Frost & Payne - Band 8: Nummer 23 - Luzia Pfyl - E-Book
Beschreibung

Nach der Sache mit Kirkland liegt Jackson Payne schwer verletzt im Krankenhaus, doch die Sache ist ausgestanden und er in Sicherheit. Lydia Frost hofft, dass nun endlich wieder etwas Normalität in die Agentur kommt. Helen plant eine Geburtstagsparty und Dr. Baxter versucht, den mechanischen Arm nachzubauen. Die ruhigen Tage dauern allerdings nicht lange an. Eine Mutter bittet Frost, ihren verschollenen Sohn, David, zu suchen, da Scotland Yard sich nicht dafür zu interessieren scheint. Frost nimmt den Auftrag an, doch sie hat nicht viel Hoffnung, den Jungen nach all der Zeit noch zu finden. Sie ahnt nicht, dass er der Schlüssel zu den mechanischen Kindern ist. Der Mörder erweitert derweil das Spielfeld. Er hat eine ganz spezielle Geburtstagsüberraschung geplant... Dies ist der achte Band der neuen Steampunk-Serie "Frost & Payne". Da die Reihe aufeinander aufbaut, empfehlen wir, mit dem Auftaktroman, "Die Schlüsselmacherin", zu beginnen.

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Seitenzahl:155

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Table of Contents

»Nummer 23«

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

Vorschau

Seriennews

Glossar

Impressum

Frost & Payne

Band 8

»Nummer 23«

 

 

von Luzia Pfyl

 

1.

 

Helen stand in der Küche und brütete über einem Kuchenrezept. Irgendetwas fehlte noch, doch sie konnte sich einfach nicht erinnern, was es war. Das Rezept hatte sie aus dem Gedächtnis aufgeschrieben, denn es gehörte zu dem Kuchen, den ihre Großmutter immer gemacht hatte, wenn sie sie als Kind besucht hatte. Aber die alte Frau hatte das Originalrezept mit ins Grab genommen.

Nein, sie durfte nicht so schlecht über ihre Großmutter denken. Sie war zwar gegen Ende ihres Lebens krank, allein und verbittert gewesen, doch das durfte all die guten Erinnerungen, die Helen mit ihr verband, nicht übertünchen. Sie war immer die Lieblingsenkelin gewesen – eine Tatsache, die Helen damals gern ihrer Cousine Myra unter die Nase gerieben hatte –, und ihre Großmutter hatte ihr beigebracht, wie man kocht und backt. Sie hatte ihr gezeigt, wie man einen Ofen so einfeuerte, dass die Temperatur konstant blieb, wie man aus den Küchenabfällen Brühen machte und wie man einen richtigen Sunday roast zubereitete.

Hatte ihre Großmutter etwa eine geheime Zutat für den Kuchen gehabt, die sie ihr nie verraten hatte? Wenn ja, würde es ziemlich schwierig werden, ihn nachzumachen.

Helen wollte den perfekten Kuchen für Miss Frosts Geburtstag backen. Miss Frost wollte nicht, dass man ihn feierte, aus welchem Grund auch immer. Helen versuchte seit Tagen, sie umzustimmen, war bisher aber stets auf Gegenwehr gestoßen. Klein beigeben würde sie jedoch nicht, hatte sie beschlossen. Miss Frost hatte eine Geburtstagsfeier mehr als verdient, und sei es auch nur eine ganz kleine.

Mit gerunzelter Stirn rührte sie die Teigmasse in der Schüssel. Sie tauchte den Zeigefinger hinein und probierte. Nebst der Süße des Zuckers schmeckte sie Zitronen- und Orangenschalen, Butter, Eier und einen Hauch von Muskatnuss. Vielleicht befand sich die geheime Zutat nicht im Teig selbst, sondern in der Buttercreme, die dazu serviert werden sollte?

Helen war sich sicher, dass sie es rechtzeitig herausfinden würde. Noch hatte sie ein paar Tage Zeit. Sie zog die Kuchenform, die sie mit Butter eingefettet hatte, heran und füllte die Teigmasse vorsichtig hinein. Die Form schob sie anschließend in den Ofen und schaute auf die Uhr. 35 Minuten sollten reichen.

Auf dem Küchentisch standen drei weitere, identisch aussehende Kuchen. Aber alle schmeckten nicht ganz so, wie Helen es in Erinnerung hatte. Sie schmeckten sehr gut, daran gab es nichts zu rütteln, aber eben nicht so, wie sie ihre Großmutter gebacken hatte. Sie wusste, dass sie gut backen konnte, doch zugleich begann ein leiser Zweifel an ihr zu nagen: Was, wenn ihre Erinnerungen ihr einen Streich spielten und sie gar nicht Großmutters Kuchen versuchte zu backen, sondern einen ganz anderen, den sie vielleicht irgendwann mal irgendwo gegessen hatte?

Nein, Zweifel durften beim Kochen keinen Platz haben, hatte ihre Mutter immer gesagt. Verschwendung allerdings auch nicht. Seufzend stemmte Helen die Hände in die Hüften und betrachtete die Kuchen. Entweder, sie brachte Miss Frost und Finnley dazu, jeden Abend Dessert zu essen. Oder, sie verteilte sie stückweise auf der Straße. Die Kinder würden sich garantiert freuen.

Nun, falls Miss Frost heute zum Abendessen da war. Sie war schon den ganzen Tag weg. Gestern war sie sehr spät nach Hause gekommen und heute früh gleich nach dem Frühstück wieder gegangen. Sie habe eine heiße Spur, hatte sie gesagt. Helen hoffte, dass sie Mr. Payne bald fand. Sie mochte den Amerikaner mittlerweile sehr und befürchtete, dass ihm etwas Schlimmes zugestoßen war.

Das Glöckchen klingelte und riss sie aus den Gedanken.

»Hallo?«, rief jemand, eine Frau, und Helen wischte sich im Hinausgehen die Hände am Küchentuch ab, das sie an ihre Schürze gebunden hatte. Dodger rannte mit wedelndem Schwanz an ihr vorbei.

»Guten Tag«, begrüßte sie den Gast und lächelte. Es war eine Frau um die vierzig, schätzte sie, einfache Kleidung und drei Mädchen am Rocksaum. Das älteste mochte ungefähr zwölf sein. »Dodger, komm her! Bitte entschuldigen Sie.« Sie beeilte sich, den übermütigen Welpen am Halsband zurückzuziehen. Die Kinder kicherten schüchtern, als er aufgeregt an ihren Kleidern schnüffelte.

»Sind Sie Miss Frost?«, fragte die Frau und schaute sie mit hoffnungsvollem Blick an.

Sie schüttelte den Kopf. »Miss Frost ist ausgegangen. Mein Name ist Helen Liddle, ich bin die Haushälterin.«

»Oh.« Enttäuschung schlich sich in die ohnehin schon traurigen Augen der Frau.

»Möchten Sie vielleicht warten?«, fragte Helen schnell. »Ich kann allerdings nicht sagen, wann Miss Frost zurück sein wird.«

»Ich weiß nicht.« Die Frau schaute auf und trat händeringend näher. »Könnten Sie mir vielleicht helfen? Ich habe in der Zeitung von der Agentur erfahren und was für gute Dinge Sie hier machen. Miss Frost hat sogar eine Auszeichnung vom Duke of Edinburgh erhalten, nicht? Es heißt, sie hat der Polizei in Chiswick geholfen.«

Helen ging in die Hocke und kraulte Dodger. Sie nickte und fühlte sich ein wenig überrumpelt. Was sollte sie tun? Die drei Mädchen schauten sie aus großen Augen an. Sie trugen mehrfach geflickte Kleidchen aus abgewetztem dünnen Stoff an ihren schmalen Körpern. Die Familie war arm. Dodger zog am Halsband und winselte leise. Er wollte wieder zu den Mädchen. Helen strich ihm beruhigend über den Kopf.

»Ich vermisse meinen Sohn«, sagte die Frau nun. Ein verzweifelter Unterton lag in ihrer Stimme.

Helen zögerte. »Waren Sie schon bei Scotland Yard? Ich bin mir sicher, dass man Ihnen dort weiterhelfen wird.«

»Ja, ich war dort. Aber niemand kümmert sich darum. Niemand scheint sich dafür zu interessieren, dass mein Junge seit Wochen verschwunden ist.« Sie brach ab und griff sich schwer atmend an die Brust. Helen eilte sofort zu ihr und half ihr in den Sessel vor Miss Frosts Schreibtisch.

»Wie heißt Ihr Sohn denn?«

»David Cassidy. Bitte, Sie müssen mir helfen, Miss Liddle!« Die Frau griff nach Helens Händen, bevor sie sie zurückziehen konnte, und schaute flehend zu ihr auf. »Ich bin verzweifelt und weiß nicht, was ich noch tun soll. Ich befürchte das Schlimmste. Ich will meinen Jungen zurück!«

Hilflos schaute Helen die Frau und die Mädchen an und biss sich auf die Lippen. Sie konnte sie nicht einfach wegschicken, oder? Sie brauchten ihre Hilfe. Ob sie versuchten sollte, Miss Frost auf dem Aethercom zu erreichen? Oder sie doch lieber dazu überreden zu warten? Sie kannte Frost mittlerweile gut genug, um zu wissen, dass sie nicht sofort alles stehen und liegen lassen würde, nur um diese Frau anzuhören. Die Suche nach Mr. Payne hatte im Moment oberste Priorität.

»Habt ihr Hunger?«, fragte Helen mit Blick auf die Mädchen, die darauf zögerlich nickten. Sie lächelte und winkte die ganze Familie in die Küche. Sie hatte drei Kuchen, die gegessen werden wollten. Damit war die Familie fürs Erste etwas abgelenkt und beschäftigt. Vielleicht kam Miss Frost jeden Augenblick zurück.

Bald darauf saßen sie alle am Küchentisch und aßen Kuchen. Dodger legte jedem abwechselnd die Schnauze auf die Knie, in der Hoffnung, ein Stück abzubekommen. Helen hatte frischen Tee aufgebrüht. Mrs. Cassidy entspannte sich mit jedem Bissen mehr. Sie fingen an zu plaudern.

»David ist ein guter Junge«, begann Mrs. Cassidy. »Er arbeitet beim Schuster zwei Straßen von unserer Wohnung entfernt. Er war nie in Schwierigkeiten geraten, obwohl er mit einer Bande um die Häuser zog, wenn er nicht arbeitete. Gute Jungs sind das, das müssen Sie mir glauben, Miss Liddle. Treiben höchstens etwas Schabernack. Die Polizei wollte mir nicht glauben, dass er nicht von zuhause weggelaufen ist. Ja, er hat keinen Vater mehr – Gott habe meinen Mann selig –, aber ich sorge gut für meine Kinder. Wir sind arm, aber wir haben alles, was wir zum Leben benötigen.«

Dies war nicht das erste Mal, dass sie sich und ihre Familie rechtfertigen musste, bemerkte Helen. Es versetzte ihr einen kleinen Stich, denn es erinnerte sie an ihre Mutter, die sehr oft Ähnliches gesagt hatte.

»Haben Sie sich denn bei seinen Freunden erkundigt, wohin er gegangen sein könnte?«, fragte sie. Sie verspürte Mitleid mit der Frau. Sie wollte sich nicht einmal vorstellen, wie es sich anfühlen musste, nicht zu wissen, wo sein Kind steckte. Dann wiederum war Mrs. Cassidy kein Einzelfall. Jedes Jahr verschwanden Hunderte von Kindern in London. Manche liefen weg, manche wurden fälschlicherweise in Waisen- oder Arbeiterhäuser gesteckt, andere verschwanden einfach spurlos. So wie Mr. Paynes Tochter.

Sie hoffte sehr, dass Miss Frost ihn fand und gesund zurückbrachte.

»Niemand weiß, wo er ist. An jenem Tag hat er sich nach der Arbeit auf den Weg zum Markt gemacht, weil ich selbst nicht gehen konnte. Meine Jüngste war krank.« Mrs. Cassidy strich liebevoll lächelnd über den Kopf des kleinsten Mädchens, das sich den Kuchen nicht schnell genug in den Mund stopfen konnte.

Helen nickte und machte es dem Mädchen nach, um nicht sofort antworten zu müssen. Sie wünschte sich, dass Miss Frost nach Hause kam und sich der Sache widmete. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Sie konnte der Frau nicht versprechen, dass die Agentur sich des Falles annahm. Sie wollte sie aber auch nicht einfach so wieder wegschicken.

Ein lautes Krachen und Poltern aus dem Keller durchbrach die Stille. Rauch stieg aus dem offenen Durchgang auf. Die Mädchen erschraken sich so sehr, dass sie ihre Gabeln fallen ließen. Dodger kläffte los.

Mrs. Cassidy stand auf und blickte entsetzt auf den grauen Rauch, der in die Küche waberte. »Um Himmels willen!«

»Ach, das ist nur Dr. Baxter. Er arbeitet gerade an etwas sehr Wichtigem«, beschwichtigte Helen und hoffte, unbesorgt zu klingen. Auch sie hatte sich erschrocken, doch es war nicht das erste Mal, dass dort unten etwas explodierte. Im Augenblick war sie Finnley sogar ein klein wenig dankbar für die Ablenkung. So konnte sie sich noch eine Weile vor dem Problem drücken, was sie Mrs. Cassidy antworten sollte. Sie nahm die Kanne und schenkte allen Tee nach. »Er ist Wissenschaftler«, fügte sie erklärend hinzu.

Als wäre das sein Stichwort gewesen, tauchte Finnley Baxter im Rauch auf. All seine Haare standen zu Berge. Seine Kleidung und sein Gesicht waren schwarz vor Ruß. Er schob sich die Schutzbrille in die Stirn, was kreisrunde, saubere Haut um seine Augen zum Vorschein brachte. Seine Erscheinung war so komisch, dass Helen sich ein Kichern verkneifen musste.

»Helen, ich fürchte, ich habe Ihren Topf ruiniert«, sagte er und schaute beschämt auf die Kupferpfanne, die er in der Hand hielt. Schwarzer Rauch waberte darin. Sie war verbogen und verbeult, und eine grünliche, klebrig aussehende Flüssigkeit tropfte aus einem Loch im Boden auf die Fliesen. Die Flüssigkeit zischte und rauchte wie ätzende Säure. Ein merkwürdiger Geruch nach Schwefel und Aether breitete sich aus. Himmel, die Flecken würde sie nie wieder entfernen können.

Helen sprang auf. »Das ist jetzt schon der zweite Topf diese Woche. Wenn Sie so weitermachen, kann ich nicht mehr kochen.« Sie nahm ihm mit spitzen Fingern das rauchende Gefäß ab und hielt es möglichst weit von sich. Die grüne Flüssigkeit biss in ihrer Nase. Rasch durchquerte sie Küche und Waschküche, um den Topf hinten in den kleinen Garten zu stellen. Dort konnte er wenigstens nicht mehr groß Schaden anrichten. Zurück in der Küche öffnete sie das Fenster, damit der Rauch und der Gestank abziehen konnten.

»Ich werde sie selbstverständlich ersetzen«, versprach Baxter und lächelte verlegen. »Oh, wir haben Besuch?«, sagte er auf einmal, als hätte er Mrs. Cassidy und ihre Töchter erst jetzt bemerkt. »Bitte verzeihen Sie, Madam. Ich hoffe, ich habe Sie nicht zu sehr gestört.«

Mrs. Cassidy scharte ihre Mädchen um sich und schaute Baxter verständnislos an. Helen bugsierte den Wissenschaftler zurück zum Durchgang in den Keller. »Keine Töpfe mehr, Finnley.«

»Aber sie sind ideal, um größere Hitze auszuhalten. Es ist wie kochen, ehrlich!«

Helen seufzte. Kurzerhand nahm sie einen Teller vom Tisch, legte ein großzügiges Stück Kuchen darauf und drückte ihn in Finnleys Hand. »Hier, probieren Sie das für mich. Mir fehlt eine Zutat, aber ich finde einfach nicht heraus, welche es ist. Können Sie mir dabei helfen?«

»Oh, certainly!« Baxter schien den Topf bereits vergessen zu haben. Nach einem Gruß in Richtung Familie Cassidy verschwand er wieder im Labor.

Helen drehte sich mit einem entschuldigenden Lächeln zu ihnen um. »Wer möchte noch mehr Kuchen?«

 

Als Mrs. Cassidy und die drei Mädchen gegangen waren, setzte Helen sich erschöpft an den Küchentisch. Sie hatte der armen Frau keine Versprechen machen können, obwohl ihr die Geschichte mit David ans Herz ging. Sie konnte ihr nur raten wiederzukommen, wenn Miss Frost da war. Es stand ihr nicht zu, Aufträge anzunehmen. Sie war nur die Haushälterin, sie hatte keine Ahnung, wie man verschwundene Personen fand. Dodger hatte sich nach all der Aufregung in eine Ecke zurückgezogen und döste, doch seine spitzen Ohren deuteten darauf hin, dass er nichts verpassen wollte.

Brandgeruch stieg Helen in die Nase. Sofort fuhr sie auf und rannte zum Ofen hinüber. Der Kuchen! Eine Rauchwolke kam ihr entgegen, als sie die Ofentür öffnete. Sie wedelte mit einem Küchentuch vor ihrem Gesicht und hustete.

»Oh, nein«, murmelte sie, als sie die Form mit dem völlig verkohlten Gebäck herausnahm und sachte auf das vorbereitete Gitter auf der Küchenzeile stellte. Der Kuchen war ruiniert. Sie würde wieder von vorne anfangen müssen.

Das Glöckchen bimmelte ein zweites Mal. Sofort hob Dodger den Kopf, dann rannte er aus der Küche, um den Gast zu begrüßen. Hatte Mrs. Cassidy noch etwas vergessen? Oder kam gar Miss Frost zurück, vielleicht sogar mit Mr. Payne?

Helen eilte hoffnugsvoll zum Eingang und blieb überrascht stehen. Ein älterer Mann, vermutlich irgendwo in den Fünfzigern, stand dort. Er trug teuer aussehende Kleidung. Ein akkurat gestutzter Bart umrahmte sein Gesicht. Er war groß und schlank, lange Finger umschmiegten einen silbernen Gehstock. Dodger wedelte zwar mit dem Schwanz, traute sich jedoch nicht so recht, an den Beinen des Mannes zu schnuppern. Helen wurde sofort argwöhnisch. Normalerweise konnte Dodger von Menschen nicht genug bekommen. Bei diesem Mann jedoch zögerte er und wirkte unsicher.

Als der Herr Helen erblickte, nahm er den Zylinderhut ab und grüßte sie ausgesprochen höflich. »Guten Tag, Madam. Ist Miss Lydia Frost zu sprechen?«

Helen verneinte zum zweiten Mal an diesem Nachmittag. »Sie ist ausgegangen, Sir. Kann ich ihr etwas ausrichten? Oder möchten Sie vielleicht sogar warten, bis sie zurück ist?«

Er schien mit dieser oder einer ähnlichen Antwort gerechnet zu haben. »Nicht nötig. Ich wollte mich nur bei Miss Frost bedanken. Ich war in Chiswick, müssen Sie wissen. Ihre Herrin hat sehr viele Leben gerettet.«

Helen wollte erwidern, dass Frost nicht ihre Herrin war, biss sich jedoch auf die Zunge. Der Mann drückte sich sehr altmodisch aus, fand sie. Aber ihre Neugier war geweckt, trotz allem Argwohn: Dieser Mann war ebenfalls in Chiswick House gewesen, als die Terroristen zugeschlagen hatten. »Ich bin mir sicher, dass Miss Frost bald zurück ist.« Sie deutete auf den Sessel vor dem Schreibtisch, doch der Mann schüttelte den Kopf und setzte sich den Hut wieder auf.

»Ein anderes Mal vielleicht. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag, Madam.« Wieder bimmelte das Glöckchen, und die Tür schloss sich hinter ihm.

Helen schaute ihm nach, als er die Straße überquerte und zwischen den Fußgängern verschwand. Ein merkwürdiger Mann, schoss es ihr durch den Kopf, doch sie konnte nicht sagen, was genau sie an ihm störte. Vielleicht seine etwas gestelzte Ausdrucksweise. Oder seine spinnenartigen langen Finger. Für den Moment verspürte sie Erleichterung, dass er nicht beschlossen hatte, auf Miss Frost zu warten, konnte sich jedoch nicht erklären, warum.

Mit der Schulter zuckend wandte sie sich ab und ging zurück in die Küche, um das Malheur mit dem Kuchen zu beseitigen. »Come on, Dodger!«

 

*

 

Ein wenig schade, dass sie nicht zuhause gewesen war, dachte er, als er Leather Lane hinter sich ließ und eine Straße weiter in seine Kutsche stieg. Er hatte nicht direkt vor dem Haus anhalten wollen, denn es war die Kutsche seines Gönners, was ihn sofort verraten hätte. Die menschliche Neugier kannte keine Grenzen, vor allem, wenn eine herrschaftliche Kutsche in einer der ärmeren Gegenden der Stadt anhielt. Selbst in dieser Nebengasse lugten käsige Gesichter hinter Vorhängen hervor und beäugten ihn.

Ach, aber hätte er nur einen Blick auf Nr. 8 werfen können! Mit ihr sprechen, ihre Stimme hören können! Die Aufregung nahm wieder Besitz von ihm und versetzte ihn in eine Hochstimmung, die er seit dem Maskenball, als er sie in der tanzenden Menge entdeckt hatte, nicht mehr verspürt hatte. Nr. 23 war verloren, sein Labor zerstört, doch nun wusste er sein Meisterwerk wieder in greifbarer Nähe.

Es war ein Leichtes gewesen herauszufinden, wer sie war. Sein Gönner hatte mit ihr gesprochen. Sie war es gewesen, die vom Duke of Edinburgh die Medaille für Verdienste am Königshaus verliehen bekommen hatte.

Ein wenig grämte es ihn, dass er die Flucht ergriffen hatte, als die Terroristen das Haus gestürmt hatten. So hatte er nicht miterlebt, wie sie und ihr Partner, ein Amerikaner zweifelhaften Leumunds, die Gäste gerettet hatten. Oh, er war sehr stolz auf sein Werk. Er hatte sie geschaffen.

Aber er war geduldig. Er kannte ihren Namen, wusste, wo sie wohnte und was sie arbeitete. Sie würde ihm nie wieder davonlaufen. Und in der Zwischenzeit konnte er sich ein neues Labor aufbauen, ein besseres, denn mittlerweile war auch sein Gönner eingeweiht und zeigte großes Interesse. Was er tat, war einzig für das Wohl seines Gönners – und sich selbst, natürlich. An Geld mangelte es ihm nicht mehr, seit er damals in seine Dienste getreten war. Sein Gönner hatte seine Experimente entdeckt, doch statt ihn der Polizei zu übergeben, hatte er ihn gebeten weiterzumachen. Er hatte seither freie Hand, obwohl er seine Labors geheim halten musste, zur Sicherheit seines Förderers. Es würde nur dem Business schaden.

Aber es wurde Zeit, das Versteckspiel zu beenden. Das neue Labor wurde bereits nach seinen Wünschen eingerichtet.

Er wollte Nr. 8 genau studieren. Wie hatte sie all die Jahre mit dem mechanischen Herz überlebt? Er hatte ihr weder Instruktionen noch Wartungshinweise geben können, bevor sie geflohen war. Er wusste immer noch nicht, wie sie damals hatte entkommen können. Irgendwie hatte sie überlebt, und er wollte, nein: musste einfach herausfinden, wie. Sie war ein Wunder, sein Wunder. Sie war der Schlüssel zu all seinen Forschungen.

Er klopfte an die Decke der Droschke, das Signal für den Kutscher. Die Pferde zogen an und das Gefährt setzte sich in Bewegung. Die Backsteinhäuser von Holborn zogen vor dem Fenster an ihm vorbei. Ein leises Lächeln schlich sich in sein hageres Gesicht.

Oh, er würde alles über Lydia Frost herausfinden. Er hatte keine Eile.

2.