Frost & Payne - Band 13: Das neue Land - Luzia Pfyl - E-Book
Beschreibung

Nervenaufreibende Monate liegen hinter der ehemaligen Diebin Lydia Frost und ihrem Partner, dem Ex-Pinkerton Jackson Payne. Das Geheimnis um Frosts mechanisches Herz und ihre mysteriöse Vergangenheit ist gelüftet. Ihr Peiniger Dr. Grimm ist tot und Lord Greyson, der die Macht über London ergreifen wollte, sitzt im Gefängnis. Ruhe kehrt allerdings nicht ein. Ein neuer Hinweis auf den Verbleib von Paynes verschwundener Tochter rückt Amerika in den Fokus. Frost beschließt, ihre Agentur in London zu schließen und in New Orleans wieder zu eröffnen, denn sie hat Payne versprochen, ihm bei der Suche nach Annabella zu helfen. Doch der Neuanfang gestaltet sich nicht so einfach wie gedacht. Bei einem Zwischenhalt in New York, Paynes alter Heimat, gerät das Team ins Netz der Pinkertons. Frost muss sich auf einen Handel mit zwielichtigen Gestalten einlassen, um Payne zu retten. Dies ist der dreizehnte Band der neuen Steampunk-Serie "Frost & Payne". Da die Reihe aufeinander aufbaut, empfehlen wir, mit dem Auftaktroman, "Die Schlüsselmacherin", zu beginnen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl:135

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Table of Contents

»Das neue Land«

Was bisher geschah

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

Vorschau

Seriennews

Impressum

 

 

Frost & Payne

Band 13

»Das neue Land«

 

 

von Luzia Pfyl

Was bisher geschah

 

London, 1885.

Die Diebin Lydia Frost hat genug vom Londoner Untergrund. Sie versucht, sich von der kriminellen Organisation der Dragons zu lösen und gründet eine Agentur für Verlorenes und Vermisstes. Doch Madame Yueh, Matriarchin der Dragons und Frosts Ziehmutter, will sie nicht einfach so gehen lassen. Seit Frost als Kind von ihr in einer Gasse aufgelesen wurde, ohne Erinnerungen an ihre Vergangenheit und schwer verletzt, dient sie der Organisation als eines der wertvollsten Werkzeuge. Frost soll einen letzten Auftrag für Madame Yueh erledigen.

Zeitgleich nimmt sie eine Order der Wissenschaftlerin Cecilia Payne an. Sie soll deren verschwundenen Ehemann Jackson ausfindig machen. Der Ex-Pinkerton aus New York sucht nach seiner Tochter, die, wie er glaubt, entführt worden ist, und begibt sich dafür auf gefährliches Territorium.

Frost spürt Payne auf und gerät zwischen die Fronten. Payne glaubt, dass sie für den Entführer seiner Tochter arbeitet, die Dragons stellen ihr eine Falle. Um Paynes Leben zu retten, willigt sie ein, weiterhin für die Chinesen verfügbar zu sein.

Nachdem ein unbekannter Attentäter Payne nach dem Leben getrachtet hat, schließen er und Frost sich zusammen, um fortan als Partner zu arbeiten. Frost vertraut ihm ihr Geheimnis an, von dem nur eine Handvoll Menschen weiß: Sie besitzt ein mechanisches Herz. Es befähigt sie, auf fast magische Weise jedes Schloss zu öffnen – weswegen sie zu einer der besten Diebinnen Londons geworden ist und im Untergrund »Die Schlüsselmacherin« genannt wird.

 

Scotland Yard zieht eine merkwürdig anmutende Leiche aus der Themse. Es handelt sich um einen Jugendlichen mit einem künstlichen Arm. Kurz darauf tauchen zwei weitere Kinderleichen auf, die auf die gleiche Art verstümmelt worden sind. Alle haben mechanische Körperteile und sind an starkem Fieber und Sepsis gestorben.

Inspektor Alden Jones wird mit dem Fall betraut. Schnell wird ihm klar, dass diese Morde bis weit in die Vergangenheit reichen. Vor zwanzig Jahren gab es schon einmal eine fast identische Tötungsserie, die mit der siebten Leiche geendet hatte. Jones glaubt, es mit demselben Mörder wie damals zu tun zu haben und beginnt zu ermitteln.

Nachdem Frost im Rahmen eines Auftrages dem Duke of Edinburgh, einem ranghohen Mitglied des Königshauses, das Leben gerettet hat, geraten sie und Payne ins Visier von Inspektor Flannagan. Flannagan setzt alles daran, Frost eines Verbrechens zu überführen und verfolgt sie und Payne bis nach York, wohin ein neuer Auftrag sie führt.

York entpuppt sich jedoch als Sackgasse und Falle, denn erneut wird ein Attentat auf Payne verübt. Flannagan verdächtigt Frost und Payne des Mordes und nimmt sie fest, doch ein zweiter Anschlag kostet ihn das Leben.

Frost gerät endgültig ins Visier von Scotland Yard. Die Vergangenheit als Diebin wird ihr zum Verhängnis. Detective Inspektor Jane Frampton setzt Frost derart zu, dass sie kurz vor dem Zusammenbruch steht. Die Haft vor Augen, werden sie und Payne vom Duke of Edinburgh durch einen königlichen Erlass von jedem Verdacht freigesprochen.

 

Bei den Dragons spitzt sich ein interner Konflikt zu. Michael Cho, Frosts Kindheitsfreund, tritt die Nachfolge seines Vaters als einer der Köpfe der Organisation an und entdeckt eine Verschwörung gegen Madame Yueh. Eine Eskalation droht. Chos Leben ist in akuter Gefahr, als Madame Yueh Frost damit beauftragt, den Drahtzieher hinter dem Komplott zu eliminieren.

Frost hat keine Wahl, als ihrer Ziehmutter zu gehorchen. Während eines Coups zur kompletten Ausradierung von Madame Yuehs Feinden innerhalb der Dragons richtet sie Shen Renshou hin. Seither plagen sie Albträume. Frost beendet die Zusammenarbeit mit den Dragons. Sie kappt alle Verbindungen zu ihrer Ziehmutter und ihren Freunden innerhalb der Organisation.

 

Durch das alte Tagebuch des Mörders der mechanischen Kinder, das Frost und Payne in York gefunden haben, wird Frost klar, dass sie selbst etwas damit zu tun hat. Ihr mechanisches Herz und der Schleier um ihre Erinnerungen sind Indizien genug. Sie beschließt, selbst in dem Fall zu ermitteln.

Während eines Balls, den der Duke of Edinburgh und Lord Greyson, ein mächtiger Industrieller, ausrichten, geraten Frost und Payne wieder einmal zwischen die Fronten. Beide riskieren ihr Leben, um den Duke und seine Gäste zu retten. Unter den Gästen befindet sich auch der Mörder – und er erkennt Frost als sein vor zwanzig Jahren entflohenes Experiment Nr. 8.

 

Die Attentäter, die es auf Payne abgesehen hatten und schon fast vergessen waren, sind zurück und entführen den Pinkerton. Frost setzt alle Hebel in Bewegung, um ihn zu finden – und bekommt Hilfe von unerwarteter Seite. Paynes Vergangenheit holt ihn ein. Sein ehemaliger Partner, Alistair Kirkland, will Rache. Es waren er und seine Leute, die immer wieder Attentate auf Payne verübten. Frost läuft in eine Falle, doch ihr und ihren neuen Freunden gelingt es, Kirkland und seine Bande Kopfgeldjäger unschädlich zu machen.

Während Payne sich im Krankenhaus von seinen schweren Verletzungen erholt, rennt Inspektor Jones von einer Sackgasse in die nächste. Der Fall der mechanischen Kinder nimmt eine sehr persönliche Note an, als der Mörder beginnt, mit Jones Spielchen zu treiben. Jones kommt zum Schluss, dass nur ein Mediziner solch präzise Operationen an den Kindern durchführen konnte. Er schickt seine Partnerin Nilima Manju aus, um jeden einzelnen Arzt Londons zu befragen.

Er ahnt nicht, dass der Mörder eines seiner Opfer seit Monaten gefangen hält. Nr. 23, ein Junge namens David Cassidy, hat von ihm bereits eine künstliche Niere und einen mechanischen Arm bekommen. Er ist der einzige, der die Experimente bisher überlebt hat. Der Mörder sieht Parallelen zu Nr. 8 in ihm, doch er verliert zusehends die Kontrolle über David. Dem Jungen gelingt die Flucht, er wird dabei jedoch schwer verletzt.

Frost, die eigentlich eine Pause bräuchte, wird mit Davids hysterischer Mutter konfrontiert und verspricht ihr, nach ihrem Sohn zu suchen. Sie glaubt nicht daran, dass der Junge in den Fängen des Mörders baumelt, wird aber eines Besseren belehrt, als Mrs. Cassidy einige Wochen später mit ihrem Spross in Frosts Büro steht.

Durch die Erzählungen von David und dem Tagebuch des Mörders ist Frost sicher, dass sie selbst entweder Nr. 8 oder Nr. 9 ist, denn das sind die einzigen beiden Opfer, die nirgendwo erwähnt oder gefunden wurden. Ihr Verdacht wird bestätigt, als ein Mann namens Alexander Grimm zu ihr kommt und ihr eröffnet, dass sie Nr. 8 sei, sein Meisterwerk – und er damit der Mörder der mechanischen Kinder.

Constable Manju, die ihre Ärzteliste abarbeitet, kommt Dr. Grimm in die Quere und entdeckt sein geheimes Labor. Grimm tötet sie und nagelt ihre Leiche an die Tore des Yards. Inspektor Jones will Vergeltung, doch Detective Inspektor Frampton stellt per sofort alle Ermittlungen diesbezüglich ein und entzieht Jones den Fall.

Frost, Payne und Jones schließen sich zusammen, um den Mörder der Kinder aufzuspüren. Jones wittert eine Verschwörung im Yard, in deren Zentrum Frampton steht. Er und der Wissenschaftler Finnley Baxter, der für Frost arbeitet, stehlen den mechanischen Arm aus dem Grab eines der ersten Opfer. Baxter, der seit einem Unfall nur noch einen Arm hat, versucht den Mechanismus zu entschlüsseln. Paynes und Cecilias Ehe ist endgültig am Ende, als sie ankündigt, mit dem reichen Luftschiff-Erben Nathan Cosgrove nach Afrika zu reisen.

 

Frost wird von Dr. Grimm erpresst. Er zwingt sie, sich für Blutabnahmen und Tests zur Verfügung zu stellen, wenn sie nicht wolle, dass ihren Freunden etwas zustöße. Grimm weiß alles über Payne, Helen und Baxter. Sollte Frost sich an Scotland Yard wenden, würde er einen nach dem anderen töten.

Das alles setzt Frost schwer zu. Doch sie kann sich Payne nicht anvertrauen. Sie will sein Leben nicht in Gefahr bringen. Als sie genug hat, dreht sie den Spieß um. Sie ist Grimms Meisterwerk, sie hat ihn in der Hand. Zudem muss sie David schützen, denn er ist der einzige Zeuge, den sie gegen Grimm haben.

David wird jedoch von seinen Freunden, den Butcher Boys, dazu angestiftet, sich auf die Suche nach dem Mörder zu begeben. Bei einer öffentlichen Feier verlieren sich die Jungs aus den Augen, und David trifft in der Menschenmenge auf Dr. Grimm. Panisch ergreift er die Flucht.

Grimm ist mit seinem Gönner, Lord Edward Greyson, auf jener Feier. Als dessen Leibarzt setzt er alles daran, die schnell fortschreitende Krankheit Greysons aufzuhalten – und einen mechanischen Körper für seinen Herrn zu erstellen, der sein Leben immens verlängern würde. Denn Greyson hat große Pläne für London. Dafür braucht er die Unterstützung von Scotland Yard.

 

Mit einem Anschlag auf Cecilias und Cosgroves Luftschiff setzt Lord Greyson seinen Coup in Gang. Frampton lässt den Bürgermeister von London wegen angeblicher Korruption verhaften. Greyson erklärt sich vor dem Parlament in Westminster zum neuen Bürgermeister und übt Druck auf die Politiker aus. Frampton verkündet, dass sie der neue Commissioner des Yards sei und verhängt als erste Amtshandlung eine Ausgangssperre über London. Der Aufruhr in der Bevölkerung ist groß, Unruhen brechen aus. Inspektor Jones wird festgenommen.

Michael Cho und die Dragons beschließen zu handeln. Sie verbünden sich mit einer Anarchistengruppe, um einen Anschlag auf das Yard zu verüben. David und die Butcher Boys werden von den Anarchisten als Paketboten für die Bomben rekrutiert. Nicht alles verläuft nach Plan.

 

Frost entgeht knapp einer Entführung durch Dr. Grimm. Ihr Zustand verschlechtert sich zusehends. Nicht nur die Albträume setzen ihr zu, sondern auch die nachlassende Funktion ihres mechanischen Herzens. Jedoch schiebt sie dies auf den psychischen Stress.

Payne setzt sie unter Druck. Und endlich gesteht sie ihm alles: dass Grimm der Mörder ist, dass sie Nr. 8 ist und von ihm erpresst wird.

Es bleibt nur eine einzige Möglichkeit, Dr. Grimm aufzuhalten: Frost soll den Köder spielen. Doch sie haben die Rechnung ohne Grimm gemacht. Er hat eine Schwachstelle im Team um Frost entdeckt.

Frost und Payne werden von Baxter in eine Falle gelockt. Während London im Chaos der Ausgangssperre versinkt, muss Payne um sein Leben kämpfen und Frost gegen ihre Gefangenschaft in Grimms Labor.

Helen, Frosts Haushälterin, befreit Jones heimlich aus dem Gefängnis. Sie stehlen die Akten zu den mechanischen Kindern, bevor Frampton alle Beweise vernichtet.

Frosts Erinnerungen kommen zurück. Sie erfährt, dass Grimm sie am hellichten Tag entführt hat und dass ihre Eltern währenddem auf dem Weg nach San Francisco waren. Nachdem Grimm ihr das mechanische Herz eingesetzt hatte, schaffte sie es zu fliehen und wurde kurz darauf von Madame Yueh gefunden.

Die Leistung ihres Herzens lässt so sehr nach, dass Grimm sich gezwungen sieht, sie zu operieren. Payne gelingt es, das geheime Labor aufzuspüren und Grimm zu bezwingen, doch Grimm macht ihm klar, dass Frost stirbt. Payne muss zusehen, wie er ihr ein neues Herz einsetzt.

Als die Operation überstanden ist, erschießt er Grimm und bringt Frost in ein Hospital. Cho und die Dragons wie auch die Kavallerie des Königshauses bringen London unter ihre Kontrolle und setzen Lord Greyson und dessen Verbündete ab.

Als Frost einen Monat später aus dem Hospital entlassen wird, stürzt die Presse sich auf sie. Auch Payne, Helen und Inspektor Jones werden von Reportern verfolgt. Frost hofft, dass bald Normalität einkehrt, als ein Brief ohne Absender in der Agentur eintrifft, adressiert an Payne. Im Umschlag befindet sich ein Foto seiner verschwundenen Tochter Annabella.

1.

 

Louisiana, 1885.

Die Sommerhitze flimmerte in der Luft. Zikaden zirpten so laut, dass die Vögel in den Weiden kaum zu hören waren. Das hohe Gras und die langen, dünnen Haaren ähnelnden Äste der Weiden wiegten sich im sanften Wind, der kaum Abkühlung brachte.

Sie beäugte das Mädchen nachdenklich und wohlwollend, während sie sich mit einem Fächer Luft zuwedelte. Die Bewegung war so monoton, dass sie es nicht einmal richtig registrierte.

Das Mädchen saß auf der Schaukel, klammerte sich an die Seile und ließ lustlos die Beine baumeln. Sie wusste nicht, wie sie sie aufmuntern konnte, doch sie bemerkte den Kummer mit jedem Tag mehr.

Sie konnte nichts für sie tun, außer weiterhin auf sie aufzupassen wie seit dem Tag, als ihre Herrin sie gebracht hatte. Ein ängstliches kleines Mädchen mit großen braunen Augen und wunderschönen braunen Locken. Die Frage stand ihr nicht zu, woher das Mädchen auf einmal kam, also tat sie das, was ihre Herrin von ihr verlangte.

Die Tür zur Veranda wurde aufgestoßen, ihre Herrin trat heraus, die Hände streng in die Taille gestemmt. Sie legte den Fächer zusammen und stand vom Schemel auf.

»Komm«, sagte sie lächelnd und streckte die Hand aus. »Es ist Zeit. Deine Mutter erwartet dich.«

»Sie ist nicht meine Mutter«, murmelte das Mädchen, sprang aber dennoch von der Schaukel und ergriff ihre Hand. Die kleine Kinderhand war feucht. Kein Wunder bei dieser Hitze.

»Sie möchte aber, dass du sie so nennst, weil sie das nun ist. Sie ist jetzt deine Mutter, Beautiful, und sie liebt dich wie ihr eigenes Kind.« Das Mädchen tat ihr leid, aber sie war nicht in einer Position, ihr zu helfen.

Solange sie den Mund hielt, würde ihre Herrin sie nicht bestrafen.

»Bella!« Die Herrin zerrte das Mädchen zu sich, als sie die Veranda erreichten. »Sieh dir nur dein Kleid an!« Die Ohrfeige klatschte laut. Das Mädchen senkte den Kopf und gab sein Bestes, nicht zu weinen, obwohl dicke Tränen über ihre geröteten Wangen liefen.

»War sie wieder bei den Arbeitern?«, herrschte die Gebieterin sie an. Rasch senkte auch sie den Blick.

»Nein, Herrin. Aber das Gras war noch feucht im Schatten der Bäume.« Weiße Kleider wurden immer so schnell schmutzig. »Ich habe nicht aufgepasst.«

»In der Tat.« Die Herrin sah sie lange an. »Geh und hilf Johanna in der Küche, danach muss die Wäsche gestärkt werden.« Sie packte das Mädchen an der Hand und zerrte sie ins Haus.

Die Herrin würde sie bestrafen. Mehr als die Schläge mit dem Holzstock fürchtete sie jedoch um das Wohl des Mädchens. Sie würde bei Gelegenheit Ronové um einen neuen Schutzzauber bitten müssen.

 

Lydia Frost raffte ihre Röcke und stieg die Stufen zum Panoramadeck des Luftschiffes hinauf. Ein paar Passagiere kamen ihr entgegen, darunter ein offensichtlich frisch vermähltes Paar auf Hochzeitsreise und ein älterer Herr mit Gehstock und Monokel. Alle drei hatte sie bereits am Pier im Victoria Luftbahnhof gesehen, doch die Passagiere der Ersten Klasse gingen sich mehrheitlich aus dem Weg. Frost nickte dem Herrn freundlich zu.

Das riesige Übersee-Luftschiff der Imperial Airways flog so ruhig – manchmal vergaß sie, dass sie sich meilenweit vom Boden entfernt befanden und momentan ein ziemlicher Wind blies. Nicht einmal das tiefe Summen der massigen Antriebe war zu hören, wenn man sich nicht bewusst darauf konzentrierte.

Frost fand ihren Partner Jackson Payne vor dem riesigen Fenster im Bug. Seine Silhouette zeichnete sich dunkel gegen das nachlassende Tageslicht ab. Er hatte sich vor der Abreise die Haare kurz geschnitten, sah davon abgesehen jedoch aus wie immer: groß gewachsen und schlank, mit derben Stiefeln und brauner Lederjacke. Seine Hände steckten tief in den Taschen seiner Cordhose.

Sie trat neben ihn und schaute hinaus auf die Weite des Atlantiks. Das Meer hatte dieselbe Farbe angenommen wie der schiefergraue Himmel. Einen Moment lang fragte sie sich, wie Menschen mit Höhenangst sich überhaupt auf dem Panoramadeck aufhalten konnten, denn die Glasscheibe reichte vom Boden bis unter die Decke und nahm das gesamte Blickfeld ein. Weit unter ihnen konnte man die weißen Gischtspritzer der Wellenkronen erkennen, wenn man sich konzentrierte. Im Laufe des Nachmittags war das Wetter immer stürmischer geworden, doch das Luftschiff war groß genug, dass man an Bord kaum etwas von den Turbulenzen bemerkte.

»Ich hoffe, es war die richtige Entscheidung«, sagte sie und sah aus dem Augenwinkel, wie er ihr den Kopf zuwandte.

»London ganz zu verlassen? Vermutlich. Aber Sie wissen, dass Sie das nicht hätten tun müssen.«

Erstaunlicherweise war es ihr sogar ziemlich leicht gefallen, den Entschluss zu fassen, die Agentur zu schließen. Seit ihrer Entlassung aus dem Hospital gut sechs Wochen zuvor war sie von der Presse Tag und Nacht belagert worden. Sie hatte kaum noch aus dem Haus gehen können, ohne von mindestens einem Reporter oder einem Lichtbildgrafen verfolgt zu werden. Sogar Helen und Payne waren pausenlos von der Presse bedrängt worden.