Frost & Payne - Band 6: Chop Suey (Steampunk) - Luzia Pfyl - E-Book
Beschreibung

Der Maskenball des Dukes wird zum Schauplatz einer brutalen Geiselnahme. Die Terroristen verbreiten Angst und Schrecken unter den Gästen. Sie haben nur ein Ziel: Duke Alfred soll zwei Männer aus dem Gefängnis holen und ebenso begnadigen, wie er kurz zuvor Frost und Payne begnadigt hat. David, grün und blau geprügelt nach einem Fluchtversuch, will nicht aufgeben. Entweder schafft er es, den Keller seines Peinigers zu verlassen, oder er nimmt sich das Leben. Doch er findet etwas, womit ihm die Flucht diesmal endlich gelingen könnte. Während Frost und Payne gegen eine tickende Zeitbombe und Terroristen kämpfen, breiten sich überall in den von den Dragons kontrollierten Vierteln Unruhen aus. Alles läuft auf einen einzigen Punkt zu: überleben oder sterben. Dies ist der sechste Band der neuen Steampunk-Serie "Frost & Payne". Da die Reihe aufeinander aufbaut, empfehlen wir, mit dem Auftaktroman, "Die Schlüsselmacherin", zu beginnen.

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Seitenzahl:148

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Table of Contents

»Chop Suey«

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

Vorschau

Seriennews

Glossar

Impressum

Frost & Payne

Band 6

»Chop Suey«

 

 

von Luzia Pfyl

 

1.

 

Vielleicht sollte er eines der Skalpelle nehmen, dachte David, und sich die Pulsadern an seinem gesunden Arm aufschneiden. Dann würde der Mann ihn endlich in Ruhe lassen, würde keine Experimente mehr an ihm durchführen und nicht mehr damit drohen, ihn bei jedem Ausrutscher seinerseits zu erschießen.

Er schniefte mehrmals. Seine frisch gebrochene Nase pulsierte schmerzhaft und fühlte sich an, als sei sie dreimal so groß als normal. Das Atmen fiel ihm schwer, auch wegen der Prellungen. Der Mann hatte ihn verprügelt, weil er heute beinahe entkommen war. David hatte einen winzigen Moment genutzt, in dem der Mann unaufmerksam gewesen war. Beinahe hätte er die belebte Straße erreicht. Beinahe. Er war ihr so nahe gewesen, dass er bereits das helle Tageslicht auf seinem Gesicht hatte spüren können.

Doch dann hatte der Mann ihn eingeholt und zurück in die Dunkelheit der Gasse gezerrt. Bevor er schreien konnte, hatte er ihn in den Schwitzkasten genommen und durch die Tür zurück in den Keller geschleift. Noch auf der Treppe hatte er die ersten Tritte bekommen. Der Mann war außer sich gewesen.

Das war’s dann wohl. Er würde seine Freiheit nie wieder erlangen. Es sei denn, er nahm den anderen Weg.

Nein. Er wollte leben und zurück zu seiner Familie.

Vor Stunden schon war der Mann gegangen. Er wiederum saß im Halbdunkel des Kellers und stierte vor sich hin. Immer wieder huschte sein Blick zum Metalltisch hinüber. Die ledernen Fesseln hingen lose daran herab. Ein winziger verschmierter Blutfleck war an der Tischkante zu sehen. Der Mann hatte ihn beim Putzen übersehen.

Es war Annas Blut. Der Mann hatte sie mit seinem Experiment getötet. Immer wieder sah David ihren leblosen Körper vor sich, ihre vom Fieber geröteten Wangen, die sie mehr denn je wie Schneewittchen hatten aussehen lassen. Aber ihre Hand war kalt gewesen und steif.

Anna war tot, und er, David, war immer noch am Leben. Zweimal hatte der Mann ihn operiert, etwas an ihm gemacht. Er hatte ihm seinen Arm genommen und gegen dieses mechanische Ding ausgetauscht.

Er starrte auf die Hand aus Metall. Winzige messingfarbene Zahnrädchen setzten sich in Bewegung und führten drahtfeine Sehnen, sobald er die Finger bog und streckte. Schmerz klopfte dumpf in seiner Schulter, doch David hatte sich daran gewöhnt. Er blendete die Pein aus, so, wie er auch seine gebrochene Nase und die Prellungen ausblendete.

Anna hatte bis zuletzt darum gekämpft, wieder die Freiheit zu erlangen. Er durfte nicht aufgeben. Ja, er hatte den Zorn des Mannes auf sich gelenkt und ihn beinahe zum Äußersten getrieben, doch er lebte noch immer. Der Mann brauchte ihn. Wäre es anders, hätte er ihn heute umgebracht.

David stand langsam von der stinkenden Matratze auf und streckte seine eingeschlafenen Beine. Der Mann würde heute nicht mehr zurückkommen, das hatte er ihm selbst gesagt. Mehr als genug Zeit also, um sich etwas einfallen zu lassen.

Er ging zur Werkbank. Die Kette an seiner Fußfessel klirrte bei jedem Schritt. Die Utensilien, die der Mann für seine Experimente brauchte, waren fein säuberlich in einen stets abgeschlossenen Schrank geräumt. David spähte durch die Glastür. Er sah die Lederetuis mit den Skalpellen und den Kasten, in dem die Säge lag. Ein Tablar darüber reihte sich Apothekerfläschchen an Apothekerfläschchen. Die Etiketten waren teilweise vergilbt und kaum noch lesbar, doch die Bezeichnungen darauf sagten ihm sowieso nichts. Er hatte keine Ahnung von medizinischen Begriffen und Arzneien.

Er war froh, hatte der Mann ihn diesmal nicht betäubt. Vielleicht dachte er, die Fußfessel genügte. Er zog das kurze Stück Draht aus seiner Hosentasche, das er in einer staubigen Ecke gefunden hatte, und machte sich an die Arbeit. Theoretisch hätte er auch eine der Glasscheiben einschlagen können, doch die Flächen waren zu klein für seine Hände. Auf die Art würde er nichts aus dem Schrank nehmen können.

Sein Herz begann laut zu hämmern, als er mit dem einen Ende des Drahtes im Schloss des Schrankes stocherte. Seine Hand zitterte, er rutschte ab. Ein Zischen entfuhr ihm. Hastig hob er die Hand an den Mund und saugte an der weichen Stelle zwischen Daumen und Zeigefinger. Er schmeckte Blut.

»Verdammter Mist«, fluchte er und machte sich wieder an die Arbeit. Der Schnitt brannte wie Feuer, aber er wollte das Schloss aufkriegen.

Ein Klicken. Davids Augen hellten sich auf, und ein Lächeln schlich sich auf sein geschundenes Gesicht. Er legte den Draht auf die Werkbank und öffnete vorsichtig die Schranktür. Mit bebender Hand griff er nach dem Lederetui mit den Operationsmessern. Würde der Mann eines davon vermissen? Bestimmt. Es waren nur fünf.

Mit beinahe ehrfürchtiger Faszination strich er mit dem metallenen Zeigefinger seiner rechten Hand über die scharfen Schneiden. Er spürte nichts, hörte nur das feine Schaben von Metall auf Metall. Als er sich die Fingerkuppe anschaute, war da nicht einmal die Spur eines Kratzers. Ein Schauer fuhr ihm über den Rücken, nicht nur der Kälte im Keller wegen.

Er rollte das Etui wieder zusammen und legte es zurück. Die Messer durfte er nicht nehmen, der Mann würde es bemerken. Aber vielleicht eines der Fläschchen. Er ließ seinen Blick über die Phiolen und gläsernen Behältnisse gleiten. Das dunkle Braun der Fläschchen spiegelte das Aetherlicht. David konnte sein verzerrtes Abbild in einigen von ihnen sehen. Die Etiketten sagten ihm immer noch nichts. Es gab Pulver in verschiedensten Farben, Flüssigkeiten, manche Aufkleber hatten einen Totenkopf. Nur Arsen und Chlorophorm erkannte er. Mit dem Chlorophorm wurde er für die Experimente betäubt.

Was konnte er davon brauchen? Und für was? Was wollte er eigentlich machen, um aus dem Keller zu fliehen? Die Fußfessel würde er schnell losbekommen, wenn er mit dem Draht das Schloss knackte. Aber die dicke Stahltür in die Freiheit hatte ein sehr kompliziert aussehendes Schloss, das würde er mit einem einfachen Draht nicht aufbrechen können. Noch einmal wäre der Mann nicht derart unaufmerksam.

Davids Blick wanderte nach links oben an die Decke hinter ihm, wo sich der Lüftungsschacht befand. Ob er wie Anna versuchen sollte, das Gitter abzuschrauben? Aber er kam kaum dort heran, selbst mit einem Stuhl auf dem Tisch. Wenn er es schaffte, das Gitter abzuschrauben, blieb immer noch das Problem, in den Schacht selbst hinaufzuklettern. Er war einfach zu klein, und wer wusste schon, ob der mechanische Arm der Belastung standhalten würde.

Nein, er musste durch die Kellertür. Irgendwie. Solange er einen klaren Kopf behalten konnte – er würde den Tee des Mannes nicht mehr anrühren, schwor er sich –, würde ihm schon etwas einfallen. Der Mann besaß jede Menge Werkzeug.

David stellte das Fläschchen mit dem Arsen zurück ins Kabinett. Er erhob sich auf die Zehenspitzen, um das Tablar über seiner Augenhöhe zu inspizieren. Noch mehr Fläschchen. Eines davon erregte seine Aufmerksamkeit: Schwarzpulver.

 

*

 

Der Maskenball war in vollem Gange. Der Alkohol floss, die Gäste wurden immer ausgelassener, und das Orchester spielte einen Walzer nach dem anderen. Das Licht der Hunderte von Kristallen des Leuchters spiegelte sich im gemalten Sternenhimmel der Kuppel des großen Ballsaales. Orange-gelbes Aetherlicht mischte sich mit dem Gold der Stuckwände.

Frost fühlte sich wie im Rausch. Ja, sie hatte einiges getrunken, dennoch war dieses Gefühl nicht alleine dem Alkohol geschuldet. Sie stolperte durch die in Brokat, Seide und Tüll gekleidete Menge im Saal, erreichte eine kühle Wand und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Sie brauchte eine Pause. Das viele Tanzen mit Payne und ein paar anderen Männern hatte sie ausgelaugt.

Das Orchester stimmte einen schnellen Foxtrott an. Eine Wolke aus süßem Parfüm und frischem Schweiß hüllte Frost für einen kurzen Moment ein, als ein bunt kostümiertes Paar lachend an ihr vorbeiging. Sie schob sich die venezianische Maske in die Stirn, um besser Luft zu bekommen. Sie kam sich vor, als hätte sie ohne Unterbrechung endlos getanzt. Ein Blick auf ihre Taschenuhr, die sie in den Tiefen des Kleides verstaut hatte, sagte ihr jedoch, das erst knapp eine Stunde vergangen war, seit Duke Alfred ihr die Medaille überreicht hatte.

Die verdammte Medaille. Sie hatte sie nicht verdient, jedenfalls nicht wirklich. Sie war keine Heldin, sie hatte nur ihren Job gemacht, damit sie die Miete bezahlen konnte. Ohne das Geld, das sie für den Auftrag bekommen hatte, säße sie heute auf der Straße. Dennoch freute sie sich über die Anerkennung, das musste sie sich eingestehen. Die Gäste hatten laut applaudiert, als der Duke ihr die Medaille, die klein und schwer an einem Seidenband hing, um den Hals legte.

Vielleicht bekam sie nun endlich Aufträge, die mehr mit dem Aufspüren von verschollenen Schmuckstücken zu tun hatten und weniger mit gefährlichen Waffen oder Angriffen auf ihr Leben.

Sie wedelte sich mit der Hand Frischluft zu, während sie ihren Blick umherschweifen ließ. In einer Ecke auf der anderen Seite des Saales sah sie Payne. Er und Mr. Newman, Greysons Sicherheitschef, steckten die Köpfe zusammen und schienen etwas Wichtiges zu besprechen, jedenfalls ihren Gesichtern nach zu schließen. Payne hatte ihr nie genau gesagt, woher sie sich kannten, aber sie hatte so ihre Vermutungen. Jemand wie Newman war gut vernetzt.

Wann konnte sie dieses Fest verlassen, ohne unhöflich zu erscheinen? Frost hatte das Gefühl, lange genug hier gewesen zu sein. Sie hatte ihre Pflicht als Ehrengast erfüllt: Sie hatte mit dem Duke und Greyson gesprochen, hatte Hände geschüttelt und Namen genannt bekommen, die sie bereits wieder vergessen hatte, sie hatte mit Payne getanzt und dann mit ein paar anderen Herren, und sie hatte vor versammeltem Publikum die Auszeichnung in Empfang genommen. Ja, sie hatte sich prächtig amüsiert, aber sie fühlte die bleierne Schwere der Erschöpfung in ihren Gliedern. Sie war immer noch nicht voll belastbar.

Payne würde ihr nicht davonlaufen, dachte sie. Der war mit Newman beschäftigt. Zeit, Helen zu suchen. Das Hausmädchen hatte sich kurz nach ihrem Eintreffen von ihnen verabschiedet, um sich unter die illustren Gäste zu mischen. Für sie war allein das Kleid, das Frost ihr geschenkt hatte, komplettes Neuland. Frost hatte es ihr nicht übel genommen, dass sie diese neue Welt der High Society hatte alleine auskundschaften wollen. Dennoch wollte sie nun sicherstellen, dass es Helen gut ging.

Frost versuchte sich zu erinnern, wie Helens Maske aussah. Das Kleid war pflaumenfarben und von bauschigem Tüll – allerdings hatte sie mindestens eine andere Dame in einem ähnlichen Kleid gesehen. Vermutlich war Pflaume gerade in Mode.

Sie verließ den Saal und blieb kurz im breiten Korridor stehen, um sich zu orientieren. Direkt vor ihr befanden sich die offenen Verandatüren. Die weißen Vorhänge wehten sanft im kalten Nachtwind. Nach der feuchten Hitze im Tanzsaal fröstelte sie, als ein Luftzug sie streifte. Auch hier gingen Gäste hin und her, Maskengesichter reihten sich an Maskengesichter. Draußen brannten Fackeln und Kerzen. Der Geruch von Ruß stieg ihr in die Nase.

Etwas frische Luft würde ihr nicht schaden, dachte sie und trat auf die Terrasse. Die vereinzelt aufgestellten runden Bartische mit den weißen Tüchern waren verlassen. Zwei Pärchen befanden sich in der Nähe, beide in eindeutigen Posen. Frost rieb sich die Oberarme und spürte die Gänsehaut unter ihren Fingern. Die Kälte hatte die Gäste ins Innere von Chiswick House getrieben.

Für einen Moment genoss sie die Ruhe hier draußen – die beiden Paare ignorierte sie geflissentlich – und schaute hinaus in den weitläufigen Park, der bis auf die Allee aus Fackeln im Dunkeln lag. Drei Luftschiffe kreuzten sich im Nachthimmel, nur ihre starken Atherscheinwerfer waren zu erkennen. Chiswick lag in der Einflugschneise zum Victoria Luftbahnhof, ging es ihr durch den Kopf. Vielleicht sollte sie wirklich Urlaub machen, morgen früh zum Bahnhof fahren und ein Ticket buchen, irgendwohin. Geld hatte sie seit dem Auftrag mit dem Prototypen genug.

Aber da war immer noch die Sache mit dem Protokoll des Mörders. Sie mussten es Inspektor Jones überreichen. Vielleicht gab es eine Möglichkeit zusammenzuarbeiten, ohne ihn in ihr Geheimnis einzuweihen. Sie wollte ihr mechanisches Herz nicht jedem preisgeben, alleine schon wegen der Brisanz der aktuellen Mordfälle mit den Jugendlichen. Vielleicht konnte sie …

Ein Aetherbike brauste durch die Allee aus Fackeln auf das Haus zu. Sein Dröhnen riss Frost aus den Gedanken. Sie blinzelte und kniff die Augen zusammen, um deutlicher sehen zu können. Ein zweites Bike folgte dem ersten. Sie kamen schnell näher.

Auf einmal dröhnten weitere Motoren auf. Aus der Dunkelheit des Parks kamen im Halbkreis weitere Aetherbikes und ein Laster mit offener Ladefläche angefahren. Auf der Ladefläche kauerte mindestens ein halbes Dutzend dunkel gekleideter Männer.

Das waren keine Partygäste, schoss es Frost durch den Kopf. Sie machte einen Schritt rückwärts von der Balustrade weg. Die ersten beiden Aetherbikes hatten das Haus erreicht und drehten in entgegengesetzte Richtungen ab – aber nur, um die Treppen auf beiden Seiten der Terrasse hinaufzufahren.

Frost drehte sich um und fühlte den kalten Stein der Brüstung in ihrem Kreuz. Die beiden Paare, die sich mit ihr auf der Terrasse befanden, schraken zurück, als die Bikes mit laut röhrenden Motoren auf dem Kies zum Stehen kamen.

Aus dem Augenwinkel sah Frost, wie die übrigen Fahrzeuge ausschwärmten und auf die Rückseite der Villa fuhren. Der Laster hielt direkt vor einer der Treppen an. Die Männer sprangen von der Ladefläche. Jemand brüllte Befehle.

Verdammt, die trugen Waffen. Das waren definitiv keine Partygäste. Das würde gleich Ärger geben, da war Frost sich sicher.

Sie rannte los, ihren bauschigen Rock gerafft. Der Kies unter ihren Stiefeln knirschte laut. Die beiden Männer, die mit ihren Bikes auf die Terrasse gefahren waren, stellten sich ihr in den Weg.

»Wo willst du denn hin, Püppchen?«, schnarrte einer der beiden und griff mit seinen Pranken nach ihr.

»Fass mich nicht an!«, knurrte Frost und donnerte ihm die Faust ins Gesicht. Beinahe hätte sie aufgeschrien, so weh tat es, doch sie verdrängte die Schmerzen. Den Schwung des Schlages ausnutzend drehte sie sich im Halbkreis, duckte sich und rammte dem zweiten Mann den Ellbogen in den Bauch. Er klappte keuchend zusammen.

Instinktiv ging ihre rechte Hand zur Rückseite ihres Korsetts, tastete jedoch ins Leere. Verdammt, sie trug ihr Messer nicht bei sich. Natürlich nicht. Sie war auf einem verfluchten Kostümball!

Sie hörte die schweren Schritte der anderen Angreifer die Treppen hinaufkommen. »Ins Haus mit euch, los!«, rief sie den beiden Paaren zu, die wie gelähmt dastanden.

Schüsse in rascher Abfolge drangen an ihre Ohren, gleich darauf Schreie. Frost fluchte und rannte auf das Haus zu. Hinter sich hörte sie die beiden Männer Verwünschungen ausstoßen. Sie rannte schneller, jedenfalls so schnell es ihr bauschiges Kleid zuließ.

Wieder fielen Schüsse, und erste Gäste drängten durch die offenen Türen ins Freie. Als sie die Männer sahen, strömten sie seitwärts zur gegenüberliegenden Treppe wie eine Herde aufgescheuchter Schafe. Frost blieb kurz stehen und drehte sich um. Die Gruppe aus dem Laster erreichte soeben die Veranda. Der Mann in der Mitte zündete sich eine Zigarette an. Seinem selbstsicheren Schritt und seiner überheblichen Gelassenheit entnahm Frost, dass er der Anführer sein musste.

Sie hatte genug gesehen. Die Schreie aus dem Inneren des Hauses wurden lauter. Frost drängte sich an den Leuten vorbei in den breiten Korridor. Die Opulenz und das viele Gold wirkten plötzlich unwirklich. Der Gedanke an Helen schoss ihr durch den Kopf. Wo war sie? Hoffentlich war ihr nichts passiert. Sie musste sie finden und hier rausschaffen.

Frost wandte sich nach rechts, doch schon nach wenigen Schritten sah sie zwei bewaffnete Männer auf sich zukommen. Sie machten sich einen Spaß daraus, in die Luft zu schießen und die Gäste vor sich herzutreiben. Frost drehte sich auf dem Absatz um, doch auch der andere Weg war ihr versperrt.

Die Gäste gerieten in Panik, als sie merkten, dass sie umzingelt waren. Jemand prallte mit Frost zusammen, was sie beinahe von den Füßen gefegt hätte. Sie murmelte einen Fluch und kämpfte sich zurück zur Verandatür. Doch da stand bereits die Gruppe mit dem rauchenden Anführer. Dieser starrte Frost direkt an und begann zu grinsen.

»Wohin des Weges, schöne Frau?«, schnarrte er. Frost bleckte die Zähne. Hinter ihr ging das Geschrei los.

»Wer seid ihr?«, fragte sie. »Was wollt ihr hier?«

Der Mann musterte sie mit einem neugierigen Blick. Für einen kurzen, schrecklichen Moment flackerte durch Frosts Hinterkopf der Gedanke, dass diese Männer zu den Leuten gehörten, die sie und Payne angegriffen hatten.

Der Mann wandte den Blick von ihr ab und gestikulierte seinen Männern. »Niemand verlässt das Gebäude. Ich will den Duke.«

Frost atmete auf – nur um gleich darauf zu fluchen. Sie wurde hart gepackt und ins Innere des Hauses gedrängt. Die Männer schwärmten um sie herum aus und scheuchten die verängstigten Gäste in den Ballsaal.

»Lasst mich los!«, verlangte sie immer wieder, doch ohne Erfolg. Erst, als sich die Doppeltür des Saales hinter ihr schloss, ließ man sie los. Der Anführer warf seine Zigarette ungeachtet des teuren Parketts auf den Boden und zertrat sie mit seinen schweren Stiefeln. Die Gäste machten sofort Platz, als er durch die Menge schritt.

Das Orchester hatte aufgehört zu spielen. Eine unwirkliche Stille herrschte, nur durchbrochen vom entsetzten Raunen der Besucher.

Frost rieb sich den schmerzenden Oberarm und schob sich langsam zwischen den Leuten hindurch. Sie wollte den Anführer der Bande nicht aus den Augen verlieren. Einmal mehr wünschte sie sich, zumindest ihr übliches Messer heute Abend mitgenommen zu haben. Ob die Sicherheitsleute von Greyson Waffen trugen? Bestimmt. Doch von denen war nichts zu sehen. Vermutlich hatte man die zuerst unschädlich gemacht.

»Wo ist seine hoch durchlauchte Hoheit Prinz Alfred?«, fragte der Anführer mit lauter Stimme. Seine gänzlich schwarze Kleidung stach merkwürdig aus dem bunten Meer heraus. Ein Gemurmel ging durch die Menge. Kleider raschelten, Schuhe scharrten. Niemand gab ihm eine Antwort. Frost schob sich weiter nach vorne. »Ich warte!«

»Ich bin hier.«