Frost & Payne - Band 14: Der Tote im Sumpf - Luzia Pfyl - E-Book
Beschreibung

New Orleans, die multikulturelle Stadt am Mississippi, empfängt niemanden mit offenen Armen – das müssen auch Lydia Frost und Jackson Payne feststellen. Der Aufbau ihrer neuen Agentur gestaltet sich als schwierig, denn erst müssen ein Haus und Klienten gefunden werden. Frost und Payne wollen sich beweisen und Geld verdienen – ein Fall muss also her. Bei einem Ausflug in die Sümpfe nördlich der Stadt stolpern sie gleich selbst über die Leiche eines Mannes. Nicht jeder ist jedoch an der Aufklärung dieses Mordes interessiert und ein unliebsames Wiedersehen mit den Luftpiraten machen die Sache nicht einfacher. Dies ist der vierzehnte Band der neuen Steampunk-Serie "Frost & Payne". Da die Reihe aufeinander aufbaut, empfehlen wir, mit dem Auftaktroman, "Die Schlüsselmacherin", zu beginnen.

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Seitenzahl:133

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Table of Contents

»Der Tote im Sumpf«

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

Vorschau

Seriennews

Impressum

 

 

Frost & Payne

Band 14

»Der Tote im Sumpf«

 

 

von Luzia Pfyl

1.

 

»Also, noch einmal von vorne. Was wollte Hannibal Rogers hier? Warum hat er Ihre Apotheke überfallen, Mr. Jacob?«

Josephine Johnson schlenderte um den Stuhl herum, auf dem Alexander Jacob saß, der Besitzer jener Apotheke, die der Luftpirat vor wenigen Tagen erst ausgeraubt hatte. Ihr Partner Alejandro Cortez saß dem Apotheker gegenüber auf einem zweiten Stuhl und betrachtete den Mann schweigend, wobei er an einem Kaffee schlürfte.

Jayjay wusste um die Wirkung, die ihr kleines Schauspiel auf die Leute hatte, die sich jeweils an der Stelle des Apothekers befanden. Sie selbst war die Böse, die die harten Fragen stellte und Druck ausübte, während Cortez der gute Pinkerton war, der gemäßigte, der an die Vernunft appellierte.

Es funktionierte in den allermeisten Fällen ausgezeichnet. Nur dieses Mal scheinbar nicht.

»Er hat mich nicht überfallen«, sagte Mr. Jacob zum wiederholten Mal. »Mr. Rogers lässt mir immer die exakte Summe zukommen, die er mir für die Medikamente schuldig ist. So wird es auch diesmal sein.«

»Was sind das für Medikamente?«, fragte Cortez interessiert. Jayjay war der Meinung, dass sie das nicht zu wissen brauchten, weil es nicht relevant war für die Ergreifung des Piraten, aber sie wollte ihrem Partner nicht auf den Schlips treten.

»Das kann ich Ihnen nicht sagen. Diese Informationen sind nur für meine Patienten und deren Angehörige bestimmt.«

»Ach, kommen Sie«, brummte Johnson. »Sie sind kein Arzt. Apotheker unterstehen nicht dem Schweigeabkommen.«

»Das stimmt, allerdings mische ich viele meiner Arzneien selbst, wofür ich mich eingehend mit meinen Kunden und deren Krankheiten befassen muss. Somit könnte man sagen, dass ich fast Arzt bin.« Mr. Jacob lächelte und zeigte dabei seine prominente Lücke zwischen den oberen Schneidezähnen.

Johnson wandte sich frustriert von dem Mann ab und schaute sich im Raum um. Es war eines der Hinterzimmer, die an den großen Laden anschlossen. Schränke voller Pülverchen und Flüssigkeiten standen an den Wänden, dazwischen Bücherregale reich an medizinischen Abhandlungen und Lexika. Unter dem Fenster befand sich eine Behandlungsliege, die mit einem breiten Streifen Papier für den nächsten Patienten bereitstand. Die Wände waren weiß gestrichen, alles wirkte hell und freundlich.

»Warum stiehlt Rogers Medikamente?«, fragte sie. »Für sich selbst oder für jemanden aus seiner Crew?«

Auch wenn Cortez und sie seit Monaten hinter Hannibal Rogers her waren und jede Information über ihn aufsogen wie ein trockener Schwamm, so hatten sie bisher nichts über eine Krankheit gehört, an der er leiden sollte. Die wenigen Male, die sie ihm praktisch gegenübergestanden hatten, hatte er mehr als gesund gewirkt.

Es musste also jemand aus seiner Mannschaft sein, der die Arzneien brauchte.

»Das kann ich Ihnen auch nicht sagen, tut mir leid«, erwiderte Mr. Jacob.

»Was können Sie uns sagen?« Cortez stellte den Kaffeebecher aus Emaille auf den Boden. Das Zeichen dafür, dass er nicht mehr lange den guten Pinkerton spielen würde. Jayjay verzog die Mundwinkel zu einem wissenden Lächeln.

Der Apotheker schien die rapide veränderte Stimmung im Raum zu spüren, denn er sah unsicher von Cortez zu Johnson und zurück. Er rieb die Handflächen an den leinenen Hosen und lockerte den Kragen seines gestärkten Hemdes.

»Die Medikamente sind nicht für ihn«, gab er endlich zu. »Sie sind … für jemanden aus seiner Mannschaft. Hören Sie, ich will keinen Ärger. Mr. Rogers ist gut zu uns hier. Er ist einer von uns.«

Johnson wechselte einen Blick mit Cortez. Die Worte des Apothekers bestätigten einige Punkte auf Rogers‘ Steckbrief: dass er aus Atlanta stammte und von den Bürgern der Stadt geschützt wurde. Er bestahl den Apotheker nicht, sondern führte lediglich ein kleines Schauspiel auf, weil das von ihm verlangt wurde. Er wollte sein Image aufrechterhalten.

»Wie oft besucht Mr. Rogers Atlanta, Mr. Jacob?«, fragte Johnson und stellte sich neben ihren Partner. Als der Apotheker wieder mit seiner Antwort zögerte, legte sie die Hand auf den Revolver, der an ihrem Gürtel hing. »Wir können Sie auch gerne mit nach New York nehmen und dort verhören, wenn Ihnen das lieber ist. Es ist eine lange Reise. Ich denke nicht, dass Ihnen das gefallen würde.«

»Nein, ich glaube nicht«, murmelte Mr. Jacob und senkte den Blick. Er rang mit sich selbst, ballte die Hände. »Alle zwei bis drei Wochen. Mr. Rogers versucht seine Routen immer so zu legen, dass er einen Zwischenstopp in Atlanta machen kann.«

Cortez stand auf und klopfte dem Mann wortlos auf die Schulter, was diesen zusammenzucken ließ. Er hob den Kaffeebecher auf, leerte ihn in einem Zug und reichte ihn dem Apotheker. »Vorzüglicher Kaffee, vielen Dank.«

Johnson folgte ihrem Partner nach draußen auf die Straße. Die Sonne brannte auf Atlanta nieder, als wollte sie Hitzerekorde brechen. Die Pinkerton zog ihren Hut tiefer ins Gesicht, um sich nicht blenden zu lassen.

»Was denkst du?«, fragte sie Cortez. »Rogers ist auf dem Weg nach New Orleans, so viel wissen wir bereits. Folgen wir ihm oder warten wir hier auf seine Rückkehr?«

Eigentlich hatten sie gestern schon vorgehabt, gleich weiterzufliegen und Rogers auf den Fersen zu bleiben, doch ein Defekt am Antrieb ihres Luftschiffes zwang sie zu einem längeren Aufenthalt in Atlanta als ursprünglich geplant. Die lange Verfolgungsjagd über den halben Kontinent hatte den Maschinen alles abverlangt. Mr. Colby, der oberste Chef der Pinkertons in New York, hatte ihnen zwar die Lincoln zur Verfügung gestellt, das schnellste Luftschiff in der Flotte, doch gegen Rogers‘ Elephant kam sie nicht an. Nicht auf solch langen Strecken.

»Wir wissen, dass Jackson Payne und Rogers‘ Leute nach New Orleans wollten.« Cortez kratzte sich unter dem Hut. »Vermutlich jedenfalls. Könnte sein, dass er sich von dort aus nach Südamerika absetzt.«

»Oder weiter nach Westen. Wir könnten die Rangers kontaktieren«, sagte Johnson nachdenklich. Wenn irgendwie möglich wollte sie das verhindern. Die Pinkertons und die Texas Rangers verstanden sich nicht sonderlich gut, im Gegenteil. Es hatte schon blutige Fehden zwischen den beiden Divisionen der Staatssicherheit gegeben, als Verbrecher die Grenze zu Texas überschritten hatten. Von der Bürokratie, die mit jeder Zusammenarbeit einherging, brauchte man nicht mal zu reden. Pinkertons wie Rangers deckten einander so sehr mit Papierkram ein, dass die wirkliche Arbeit komplett blockiert wurde. Mittlerweile ging dieser Konkurrenzkampf so weit, dass die Pinkertons es einfach sein ließen, sobald jemand von ihrer Liste Anstalten machte, auch nur in die Nähe von Texas zu kommen. Manche Agenten informierten dann zwar die Rangers, meist blieb es jedoch bei einem Schulterzucken. Deren Problem.

Nein, Johnson würde ihre zukünftige Schwiegermutter darauf verwetten, dass Payne in New Orleans war. Nichts in seinem Steckbrief und seiner alten Akte wies darauf hin, dass er irgendetwas mit Texas zu tun hatte. Er hatte weder Familie noch Freunde oder Bekannte dort. Johnson würde es sogar wundern, dass er überhaupt jemals dort gewesen war.

»Payne kennt das Dilemma mit den Rangers«, sagte Cortez in dem Moment, als hätte er ihre Gedanken gelesen.

»Verdammt, ich weiß.« Sie zog die kleine Blechschachtel aus der Hosentasche, in der sie ihren Kautabak aufbewahrte. Ihre Finger bebten vor Anspannung und Frustration, während sie das bonbongroße Stück auspackte und sich in den Mund schob. »Wir müssen nach New Orleans, wenn wir die Spur nicht komplett verlieren wollen.«

Cortez nickte. Sie hatten ihr Aethercar erreicht, das sie von der lokalen Polizeiwache ausgeliehen hatten, um sich in der Stadt fortbewegen zu können, solange der Antrieb des Luftschiffes repariert wurde. Seit zwei Tagen saßen sie nun schon in Atlanta fest – und mit jeder Stunde, die verging, wurde die Spur, der sie folgten, ein wenig kälter. In zwei Tagen konnte viel passieren.

»Weiß man mittlerweile schon etwas über diese Unbekannte, die Payne begleitet?«

Johnson griff an ihre Gesäßtasche und zog ein zerknittertes Notizheftchen heraus. Sie blätterte bis zu den letzten Seiten und fuhr mit dem Finger über die dicht beschriebenen Zeilen. Im Gegensatz zu Cortez, der seine Notizen fein säuberlich nach Fall und Begebenheit sortierte – oft sogar mit Farben kodiert –, waren die ihren wild durcheinander.

»Nein«, antwortete sie gepresst. »Sie ist uns komplett unbekannt. Niemand weiß, wer sie ist.«

»Übersee? Payne war anscheinend für längere Zeit in England.«

»Vermutlich. Wir müssten eine offizielle Anfrage über den Teich schicken, das kann dauern.«

Cortez fädelte den Wagen in den Verkehr ein und hielt auf das Südviertel zu, wo ihr Luftschiff ankerte. »Lass uns eine Nachricht an Colby schicken und abwarten, was er von der Idee hält.«

Johnson nickte und steckte das Notizbuch zurück in ihre Hosentasche. Mit dem Hut fächelte sie Luft an ihr Gesicht, während sie stumm die Hitze verfluchte und aus dem Fenster starrte. Sie hoffte, dass die Mechaniker die Lincoln mittlerweile reparieren konnten, denn sie wollte nicht länger als nötig in dieser Stadt bleiben.

Natürlich war das nicht der Fall.

Die Mannschaft saß gelangweilt im Schatten des Luftschiffes, auf hölzernen Kisten oder direkt im hohen Gras, manche spielten Karten oder dösten einfach vor sich hin. Der Einzige, der ständig in Bewegung zu sein schien, war der Kapitän, ein Schrank von einem Mann, ehemaliger Sergeant der Air Force und präziser als ein Schweizer Uhrwerk. Er scheuchte Mechaniker herum, schickte den Botenjungen aus und brütete über Papieren.

»Wir müssen auf ein Ersatzteil warten«, erklärte er ihnen missmutig, als sie das Schiff erreichten und nach dem Stand der Dinge fragten. »Einer der beiden Kompressoren für den Propellerantrieb ist defekt.«

Jayjay wechselte einen Blick mit Cortez. Das klang alles andere als nach einer baldigen Wiederaufnahme ihrer Jagd auf Rogers und Payne.

»Und wie lange wird das dauern?«, fragte Cortez.

»Schwer zu sagen«, erwiderte der Kapitän und wischte sich mit einem Stofftuch über den verschwitzten Nacken. »Kompressoren sind meistens Spezialanfertigungen für die verschiedenen Luftschifftypen. Die nächste Reederei, die für die Klassengröße der Lincoln produziert, befindet sich oben in Norfolk, Virginia.«

»Norfolk?«, rief Jayjay aus. »Wissen Sie, wie weit weg das ist? Halbe Strecke nach New York!«

»Ich weiß, wie weit weg Norfolk liegt, Ma’am.« Der Kapitän schaute sie säuerlich an.

Cortez versuchte zu beschwichtigen, bevor ein richtiger Streit ausbrach. »Kann das Luftschiff auch mit nur einem Kompressor fliegen?«

»Grundsätzlich ja, aber nicht zu empfehlen, wenn Sie nicht wollen, dass uns der gesamte Antrieb um die Ohren fliegt. Finden Sie sich damit ab, dass wir noch eine Weile hier festsitzen.«

In Johnson wuchs der Zorn. »Wir sind hinter einem der meistgesuchten Verbrecher des Landes her, Sir, wir können nicht länger warten, wenn wir seine Spur nicht gänzlich verlieren wollen.«

Der ehemalige Sergeant erwiderte ruhig ihren wilden Blick. »Das ist mir durchaus bewusst, Ma’am. Ich empfehle Ihnen, sich nach einem anderen Transportmittel umzusehen, denn ich kann Ihnen nicht garantieren, dass das Ersatzteil in ein paar Tagen oder einer Woche und mehr da ist.«

»Das ist ungünstig«, murmelte sie an Cortez gewandt. »Mit der Eisenbahn dauert es Ewigkeiten, bis wir in New Orleans sind.«

»Uns bleibt wohl nichts anderes übrig.«

»Darf ich Ihnen noch einen Rat geben?«, fragte der Kapitän dazwischen. Cortez gab ihm mit einer Geste zu verstehen, dass er weiterreden sollte. »Gehen Sie nicht als Pinkertons in den Süden. Die Leute werden viel eher mit Ihnen reden, wenn sie wissen, dass Sie nicht von der Polizei sind.«

Wieder wechselten Johnson und Cortez einen Blick. Johnson ächzte innerlich auf. Jetzt mussten sie sich auch noch verstellen und verstecken. Das gefiel ihr gar nicht.

Aber vielleicht hatte der alte Air-Force-Sergeant recht. Ein bisschen Undercover-Arbeit war vermutlich keine so schlechte Idee.

 

 

Gegen Abend rollte ein Gewitter über Atlanta. Jayjay ließ sich schwer in den Polstersitz ihres Zugsabteils fallen und warf die Tasche neben sich. Lautes Pfeifen kam von der Lokomotive und signalisierte die gleich bevorstehende Abfahrt. Noch immer stiegen Passagiere in die Wagen, alle beladen mit Koffern und Taschen. Auf dem Bahnsteig winkten Frauen mit weißen Taschentüchern und Männer mit ihren Hüten.

Ein Ruck ging durch den Waggon, als der Zug sich schwerfällig in Bewegung setzte. Cortez stützte sich an der Kabinenwand ab, um das Gleichgewicht zu halten, dann hievte er Jayjays Tasche neben seine in die Gepäckablage. Sie beide hatten ihre Waffengürtel und Holster abgelegt und in den Taschen verstaut, damit sie keine unnötige Aufmerksamkeit auf sich zogen.

Jayjay legte die Beine hoch auf den Platz ihr gegenüber am Fenster, genau in dem Moment, als Cortez sich setzen wollte. Er warf ihr einen ungehaltenen Blick zu, setzte sich jedoch kommentarlos auf den Sitz daneben.

»Weck mich, wenn es Zeit für das Abendessen ist«, sagte sie und legte ihren Hut über ihr Gesicht.

2.

 

Zwei Wochen später.

»Sieht … gar nicht mal so schlecht aus.«

»Wir müssten einiges renovieren.«

»Frost, das ist schon das dritte Haus, das wir diese Woche besichtigen. Irgendwann gehen uns die Häuser aus und wir werden die Agentur nie eröffnen.« Payne rieb sich über den schweißfeuchten Nacken und blickte zweifelnd an der grün getünchten Fassade des schmalen zweistöckigen Hauses hinauf, vor dem sie standen. Das mittlere Stockwerk war von einem Balkon mit gusseisernem Geländer und ebensolchen Streben gesäumt, an dem eine Kletterpflanze mit orangen, länglichen Blüten wuchs. Im Erdgeschoss waren die Eingangstür und die beiden Fenster rechts davon mit Brettern vernagelt, an denen verwitterte Flugblätter klebten und Schmierereien Obszönitäten herumschrien. Hier und da blätterte der Putz ab. In den oberen beiden Stockwerken waren ein paar Scheiben zerbrochen.

»Die Gegend ist perfekt, Frost«, versuchte er es noch einmal. »Wir sind nur einen Steinwurf von der Bourbon Street entfernt mitten im French Quarter, dem Herzen von New Orleans.« Er breitete die Arme aus, um seine Worte zu unterstreichen, und drehte sich halb im Kreis. Ein paar Passanten, Kreolen französischer und afrikanischer Abstammung, warfen ihm Blicke zu, doch eigentlich beachtete sie niemand hier.

»Beim letzten Haus, das perfekt war, wurden wir vom Verkäufer abgelehnt, weil wir kein Französisch sprechen«, murmelte Frost und verschränkte die Arme vor der Brust. Längst hatte sie ihre schweren Röcke gegen luftige Pluderhosen eingetauscht, in denen die feuchte Sommerhitze erträglicher war. »Die Leute hier wissen schon, dass sie seit über hundert Jahren keine französische Kolonie mehr sind, oder?«

Payne verkniff sich ein Lachen. Natürlich wussten das die Menschen, die hier lebten. Dennoch wurde immer noch von einem Großteil der kreolischen Bevölkerung des French Quarters, dem ältesten Viertel der Stadt, Französisch als Muttersprache angesehen. Das mussten sie respektieren.

Er legte den Kopf in den Nacken, als das Dröhnen eines Luftschiffes über ihnen laut wurde. Knapp konnte er das Emblem des größten Industriekomplexes in der Gegend erkennen. Das Luftschiff kam vom Golf, von einer der Bohrplattformen, auf der Aether und Gas gefördert wurden, und brachte es in die Raffinerie außerhalb der Stadt.

Selbst hier, im tiefsten Süden der Vereinigten Staaten von Amerika, machte der Fortschritt nicht halt. Noch war nur ein kleiner Teil von New Orleans mit einem neuen Gesicht versehen worden, meist in den jüngeren Vierteln im Norden und Westen. Im French Quarter und in den umliegenden Blöcken war die Zeit vor fünfzig Jahren stehen geblieben.

»Also, was ist nun?«, riss Frost ihn aus den Gedanken und schaute zu ihm auf. »Es könnte etwas frische Farbe und einen neuen Putz hier und da vertragen, aber ich denke, wir sollten es kaufen.« Sie konsultierte das Flugblatt des Maklers, auf dem alle wichtigen Angaben zur Liegenschaft standen. »Nicht ganz so groß wie das letzte, aber dafür billiger.«

»Von mir aus gern, denn unsere Hotelrechnung beläuft sich mittlerweile wohl auf einen ähnlich hohen Betrag.« Payne bekam Kopfschmerzen, wenn er nur daran dachte. Frost hatte viel Geld, das war ihm bewusst, und er hatte auch etwas angespart, doch es würde nicht ewig reichen. Sie mussten so bald wie möglich zahlende Klienten in die Agentur holen.

»Im Erdgeschoss richten wir unsere Büros ein, im ersten Stock werde ich mit Helen wohnen, und Sie können den zweiten haben«, erklärte Frost zufrieden.

»Warum sollte ich Ihnen den Balkon überlassen?«, fragte er neckisch.

»Zwei gegen einen.«

»Aber Helen ist nicht hier, Frost, das gilt nicht.«

»Sie wird den Balkon auch mögen. Tut mir leid.« Grinsend klopfte sie ihm mit der flachen Hand auf die Brust und überquerte die Royal Street, um zurück zur Bourbon Street zu gehen, wo das Büro des Maklers sich befand.