Frühlingsschmetterlinge - Mandy Domke - E-Book

Frühlingsschmetterlinge E-Book

Mandy Domke

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Beschreibung

Fragmente aus Schmerz, Sehnsucht, Vertrauen und Hoffnung bilden den Wendepunkt einer unzertrennlichen Freundschaft von sieben Jungen. Man sagt, der Augenblick, bevor die Sonne aufgeht, ist der Moment, in dem es am dunkelsten ist. Jeder von uns trägt sein Päckchen und bislang war ich immer der Meinung, dass unsere Freundschaft stark genug ist, um alle Hürden zu überwinden. Doch etwas hat sich in den vergangenen Wochen geändert. Eine Wendung, die niemand von uns vorhergesehen hat. Adam steht im Schatten der Erwartungen seines Vaters. Er verstellt sich zwanghaft, bis er es nicht mehr ertragen kann. Und dann ist da auch noch Derek, sein ehemals bester Freund, der nach vier Jahren Funkstille plötzlich wieder in sein Leben tritt. Alte Wunden werden aufgerissen und damit unangenehme Wahrheiten ans Licht gebracht. Evan steht mit beiden Beinen im Leben. Als sich ihm eine einmalige Gelegenheit bietet, muss er sich entscheiden: Wählt er die Freundschaft zu den Jungen oder die Chance, seinem großen Traum näher zu kommen? Alle Bänder der Jahreszeitenreihe: Frühlingsschmetterlinge (Band 1) Sommernachtstraum (Band 2) Herbstblätterregen (Band 3) Wintersternenhimmel (Band 4)

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Jahreszeitenreihe:

Band 1: Frühlingsschmetterlinge

Band 2: Sommernachtstraum

Band 3: Herbstblätterregen

Band 4: Wintersternenhimmel

Ich wünsche mir,

dass wir uns niemals

aus den Augen verlieren.

Die letzten Wochen … sie waren zu viel.

Ich möchte nicht,

dass wir uns entfernen.

Ich will, dass wir zusammenhalten.

Philip, 27.02.2015

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Prolog

TEIL I – Adam

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

TEIL II – Evan

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Epilog

Personenverzeichnis

Danksagung

Extras Band1

Vorwort

Ich freue mich, dass du zu Band 1 der ›Jahreszeitenreihe‹ gegriffen hast!

Dich erwartet eine gefühlvolle Reihe über sieben Jungs, die auf dem Weg zum Erwachsenwerden für ihre Träume kämpfen, bis sie wahr werden, und zusammen einiges erleben.

Damit die Geschichte meiner Jungs genau so ankommt, wie ich es erhoffe, habe ich dir ein Personenverzeichnis zusammengestellt, das dir einen Überblick über die wichtigsten Charaktere gibt.

Da im Laufe der Geschichte jedem meiner Jungs eine Sicht zugeordnet ist, werden ganz spezielle, auch unangenehme Themen angeschnitten und besprochen. Aus diesem Grund nutze ich das Vorwort, um dich auf mögliche Trigger aufmerksam zu machen.

Folgende Tags lassen sich für Band 1 zusammenfassen:

#Zukunftsängste #Familienprobleme #Panikattacke #Freundschaft #Selbstfindung #Tod #Trauer #Zusammenhalt #nachdenken

Solltest du dich während des Lesens schlecht fühlen, mache unbedingt eine Pause, rede mit jemandem darüber, wie es dir geht, oder wende dich an die entsprechenden Hilfsorganisationen (zum Beispiel an die Telefonseelsorge kostenlos und rund um die Uhr unter 0800 1110 111 oder 0800 1110 222).

Bitte pass auf dich auf!

Ich hoffe, dass dir die ›Jahreszeitenreihe‹ gefallen wird. Die Geschichte meiner Jungs soll uns am Ende Hoffnung machen und zum Nachdenken anregen. Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass selbst die kleinsten Dinge durchaus wichtig sind, selbst wenn wir sie als selbstverständlich erachten. Dass es okay ist, zu fallen oder sich eine Auszeit zu nehmen, zu träumen und seinen Zielen hinterherzujagen. Die Welt besteht leider nicht aus Regenbögen und Zuckerwatte, sie steckt voller Herausforderungen und Rückschlägen. Doch auch diese Augenblicke im Leben sollten uns niemals daran hindern, für die Erfüllung unserer Träume zu kämpfen.

Jetzt wünsche ich dir ganz viel Spaß und Freude mit der Geschichte. Herzlich willkommen bei Band 1 und damit dem Start der Geschichte von Adam und Evan.

– 19.12.2014 –

Mein Magen zieht sich zusammen. Die Zeilen brennen säuerlich in meiner Kehle. Zum wievielten Mal lese ich diesen Brief? Zum wievielten Mal fühle ich diese Schwere und zum wievielten Mal bin ich mir sicher, ich könnte einen gewaltigen Fehler machen?

Es ist das Richtige, oder nicht?, denke ich und bin kurz vor dem Zusammenbrechen.

Entkräftet lege ich den Kopf in den Nacken. Regen prasselt leise auf das Dach der Haltestelle. Die Sonnenstrahlen am Rande des Horizonts bilden einen starken Kontrast zu der ansonsten trüben Wolkendecke.

Ich sitze still, beobachte die Tropfen, wie sie sich ihren Weg zum Boden bahnen, auf hartem Asphalt aufschlagen und zerplatzen. Neben mir wackelt Adam unruhig mit den Beinen. Sein Atem bildet weiße Wölkchen, die Nase ist vor Kälte rot angelaufen. Ab und an spüre ich seine Blicke, doch kein einziger Ton verlässt seinen Mund. Was sollte er auch sagen? Ich selbst wüsste nicht, was ich einem Freund in meiner Situation raten würde.

Seufzend schaue ich wieder auf die Zeilen. Verdammt. Ich weiß, dass es eine einmalige Gelegenheit ist. Anstatt mir an einer Bushaltestelle den Arsch abzufrieren, sollte ich mit einem fetten Grinsen auf den Lippen nach Hause eilen und die Neuigkeiten mit meinen Eltern teilen. Aber irgendetwas hält mich davon ab. Gewissensbisse. Schuldgefühle. Angst. Eben eine Mischung aus allem, was ich mir nicht bereit bin, einzugestehen. Meine Augen fliegen über die Wörter, setzen die Buchstaben einen nach dem anderen zusammen.

… einen Platz für das jährliche Sonderprogramm in Norwegen.

Ein ganzes Jahr.

Dreihundertfünfundsechzig Tage getrennt von allem, was mich zusammenhält.

Ich kann es immer noch nicht glauben. Zuerst hielt ich es für unmöglich. Eine Traumvorstellung, dass ausgerechnet ich von Hunderten ausgewählt würde. Als Edward einen Umschlag in der Größe eines A4-Papieres, der mit meinem Namen adressiert war, aus dem Briefkasten gefischt hat, wurde es mir schlagartig bewusst.

Freue ich mich über diese Möglichkeit? – Ja, verdammt.

Denke ich, dass ich das Programmerfolgreich abschließen kann?

– Warum nicht? Ich habe viel gelernt und bin bereit, noch mehr zu lernen.

Kann ich meine Freunde für diese Zeit zurücklassen? – Jetzt? Nach allem, was vorgefallen ist? Scheiße, auf keinen Fall!

Bislang habe ich meine persönlichen Interessen immer vorangestellt. Wenn andere in meinem Alter auf Partys gingen, war ich allein in meinem Zimmer, den Kopf vergraben in Lehrbüchern, der Schreibtisch voller Klebezettel und neben mir eine halbleere Tasse Kaffee. Wenn Klassenkameraden über ihr erstes Mal prahlten, ihre Geschichten mit pikanten Details ausschmückten oder Mädchen mir ihre innigste Liebe gestanden, sagte ich höflich, dass ich zu beschäftigt wäre, um an so etwas zu denken.

In meinem Leben gibt es genau drei Dinge, die mir kostbar sind: meine Familie, der Zusammenhalt meiner Freunde und meine Träume. Alles Weitere findet in meinen Gedanken keinen Platz. Sorglos schiebe ich alles andere auf, in dem Glauben, später noch ausreichend Zeit für ebensolche Sachen zu haben. Und es hat bisher wunderbar funktioniert. Ich konnte in Ruhe an meinen Zielen arbeiten und gleichzeitig sowohl für meine Familie als auch für meine Freunde da sein. Aber nun … nun muss ich eine Entscheidung treffen.

»Du solltest damit echt aufhören«, murmelt Adam. Er nimmt mir den Brief ab, faltet ihn sorgsam zusammen und legt den Umschlag beiseite. Stattdessen drückt er mir einen Becher Tankstellenkaffee in die Hände. Sofort kribbeln meine Handflächen. Es ist beinahe tröstlich, dieses Gefühl, das in meinem Bauch aufblüht.

»Willst du wissen, was mein Vater dazu sagen würde?«, fährt Adam fort. »Er würde keine Sekunde zögern und mich auffordern, diese einmalige Chance zu nutzen. Für ihn zählt Erfolg. Persönliche Interessen stehen hintenan.«

»Heißt nicht, dass ich seinem Beispiel folgen muss«, entgegne ich.

»Sollst du auch nicht. Ich weiß nur, dass er enttäuscht wäre, wenn ich das Angebot ablehnen würde.«

»Also würdest du gehen?«, frage ich.

Adam lehnt sich zurück. Er lässt sich Zeit mit seiner Antwort. »Mich hält nichts fest«, meint er schließlich. »Bei dir ist das anders.«

Ich nippe an dem Becher. Der Kaffee ist lauwarm, trotzdem fällt mir das Schlucken schwer.

Es ist ein Fehler, ruft mein Kopf mir zu.

Du tust das Richtige, erklärt mein Herz.

Tue ich das wirklich? In meinen Gedanken tobt eine erbitterte Schlacht aus gemischten Gefühlen, Wünschen und dem schlechten Gewissen gegenüber meinen Freunden.

Wir sechs kennen uns schon eine halbe Ewigkeit. Jeder von uns brachte jemanden in die Gruppe, so auch Adam, und mit der Zeit sind wir zu einer Familie zusammengewachsen. Zumindest fühlt es sich so an. Ich weiß nicht, was meine Freunde darüber denken, aber in ihrer Gegenwart ist es leichter, mit all den Stolpersteinen im Leben zurechtzukommen. Wir fangen uns auf, spenden Trost und sind unbeschwert. Wir leben in unserer kleinen heilen Seifenblase und können für diese Zeit, in der wir zusammen sind, alles hinter uns lassen. Wir lachen, albern herum und machen uns keine Sorgen darüber, was der nächste Morgen bringen könnte.

Man sagt, der Augenblick, bevor die Sonne aufgeht, ist der Moment, in dem es am dunkelsten ist. Jeder von uns trägt sein Päckchen und bislang war ich immer der Meinung, dass unsere Freundschaft stark genug ist, um alle Hürden zu überwinden. Doch etwas hat sich in den vergangenen Wochen geändert. Eine Wendung, die niemand von uns vorhergesehen hat. Besonders Ryan und Philip bereiten mir Sorgen. Sie glauben, sie könnten es vor uns verbergen, aber ich erkenne ihren Schmerz. Das falsche Lächeln auf Philips Lippen und Ryans müde Augen. Ich habe Angst um sie und davor, was es für uns alle bedeuten könnte. Die Distanz, die wir in den letzten Wochen zueinander aufgebaut haben, zerreißt mich. Ich frage mich, was passiert, wenn ich zulasse, dass wir uns noch weiter voneinander entfernen. Ein Jahr ist verdammt lang. So viel könnte sich verändern. Gutes wie Schlechtes. Aber unklar bleibt:Was wirddie Zeit mit uns machen?

Ich schiele auf den Umschlag. Wäre der Zeitpunkt ein anderer, würde es mir wahrscheinlich nicht so schwerfallen, eine Entscheidung zu treffen. Mir kämen keine Zweifel und ich könnte mit gutem Gewissen einen Schritt nach vorn treten.

»Evan?« Adams Stimme holt mich aus meinen Gedanken. Er steht auf und in der Ferne erkenne ich zwei Lichtpunkte. Der Bus rollt auf uns zu. »Hast du dich entschieden?«, fragt er leise.

Wenn ich ihn so ansehe, unsicher auf seinen Beinen wippend, den Blick gesenkt, um meinen Augen auszuweichen, bestärkt es meinen Entschluss. Fast hätte ich es mir anders überlegt.

»Mhm-hm«, brumme ich zufrieden. Das Pochen hinter meiner linken Augenbraue ist weg und auch der innere Druck ist verschwunden. »Ich habe mich entschieden.«

TEIL I

Adam Blackwell – Juni 2014

An einsamen, kühlen Winternächten – denke ich immerzu an meinen ältesten Wunsch –

Allein in meinem Zimmer,

starre ich in eine leere Tasse.

Ich fülle sie auf,

mit naiven Hoffnungen und Wünschen –

KAPITEL 1

Meine Mom fährt mich mit heruntergelassenen Scheiben zurück zu Dad. Die Luft ist erdrückend schwül, selbst nachdem die Sonne verschwunden ist und sich über uns ein sternenklarer Nachthimmel spannt.

Schweigen füllt das Auto. Eine angespannte Stille, die keiner von uns beiden beenden möchte. Es ist jedes Mal das Gleiche. Es ist genauso anstrengend wie unvermeidbar.

Seitdem Mom ihre Koffer gepackt hat, sehe ich sie nur an den Wochenenden. Sie lebt bei ihrer besten Freundin Tatjana, die ein gefragtes Model bei den verschiedensten Designern ist. Sie ist nett, liebevoll, witzig, aber auch ziemlich verrückt. Ich meine, ihre Wohnung besteht aus zig Regalen, vollgestellt mit dem Merch ihrer Lieblingsband BTS. Stoffpuppen, CDs, DVDs, Figuren – egal, was das Label der K-Pop-Gruppe veröffentlicht, sie hat es in ihren vier Wänden stehen.

Ich fahre mir mit den Fingern über die Stirn und sehe aus dem Seitenfenster. Kaum jemand ist auf den Fußwegen. Die meisten sind zu Hause, spülen das Geschirr vom Abendessen, bereiten sich auf die neue Woche vor, während die Kleinen in ihren Betten schlafen oder die Großen vor dem Fernseher hocken.

Ein Hauch von Sehnsucht nach alten Zeiten überrollt mich, doch ich dränge das Gefühl ganz weit in die hinterste Schublade meiner Gedanken zurück. Stattdessen schaue ich auf die Uhr am Autoradio.

Die Fahrt von der Wohnung ihrer Freundin zu unserem Haus dauert knapp eine halbe Stunde. Nur dieses Mal kommt es mir länger vor. Mom lenkt den Wagen auf eine Hauptverkehrsstraße. Sie fährt mit Absicht langsamer. Sie will Zeit schinden. Dabei wissen wir beide, dass sie ihren Flieger nach New York niemals verpassen würde.

»Adam«, sagt Mom mit sanfter Stimme. »Ist es wirklich okay für dich?«

»Mach dir keine Sorgen. Mir fehlt nichts.«

»Es muss schwer für dich sein.« Sie macht eine Pause. »Ich wünschte, ich könnte es ändern.«

»Du könntest zurückkommen«, raune ich frustriert.

Sie starrt mich an – zuerst überrascht, dann verletzt. Sofort bereue ich meinen verärgerten Ton. Mir ist bewusst, dass sie keine Schuld trifft, deswegen rudere ich zurück. »Tut mir leid.«

Die Ampel springt auf Grün.

»Nein, du hast recht«, erwidert Mom mit einem dünnen Lächeln. »Wenn ich aufhören würde, vor deinem Vater wegzurennen …«

»Was ist zwischen euch passiert?«, versuche ich zum hundertsten und letzten Mal, sie aus der Reserve zu locken. Niemand will mir verraten, weswegen sie sich gestritten haben. Selbst Tatjana verliert kein Wort darüber. Was sie einiges an Überwindung kosten muss, denn normalerweise fällt es ihr nicht schwer, die unverblümte Wahrheit auszusprechen.

»Es ist –«

»– kompliziert«, beende ich seufzend ihren Satz. »Ich weiß.«

Sie schürzt die Lippen. Ihr langes blondes Haar weht leicht im Fahrtwind und in ihrem roten Jumpsuit sehe ich vor meinem inneren Auge bereits die Modemagazine der nächsten Woche, die ihre neue Kollektion für karrierebewusste Frauen anpreisen werden.

Viele meinen, ich sehe meiner Mom ähnlich. Nur eben männlicher, mit kurzen Haaren und Leberflecken auf der Haut, die ihre ganz eigene Galaxie bilden könnten.

Ich bemühe mich, ein freundliches Gesicht aufzusetzen. »Es ist in Ordnung. Wirklich«, beteuere ich. »Du hast dein Modelabel, Dad hat seine Kanzlei und Andrew sorgt sich um seinen Abschluss. Um mich brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Ich komme klar.«

Ich bin schon immer ein miserabler Lügner gewesen. Doch Sätze wie »Es geht mir gut«, »Es ist in Ordnung« oder – mein absoluter Favorit – »Ich komme klar« sprudeln so überzeugend über meine Lippen, dass ich sie beinahe selbst glaube.

Ich höre den Blinker und sehe auf die Straße. Der Wagen wird langsamer und Mom bringt die Reifen auf der Auffahrt zum Stehen. Als sie die Scheinwerfer ausschaltet, ist das Haus vor mir nur noch ein schwarzer Klotz. Gelegentlich zieht hinter mir ein schwaches Licht vorüber, wenn ein Auto die Straße entlangfährt. Die Spitzen der Gartenlaternen weisen mir den Weg zur Veranda. Doch die Lampen sind aus. Und auch die Fenster sind dunkel.

»Adam –«

»Es ist okay«, schneide ich ihr das Wort ab. Ich kann ihr dabei nicht in ihre großen, kindlichen Augen schauen.

»Wir könnten zurückfahren«, bietet sie mir an.

Das bringt mich zum Lächeln. »Und du nimmst mich mit nach New York? Zwischen vollgepackten Koffern deiner Modekollektion, den kreischenden Mädels, Blitzlichtgewitter der Reporter und deiner verrückten Freundin, die in jeder freien Minute versucht, mich zu verkuppeln?« Ich löse den Sicherheitsgurt. »Nein danke, Mom. Zumal Dad mir das niemals erlauben würde. Er wäre empört über die Vorstellung, wie verantwortungslos ihr wärt, allein auf die Idee zu kommen, einen Minderjährigen auf solche Veranstaltungen mitzunehmen.«

»Als wäre dein Dad mit seinen wichtigen Geschäftsessen besser«, grummelt sie. »Obwohl ich gestehen muss, dass Tatjana etwas … nun ja … speziell ist.«

»Sehr speziell«, setze ich nach. »Sie schläft mit den Kuscheltieren ihrer Lieblingsband in einem Bett. Eine erwachsene Frau, Mom!«

Sie lacht amüsiert. »Haben wir nicht alle unseren ganz eigenen Tick? Sie himmelt eine Musikgruppe an, ich rede im Schlaf und dein Dad prüft jedes Mal die Zimmer, dass alle Geräte ausgeschaltet sind, bevor er das Haus verlässt.«

»Großartig. Was ist meiner?«

»Sieh auf die Rückbank und du wirst es wissen«, sagt sie, um mir auf die Sprünge zu helfen.

Meine Wangen glühen. Hinter mir liegt mein Kissen, ohne das ich nicht einschlafen kann.

»D-Das ist etwas anderes!«, verteidige ich mich.

»Ach ja?«

»Ja!«

Ich umfasse den Türgriff und schaue auf die Veranda.

»Schatz«, hält Mom mich auf. »Ich will dich nicht allein lassen …«

Ich trete nach draußen. Zum ersten Mal sucht sie unsicher nach den passenden Sätzen. Allerdings kann sie an ihrer misslichen Lage kaum etwas ändern.

»Grüß Tatjana von mir«, nehme ich ihr die Entscheidung ab.

»Mach ich«, sagt sie. Ihre Stirn glättet sich. »Hab dich lieb, mein Schatz. Und meld dich mal, ja? Meine Mädchen würden es verstehen, falls ich vorzeitig abreisen müsste.«

Sie meint es ehrlich, auch wenn ich erkenne, welches Opfer sie bringt, um mir dieses Versprechen zu geben.

Ich beuge mich vor, um sie anzusehen. »Könntest du mir einen Gefallen tun?«

Keine Antwort.

»Hör auf, dir Sorgen zu machen. Es geht mir gut.«

»Ich arbeite dran«, antwortet sie.

Schmunzelnd nehme ich das Kissen von der Rückbank. »Wir sehen uns nächstes Wochenende.«

Der Motor springt an und ich winke ihr solange zu, bis der Wagen aus meinem Sichtfeld verschwunden ist.

Aus der Hosentasche fische ich den Hausschlüssel hervor und gehe direkt hoch auf mein Zimmer. Ich gebe mir nicht die Mühe, zu rufen, dass ich zu Hause bin, oder zu schauen, ob Dad nicht doch da ist. Die bedrückende Stille verrät mir, dass ich vollkommen allein bin.

Eigentlich hatten wir geplant, heute Abend zusammen zu essen. Etwas, das wir aufgrund des hektischen Zeitplans meines Dads und der großen Menge an Hausaufgaben seit Langem nicht mehr getan haben. Zumindest ist das der Grund, mit dem ich meine Vielbeschäftigung ihm gegenüber rechtfertige.

Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass die Recherche zu dem Thema Vom kreativen Schreiben zum Romanautor als Schularbeit durchgehen würde.

Tief einatmend gehe ich zum Schreibtisch und schalte die Tischlampe an. Im selben Atemzug werfe ich mein Kissen aufs Bett und packe die Sachen aus dem Rucksack zurück in die Schubladen. Mit Zahnpasta, Shampoo und Duschgel in den Händen trete ich ins Badezimmer. Unter der Regendusche genieße ich das Prasseln des warmen Wassers auf meiner Haut. Einige Minuten stehe ich still da, bis sich meine verkrampften Muskeln langsam entspannen.

Zurück in meinem Zimmer, krame ich den bequemsten Pullover heraus, den ich besitze, und trete ans Fenster – der BMW steht nicht da. Dad ist noch immer nicht zu Hause.

Langsam verstehe ich, weshalb Mom ihre Koffer gepackt hat und zu ihrer Freundin gezogen ist. Ich glaube, sie haben sich gestritten, weil sie sich einsam fühlte. Leider scheint Dad das nicht zu begreifen. Er lebt praktisch in seinem Büro. Seit der Auseinandersetzung mehr als zuvor. An den Tagen, an denen ich bei ihm bin, sehe ich ihn meist nur zum Frühstück, bevor er sich seinen Aktenkoffer schnappt und erst spät am Abend zurückkommt.

Mittlerweile habe ich es aufgegeben, mit ihm darüber zu reden. Wir drehen uns im Kreis, sagen Dinge aus Frust, die wir nicht meinen. Ich versuche, zu verstehen, dass er verletzt ist und sich mit der Arbeit ablenkt. Doch … es schmerzt. Zusehen zu müssen, dass wir uns alle immer weiter voneinander entfernen, anstatt offen über unsere Probleme zu sprechen.

Während mein Laptop hochfährt, eile ich in die Küche, auf der Suche nach einem Snack. Am Kühlschrank klebt ein Zettel, der nur die nötigsten Informationen enthält.

Notfall im Büro. Essen in der Mikrowelle. Hab dich lieb.

Kopfschüttelnd nehme ich den Zettel und werfe ihn in den Müll. Rein aus Protest mache ich mir eine Schüssel Erdnüsse zurecht.

Wieder in meinem Zimmer, lasse ich mich schwerfällig auf das weiche Polster meines Stuhls fallen und öffne mein Schreibprogramm. Innerlich debattierend, worüber ich schreiben könnte, starre ich auf das leere Dokument.

Das hier ist meine andere Seite. Eine Seite, die ich bislang nur einer einzigen Person anvertraut habe. Keiner aus meiner Familie hat eine Ahnung davon, was ich in meiner Freizeit gern mache. Nicht einmal Mom. Sie glaubt, dass ich in Lehrbücher vertieft bin, akribisch mein Wissen erweitere, um später in die Fußstapfen meines Dads zu treten. Es ist traurig, doch für meine Familie steht Erfolg an oberster Stelle. Hervorragende Noten, Auszeichnungen, Pokale – egal was, Hauptsache, man fällt positiv auf.

Nur mein Bruder Andrew scheint zu ahnen, was wirklich in mir vorgeht. Sein fürsorgliches Verhalten mir gegenüber sowie die Blicke sprechen Bände. Manchmal möchte ich ihn dafür hassen, dass er von heute auf morgen ausgezogen ist. Wäre er in Dads Fußstapfen getreten, könnte ich tun und lassen, was ich will. Aber mein Bruder verfolgt nun seine eigenen Träume, die im starken Kontrast zu den Vorstellungen unseres Dads stehen. Deshalb ruht sein ganzer Fokus auf mir. Nicht, dass ich mich für Andrew nicht freuen würde. Es ist nur so unfassbar schwer, den Erwartungen gerecht zu werden.

Ich sehe Mom nur an den Wochenenden. Und Dad …

Das Problem mit ihm ist, dass es nur wenige Sachen gibt, worüber wir außerhalb seiner Geschäfte reden können. Wir sind beide keine großen Plaudertaschen. In seiner Gegenwart spüre ich nur den Druck, ihn nicht allzu sehr zu enttäuschen. Bereits von klein auf sind Forderungen an mich gestellt worden, die ich kaum begreifen konnte. Ich bin der Sohn eines erfolgreichen Anwalts und einer der schönsten Mode-Ikonen. Dementsprechend habe ich mich zu benehmen. Von mir wird erwartet, dass ich stark, dominant und in allen Aspekten überlegen bin. Aber ich bin nur ein schüchterner Junge mit kindlichen Träumen, der es nicht einmal zwei Sekunden in einem Versammlungssaal aushält.

Ist das Charles Blackwells Sohn?

Wir alle haben hohe Erwartungen an ihn.

Also ich würde mein Vertrauen nicht in ihn setzen.

Er ist noch ein Kind. Vielleicht wächst er in seine Aufgaben hinein.

Da wäre ich mir nicht so sicher. Meine Tochter benimmt sich bereits reifer. Ich wünschte, sein älterer Bruder wäre geblieben. Ihm hätte ich zugetraut, die Bürde zu tragen.

Was für eine Enttäuschung.

Das Schlimmste an diesen Worten ist, dass ich sie nicht aus zweiter Hand erfahren habe. Nein, ich stand neben dem Haufen aufgetakelter Frauen, die nichts Besseres zu tun hatten, als über den Nachfolger ihres Arbeitgebers zu lästern. Jede von ihnen möchte sehen, wie weit das goldene Kind es bringt, bevor es kläglich auf die Nase fällt. Sie respektieren mich nicht, weil sie glauben, mich zu kennen. Das hyperaktive Balg, das rein äußerlich nie irgendwo reinpassen würde.

Eigentlich sollte ich genauso sportlich sein wie Andrew, sonnengebräunt, maskuline Züge vorweisen und vor Tatendrang sprühen. Stattdessen ist meine Haut blass. Ich bin schon immer schlank gewesen, aber nie muskulös. Eher eine wandelnde Katastrophe auf viel zu langen Beinen und mit zwei linken Händen.

Meine Finger stoppen auf der Tastatur. Ich höre die Reifen auf dem Pflaster der Auffahrt. Der Motor wird ausgeschaltet, gefolgt vom Zuwerfen der Tür. Es dauert nicht lange, da vernehme ich Schritte auf den Stufen.

In einer hastigen Bewegung greife ich blindlings nach einem Buch, um beschäftigt zu wirken. Natürlich erwischt meine Hand die Schüssel Erdnüsse, die ich prekärerweise auf der Schreibtischkante abgestellt habe.

Als die Tür aufgeht und Dad hereinschaut, scheint er nicht sonderlich überrascht zu sein, seinen Sohn auf dem Fußboden vorzufinden.

»Adam?«

»Ja, Dad?«, antworte ich, das Gesicht im Teppich vergraben, in dem Versuch, die Erdnuss zu greifen, die unter den Schreibtisch gerollt ist. Endlich erwische ich dieses Mistding! Triumphierend springe ich auf und begegne dem ungläubigen Blick von Dad.

»Was machst du?«, fragt er und hebt eine Augenbraue.

»Nichts«, murmle ich.

Dad verzieht die Lippen zu einer schmalen Linie. Beschämt weiche ich ihm aus. Ich ahne, was ihm durch den Kopf schießt. Das hier ist mein Sohn. In einem grässlichen roten Pullover, obwohl es draußen stickig schwül ist, und in dem Versuch, das angestellte Chaos zu beseitigen.

»Ich habe eine Bitte an dich.«

»Was denn?« Ich bin schon jetzt nicht begeistert, weil er an dich gesagt hat, anstatt nur eine Bitte.

»Nimm dir für morgen Abend nichts vor.«

»Weshalb?«

»Im Hilton findet eine Wohltätigkeitsveranstaltung statt, zu der ich eingeladen wurde.«

»Aber –«

»Keine Widerworte. Du weißt, dass es wichtig ist, bei solchen Veranstaltungen präsent zu sein. Oder kannst du mir erklären, wie meine Kollegen Vertrauen zu dir fassen sollen, wenn du ihnen keine Beachtung schenkst? Es wird einmal deine Aufgabe sein, sie zu leiten. Je früher du damit anfängst, desto besser.«

Er spuckt mir diese Sätze praktisch ins Gesicht. Habe ich etwas anderes aus seinem Mund erwartet? – Natürlich nicht. Für ihn stehen die Interessen seiner Kanzlei immer noch über meinen eigenen. Dem Bild, das er in den Kreisen seiner Klienten und Partner formt, habe ich zu entsprechen. Ohne die Wahl auf Widerruf.

»Ich weiß«, gebe ich mich geschlagen.

Dad seufzt entkräftet. »Ich will nur das Beste für dich. Für deine Zukunft. Nimm es mir bitte nicht übel.«

»Werd ich nicht.«

»Es …« Er unterbricht sich selbst, hadert wenige Sekunden, bevor er wieder ansetzt. »Ich habe es mit Renée abgesprochen und wir beide sind uns einig, dass es dir guttun würde, mehr unter Menschen zu kommen. Sie meint, dass du in den letzten Wochen nur selten dein Zimmer verlässt.«

»Bist du dir sicher, dass dumir damit nur helfen willst, oder geht es nicht vielmehr darum, mich deinen Kollegen vorzuführen?«

Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, liege ich mit meiner Vermutung goldrichtig.

»Das eine schließt das andere nicht aus. Wir machen uns Sorgen.«

War klar. Immerhin denkt Mom auch, dass ich in meinem Schneckenhaus lebe, weil ich es schwer in der Schule hätte. Newsflash: Habe ich nicht. Ich entscheide bewusst, meine Mitschüler zu ignorieren, die meinen, sie könnten mich ausnutzen oder in eine Ecke drängen. Die Flure sind voll von falschen Gesichtern. Nur wenn man genauer hinschaut, erkennt man die Lücken in ihrer Mimik. Das Zucken ihrer Mundwinkel, die sich angestrengt nach oben schieben. Die verkrampfte Haltung, sobald jemand vor ihren Augen gehänselt wird. Die meisten Schüler versuchen nur, den Tag ohne nennenswerte Vorfälle hinter sich zu bringen. Das ist aber auch schon der einzige Punkt, an dem wir uns alle ähneln.

Ein schweres Aufatmen lässt mich hochschauen.

»Hast du mir zugehört?«, fragt Dad und allein anhand seines Tonfalls weiß ich, dass er enttäuscht ist.

»Entschuldige«, räume ich ein. »Könntest du es wiederholen?«

»Was ist nur los mit dir? In letzter Zeit wirkst du so zerstreut. Wenn es wegen Renée und mir ist …«

»Ist es nicht.« Zumindest nicht hauptsächlich, füge ich in Gedanken hinzu.

»Vielleicht wird es gar nicht so schlimm, wie du vermutest. Erinnerst du dich an Mrs. Morrison?«

»Nein«, antworte ich viel zu schnell.

»Wirklich?« Dad sieht mich ungläubig an. »Ihre Familie ist erst kürzlich zurückgezogen. Ihr Sohn Derek wird ebenfalls an dem Essen teilnehmen. Du hast dich doch gut mit ihm verstanden.«

Das ist eindeutig untertrieben. Wir waren beste Freunde. Ich konnte in seiner Gegenwart derjenige sein, der ich sein wollte. Ohne den ständigen Druck und die Erwartungshaltung von Außenstehenden. Leider hielt unsere Freundschaft nicht auf Dauer. Denn aus mir unerklärlichen Gründen war ich plötzlich Luft für ihn. Als hätten wir nicht gemeinsam die Nachbarschaft erkundet, stundenlang Videospiele gespielt und uns unsere geheimsten Träume anvertraut. Und dann war er weg. Einfach so. Ohne ein Wort zu sagen. Sämtliche Nachrichten und Anrufe blieben unbeantwortet.

Derek hat mich aus seinem Leben gestrichen. Und jetzt ist er zurück. Offen gestanden habe ich keine Ahnung, was ich darüber denken soll. Ihn ausgerechnet bei einem Geschäftsessen wiederzusehen, ist das Letzte, was ich möchte.

Meine Augen huschen zu meinem Laptop, im Kopf die Zeilen, die meine Finger bis eben getippt haben.

»Worüber denkst du nach?«, fragt Dad und in seiner Stimme höre ich die unterschwellige Sorge.

»Gar nichts.«

»Hattest du bereits andere Pläne?«

»Ja«, schnaube ich und werfe die Hände hoch. »Ein Date mit meinem Laptop. Allein. In meinem Zimmer. Klingt verlockend.«

»Adam.«

Ich verdrehe die Augen. »Nein, Dad. Ich habe morgen nichts Besseres vor, als dich bei der Veranstaltung zu begleiten und einem Freund zu begegnen, der sich wie ein Arsch verhalten hat.«

»Vielleicht hatte er seine Gründe.«

»Ja, vielleicht«, brumme ich.

Hilft es mir in diesem Moment? Eher weniger. Ich werde trotzdem gezwungen, unter den Menschen zu sein, die ich nicht ausstehen kann.

Für mehrere Sekunden stehen wir beide unbeholfen da. Ich warte. Auf was genau, weiß ich nicht. Auf ein Wunder, die Einsicht, auf einen Satz, der den Kloß in meiner Kehle verschwinden lassen könnte. Eine kleine Geste würde genügen.

Aber Dad wendet sich ab. Bevor er allerdings die Tür hinter sich schließt, dreht er sich noch einmal dem Haufen Gliedmaßen, der sein Sohn ist, und den Krümeln auf dem Teppich zu. »Und du bist dir sicher, dass es dir gut geht?«, fragt er.

Seine Worte dröhnen in meinen Ohren. Und du bist dir sicher, dass es dir gut geht?

Selbstverständlich, denke ich verbittert. Ich habe bloß meine Lieblingserdnüsse auf dem Boden verteilt, als wären sie ihre eigenen Konstellationen von Sternbildern, verbringe die meiste Zeit vor meinem Laptop und verfasse Texte, von denen ich überzeugt bin, dass sie dich enttäuschen. Ich halte mich auf Abstand. Von deinen Klienten und Partnern, von den typischen Grüppchen in der Schule, um keine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken.

All das liegt mir auf den Lippen, allerdings …

»Mir fehlt nichts, Dad«, antworte ich in der Hoffnung, dass ihm das kleine Lächeln ausreicht, um ihn von meinen Worten zu überzeugen.

Das tut es nicht. Er hat die Lüge sofort durchschaut, doch er tut sie mit einem Schulterzucken ab. Wohl ein Versuch, mir Freiraum zu geben.

Wirklich, der beste Dad, den man sich wünschen kann.

»Sehen wir uns morgen zum Frühstück?«, frage ich.

»Sicher. Mach heute nicht mehr zu lange.«

»Du auch.«

Die Zimmertür wird zugezogen.

Ich wende mich meinem Schreibtisch zu und verfluche meine Ungeschicklichkeit, die das Chaos verursacht hat. Widerwillig hole ich den Staubsauger.

Ich bin mir sicher, irgendwo auf der Welt passiert gerade etwas Magisches. Freunde, die sich ein Versprechen geben. Ein Paar, das sich in dieser schwülen Sommernacht seine innigste Liebe gesteht. Polizisten, die Menschenleben retten. Und ich stehe in meinem Zimmer und sauge die Überreste meiner Erdnüsse auf.

Ich gebe es zu: Mein Leben ist öde. Absolut langweilig. Ich bin gefangen in einer Spirale, aus der ich nicht ausbrechen kann. Zumindest nicht, bis ich es schaffe, meine Maske abzuwerfen.

Mein Hals wird dick.

Eine Maske …

Ohne Titel, 29.06.2014

Ich glaube, es gibt eine schmale Linie zwischen Wahrheit und Lüge. Wir stehen genau an der Weggabelung, an der sich die Linie in zwei Hälften teilt. In ein Gesicht, das wir offen der Welt präsentieren, und ein Gesicht, das wir tief in unserem Innersten tragen. Auch ich bin ein Teil davon, führe zwei Masken mit mir, ohne zu wissen, welche mein wahres Ich ist.

– die Stimmen in meinem Kopf,

sie werden lauter.

Ich wünschte,

ich könnte sie abstellen –

KAPITEL 2

»Ich schwöre, wenn ich gezwungen werde, noch einen deiner dämlichen Witze zu hören, springe ich von einer Klippe! Reicht es nicht, dass ich mir das ununterbrochene Gelaber von Daniel antun muss?«, beschwert Jenny sich. Sie wirft den Kopf zurück, als wolle sie ihre Haare über die Schulter werfen – nur sind sie dafür nicht lang genug.

Daniel kichert neben ihr. »Lieber erträgst du mein Gerede anstatt die schlechten Witze von Elias.«

»Hey!«, protestiert der und verzieht eingeschnappt das Gesicht. »Ist es meine Schuld, dass ihr einfach keinen Humor habt?«

»Der letzte war gar nicht so übel«, werfe ich ein. »Ausbaufähig, aber nicht schlecht.«

Elias’ blassgrüne Augen fangen an, zu leuchten. »Siehst du, Jenny. Kein Grund, dich aufzuregen.«

»Herzlichen Glückwunsch«, entgegnet sie trocken. Dann lachen wir gemeinsam.

Solche Momente sind mir die liebsten. Weg von allem, was mich stört, und unter den Menschen, die mich zumindest ein kleinwenig verstehen. Es hilft, dass man nicht völlig allein dasteht und es tatsächlich Personen gibt, die nicht nach Aufmerksamkeit fordern.

Ich stehe mit meinen Leidensgenossen auf einem Schotterplatz hinter dem Hotel, in dem die Wohltätigkeitsveranstaltung von Mrs. Morrison stattfinden soll. Jeder von uns ist gegen seinen Willen hier. Wir würden alle einen Kinoabend einem solchen Event vorziehen. Selbst Schularbeiten wären uns lieber. Nur fragt uns eben keiner.

Einzig und allein Jenny scheint heute besonders gut gelaunt zu sein. Seitdem wir hier stehen, strahlt sie über beide Backen. Es ist fast unheimlich, sie so zu sehen.

»Wieso bist du eigentlich so gut drauf?«, fragt Daniel misstrauisch. »Wir sitzen doch alle in dieser beschissenen Lage fest.«

Jenny kichert. »Keine Sorge. Ich bin nicht auf die dunkle Seite übergewechselt. Ich bin einfach nur neugierig, weil ein gewisser Jemand der Star des heutigen Abends sein wird. Ich freue mich wirklich, diese kleinen süßen Wangen zu zerquetschen.«

Oh Gott. Ich ahne, wen sie meint, und die Bestätigung, dass er tatsächlich hier ist, lässt in mir ein unsicheres Gefühl aufsteigen.

Daniel runzelt die Stirn. »Von wem sprichst du?« Hilfesuchend wendet er sich an Elias, der allerdings auch nur ahnungslos mit den Schultern zuckt.

»Kommt schon. Wisst ihr wirklich nicht, von wem ich spreche?«, fragt Jenny vollkommen entrüstet. »In der Schule wird über nichts anderes geredet. Wie kann euch das entgangen sein?«

»Ich bin kein Fan von Gossip«, erklärt Daniel entschuldigend. »Meistens überhöre ich aus Prinzip die Gespräche meiner Mitschüler.«

Ich kann den dreien nicht mehr zuhören. Meine Gedanken drehen sich allein um ihn. Was, wenn er mich nicht wiedererkennt? Was, wenn er merkt, dass ich immer noch derselbe schüchterne Junge bin, der seine Wünsche und Hoffnungen zu nah an seinem Herzen trägt?

»Adam«, sagt Jenny und schnippt vor meiner Nase mit den Fingern.

»Was?«

»Ich wollte wissen, ob du schon von seiner Rückkehr gehört hast. Du warst damals ziemlich am Boden zerstört.«

Ich starre sie wortlos an. Muss sie mich ausgerechnet jetzt daran erinnern?

»Entschuldige, war ich gerade unhöflich?«, fragt sie. »Du kennst mich, ich meine es nicht böse. Ich spreche manchmal einfach das aus, was mir in den Sinn kommt.«

»Genau das ist der Grund, weshalb wir dich so mögen«, erwidere ich und bemühe mich um eine freundliche Miene.

Daniel räuspert sich. »Und? Wer ist nun der Star des heutigen Abends?«

»Okay«, beginnt Jenny, während sie aus ihrer Designerhandtasche ihr Handy hervorholt, das mit Glitzersteinen bestückt ist. »Meine Mom hat mir gestern verraten, weshalb die Veranstaltung überhaupt stattfindet. Ihr werdet nicht glauben, wer seit Kurzem wieder in der Stadt ist.«

Oh, ich kenne die Antwort. Ich kenne sie nur zu gut.

Elias sieht mich wissend an. Fast als wüsste er endlich, wen sie meinen könnte. Kopfschüttelnd wirft er die Hände hoch. »Erwarte nur nicht zu viel«, warnt er Jenny. »Wer weiß, wie er nach all der Zeit aussieht. Pubertät ist schließlich nicht zu jedem freundlich.«

»Ohhhh, er wird mich nicht enttäuschen«, schmachtet Jenny verträumt.

»Und wieso bist du dir da so verdammt sicher?«, will Daniel wissen. Sein Blick ist eisig. Eine gefährliche Mischung aus Bitterkeit und Eifersucht.

»Darum«, entgegnet sie und zeigt den beiden triumphierend etwas auf dem Display ihres Handys.

»Heilige Scheiße«, stößt Daniel aus.

»Er ist kaum wiederzuerkennen«, stimmt Elias zu.

»Nicht wahr?«, meint Jenny und dreht sich zu mir. »Willst du sehen, wie sich der zukünftige Geschäftspartner deines Vaters gemacht hat?«

Mich überkommt ein seltsames Gefühl. Ich kann es nur schwer in Worte fassen, doch alles in mir sträubt sich dagegen, zu erfahren, wie Derek Morrison sich in den letzten Jahren verändert hat. Ob er noch dasselbe markante Hasenlächeln hat? Dieselbe Unschuld in den Augen?

Vermutlich nicht, entscheide ich verbittert.

Ich glätte das Revers meines Smokings. »Wir sollten endlich reingehen, bevor unsere Eltern einen Suchtrupp nach uns losschicken.«

»Spielverderber«, murmelt Jenny.

Seufzend wende ich mich ab. Es sind nur ein paar Stunden. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich ihm unter all den Gästen begegne? Ich sollte ruhig bleiben und einfach versuchen, das Beste aus dem Abend zu machen.

Bevor wir den Schotterplatz verlassen und in die Straße biegen, die überfüllt ist von leutseligen Menschen, sehen wir uns untereinander an, jeweils ein aufmunterndes Lächeln auf den Lippen.

»Hals- und Beinbruch«, wünscht Elias, der sich zuerst dem Blitzlichtgewitter stellt.

Jenny zupft ihr aufwendiges Cocktailkleid zurecht, schaut abermals in ihren kleinen Handspiegel, um sicherzustellen, dass jede Strähne perfekt sitzt. »Versucht, euch nicht allzu sehr zu blamieren. Denkt dran: Immer schön Lächeln und gut aussehen!«

»Als ob dir das schwerfällt«, murrt Daniel.

Sie hält ihm ihre Hand hin und er nimmt sie.

Zwischen all den Luxusfahrzeugen und Designeranzügen, die Tausende von Dollars kosten, präsentieren sich Frauen in edlen Kleidern, auf ihren Lippen ein kokettes Lächeln für die Kameras, während sie sich schwungvoll an ihre Abendbegleitung werfen. Und ich stehe mittendrin. Trotz all dem Glanz und Glitter ist es nicht das, was mich glücklich macht. Egal, wie oft ich mit den Partnern meines Dads spreche, es wirkt nie natürlich und echt, wie es bei Andrew den Anschein machte. Aufgesetztes Interesse. Gestellte Freundlichkeit. Sie sind irritiert über mein Verhalten. Selbst wenn ich versuche, mich in ihre Gespräche einzubringen, habe ich das Gefühl, sie wissen genau, was ich insgeheim denke.

Ich hebe den Kopf und straffe die Schultern. Lass dich nicht von den Blitzlichtern erschrecken, ermahne ich mich. Schau nach vorn, immer nach vorn, und hau sie mit deinem Megawattlächeln um!

Bereits in den Kinderschuhen habe ich gelernt, wie man sich richtig bewegt, lässig ein Bein ums andere schlägt und mit welchem Händedruck die Gäste empfangen werden. Alles muss perfekt sein. Ein Foto hier, ein kurzer Plausch dort.

Meine Schritte sind langsam, geübt und kalkuliert. Hinter mir kann ich die Rufe der Fotografen hören, die nach meiner Aufmerksamkeit verlangen. Ich bleibe stehen, recke mein Kinn ein wenig höher, darauf bedacht, eine fröhliche Miene aufzusetzen, und winke mit einer Hand locker in die Menge.

»Adam! Adam!«

Von allen Seiten wird mein Name gerufen.

»Werden Sie nach der Schule wirklich in der Kanzlei Ihres Vaters anfangen?«, fragt eine Reporterin mit dick aufgetragenem Lippenstift.

»Ist es wahr, dass Ihr Bruder mit einer Klassenkameradin durchgebrannt ist und Sie nur deswegen als künftiger Nachfolger ernannt wurden?«

»Ich habe Ihre Mutter eine Weile nicht mehr an der Seite Ihres Vaters gesehen«, drängt sich ein hagerer Mann an die vorderste Reihe. »Gibt es Schwierigkeiten in der Ehe Ihrer Eltern?«

»Wann wird sie zurückkommen?«

»Sind die Gerüchte wahr?«

Ich beginne, im Kopf zu zählen.

Drei …

Zwei …

Eins …

Das ist genug. Ich deute auf die Treppe, die ins Innere des Hotels führt, um zu verdeutlichen, dass ich fertig bin, Bilder für die Klatschpresse schießen zu lassen.

Ich bin kein Dummkopf. Ich weiß, was sie mit solchen Fragen bezwecken. Sie wollen mich aus der Reserve locken, hoffend, dass ich die Fassung verliere und einen Fehler mache. Ein falsches Wort und ich könnte Dad für immer ruinieren. Nicht nur ihn – sondern auch seine geschätzten Partner. Ein gefundenes Fressen für diejenigen, die sich gern im Leid von anderen suhlen und alles aus nächster Nähe miterleben wollen. Trotz allem muss ich mich respektvoll und höflich verhalten. Das schließt nervige Fotografen wie aufdringliche Reporter ein.

Es scheint Jahre zu brauchen, bis ich mich in einem Saal des Hilton an den Menschenmassen vorbeikämpfen kann. Drinnen herrscht eine ausgelassene Stimmung. Aus den Lautsprechern dringt seichte Jazzmusik, die sich unter die Gespräche der Gäste mischt. Die Veranstaltung ist ein reines Spektakel. Die Bediensteten haben ganze Arbeit geleistet, den Raum mit Blumen, Kerzen und Stehtischen auszuschmücken. Braun-rote Farben dominieren das hohe Zimmer, dessen Decke malerisch verziert ist. Sämtliche Säulen und Fenster sind von Seidentüchern eingehüllt. Es strahlt Ruhe und Wärme aus. Genau so, wie ich Mrs. Morrison in Erinnerung gehalten habe.

Ich stelle mich auf Zehenspitzen, auf der Suche nach Dad. Eine junge Frau schiebt sich in mein Blickfeld. Freundlich hält sie mir ihr Tablett entgegen, voller Gläser mit Rotwein. Zuerst will ich ablehnen, weil ich den säuerlichen, herben Geschmack nicht ausstehen kann. Aber in den Augen meines Dads ist es unhöflich, ein Willkommensgetränk abzulehnen.

In solchen Momenten vermisse ich Mom. Sie hätte mich daran gehindert, allein in einer Ecke zu stehen und in Selbstmitleid zu baden. Doch jetzt bleibe nur ich, das halbleere Glas in meiner Hand und die Masse vor mir, die sich prächtig zu amüsieren scheint.

Am äußersten Rand der Bühne entdecke ich Dad, der sich ausgelassen mit einem älteren Mann unterhält, dessen Frau nicht gerade nüchtern wirkt. Amüsiert über ihren Versuch, an das Tablett eines Kellners zu kommen, lasse ich meinen Blick weiterschweifen. Die meisten Gäste tragen große Namen in der Wirtschaft. Unternehmer, Politiker, Idole, Models. Sie wollen vor ihren zukünftigen Kunden gut aussehen, indem sie der Welt auf die Nase binden, dass sie ihr Vermögen für wohltätige Zwecke spenden. Es ist jedes Mal dasselbe. Die Leute spazieren herein, wedeln mit ein paar Geldscheinen und versuchen, sich gegenseitig zu überbieten. Niemanden kümmert, was sie eigentlich finanzieren.

Die Stiftung, die Mrs. Morrison ins Leben gerufen hat, unterstützt Familien, deren Kinder schwer erkrankt sind. Sie setzt sich für verschiedene Projekte ein, seitdem ihr Vater unerwartet an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben ist, und investiert einen Großteil ihres Treuhandfonds in die Krebsforschung. Das reicht, um ihr genügend Respekt von Geschäftsfreunden ihres Mannes und seiner Familie einzubringen. Aus diesem Grund veranstaltet sie regelmäßig solche Events, um für die Geschäfte ihres Ehemannes zu werben und weitere Spendengelder zu sammeln.

Ich lasse die rege Menge zurück und sehe mich nach jemandem um, mit dem ich mich ungezwungen unterhalten kann. Doch Elias scheint recht zufrieden damit zu sein, sich hinter einer Topfpflanze zu verstecken und so zu tun, als wäre er unsichtbar, während Jenny damit beschäftigt ist, wie ein Schmetterling durch die Menge zu flattern. Daniel steht mit einem Glas Champagner in der Hand neben seinem Vater. Sein Kopf geht in regelmäßigen Abständen auf und ab, darauf konzentriert, sich in die Gespräche einzubringen. Doch ich merke, dass seine Blicke immer wieder heimlich zu Jenny wandern.

Ohne Vorwarnung werden sämtliche Lichter gedimmt und die kleine Bühne wird von einem Scheinwerfer perfekt in Szene gesetzt. Gut gelaunt und lebhaft, wie ich sie in Erinnerung habe, begibt sich Mrs. Morrison aufs Podest. Ihre Friseurin hat sich wieder einmal selbst übertroffen. Ihre langen Locken sind mit einer goldenen Haarnadel aufwendig zu einer geometrischen Form festgesteckt. Sie trägt ein tief ausgeschnittenes Abendkleid von Armani in einem Nachtblau, das die Farbpalette ihres Make-ups ergänzt.

»Ich möchte mich herzlichst für Ihr Kommen bedanken«, beginnt sie. »Es ist das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit, dass ich im Namen meiner Familie eine Gala dieser Größe veranstalten darf. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um meine Dankbarkeit für Ihr Engagement auszusprechen. Zugleich habe ich auch eine kleine Veränderung in den Geschäften meines Mannes zu verkünden.« Sie macht eine gekünstelte Pause. »Aus gesundheitlichen Gründen bin ich gezwungen, kürzerzutreten. Aus diesem Grund wird ab sofort unser Sohn meine Aufgaben in der Firma wahrnehmen.«

Mir bleibt nicht einmal die Zeit, ihre Worte zu verdauen, als sie auch schon den Namen ausspricht.

»Derek Morrison.«

Derek Morrison.

Oh nein, denke ich. Bitte nicht.

Nein, das Glück ist wahrlich nicht auf meiner Seite.

Ich sehe zu, wie er sich einen Weg zur Bühne bahnt. Mittelgroß, der Körper trainiert und stark gebaut, pechschwarzes Haar und ein Dreitagebart, der seine erwachsene Erscheinung nur untermauert. Sein Anzug ist schwarz, elegant. Ein jüngeres Ebenbild seines Vaters. Er sieht so anders aus, aber er ist es unverkennbar. Die dunkelgrünen Augen meines Kindheitsfreundes finden sich im Gesicht des jungen Mannes wieder.

Zielstrebig steigt er auf die Bühne und spricht ein paar Worte, von denen ich keine Silbe wahrnehme. Zu sehr schweifen meine Gedanken ab.

Wieso er?, denke ich.

Vergeblich versuche ich, mir einzureden, dass es egal ist. Wir sind nicht länger befreundet. Wir reden nicht miteinander. Unsere letzte Begegnung liegt Jahre zurück. Vier Jahre, zwei Monate, zehn Tage – aber wer zählt schon mit? Er hat es wahrscheinlich vergessen. Ich nicht …

Es war einer dieser typischen Tage. Eine Wohltätigkeitsveranstaltung, die eine Freundin meiner Mom organisiert hatte. Andrew stand damals im Mittelpunkt. Er sprach mit den Partnern unseres Dads und spielte auf dem Klavier. Ich blieb im Hintergrund, beobachtete aus der Ferne, wie mein Bruder sich perfekt in die Gesellschaft einfügte. Nachdem das Essen serviert worden war, schlich ich mich nach draußen. Hinter dem Anwesen erstreckte sich eine weite Rasenfläche mit einem kleinen Hügel, der im Schatten eines Apfelbaumes lag. Ich setzte mich hin, genau unter dem Baum, den Kopf in den Wolken. Nur wenige Minuten später bemerkte ich Derek, der sich zu mir legte.

»Wusste ich doch, dass ich dich hier finden würde. Deine Mom sucht nach dir.«

»Ich will noch nicht zurück.«

»Was willst du stattdessen tun? Deine Designersachen ruinieren, indem du einen Hügel runterrollst?«

Obwohl der Gedanke verlockend war, verneinte ich.

Wir waren einfach nur Kinder. Mit Haut voller Pflaster, die Haare trotz der Ermahnungen unserer Eltern zerzaust und die feine Kleidung verdreckt. Uns war es egal. Mehr als einmal lagen wir mit dem Rücken im Gras und sahen den Wolken dabei zu, wie sie an uns vorbeizogen. Wir verstanden noch nicht die Sorgen von morgen, den Leistungsdruck und die Verantwortung, die auf unseren Schultern liegen würde. Alles, was wir kannten, war, frei zu sein. Jung und unbeholfen, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, was von uns erwartet wurde. Und ich hatte diesen irrsinnigen Glauben, dass sich das niemals ändern würde.

»Derek?«, murmelte ich. Im Schatten des dichten Blätterdachs sah ich deutlich ein helles gelbes Leuchten. Die Sonne stand direkt über mir und kitzelte mein Gesicht.

»Hm?«

»Wirst du … wirst du mein Freund bleiben?«

Für mich schien die Antwort so unvermeidlich klar zu sein: Ja, für immer. Aber wie jedes unsichere Kind brauchte ich etwas, woran ich mich festhalten konnte. Ich wollte, dass die idyllische Zukunft, die ich mir in meinem Kopf ausgemalt hatte, bestätigt wurde.

»Ja«, platzte es aus Derek heraus. Er zögerte keine Sekunde. Vielmehr schien er von meiner Frage angegriffen. »Warum sollte ich es nicht bleiben?«

»Keine Ahnung«, erwiderte ich leise.

Derek rückte ein Stück näher und stieß mich sanft mit seinem Ellbogen an. »Wir sind beste Freunde«, versicherte er mir eifrig. »Für immer.«

»Für immer?«, flüsterte ich nachdenklich. »Für immer ist eine verdammt lange Zeit.«

»Das macht mir nichts.« Ein breites Grinsen huschte über sein Gesicht. »Du und ich, gemeinsam gegenden Rest der Welt!«

Wir waren so jung. So unglaublich naiv. Zwei Kinder, die sich die Ewigkeit versprachen. Aber Dinge ändern sich. Und die Menschen auch. Natürlich konnte das keiner von uns beiden wissen. An dem Tag, als wir friedlich unter der Wolkendecke lagen und unsere verschwitzte Kleidung im Dunst der Mittagssonne zusammenklebten. Wir wussten nur, dass wir einander trösteten.

Derek und ich.

Ich und Derek.

Mehr zählte nicht.

Allerdings gab es einen Grund für meine Unsicherheit gegenüber seinen Worten. Nichts hält schließlich für immer …

Irgendetwas tief in meinem Inneren ahnte bereits, dass unser Freundschaftsversprechen zum Scheitern verurteilt war. Denn auf einmal hatte Derek sich zunehmend von mir abgewandt. Wir trieben auseinander.

Highschool verändert, meinte Mom. Und sie hat nicht gelogen. Derek hatte neue Freunde an seiner Seite, entwickelte andere Interessen und baute sich ein Leben ohne mich auf.

Das unschuldige Versprechen liegt sieben Jahre zurück. Vier davon, in denen wir kein einziges Wort miteinander gewechselt haben.

Lauter Beifall lässt mich zusammenzucken. Neben mir fangen die Damen an, zu tuscheln. Sie machen ihm Komplimente, hängen an seinen Lippen, als wären sie das Kostbarste auf der Welt. Was sie über ihn sagen, ergibt keinen Sinn. Zumindest für mich. Doch wieso fühlt es sich dann so an, als wäre mir etwas Wichtiges genommen worden?

Tief in meinem Inneren habe ich mich gefreut, ihn nach all der Zeit wiederzusehen. Meinen Freund, der nichts für die aufgetakelten Mädchen aus seiner Klasse übrighatte und die Typen verachtete, die zu viel Aufmerksamkeit genossen. Jetzt, da ich ihn sehe, verspüre ich eine gewisse Wut auf ihn.

Nein … Das ist nicht der Junge aus meinen Erinnerungen. Der Kerl, der dort oben seine Dankesrede hält, ist die Sorte von Mensch, die wir beide belächelt und verachtet haben.

Ich kann ihn nicht länger ansehen. Seine Anwesenheit weckt in mir den Drang, auf die Bühne zu steigen, nur um ihm eine reinzuhauen. Einfach so. Um mich besser zu fühlen. Doch sofort bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Denn trotz meiner Wut und Abneigung überfluten mich noch ganz andere Gefühle. Die Trauer über eine zerplatzte Freundschaft, das Unverständnis über seine ablehnende Art mir gegenüber, gemischt mit Selbstzweifeln und Panik.

Ich muss hier raus!

Wortlos dränge ich mich durch die Menge zu einer abgelegenen ruhigen Stelle – auf einen kleinen Balkon. Die Nachtluft ist kühl im Vergleich zu der Wärme im Saal. Erfrischend.

Ich trete ans Geländer und stoße frustriert die Luft in meinen Lungen aus. Hinter mir kann ich seine Stimme hören. Sie ist anders, tiefer, und wirkt strenger in ihrem Ton. Eben wie es von einem Geschäftsmann erwartet wird. Nur der kalte und emotionslose Ausdruck in seinen Augen lässt in mir die Frage aufkommen, ob er den Gästen etwas vorspielt.

Sei nicht dumm, schrillen die Alarmglocken in meinem Kopf. Er hat sich verändert. Im Gegensatz zu dir füllt er die Rolle aus, die ihm aufgetragen wird.

Jubelrufe drängen sich an meine Ohren, gefolgt von der seichten Jazzmusik. Ich will nicht zurück. Nein. Ich kann es nicht. Ich fühle mich nicht bereit, hineinzugehen und ihn zu seinem neuen Posten zu beglückwünschen – und ich müsste es tun. Nicht weil ich es möchte, sondern weil es von mir erwartet wird.

Ich hasse es. Das beklemmende Gefühl in meiner Brust und den nagenden Druck in meiner Kehle.

»Adam.«

Ruckartig drehe ich mich um. Nichts, rein gar nichts, hätte mich darauf vorbereiten können. Mein Herz klopft so schnell, dass es wehtut. Jede Faser in mir ist angespannt und mein Instinkt rät mir, wegzulaufen. Nur leider wäre meine einzige Fluchtmöglichkeit ein Sprung über die Brüstung.

Derek macht einen Schritt vorwärts.

»Was machst du hier?«, frage ich und funkle ihn an. »Solltest du dich nicht feiern lassen?«

Meine Stimme klingt säuerlich. Ich sage es, als hätte ich etwas Übles im Mund.

Lässig und in einer unbekümmerten Haltung tritt Derek ans Geländer. »Darauf verzichte ich gern. Immerhin sind die meisten nur gekommen, um den bestmöglichen Profit rauszuschlagen.«

»Dabei machst du den Eindruck, als würde dir das gefallen. Dass Leute dir zu Füßen liegen, um ein Stückchen vom Kuchen abzubekommen.«

»Oh ja. Mir gefällt es ausgesprochen gut, wenn sie hinter meinem Rücken flüstern, sobald ich an ihnen vorbeigehe.«

Ich kann sehen, dass uns trotz allem doch noch etwas zu verbinden scheint.

»Nur fürs Protokoll: Mir passt es auch nicht.«

»Höre ich da Bitterkeit … Blackwell?«

»Ich bevorzuge Adam. Und nein, ich bin nicht verbittert. Ich kann mir nur Besseres vorstellen, als mir anhören zu müssen, wie schlecht es der Wirtschaft geht.«

»Mom wäre erschüttert, das aus deinem Mund zu hören.«

Ich runzele die Stirn. »Weiß sie überhaupt, dass ich hier bin?«

»Vermutlich nicht. Aber das wäre ihr wohl auch nicht so wichtig. Hauptsache, sie kann der Welt offenbaren, dass ich ihr Nachfolger bin. Schau dir die Leute doch mal an. Diese Show, nur damit sie mich ihren Partnern offiziell vorstellen kann, während sie Spenden für ihre Stiftung sammelt.«

»Mrs. Morrison ist ein Engel«, beharre ich. »Und du solltest den Charakter einer Dame nicht infrage stellen, ganz zu schweigen von deiner eigenen Party.«

»Nicht mein Problem. Ich will hier weder Anschluss noch neue Freunde gewinnen.«

»Das klingt furchtbar einsam. Aber ich vermute, mir steht es nicht zu, darüber zu urteilen.«

»Nein, das kannst du wirklich nicht.«

Ich neige den Kopf und blicke direkt in seine Augen. Abseits der Menschenmassen und dem künstlichen Licht kann ich ihn klarer sehen. Erinnerungen kratzen an der Oberfläche meines Bewusstseins. Eine überwältigende Flutwelle an Emotionen, die mich mit sich reißt. Vanilleeis tropft in die Rillen der Waffel, Gras kitzelt an meinen Fußsohlen, der weiche Sand unter meiner Haut, Schlamm an meinen Klamotten, das warme Licht des Lagerfeuers des Sommerfestes.

Ich fühle mich wieder wie ein Kind, das mit großen Augen durch das Schaufenster des Süßigkeitenladens blickt. Doch das Kind an meiner Seite ist Welten von dem jungen Mann entfernt, der nun vor mir steht. Keine pummeligen Wangen oder das breite Hasenlächeln. Seine Gesichtszüge sind kantiger, die Augenbrauen buschiger.

Ich drehe mich um und stütze mich nachdenklich auf das Geländer. Ich betrachte die Straße unter mir. Alles ist ruhig, ganz im Gegensatz zu meinen Gedanken. Ich frage mich, ob es genauso sein würde wie früher. Sobald wir einmal angefangen hatten, zu reden, vergaßen wir die Zeit. Wir schwatzten bis in die späten Nachtstunden, vergruben uns unter einer Decke, mit Taschenlampen in den Händen.

Die Erinnerung zerplatzt, als Derek ein Feuerzeug aus der Hosentasche fischt. Der stechende Rauchgeruch verengt meine Kehle. Mit jedem Zug löst sich der Film der Unschuld über meinen Augen auf.

»Du rauchst?«, frage ich entrüstet.

Asche fällt vom Ende des Papiers und segelt zu Dereks Füßen nieder. Driftet wie einst die Wolken an mir vorbei. Nur dreckiger und verdorben an der Bitterkeit der Erkenntnis, dass wir erwachsen sind.

Es ist nicht der Fakt, dass Derek raucht, von dem mir übel wird. Es ist der Ansturm der Veränderung. Die plötzliche, schamlose Reife, die Unreinheit. Die Unschuld, die ich an unserer Kindheit geschätzt habe, wird mit dieser einen Handlung grausam weggerissen.

Derek nimmt einen tiefen Zug. »Ich bin achtzehn«, erklärt er schulterzuckend. »Oder hast du das vergessen?«

»Nein«, sage ich unsicher. Alles, was ich tun kann, ist, auf die glimmende Zigarette zu starren.

Ich fühle mich wie ein Idiot, weil ich auf etwas anderes gehofft habe. Dies ist keine Art von »Wir machen dort weiter, wo wir aufgehört haben«. Wir sind zwei völlig fremde Menschen mit einer schwindenden Verbindung, die ich verzweifelt versuchte, festzuhalten. Ich gebe zu, dass ich nicht begeistert war, ihn hier zu treffen, doch ich kann nicht leugnen, dass ich mir ein klein wenig Hoffnung gemacht habe.

»Es ist nur eine Zigarette«, protestiert Derek und senkt die Stimme zu einem Murmeln. »Es ist nicht meine Schuld, dass du nicht reifer geworden bist.«

Ich balle die Fäuste. Es macht mich wütend, dass er mich offenbar immer noch von innen und von außen so leicht durchschauen kann. Ich bin derselbe naive Junge wie damals, der sich nun als Teenager verkleidet. Es braucht mehr als ein Glas Wein, um aus mir einen Mann zu machen.

»Du hast dich verändert«, schleudere ich ihm entgegen.

Zum ersten Mal sieht Derek mich richtig an. Er wirkt erschrocken von meiner harschen Tonlage.

»Verdammt, Adam!« Er seufzt frustriert, drückt den Zigarettenstummel aus und tritt vom Balkon weg. »Es ist vier Jahre her.«

»Das ist mir sehr wohl bewusst, Arschloch!«, schnaube ich. Ich versuche, die Traurigkeit, Verbitterung und meine Enttäuschung mit einem Seufzen zu kaschieren. »Du hast dich nie gemeldet.«

In seinen Augen blitzt etwas auf. Scham? Reue? Ich kann es nicht benennen.

»Unser Versprechen …«

»Es geht nicht nur um das Versprechen«, sage ich barsch. »Es geht um alles. Aber das scheint dir ja scheißegal zu sein, Mr. Ich-mache-jetzt-auf-Geschäftsmann!«

»Du hast nicht das Recht, über mich zu urteilen.«

Seine Stimme ist ruhig, gemessen an den vorwurfsvollen Worten, die ich ihm entgegenbringe. Es gab schon früher Momente, in denen mich die Gelassenheit seines Auftretens erschreckte. Doch jetzt entfacht es nur die Flamme in meinem Inneren.

»Ach, soll ich alles vergessen und von vorn anfangen? Ich habe immer geglaubt, du wolltest deiner Familie zeigen, dass du mutig genug wärst, deinen eigenen Weg zu gehen.«

»Mein Traum hat sich verändert. So wie wir«, murmelt er kaum hörbar, lässt die Schultern hängen und starrt auf seine Füße hinunter. »Wir sind auseinandergedriftet, und ich –«

Unfähig, ihm länger zuzuhören, schneide ich ihm das Wort ab. »Das ist lächerlich.«

Mir wird übel bei dem Gedanken an unser Versprechen – die Worte, die wir zueinander gesprochen haben, die Art, wie er nun auf mich herabblickt.

»Ich bin nirgendwohin getrieben! Nicht wirklich. Selbst nachdem du angefangen hast, mich zu ignorieren, habe ich versucht, nach dir zu greifen. Ich wollte immer noch dein Freund sein! Versuch also nicht, mir zu erklären, dass wir uns verändert haben. Du bist derjenige, der zugelassen hat, dass wir uns heute wie zwei Fremde verhalten.«

Ich stocke.

»Und?«

»Ich bereue es. Ich wünschte, wir hätten uns dieses dämliche Versprechen niemals gegeben. Das hätte mir einiges erspart!«

Das ist nicht das, was ich sagen wollte. All meine angestauten negativen Gefühle bauten sich zu einem Ausbruch auf, ausgelöst durch das plötzliche Wiedersehen. Jeder entgangene Anruf, jede unbeantwortete Textnachricht, jeder vergebliche Versuch, mich mit Derek in Verbindung zu setzen – alles kehrt mit einem Schlag zurück. All die unterdrückten schmerzhaften Erinnerungen bohren sich in mein Herz. Ich dachte, ich wäre stärker, aber ganz offensichtlich hat Derek immer noch eine Wirkung auf mich, die ich gern abgelegt hätte.

»Tut mir leid.«

Seine Stimme ist nicht mehr als ein sanftes Brummen. Ich höre ihm an, was er nicht ausspricht. Innerlich versuche ich, mich zu beherrschen, und als ich den Blick hebe, sehe ich in seine Augen. Er wirkt irritiert.

»Ich bin froh, dass du gekommen bist, auch wenn die Freude nur einseitig ist.«

Ich schnalze mit der Zunge. »Glaub mir, ich habe mich tatsächlich gefreut. Aber jetzt wünschte ich, ich wäre zu Hause geblieben!«

Ein schmerzlicher Ausdruck huscht über seine Züge, der sich allerdings innerhalb eines Wimpernschlags auflöst. »Ist das so? Darf man fragen, warum?«

»Du hast dich verändert«, erkläre ich knapp.

»Wow, sehr einfallsreich. Du hast dich ebenfalls verändert.«

Liebend gern würde ich ihm ins Gesicht schreien, dass er im Unrecht ist, aber aus seinem Blickwinkel betrachtet stimmt es vermutlich, also zucke ich stumm mit den Schultern und wende meine Aufmerksamkeit wieder der Straße zu.

Eine Weile ist es ruhig zwischen uns, dann vernehme ich ein schweres Seufzen.

»Ich sollte zurückgehen.«

Aus mir unerklärlichen Gründen hört sich seine Stimme anders an. Gedrückt? Niedergeschlagen? Verärgert?

»Es war schön, dich wiederzusehen, Adam.«

Mit diesen Worten wendet Derek sich ab und geht.

Gott, ich fühle mich so kindisch.

»Eines muss man dir lassen: Du bist ein Arsch«, kommentiert Jenny und schaut Derek hinterher, wie er in der Menge verschwindet.

Ich schüttele den Kopf. »Du verteidigst ihn nur, weil du auf ihn abfährst.«

»Was zum Teufel … Verdammt, Adam. Nein. Nein und nochmals nein!«, kreischt sie mir so laut ins Ohr, dass sie schwindelerregend klingeln.

»Warum sollte ich dir das glauben? Jeder kann erkennen, wie sehr du ihn anhimmelst. Gott, du hast sogar ein Bild von ihm auf deinem Handy.«