Frost & Payne - Band 2: Die mechanischen Kinder (Steampunk) - Luzia Pfyl - E-Book
Beschreibung

Ihr erster gemeinsamer Fall führt Frost und Payne in die Tiefen einer geheimen Waffenfabrik. Der Prototyp eines neuartigen Waffensystems wurde gestohlen. Der Verdacht fällt schnell auf einen internen Maulwurf, doch als Frost und Payne das wahre Ausmaß der Sache erkennen, ist es beinahe zu spät. Das Leben des Thronfolgers steht auf dem Spiel und ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Cecilia wird Zeugin eines weiteren Leichenfundes. Schon wieder ein Jugendlicher mit mechanischen Körperteilen. Sie befürchtet, dass Scotland Yard als nächstes Annabella aus der Themse zieht, und bittet Payne, sich des Falls anzunehmen. Auch Frost ist an der Sache interessiert, besitzt sie doch selbst ein mechanisches Herz. Dies ist der zweite Band der neuen Steampunk-Serie "Frost & Payne".

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl:143

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Frost & Payne

Band 2

Die mechanischen Kinder

 

 

von Luzia Pfyl

 

1.

 

Sein Atem ging rasselnd, als er durch den langen Flur eilte. Immer wieder schaute er über die Schulter zurück, doch niemand schien ihm zu folgen. Die stahlbeschlagene Box, die er an sich klammerte, wog schwer in seinen Armen. Der Inhalt war unbezahlbar und obendrein der Schlüssel zu ihrem weiteren Vorhaben.

Er fegte die schier endlose Wendeltreppe hinauf. Oben in der Fabrikhalle hielt er inne, um zu Atem zu kommen. Ein Gefühl des Triumphes stieg in ihm empor. Er hatte es geschafft. Sie hatten ihm viel Geld geboten, um es zu stehlen, aber für die Sache hätte er es auch umsonst gemacht. Die Sache stand immer an erster Stelle.

Er hastete weiter durch die Halle. Es war dunkel und still. Die riesigen Maschinen ragten wie Ungetüme zu beiden Seiten auf. Er roch den alten Schweiß der Arbeiter, die tagsüber hier Schwerstarbeit verrichteten. Rußpartikel kitzelten seine Kehle.

Am anderen Ende der Halle machte er einen Lichtschimmer aus. Eine einzelne Aetherlaterne stand neben einer Walze auf dem Boden. Drei Männer verharrten im Lichtkreis. Er beschleunigte seine Schritte. Sie warteten bereits auf ihn.

»Hast du es?«, fragte der Anführer sogleich, als er nähertrat. Er nickte und hielt ihm den Koffer hin. »Gute Arbeit, Walker.«

Walker schaute zu, wie der Anführer die Box an den zweiten Mann weitergab und in seinen Mantel griff. Als er das Klicken eines Revolvers hörte, machte Walker einen Schritt zurück.

»Was soll das? Sie wollen doch nicht etwa … Falls Sie denken, ich bin nicht mehr für die Sache …«

»Sei still, Walker. Dein ewiges Geschwätz von der Sache geht mir auf den Geist. Ihr Anarchisten widert mich an. Keinen Sinn für Ordnung und Disziplin.« Der Anführer trat einen Schritt näher. Walker konnte die Kälte in seinen Augen sehen. »Für meine Sache brauche ich dich nicht mehr.«

Walker geriet in Panik. »Moment, warten Sie! Ich …«

Der Schuss knallte laut in der Stille der Fabrikhalle. Walkers lebloser Körper sackte zu Boden.

»Lasst ihn hier irgendwo liegen, aber nicht zu offensichtlich. Ich will nicht schon morgen früh das Yard hier haben.«

Der Mann steckte den Revolver zurück in seinen Mantel. Er nahm die Box wieder an sich und ging hinaus in die Londoner Nacht.

 

 

2.

 

Frost stieg aus der Kutsche und trat als Erstes in eine riesige Pfütze. Sie unterdrückte im letzten Moment einen Fluch und schüttelte ihren nassen Stiefel aus. Ihre Begleitung, ein etwas steifer Privatsekretär namens Eric Sanderson, schaute sie mit einer hochgezogenen Braue an.

»Verzeihung«, murmelte sie.

»Hier entlang, bitte«, sagte der Mann und deutete auf einen Gebäudekomplex.

Mehrere Fertigungshallen aus Backstein ragten vor ihnen auf. Aus den hohen Kaminen waberte schwarzer Rauch. Frost spannte ihren roten Regenschirm auf und folgte dem Privatsekretär über den Vorplatz.

»Mr. Sanderson«, rief sie und musste ihre Schritte beschleunigen, um ihren Begleiter einzuholen. »Um was für eine Fabrik, sagten Sie, handelt es sich hier?«

»Ich habe keine spezifische Fabrik erwähnt«, antwortete Sanderson, ohne seinen Gang zu drosseln, und steuerte auf die zweite Halle zur Linken zu.

»Warum bin ich hier?« Beinahe wäre Frost erneut in eine Lache getreten. Mit einem ungelenken Ausweichschritt konnte sie das Desaster gerade noch verhindern. »Sie sagten, es sei dringend.«

»Ich bin sicher, dass Dr. Baxter Ihre Fragen beantworten kann, Miss Frost. Ich wurde nur damit beauftragt, Sie hierherzubringen.« Sanderson öffnete eine Tür und bedeutete ihr, voranzugehen.

Frost schüttelte ihren Regenschirm aus und trat ins Halbdunkel des Gebäudes. Einen Moment lang konnte sie kaum etwas sehen, dann gewöhnten sich ihre Augen an das dämmrige Aetherlicht. Sie folgte Sanderson einen langen Gang mit hohen Wänden entlang. Links und rechts gingen Türen ab, doch sie waren alle verschlossen. Dumpfe Schläge und das ferne Kreischen von Metallsägen drangen an ihre Ohren.

Was dieser Dr. Baxter wohl von ihr wollte? Frost ging durch die Tür am Ende des Ganges, die Sanderson für sie aufhielt. Eine Treppe führte hinunter in die Tiefe.

Sanderson war eine Stunde zuvor bei ihr in der Agentur aufgetaucht und hatte sie aufgefordert, ihn zu begleiten.

»Wohin?«, hatte Frost gefragt. »Ich gehe nicht einfach so mit Fremden mit, Mr. Sanderson«, fügte sie sarkastisch hinzu, was den Mann allerdings nicht zum Lächeln verleitete.

»Southwark. Dr. Baxter wird Ihnen alles erklären.« Mehr hatte der Sekretär nicht verraten wollen, und auch auf der Kutschfahrt hatte Frost vergeblich versucht, ihn zum Smalltalk zu verleiten.

Sie erreichten das Ende der Treppe, und Frost tauchte aus ihren Gedanken auf. Es war kalt hier unten, und die kahlen Wände sahen selbst im orangen Aetherlicht grau aus. Wie tief sie sich wohl unter der Erde befanden? Und was produzierten die hier, dass man es so tief unten tun musste?

Vor ihnen befand sich eine Schleuse. Zwei Männer traten aus einem angrenzenden Raum. Sanderson zeigte einen Ausweis und wandte sich dann zu Frost um.

»Miss Frost, ich muss Sie bitten, den Herren Ihre Tasche zu zeigen.« Frost hob verwundert die Augenbrauen. »Reine Sicherheitsmaßnahme, Sie verstehen. Jegliche Arten von Lichtbildapparaten sind verboten, Waffen ebenfalls.«

Sie war etwas überrascht, händigte den Wachmännern jedoch ihre Schultertasche aus. Es befanden sich keine für eine Frau ungewöhnlichen Sachen darin. Das Messer, welches sie wie immer unter ihrem Korsett trug – ein Relikt aus ihren Tagen bei der Organisation –, war gut verborgen. Aber sie glaubte nicht, dass die Männer sie einer Leibesvisitation unterziehen würden.

Sanderson nickte zufrieden, und sie bekam ihre Tasche zurück. Einer der Wachmänner presste auf einen Knopf an der Wand, worauf die Schleuse sich zischend öffnete.

Wieder folgte ein langer Gang. Frost linste im Vorbeigehen neugierig in die Räume, die davon abzweigten. Sie sah Werkhallen mit langen Tischen, an denen Mechaniker und Wissenschaftler emsig bei der Arbeit waren. In einem der Räume stand etwas, das verdächtig nach einer Kanone aussah. Mehrere Techniker waren mit Schweißarbeiten daran beschäftigt.

»Hier werden Waffen hergestellt«, bemerkte Frost, doch sie bekam wieder keine Antwort. Sanderson blieb vor einer offenen Tür stehen und schaute sie freundlich an.

»Dr. Baxter wird alle Ihre Fragen beantworten, Miss Frost. Bitte entschuldigen Sie mich nun, meine Arbeit ruft.« Mit einem Nicken zum Abschied ließ er sie stehen und ging den Gang zurück zur Schleuse.

Frost stand unsicher in der Tür und schaute in den Werkraum. Niemand war zu sehen. »Hallo?«, rief sie und ging einige Schritte in den Raum. »Dr. Baxter?«

Der Arbeitstisch direkt vor ihr war beladen mit Werkzeug, Schrauben und Metallstücken. Links an der Wand stand eine Kugel auf einem weiteren Tisch. Sie war groß wie eine Wassermelone, grüne Blitze leckten darin an den Glaswänden entlang. Irgendwo zischte es rhythmisch. Frost ging am Arbeitstisch entlang und studierte die Gegenstände darauf. Lötkolben, Schraubenzieher, Bunsenbrenner. Etwas, das aussah wie eine halb zusammengeschraubte Pistole, nahm sie in die Hand und betrachtete es neugierig.

Aus dem Nichts tauchte ein Mann auf der anderen Seite des Tisches auf. Beinahe hätte Frost den Gegenstand in ihrer Hand fallen lassen.

»Sie haben mich erschreckt«, sagte sie und stieß den Atem aus.

Der Mann trug eine Schweißerbrille und einen weißen Laborkittel. In der rechten Hand hielt er eine Waffe, die einem Revolver ähnelte, doch sie war viel größer. Zudem war sein Arm bis fast zum Ellbogen in ein metallenes Gitter gehüllt, das zur Waffe zu gehören schien.

»Verzeihen Sie«, sagte er und schob sich mit der freien Hand die Schutzbrille in die Stirn. Seine hellen Haare standen in alle Richtungen ab. »Ich habe Sie nicht kommen gehört. Sind Sie Miss Frost?«

Frost atmete tief durch und legte die halbfertige Pistole zurück auf den Tisch. »Die bin ich«, sagte sie und musterte den Mann. Er war groß und schlaksig, Sommersprossen zierten seine lange Nase, und in den blauen Augen funkelte Schalk. »Dr. Baxter, nehme ich an.«

»Äh, ja, Finnley Baxter, sehr erfreut.« Er hielt inne, als er sah, wie Frost die Waffe in seiner Hand anstarrte. »Oh, verzeihen Sie.« Er drückte auf einen kleinen Knopf an der Seite der Waffe. Sofort setzte sich eine Mechanik in Gang. Das Stütznetz um den Arm faltete sich in sich zusammen, ebenso wie mehrere Teile der Waffe selbst. Gleich darauf sah sie aus wie ein normaler Revolver, wenn auch etwas überdimensioniert. »Ich war gerade dabei, eine Reihe von Tests zu machen.«

»Ziemlich beeindruckend«, gab Frost zu. Sehr beeindruckend sogar. Eine solche Waffe hatte sie noch nie gesehen.

»Einer aus einer Reihe von Prototypen«, sagte Dr. Baxter mit sichtlichem Stolz. »Wir arbeiten hier mit den neuesten Technologien. Aber ich vermute, das interessiert Sie alles wenig.« Er lächelte und ging voran in einen angrenzenden Raum.

Frost zuckte mit den Schultern und schaute sich weiter um, während sie Baxter folgte. »Ein wenig«, log sie. Sie war zwar nicht gerade ein Waffennarr, doch es schadete nie, auf dem neuesten Wissensstand zu sein. »Sie stellen hier in Ihrer Fabrik also Waffen her, Dr. Baxter?«

»Meine Fabrik? Oh nein, ich bin nur einer von vielen Angestellten.« Er lachte verlegen und legte die Waffe in eine gepolsterte Box, die er sorgsam verschloss. »Ich bin verantwortlich für die Entwicklung neuartiger Waffensysteme. Alles hier ist streng geheim. Bestimmt haben Sie die Kontrollen vor der Schleuse gesehen.«

Frost nickte. »So etwas habe ich mir schon gedacht.«

»Sehen Sie, wir arbeiten für das Königshaus. Man will verhindern, dass die Preußen oder die Russen unsere neuesten Waffen ausspionieren. Seit den letzten Zwischenfällen auf der Krim und im Kongo mehr denn je.«

Frost erinnerte sich, etwas darüber in der Times gelesen zu haben. Vor ein paar Monaten gab es Scharmützel auf der Krim, während denen mehrere russische Soldaten umgekommen waren. Selbst wenn der Krieg mehrere Jahrzehnte zurücklag, so war die Krim immer noch ein Pulverfass. Und im Kongo stritten sich die Briten mit den Preußen um die Vorherrschaft in der Kolonie.

»Die Sicherheitsvorschriften hier sind aber sicherlich nicht der Grund, weswegen Sie mich haben herkommen lassen, Dr. Baxter.«

Der Wissenschaftler nickte und wirkte auf einmal betrübt. »Ich habe Ihre Anzeige in der Zeitung gesehen. Sie sind eine Privatdetektivin.«

»So etwas in der Art. Ich beschaffe verloren gegangene oder verschwundene Dinge.« Frost musterte Baxter. »Ihnen wurde etwas gestohlen.«

Baxter nickte und fühlte sich sichtlich unwohl in seiner Haut. »Einer der Prototypen. Er ähnelt der Waffe, die Sie vorhin gesehen haben. Das Spezielle an ihm ist …« Er drehte sich um und öffnete den Kasten wieder. »Lassen Sie es mich Ihnen demonstrieren.« Auf Knopfdruck vergrößerte sich der seltsame Revolver, die metallene Stütze umschmiegte Baxters Unterarm, und der Lauf verdoppelte sich. Baxter stellte sich einige Meter entfernt vor eine Wand, an der mehrere Zielscheiben hingen. »Kann sein, dass es etwas laut wird. Treten Sie bitte zurück.«

Frost ging zwei Schritte nach hinten und verschränkte erwartungsvoll die Arme vor der Brust. Sie war gespannt, was diese seltsame Waffe draufhatte. Sie sah jedenfalls schwer aus, Dr. Baxter musste seine Hand mit der anderen stützen, um den Revolver ruhig zu halten. Ein elektrisches Knistern erfüllte die Luft, und der zweite Lauf leuchtete grünlich auf.

Der Knall des Schusses war gewaltig. Ein heller Lichtblitz flammte auf. Frost drehte sich weg, den Arm schützend vor dem Gesicht.

»Was sagen Sie, Miss Frost? Nicht schlecht, oder?« Baxter strahlte über das ganze Gesicht, als er die Waffe zum zweiten Mal zusammenfaltete und in die gepolsterte Box legte.

Frost rang nach Atem. In der Wand prangte ein Loch von einem halben Meter Durchmesser. Die Zielscheibe war beinahe vollständig verschwunden, nur einzelne verbrannte Fetzen hingen noch. »Meine Güte. Ich bin beeindruckt. Was war das?«

»Sie meinen den Lichtblitz? Die ursprüngliche Idee dahinter stammt von Nikola Tesla. Genialer Mann. Wir haben seine Technik etwas verbessert und in eine Handfeuerwaffe gepackt. Es gibt noch ein paar Unstimmigkeiten, aber wir arbeiten daran.« Baxter grinste. »Leider möchte Mr. Tesla in New York bleiben, statt für uns zu arbeiten.«

Frost war sich angesichts dieser enormen Feuerkraft nicht ganz so sicher, wo bei Tesla (und Baxter) Genie an Wahnsinn grenzte. Sie wollte sich nicht ausmalen, was für Folgen es hatte, wenn solche Waffen in den regulären Handel gerieten oder auf breiter Fläche vom Militär eingesetzt wurden.

»Und der andere Prototyp, der gestohlen wurde, kann das selbe?« Baxter nickte. Ihr wurde flau im Magen.

»Ich habe den Diebstahl gestern Morgen bemerkt.«

»Warum haben Sie nicht Scotland Yard verständigt?«

»Mein Boss weiß nichts davon«, gab Dr. Baxter zu und wrang zerknirscht die Hände. »Stellen Sie sich vor, was für einen Aufruhr es gäbe, wenn die Polizei hier auftauchte und die Sache breiter bekannt würde.« Er seufzte. »Der Prototyp soll auf der Weltausstellung in etwas mehr als zwei Monaten der Öffentlichkeit vorgestellt werden.«

Frost runzelte die Stirn. Sie hatte etwas darüber gelesen. Im Mai fand in South Kensington eine Weltausstellung für Erfindungen und Wissenschaften statt. Die besten Köpfe aus aller Herren Länder werden sich in London versammeln und mit ihren neuesten Erfindungen angeben. Angeblich sollen auch Mitglieder des Königshauses anwesend sein.

»Ich hatte gehofft, Sie können mir helfen, Miss Frost.« Baxter schaute sie erwartungsvoll an.

Sie überlegte eine Weile. Hier waren die Regierung und das Militär involviert. Die Sache könnte heikel werden, sehr sogar. Eigentlich wollte sie sich aus politischen Angelegenheiten heraushalten.

Aber ihre Neugierde war geweckt. Und sie musste zugeben, dass Dr. Baxter ihrem Ego schmeichelte, weil er ausgerechnet sie anheuern wollte. »Wann haben Sie die Waffe zuletzt gesehen?«

»Freitagabend. Ich habe wie immer den Tresor abgeschlossen. Über das Wochenende ist niemand in der Fabrik.«

»Heute ist Dienstag«, meinte Frost und verschränkte die Arme vor der Brust. »Sie sagten, Sie hätten den Diebstahl gestern bemerkt. Warum rufen Sie mich erst jetzt?«

»Ich hatte geglaubt, dass ich den Prototypen nur verlegt habe. Ich bin manchmal so vertieft in meine Arbeit, dass ich etwas zerstreut werde«, gab Baxter zu. Frost verzog den Mund. Typisch Wissenschaftler, dachte sie.

»Gibt es Verdächtige? Einer Ihrer Mitarbeiter vielleicht? Wer wusste sonst noch, dass Sie hier diese Prototypen herstellen, und wer hatte Zugang?«

Baxter ließ sich seufzend in einen Stuhl fallen und fuhr sich durch die Haare, was sie noch wirrer abstehen ließ. »Zu viele, fürchte ich. Wir haben dreiundsechzig Wissenschaftler, Mechaniker, Dampf- und Aethertechniker, mich eingeschlossen. Dann sind da noch das Wachpersonal und Mr. Sanderson, der Sekretär meines Bosses.« Er schaute auf. »Aber ich kenne meine Leute, Miss Frost. Wir arbeiten für das Königshaus und sind ihm treu ergeben.«

Frost schnaubte. »Es gibt Menschen, die würden für Geld ihre eigene Großmutter verkaufen.« Das war schlecht, sehr schlecht sogar. Es gab viel zu viele Verdächtige. Jemand von innen könnte die Waffe gestohlen oder die Information, wie man an sie rankam, nach außen weitergegeben haben. Die Sicherheitsvorkehrungen waren ziemlich lasch für eine geheime Waffenfabrik. So oder so stand sie vor dem Problem, dass jemand da draußen mit einer sehr gefährlichen Waffe herumlief.

»Fünfhundert«, sagte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. Dr. Baxter hob fragend die Augenbrauen. »Als Vorauszahlung. Weitere eintausend werden fällig, sobald ich die Waffe bei Ihnen abliefere.« Das war sehr viel Geld. Davon könnte eine mittelständische Familie zwei Jahre leben. Doch der Auftrag würde ein verdammt heißes Pflaster werden und ihr womöglich Schwierigkeiten verursachen, gegen die sie sich lieber absicherte. Außerdem stand das Königshaus dahinter. Die konnten es sich leisten.

Baxter sprang aus dem Stuhl hoch. Sein Gesicht zeigte eine rasche Abfolge an Emotionen. »Sie werden mir helfen, den Prototypen zu finden? Sie nehmen den Auftrag an? Das ist wunderbar, Miss Frost! Aber fünfhundert Pfund?«

»Im Voraus. Das sind meine Bedingungen. Sie arbeiten für das Königshaus und kennen bestimmt ein paar Leute, die Ihnen das Geld leihen können, Dr. Baxter.« Frost lächelte. »Ein Auftrag wie Ihrer verursacht eine Menge Extrakosten für mich, Sie verstehen.« Mal abgesehen von dem Risiko, das sie einging. Wer auch immer diese Waffe gestohlen hatte, würde nicht zimperlich sein, sie auch einzusetzen.

Mit leiser Genugtuung sah sie, wie Baxters Abwehr in sich zusammenfiel. »Also gut. Ich habe keine andere Wahl. Aber ich hoffe, Sie sind gut. Ich brauche den Prototypen bis Ende der Woche zurück, denn an diesem Samstag findet eine private Demonstration für einige sehr wichtige Herren statt.«

Beinahe hätte Frost den Handel verworfen. Bis Ende der Woche? Es war Dienstagnachmittag! Sie hatte nur etwas mehr als drei Tage Zeit, den Prototypen zu finden. »Dann mache ich mich wohl besser gleich an die Arbeit«, sagte sie und versuchte ein Lächeln aufzusetzen.

 

 

3.

 

Es regnete immer noch in Strömen, als die Kutsche in der Leather Lane direkt vor der Agentur anhielt. Frost klemmte ihren Regenschirm unter den Arm und stemmte die in Paketpapier eingewickelten Akten. In Gedanken dankte sie Sanderson noch einmal, dass er ihr die firmeneigene Kutsche zur Verfügung gestellt hatte, um zurück in die Agentur zu kommen. Es wäre die reinste Plackerei gewesen, hätte sie die Straßenbahn nehmen müssen. Die Tube war zwar trockener, aber bei Weitem dreckiger und noch dazu gefährlicher seit dem Streik. Die letzte Fahrt vor ein paar Tagen, als sie vor einer Bande chinesischer Schläger geflüchtet war, hatte ihr gereicht. Außerdem kam sie wegen mangelndem Kleingeld viel zu selten in den Genuss einer Kutschfahrt durch das regnerische London. Das war den reicheren Bürgern vorbehalten.

Mit raschen Schritten eilte sie die kurze Treppe hinauf und drückte mit dem Ellbogen die Türklinke auf. »Helen, ich bin wieder da!«, rief sie und schloss mit dem Fuß die Tür hinter sich. Sie stellte den Schirm an die Wand und schaute auf. Da saß jemand an ihrem Schreibtisch und las Zeitung. Mit den Stiefeln auf dem Tisch.