Frost & Payne - Band 4: Staub und Kohle (Steampunk) - Luzia Pfyl - E-Book
Beschreibung

Nach dem Hauseinsturz wartet bereits die nächste Katastrophe auf Lydia Frost und ihren Partner Jackson Payne. Scotland Yard hat einen Haftbefehl auf sie ausgestellt. Inspektor Flannagan, der ihnen in den hohen Norden gefolgt ist, nimmt die beiden fest. Doch die Reise zurück nach London nimmt ein jähes und vor allem blutiges Ende. Wer ist hinter ihnen her, und warum? Während Frost und Payne ums Überleben kämpfen, freundet sich David im Keller mit Anna an. Kann er mit ihr endlich aus den Händen des geheimnisvollen Mannes fliehen, bevor er am nächsten Experiment stirbt? Dies ist der vierte Band der neuen Steampunk-Serie "Frost & Payne". Da die Reihe aufeinander aufbaut, empfehlen wir, mit dem Auftaktroman, "Die Schlüsselmacherin", zu beginnen.

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Seitenzahl:145

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Table of Contents

»Staub und Kohle«

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

Vorschau

Seriennews

Glossar

Impressum

Frost & Payne

Band 4

»Staub und Kohle«

 

 

von Luzia Pfyl

 

1.

 

David Cassidy lag auf einem kalten Tisch und blinzelte geblendet in das Licht der Aetherlampe, die direkt über ihm hing. Der Geruch von Chloroform und Jod durchzog die Luft. Benommen drehte er den Kopf.

Er hatte es schon wieder getan, der Mann, der ihn seit Wochen in einem Kellergewölbe festhielt und ihn Nr. 23 nannte. Er hatte ihn wieder betäubt und etwas mit ihm gemacht.

Die Benommenheit ließ nach, und die Schmerzen stellten sich ein. David biss auf die Zähne. Sofort schossen ihm Tränen in die Augen. Es war nicht die Narbe auf seinem unteren Rücken. Es war ein neuer Schmerz, feurig und heiß.

»Oh, du bist wach.«

Die Stimme erschreckte ihn, sein Herz begann zu rasen. Er war da. »Was haben Sie mit mir gemacht?«, krächzte er. »Warum lassen Sie mich nicht endlich gehen?«

Der Mann gluckste in seinen Spitzbart. »Wenn wir weiterhin so erfolgreich sind, dann niemals. Ja, ganz recht, Nr. 23, die zweite Operation verlief ebenfalls gut. Vitalwerte erhöht, aber im Normbereich. Wie gefällt dir dein neuer Arm?«

David drehte den Kopf von dem Mann weg und schaute dorthin, wo der feurige Schmerz war. Im Licht des Aethers sah er etwas glänzen. Er kniff die Augen zusammen, um die letzten Tränen zu vertreiben. Metall und Zahnräder. Was war mit seinem Arm passiert?

Dann fing er an zu schreien.

 

*

 

Im Leben eines jeden Menschen gab es Momente, in denen die Zeit für einen Augenblick stillstand. Momente, in denen man vergaß zu atmen; in denen die Gedanken schwiegen – einen oder zwei Herzschläge lang.

Jackson Payne erlebte gerade einen solchen Moment. Er blinzelte, doch um ihn herum herrschte Dunkelheit. Das Atmen fiel ihm schwer, als wäre die Luft zu dick. Er hörte sein Herz pochen, einmal, zweimal. Er blinzelte erneut, und die Gedanken begannen zu rasen. Was war geschehen? Wo war er? Warum fiel ihm das Atmen so schwer?

Er versuchte, sich zu bewegen, doch etwas Schweres lag auf ihm. Das Geräusch von rieselndem Schutt drang an seine Ohren.

Das Haus war eingestürzt, schoss es ihm durch den Kopf. Frost und er hatten sich im Keller befunden, in diesem versteckten Labor.

Payne versuchte zu atmen. Staub drang in seine Lungen und löste einen Hustenanfall aus. Seine Finger tasteten nach dem schweren Gegenstand auf seiner Brust. Hart. Stein. Ein Stück von der Decke des Kellergewölbes.

Ächzend schob er das Mauerwerk Zentimeter für Zentimeter von sich herunter und rollte sich mühsam auf die Seite. Schweiß brach ihm aus allen Poren. Schwer schnaufend hielt er einen Augenblick inne. Alles tat ihm weh. Sein Schädel brummte, als hätte er einen harten Schlag bekommen. Doch nichts fühlte sich gebrochen an.

Vorsichtig richtete er sich auf. Kleinstschutt und Staub rieselten von ihm herab. Er blinzelte abermals. Es war nicht vollständig dunkel um ihn herum. Von irgendwo her fiel Tageslicht herein.

Auf Händen und Knien schob Payne sich durch die Trümmer auf den Tisch zu, der sich zwei Meter von ihm entfernt befand. Er erinnerte sich daran, dass er und Frost davorgestanden waren, als es passiert war.

Zwei der Tischbeine waren unter dem Gewicht des herabfallenden Gerölls zerbrochen, doch die Tischplatte hatte standgehalten.

»Frost?«

Payne erinnerte sich nun, dass er sie im letzten Augenblick unter den Tisch gedrängt hatte, in der Hoffnung, dass sie dort geschützt war. Er hatte sich noch ein letztes Mal nach jemandem umsehen wollen. Doch nach wem? Er konnte sich nicht erinnern.

»Frost!«

Als er ein ersticktes Husten hörte, atmete er erleichtert auf. Er schob den Schutt vor dem Tisch beiseite und erblickte seine Partnerin, die, völlig mit Staub bedeckt, unter dem kaputten Möbelstück saß.

»Alles noch dran«, sagte sie mit schwacher Stimme. Als sie Payne ansah, weiteten sich jedoch ihre Augen. »Sie bluten.«

Erst jetzt nahm er wahr, dass sein Gesicht und sein Hals sich nass und klebrig anfühlten. Das erklärte sein Schädeldröhnen und den Schwindel, der mit jeder Bewegung stärker wurde.

Schwer atmend setzte er sich hin und streckte die Hand nach Frost aus, um ihr unter dem Tisch hervorzuhelfen. »Sind Sie unverletzt? Geht es Ihnen wirklich gut?«

Sie nickte schwach, zischte jedoch fast gleichzeitig auf. »Mein Knöchel ist immer noch verstaucht,« meinte sie sarkastisch, und er war froh, Frosts bissigen Humor zu hören. Ein eindeutigeres Zeichen, dass es ihr soweit gut ging, konnte er nicht bekommen. Sie hielt inne und schaute sich um. »Meine Güte …«

Payne wischte sich mit dem Ärmel über das rechte Auge. Als er das Blut sah, das den Stoff sofort tiefrot färbte, spannte er den Kiefer an. Ein Stück der Decke hatte ihn also tatsächlich am Kopf getroffen.

»Wir sollten von hier verschwinden«, murmelte Frost und benutzte seine Schulter, um sich hochzustemmen. Sie hielt sich an der Tischkante fest und half ihm auf die Beine. Ihm war schwindelig, und für einen Moment tanzten Sterne vor seinen Augen.

Aber Frost hatte recht, sie mussten hier raus. Jeden Moment konnte der Rest des Hauses einstürzen. Quer durch das Labor zog sich ein langer Spalt. Vorsichtig spähten sie hinab in die Dunkelheit. Payne schauderte. Da unten musste einer der Minenschächte sein, die die ganze Gegend, in der sie sich befanden, wie Schweizer Käse durchlöcherten.

»Können Sie sie sehen?«, fragte Frost auf einmal und schaute sich wachsam um.

»Wen?«

»Selena.« Als Payne keine Miene verzog, fügte Frost an: »Die blonde Frau, die auf uns geschossen hat. Die Auftragsmörderin, die das Tagebuch wollte.«

»Oh!« Jetzt erinnerte er sich. Natürlich, Selena. Sie hätte sie getötet, wenn das Haus nicht eingestürzt wäre. Das Tagebuch kam ihm in den Sinn – sie hatte es gewollt, oder? Hastig tastete er seine Brust nach dem Buch ab. Es befand sich noch immer in seiner Weste, gut.

»Vielleicht ist sie in das Loch gefallen«, murmelte Frost und beugte sich wieder über den bröckeligen Abgrund.

Payne zog sie am Arm zurück. »Vielleicht ist es besser, wenn wir es gar nicht so genau wissen. Sie bereitet uns momentan keine Probleme, und ich finde, das ist eine gute Sache.«

Er schaute sich um, in der Hoffnung, einen halbwegs sicheren Weg an die Erdoberfläche zu finden. Ein Teil der Decke war beinahe intakt in die Tiefe gesunken. Am oberen Ende der Bruchkante konnte er einfallendes Tageslicht ausmachen. Dort oben musste sich die ehemalige Eingangshalle des Hauses befinden.

Über umgestürzte Regale, zerfledderte Bücher und Glasscherben gingen und kletterten sie, bis sie das Deckenstück erreicht hatten. Der mit Holz getäfelte Boden war beinahe unbeschädigt. Payne half Frost die ersten Schritte hinauf, doch ihr Kleid blieb hängen und zerriss. Frost machte kurzen Prozess und rupfte den Rest des Saumes ab, bis das Kleid nur noch wadenhoch war. Ruiniert war es sowieso.

Payne setzte den Fuß auf die Bruchkante und wollte sich nach oben stemmen, als er lauschend innehielt.

»Was ist?«, fragte Frost und drehte sich zu ihm um.

»Scht. Hören Sie das auch?«

»Was soll ich hören?«, fragte sie, nachdem sie ein paar Sekunden schweigend gehorcht hatte.

Payne drehte suchend den Kopf hin und her. Jetzt hörte er es wieder. Ein Fiepen, schwach. Es kam vom Schuttberg da in der Ecke. Entschlossen ging er von der Rampe weg, stieg über Geröll und schob einen kaputten Stuhl beiseite. Jetzt wurde das Fiepen lauter, es hörte sich wie ein Winseln an.

Die Welpen!

Payne beeilte sich, Mauerreste und Gestein wegzuräumen. Als die ersten beiden Fellknäuel ihm entgegenkamen, atmete er erleichtert auf. Die Welpen hatten unglaubliches Glück gehabt. Das herabfallende Gestein hatte eine Art Höhle gebildet, und alle fünf waren unverletzt geblieben.

Er nahm zwei der schwarzweißen Winzlinge in die Hände und ging zurück zu Frost. »Hier. Schaffen Sie es, beide nach oben zu bringen?« Er streckte ihr die bibbernden Hunde entgegen.

Frost nahm sie an sich und presste sie fest an ihre Brust. »Haben alle überlebt?«

»Alle fünf, ja. Gehen Sie schon einmal vor, ich hole die anderen drei.«

Frost nickte. Die beiden Welpen in einem Arm, schob und zog sie sich mit dem anderen Arm und dem gesunden Bein langsam nach oben.

Payne ging zurück und sammelte die übrigen Welpen ein. Den ersten setzte er vorne in seine Weste und hoffte, dass der Winzling dort sitzen blieb. Die anderen beiden nahm er unter die Arme.

Auf wackeligen Beinen stieg er vorsichtig die steile Rampe hinauf. Das Atmen fiel ihm schwer, und das zusätzliche Gewicht der Welpen, so gering es auch sein mochte, bereitete ihm Mühe. Vielleicht hatte er den Einsturz des Hauses doch nicht so heil überstanden, wie er noch vor wenigen Minuten gedacht hatte. Vermutlich stand er unter Schock.

Frost streckte ihm die Hand entgegen. Er übergab ihr einen der Welpen und zog sich ächzend über die Bruchkante. Einen Moment lang blieb er keuchend sitzen.

Sie gingen durch die Überreste der ehemals protzigen Eingangshalle des Anwesens auf das klaffende Loch in der Außenwand zu. Die schwere Holztür lag auf dem Boden. Streifen von Sonnenlicht fielen durch die Risse und Löcher der oberen Stockwerke. Überall lagen Schutt, Mauerbruchstücke, zerschmetterte Möbel und Staub, sehr viel Staub, und Mörtel.

Als sie über die eingestürzte Mauer des Gartens aus dem Grundstück kletterten, kam ihnen auf dem Feldweg eine Gruppe von Männern entgegen, vermutlich Bauern aus der Nachbarschaft. Hinter ihnen fuhr eine Kutsche heran. Die Bauern machten respektvoll Platz.

Payne, der mit drei Welpen bepackt Frost beim Gehen half, blieb erschöpft stehen. »Ob die uns nach Greenside zurückfahren?«, fragte er leise, als die Pferde der Kutsche schnaubend stehen blieben.

Frost schwieg. Die Welpen begannen winselnd zu zappeln. Zwei Männer in dicken Wollmänteln entstiegen der Kutsche und setzten ihre Hüte auf. Als sie Payne und Frost erblickten, warfen sie sich einen langen Blick zu.

»Wer sind Sie?«, blaffte einer der beiden Männer auf einmal. »Sie sind doch wohl nicht gerade aus dem Haus da gekommen?«

Payne hätte beinahe aufgelacht. Natürlich waren sie gerade aus dem zusammengestürzten Haus gekommen. Sahen die nicht, wie sie aussahen? Blutüberströmt, zerrissene Kleidung, schmutzig? Er wollte gerade etwas Bissiges erwidern, als Frost ihm das Wort abschnitt. Sie hatte offenbar seine plötzliche Anspannung gespürt.

»Wir sind aus London«, fing Frost an. »Wir wollten uns im Auftrag eines Klienten den Landsitz von dessen Ahnen ansehen.« Sie deutete mit dem Daumen nach hinten auf die Trümmer.

Doch das schien die beiden Männer nur noch aufgebrachter zu machen. »Londoner, natürlich. Haben Sie das ›Betreten verboten‹-Schild nicht gesehen? Das Haus war einsturzgefährdet!« Der Mann, der offensichtlich das Sagen hatte, starrte sie verächtlich an. Seine grauen Augen fixierten erst Frost, dann Payne.

Payne hätte schwören können, dass weit und breit kein solches Schild vorhanden gewesen war. Weder an der Mauer, die das Grundstück umschloss, noch am Eingangsportal.

»Sie können von Glück reden, dass Sie am Leben sind, Herrschaften.« Der zweite Mann verwarf die Hände und schüttelte den Kopf.

»Sie sind von der Coal River Company«, sagte Frost. Es hörte sich mehr wie eine Feststellung denn eine Frage an. »Bevor das Haus eingestürzt ist, haben wir so etwas wie Explosionen direkt unter uns gehört. Was ist passiert?«

Wieder warfen sich die beiden Männer einen langen Blick zu. Die Bauern schauten auf den Boden oder scharrten mit den Stiefeln auf dem Kies.

»Sie müssen falsch gehört haben, Ma’am. Es gab keine Explosion.« Der Mann mit den grauen Augen sah sie wieder scharf an. Payne verstand sofort. Die Coal River Company wollte den Vorfall unter den Tisch kehren und vertuschen. Was das für ihn und Frost bedeutete, konnte er sich nur zu gut vorstellen.

Payne warf den Bauern einen schnellen Blick zu. Die Männer sahen nicht so aus, als würden sie etwas zu der Sache sagen. Ihr Land lag direkt über den Minen. Jederzeit konnte mit ihren Häusern das gleiche geschehen wie mit dem Anwesen hinter ihnen. Vermutlich arbeiteten ihre Kinder in den Stollen, die für ausgewachsene Männer zu eng waren. Die Company hatte sie in der Hand. Niemand sonst hier gab den Leuten Arbeit.

Frost verlagerte das Gewicht, und Payne sackte kurz ein. Seine Knie fühlten sich an wie Pudding. Der Schweiß rann ihm in Strömen herunter, trotz des eisigen Windes.

»Hey, Sie da«, rief Frost und nickte einem der Bauern zu, die am nächsten standen. »Könnten Sie mir diese Welpen abnehmen, bitte?« Der Bauer schaute unschlüssig zu den Herren der Company und zögerte. Doch dann nahm er Frost die beiden Hunde ab. »Danke. Wir haben sie unter den Trümmern gefunden.«

Ein zweiter Bauer kam hinzu, ein junger Mann mit schmutzigem Gesicht, und nahm Payne ebenfalls einen Welpen ab. Der eine in Paynes Weste jedoch jaulte herzerweichend, als der junge Mann nach ihm griff.

»Ich glaube, den behalte ich«, sagte Payne, bevor er darüber nachdenken konnte, und legte beruhigend die Hand über den Welpen. Sofort hörte er auf zu jammern und kuschelte sich tiefer in die Weste. Der junge Bauer zuckte mit den Schultern und ging zurück zu den anderen.

Payne ächzte auf, als Frost erneut das Gewicht verlagerte. »Gentlemen, wir wären Ihnen sehr verbunden, wenn Sie uns zurück nach Greenside bringen könnten«, sagte er deutlich. »Meine Partnerin braucht einen Arzt, wie Sie sehen können. Außerdem ist es schweinekalt.«

Die Männer schauten sich stumm an. Dann nickte der mit den grauen Augen, und der andere öffnete die Kutsche. »Natürlich. Wir sind nicht unzivilisiert hier. Bitte, steigen Sie ein.«

Payne half Frost in die Kutsche zu steigen und setzte sich neben sie. Der Mann mit den grauen Augen, der sich immer noch nicht vorgestellt hatte, nahm ihnen gegenüber Platz. Durch das Fenster der Kutschentür sah Payne, wie der andere Company-Mann auf die Bauern einredete. Vermutlich etwas in der Nähe von »Ihr habt nichts gesehen. Hier ist nichts passiert«.

Ein Ruck ging durch die Kutsche, als die Pferde anliefen. Payne und Frost schauten zurück auf das zerstörte Haus, als das Gefährt wendete. Was wohl mit der blonden Frau geschehen war?

 

 

2.

 

Die Kutsche der Company wurde von einer aufgebrachten Menschenmenge empfangen, die sich um die krumme Eiche auf dem Platz vor der Herberge in Greenside versammelt hatte. Von Kohlestaub und Ruß geschwärzte Gesichter starrten ihnen entgegen. Die Pferde wieherten und tänzelten, als der Kutscher sie durch die Menge bis vor die Herberge lenkte.

Als Frost hinter Payne und den beiden Männern aus der Kutsche stieg, kochte die ohnehin schon aufgebrachte Stimmung der Leute hoch. Wütende Rufe wurden laut, und die Minenarbeiter bedrängten sie mit geballten Fäusten. So schnell es die aufgebrachte Masse erlaubte, kämpfte sich die kleine Gruppe zur Veranda der Herberge, wo Gladis McArthur bereits in der offenen Tür stand.

Frost drängte sich an Payne, der gleichzeitig versuchte, sie zu stützen und vor den wütenden Arbeitern abzuschirmen. Mehrmals musste sie ihren lädierten Knöchel voll belasten, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Jedes Mal zischte sie vor Schmerzen auf.

Miss McArthur knallte die Tür hinter ihnen zu, bevor die ersten Männer die Herberge stürmen konnten. Die Stille, die folgte, wurde nur durch das Prasseln des Feuers im Kamin durchbrochen.

»Gentlemen«, sagte sie laut und stemmte die Fäuste in ihre breiten Hüften. Ihre Augen funkelten die beiden Männer der Company an. »Wie schön, dass Sie Greensides bescheidene Herberge beehren. Ich würde Ihnen gerne Tee anbieten, doch ich befürchte, alle meine guten Tassen sind vor Kurzem zu Bruch gegangen.« Sie machte nicht einmal den Versuch, den beißenden Sarkasmus zu verbergen.

Frost bemerkte erst jetzt die vielen Scherben und umgefallenen Kleinmöbel. Kaum ein Bild hing noch an der Wand. Hinter der Bar fehlten ganze Regalreihen von Gläsern. Es roch scharf nach Alkohol. Irgendwo tropfte etwas. Das Tischchen unter dem östlichen Fenster war umgekippt, und die Blumenvase, die heute früh noch darauf gestanden hatte, lag zerbrochen auf dem Teppich. Ein beunruhigender Riss zog sich an der Wand daneben vom Boden entlang bis hinauf unter die Decke.

Es war offensichtlich, dass das künstliche Erdbeben auch hier in Greenside einiges an Schaden angerichtet hatte. Kein Wunder, waren die Arbeiter aufgebracht. Etwas Katastrophales war in den Minen passiert. Kurz bevor das Haus über ihnen eingestürzt war, hatten sie tief unter sich zwei dumpfe Explosionen gehört. Da war sich Frost ziemlich sicher.

»Machen Sie sich nicht die Mühe, Miss McArthur«, gab einer der Gentlemen zurück. »Wir bleiben nicht lange. Aber schicken Sie nach Dr. Gordon.« Er deutete kurz auf Frost und Payne, und Miss McArthur nickte.

Frost ächzte auf, als Payne sie zu einem der beiden Sessel vor dem Kamin bugsierte. Sie schaute besorgt zu ihm auf, als er sie absetzte. Sein Gesicht war unter dem Schmutz und dem vielen Blut kreideweiß, und sein Atem ging stoßweise. Ihr dummer Knöchel kam ihr in dem Moment unbedeutend vor. Payne hatte offensichtlich starke Schmerzen und war schwerer verletzt, als er zugeben wollte. Als er sich in den Sessel ihr gegenüber fallen ließ, zuckte er zusammen und verzog das Gesicht. Doch als der kleine Welpe, der immer noch in seiner Weste hockte, den Kopf herausstreckte und ihm zögerlich das Kinn leckte, zeigte sich ein Lächeln auf Paynes Gesicht.

Die beiden Gentlemen erregten Frosts Aufmerksamkeit. Sie standen neben der Bar beisammen und redeten leise miteinander, wobei einer der beiden immer wieder einen beunruhigten Blick aus dem Fenster hinauswarf. Die aufgebrachten Arbeiter waren nicht abgezogen, im Gegenteil. Frost hörte sie immer wieder rufen, doch sie konnte die einzelnen Worte nicht verstehen.

»Ich möchte nicht unhöflich erscheinen, Gentlemen, aber Sie haben uns immer noch nicht Ihre Namen verraten«, sagte sie.