungsmittel ließ langsam nach, sie regte sich. Das war gut, denn Barbitursäure war äußerst schwierig zu dosieren. Ein bisschen zu viel und sie wäre nie wieder aufwacht.

Ihre Konstitution ist gut, dachte er erfreut, als er sie mit einem Arm hochhob und mit der freien Hand ihren roten Mantel auszog. Sachte bettete er ihren Kopf zurück auf den Tisch und legte den Mantel beiseite.

»Nummer 8 scheint gut genährt zu sein«, sagte er, während er ihren Oberkörper abtastete. Die Rippen waren kaum zu spüren. Nicht so wie bei den anderen Versuchsobjekten, die er bisher gehabt hatte. Die meisten von ihnen waren derart dürr gewesen, dass er jeden einzelnen Knochen hatte sehen können.

Seine Hände wanderten zu ihrem Hals. »Keine geschwollenen Lymphdrüsen.« Auf den ersten Blick also keine Infektionen erkennbar. »Gesunde Haut, glänzende Haare, saubere Zähne.« Im Gegensatz zu den Straßenkindern. Vielleicht hätte er früher das Risiko eingehen und ein Kind wie sie holen sollen.

»Äußerliche Untersuchung ergab keine Missbildungen und keinerlei Mängel. Ich mache weiter mit der Blutuntersuchung.« Von einem Tablett nahm er eine Spritze auf. Er schob den Ärmel des Mädchens hoch und tastete mit der freien Hand nach der Vene in der Ellbogenbeuge.

Ihr Blut war tiefrot und schien ebenso zu leuchten wie das Gewebe ihres Mantels. Das war zwar absurd, doch Grimm mochte den Gedanken. Er befüllte drei Phiolen, die er sorgfältig verschloss und beschriftete.

Er drehte das Mädchen auf den Bauch und entblößte ihr Kreuz. Die Entnahme der Rückenmarksflüssigkeit war als Nächstes dran. Die Lumbalpunktion führte er inzwischen standardmäßig durch, nachdem er viel zu spät gemerkt hatte, dass Nummer 4 an einer Gehirnentzündung gelitten hatte.

Dieses Risiko wollte er nicht noch einmal eingehen. Damals hatte er mit einem Kollegen darüber gesprochen, der ihm geraten hatte, eine Untersuchung der Gehirnflüssigkeit vorzunehmen, die auch durch das Rückenmark floss.

Der Hinweis hatte sich als äußerst wertvoll herausgestellt, weil er dadurch weitere Indikatoren einer möglichen Infektion bekam. Seither führte er die Untersuchung dieser merkwürdigen klaren Flüssigkeit jedes Mal durch.

Mit den gefüllten Phiolen ging er hinüber zu seiner Werkbank. Vorsichtig tropfte er mit einer Pipette etwas Blut auf ein Glasplättchen, presste ein zweites darauf und legte sie unter das Mikroskop.

»Einwandfreies Blutbild«, sprach er nach eingehender Betrachtung des Blutes ins Dictaphon und legte die Plättchen beiseite. Die Zerebralflüssigkeit bereitete er auf dieselbe Art vor und betrachtete auch diese Probe unter dem Mikroskop. »Keine Anzeichen einer Entzündung oder Infektion«, hielt er nach einer Weile fest.

Freudige Erregung breitete sich in ihm aus. Das Mädchen, Nummer 8, war kerngesund und äußerst kräftig. Sein Blick schweifte zum Schrank. Er stand auf und holte erneut die kleine Kiste daraus hervor. Beinahe ehrfürchtig öffnete er den Deckel. Da lag es, sorgfältig in Stroh gebettet: ein mechanisches Herz. Sein Meisterwerk.

Ein leises Stöhnen kam vom Tisch hinter ihm. Sie wachte auf. Mit einem Lächeln auf den Lippen verschloss er die Schachtel und drehte sich um.

»Wo bin ich?«, murmelte das Mädchen und rollte vorsichtig auf den Rücken. Sie war aufgrund des Schlafmittels noch völlig benommen. »Mama?«

Das war eine neue Situation für ihn. Im Gegensatz zu seinen bisherigen Objekten war Nummer 8 keine Waise von der Straße. Der Qualität ihrer Kleidung und der angestrebten Luftschiffreise nach zu urteilen gehörten ihre Eltern auch nicht der armen Arbeiterklasse an.

»Du bist in Sicherheit, Lydia«, sagte er mit einem beruhigenden Ton in seiner Stimme. Er zog einen Hocker heran und setzte sich neben den Tisch, um auf ihrer Augenhöhe zu sein. »Es tut mir leid, dir das zu sagen, aber es ist ein furchtbares Unglück passiert.«

»Ein Unglück?«, fragte sie mit großen Augen.

Grimm nickte. »Du erinnerst dich vermutlich nicht, da du unter Schock stehst. Gleich beim Start des Luftschiffes, mit dem du und deine Eltern verreisen wolltet, gab es einen Unfall. Man hat dich gerettet. Zum Glück war ich noch da.«

»Und meine Eltern?« Die Frage war ganz leise.

Er schüttelte den Kopf, worauf ihr Tränen in die Augen stiegen. In einer beinahe zärtlichen Geste, die ihn selbst überraschte, strich er ihr tröstend über den Kopf.

»Besser, du vergisst sie. Du bist jetzt hier bei mir und ich lasse nicht zu, dass dir etwas passiert.« Er hob das weinende Mädchen vom Tisch und trug sie zur Matratze, wo bereits der Teddybär lag. »Schlaf wird dir guttun. Morgen Früh wird die Welt ganz anders aussehen.«

Kaum hatte er sie auf die Matratze gelegt, war sie auch schon wieder eingeschlafen. Das Barbiturat wirkte immer noch stark in ihrem Körper.

Grimm beugte sich nach rechts und griff nach der langen Kette, die an der Wand befestigt war. An ihrem Ende befand sich ein lederner Riemen, den er nun vorsichtig um den Knöchel des Mädchens schnallte.

»Schlaf, Nummer 8«, sagte er und streichelte noch einmal über ihr Haar.

2.

 

Dämmerung brach über London herein. Den Zeitungsverkäufern wurden die Abendausgaben regelrecht aus den Händen gerissen, als die ersten Gerüchte über die Ausgangssperre die Runde machten. Menschen standen in Grüppchen zusammen und starrten fassungslos auf die Artikel. Nicht nur in armen Vierteln wie Whitechapel und dem Lime District gab es erste Unruhen, auch in den wohlhabenden Gegenden um Kensington und Belgravia machten Bewohner ihrem Unmut Luft. In den Docks gab es den ersten Zusammenstoß zwischen Arbeitern und der Polizei. Selbst der Hafenmeister und die Besitzer der Reedereien ließen sich von der aufgeheizten Stimmung mitreißen. Die Ausgangssperre bedeutete für sie alle, dass sie einen nicht unbedeutenden Verlust einfuhren, wenn die Arbeit in den Docks während der Nacht nicht aufrechterhalten werden konnte.

Kurz nach Sonnenuntergang fuhren die ersten Großwagen der Metropolitan Police durch die Stadt. Die Polizeistationen in den einzelnen Districts wurden wie Bollwerke abgeriegelt. In jeder Straße begannen Polizisten und die schwarzuniformierten Mitglieder von Lord Greysons Sicherheitskorps zu patrouillieren. Noch ließen sie die Menschen in Frieden, doch nicht wenige schauten immer wieder auf ihre Taschenuhren.

Vielen Bewohnern der Stadt wurde langsam, aber sicher klar, dass die Ausgangssperre kein Scherz war. Einige hofften noch, dass es bei einer reinen Machtdemonstration blieb, andere verbarrikadierten bereits ihre Läden und Wohnungen.

Während draußen vor dem Schaufenster der Agentur die Sonne unterging und erste Polizeiwagen vorbeifuhren, saß Helen in einem der beiden Sessel vor Frosts Schreibtisch. Immer wieder klappte sie ihre kleine Taschenuhr auf, die sie mit einer feinen Kette an ihrem Kleid befestigt hatte. Die Uhr war ein Geschenk ihrer Großmutter gewesen, als sie ihre erste Stelle angetreten hatte.

Helen saß im Halbdunkel, nur das Licht in der Küche brannte. Unruhig trommelte sie mit den Fingern auf der Sessellehne und fuhr über das weiche Leder. Wieder klappte sie die Taschenuhr auf. Die Zeiger waren kaum gewandert.

Zuerst, als Miss Frost mit Finnley so hastig aufgebrochen war, hatte sie sich gar nicht so viele Gedanken gemacht. Sie kannte solche Situationen zu gut, seit sie für Miss Frost arbeitete. Immer wieder verließ jemand eilig das Haus und kam irgendwann wieder, meist, ohne ihr zu sagen, wohin man gegangen war. Sie hatte angefangen, das Abendessen vorzubereiten. Sie hatte die Kartoffeln weiter geschält und dann in Scheiben geschnitten. Es sollte einen Auflauf geben.

Aber als draußen auf der Straße die erste Scheibe in die Brüche gegangen war, hatte sie mit klopfendem Herzen innegehalten. Sie hatte sich die Hände gewaschen und dann zum ersten Mal auf die Taschenuhr geschaut.

Miss Frost hatte gesagt, dass sie, Helen, zu Inspektor Jones gehen sollte, falls Finnley und sie nicht innerhalb einer Stunde zurück waren. Diese Stunde war beinahe um. Helen wurde mit jeder Minute, die quälend langsam verging, unruhiger. Sie hatte kein gutes Gefühl bei der Sache. Erst Mr. Payne, jetzt auch noch Miss Frost und Finnley. Keiner der drei war bisher zurückgekommen oder hatte sich anderweitig gemeldet.

Helen stand auf und ging zum Schaufenster. Mit der offenen Taschenuhr in der Hand stand sie da und schaute auf die Straße. Noch schien alles normal zu sein. Bis auf die blassen Gesichter der Passanten, die alle ein bisschen schneller zu gehen schienen, und die erhöhte Polizeipräsenz natürlich.

Sie hob die Hand und starrte auf die beigen Zeiger auf dem elfenbeinfarbenen Ziffernblatt. Die Stunde war um. Niemand war zurückgekommen.

Helen wandte sich vom Fenster ab und ging in die Küche. Sie nahm den kleinen Zettel vom Esstisch auf, den Miss Frost ihr gegeben hatte, bevor sie gegangen war. Inspektor Jones’ Adresse.

Sie hatte sich vor diesem Moment gefürchtet, denn es bedeutete, dass mit großer Wahrscheinlichkeit etwas nicht in Ordnung war. Miss Frost hatte gesagt, dass der Inspektor helfen konnte.

Helen ballte die Faust um das Papier und presste die Lippen zusammen. Sie steckte die Taschenuhr zurück in die verborgene Tasche in ihrem Rock. Mit zuerst zögernden, dann entschlossenen Schritten eilte sie in Finnleys Labor hinab. Schnell fand sie, was sie gesucht hatte: die Box mit dem zweiten Prototyp. Den ersten hatte Miss Frost mitgenommen.

Mit bebender Hand griff sie nach der unheimlichen Waffe. Hatte Finnley nicht gesagt, dass die Waffen noch nicht ganz fertig waren? Sollte sie sie wirklich mitnehmen? Sie hatte gesehen, was dieses Ding anrichten konnte. Dennoch wollte sie nicht schutzlos hinaus auf die Straße – nicht heute, jedenfalls.

Außerdem hatte sie sich geschworen, dass sie wenigstens versuchen würde, Miss Frost zu beschützen. Sie würde zwar nicht viel ausrichten können, dennoch wollte und konnte sie jetzt keinen Rückzieher machen.

Entschlossen nahm sie die Waffe mit hinauf, wo sie sie in ihre Handtasche legte. Schnell warf sie sich ihren Mantel über und schlug die Kapuze hoch. Dodger tänzelte aufgeregt um sie herum, doch sie schüttelte den Kopf.

»Du musst leider hierbleiben, Kleiner. Los, geh in die Küche. Ich bin gleich wieder da.« Sie wartete, bis Dodger ihr gehorchte, dann löschte sie alle Lichter und schloss die Tür sorgfältig hinter sich ab.

Hoffentlich kam niemand auf die dumme Idee, das große Schaufenster der Agentur einzuschlagen.

Ihr Herz klopfte bis zum Hals, als sie die Straße überquerte, um zur nächsten Tubestation in der Chancery Lane zu kommen. Obwohl die Straßen hell beleuchtet und noch immer viele Leute unterwegs waren, herrschte eine merkwürdige Stimmung. Kaum jemand schien wie sonst mit seiner jeweiligen Begleitung zu sprechen. Niemand schimpfte über die Pferde, die direkt vor seinem Laden große Haufen hinterließen. Die Menschen waren ganz offensichtlich verunsichert wegen der Ausgangssperre und der Konsequenzen, die diese unweigerlich nach sich ziehen würde.

Zum Glück gab es im Mai kaum Nebel, dachte Helen, als sie in die Chancery Lane einbog und auf die hell erleuchtete Station zuhielt. Das hätte den Abend noch unheimlicher gemacht.

Die Fahrt mit der Tube war alles andere als bequem. Jeder, der konnte, wollte anscheinend gleichzeitig nach Hause. Eingequetscht zwischen einer Mutter mit brüllenden Zwillingen im Kleinkindalter und einem übel nach altem Schweiß stinkenden Arbeiter stand Helen im hintersten Wagen und versuchte angestrengt, bei dem ständigen Rütteln und Schwanken des Zuges das Gleichgewicht zu behalten. Als sie endlich wieder an die Oberfläche kam, atmete sie erst einmal tief durch.

Ein Blick auf die Taschenuhr. Es war kurz nach 19 Uhr. Sie holte das Papier aus der Tasche und hielt Ausschau nach der richtigen Hausnummer. Inzwischen befand sie sich an einer viel befahrenen Straße in Islington. Ein paar Meter vor ihr war die große Kreuzung, die mittlerweile den Ruf innehatte, eine der gefährlichsten Verzweigungen der ganzen Stadt zu sein. Jeden Tag geschah mindestens ein Unfall an dieser Ecke.

Helen schritt flott voran und raffte bereits im Gehen ihren Rock, um über die Straße rennen zu können. Sie hielt sich dicht zwischen den an der Kreuzung wartenden Menschen und eilte dann mit ihnen über die breite Straße. Qualm stieg aus einem Kanaldeckel hoch, der sich mitten auf der Fahrbahn befand. Ein Omnibus kam laut hupend angerast, sodass Helen die letzten zwei Meter rennend hinter sich bringen musste, um nicht überfahren zu werden.

Endlich stand sie vor dem Haus des Inspektors. Es war eine unscheinbare Mietskaserne, wie es sie in jeder Straße gab, jedoch nicht so heruntergekommen wie in anderen Vierteln. Die Eingangstür stand weit offen. Helens Herz klopfte aufgeregt, als sie das Haus betrat. Die Holzdielen knarrten, die Treppenstufen ebenfalls. Jones wohnte im zweiten Stock, Wohnung Nr. 7.

Helen klopfte und trat einen Schritt von der Tür zurück. Sie bemerkte Ascheflocken auf ihrer Kleidung und wischte sie eilig weg. Graue Streifen blieben zurück.

Niemand öffnete. Helen klopfte noch einmal, diesmal etwas lauter. Vielleicht hatte er das Klopfen nicht gehört. »Inspektor? Es ist Helen Liddle, Sir.«

Hinter ihr ging eine Tür quietschend auf. »Sie haben ihn mitgenommen.« Eine alte Frau mit zerzausten weißen Haaren und so dicken Brillengläsern, dass ihre Augen grotesk vergrößert aussahen, streckte den Kopf in den Flur.

»Wer hat ihn mitgenommen?«, fragte Helen und machte einen Schritt auf die alte Frau zu.

»War nicht zu überhören«, krächzte diese und schüttelte missbilligend den Kopf. »Und so etwas schimpft sich Polizei.«

»Die Polizei hat Inspektor Jones mitgenommen?« Oder vielleicht abgeholt? Konnte es sein, dass man Jones’ Suspendierung aufgehoben hatte angesichts der Ausgangssperre?

Wieder schüttelte die Alte den Kopf. »Festgenommen, my dear. Es war immer ruhig bei uns, weil alle wussten, dass der Inspektor hier wohnte. Dreckspack, allesamt.« Damit schlug sie die Tür wieder zu.

Helen blieb ratlos im Flur stehen. Was sollte sie nun tun? Wenn der Inspektor festgenommen worden war – falls es denn tatsächlich stimmte, was die Alte von sich gegeben hatte -, dann hatte sie ein großes Problem. Sie wusste nicht, was sie sonst noch unternehmen konnte.

Es blieb ihr für den Moment nichts anderes übrig, als zurück in die Agentur zu gehen. Vielleicht war Miss Frost in der Zwischenzeit doch noch zurückgekommen und sie hatte sich umsonst Sorgen gemacht.

Sie machte einen Sprint über die gefährliche Kreuzung, wich einem Aetherbikefahrer aus und ging weiter zur Tubestation. Eine Gruppe Polizisten kam ihr entgegen. Eilig machte sie Platz und wich an die Häuserwand, ebenso wie andere Passanten. Beim Gemischtwarenladen, der sich nur ein paar Schritte weiter befand, waren zwei Frauen emsig dabei, Obstkisten voller Produkte, die normalerweise unter dem Schaufenster auf dem Gehsteig standen, ins Innere des Hauses zu schleppen.

Sie waren nicht die einzigen. Helen sah sogar einen älteren Mann, der mit einem Jungen, vermutlich ein Lehrling, die Fenster seines Tabakladens mit Holzbrettern zunagelte.

Manche Bürger Londons rechneten also tatsächlich mit einer Art Kriegszustand.

Als Helen in der Tubestation auf den Aufzug wartete, der sie in die Tiefe zu den Perrons brachte, nahm sie ihre Taschenuhr erneut hervor. 19:27 Uhr.

 

Ihre Schritte beschleunigten sich von selbst, als sie wenig später in die Leather Lane einbog. Hoffentlich waren sie alle heil nach Hause gekommen, während sie weg gewesen war! Doch als sie die dunklen Fenster in der Agentur sah, breiteten sich Enttäuschung und Sorge in ihr aus. Für einen kurzen Moment fühlte Helen sich hilflos. Sie wusste weder, wo Miss Frost, Mr. Payne und Finnley waren, noch, an wen sie sich wenden konnte. Sie hatte die schreckliche Befürchtung, dass irgendetwas Schlimmes passiert war.

Ein Mann saß auf der Treppe vor dem Eingang. Der Bereich wurde zwar von der nahen Straßenlampe beschienen, doch sein Gesicht lag im Schatten. Helen blieb stehen. War das Finnley? Oder gar Mr. Payne? Aber warum wartete er dann draußen, wenn er doch einen Schlüssel hatte?

Etwas lauter als üblich ließ sie ihren eigenen Schlüsselbund klimpern, als sie ihn aus der Tasche holte und auf den Eingang zuging.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte sie fest und schaute zu dem Mann auf.

»Sie könnten mir sagen, wann Miss Frost wiederkommt«, gab er zurück und stand auf.

Ziemlich unverschämt, dache Helen und hob das Kinn. »Und wer sind Sie?«

»Dr. Taylor.« Er verstummte, als zwei Polizisten an ihnen vorbeigingen und sprach erst weiter, als sie außer Hörweite waren. »Miss Frost und vermutlich der gesamte Rest dieser Agentur weiß, wer ich bin.«

»Oh, Sie sind der Pathologe?« Helen nahm die drei Stufen zu ihm hinauf und lächelte. »Sie haben uns ein paar Mal geholfen, wie ich gehört habe.«

»Ja, so kann man das wahrscheinlich nennen.« Er ließ seinen Blick über die vorbeigehenden Passanten schweifen. »Sie müssen die Haushälterin sein.«

»Helen Liddle, sehr erfreut. Sie wollten Miss Frost sprechen? Sie ist nicht hier. Ich weiß leider nicht, wo sie ist und wann sie wiederkommt …« Den letzten Satz fügte sie nach kurzem Zögern hinzu.

»Ungünstig. Jones schickt mich. Oder jedenfalls so etwas Ähnliches.«

»Inspektor Jones?« Helen wurde hellhörig. »Ich war gerade eben bei ihm zu Hause, doch er war nicht da.«

»Das liegt daran, dass er festgenommen worden ist und im Yard in einer Zelle sitzt.«

»Dann hatte die Alte also recht …«, murmelte Helen mehr zu sich selbst und runzelte die Stirn. Was nun? »Aber ich brauche seine Hilfe«, sagte sie zu Taylor und konnte ein leichtes Beben in ihrer Stimme nicht zurückhalten. »Ich befürchte, Miss Frost, Mr. Payne und Dr. Baxter ist etwas Fürchterliches zugestoßen. Miss Frost hat mir aufgetragen, Inspektor Jones aufzusuchen, wenn sie nicht zurückkommt.«

»Jones wird Ihnen keine große Hilfe mehr sein, Miss Liddle«, meinte Taylor. Sein käsiges Gesicht nahm einen teilnahmslosen Ausdruck an. »Ich wünsche Ihnen einen halbwegs angenehmen Abend.« Er nickte ihr zu und ging an ihr vorbei die Treppe hinunter.

»Dr. Taylor, warten Sie!« Helen lief ihm hinterher und hielt ihn am Arm fest. Sie hatte eine Idee, eine völlig verrückte Idee. Dabei hatte sie keine Ahnung, woher diese Gedanken auf einmal kamen. »Vielleicht können Sie mir helfen.«

»Ich wüsste nicht, wie.«

»Sie brauchen Miss Frost und Mr. Payne«, fing Helen an, plötzlich aufgeregt. »Ich brauche Inspektor Jones, weil Miss Frost und Mr. Payne verschwunden und vermutlich in Gefahr sind. Sie, Dr. Taylor, wissen, wo der Inspektor ist. Und Sie können mir dabei helfen, ihn zu befreien, denn er ist unsere einzige Möglichkeit, Miss Frost und Mr. Payne zu finden.«

Taylor sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Sie sind verrückt.«

Helen lächelte. Sie spürte, wie das Adrenalin durch ihren Körper rauschte, und ja, sie fühlte sich tatsächlich ein wenig irre. Die Idee war waghalsig und konnte gründlich schiefgehen. Alleine würde sie sich das niemals trauen, aber Dr. Taylor arbeitete im Yard und kannte das gesamte Gebäude vermutlich in- und auswendig.

»Wir sollten uns beeilen, wenn wir den Inspektor noch vor dem Inkrafttreten der Ausgangssperre befreien wollen«, sagte sie und verstaute den Schlüsselbund, den sie immer noch in der Hand gehalten hatte, wieder in ihrer Tasche.

3.

 

Den ganzen Weg zu Scotland Yard verbrachten Helen und Dr. Taylor schweigend. Sie nahmen die Straßenbahn zum Leicester Square und gingen von da aus zu Fuß. Um den Trafalgar Square mit der National Gallery staute sich wie immer der Verkehr. Omnibusse hupten lautstark, Pferde wieherten, Menschen fuchtelten aufgebracht mit den Fäusten, doch kaum ein Fahrzeug bewegte sich vorwärts. Selbst, als Verkehrspolizisten versuchten, den Stau aufzulösen, bewegte sich nichts.

»Haben Sie bereits eine Idee, wie wir Inspektor Jones aus seiner Zelle befreien sollen?«, fragte Taylor mit einem zynischen Unterton, der nicht zu überhören war.

»Ich dachte, Sie könnten sich dabei nützlich machen«, meinte Helen und sah zu ihm auf, während sie neben ihm nach Whitehall einbog. »Immerhin arbeiten Sie dort, nicht?«

Taylor brummte eine Verwünschung, doch Helen sah ihm an, dass er bereits angestrengt nachdachte. Es musste einfach einen Weg geben, um den Inspektor zu befreien! Ohne ihn konnte sie Miss Frost nicht helfen, wie sie es versprochen hatte.

Je näher sie dem Yard kamen, desto dichter war das Polizeiaufkommen. Wagen an Wagen raste an ihnen vorbei, bis auf den letzten Platz vollgepackt mit Beamten in blauen und schwarzen Uniformen. Mehrere Truppen kamen ihnen zu Fuß entgegen, worauf sie jeweils eilig Platz machten.

Vor dem Gebäude des Yards selbst waren Barrikaden aufgebaut worden. Helen erschrak, als sie die vielen Demonstranten sah, die sich davor versammelt hatten. Sie skandierten lauthals ihren Unmut über die Ausgangssperre und beschimpften die Polizisten, die in geschlossener Linie hinter den Absperrungen Aufstellung genommen hatten. Große Flutscheinwerfer waren auf die Straße vor dem Yard gerichtet und erhellten die Szenerie in grellem Aetherlicht.

Helen steuerte den Eingang an, doch Taylor zog sie am Ärmel die Straße weiter. »Nicht hier.«

»Oh, natürlich. Ein Seiteneingang ist viel unauffälliger.« Helen bemerkte, dass sie vor Nervosität zu plappern begann. Sie sah kurz zu Taylor auf. Seine Kiefer mahlten und er sah alles andere als begeistert aus, aber sie war froh, dass er trotz seiner ersten abwehrenden Haltung gegenüber dem Vorhaben, Jones zu befreien, eingewilligt hatte, ihr zu helfen. Sie war nicht alleine.

Taylor führte sie um das große Gebäude herum. Vor einem schmalen Gittertor blieb er stehen und zog einen Schlüsselbund aus der Jacke. Die Schlüssel klirrten laut. Helen schaute sich ängstlich um, doch es war niemand zu sehen, der sie beobachten konnte.

Das Tor führte zu einem dunklen Durchgang zwischen dem Yard und einem Nebengebäude. Helen hielt sich dicht hinter Taylor. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie fühlte sich auf einmal dumm. Warum hatte sie nicht noch ein wenig länger gewartet? Sie war gerade drauf und dran, mit einem ihr völlig fremden Mann den Inspektor aus dem Hauptquartier der Metropolitan Police zu befreien. Sie würde ins Yard einbrechen. Himmel noch mal! Das war nicht vorgesehen gewesen. So etwas war eine Aufgabe für Miss Frost und Mr. Payne, aber nicht für sie!

»Warten Sie hier«, sagte Taylor, als er vor einer eisernen Tür stehen blieb. Kurz schaute er sie im Zwielicht an. »Sind Sie sicher, dass Sie das tun wollen, Miss Liddle? Sie sehen nicht gerade aus, als wären Sie für so etwas gemacht.«

Helen nickte, bevor sie der Angst, die in ihrem Nacken saß, nachgeben konnte. »Miss Frost braucht meine Hilfe«, sagte sie mit Nachdruck, allerdings mehr, um sich selbst etwas Sicherheit zu geben.

Taylor kniff die Lippen zusammen und schüttelte kaum merklich den Kopf. »Ich bin gleich zurück«, sagte er und öffnete die Tür.

»Was haben Sie vor?«

»Es ist besser, wenn Sie das nicht wissen, Miss Liddle. Sollte jemand Sie hier antreffen, können Sie weder mich noch sich selbst verraten.« Er hielt inne und sah sie noch einmal an. »Sie sollten sich vielleicht eine gute Ausrede überlegen, warum Sie hier hinter dem Yard stehen und wie Sie durch das abgeschlossene Tor gekommen sind.«

»Kommen viele Polizisten hier durch?«, fragte sie besorgt und klammerte sich an ihre Tasche.

»Nein«, erwiderte Taylor. »Doch ich gehe ein unnötiges Risiko ein, Ihnen zu helfen. Ich würde mich ungern selbst in einer Zelle wiederfinden, Sie verstehen.« Damit ließ er sie stehen und schloss die Tür hinter sich.

Die Stille ließ Helens Herz noch schneller klopfen. Sie lehnte sich an die Wand und versuchte, mit ihr zu verschmelzen, um unsichtbar zu werden. Jedes Mal, wenn vorne am Tor jemand vorbeiging, zuckte sie zusammen. Sie fühlte sich so fehl am Platz und war mehrere Male drauf und dran, zurück in die Agentur zu gehen.

Nein, sie konnte jetzt nicht einfach klein beigeben, nur weil sie Angst hatte. Sie war nicht mutig, das wusste sie, aber sie hatte sich selbst und auch Miss Frost versprochen, dass sie sie beschützen würde. Vielleicht konnte sie nicht viel ausrichten, doch sie wollte es wenigstens versuchen.

Sie schrak aus den Gedanken hoch, als Taylor auf einmal wieder neben ihr stand. Er drückte ihre eine zusammengerollte Uniform in die Arme.

»Hier, ziehen Sie sich um.«

»Was ist das?«

»Eine Uniform.« Taylor sah sie schräg an. »Sie fallen viel zu sehr auf in Ihren Kleidern. Es sind kaum noch Zivilisten im Yard.«

Helen hielt die dunkelblauen Kleidungsstücke vor sich in die Höhe. Es war die Uniform einer weiblichen Constable. Dann schaute sie zu ihm auf. »Ich ziehe mich doch nicht hier auf der Straße um, Sir.«

Taylor seufzte, winkte sie jedoch ins Gebäude, als hätte er bereits mit dem Einwand gerechnet. Er führte sie in ein dunkles Büro. »Beeilen Sie sich«, sagte er und schloss die Tür hinter ihr.

Helen schaute sich im Raum um. Das Büro schien schon lange nicht mehr benutzt worden zu sein, denn überall lag eine feine Schicht Staub. Der Schreibtisch war bis auf eine fest installierte Aetherlampe komplett leer, ebenso die Regale.

Sich erinnernd, dass sie sich beeilen sollte, legte Helen ihre Tasche auf den Schreibtisch ab und die Uniform sorgfältig darüber, damit die Kleidung nicht im Staub lag. Mit bebenden Händen entledigte sie sich ihrer Kleidung. Sie spürte die Kälte in dem unbeheizten Raum auf ihrer nackten Haut. Eilig schlüpfte sie in die Uniform. Erst die gestärkte Bluse, dann der lange, steife Rock. Die Bluse war ihr ein wenig zu groß und der Rock ein wenig zu lang, doch es würde gehen. Zuletzt zog sie die Jacke an und mühte sich mit der langen Knopfreihe ab.

Ihre eigenen Kleider faltete sie schnell zusammen und drapierte sie auf einem Stuhl in der Ecke, wo sie nicht sofort auffallen würden, sollte doch noch jemand das Büro betreten. Einen Moment lang überlegte sie, ob sie ihre Tasche auch hier zurücklassen sollte. Trugen weibliche Beamte eine Tasche bei sich?

Sie würde das Risiko eingehen müssen, denn sie wollte sich nicht von der Waffe und schon gar nicht von den Schlüsseln trennen. Ohne die Schlüssel käme sie weder in die Agentur noch bei ihren Eltern hinein.

Helen atmete tief durch, legte den Riemen über ihre Schulter und trat hinaus zu Dr. Taylor.

Er sah sie kurz prüfend an. »Lassen Sie die Tasche hier.«

»Nein.«

»Wie Sie wollen. Die Uniform steht Ihnen ausgezeichnet, Miss Liddle.«

Helen konnte den Sarkasmus zwischen seinen Worten heraushören und zupfte unbewusst an der Jacke herum. Sie fühlte sich mehr als unwohl in den fremden Kleidern und das nicht nur aus dem Grund, dass sie ihr ein wenig zu groß waren und deswegen nicht richtig saßen. Noch einmal atmete sie tief durch. Jetzt gab es kein Zurück mehr. »Gehen wir.«

Taylor lief voraus und führte sie durch ein Gewirr an langen Fluren. Sie kreuzten einige Beamte, die Taylor freundlich zunickten, Helen jedoch keine Beachtung schenkten. Sie war mehr als froh darüber und freute sich gleichzeitig, dass die Uniform sie unsichtbar zu machen schien.

»Wir sollten noch einige Spielregeln ausmachen, Miss Liddle«, sagte Taylor leise und drehte sich zu ihr um. »Sollten wir aufgehalten werden, kenne ich Sie nicht und Sie kennen mich nicht. Sollten wir getrennt werden, wünsche ich Ihnen viel Glück.«

Die Worte trafen Helen unvorbereitet und versetzten ihr einen Stich. »Warum helfen Sie mir überhaupt?«, fragte sie.

»Ob Sie mir glauben oder nicht, darauf kann ich Ihnen beim besten Willen keine vernünftige Antwort geben.« Er sah sie kühl an.

Helen überlegte kurz, ob sie darauf etwas erwidern sollte, ließ es jedoch bleiben. Sie waren hier und er half ihr dabei, den Inspektor zu befreien. Das war alles, was zählte. Ja, sie war das Risiko eingegangen und so verrückt, einen Gefangenen aus dem Yard zu schleusen. Sie musste mit den Konsequenzen klarkommen, wie auch immer diese aussehen mochten.

»Fair enough«, sagte sie dann und signalisierte ihm mit einer Bewegung des Kinns, dass er weitergehen sollte.

»Ich hoffe, dass man Jones noch nicht in die Zellen gebracht hat«, murmelte er mehr zu sich selbst, als sie durch eine Schwingtür traten.

Helen schauderte unwillkürlich. Sie erinnerte sich nur zu gut an den Zellentrakt. Er befand sich auf der anderen Seite der großen Eingangshalle. Wenn Jones dort war, würde es tatsächlich ziemlich schwierig werden, ihn unbemerkt aus dem Gebäude zu holen.

In diesem Teil des Yards war viel mehr Betrieb. Helen hielt ihren Kopf gesenkt und versuchte, so unauffällig wie möglich zu wirken. Sie war nervös und sich sicher, dass jeder, der ihnen entgegenkam, ihr sofort ansehen musste, dass sie nicht hierhergehörte.

»Wo wird der Inspektor festgehalten?«, fragte sie so leise wie möglich, nachdem zwei Sergeants an ihnen vorbeigegangen waren und blickte über die Schulter zurück. Die beiden Männer waren in ein Gespräch vertieft und hatten sie nicht einmal bemerkt.

»In einem der Verhörräume hinter dem Gemeinschaftssaal des Murder Squads«, gab Taylor ebenso leise zurück. Auch er war angespannt, bemerkte Helen, denn seine Bewegungen waren steif.

Sie passierten ein breites Treppenhaus. Durch die großen Fenster drang das Licht der Flutscheinwerfer herein, grell und kalt. Die Parolen der aufgebrachten Menschen draußen vor den Toren des Yards waren dumpf zu hören.