Frost & Payne - Band 9: Shakespeare im Park - Luzia Pfyl - E-Book
Beschreibung

Die Geschehnisse und Enthüllungen der letzten Tage liegen Lydia Frost noch immer schwer im Magen, als die Polizei vor ihrer Haustür steht: Ihre Haushälterin wird verdächtigt, einen Mann umgebracht zu haben. Insgeheim dankbar für die Ablenkung, macht sich Frost sofort daran, Helens Unschuld zu beweisen. Gemeinsam mit Jackson Payne rekonstruiert sie Helens Abend, bevor sie verschwand. Die Spur führt zur Royal Shakespeare Company und einer Intrige, auf die der Barde selbst sehr stolz gewesen wäre. Währenddessen arbeitet Dr. Baxter wie besessen daran, den mechanischen Armen des Mörders ihre Geheimnisse zu entlocken – gibt er sich doch die Schuld daran, dass Helen nun im Gefängnis sitzt. Dies ist der neunte Band der neuen Steampunk-Serie "Frost & Payne". Da die Reihe aufeinander aufbaut, empfehlen wir, mit dem Auftaktroman, "Die Schlüsselmacherin", zu beginnen.

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Seitenzahl:161

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Table of Contents

»Shakespeare im Park«

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

Vorschau

Seriennews

Glossar

Impressum

Frost & Payne

Band 9

»Shakespeare im Park«

 

 

von Luzia Pfyl

 

1.

 

Vögel zwitscherten und begrüßten den Frühlingsmorgen. Leichter Nebel hing zwischen den Bäumen des Hyde Parks, deren Äste gerade das erste Grün des Jahres zeigten. Der Park lag verlassen so früh am Tag, nur ein paar Fußgänger eilten vereinzelt über die Kieswege, die Kragen ihrer Mäntel gegen die kühle Frische hochgeschlagen.

Ein Constable rüttelte vorsichtig an der Schulter der jungen Frau, die auf einer Parkbank saß und zu schlafen schien. Ihr Kopf lehnte an der Schulter eines jungen Mannes, der merkwürdige Kleidung trug.

Es war nicht gut, wenn Leute mitten im Park auf Bänken schliefen, fand er, schon gar nicht eine respektabel aussehende junge Frau. Ihre Kleider waren zwar nicht hochpreisig, doch sie war garantiert keine Obdachlose.

»Miss?«, fragte er unsicher und berührte noch einmal ihre Schultern. Die Frau sah blass aus, ihre Lippen waren bläulich verfärbt, doch das führte er auf die Kälte zurück. Wenn sie die ganze Nacht hier verbracht hatte, musste sie halb erfroren sein. Ob er nach einer Sanität rufen sollte?

Die Frau stöhnte und regte sich. »Miss?«, fragte er noch einmal, diesmal etwas drängender. »Wachen Sie auf, Miss. Geht es Ihnen gut?«

Der Mann, vermutlich ihr Begleiter, sah ebenso blass aus, aber er rührte sich nicht. Ein wenig bewunderte der Constable ihn dafür, unter den gegebenen Umständen derart tief schlafen zu können.

»Wo bin ich?«, hauchte die Frau und hob den Kopf. Sie blinzelte und runzelte die Stirn.

»Im Hyde Park, Miss. Auf einer Parkbank.« Der Constable kniff die Lippen zusammen. »Wenn Sie möchten, bringe ich Sie nach Hause.«

Sie griff sich an die Stirn. »Wie bin ich hierhergekommen? Ich kann mich nicht erinnern.« Sie hob den Kopf und entdeckte den jungen Mann neben sich. »Wer ist das?«

»Sie kennen Ihn nicht?« Erstaunt hob der Constable die Augenbrauen. Er hatte angenommen, es handelte sich bei den beiden um ein Liebespaar, das die Zeit vergessen hatte und eingeschlafen war.

»Nein …« Wieder runzelte sie die Stirn. »Warum bewegt er sich nicht?«

Der Constable rüttelte nun an der Schulter des Mannes. Der linke Arm, der auf dem Oberschenkel lag, fiel leblos auf die Sitzbank. »Sir?« Der Constable trat näher und beugte sich über ihn. »Wachen Sie auf, Sir. Ich bin Polizist, Sie können nicht hier im Park schlafen.«

Etwas zog seinen Blick an. Das weinrote Jackett, das er unter einem altmodischen Gehrock trug, hatte ein Loch auf Brusthöhe. Er kniff die Augen zusammen und schaute genauer hin.

Ein Schaudern durchfuhr ihn, als er realisierte, dass um das Loch herum getrocknetes Blut klebte. Dieser Mann war tot. Erschossen.

»Was ist mit ihm?«, fragte die junge Frau.

»Sie wissen tatsächlich nicht, wer er ist?«, fragte er zurück und richtete sich wieder auf. Himmel, was machte er nun? Das war das erste Mal, das er eine Leiche fand. Er zog ein Taschentuch aus der Seitentasche seiner Uniform und tupfte sich über die Stirn.

»Ich weiß nicht … ich kann mich nicht erinnern. Ich kann mich nicht erinnern!« Die Frau versuchte aufzustehen, sichtlich erschüttert, verlor jedoch sofort das Gleichgewicht. Der Constable packte gerade noch rechtzeitig ihren Arm und hievte sie zurück auf die Parkbank.

»Wie ist Ihr Name, Madam?«

»Helen. Helen Liddle.« Sie schaute ihn mit verängstigten Augen an. Ihr Atem ging flach, und ihr Blick war unstet. Das, zusammen mit dem gestörten Gleichgewichtssinn oder Schwindel, rührte garantiert nicht von der Kälte und der Nacht auf der Bank. Auch der Gedächtnisverlust war untypisch.

Die Frau rutschte unbewusst von der Leiche weg. Dabei legte ihr Rock einen Gegenstand frei, der halb unter dem Gesäß des Toten lag.

Eine Pistole.

Der Constable atmete tief durch und presste die Lippen zusammen. Er musste seine Arbeit tun, auch wenn es ihn in diesem Moment Überwindung kostete. Er musste sich an das Protokoll halten. »Miss, ich muss Sie bitten hierzubleiben, bis Verstärkung eintrifft.«

»Warum? Ich möchte nach Hause. Mir ist kalt.« Zur Verdeutlichung ihrer Worte schlang sie ihre Arme um den Oberkörper.

»Dieser Mann ist tot. Es tut mir leid, aber ich fürchte, Sie stehen unter Mordverdacht, Miss Liddle.«

 

*

 

Inspektor Jones wartete seit zwei Stunden vor dem Haus von Dr. Frederick Graves. Das war der Name, der als Nächstes auf Manjus Liste stand. Er wusste, dass sie die Namen der Ärzte erst durchstrich, wenn sie den Besuch abgeschlossen hatte – oder einkreiste, falls sie vielversprechend waren. Sie hatte keine Möglichkeit gehabt, den Namen durchzustreichen, denn sie war vorher ermordet worden. Und dieser Mann, der soeben aus dem Haus trat und einer Kutsche winkte, war der Mörder, dessen war Jones sich sicher.

Die Suspendierung vom Murder Squad frustrierte ihn zwar zutiefst, aber noch war er nicht gewillt, seinen Fall, in den er so viel Zeit und Arbeit gesteckt hatte und der seiner Partnerin das Leben gekostet hatte, einfach so aufzugeben. Es gab Mittel und Wege, derer er sich bedienen konnte. Er war nicht auf das Yard angewiesen.

Er stieß sich von der Wand ab und eilte über die Straße. Die zweisitzige Droschke des Doktors fuhr an. Jones winkte einer gerade vorbeifahrenden zweiten und stieg ein. »Folgen Sie dieser Kutsche«, befahl er dem Fahrer und ließ sich in den Sitz fallen.

Er fragte sich, warum Detective Inspektor Jane Frampton und die anderen beiden Inspektoren, denen sie seinen Fall übertragen hatte, den Arzt nicht schon längst als Verdächtigen festgenommen hatten. Es war eindeutig, dass er Manjus Mörder war. Sie hatten die Beweise dafür vor ihren Augen! Sie hatten die Ärzteliste des Medical Councils, die Manju in unermüdlicher Fleißarbeit abgelaufen war. Sie hatte jeden einzelnen Doktor interviewt und ihren Instinkten vertraut, wenn sich einer verdächtig verhalten hatte. Sie hatte eine gute Spürnase bewiesen, als sie den Betrüger fanden, der nur vorgab, ein Arzt zu sein. Doch leider war er nicht der Mann gewesen, der die Kinder ermordet hatte.

Manju war auf den Mörder gestoßen, ohne es zu wissen, und hatte dafür mit ihrem Leben bezahlt.

Jones mahlte mit dem Kiefer. Inkompetente Nichtsnutze! Frampton hätte ihn nicht suspendieren dürfen. Er war der einzige, der alles über den Fall wusste. Ja, er hatte mit der nächtlichen Grabungsaktion, um den mechanischen Arm von einem zwanzig Jahre alten Opfer zu bergen, seinen Job aufs Spiel gesetzt. Aber das war ein einkalkuliertes Risiko gewesen, das er eingegangen war, um den Fall zu lösen. Niemand hatte davon erfahren.

Dass Frampton ihn suspendierte, weil jemand seine Partnerin umgebracht hatte und er dementsprechend handeln wollte, war nicht fair. Es war nicht richtig.

Die Kutsche hielt an, und Jones linste aus dem Fenster. Wie erwartet stieg Dr. Graves vor seiner Praxis aus. Jones zog sein Notizbuch aus der Jacke und notierte sich Uhrzeit und Datum. Er beschattete den Mann erst seit Kurzem, doch sein Bauchgefühl sagte ihm, dass er wie ein Uhrwerk funktionierte. Dieselbe Routine jeden Tag. Das machte es ihm einfach, und es machte den Mann zu einem gewissen Teil berechenbar.

Noch hatte er keine Auffälligkeiten entdeckt, doch das konnte nur noch eine Frage der Zeit sein. Dieser Mann hatte gerade einen Mord begangen, um sein Geheimnis zu schützen. Jones vermutete, dass er sich für eine Weile bedeckt halten würde. Das wäre auf jeden Fall schlau. Er selbst würde es so handhaben.

Er stieg aus und bezahlte den Fahrer. Er schlängelte sich durch den morgendlichen Verkehr über die Straße und stellte sich auf seinen Beobachtungsposten gegenüber dem Haus, in dem die Praxis des Doktors lag. Es war der Eingang in eine schmale Gasse, mehr eine Lücke zwischen zwei Häuserzeilen. Unrat und Müll lagen herum, es stank, die Backsteinwände waren mit alten Plakaten vollgeklebt. Zwischen dem Abfall wuselten Ratten umher, doch solange die ihm nicht das Bein hinaufkrabbelten, störten sie ihn kaum.

Jones hasste diesen Teil der Arbeit. Stundenlanges, tagelanges Beschatten lag ihm nicht. Seine Knochen und Gelenke fingen irgendwann an, steif zu werden, und er spürte sein Alter mehr denn je. Besonders an feuchten, kühlen Morgen wie diesem. Nebelschwaden, kaum als solche nennenswert, hingen über der Stadt wie feinste Seidentücher. Der Himmel darüber war blau, doch die Sonne stand noch nicht hoch genug, um die Feuchtigkeit zu vertreiben.

Ein Omnibus ratterte Dampf ausspuckend an ihm vorbei. Jones drehte den Kopf weg, als ein Schwall dunkler Rauch ihn plötzlich einhüllte. Er hustete. Einer der Nachteile der modernen Technik, schoss es ihm durch den Kopf. Überall war schwarzer Qualm. Überall war dieser Hauch von Asche, der sich als graue Schicht über alles legte. Schon jetzt fürchtete er den Sommer, wenn die Luft heiß war und stagnierte, wenn kein Wind wehte und die Stadt unter einer Glocke aus Smog und Hitze steckte.

Immer wieder war er versucht, zur nahen Aetherkommunikatorzelle zu gehen und Frampton anzurufen, um sie zu fragen, warum sie Dr. Graves noch nicht hatte festnehmen lassen. Doch nie setzte er sein Vorhaben in die Tat um. Er war suspendiert, vom Yard abgeschnitten, man hatte ihm seinen Fall entzogen. Er musste seine Kollegen ihre Arbeit machen lassen.

Wenigstens bis zu einem gewissen Grad.

Er schaute hinauf zur Fensterfront im Hochparterre. Das Licht brannte überall. Er sah die Assistentin des Doktors, eine Matrone mit schütterem Haar, und den spindeldürren Lehrling zwischen den Zimmern hin- und hergehen. Die beiden kannte er bereits. Die einzigen anderen Personen, die mit dem Doktor in der Praxis verkehrten, waren die Patienten.

Der Verdächtige selbst erschien nun an einem der Fenster. Er schaute nachdenklich auf den Verkehr vor dem Haus. Eigentlich sah er aus wie ein ganz gewöhnlicher Londoner: nicht sonderlich wohlhabend, gutbürgerlich, anständige Kleidung, etwas konservativ vielleicht, aber gut geschneidert; Backenbart, Zylinder auf dem Kopf, Gehstock, diesen jedoch mehr zur Zierde.

Gleichwohl ließ sich Jones nicht von seinem harmlosen Äußeren täuschen. Unter der ruhigen Oberfläche schlummerte ein ruchloser Killer.

Jones zog einen Flachmann aus dem Inneren seiner Jacke und nahm einen Schluck. Eigentlich trank er nicht, während er arbeitete, doch offiziell war er kein Polizist mehr. Aber er musste sich auf einen weiteren Tag mühseligen Wartens einstellen. Ein guter Whisky half da immens.

Es war irgendwann kurz nach Mittag, als ein Mann in der marineblauen Uniform der Metropolitan Police Force auf dem Gehweg entlangschlenderte, anscheinend auf einer Runde durch das Viertel. Er schwang seinen schwarzen Schlagstock aus Kautschuk und pfiff ein Liedchen vor sich hin. Jones hob nur kurz den Kopf, als er ihn aus dem Augenwinkel herankommen sah. Es war Sergeant Farnsworth.

»Ich dachte schon, Sie lassen mich hängen«, meinte Jones und richtete sich auf, als der Sergeant in die Gasse schlüpfte.

»Wie geht’s mit der Pensionierung?«

»Suspendierung.«

Sergeant Farnsworth gluckste verhalten. »Sie können Humor immer noch nicht ab, Jones.«

Jones brummte nur und schaute wieder zum Haus hinüber. Farnsworth tat es ihm gleich. »Neuigkeiten aus dem Yard für mich?« Farnsworth war einer der wenigen, die Frampton offen gegenhielten. Jones’ plötzliche Suspendierung hatte für ziemlichen Aufruhr gesorgt.

»Frampton hat angeordnet, dass Ihr Fall für den Moment nicht weiter verfolgt wird.«

»Wie bitte?« Jones fuhr herum. Hatte er gerade richtig gehört?

»Für den Moment, Jones«, versuchte Farnsworth zu beschwichtigen. »Der Mord an Manju hat oberste Priorität. Ihre derart öffentliche Zurschaustellung hat jede Menge Reporter heraufbeschworen.«

»Aber die beiden Fälle hängen doch zusammen!«, knurrte Jones den Sergeant an. Beinahe hätte er den Mann am Kragen gepackt. Wie konnte Frampton so dumm sein, so ignorant? Das war kein Spiel. Sie durfte den Fall der mechanischen Kinder nicht einfach so schleifen lassen, nicht, wenn sie so nah dran waren, ihn endlich aufzuklären.

»Die Wahl zum Commissioner steht sehr bald an, wie Sie wissen, Jones. Frampton will mit Manjus Fall das ganze Yard hinter einer Sache vereinen. Sie wird gewählt werden, darüber sollten Sie sich keine falschen Illusionen machen. Sie hat ziemlich viele Unterstützer, vor allem, seit sie alle Ressourcen zur Aufklärung eines Polizistenmordes aufbietet. Der Bürgermeister wird niemanden ernennen, der das Yard nicht im Griff hat.«

»Und dabei vergisst jeder einfach, dass mein Fall, die mechanischen Kinder, oberste Priorität haben sollte. Der Bürgermeister wird bald Antworten von Frampton fordern. Und die Presse ist gierig darauf, Neuigkeiten zu erfahren.« Die Aasgeier würden sich schon bald wieder darauf stürzen, sobald der Trubel um Manjus Ermordung sich etwas gelegt hatte.

Farnsworth verlagerte das Gewicht auf das andere Bein. »Der Bürgermeister steht angeblich hinter ihrer Entscheidung.«

»Und mir saß er im Nacken deswegen?« Wut schäumte in Jones auf. Das war nicht richtig. Sie durften den Fall nicht einfach so schleifen lassen.

Farnsworth zuckte mit den Schultern. »Alles was ich weiß, ist, dass verschiedene Seiten wohl darauf spekulieren, dass London die Sache vergisst, wenn man einfach nicht darüber spricht, wie vor zwanzig Jahren auch schon.«

Das war noch schlimmer. Wie konnte Frampton es zulassen und vor allem mit ihrem Gewissen vereinbaren, dass ein Serienmörder frei in ihrer Stadt herumlief? Glaubte sie wirklich, dass man die Bürger dieser Stadt ein zweites Mal für dumm verkaufen konnte? Jones wusste, dass ein paar der großen Blätter für das richtige Kleingeld die Sache unter den Tisch fallen lassen würden. Wäre nicht das erste Mal.

Das alles erklärte auch, warum bisher niemand Dr. Graves festgenommen hatte. Sie hatten sich die Liste, die Beweise, nicht einmal angeschaut! Sie waren nicht einmal auf den Gedanken gekommen, dass Manjus Mörder auf der Liste stand, dass er direkt vor ihren Nasen war.

Irgendetwas an der Sache stank gewaltig. »Farnsworth«, sagte er, »tun Sie mir einen Gefallen.« Der Sergeant schaute auf. »Halten Sie mich auf dem Laufenden, was im Yard geschieht. Und behalten Sie die beiden Inspektoren im Auge, die den Mord an Manju aufklären sollen und meinen Fall übernommen haben.«

»Sie glauben, etwas ist faul?«

Deswegen mochte er Farnsworth. »In der Tat. Ich kann nur meinen Finger nicht drauflegen. Frampton führt irgendetwas im Schilde.«

»Sie denken an Korruption.« Farnsworth runzelte die Stirn. Die Sache gefiel ihm augenscheinlich nicht.

»Korruption ist immer ein Thema im Yard, Sergeant. Constables, die ihren mickrigen Lohn etwas aufbessern wollen. Leute, die beide Augen zudrücken.« Vor einigen Jahren hatte es Versuche gegeben, den Filz auszumerzen und die Polizisten, die Dreck am Stecken hatten, zu entlassen, doch es war ein Fass ohne Boden, und irgendwann hatte man aufgegeben. Zudem hatte Commissioner Lovett es sich nicht leisten können, derart viele Polizeibeamte zu entlassen. Das Yard hatte schon immer Personalmangel gehabt, aber eine derartige Entlassungswelle hätte Chaos in London ausbrechen lassen.

Er wollte nicht sagen, dass Frampton korrupt war, nein. Dafür war sie viel zu ehrgeizig und dem ungeschriebenen Ehrenkodex der Polizei verpflichtet. Aber irgendetwas war im Gange im Yard. Und Sergeant Farnsworth war im Moment seine einzige Möglichkeit, eine Informationsquelle in Inneren zu haben.

Farnsworth nickte und griff grüßend an seinen Bowler-Hut. »Ich werde die Augen offenhalten, Inspektor.«

»Danke.«

Damit ging der Sergeant davon. Jones schaute ihm nach, wie er den Gehsteig entlangschlenderte, als wäre er nie bei ihm in der Gasse gewesen. Er nahm einen weiteren Schluck aus dem Flachmann und richtete seinen Blick wieder auf das Haus des Doktors.

2.

 

36 Stunden zuvor

 

»Sehen Sie sich an, was man meinem armen Jungen angetan hat!« Mrs. Cassidy fing an, David aus der Jacke zu helfen. Dann knöpfte sie sein Hemd auf. Der Junge schaute dabei auf den Boden, als würde er sich schämen.

Metall blitzte auf, als das Hemd über die rechte Schulter glitt. Hätte Frosts Herz mehrere Schläge aussetzen können, so hätte es das getan. Sie vergaß zu atmen.

David Cassidy stand vor ihr, den Oberkörper halb entblößt, mit hervorstehenden Rippen und blauen Flecken – und einem Arm aus Metall.

Frost fühlte sich, als hätte man sie in Watte gepackt. Ihr schwindelte, und in ihren Ohren rauschte ihr dumpfer Puls.

Das konnte nicht sein, oder? Der Junge hatte einen mechanischen Arm. Solche Zufälle gab es nicht. Das war absurd. Jemand spielte ihr einen grausamen Streich.

War sie überhaupt wach? Vielleicht war sie über den Rechnungen am Schreibtisch eingeschlafen. Vielleicht war das alles hier nur ein böser Traum. Sie hatte viele Albträume, seit sie Shen Renshou erschossen hatte. Vielleicht war das nur eine neue Form. Nicht mehr der Raum, der sich langsam mit Blut füllte, sondern einer der toten Jugendlichen, die sie nun verfolgten.

Vielleicht hatte der Besuch des Mörders sie noch ein Stückchen näher an den Abgrund geschoben, und sie wurde langsam aber sicher einfach verrückt?

Atme, atme!, drängte eine Stimme in ihrem Kopf. Frost machte einen Schritt zurück, stieß gegen den Schreibtisch und klammerte sich an die Tischkante. Sie zitterte am ganzen Leib. Bemerkte, dass Mrs. Cassidy sie merkwürdig ansah.

Atme, ein und aus, genau so. Langsam verschwand die Watte, der Schwindel ließ nach. Ihr Blick fokussierte sich wieder auf den Jungen. David, sein Name war David.

»Alles in Ordnung bei Ihnen, Miss Frost?«, fragte Mrs. Cassidy besorgt. Sie verstand ihre Reaktion nicht.

Frost nickte und suchte nach Worten. Was sollte sie nun tun? Gerade erst war er hier gewesen, hatte ihr eröffnet, dass sie selbst eines seiner Experimente war, hatte ihr gedroht und ihr zu verstehen gegeben, dass sie nichts gegen ihn unternehmen konnte, wollte sie vermeiden, dass er ihren Freunden Schaden zufügte.

Und jetzt stand dieser Junge in ihrem Büro, ein Überlebender seiner Experimente. Er war ihr praktisch in den Schoss gefallen. Verdammt, das Schicksal, wenn es denn so etwas gab, spielte wohl gern grausame Streiche.

Moment, denk nach, drängte die Stimme. Du hast das Tagebuch. Du weißt, wer der Mörder ist. Und jetzt hast du diesen Jungen. Vielleicht kann er nützlich sein. Vielleicht gibt es einen Ausweg oder eine Möglichkeit, das Spiel umzudrehen.

Frosts Körper entspannte sich langsam, und ein Lächeln zuckte an ihren Mundwinkeln. Oh, das war gut. Sie konnte das Spielchen umkehren. Was er konnte, konnte sie schon lange.

»Danke, Mrs. Cassidy«, sagte sie und löste sich von der Tischkante. »Sie können ihm das Hemd wieder anziehen. Ich glaube Ihnen.«

»Ich hatte recht«, erwiderte Mrs. Cassidy zufrieden, während sie David das Hemd überstreifte. »Oh, mein armer Junge!«

Frost beobachtete das Gesicht von David. Er schaute immer noch auf den Boden, als schämte er sich für seinen Arm oder für das, was man ihm angetan hatte. »David, willst du uns erzählen, was passiert ist?«, fragte sie sanft.

David blieb stumm.

»Er will nichts erzählen, Miss Frost«, beeilte sich Mrs. Cassidy zu sagen. »So sehr ich ihn auch dazu ermuntere. Er sagt kein Wort.«

Frost bemerkte, wie sie Davids gesunden Arm umklammerte, als fürchte sie, ihn jeden Moment wieder zu verlieren. Verständlich, aber so übertrug sie auch ihre Ängste auf den Jungen. Sie erdrückte ihn regelrecht mit ihren Sorgen. »Warum gehen Sie nicht zu Helen in die Küche, Mrs. Cassidy, und lassen sich von ihr einen Tee zubereiten?«

»Ich weiß nicht …« Sie schaute besorgt zu ihrem Sohn.

»Ich passe auf ihn auf, versprochen.«

Mrs. Cassidy gab nach und ließ endlich von seinem Arm ab. Sie klopfte zögerlich an die halb offenstehende Küchentür und trat ein. Frost eilte ihr hinterher und schloss die Tür, damit sie mit David alleine war.

Sie setzte sich hinter den Schreibtisch. »Komm, setz dich.« David kam der Aufforderung langsam nach, doch noch immer wich er ihrem Blick aus. Was ging in ihm vor? Was hatte er durchgemacht, dass er in einem derart desolaten Zustand war?

Frost bemerkte, dass sie nervös war. Sie musste irgendwie das Eis brechen, um ihn zum Reden zu bringen. Da erinnerte sie sich an die Bonbons, die sie in einer der Schubladen aufbewahrte. Sie holte die kleine Schale heraus und stellte sie auf den Tisch. »Magst du Süßigkeiten?«