Frost & Payne - Band 5: Das Protokoll (Steampunk) - Luzia Pfyl - E-Book
Beschreibung

Das Gefängnis scheint ihnen diesmal sicher zu sein. Zu viele Beweise sprechen gegen ihre Unschuld – sind sie tatsächlich verantwortlich für Inspektor Flannagans Tod? Frost erleidet einen Zusammenbruch. Hat sie wirklich versagt? Wird Payne die Zusammenarbeit mit ihr beenden? Cecilia trifft eine folgenschwere Entscheidung, während Michael Cho eine Verschwörung aufdeckt, die offenen Krieg innerhalb der Dragons bedeuten könnte. Sein Leben ist in höchster Gefahr – und er hat niemanden, dem er noch vertrauen kann. Dies ist der fünfte Band der neuen Steampunk-Serie "Frost & Payne". Da die Reihe aufeinander aufbaut, empfehlen wir, mit dem Auftaktroman, "Die Schlüsselmacherin", zu beginnen.

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Seitenzahl:149

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Table of Contents

»Das Protokoll«

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

Vorschau

Seriennews

Glossar

Impressum

Frost & Payne

Band 5

»Das Protokoll«

 

 

von Luzia Pfyl

 

1.

 

Es war eine ganze Weile her, seit der Ruderer einen Auftrag für den Mann hatte ausführen dürfen. Man hatte ihn nicht vergessen, das wusste er, dennoch hatte er gehofft, öfter nachts auf die Themse hinauszufahren. Der Mann bezahlte ihn gut. So gut, dass es dem Ruderer egal war, was sich in den verschnürten Bündeln befand, die er transportieren sollte. Natürlich hatte er die Berichte in den Zeitungen gelesen, und er wusste mittlerweile, was er beförderte. Er hatte sich stets gefreut, dass er seine Aufgabe gut gemacht hatte. Die Berichte waren der Beweis dafür. Stolz erfüllte ihn, weil er seinen Auftraggeber nicht enttäuscht hatte.

Es goss in Strömen, als er an einem Steg etwas abseits des Towers wartete. In der Nähe stieg Dampf aus einem Schacht heraus. Ab und an vibrierte der Boden, so leicht, dass man es kaum bemerkte, wenn man nicht darauf achtete. Die Tube, dachte der Ruderer und fragte sich, wie lange es wohl noch dauerte, bis einer der Tunnel einstürzte und die Stadt sich in Chaos verwandelte. Nicht, dass es nicht schon genug Tumult in London gab. Zu viele Menschen und Maschinen auf engstem Raum, zu viel Lärm und Gestank. Deswegen arbeitete er am liebsten nachts, wenn die großen Dampfer und die vielen anderen Schiffe die Themse in Ruhe ließen. Dann hatte er den Fluss für sich alleine. Nur das Dröhnen der Luftschiffe störte die Stille auf dem Wasser. Manchmal wünschte er sich, diese Ungetüme mit der Pistole, die er immer bei sich trug, vom Himmel holen zu können.

Sein mit einer dünnen Wachsschicht überzogener Mantel ließ den Regen abperlen. Kleine Wasserfälle stürzten über die Ränder seines Hutes. Er hatte den Kragen hochgeschlagen und die Hände tief in den Manteltaschen vergraben. Erst der ewig lange, schneereiche Winter – und nun vermutlich ein nasser und kalter Frühling. Der Ruderer schauderte kurz, als ihm die Kühle in die Knochen fuhr.

Ein Wagen kam um die düstere Ecke. Altmodisch, Pferd mit offenem Karren. Eine dick eingemummelte Gestalt saß auf dem Kutschbock und zügelte das Pferd, als er auf Höhe des Ruderers war. Die vermummte Person stieg vom Wagen, kurz leuchteten im Aetherschein einer Straßenlaterne Brillengläser auf.

„John Smith?“

Der Ruderer nickte und trat auf den Wagen zu. Er hieß nicht John Smith, aber das brauchte der andere nicht zu wissen. Der Name war so nichtssagend und geläufig, dass sich niemand daran erinnern würde. Sein Auftraggeber vermutete wohl, dass John Smith nicht sein wirklicher Name war, doch es war ohnehin unwichtig, solange er seine Arbeit gut erledigte.

„Zwanzig Pfund. Nur ein Paket.“

Wieder nickte der Ruderer und trat ganz an den Wagen. Die vermummte Gestalt schien es eilig zu haben. Der Mann öffnete den Verschlag und zerrte ein längliches Ding, fest umwickelt mit einem weißen Laken, zu sich heran.

„So wie letztes Mal?“

„So wie letztes Mal. Allerdings mit einer kleinen Änderung.“ Der Mann mit der Brille und dem Schal um die untere Gesichtshälfte drückte ihm zwei durchnässte Geldscheine und einen Zettel in die Hand. Der Ruderer steckte die Banknoten rasch in seinen Mantel warf einen Blick auf den Zettel. Instruktionen. Er nickte und schulterte das Bündel. Es war etwas schwerer als die letzten, aber immer noch leichter als ein Kohlesack.

Kaum hatte er sich umgedreht, hörte er den Wagen abfahren. Das Holz der Kutsche und die Lederriemen des Zaumzeugs knarrten, als sich das Pferd gegen das Gewicht stemmte. Seine Hufe klackten laut auf dem Kopfsteinpflaster. Der Ruderer drehte sich um und schaute dem Wagen hinterher. Wie ein Relikt aus dem vorigen Jahrhundert verschwand es in den Dampf- und Nebelschwaden der engen Gassen am Fluss.

 

*

 

Der Raum war kalt und stickig. Als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, wurden die Geräusche des Yards – der Lärm, das Geschrei anderer Gefangener – ausgesperrt. Sie wurden von den Polizisten, die sie festhielten, auf grobgezimmerte Stühle gedrängt. Die Handschellen, die man ihnen angelegt hatte, klirrten bei jeder Bewegung.

Frost pustete sich eine lose Strähne aus den Augen und zog unwillkürlich den Kopf ein, als einer der bulligen Polizisten etwas zu nahe hinter ihr vorbeiging und Stellung bezog. Sie fühlte sich elend. Ihr verstauchter Knöchel pulsierte immer noch leicht, doch die langen Tage und noch längeren Nächte in der kalten Zelle hatten jeden Muskel in ihrem Körper steif werden lassen. In unbeobachteten Momenten hatte sie mit ungelenken Bewegungen ihr Herz aufziehen können, doch das hatte sie mehr angestrengt, als ihr lieb war. Sie trug noch immer die selben Kleider wie am Tag der Festnahme und hatte sich nicht einmal das Gesicht waschen können. Michaels brüderlicher Kuss brannte umso mehr auf ihrer Stirn.

Michael. Eben war er noch hier gewesen, hatte ihr durch die Gitterstäbe der Zelle Mut zugesprochen, auch wenn ihm dieses Mal die Hände gebunden waren. Er würde sie nicht aus dem Gefängnis holen können, hatte er gesagt, weil er von Seiten der Dragons unter Druck stand. Frost hatte begriffen, doch die Worte hatten eine eisige Kälte in ihr freigesetzt.

Sie warf einen Blick zu Jackson Payne, der neben ihr saß, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Im Dämmerlicht der Zellen hatte sie nicht gesehen, dass man ihn geschlagen hatte. Sein linkes Auge war dunkelblau verfärbt und zugeschwollen, der Verband um seinen Kopf schmutzig und verrutscht. Die mit Blut verkrustete Platzwunde über seiner rechten Schläfe, die er beim Einsturz des Hauses in Greenside erlitten hatte, schien sich jedoch nicht entzündet zu haben.

Panik stieg in Frost hoch. Bei einer Verurteilung würde man sie und Payne nach Newgate verfrachten, wo sie ihr Dasein in Einzelzellen, völlig abgeschottet von der Außenwelt, würden verbringen müssen. Das würde sie nicht überleben, das wusste sie.

Sie mussten Detective Inspektor Frampton davon überzeugen, dass sie die Wahrheit sagten!

„Frost ... Lydia.“ Das war Paynes Stimme. Frost drehte den Kopf und schaute zum Pinkerton. In seinem geschundenen Gesicht tauchte ein Lächeln auf. Wie konnte er nur so zuversichtlich sein? Frampton würde sie auseinandernehmen! Sie landeten im Gefängnis, verdammt noch mal!

Dennoch hatte das Lächeln eine seltsame Wirkung auf sie. Das Beben in ihren Händen ließ nach. Frost schaute noch einmal zu ihrem Partner und nickte. Sie würden das schon irgendwie hinkriegen. Michael konnte vielleicht doch noch etwas ausrichten. Einige ranghohe Beamten des Yards standen im Sold der Dragons. Vielleicht würde Madame Yueh, ihre Ziehmutter, höchstpersönlich ein paar Strippen ziehen.

Ihre neu gewonnene Zuversicht brach flugs in sich zusammen, als Detective Inspektor Jane Frampton den Raum betrat. Die Frau trug wie bei ihrem ersten Aufeinandertreffen in Frosts Wohnung, als man sie festgenommen hatte, eine akkurat sitzende Uniform. Die grau melierten Haare hatte sie zu einem Knoten gesteckt. Ihr Gesicht zeigte keinerlei Emotionen, als sie ihren kühlen Blick über Frost und Payne schweifen ließ.

Frost zuckte zusammen, als Frampton eine dicke Akte auf den Tisch zwischen ihnen knallte und sich hinsetzte. In quälender Langsamkeit zog sie ihre ledernen Handschuhe aus und legte sie neben die Akte. Frost verspürte den heißen Drang, dieser Frau ins Gesicht zu schreien. Doch sie hielt sich zurück. Frampton hielt ihre Zukunft in Händen.

Wieder schaute sie Frost und Payne lange an. Schweigend. Frost warf Payne einen schnellen Seitenblick zu. Der Pinkerton schien die Ruhe selbst zu sein. Aber er war, im Gegensatz zu ihr, mit solchen mentalen Foltermethoden vertraut.

„Gut, fangen wir an“, sagte Frampton endlich. Sie öffnete die Mappe und zog ein Blatt Papier daraus hervor. „Vorsätzliche Tötung, Vandalismus, Störung der öffentlichen Ordnung, Verdacht auf Verbindungen zur kriminellen Dragons-Organisation, Verdacht auf Mittäterschaft an der Ermordung von Inspektor John Flannagan – habe ich etwas ausgelassen?“ Sie schaute auf. „Fangen wir am Anfang an. Am Nachmittag des 24. Februar haben Sie beide einen unbekannten Mann auf offener Straße erschossen. Mehrere Zeugen haben dies bestätigt und deswegen ausgesagt.“

„Der Mann hat uns angegriffen“, sagte Frost. „Wir mussten uns verteidigen.“

„So, wie Sie sich auch in einer Straßenbahn verteidigen mussten, Miss Frost? Ganz recht, ich weiß, dass Sie in der Bahn waren, die von einer Granate getroffen worden ist. Zeugen können Sie beide eindeutig beschreiben.“

„Jemand wollte mich umbringen.“ Das war Payne. „Miss Frost hat mir das Leben gerettet.“

Das war zwar etwas übertrieben, dachte Frost, doch sie würde ihn nicht korrigieren.

„Beweise?“

„Die Explosion im White Stag Pub. Ich hatte dort eine kleine Wohnung gemietet. Sie können sich gerne beim Wirt erkundigen. Die Schießerei in Covent Garden. Die selben Männer beschossen uns auf der Flucht in der Straßenbahn.“

Frampton verzog keine Miene, als sie die Akte konsultierte. „Mr. Payne – Sie sind Amerikaner, richtig? Warum sind Sie in England?“

„Meine Frau ist Engländerin, Ma’am. Sie arbeitet in Greenwich.“

„Ihr Aufenthalt hier hat also nichts mit Ihrem Beruf als Pinkerton zu tun?“

„Nein, Ma’am.“

Frampton musterte ihn lange. „Letzten Herbst haben Sie Ihre Tochter als vermisst gemeldet. Sie und Ihre Frau waren es auch, die am Fundort der ersten beiden mechanischen Leichen waren, korrekt? Sie scheinen mir ein bisschen viel in Kontakt mit Verbrechen zu kommen.“

„Was hat das mit der Sache zu tun?“, brach es aus Frost heraus, worauf Frampton sie mit einem kalten Blick strafte.

„Ich stelle hier die Fragen, Miss Frost. Zu Ihnen komme ich schon noch.“ Sie wandte sich wieder an Payne und fuhr fort, als hätte Frosts Zwischenruf nie existiert. „Vor allem aber sehe ich, dass Sie, seit Sie für Miss Frost arbeiten, es nicht lassen können, in Schwierigkeiten zu geraten.“

„Ich tue nur meine Arbeit, Inspektor.“

Die Antwort schien Frampton nicht zu befriedigen, also wandte sie sich wieder Frost zu, als würde sie riechen, dass Frost mental instabiler war. „Dieser Mann, der sie vorhin in der Zelle besucht hat. Michael Cho ist sein Name. Einer der neuen Bosse der Dragons. Es sah aus, als würden Sie beide sich gut kennen.“

Verdammt, sie war gut. Sie wusste sogar, wer Michael war. „Er ist ein Freund aus Kindheitstagen.“ Frampton hob skeptisch die Augenbrauen, Frost überkam das Gefühl, noch mehr sagen zu müssen. „Ich bin kein Mitglied der Dragons, falls Sie das meinen. Ich habe damit nichts zu tun. Er ist nur ein guter Freund.“

„Der selbe Freund, der Sie und Mr. Payne bereits vor einem Monat aus der Haft geholt hat, nachdem er mit einer Schar Anwälte im Yard aufgetaucht war? Nachdem Inspektor Flannagan Sie beide wegen Beamtenbeleidigung und Behinderung von Polizeiarbeit vorübergehend festgenommen hatte?“

Frost nickte widerwillig. Von Minute zu Minute wurde ihr schlechter. Kalter Schweiß rann ihr den Rücken hinab.

Frampton fuhr fort: „Der selbe Inspektor Flannagan, der vor sechs Tagen bei einem Überfall auf einen Zug nördlich von York umgekommen ist, nachdem er Sie beide zum zweiten Mal festgenommen hatte und auf dem Rückweg nach London war. Was haben Sie dort oben gemacht, Miss Frost?“

„Wir waren im Auftrag eines Klienten in York. Wir sollten ein altes Buch für ihn finden“, antwortete sie und schmeckte bittere Galle unter der Zunge.

„Hat dieser Klient einen Namen?“

„Dr. Jonah Neville vom Britischen Museum.“

Wieder konsultierte Frampton die Mappe. „Der selbe Dr. Neville, der vor wenigen Tagen seine eigene Entführung sowie Hausfriedensbruch gemeldet hat?“ Frost spürte den eisigen Blick der Polizistin auf sich ruhen. „Lassen Sie es mich anders formulieren, Miss Frost: Sie wussten, dass Inspektor Flannagan Sie beschattete. Sie haben Dr. Nevilles Auftrag angenommen, weil sich Ihnen so eine gute Gelegenheit bot, Flannagan ein- für allemal loszuwerden. Sie fuhren also nach York und weiter nach Greenside, wo Sie Ihre Komplizen getroffen und den Plan ausgearbeitet haben. Sie ließen sich von Flannagan festnehmen, damit Ihre Komplizen den Zug, der Sie zurück nach York brachte, überfallen konnten. Jemand wusste genau, in welchem Abteil Sie saßen.“

Frost presste die Lippen zusammen. Diese Frampton war viel zu gut informiert. War das Flannagan gewesen? Hatte er über jeden seiner Schritte Bericht erstattet?

„Und warum wurde dann Dr. Neville entführt, Ihrer Meinung nach?“, mischte sich Payne ein.

„Er wusste zu viel. Sie haben jemanden angeheuert, vermutlich über Ihre Kontakte bei den Dragons, um den Mann einzuschüchtern und mundtot zu machen.“

Beinahe hätte Frost laut aufgelacht, wenn die Situation nicht so bitterernst gewesen wäre. „Eine sehr gute Theorie, Inspektor, aber leider völlig falsch.“

Frampton lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. „Dann erhellen Sie mich, Miss Frost.“

Sie fing Paynes Blick auf und schluckte hart. Die ganze Geschichte noch einmal erzählen? Sie war mit den Nerven am Ende. Was, wenn sie sich verhaspelte? Was, wenn sie etwas verriet, dass sie nicht verraten sollte? Frampton war nicht dumm. Sie wusste sowieso schon viel zu viel. Ein falsches Wort, und Frost konnte den Gedanken daran begraben, jemals wieder als freie Bürgerin das Yard verlassen zu können.

Ein inneres Zittern ergriff von ihr Besitz und schnürte ihr die Kehle zu. Sie wollte nicht in einer winzigen Zelle in Newgate verkümmern!

Zum Glück schien Payne zu bemerken, dass sie vor Angst wie gelähmt war und fing an, Frampton eine Kurzfassung zu geben. Frost hörte kaum, was er sagte, denn ihr Herz schlug so laut in ihrer Brust, dass es alles übertönte. Sie starrte auf die eisernen Handschellen, die ihre Haut wund scheuerten. Soweit war es also gekommen. Sie hatte versagt. Madame Yueh und viele andere Stimmen innerhalb der Organisation würden also recht behalten. Sie war nicht dazu fähig, ein Leben ohne die Dragons zu führen. Sie war nichts.

Erst, als es eine ganze Weile still war im Raum, schaute sie verwundert auf. Framptons Blick ruhte auf ihr. Hatte man ihr eine Frage gestellt? Rasch schaute sie zu Payne, doch er starrte Frampton an, nicht sie.

„Sergeant Davis, haben Sie sich das alles notiert?“

Ein junger Mann mit Sommersprossen trat aus dem Schatten und nickte. Er trug ein Klemmbrett und kritzelte eifrig Worte auf das darauf gespannte Papier.

„Gut.“ Frampton lehnte sich nach vorne und zog ihre Handschuhe wieder an. „Damit sind wir fertig für heute. Bringt sie zurück in ihre Zellen.“ Als sie aufstand, schrammte der Stuhl über den Steinboden.

„Moment“, rief Frost aus, als der bullige Polizist, der die ganze Zeit hinter ihr gestanden war, sie aus dem Stuhl hochzog. „Sie glauben uns also nicht? Wir sind keine Verbrecher!“

Frampton blieb wie angewurzelt stehen. Langsam drehte sie sich um und kam bedrohlich nahe an Frost heran. „Ob Sie Verbrecher sind oder nicht, entscheide alleine ich, damit Ihnen das klar ist, Miss Frost. Ich respektiere das Gesetz, aber wenn es nach mir ginge, könnten Sie bis an Ihr Lebensende in einem dunklen Loch schmoren. Flannagan war ein Freund, und sollte ich auch nur ein Fitzelchen an Beweis finden, dass Sie tatsächlich Schuld an seinem Tod haben, werde ich persönlich dafür sorgen, dass Sie nie wieder das Tageslicht sehen.“

Frost schluckte hart und starrte die Inspektorin mit weit aufgerissenen Augen an. Diese Frau meinte es todernst. Sie würde dafür sorgen, dass Beweise auftauchten.

Draußen vor dem Raum wurde es laut. Jemand rief etwas, dann erklangen schwere Schritte – viele. Framtpon runzelte die Stirn. „Was soll dieser Radau da draußen? Sergeant, schauen Sie nach.“

Doch Sergeant Davis hatte kaum die Tür geöffnet, als er auch schon erschrocken einen Sprung zurückmachte. Alle Blicke richteten sich auf die großgewachsene Person, die die ganze Tür auszufüllen schien.

„Sind Sie Detective Inspektor Jane Frampton?“, verlangte der Mann in der Tür zu wissen.

„Die bin ich.“ Frost bemerkte die Anspannung, unter der Frampton auf einmal zu stehen schien. Wegen des Gegenlichts konnte sie allerdings nicht erkennen, wer in der Tür stand. Alles was sie sah waren eine graue Uniform und funkelnde Orden an der breiten Brust.

„Diese beiden Herrschaften sind mit sofortiger Wirkung freizulassen.“

„Wie bitte? Sir, das kann ich nicht zulassen. Diese beiden Personen stehen unter Mordverdacht. Hat Commissioner Lovett dies angeordnet? Sergeant Davis, holen Sie Lovett, sofort.“

„Nicht nötig, Inspektor.“ Der Mann kam vollends in den Raum. „Und korrekterweise sollten Sie mich mit Eure Hoheit ansprechen.“

Jemand schnappte hörbar nach Luft, vermutlich war es sogar Frost selbst, ohne es zu bemerken. Der Duke?

Frampton beeilte sich, den Kopf respektvoll zu senken und machte sogar einen winzigen Knicks. „Ich bitte um Verzeihung, Eure Hoheit. Diese beiden Personen sind meine Gefangenen. Sie verstehen, dass ich gerne wüsste, was hier vor sich geht.“

Frost fing Paynes Blick auf. Was machte Prinz Alfred, Duke of Edinburgh, hier? Und warum sprach er davon, dass man sie freilassen sollte?

„Das hat schon seine Richtigkeit so, Inspektor Frampton“, sagte Commissioner Lovett, der soeben, gefolgt von Sergeant Davis, erschien. „Seine Hoheit, der Duke of Edinburgh, hat einen königlichen Erlass, dass man Miss Frost und Mister Payne aus der Haft befreit. Zudem werden sie von sämtlichen allfälligen Gesetzesbrüchen freigesprochen.“

Frampton ballte die Fäuste und wurde kreideweiß. „Sir, bei allem Respekt. Diese beiden Personen haben Inspektor Flannagan auf dem Gewissen, da bin ich mir sicher. Die Liste der Anschuldigungen, die wir gegen sie haben, ist sehr lang. Sie haben Verbindungen zu den Dragons. Sie haben mindestens einen weiteren Mann getötet. Ich kann sie unmöglich laufen lassen!“

Lovett hob die Hand. „Genug, Inspektor. Ms. Frost und Mr. Payne haben dem Duke das Leben gerettet. Sie sind Helden. Außerdem konnten Sie mir noch keinen schlüssigen Beweis vorlegen, was Flannagan angeht. Flannagan hatte keine Befugnisse in York, das wissen Sie genau. Er hätte Miss Frost und Mr. Payne nicht festnehmen dürfen. Ich habe eine interne Untersuchung angeordnet deswegen.“

Auf ein unsichtbares Zeichen hin nahmen die bulligen Beamten, die als Wachhunde dienten, Frost und Payne die Handschellen ab. Frost fühlte sich wie in einem Traum. Geschah das gerade wirklich? Stand da tatsächlich Prinz Alfred, dritter in der Thronfolge, und rettete sie vor dem sicheren Gefängnis?

„Das wird noch ein Nachspiel haben“, zischte Frampton in Frosts Ohr, als diese an ihr vorbeigeführt wurde, doch Frost ignorierte die Inspektorin, so gut sie konnte.