Verlag: neobooks Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Frostbiss - Julia Mayer

Die Liebe klopft immer bei jenen an, die sie am wenigsten erwarten. Dörte wusste nicht, dass ihr etwas fehlt, bis eine neue Schülerin in ihre Klasse kommt. Philippa ist schweigsam, unabhängig und bringt Dörtes Gefühlswelt durcheinander. Doch der zarten Liebe der zwei Mädchen stehen traditionelle Werte und persönliche Ängste im Weg. Wird es ihnen gelingen, diese zu überwinden? "Frostbiss" Ein Roman über die erste Jugendliebe, Geduld und die Verantwortung, mit Herzen nicht zu spielen.

Meinungen über das E-Book Frostbiss - Julia Mayer

E-Book-Leseprobe Frostbiss - Julia Mayer

Lektorat: Katja Kargel

(c) Cover made by Julia Mayer

Mit freundlicher Unterstützung von Verena Krasemann, Fabian Mayer und den Mitgliedern des "Pooly's Kunst- und Schreibforum"s

Pictures, Textures & Brushes used:

(c) Marielle Perikly Kokosidou

http://mouritsada-stock.deviantart.com/

Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen, Orte und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind Zufall.

Erstes Buch:

Achterbahn

Kapitel 1

Asymmetrie

Mit dem Herbstwind kommt eine neue Schülerin in unsere Klasse. Es ist Ende Oktober, wir basteln im Kunst-Unterricht Herbstcollagen, es ist kälter und dunkler und ich tausche meine leichten Herbstschuhe gegen gefütterte Winterstiefel aus.

Eine Woche vorher ist die neue Schülerin, die mitten im Jahr auf unsere Schule wechseln soll, von Herrn Liebholdt angekündigt worden. Den Grund haben wir nicht erfahren, egal welchen Lehrer wir um Informationen angebettelt haben. Wir haben lediglich erfahren, dass es sich um ein Mädchen in unserem Alter handeln soll, das vom Rostocker Käthe-Kollwitz-Gymnasium an unser Gymnasium in Altenfels wechselt.

Dieser Wechsel muss ein ziemlicher Kulturschock sein, schätze ich. Meine Vermutung ist, dass ihre Eltern die Stadt satt haben oder vielleicht aus beruflichen Gründen auf‘s Land ziehen müssen. Als Kind bleibt einem wohl nicht viel übrig, als mitzuziehen, ob man nun will, oder nicht.

In den ersten Tagen nach der Ankündigung hat sich die ganze 11b des Albrecht-Dürer-Gymnasiums vorgestellt, um was für eine Art Mädchen es sich handeln würde. Die Jungs haben auf eine vollbusige Blondine gehofft, oder eine rassige Latina, während wir Mädchen etwas mürrisch reagiert haben. Ein neuer Kerl, das wär‘s gewesen! Der hätte etwas Schwung in die Klasse mit dem größten Mädchenanteil der ganzen Schule gebracht.

Ich habe schon gar nicht mehr an die neue Schülerin gedacht, als sie am nächsten Montag plötzlich in der Klasse sitzt. Anscheinend hat ihr Viktor, der stets als Erster in der Schule antanzt, bereits einen der leeren Plätze zugewiesen. Links, erste Reihe, direkt am Fenster. Es ist die einzige Bank, die komplett frei ist, sonst hätte sie neben jemandem sitzen müssen.

Ich gehöre zu Denjenigen, die erst kurz vor dem Klingeln zum Unterrichtsbeginn auftauchen. Gestresst und verschwitzt durch den Sprint vom Schülerparkplatz bis zum Klassenzimmer. Meine Lungen brennen und ich bemerke die Neue erst, als ich mich neben Uli gesetzt und meine Federtasche hervorgekramt habe. Mein Tisch befindet sich direkt hinter ihrem und normalerweise habe ich freien Blick nach vorn. Irritiert halte ich inne und meine Bewegungen erlahmen. Da sie in der ersten Reihe sitzt, muss sie sich schräg zur Tafel drehen und ich kann ihr Profil betrachten.

Die neue Schülerin ist blass wie ein Geist und ihre langen, mittelblonden Haare schlagen über ihrem hochgeschlagenen Kragen Wellen. Ihr starrer Blick ist auf die Tafel gerichtet und sie hält die Arme schützend vor ihrer Brust verschränkt, wie jemand, der ungeduldig auf einen Kunden wartet.

Uli beugt sich zu mir.

»Das ist die Neue«, flüstert sie überflüssigerweise und grinst mir zu. »Sie heißt Philippa Stern, oder so. Sterner? Weiß nicht genau.«

Vermutlich kann sie uns hören, schließlich sitzen wir direkt hinter ihr, aber selbst wenn, lässt sich die Neue nichts anmerken. Ich streiche mir meine eigenen, dunklen Haare aus der Stirn und zucke mit den Schultern. Die ganze Klasse scheint diese Philippa zu beobachten. Manche unverhohlener als andere. Ich bin noch nicht ganz wach, sonst hätte ich mich daran erinnert, dass sie heute kommen sollte.

Eine neue Schülerin bedeutet, eine weitere Chance zu erhalten, jemanden kennenzulernen, der irgendetwas Interessantes auf den Tisch bringt. Eine neue Person, vielleicht jemand, mit dem man in den Pausen heimlich Zigaretten rauchen oder mit der man sich ganz neu erfinden kann.

Aber diese Philippa wirkt so unscheinbar, als hätte jemand ein weißes Papier vor mir ausgebreitet. Ihr Gesicht ist zart, mit einer weichen Stupsnase, aber blass wie ein Laken. Die Bluse wirft Falten an ihren Schultern. Der Rest an ihr ist nicht anders als bei allen anderen. Mit der Ausnahme vielleicht, dass sie uns ignoriert und an nichts und niemandem Interesse zeigt.

Diese Vermutung meinerseits unterstreicht sich, als Uli mir einen Zettel rüberschiebt, auf den sie hastig gekritzelt hat:

Viktor meint, sie hätte außer ihrem Namen noch keinen Ton gesagt. Chrissie hat sich vorhin neben sie gesetzt – voll Streber, LOL – aber die hat sie voll abblitzen lassen.

Ich will gerade etwas zurückschreiben, doch genau in diesem Augenblick betritt Herr Kleinberg den Raum und ich schiebe Ulis Zettel unter meinen Hefter, damit unser Mathelehrer ihn nicht sieht. Darauf reagiert er quasi allergisch. Meine Hände bette ich im Schoß und versuche, mich auf den Unterrichtsstoff zu konzentrieren.

Im Laufe der Stunde schweift mein Blick ab und an zu der Neuen, die sich nicht am Unterricht beteiligt. In Ruhe schreibt sie die Formeln von der Tafel ab, aber sie meldet sich nie und wird auch von Herrn Kleinberg vorerst in Ruhe gelassen.

In der Zeit, in der wir anderen etwas herumspinnen, quatschen oder heimlich unterm Tisch auf unsere Smartphones schauen, starrt sie aus dem Fenster. Die Arme hält sie vor dem Bauch verschränkt und in ihrem Gesicht regt sich, soweit ich das sehen kann, nichts. In den Pausen verlässt sie den Klassenraum und kehrt erst kurz vorm Klingeln wieder zurück, ohne ein Wort mit jemandem zu wechseln. Auch in der großen Pause ist sie nirgends zu finden. Kontakt scheint sie keinen zu suchen.

Spätestens am Ende des Tages hält die Klasse sie für sonderbar. Ich selbst weiß nicht so recht, wie ich sie einschätzen soll und es widerstrebt mir, sie gleich derart abzustempeln, bloß weil sie nicht kontaktfreudig ist.

Wer weiß, was dahinter steckt? Meine Meinung behalte ich jedoch lieber für mich und lausche stattdessen den kursierenden Gerüchten. Alle fragen sich, warum sie hier hergezogen ist. Von »Sie wurde bestimmt gemobbt« über »Vermutlich schlechte Noten« bis hin zu »Die sieht eher selbstmordgefährdet aus. Voll das Opfer« ist wirklich alles an voreiligen Meinungen vertreten. Besonders sensibel ist hier keiner; sie kann uns ja nicht hören und wir »machen ja nur Spaß«. Jedenfalls reden sich das die anderen ein.

Obwohl ich das nicht mag, habe ich noch nie etwas dagegen gesagt. Ich hatte als Kind Schwierigkeiten damit, Freundschaften zu schließen. Das hat sich erst geändert, als ich Uli als Freundin dazugewonnen habe und etwas selbstbewusster wurde. Seitdem habe ich keine Probleme mehr damit, aber es fällt mir schwer, andere für das, was ich selbst am eigenen Leib zu spüren bekommen habe, zu verurteilen.

Ich fürchte, dass ich selbst zum Opfer von Spötteleien werde, wenn ich mich einmische. Spontan fallen mir einige Sätze ein, die andere schon zu hören bekommen haben und vor denen ich mich besonders fürchte: »Hältst dich wohl für was Besseres als uns, was?« und »Wir machen doch nur Spaß, jetzt nimm das doch nicht so ernst« oder »Tut doch keinem weh.«

Ich habe solche Angst davor, allein dazustehen, dass ich einfach meinen Widerwillen verschweige und darauf warte, unauffällig das Thema wechseln zu können.

Erleichterung durchströmt mich, als es endlich zur letzten Stunde klingelt und ich mir meine Tasche und meine Jacke schnappen und mich zum Schülerparkplatz begeben kann. Meine Eltern haben mir zu meinem Geburtstag vor zweieinhalb Monaten einen kleinen schwarzen VW geschenkt, mit dem ich zur Schule und wieder zurück fahre und am Wochenende spiele ich auch gerne mal den Fahrer, wenn ich mit Uli und ein paar Freunden in die Hermsberger Diskothek fahren möchte.

Vom Gymnasium bis nach Hause, bin ich knapp zwölf Minuten unterwegs. Wir wohnen in einer der schickeren Wohngegenden, in einem schmalen Stadthaus mit schneeweißem Teppich im Wohnzimmer und blank polierten Holzmöbeln. Meine Mutter arbeitet als oberste Krankenschwester im Hermsberger Krankenhaus und mein Vater ist Anwalt in einer renommierten Kanzlei.

Mein Großvater war ein sehr bekannter Schriftsteller und hat meinen Vater zum Alleinerben seiner Machenschaften bestimmt. Dadurch wurde uns ein sehr gehobener Lebensstandard ermöglicht, der mir ab und an regelrecht peinlich ist.

Die Schüler mit gut betuchten Eltern können am Gymnasium an einer Hand abgezählt werden und mir ist es sehr unangenehm, wenn mich einer meiner Mitschüler darauf anspricht, als könnte ich irgendetwas dafür. Sicherlich ist es kein Nachteil und ich weiß die Vorteile, die ich besitze, durchaus zu schätzen. Aber ich weiß nicht, wie ich darauf reagieren soll, wenn ein Klassenkamerad mich fragt, wie das eigentlich so ist, »alles in den Arsch geschoben zu bekommen«.

Das geht so weit, dass ich meine Anziehsachen in preiswerten Klamottenläden kaufe und die teuren Katalog- und Boutique-Sachen daheim im Schrank lasse und für Anlässe aufhebe, in denen ich irgendeinen Bekannten oder Kollegen meiner Eltern beeindrucken muss.

Kurz bevor ich vom Augustiner-Ring auf die ruhigeren Nebenstraßen wechsle, sehe ich Philippa, die Neue. Sie strampelt auf ihrem Fahrrad gegen den kühlen Spätherbstwind an, mit roter Nase und hinter sich herflatternden Haaren. Ich starre ihr hinterher und nehme aus Versehen die Kurve zu eng. Ein Fußgänger tritt auf die Straße, ich bremse und reiße das Lenkrad herum. Als sich mein Herzschlag wieder beruhigt hat, blicke ich in den Rückspiegel, aber Philippa ist bereits wieder verschwunden und bis auf das Fluchen des Fußgängers, der beiseite springen musste, stört nichts die alltägliche Stille.

Zuhause stelle ich das Auto in die Auffahrt und schleppe meine Tasche und mich selbst ins Haus. Meine Eltern sind noch nicht von der Arbeit zurück. Das Haus ist leer und die Fliesen sind kalt.

Ich stelle die Heizungen in Flur und Wohnzimmer höher und pelle mich aus meiner Herbstjacke. Meine Nase juckt ein wenig, als es langsam wärmer wird, und meine feuchten Haarspitzen kitzeln an meinem Kinn. Im Spiegel überprüfe ich meinen lockigen, dunklen Bob und nehme dann die Tasche, um mich in meinem Zimmer zu verkriechen. Zimmer ist vielleicht nicht das richtige Wort, denn eigentlich gehört mir die ganze obere Etage. Sie ist etwas schmaler als die Untere mit dem großzügigen Wohnzimmer, der Küche, dem Esszimmer, einem Badezimmer und dem Schlafzimmer meiner Eltern.

Ich besitze ein großes Schlafzimmer, das von einem großen, bodennahen Bett dominiert wird. Doch die Attraktion des Raumes ist die große Fensterfront, durch die ich direkt in den gut gepflegten Garten blicken kann. Zu dieser Jahreszeit blicke ich also von morgens bis abends auf das Bunt des Herbstes: Große Laubbäume und zwei majestätische Schwarzkiefern säumen den Sandpfad, der zu unserer Freiterasse führt, die zu dieser Jahreszeit nicht mehr genutzt wird. Dafür ist das Wetter zu nass und zu unberechenbar.

Mein Schreibtisch und die Regale, in denen sich Bücher und Filme gleichermaßen durcheinander stapeln, stehen im zweiten Zimmer der Etage: Dem Atelier. Das ist theoretisch nicht mein persönlicher Bereich, aber da meine Mutter bereits vor einigen Jahren ganz aufgehört hat, an ihrer Staffelei zu malen und mein Vater sich nicht für Kunst interessiert, habe ich mir das Atelier vor ungefähr einem Jahr zu Eigen gemacht.

Von meinem Weihnachtsgeld habe ich mir eine große, dunkle Ledercouch gekauft und einen indischen Beistelltisch aus Palisander dazu gestellt.

Auch das Atelier besitzt große Fenster, aber diese ermöglichen einen Blick in die Nachbarschaft und auf die Hammelmauer. Meine Mutter hat dies immer gestört, aber ich finde es nicht schlimm, denn vor allem bei Nacht bietet Altenfels einen schönen Anblick. Die Stadt ist nicht zu klein, aber auch nicht besonders groß. Es herrscht eine angenehme Atmosphäre. Die meisten kennen sich, oder glauben einander zu kennen, und ich kann genau sagen, welcher meiner Mitschüler wo wohnt.

Ich frage mich, wo Philippa mit ihrer Familie wohl lebt und stelle mir vor, wie sie mit ihrer feinen Bluse und dem weichen, blassen Gesicht bei uns im Wohnzimmer steht. Sie sieht aus wie ein Engel, sie würde vermutlich besser in meine Familie passen als ich.

Meine Mutter färbt sich die Haare bei einem teuren Friseur in Hermsberg blond und mein Vater war stets ein Strahlemann, mit schlohweißem Haar und geraden, perfekten Zähnen. Ich bin eher kümmerlich geraten, denn ich bin das genaue Abbild meiner Großmutter mütterlicherseits: Klein, dunkle Locken und braune, unscheinbare Augen. Ich gehe in Bildern unter, weil ich so normal aussehe.

Meinen Eltern passiert sowas nicht — schon gar nicht meiner Mutter. Dabei ist sie genauso groß wie ich, aber vielleicht ist es ihr Charakter – die Autorität – die ihr ein sehr intensives Auftreten ermöglicht. Sie ist eine sehr starke Person und ich kenne niemanden, der sie nicht bewundert oder zumindest Respekt, wenn nicht sogar Furcht, vor ihr hat.

Manchmal fühle ich mich etwas fremd in meiner eigenen Familie, aber ich glaube, das geht jedem Pubertierenden so. Wobei ich mit meinen achtzehn Jahren wohl nicht mehr als pubertär durchgehe, sondern eher als »emotional schwierig«.

Nachdem ich mir eine To-Do-Liste gemacht habe, auf der ich »Hausaufgaben« doppelt unterstrichen und mit Neon-Marker hervorgehoben habe, schmeiße ich mich im Atelier auf‘s Sofa und lese. Ich nehme mir ganz fest vor, in einer halben Stunde spätestens mit den Hausaufgaben anzufangen und danach vielleicht auch noch mein Bett zu machen und einmal Staub zu saugen, aber so wie eh und je lese ich, bis der Himmel sich dunkelblau verfärbt und die Sonne entschwindet.

Das Klappern der Tür reißt mich aus den Seiten meines Buches und in die Realität. Vermutlich ist mein Vater wieder da. Mama hat, soweit ich weiß, Spätschicht im Krankenhaus und somit werde ich sie heute nicht mehr zu Gesicht bekommen. Tatsächlich ist es mein Papa, der im Flur seine Schlüssel ans Brett und seinen Mantel an die Garderobe hängt.

»Hey. Wie war die Arbeit?« Ich beuge mich am Treppengeländer nach unten und winke Papa zu.

»Och, eigentlich ganz gut«, brummt er und widmet sich seinen Schnürsenkeln.

»Die Schule war auch gut«, sage ich und steige langsam die Treppe hinab. Ich weiß, dass er nicht gefragt hat und vielleicht weiß mein Vater das auch, aber er ist eben ein vielbeschäftigter Mann. Wenn man sich erst einmal an oft abwesende Elternteile gewöhnt hat, wundert einen gar nichts mehr, denke ich und schiebe die Hände in meine Hosentaschen.

Eigentlich bin ich gar nicht traurig darüber. Ich weiß lediglich, dass ich es sein sollte. Dass ich meine Eltern anflehen sollte, mit mir zu reden, mir auch einmal aktiv zuzuhören und mehr Zeit mit mir zu verbringen. Aber ich möchte das gar nicht. Ich weiß, dass sie mich lieben, weil sie mir das auch sagen. Aber irgendwie sind sie, genau wie ich, nicht besonders warme Personen.

Ich drücke meinem Vater flüchtig einen Kuss auf die Wange und erhasche ein schmales Lächeln, bevor er in die Küche schlurft und sich etwas zu trinken holt.

Mehr Interaktion ist in diesem Augenblick weder nötig, noch möglich. Ich habe nicht viel zu erzählen – sicherlich interessiert ihn die neue Schülerin nicht – und ich habe auch Hausaufgaben zu erledigen. Ich warte noch, bis er sich den Fernseher angeschaltet hat und steige dann wieder die Treppe hinauf und begebe mich zurück ins Atelier.

Vermutlich geht es den meisten Schülern genauso wie mir: Es gibt tausend wichtigere Dinge, als die Hausaufgaben zu machen. Ich für meinen Teil würde sogar lieber ungelernt an einem Gehirn operieren oder als Zeugin in einem Mordprozess aussagen, als meine Hausaugaben zu machen.

Meine Eltern jedoch erwarten gute Noten und ehrlich gesagt habe ich auch einen hohen Anspruch an mich selbst, sodass ich mich meist zwanghaft überwinde und mich doch hinsetze, büffle und Aufsätze schreibe.

Meine Eltern wollen unbedingt, dass ich studieren gehe und später einen guten, wenn möglich wichtigen, Beruf ergreife. Ich für meinen Teil weiß nicht, was ich überhaupt studieren soll. Die Zukunft ist vor meinen Augen eine feste Gewitterwolkenwand. Ich bin als Schülerin gut genug, um bei den Klausuren nicht negativ aufzufallen. Aber vermutlich haben meine Eltern recht und ich könnte mehr aus mir herausholen, wenn ich mich nur anstrengen würde.

Was ich mich frage, ist, wozu ich das eigentlich mache. Was erwarte ich vom Leben? Und solange diese Frage mich quält, fehlt mir schlichtweg die Motivation, mich mehr als unbedingt notwendig anzustrengen.

Nachdem ich meine Hausaufgaben schließlich erledigt habe, sauge ich noch schnell mein Zimmer durch und augenblicklich hebt sich meine Stimmung. Ich zeichne an meinem Schreibtisch, surfe im Netz und schaue mir eine Episode Modern Family an, bevor ich mich schließlich bettfertig mache und mit meinem Buch und einem heißen Tee ins Bett krabble.

Wie üblich kontrolliere ich, ob mein Wecker gestellt ist, dann widme ich mich den Seiten und lese, bis mir die Augen zufallen und das Buch unbeachtet zur Seite sackt.

Kapitel 2Einsamer Wolf

Ich bin jemand, der sein Wochenende lieber daheim verbringt, sich durch die Kochbücher seiner Eltern arbeitet und eventuell ein paar Blumen umtopft. Doch ab und an verabrede ich mich auch mit Uli und wir gehen zusammen durch die Einkaufsstraße von Altenfels. Wir beginnen in dem kleinen Café an der Ecke, trinken dort einen Kaffee, arbeiten uns schließlich durch Nanu Nana, TK Maxx und Rossmann. Im H&M stöbern wir etwas länger. Wenn uns langweilig wird, schminken wir uns im Rossmann mit den Testern um oder trinken noch einen Kaffee.

An diesem Wochenende treffen wir uns im Kino und sehen uns den neuen Tom-Hardy-Film an. Danach shoppen wir ein wenig, auch wenn ich lieber wieder nach Hause gehen würde. Ich bekämpfe den Drang, indem ich mir einen Roman im Buchladen kaufe. Uli interessiert sich nicht sonderlich für Bücher, sondern eher für Filme. Ich schätze, es gibt kaum einen Film, in dem sie nicht mindestens einen Schauspieler beim Namen kennt. Manchmal schmeißt sie sogar noch Geburtsdatum und Lieblingsfarbe hinterher und meint, wenn ich überrascht reagiere, dass das doch jeder wüsste.

Irgendwann kommen wir auf die Schule zu sprechen und natürlich ist momentan kein Thema so heiß umstritten wie die neue Mitschülerin. Es reicht nicht, sich in der Schule das Maul über sie zu zerreißen, nein, Uli ist von dem Thema ebenso besessen wie der Rest der Klasse.

Ich muss zugeben, dass Philippa es auch niemandem leicht macht, sie kennenzulernen. Noch immer hat sie nicht mehr als ein oder zwei Worte gesprochen und das auch nur, wenn jemand sie direkt gefragt hat. Auf mich wirkt sie nicht arrogant, sondern eher defensiv, aber es stößt auf keine gute Resonanz bei unseren Mitschülern, die sich von ihr ignoriert fühlen. Zudem gehen mehr und mehr Gerüchte herum – ganz nach dem Motto: »Wenn du nichts von dir Preis geben willst, erfinden wir eben unsere eigenen Geschichten.«

Jaqueline erzählte zum Beispiel, dass Philippa Bulemikerin wäre und sich angeblich jede Pause übergeben müsste. Im Sportunterricht behauptete Melanie, gesehen zu haben, dass Philippa ihren Slip durchgeblutet hätte. Andere halten sie einfach für einen Snob. Die seltsamsten Gerüchte sind aber, dass sie kaum deutsch spricht und deswegen den Mund hält. Etwas, von dem ich mir ziemlich sicher bin, dass es nicht der Fall ist. Aber selbst wenn, wüsste ich nicht, was daran so skandalös sein sollte.

Am Wochenende jedoch erzählt mir Uli etwas, das ich noch von niemandem gehört habe und von dem außer ihr auch noch keiner weiß.

»Ich arbeite doch nebenbei im Netto als Aushilfe, ja? Da war sie einkaufen. Mit einem Baby. Und sie hat mit dem geredet, auf deutsch und alles. Hat lauter Zeugs gekauft, hauptsächlich für Babys, aber auch normale Lebensmittel. Ziemlich viel sogar. Meinst du, das war ihr Kind? Vielleicht hält sie sich deshalb für was Besseres. Von wegen Reife und so. Das würde zumindest erklären, warum sie an unsere Schule gewechselt ist. Hat vermutlich das Kind bekommen, ist in den Mutterschutz gegangen und danach wollte sie nicht mehr an die gleiche Schule. Macht doch Sinn, oder?«

Ich versuche mir Philippa mit einem Baby auf dem Arm vorzustellen und muss unweigerlich grinsen. Vielleicht ist es ja wahr, auch wenn ich das nicht wirklich glauben kann. So etwas passiert doch höchstens in einer Soap, aber nicht hier bei uns in Altenfels.

»Hallo? Dörte? Hörst du mir noch zu?« Uli wedelt mit der Hand vor meinen Augen umher.

»Ja, ja«, beeile ich mich zu sagen. »Keine Ahnung ob das stimmt. Sicherlich wäre es ‘ne Möglichkeit.« Ich zögere und beschließe, diesmal meine ehrliche Meinung zu sagen. »Vielleicht ist das aber auch nur ihr Geschwisterchen?«

»Hm, warum sollte sie denn dann einkaufen und das Baby mit sich rumschleppen? Ist das nicht Mama-Zeugs?« Uli streicht sich das lange, braune Haar aus der Stirn und wirft mir aus ihren perfekt geschminkten Augen einen Blick zu.

»Wer weiß, ich hab ja keine Geschwister.«

»Also bei uns ist das nicht so gewesen«, schnaubt Uli. »Das ist doch nicht normal.« Sie hat zwei ältere Brüder, die bereits auf die Uni gehen und ich schätze, dass sie mehr Ahnung hat als ich. Zumindest, was das angeht.

»Hat sie dich erkannt? Oder stand sie nicht bei dir an der Kasse?«

»Doch, doch, sie war an meiner Kasse. Schwer zu sagen, hm, ob sie mich erkannt hat. Jedenfalls hat sie sich nichts anmerken lassen.«

Wir reden noch ein wenig darüber, aber es tun sich keine neuen Erkenntnisse auf. Als ich wieder nach Hause zurückkehre, mit meinem neuen Buch in der Tasche, bin ich erschöpft. Meine Gedanken kreisen wieder um Philippa. Ich selbst habe noch nicht versucht, mit ihr zu reden, denn ich will mich nicht aufdrängen. Schon gar nicht jemandem, der anscheinend nichts mit seinen Klassenkameraden zu tun haben möchte.

Was soll ich ihr auch sagen?

»Hi, ich bin Dörte. Hast du ein Kind?« Der Gedanke, dass sich dieses Gerücht in der Schule verbreiten könnte, macht mich unruhig. Kurzerhand schreibe ich Uli noch eine Nachricht bei Whatsapp und bitte sie darum, es nicht herumzuerzählen. Wir wissen nicht, ob es wahr ist, und ich möchte die Gerüchteküche nicht anheizen. Sie stimmt zu und ich glaube ihr, dass sie ihr Versprechen hält. Uli ist eigentlich eine sehr zuverlässige Person, sie steht eben nur ziemlich auf Tratsch.

In der nächsten Woche ist von dem Gerücht tatsächlich nichts zu hören und ich bin erleichtert, dass Uli tatsächlich ihr Wort gehalten hat. Ganz so sicher wie ich gedacht hatte, war ich mir wohl doch nicht gewesen.

Als Uli am Freitag krank ist, werde ich kurzerhand im Kunstunterricht mit Philippa in ein Team gesteckt. Wir sollen zu zweit ein Werk malen, das am ehesten unserem Charakter entspricht. Und zwar ist jeder für eine Hälfte des Gemäldes verantwortlich, nämlich die seines Partners. Er soll so gut wie möglich die Persönlichkeit des anderen einfangen und auf einer der Seiten verewiglichen. Aber in der Mitte sollten die einzelnen Bilder aufeinandertreffen, und man sollte Gemeinsamkeiten finden und sehen, inwiefern man ein harmonisches Gemälde mit zwei Künstlern gestalten kann.

Es ist klar, dass es sich um eine Aufgabe handelt, die ein gewisses Maß an Abstimmung und auch mehrere Arbeitsstunden erfordert. Umso nervöser bin ich, als ich mich neben Philippa niederlasse und meine Mappe an der Seite des Tisches abstelle.

»Hi«, sage ich.

»Hi«, antwortet sie, ohne ihre Miene zu verziehen. Ich versuche es mit einem Lächeln, doch sie schaut schnell weg und starrt aus dem Fenster, bis Frau Liebholdt — unsere Kunstlehrerin und Ehefrau unseres Mathelehrers — den Malkarton austeilt. Jede Sitzbank bekommt ein großes A2-Blatt, das sie je nach Belieben vertikal oder horizontal aufteilen können.

»Keine leichte Aufgabe, oder?«, frage ich und versuche mich an einem lustigen, lockeren Ton. Dabei bin ich ziemlich verkrampft und sogar ein wenig ärgerlich, dass Uli nicht da ist. Sonst würde ich mich nicht in dieser Situation befinden und mich dazu gezwungen sehen, mit einem Mädchen die wohl unangenehmste Aufgabe im Kunstunterricht aller Zeiten zu erledigen, das Smalltalk über alles zu hassen scheint.

»Wieso?«, fragt Philippa trocken und ich spüre, wie sich meine Kehle zuschnürt und ein seltsam affektiertes, peinlich berührtes Hüsteln aus mir heraus bricht.

»Ehm, weil … Nun ja, du redest … Ähhh. Weil du nicht so gern redest, oder?«

Sie starrt mich an und scheint sprachlos zu sein. Ich beiße mir auf die Zunge und wünsche mir, dass ich nichts gesagt hätte. Frau Liebholdt verteilt währenddessen Materialien. Ob normale Buntstifte, Bleistift, Wachsmalstifte, Kreide, Ölfarben, Acrylfarben oder Wasserfarben – uns steht das ganze Kunstarsenal mehr oder weniger offen.

Natürlich befinden sich die meisten Farbkästen in einem katastrophalen Zustand, sodass man das Gelb nicht vom Grün unterscheiden oder einen Pinsel nicht mehr verwenden kann, weil er voller verkrusteter Farbe ist, steif und unbrauchbar. Aber wir müssen uns einfach arrangieren. Während ich meinen Bleistift zwischen meinen Fingern drehe, hält Frau Liebholdt einen ihrer leidenschaftlichen Vorträge.

»Lernt euren Partner kennen! Dies ist eine einmalige Möglichkeit, um jemandem auf sanfte und pädagogisch wertvolle Art und Weise den Spiegel vorzuhalten. Erforscht das Gute und das Schlechte im anderen! Ich will weder Schwarzmalerei, noch Arschkriecherei sehen, ja?« Einige Schüler lachen verhalten. Ich mag Frau Liebholdt, aber sie hat ein wenig den Ruf der verrückten Bio-Hippie-Lehrerin weg, die versucht »cool« zu sein.

Ihre Art und Weise Kunst zu unterrichten, ist eher praktisch gestaltet. Selbst wenn sie kunsttheoretische Themen mit uns durchnehmen muss, gibt sie uns währenddessen die Möglichkeit, uns handwerklich, beziehungsweise künstlerisch, zu betätigen. Manche mögen das mehr, andere weniger. Ich für meinen Teil liebe die Stunden in den bunten Kunsträumen, in denen es nach Farbe und Ton riecht.

Wir sitzen eine Weile schweigend nebeneinander und mein Mund trocknet aus wie ein Flussbett in der prallen Hitze. Ich räuspere mich. Streiche mein Haar zurück. Schlage die Beine übereinander. Räuspere mich erneut. Nach einer gefühlten Ewigkeit erlöst mich Philippa. Sie dreht sich mir zu und gibt die Verschränkung ihrer Arme auf.

»Wie heißt du nochmal?«, fragt sie schnell und leise, als wolle sie nicht, dass sie jemand höre.

»Eh, Dörte«, murmle ich ebenso leise und blicke sie von der Seite an.

Sie nickt.

»Ich heiße Philippa.«

»Ja. Ich weiß.« Wir sehen einander an und verfallen wieder in Schweigen.

»Magst du Kunst?«, frage ich schließlich und stütze meinen Oberkörper mit den Ellenbogen auf dem Tisch ab, während Philippa ihre Arme wieder verschränkt. Sie scheint ebenso unangenehm berührt zu sein, wie ich. Aber im Gegensatz zu mir wirkt sie ablehnend und grob, während ich dazu neige, mich komplett zum Affen zu machen.

»Den Unterricht oder Kunst an sich?«

»Beides.«

»Hm. Schwer zu sagen. Kunstunterricht ist okay. Bei Kunst an sich, hm, kommt drauf an?«

Sie scheint ernsthaft zu überlegen und ich nicke im Takt ihrer Worte. Im Laufe der Stunde unterhalten wir uns zaghaft, wie zwei Katzen, die einander erst einmal austesten und jeden Augenblick dazu bereit sind, wieder in ihre sichere Ecke zurück zu flitzen.

Frau Liebholdt beendet die Stunde schließlich mit der Mitteilung, dass wir für diese Aufgabe bis zu den Winterferien Zeit haben und dass sie von uns echte Bemühung erwartet. Es wäre sogar von Vorteil, sich außerhalb der Schule mit dem Partner zu treffen, meint sie. Daraufhin lachen wieder ein paar Schüler, während ich nervös werde. Ja, der Rest der Klasse hat es gut – wir kennen uns alle schon sehr lange, selbst die Schüler, die von Außerhalb kommen, sind hier bekannt. Ich hingegen muss Philippa erst richtig kennenlernen und obwohl es in dieser Stunde ganz gut lief, habe ich Bammel davor.

In der Pause versuchen die anderen mich über sie auszuquetschen, wollen wissen, was sie gesagt hat und manche sind neidisch, dass ich mit der Neuen in einer Gruppe gelandet bin, während andere mich bemitleiden. Ich selbst weiß nicht, was ich denken soll. Seit einer Woche kreisen meine Gedanken sowieso schon permanent um sie, was auch nicht unüblich ist bei einem neuen Schüler, aber ich fühle mich seltsam befangen in ihrer Gegenwart. Normalerweise kann ich ganz gut mit anderen Leuten, selbst wenn ich sie noch nicht genau kenne. Aber bei ihr bin ich regelrecht verklemmt und wünsche mir, sie würde es mir leichter machen.

Nach Schulschluss bin ich froh, mich anderen Dingen zuwenden zu können. Ich will gerade auf dem Parkplatz in mein Auto steigen, als Philippa, ihr Rad neben sich herschiebend, in meine Richtung kommt.

»Wollen wir uns nach der Schule mal treffen und weiter das Kunstprojekt durchsprechen?«, fragt sie mich ohne eine Begrüßung. Ich glaube, sie kommt gerne gleich zum Punkt und hält sich nicht an Floskeln auf.

»Ähm, ja, klar.«

Wir legen uns auf den Freitag Nachmittag fest und ich schlage vor, dass wir uns im Wüstencafé treffen und beschreibe ihr, wie sie dorthin gelangt. Das Wüstencafé liegt etwas abgelegen und hat einen abgeschotteten Bereich zum Sitzen, in dem man sich in Ruhe unterhalten kann. Außerdem servieren sie die beste Walnuss-Torte aller Zeiten.

Schließlich fährt Philippa auf ihrem Rad davon und ich klemme mich hinter‘s Lenkrad.

Kapitel 3

Ausblick

Ich bin viel zu spät dran. Blöderweise besitze ich Philippas Handynummer nicht, sodass ich ihr nicht Bescheid sagen kann. Als ich endlich meinen Wagen vor dem Wüstencafé parke, bin ich eine halbe Stunde zu spät. Trotzdem ist Philippas Fahrrad noch vor dem Gebäude angeschlossen, was mich mit Erleichterung erfüllt.

Schnell schließe ich den Wagen ab und betrete das Café mit dem saudi-arabischen Flair. Der Boden ist mit sandfarbenen Keramikfliesen ausgelegt, die Wände cremig weiß gehalten, mit kleinen Ornamenten auf der Tapete. Eine große, blaue Lampe, wie ein dicker Wasserballon, hängt in der Mitte des vorderen Gastraumes und wirft kühles Licht an die Wände.

Philippa sitzt an einem versteckten Tisch im hinteren Gastraum und liest.

»Sorry, ich bin spät dran.« Ich muss erstmal nach Luft schnappen und zur gleichen Zeit schäle ich mich aus Jacke und Schal. Philippa schiebt ein Lesezeichen zwischen die Seiten und legt das Buch langsam beiseite. Ich werfe einen flüchtigen Blick auf das Cover, aber der Titel kommt mir nicht bekannt vor. »Hast du schon was zu trinken bestellt?«, frage ich und setze mich.

Philippa schüttelt verneinend mit dem Kopf. Die Speisekarte liegt unberührt neben ihrem Buch. Ich greife danach und bestelle bei der Kellnerin einen Milchkaffee und ein Stück der leckeren Walnuß-Torte, von der ich bei jedem meiner Besuche hier ein Stück esse.

Philippa bestellt ein stilles Wasser und lehnt sich in ihrem Stuhl zurück. Orientalische Musik dringt aus den Boxen über unseren Köpfen und kitzelt in meinen Ohren.

»Hast du lang auf mich gewartet?«

»Nein.« Philippa nimmt ihr Buch wieder zu Hand und schiebt es in ihre Tasche. Als die Kellnerin das Wasser vor ihrer Nase absetzt, bedankt sie sich höflich und zum ersten Mal sehe ich ein schmales Lächeln auf ihren Lippen erscheinen. Aber es bleibt nur flüchtig. Wieder übermannt mich diese seltsame Befangenheit und ich knete meine Hände.

»Also, magst du etwas über dich erzählen? Ich meine, dafür sind wir doch hier, oder? Um uns besser kennenzulernen? Für das Kunst-Projekt?«

»Hm«, macht Philippa und verschränkt wieder die Arme vor der Brust, während ihr Blick nachdenklich umher schweift. »Fang du lieber an.«

»Okay.« Ich erzähle ihr die offensichtlichen Dinge, fühle mich dabei unwohl, aber ziehe es trotzdem durch, während sie schweigend da sitzt und mir lauscht. »Ich bin Einzelkind. Meine Mutter arbeitet als Krankenschwester und mein Vater ist Anwalt. Wir wohnen in einem Haus in der Rosestraße. Ich … zeichne gern, lese viel und interessiere mich für Sprachen und Literatur.«

Nachdem ich die grundsätzlichen Infos abgeklappert habe, verfalle ich wieder in Schweigen. Auch Philippa sagt nichts, so wie üblich. Schließlich ergreife ich wieder das Wort, als mir die Stille zu unangenehm wird. Sie drückt förmlich auf meinen Ohren.

»Darf ich dich was fragen?«

Philippa nickt.

»Uli … also, meine Banknachbarin, sie hat mir erzählt, dass sie dich mit einem Baby im … Netto gesehen hat. Hm, die Frage ist jetzt vielleicht blöd, aber … bist du Mutter?«

Philippa starrt mich an, bevor sie breit grinst und einen trockenen Lacher ausstößt.

»Oh, also nicht«, räuspere ich mich.

»Emma ist meine Schwester«, erklärt Philippa, nachdem sie sich etwas beruhigt hat. »Ich hole sie manchmal von der Kinderkrippe ab. Also, nein, ich bin nicht ihre Mutter.«

»Okay«, grinse ich. »Hätte ich auch für unwahrscheinlich gehalten, also, ich habe es jedenfalls nicht geglaubt. Nicht wirklich.«

Philippa grinst still in sich hinein.

»Warum ist denn deine Familie eigentlich hier hergezogen? Ich meine, mitten im Schuljahr ein Schulwechsel, das ist schon ziemlich ungewöhnlich, oder?«

Das Lächeln erlischt auf ihrem Gesicht und Philippa setzt wieder eine gleichgültige Miene auf.

»Mein Vater muss auf der Arbeit flexibel sein. Er wurde hierher versetzt und wir sind natürlich mitgekommen.«

»Ach so.« Obwohl ich dazu geneigt bin, ihr zu glauben, habe ich das Gefühl, dass sie mir etwas verschweigt. Vielleicht, weil sie meinem Blick ausweicht. Ich beschließe, nicht weiter nachzubohren und frage sie stattdessen nach ihren Hobbys. Sie sagt, sie spielt Klarinette und sonst liest sie auch gern oder passt auf ihre Geschwister auf.

»Wie viele Geschwister hast du denn?«

»Sechs. Wir sind insgesamt zwei Jungs und vier Mädchen.«

»Oha.«

Sie zuckt mit den Schultern.

»Kann mir gar nicht vorstellen, wie es ist, ein Einzelkind zu sein«, murmelt sie und lächelt, als ich antworte:

»Und ich kann mir nicht vorstellen, so viele Geschwister zu haben. Bist du die Älteste?«

»Nein. Ich habe einen älteren Bruder, Gregor, aber der lebt nicht mehr bei uns. Macht eine Lehre in Frankfurt.« Wir reden noch ein bisschen über unsere Erfahrungen als Einzel- und Geschwisterkinder und ich stelle fest, dass sie – ebenso wie ich – mit der Zeit etwas auftaut. Trotzdem ist sie sorgsam darauf bedacht, so nüchtern wie möglich zu reagieren. Ich kann mir bei ihr keinen großen emotionalen Ausbruch vorstellen; stattdessen ist sie die Ruhe in Person, ein Meister der Zurückhaltung.

Schließlich tauschen wir unsere Nummern aus und gehen wieder unsere eigenen Wege. Sie steigt auf‘s Rad und ich ins Auto.

Auf der Heimfahrt fühle ich mich gut und die Nervosität fällt endlich von mir ab.

Ich mag Philippa. Sie ist anders als meine Mitschüler. Sie ist auch anders als ich. Und vielleicht sehe ich sie zu sehr wie ein Puzzle, das es zu lösen gilt, aber sie fasziniert mich auf eine obskure Art und Weise, die ich nirgendwo einzuordnen vermag.

Die Straßen sind nass und Laub klebt auf den Bürgersteigen oder wird lose vom Wind auf die Fahrbahn getragen und gegen Fenster gepresst. Daheim bin ich erschöpft, also lege ich mich hin. Eigentlich will ich nur etwas dösen, aber bereits nach wenigen Minuten sinke ich in einen tiefen Schlaf.

*

Am Wochenende helfe ich meinem Vater, den Garten vom Laub zu befreien. Das nimmt den ganzen Vormittag in Anspruch, während meine Mutter Spaghetti mit Jagdwurst und Käsesauce zubereitet.

Am Nachmittag habe ich mich mit Uli bei mir zu Hause verabredet. Pünktlich um 15 Uhr steht sie vor der Tür und wir verziehen uns hoch ins Atelier, wo sie sich auf‘s Sofa packt, während ich uns in der Küche einen Kakao zubereite und Kekse in eine Schüssel schütte.

Uli ist noch immer etwas verschnupft, meint aber, Montag wieder in die Schule kommen zu können. Ich muss ihr ganz genau erzählen, was alles passiert ist. Aber das einzig Wichtige, das mir einfällt, ist dass ich mit Philippa im Kunstunterricht in eine Gruppe gesteckt worden bin. Einen Augenblick lang überlege ich, Uli diese Information vorzuenthalten, um nicht ihre Tratsch-Sucht anzufachen, aber da sie es so oder so am Montag herausfinden würde, erzähle ich ihr beiläufig davon.

»Krass. Und?«, fragt sie und beugt sich vor, wie ein verschwörerischer Partner in einem Action-Film.

»Sie ist nett«, sage ich. »Und was die anderen sagen stimmt natürlich nicht.«

»Ach, sie hat tatsächlich mit dir geredet?«

»Nach einer Weile, ja.«

»Hmpf.« Uli lehnt sich wieder zurück und tippelt mit den Fingern auf der Lehne herum. Ich spiele derweil mit dem falschen Eisbärenfell, auf dem ich sitze. »Vermutlich hat sie nur mit dir geredet, weil sie unbedingt muss.«

Ich zucke zusammen, aber Uli bemerkt gar nicht, wie gemein das klingt, sondern fährt nahtlos fort.

»Aber zumindest wissen wir jetzt, dass sie reden kann. Hat sie einen Akzent?«

»Nein.«

»Und das Arschgeweih, von dem Silvia erzählt hat?«

»Eh, ich glaube nicht, dass sie das hat. Aber ich habe nicht nachgesehen.«

Uli lässt sich von meinem genervten Ton nicht beeindrucken.

»Ach ja«, sage ich mit spitzer Stimme. »Sie hat auch kein Kind. Das Baby war ihre Schwester.«

Jetzt wirkt meine Freundin endgültig enttäuscht.

»Schade.«

Ich weiß wirklich nicht, was ich dazu sagen soll. Eigentlich mag ich Uli. Uns verbindet eine lange, wenn auch nicht besonders enge Freundschaft. Sie hat einen sehr großen Freundeskreis, schon immer gehabt, während ich mich lieber auf eine Handvoll Personen konzentriere.

Für mich war sie immer eine Kandidatin zur besten Freundin, aber sie hing immer mit Hedwig herum, die vor einem Jahr ihr Abitur gemacht hat und jetzt in Münster Geoinformatik studiert. Erst seitdem sehen wir uns regelmäßiger und Ulis und meine Freundschaft ist enger geworden.

Trotzdem habe ich das Gefühl, dass sie mich nur als Ersatz sieht. Das ist eines der Probleme – das andere ist, dass sie manchmal fies sein kann und ich dann nicht weiß, ob ich sie auf fehlende Fairness hinweisen oder es lieber dabei belassen soll.

Anstatt das Thema »Philippa« zu vertiefen, spielen wir ein bisschen Playstation, hören Musik und gucken uns eine DVD an. Als es dunkel ist, macht sie sich zum Gehen fertig und lädt mich noch zu einer Party am nächsten Wochenende ein. Um Diskussionen über meine Stubenhockerei zu vermeiden, stimme ich vorerst zu und atme tief durch, nachdem ich sie mit dem Auto nach Hause gefahren habe.

Am Sonntag treffe ich mich wieder mit Philippa und bin überrascht, wie viel leichter es mir fällt, Zeit mit ihr zu verbringen, im Gegensatz zu der Zeit, die ich beinahe absitze, wenn ich mit Uli zusammen bin. Dabei kennen Philippa und ich uns noch gar nicht so gut.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass sie ehrlich ist, aber niemals gemein. Auch ihre abweisende Art verschwindet nach unserem dritten Treffen, oder vielleicht fällt es mir nur weniger auf.

Sie lacht öfter, dabei hatte ich nie das Gefühl gehabt, witzig zu sein. Und wenn ich nach Hause zurückkehre, fühle ich mich, als würde ich auf Wolken gehen. Uli gegenüber bekomme ich ab und an sogar ein schlechtes Gewissen, weil ich mich bei Philippa wohler fühle.

Ich glaube, sie und ich können gute Freunde werden. Der Gedanke zaubert wohlige Rosen in meinen Magen.

Nach und nach zeige ich ihr die schönen Orte in der Stadt, wie zum Beispiel die Bibliothek oder das Klosterviertel. Schon nach relativ kurzer Zeit sehen wir uns jeden zweiten Tag nach der Schule. In ihrer Freizeit ist Philippa viel gelöster. Fast so, als würde sich ein Schleier lüften.

In der Schule reden wir nicht viel miteinander — selbst im Kunst-Unterricht sind wir eher ruhig. Aber nachmittags lacht sie, macht den ein oder anderen Witz, amüsiert sich mit mir über lustige Plakate, Rechtschreibfehler oder klischeebehaftete Bücher im Thalia mit grottigen Inhaltsangaben.

Das einzige Thema, das sie lieber meidet, ist ihre Familie. Bis auf die wenigen Informationen, die sie mir bei unserem ersten Treffen mitgeteilt hat, weiß ich nichts über sie. Ich hingegen lasse mich gerne über meine Eltern aus, auch wenn ich im Nachhinein immer ein schlechtes Gewissen habe.

Mitte November lade ich Philippa das erste Mal zu mir nach Hause ein. Ich glaube, der Vorschlag hat sie überrascht und als sie schließlich vor meiner Tür steht, wirkt sie beinahe nervös.

»Ich hab Schokolade mitgebracht«, sagt sie und hält mir eine Packung Pralinen entgegen.

Weil ich nicht weiß, was ich sagen soll, nehme ich sie ihr lächelnd aus der Hand, bedanke mich und bitte sie hinein. Wie ein scheues Reh bleibt Philippa im Flur stehen und sieht sich unauffällig um, bevor sie ihre Schuhe auszieht und ich ihre Jacke an der Garderobe aufhänge.

Aus dem Wohnzimmer klingt das Geräusch des Fernsehers. Es ist Samstag, Papa guckt Fußball. Ich erspare Philippa die Peinlichkeit, sich ihm vorzustellen, und winke sie die Treppe hinauf. Hier zeige ich ihr erst das Atelier und schließlich mein Schlafzimmer.

Sprachlos steht sie vor der Fensterwand und starrt hinaus in den herbstlichen Garten mit seinen kahlen Bäumen, die nur noch auf den Schnee zu warten scheinen.

»Wow«, sagt sie nach einer Weile. Mehr entkommt ihren Lippen nicht und ich erwidere nichts. Es ist mir etwas unangenehm, mit was für großen Augen sie meine Zimmer betrachtet, als hätte sie noch nie etwas Vergleichbares gesehen. Aber sie lässt keinen blöden Spruch fallen und ich bin ihr dafür dankbar, weil ich nie weiß, was ich auf einen Kommentar wie »Sag mal, sind deine Eltern reich?« antworten soll.

Ganz in Ruhe lege ich im Atelier eine Platte auf, während sich Philippa umsieht. Im Grunde geht sie auch nur von einem Fenster zum Nächsten und betrachtet mit voller Aufmerksamkeit das, was dahinter zu sehen ist.

»Du solltest es bei Sonnenuntergang sehen«, sage ich.

»Ist das eine Einladung?«, schmunzelt sie ohne sich umzudrehen und ich erröte, ganz zu meiner eigenen Überraschung.

»Möchtest du was essen? Was trinken?«, frage ich, aber sie verneint und lässt sich auf dem Sessel nieder, während ich die Couch belege und mich zurücklehne. Wir unterhalten uns oberflächlich über die Schule, aber Philippa scheint nicht richtig bei der Sache zu sein. Nervös knetet sie ihre Hände und steht auf, um sich weiter umzusehen, oder vielleicht auch, um sich der unangenehmen Spannung zu entziehen, von der ich nicht weiß, woher sie kommt oder wie ich sie loswerden kann.

»Ist alles okay?«, frage ich, aber sie antwortet nicht. Stattdessen betrachtet sie die Gemälde an der Wand, geht von einem zum anderen.

»Sind die von dir?«

»Nein, die hat meine Mutter gemalt. Als sie noch gemalt hat.«

Philippa dreht sich zu mir herum und ich bin mir ziemlich sicher, Interesse in ihren Augen aufflackern zu sehen.

»Malt sie etwa nicht mehr? Warum nicht?«

Ich druckse etwas herum, auch wenn ich mich geschmeichelt fühle, dass Philippa Interesse zeigt und Fragen stellt, wo sie doch normalerweise zwar forsch, aber alles andere als neugierig ist.

»Sie hat aufgehört. Ich vermute, dass es an ihrer … Fehlgeburt lag. Danach … nun ja, sie hat einfach nicht mehr malen können.«

»Oh. Das tut mir leid«, räuspert sich Philippa und sie wirkt verlegen, oder verstört, ich kann es nicht genau sagen. Das Schweigen legt sich zwischen uns, zieht uns in sich hinein.

Schließlich wandert Philippa wieder zum Fenster und betrachtet das Draußen, als wäre es ein Bild, in dem es immer wieder etwas Neues zu entdecken gibt. Das warme Licht der Novembersonne verfängt sich in ihrem langen, blonden Haar. Die schmale Linie ihrer Schultern läuft in etwas weicheren Beinen aus, die in einer schwarzen Skinny-Jeans stecken. Über den Blusen, die ihr Markenzeichen zu sein scheinen, trägt sie normalerweise eine Strickjacke, doch heute hat sie darauf verzichtet und stattdessen einen türkisen Wollpullover übergezogen, der ihrer Figur schmeichelt.

Sie ist wunderschön. Diese Erkenntnis durchzuckt mich wie ein Blitz und ich fühle mich überraschter Weise augenblicklich ungenügend. In meiner simplen, schwarzen Stoffhose und dem Ramones-Shirt sehe ich weniger schick aus. Ich hätte auch etwas Schönes anziehen können. Etwas, in dem ich weiblicher aussehe und das nicht zu meiner Ich-bin-nicht-reich-ich-bin-so-wie-ihr-Kollektion zählt.

Im Gegensatz zu Philippa, die sich stets und ständig sehr ordentlich kleidet, aber die in einem Café niemals mehr als nur Wasser bestellt, weil sie Geld sparen muss, sehe ich aus wie ein deplatzierter Schlumpf.

»Ich hab dich angelogen.« Philippas Stimme dringt wie aus weiter Ferne zu mir heran und ich horche auf.

»Was?«, frage ich und kann meine Verwirrung nicht verbergen.