Fünf Männer für mich - Annette Meisl - E-Book

Fünf Männer für mich E-Book

Annette Meisl

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4,99 €

  • Herausgeber: Südwest
  • Kategorie: Ratgeber
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2012
Beschreibung

„Nur einen Mann? Ich will fünf!“

Das beschließt Annette Meisl, als ihre Ehe nach fünfzehn vermeintlich glücklichen Jahren scheitert. Sie startet ihr persönliches 5-Lover-Projekt und bestimmt die Spielregeln der Liebe ab sofort selbst: Fünf Liebhaber sollen es sein! Gleichzeitig, versteht sich. Selbstbewusst und charmant wie sie ist, muss sie auf diese nicht lange warten. Humorvoll und offen gewährt die Autorin Einblicke in ihr Liebesleben und zeigt, wie man nach einer großen Enttäuschung nicht nur sein Selbstwertgefühl wiedergewinnt, sondern vor allem sexy und begehrt eine selbstbestimmte Sexualität lebt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 427

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Per a Lola

Inhaltsverzeichnis

WidmungVorwortProlog – Ich erkläre Anna mein ProjektDie Stunde null
Der schlimmste TagMein neues ZuhauseSpurensuchePanik überfällt michDer erste schöne Abend nach Tag nullWer bin ich?
Das erste Mal
Alle wollen nur das Eine?5L – es geht los!Der Kuss des OpernsängersGedanken zur MonogamieDie Regeln des 5L-Projekts
1. Regel:2. Regel:3. Regel:4. Regel:5. Regel:6.Regel:
Ich überzeuge Viola vom 5L-ProjektMänner, wo seid ihr?
Der zweite Versuch
Die Nagelbrett-ÜbungSchmetterlinge im BauchLust essen Seele aufErster SMS-SexPreisverleihungTurbulenzen über den DardanellenDer BeduineNeue Regeln
1. Regel: Verkehrtherumfühlen oder Scheinfühlen2. Regel: Diversitätskondome3. Regel: Schenkverzicht
Monogamie ja oder nein?Fremdgehen onlineRechercheDas Uschi-Prinzip
Der dritte Mann
Mein erstes InternetdateDie zwei PantherDer Schlüssel zur weiblichen LustDer kölsche LiebhaberHonig in mein HerzAdios, 5L!Das GeständnisDie bilaterale Monogamie wird unilateral gebrochen
Die vierte Chance
La GalanaSex und Freundschaft!Lola gehtDie WolfsfrauDer Preis der FreiheitEin Treffen mit JoystickBirkensohle verrät mir ein GeheimnisEin Mann kauft mir ReizwäscheLa Galana – erste Rauchwölkchen
Der fünfte Tibeter
VersöhnungOpernsänger in ItalienRückkehr aus ModenaDer Intellektuelle – Lesung privatLa Galana – Ja!Jahrestag mit BirkensohleDas versteckte GeschenkNeuer ProbandIch recherchiere weiterBeas Blind Blind DateSecretParty PikantMeine ScheidungKevinBuddha und die temporäre MonogamieDer Hexensabbat
Der sexte Tag
Der IntellektuelleWeiße LügenDas Paradies ist weiblichViolas Ich-will-keinen-Mann-ProfilDubai da capoDas SchwertDas BurgfestSolo, mono oder poly?Wer ein Stück vom Kuchen will …
Die sieben Plagen
Männer sind da, um mich glücklich zu machenBea wird weiseAtemDie heißeste NachtStreicheleinheitenKumpelEin kleines UngeheuerSonntagsfrühstückIn Annos Stimm-WerkstattReise nach AnatolienEine Woche im ParadiesAuf der ÜberholspurStraßenköter und die Pubertät im SchnelldurchlaufCountdown
Das achte Gebot
Und jetzt?RelaunchBlubbern, Zischen, Summen, SchnaufenReise nach IstanbulMein GeburtstagsgeschenkBeas Rückkehr auf den Pfad der TugendBea schenkt mir einen LoverDer NeueBirkensohle hat’s erwischtHobby SexDer Tag, an dem ich plötzlich gesund warLa Galana Café RattatatataNie mehr nur einen Mann
Mein neu(nt)es LebenZum WeiterlesenCopyright

Vorwort

Fünf Männer für mich“ – das ist ein provozierender Gedanke. Mal ganz ehrlich, finden Sie diese Idee nicht auch reizvoll, zumindest als Gedankenspiel? Fünf Männer für mich, das war mein Vorsatz in den letzten drei Jahren, meine persönliche Zielmarke, meine Idealvorstellung. In diesem Buch geht es nicht um eine alternative Lebensform mit einem männlichen Harem für die Frau. Vielmehr geht es um weibliche Selbstfindung, Sex und Liebe. Meine Geschichte ist weder abgehoben noch frei erfunden. Eigentlich ist meine Geschichte ganz normal – am Anfang jedenfalls gleicht sie einer Erfahrung, die viele Frauen mit mir teilen. Sie beginnt mit der Trennung von meinem Mann, nach 15 Jahren Ehe.

Ich habe meine persönliche Stunde null überlebt. Ich habe mich entschieden, nicht das arme Opfer zu sein. Und habe festgestellt: Wir sind keine Marionetten, wir werden nicht von unbekannten Mächten ferngesteuert. In Wirklichkeit haben wir unser Schicksal selbst in der Hand.

Ich behaupte, dass das Unterbewusstsein mit schlafwandlerischer Sicherheit genau diejenigen Menschen und Situationen auswählt, die wir brauchen, um unsere Lektionen zu lernen und einen Schritt weiterzukommen. Es ist wie in der Schule: Wenn wir nicht lernen, wird die Lektion wiederholt, immer wieder, so lange, bis wir endlich verstanden haben. Nachdem ich das begriffen hatte, zog ich mich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf. Gleichzeitig lernte ich, andere um Hilfe zu bitten. Ich lernte, den Mund aufzumachen und zu sagen, was ich brauche. Das klingt einfach? Für mich war es neues Terrain. Das will erst mal gelernt sein!

Noch eine wichtige Erkenntnis: Schmerz lässt sich aushalten  – ohne Medikamente, ohne Alkohol. Dabei ist der Seelenschmerz schlimmer als die Entzündung eines Weisheitszahns. Doch er scheint die Begleiterscheinung jeder Verwandlung zu sein.

Wunderbare Freundinnen, die erst wiederentdeckt werden wollten, halfen mir auf meinem Weg. Und ich fand auch neue Wegbegleiterinnen mit dem Herzen am rechten Fleck. Freundinnen sind der größte Schatz einer Frau, das wurde mir erst klar, als meine eigene Welt ins Wanken geriet. Jede Frau sollte wissen: Männer kommen und gehen, aber Freundinnen bleiben.

Aber ich lernte auch eine ganze Reihe außergewöhnlicher Männer kennen und lieben. Mit großem Wissensdurst erforschte ich die männliche Seele – und ihr körperliches Pendant. Ja, genau das.

Mein sexuelles Spektrum erweiterte sich um zahlreiche Varianten. Ich entdeckte, welch bunte Welt sich da so lange vor mir versteckt gehalten hatte, und stürzte mich mit Begeisterung hinein. Ich lernte die zwei wichtigsten Worte unseres Vokabulars zu unterscheiden und ihre Wirkung auszuprobieren. Ich rief viele lustige, verschwörerische und neckische JAs. Gleichzeitig erkannte ich, dass NEIN ein magisches Wort ist, dessen Verwendung unbekanntes Terrain eröffnet. Ein Nein erschreckt mich nicht mehr. Es ist der Ausdruck der Wertschätzung meiner selbst. Die Angst, durch ein Nein etwas zu verlieren, ist der Sicherheit gewichen, dass alles, was ich verliere, nicht wert ist, bei mir zu bleiben.

Meine innere Stimme hat sich gemeldet und ich habe gelernt, auf sie zu hören, sie ernst zu nehmen. Wie ein Navigationssystem leitet sie uns vom ersten Atemzug an auch durch gefährlichstes Fahrwasser. Doch wir werden dazu erzogen, sie zum Schweigen zu bringen. Meine innere Stimme war bis zum Tag null eingesperrt, in eine fest zugenagelte Kiste mit dicken Holzwänden. Bis die Stimme die Nase voll hatte und die Kiste zerschlug, um endlich an ihren Platz in meiner Mitte zurückzukehren. Ich habe mich bei ihr bedankt. Jetzt zeigt sie mir immer den richtigen Weg. Plötzlich ist alles ganz einfach. So ist die Einfachheit zu einem weiteren wichtigen Wegweiser in meinem Leben geworden.

Ich habe gelernt, wer der wichtigste Mensch in meinem Leben ist: Ich. Erst wenn ich mich selbst akzeptiere, meine Schwächen annehme, meine Vergangenheit positiv betrachte und mich als einzigartigen und liebenswürdigen Menschen sehe, kann ich Frieden schließen und die schönste Liebesbeziehung führen, die das Universum für uns Menschen bereithält: Ich liebe mich.

Und dann, erst dann, bin ich bereit für die Liebe zum anderen und kann wirklich lieben.

Ihre Annette Meisl

PS: Alle Menschen, die in diesem Buch vorkommen, sind reale Personen. Um sie zu schützen, habe ich ihre Namen und wichtige Details zu ihrer Person unkenntlich gemacht, außerdem wurden einige Personen miteinander verschmolzen und so zu fiktiven Charakteren überarbeitet.

Prolog – Ich erkläre Anna mein Projekt

Ich will keinen einzelnen Mann“, sage ich und ignoriere Annas fragenden Blick.

Seit der Stunde null leide ich unter zu hohem Blutdruck. Vor ein paar Tagen blickte mich mein Arzt ernst über den Rand seiner metallenen Designerbrille an und sagte feierlich: „Ab morgen nimmst du Betablocker. Für den Rest deines Lebens.“ Ich werde sie nicht nehmen. Das fehlt noch: Dass ich wegen Herrn X – wie ich meinen Exmann am liebsten nur noch nenne – mein Leben lang Pillen schlucke. Also muss ich genau aufpassen, was ich denke und rede. Denn kaum verirrt er sich in meine Gedankenwelt, schnellen meine Werte nach oben.

Ich erzähle Anna also nicht, wie es zu unserer Trennung kam. Schlimm genug, dass sie eben ausrief: „Was? Ihr seid getrennt? Wir haben im Sommer doch noch Grillpartys in eurem Garten gefeiert …“

Das war in einem anderen Leben. Das verwilderte Stück Grün war bei Sonnenschein Treffpunkt unseres Viertels: Künstler, Journalisten und Nachbarn saßen um den windschiefen Tisch, den ich irgendwann vom Sperrmüll aufgelesen hatte, tranken Rotwein und aßen Frikadellen und Bratwürste, die wir auf einem improvisierten Grill an der Backsteinmauer brutzelten. Bevor Herr X mitten in dieser idyllischen Farbfotografie auftauchen kann, schiebe ich diese Gedanken schnell wieder weg. Ich will ihn nicht mal mehr in meiner Erinnerung sehen, geschweige denn in natura.

Anna scheint meine innere Sprechweigerung zu spüren: „Gibt es einen neuen Mann in deinem Leben?“

Ich schlucke. Wie soll ich antworten, ohne mich in stundenlange Erklärungen zu verstricken? Wie soll ich meine nagelneue Lebensphilosophie kurz und knapp darlegen?

„Einen Mann? Nein. Also eigentlich doch, aber nicht einen.“ Ihrem irritierten Blick entgegne ich: „Ich will keinen einzelnen Mann.“

Die Fragezeichen in ihren Augen wachsen. Anna ist das, was die Vertreter der Gattung Homo sapiens maskulines als „Granate“ bezeichnen. Ihre Freundinnen beneiden sie um Harald, ihren sportlichen, zehn Jahre jüngeren Mann.

„Ich will nicht einen Mann, keine Beziehung, keine feste Beziehung. Ich habe ein Projekt!“, platzt es aus mir heraus. Jetzt weiß sie es.

„Ein Projekt?“, fragt sie erstaunt.

„Ich bin mir sicher, dass jede Frau fünf Liebhaber haben sollte. Das ist meine These, die ich jetzt im Selbstversuch teste. Ich möchte für mich ausprobieren, ob ich mit fünf Liebhabern parallel leben kann, und ich möchte herausfinden, ob das auch für andere Frauen umsetzbar ist.“

„Fünf?“, echot Anna entgeistert.

„Na ja, fünf ist nur ein Richtwert, der darf auch mal variieren. Übrigens: Alle fünf Lover sollten dauerhafte und gute Beziehungen sein. Keine reinen Sexgeschichten, sondern richtige Freundschaften, eben mit dem gewissen Extra.“

Sie schweigt. Das muss sie erst verdauen.

„Meiner Meinung nach ist die Monogamie ein Irrtum. Sie wurde von Männern als Falle aufgestellt, um Frauen in einen goldenen Käfig zu sperren. Kaum sitzen wir da drinnen fest, werden wir nach Strich und Faden betrogen. Die eingesperrte Frau gibt dem Mann Sicherheit und Geborgenheit. Sie ist Mutter und Geliebte, Schwester und Gefährtin in einem. Da das auf Dauer nicht zusammenpasst, ist sie irgendwann nur noch Mutter oder Gefährtin, und den heißen Sex sucht sich der Typ woanders.“

Anna hängt an meinen Lippen. „Erzähl weiter …!“

„Er verrät ihr nichts von seinen wahren Gedanken, von seiner Gier nach fremder Haut. Er spielt den treuen Ehemann, damit sie an seiner Seite bleibt. Sie soll sich in einer monogamen Beziehung wähnen, brav sein Leben wärmen wie ein niedlicher Heizofen.“

Anna nickt. Sie scheint so was schon mal erlebt zu haben.

„Aus dieser komfortablen Situation heraus macht sich der Mann erneut auf die Jagd. Er beginnt mit heimlichen Affären hinter ihrem Rücken. Die Ehefrau kann sich jetzt entweder blind stellen und irgendwann das böse Erwachen erleben oder alles mitkriegen und leiden, leiden, leiden.“

Bums. Das sitzt. Ich beobachte die Wirkung auf meine Gesprächspartnerin mit Neugierde und ein wenig schlechtem Gewissen: Anna hat erst vor ein paar Jahren ihren Traumprinzen gefunden und genießt jetzt ein Familienleben wie aus dem Bilderbuch. Der Beweis ist ihr goldgelocktes Engelchen, das neben unserem Tisch im Kinderwagen schlummert.

Was zum Teufel gibt mir das Recht, ihr solche Worte entgegenzuschleudern? Ich kann fast dabei zuschauen, wie ihr Gehirn rattert: „Betrügt er mich? Betrügt er mich nicht?“ Gemeinerweise füge ich hinzu: „Ein Großteil der Männer ist untreu, ich kann dir die genaue Prozentzahl nicht nennen, aber sie ist hoch. Mit meinen aktuellen Lovern spreche ich offen darüber, sie sagen die Wahrheit. Bei mir brauchen sie ja nicht zu lügen. Daher schätze ich, dass es mindestens 90 Prozent sind.“

Sie kontert: „Nicht nur Männer betrügen. Ich kenne auch Frauen, die das machen. Neulich sagte eine Arbeitskollegin zu mir: ‚Wenn’s in der Ehe mal nicht so prickelt, such ich halt außerhalb was Nettes. Mein Mann soll nichts davon wissen. Und trennen würde ich mich nie deswegen.‘“

Das widerlegt meine These nicht, widerspricht ihr nicht mal. Ich stelle klar: „Männer wie Frauen sind vermutlich nicht monogam. Das hat nichts mit dem Geschlecht zu tun. Wir sind vom Wesen her sexuell neugierig, doch aufgrund gesellschaftlicher Regeln haben wir gelernt, unsere Natur ein Leben lang zu unterdrücken. Das macht uns unzufrieden und unausgeglichen. Daher stelle ich die herkömmliche Zweierbeziehung infrage, denn der Mensch ist in meinen Augen polygam.“

Ich habe mich in Fahrt geredet: „Wir dürfen unsere Liebe nicht an einen einzigen Mann verschwenden. Die Gefahr, uns unsinnig zu verlieben, ist zu groß. Wir brauchen Netz und doppelten Boden, damit wir nicht eines Tages in den Abgrund stürzen. Und wir brauchen ein Spektrum: verschiedene Männer für verschiedene Bedürfnisse.“

Nach kurzer Pause fragt Anna zaghaft: „Hast du die fünf Lover eigentlich schon zusammen?“

„Lass mich mal zählen.“ Ich bin mir nicht sicher, wer alles dazugehört, und sage: „Sagen wir mal viereinhalb und dann noch Cast und Warteliste.“

„Und wer ist die halbe Nummer? Einer, den du gerade testest  – oder was?“

Darauf antworte ich nicht, das ist eine neue Entwicklung, noch nicht spruchreif.

Der kleine Engel ist aus dem Mittagsschlaf erwacht und fängt an, laut zu schreien. Anna flüstert mir verschwörerisch zu: „Bitte erzähl mir mehr davon, beim nächsten Mal!“

Ich schaue sie staunend an. Kann es sein, dass ihr mein Projekt gefällt?

Die Stunde null

Seit Tagen schon geht sie mir aus dem Weg. Einen Rat wollte ich von ihr, aber sie hatte keine Zeit. Ich passe sie in unserem Stadtviertel vor einem Café ab: „Yasemin, was ist los? Ich muss mit dir reden, dringend!“ Geistesabwesend sieht sie durch mich hindurch und sagt diesen einen Satz: „Vielleicht müssen wir unsere Freundschaft beenden!“

Ich verstehe nicht.

„Was …?“

Keine Antwort.

„Was ist denn in dich gefahren?“

Yasemin schiebt ihr Fahrrad weiter die Straße entlang. Ich folge ihr wie ein Hund seinem Herrchen. Ein Hund, der gerade einen Fußtritt bekommen hat. „Was habe ich dir denn getan?“

Wortlos klemmt sie ihre Aktentasche auf den Gepäckträger. Der Halter schnappt auf das glatte Leder.

„Bitte erklär mir doch …“ Weiter komme ich nicht. Yasemin hat sich auf den Sattel geschwungen und ist auf und davon. Wie angewurzelt stehe ich da und blicke ihr nach.

20 Jahre kennen wir uns schon. Sie wohnt im gleichen Stadtviertel einige Häuser weiter und manchmal kocht sie abends für uns. Dafür habe ich selbst keine Zeit. – Ich habe eine Künstleragentur und arbeite täglich bis zu zwölf Stunden. Yasemins aus diversen Kochbüchern herausgepickten Essenskreationen sind immer eine Nuance zu salzig oder angebrannt. Doch bevor ich mein Gesicht verziehen kann, sagt sie jedes Mal mit kindlichem Stolz: „Hey, wie lecker!“ Dann nicke ich aufmunternd und schlucke den Bissen brav runter.

Jedes Detail aus ihrem Leben vertraut sie mir an. Ihre Eltern kamen in den Sechzigerjahren als türkische Gastarbeiter nach Deutschland. Sie, ihre zwei Schwestern und zwei Brüder wurden hier geboren. Ich kenne alle, weiß, wie es ihnen geht und was sie gerade tun. Ob Ümit gerade sein erstes Buch veröffentlicht oder Zafer beschlossen hat, sich scheiden zu lassen, ob Hadan ein Baby aus China adoptieren möchte oder Gülay auf der Suche nach einem neuen Mann ist, all diese Details einer eher untypischen türkischen Familie bekomme ich Tag für Tag berichtet.

Yasemin nennt mich zärtlich „Schwesterchen“ und ihre große Schwester Gülay, die in Istanbul lebt, pflegt den gleichen Ton in ihren täglichen E-Mails an mich. Sie lieben meine langen dunkelbraunen Kringellocken. „Du hast türkische Haare“, lachen sie und drehen daran. Sie empfehlen mir orientalische Haarkuren für den echten Korkenziehereffekt und legen mir die türkische Enthaarungsmethode für die Bikinizone nahe: Agda, eine klebrige Masse aus geschmolzenem Zucker und Zitronensaft, die auf die Körperhaare geschmiert wird, um diese mit Hauruck bis zur Wurzel auszureißen.

„Mein Herzens-Schwesterchen“, schreibt Gülay zuckersüß, „meine Schutzengel passen auf dich auf.“ Sie schreibt, wie sehr sie mich vermisst. Dass sie mich bewundert, weil ich Geschäftsfrau bin, ständig durch die Welt jette und weil die Frauen meinem Mann auf der Straße verstohlene Blicke zuwerfen. Sie nennt ihn „Baba“, Papa, was mich irritiert – schließlich sind die beiden gleich alt. Sie ist eben eine verrückte Nudel.

Gülay erzählt mir von ihrer Einsamkeit. Seit Jahren geschieden, wünscht sie sich einen neuen Partner. Immer ist sie auf der Suche nach ihm, im Internet und im realen Leben. Wenn ich sie in Istanbul besuche, hecken wir gemeinsam Pläne aus, wie sie ihren Mr Right findet. Gülay ist die einzige der fünf Geschwister, die ins Heimatland der Eltern zurückgekehrt ist. Aber Istanbul ist weit weg. Vor vier Jahren brach die Verbindung zu ihr plötzlich ab. Keine zärtlichen E-Mails mehr, keine Herzchen, keine Engelchen aus der Metropole am Bosporus. Ich vermutete, dass die Distanz eben doch zu groß war.

Oft scherze ich mit Yasemin: „Irgendwann schreibe ich eure Geschichte auf, die Story der Yasemin-Sisters und -Brothers. Das wird bestimmt ein Bestseller.“

Zehn Minuten nach der Begegnung mit Yasemin im Treppenhaus ruft mich mein Mann an.

„Alles klar bei dir?“, fragt er. Nichts ist klar! Die Geschichte sprudelt aus mir heraus. Kein Kommentar seinerseits. Ich hake nach: „Yasemin will mir die Freundschaft kündigen! Sie sagt nicht mal, warum!“ Deniz ist kein Freund von vielen Worten. Ich kenne ihn nicht anders. Das Gespräch ist kurz und endet, ohne dass ich klüger bin.

An Arbeit ist nicht zu denken, in mir rumort es. Wie merkwürdig: Warum ist Yasemin böse auf mich? Ich rufe sie auf dem Handy an. Es läutet dreimal, dann ertönt das Besetztzeichen. Ich versuche es in ihrem Büro – keiner geht dran, nur die Mailbox. „Bitte sag, was passiert ist! Du kannst nicht ohne Erklärung ...“ Drei Pfeiftöne zerschneiden meinen Satz. Es fühlt sich an wie ein Schlag in den Magen.

Vor drei Tagen bin ich mit meinem Mann aus dem Urlaub zurückgekommen, den wir seit Jahren in einem winzigen Fischerdorf auf einer Insel der Dardanellen verbringen. Ich erinnere mich an den letzten Abend. Wir waren zu Gast bei Freunden und saßen zusammen am üppig gedeckten Abendbrottisch auf der Terrasse ihres Landhauses, das idyllisch inmitten der Weinberge liegt und von dem aus man einen wunderbaren Blick auf das dunkelblaue Mittelmeer hat. Sie schmunzelten: „Wie erfrischend! Ihr seid schon so lange zusammen und noch so verliebt …“ Ich griff nach der breiten Hand von Deniz, der noch immer eine starke Wirkung auf mich hat. Er zog die Hand weg, er mag keine Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit. Das vergesse ich manchmal. Seine kräftige Gestalt, der dunkle Teint, die grünen Augen lassen auch nach 15 Ehejahren mein Herz flattern. Ich habe tiefes Vertrauen zu ihm, das Gefühl, mich anlehnen zu können – immer. Mein ganzes Leben lang.

Reich sind wir nicht, aber wir müssen nicht jeden Euro umdrehen. Beruflich bin ich oft auf Reisen und er begleitet mich, besteht regelrecht darauf mitzukommen, sonst darf ich nicht weg. Ich finde das süß, irgendwie. Eifersüchtig ist er nicht, wie er betont. Er hat auch keinen Grund dazu, denn ich bin ihm immer treu gewesen. Niemals käme ich auf die Idee, ihn zu betrügen.

Wir leisten uns ein Leben zwischen zwei Kontinenten, eine Wohnung in Istanbul und eine in Köln. Deniz ist immer wieder monatelang in seiner Heimat, die er so vermisst, wenn er im kalten Nordeuropa ist. Er sieht sich selbst als Künstler, hat ein Auge für Fotomotive. Er schießt Bühnenfotos von den Musikern und Tänzern, die ich auf Tournee schicke. Sein Talent, die Bewegung, den Moment der Inspiration einzufangen, wenn er auf den Auslöser drückt, hat ihm eine beachtliche Ausbeute an ausdrucksstarken Bildern beschert. Wer weiß, vielleicht wird er ja eines Tages entdeckt.

Der schlimmste Tag

Nach unzähligen Versuchen habe ich Glück und Yasemin geht endlich ans Telefon. Sie klingt abweisend, willigt aber ein, mich zu treffen. Die Stunden schleichen dahin – zäh wie Kaugummi unter einer Schuhsohle.

Als wir uns endlich bei einer Latte macchiato gegenübersitzen, schweigt sie.

Ich halte es nicht länger aus und frage: „Worum geht es denn?“

Keine Antwort.

„Ist es, weil ich dir die DVD zu spät zurückgegeben habe?“, taste ich mich langsam vor.

Sie schüttelt den Kopf und presst die Lippen zusammen.

„Ist es, weil ich meinte, dass du, wenn du die Konditionen deines Arbeitgebers akzeptierst, auch gleich als Prostituierte arbeiten kannst? – Das war nicht so gemeint.“

Sie schüttelt den Kopf.

„Hat es was zu tun mit …“

Ich lasse die letzten Tage und Wochen Revue passieren: Was habe ich ihr bloß getan? Plötzlich durchfährt es mich wie ein Blitz: „Hat es was zu tun mit meinem Mann?“

„Ja.“ Sie klingt fast ein bisschen erleichtert.

Fest umklammere ich die Daumen beider Hände mit meinen Fingern, fast so, als wollte ich sie vor Diebstahl schützen. Ich hake nach: „Ist es wegen Gülay?“

„Ja.“

Mir wird eiskalt. Kein weiterer Gedanke mehr. Stillstand. Ich höre das Ticken einer altertümlichen Wohnzimmerstanduhr. Dabei steht da gar keine in dem Café. Ich hatte es gespürt, geahnt. Und wollte es nicht sehen. Ich hatte mich blind gestellt.

Vor vier Jahren hatte ich einen konkreten Verdacht. Mein Mann war damals wochenlang in Istanbul. Auch Yasemin war für einen Kurzurlaub in die Türkei geflogen und wohnte einige Zeit bei ihrer Schwester.

Eines Tages rief ich dort an. Gülay war am Apparat, doch statt zwitschernder Liebeserklärungen gab es diesmal nur Einsilbiges.

„Ist Yasemin da?“

„Nein.“

„Wann kommt sie wieder?“

„Keine Ahnung.“

„Wie geht es dir?“

„Ich muss auflegen.“

Es knackte. Die Leitung war tot.

Als Yasemin eine Woche später wieder in Köln war, fragte ich nach Gülay. „Was ist mit deiner Schwester los? Warum spricht sie nicht mehr mit mir?“

Yasemin wich mir aus. „Du kennst sie ja, sie ist eigen. Man weiß nie, woran man bei ihr ist. Mach dir nichts draus.“

Dann kam mein Mann zurück. Erstaunt bemerkte ich, dass er ständig SMS-Nachrichten bekam. Seit wann wusste er, wie das geht? Wo hatte er das gelernt? Eines Tages, als sein Handy wieder mal „Pling“ machte, fragte ich: „Na, wer hat dir geschrieben?“

„Ach, das ist Gülay.“

„Gülay?“, fragte ich. „Hast du Kontakt mit ihr?“ Und dachte bei mir: Gülay ist doch meine Freundin und nicht deine …

„Wir sehen uns ab und zu“, sagte er lapidar. Davon hatte er mir nie etwas erzählt.

Wie eine hängen gebliebene Schallplatte nistete sich der Verdacht in meinem Kopf ein, sie könnten ein Verhältnis haben. Ich fragte Yasemin.

„Also, soviel ich weiß, ist Gülay verknallt. In deinen Mann. Jeden Tag ruft sie mich an und fragt: ‚Was macht Deniz, wann kommt Deniz, wo ist Deniz?‘ Ich habe sie gebeten, mich in Zukunft mit dem Thema zu verschonen. Keine Ahnung, was da los ist. Wahrscheinlich nichts. Sie ist ein verrücktes Huhn, das weißt du doch. Frag doch Deniz, aber bitte erwähne das Thema nie wieder, ich will nicht zwischen euch stehen, du bist meine beste Freundin – und sie ist meine Schwester.“

Also fragte ich Deniz. Er wies den Verdacht empört von sich: „Sei doch nicht albern“, und umarmte mich. „Wie kommst du auf so dumme Ideen, Schatz?“

Er sagte sonst nie „Schatz“ zu mir. Aber ich schämte mich und war zugleich erleichtert. „Sei dir bitte nur im Klaren, dass sie in dich verliebt ist“, klärte ich ihn auf. „Gib ihr bitte keine falschen Signale.“

Alles war im Reinen. Ich atmete auf. Die Menschen, die mir am nächsten standen, hatten keinerlei Grund zu lügen. Ich hatte offen gefragt, sie hatten offen geantwortet. Gülays Name verschwand von einem Tag auf den anderen aus dem Wortschatz meiner Liebsten. Nie wieder wurde sie erwähnt. Weder von Yasemin noch von Deniz. Als hätte sie sich in Luft aufgelöst.

Bis heute. Gülay, da ist der Name wieder. Vier Jahre ist es her, dass meine Intuition ins Schwarze getroffen hatte. Wie Schuppen fällt es mir von den Augen, warum das Thema Gülay seit jenem Tag tabu ist. Führte Herr X vier Jahre lang ein Doppelleben zwischen Deutschland und der Türkei? Yasemin erklärt mir die Lage.

„Was ich jetzt aber gar nicht verstehe“, flüstere ich ermattet, „warum du mir die Freundschaft kündigen willst? Was hast du, was hat unsere Freundschaft damit zu tun?“ Ich bin überfordert. Zu viele Fragen gehen mir durch den Kopf.

Yasemin wirkt plötzlich hilflos. „Ich halte diese Heimlichtuerei nicht mehr aus.“

Kurz denke ich darüber nach, ob ich jetzt lachen oder weinen soll. Muss ich sie jetzt etwa trösten? Ich bestelle eine Flasche Mineralwasser und trinke sie in einem Zug leer.

„Es hat mich belastet, es all die Jahre zu wissen.“

Es hat sie belastet? Sie sackt nach vorne, senkt das Kinn Richtung Ausschnitt. Meine Freundinnen-Antennen signalisieren mir: Sie braucht Trost.

„Was wird nun aus unserer Freundschaft?“, fragt sie kläglich und legt den Kopf schief.

„Was hat das eine mit dem anderen zu tun?“, frage ich verwundert zurück, als könne ich das alles schon erfassen. Das ganze Ausmaß der eben stattgefundenen Enthüllung ist mir noch nicht bewusst.

„Komm, wir rufen ihn an“, schlägt Yasemin vor.

Eine halbe Stunde später schlendert Herr X lässig ins Café. Ich frage: „Du weißt, worum es geht?“ Er schaut von mir zu Yasemin, die seinem Blick ausweicht, und nickt. Ich mustere die Bücherregale an den Wänden des Cafés. Er studiert die Speisekarte auf dem Tisch.

„Was ist mit dir und Gülay?“

Er sagt: „Wir haben eine Beziehung. Na und?“

Fast fühle ich mich verpflichtet, ihn um Verzeihung zu bitten. Wie konnte ich es wagen, seinen seelischen Frieden mit meinen platten Fragen zu stören? Die Tatsachen sind eine Nummer zu groß für mich und den kurzen Moment, der vergangen ist. Ich blicke hilflos von einem zum anderen. Ich erwarte irgendeine Erklärung, ein Zauberwort. Ich hoffe, eine kleine magische Bewegung beendet diesen Albtraum und alles ist wieder so, wie es vorher war. Doch es ist wie bei einem Unfall. Etwas ist unwiderruflich zerstört, aber der Verstand kann es noch nicht fassen. Das hier ist bitterböse, schwarze Zauberei. Mein Leben wurde von einer Sekunde zur anderen weggezaubert. Ich stehe vor dem großen Nichts.

Nach einer kurzen Ewigkeit stehe ich auf. Die beiden bleiben stumm am Tisch sitzen. Mein Weg führt mich direkt in unsere Wohnung. In einer Viertelstunde habe ich ein paar Klamotten und Kosmetikartikel in eine Tasche gepackt und schon bin ich weg. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, dass dies der endgültige Abschied von der Wohnung ist, die 15 Jahre lang mein Zuhause war.

Von der Straße aus werfe ich einen letzten Blick auf das Haus mit den weißen Klinkersteinen. Es ist nicht das Schmuckstück des Viertels, aber die Hausgemeinschaft hält zusammen wie Pech und Schwefel. Einmal im Jahr feiern wir eine Party über alle Stockwerke hinweg, die legendär ist in der gesamten Straße.

Die Wohnung selbst ist 80 Quadratmeter groß und vollgestopft mit den Sachen von Herrn X. Er sammelt Bierdeckel, Weinkorken, alte Plakate, Fotos, Postkarten, Werkzeug und eine ganze Reihe von anderen Gegenständen, deren Nutzen mir immer verborgen geblieben ist. Meine private Ecke ist im Schlafzimmer, neben unserem großen Doppelbett, und besteht aus einer kleinen, schwarzen Kommode und ihrem spärlichen Inhalt: Wäsche, ein bisschen Schmuck, Notizbücher. Ich schiebe alle Gedanken weg und radle mit der Tasche auf dem Rücken in mein Büro, wo ich erst mal unterschlupfen werde. Meine Mitarbeiterinnen dürfen nur nichts davon merken. Niemand soll etwas merken. Ich werde mein Bettzeug immer hinterm Aktenschrank verstecken und so früh aufstehen, dass ich alle Spuren beseitigen kann, die darauf hinweisen, dass ich über Nacht da war.

Den restlichen Tag erlebe ich wie in eine Wattewolke gehüllt. Abends bin ich alleine. Draußen ist es dunkel. Ich ziehe die Vorhänge zu. Ich finde es zu hell hier drinnen mit all den Bürotischlampen. Ich mache eine nach der anderen aus. Ich will Dunkelheit. Die Nacht lockt sanft die Tränen aus meinem Bauch. Ich fange an zu weinen. Ganz sanft. Ich hab es gar nicht verlernt, auch wenn ich während meiner Ehe nie weinen durfte. Komisch, denke ich, so was verlernt man also nicht. Die Tränen blubbern angenehm nach oben und ölen das leise Wimmern, das sich dazugesellt. Das Wimmern gewinnt an Intensität, entwickelt sich zum Schluchzen. Handfest. Ein ordentliches, hörbares Schluchzen. Wie eine Wölfin im Käfig fange ich an, im Büro hin und her zu laufen. Etwas steigt in mir hoch. Aus dem tiefsten Innern meines Körpers löst sich ein Schrei. Mit Wucht schießt er nach oben, bahnt sich seinen Weg durch die Körpermitte, durch die Brust, den Hals bis in die Mundhöhle und birst hinaus in die Luft des Büros. Staunend stehe ich neben mir, höre diesem Schrei zu, der gar nicht mehr aufhören will, der eine Energie hat wie ein Lavastrom. So habe ich diese Stimme noch nie gehört. Wem gehört sie? Wer ist das, der da in mir schreit?

Da reißt mich Gepolter auf den alten Treppenstiegen und ungeduldiges Klopfen an der Türe aus meiner Trance. Nachbarn sind herbeigeeilt. „Annette, mach auf!“, rufen Stimmen im Hausflur. Ich lasse sie rein. Auch meine beste Freundin Yasemin steht da und schickt die anderen Nachbarn weg.

„Ich kümmere mich schon“, ruft sie, eilt ins Bad, macht Handtücher nass. „Leg dich hin“, befiehlt sie mir mit einem leichten Zittern in der Stimme. Sie hantiert geschäftig wie eine Krankenschwester, legt ein kühles Tuch auf meine Stirn. Ich verstehe nichts. „Es geht dir gleich besser.“ Sie gibt mir eine Beruhigungstablette. Der Schrei ist weg. Wieder verschluckt von meinem Bauch. Aber die Stimme hat ihr Gesicht gezeigt. Sie wird mein Leben verändern.

Mein neues Zuhause

Jetzt habe ich ein richtiges Zuhause. Eins, das nur mir gehört. Ich habe unser ehemaliges Gästeapartment für meine Notsituation zurückerobert. Endlich einen Kleiderschrank für mich allein – ohne Männershorts und Männersocken zwischen zarten Dessous. Ein eigenes Bücherregal – ohne stapelweise Philosophie, ohne Abhandlungen über Politik und Soziologie. Eigene vier Wände, an denen ich nach Lust und Laune Bilder aufhängen kann – ohne die Kunstwerke des Herrn X. Die kleine, schwarze Kommode aus meiner ehelichen Wohnung hat Flügel bekommen. Der Geist ist aus der Flasche entwichen.

Mein Refugium ist 18 Quadratmeter klein, mit efeuüberwucherter Terrasse, die in den verwunschenen Garten meines Freundes Gregor ragt. Hier fühle ich mich wie Dornröschen, kurz nachdem sie vom Prinzen wachgeküsst worden ist. Doch der Prinz war für mich kein Prinz, nicht mal ein Frosch, sondern ein böses, stinkendes Stacheltier, und der Kuss war entsprechend schmerzhaft. Mir stecken die Dornen noch in den weichen Lippen, selbst die Zunge ist durchbohrt. Ein einziges Nadelkissen bin ich innerlich. Keine Ahnung, wie mein Körper all das Stachel- und Nagelzeug wieder loswerden soll.

Ich liebe mein verwunschenes Burgzimmerchen. Wenn ich eintrete, atmet mein Herz. Ich fühle mich wie der kleine Prinz auf seinem Planeten, den er liebevoll pflegt. Abends verwandelt sich das Zimmer manchmal in die Gummizelle einer Irren, dann drehe ich die Musik bis zum Anschlag auf und tanze wild die zwei Meter lange Küche hoch und runter. Dabei muss ich aufpassen, dass ich nicht an den Esstisch stoße, und entdecke, dass der dritte Stuhl ein Luxus ist, den diese kleine Hütte nicht verkraftet. Es kommt so selten Besuch, sprich gar keiner, dass der von ihm okkupierte Fast-Quadratmeter zu teuer bezahlt ist – also wird der Stuhl verbannt. Zwei Stühle müssen reichen. Einer für mich und der andere für meine Klamotten.

Mein wilder Tanz mündet oft in wildem Weinen, in unaufhaltsamen Schluchzern. Der arme Nachbar unter mir muss einiges mitmachen. Dass er sich noch nicht beschwert hat, liegt sicher an seiner Befürchtung, dass ich die Türe öffnen und ihn in meinen Irrsinn hineinziehen könnte.

Ich hatte nicht gewusst, dass die Seele schlimmer schmerzen kann als ein entzündeter Backenzahn. Ich dachte, die Seele sei ätherisch, eher eine Idee als eine Realität, nichts zum Anfassen und daher auch nichts, was wehtun kann. Dann kam der Tag null und der Zusammenbruch meiner bisher bekannten Welt. Ich kenne mich nicht mehr aus in meinem Leben, weiß nicht mehr, wer ich bin und was ich will.

Dieser Zustand ist so unerträglich, dass ich irgendwann versuche, mich selbst auszutricksen. Ich beginne, eine Liste mit Befindlichkeitsnoten zu führen. Listen haben sich bei mir immer als hilfreich erwiesen.

Jeder Tag wird benotet. Schlechte Tage bekommen ein Minus, gute ein Plus, neutrale eine Null. Leider überwiegen die Tage mit den Minuszeichen. Die Liste macht mir trotzdem Hoffnung, denn ich entdecke gewisse Regelmäßigkeiten. Nach fünf Tagen „sauschlecht“ kommen meistens zwei Tage „Null“. Immerhin! Manchmal wechseln sich sogar „Null-Tage“ und „Plus-Tage“ ab. Ich muss also nur tapfer aushalten, die besseren Tage kommen auf jeden Fall wieder.

Spurensuche

Ich denke über das Liebesleben der Menschen nach. Gesünder wäre es, mich dem Liebesleben der Ameisen zu widmen, aber ich erlaube mir keine weitere Flucht. Wie konnte es nach 15 Jahren Ehe zu dieser Katastrophe kommen? Ist dieser Mensch schuld, den ich anderthalb Jahrzehnte als „meinen“ Mann betrachtete? Was ist in meinem Leben passiert? Was ist in meiner Ehe geschehen? In diesen 15 mal 365 Tagen mal 24 Stunden mal 60 Minuten mal 60 Sekunden? Wie konnte mein komplettes Leben in nur einer Minute in sich zusammenfallen wie ein Kartenhaus? Hatte ich mit einem Fremden gelebt? War es möglich, dass ich meinen Mann gar nicht richtig kannte? Oder kannte ich ihn doch? Diese Fragen bohren in mir und quälen mich Tag und Nacht.

Ich schreibe Herrn X einen Brief mit all meinen Fragen, sechs Seiten lang. Aber ich spüre schon jetzt, dass ich ihn nicht absenden werde. Meine Antworten muss ich selber finden.

Da fallen mir drei Pappkartons ins Auge, in denen seit Jahren meine gesammelten Tagebücher schlummern. Schon immer habe ich geschrieben. Mit sieben Jahren fing ich damit an und habe seither nicht mehr aufgehört. Streckenweise habe ich täglich Seite um Seite mit meinem Leben gefüllt – und die Bücher danach weggelegt und vergessen.

Der Gedanke, in meinen Aufzeichnungen Hinweise zur Lösung des Rätsels zu finden, macht mich euphorisch. Von diesem Tag an sitze ich Abend für Abend auf dem Teppichboden meines Dornröschenzimmers und wälze die vollgeschriebenen Notizbücher. Erst ordne ich sie nach Datum und kann dabei meine Ungeduld kaum zügeln. Endlich ist es so weit! Ich sauge die Worte auf wie einen Thriller.

Die Situation von damals taucht wieder vor mir auf. Gerade frisch von meinem langjährigen Lebenspartner Roberto getrennt, hatte ich mir im Zentrum von Köln ein helles und freundliches Apartment gemietet. Zum ersten Mal in meinem Erwachsenenleben war ich alleine. Annette, ein Single. Auf einer Party von Yasemin lernte ich Deniz kennen. Er beeindruckte mich sofort durch seine männliche Statur, seine schwarzen Locken und seine lässige Art. Er gab nichts auf Konventionen und sein Lieblingssatz war „Ist mir doch egal“. Damals fand ich das unglaublich cool. Eines Abends schlug Yasemin mir vor, ihn gemeinsam zu besuchen. „Er hat osmanische Spezialitäten für uns gekocht!“, sagte sie lachend und ich war mir sicher, dass sie an ihm interessiert war und mich nur als Anstandswauwau mitnehmen wollte. Aber es kam ganz anders. Sie hatte das Knistern zwischen uns auf ihrer Party gespürt und sich in den Kopf gesetzt, meinem Singledasein möglichst schnell ein Ende zu setzen. Die Chemie zwischen uns stimmte und wir landeten noch in derselben Nacht auf dem Klappsofa seiner kleinen Dachwohnung und trieben es auf dem orientalischen Teppich, dem Tisch und dem Badewannenrand. Danach war nichts mehr wie zuvor. Seine Berührungen auf meiner Haut fühlten sich an, als würden meine Batterien mit doppelter Stromstärke aufgeladen. Einen so potenten Mann hatte ich noch nie erlebt. Ich war berauscht und süchtig nach seinem Körper. Das Drama nahm seinen Lauf.

Tagebuchnotizen

05.07.1992

Was mach ich nur? Das kann doch nicht normal sein! Er geht mir nicht aus dem Kopf. Gibt es keine objektiven Merkmale des Verliebtseins? Wie kann man entscheiden, ob es nicht doch nur Einbildung ist? Ich fühle mich kaputt, mir ist schlecht, ich hab Kopfweh. Dann bekomme ich einen dicken Knoten im Magen. Die Sache mit Deniz ist wahrscheinlich eine einzige große Seifenblase. Ich bin ganz unglücklich. Ich kann ihn nicht mehr anrufen. Er muss sich doch auch mal von selbst melden. Ich kann die ganze Sache nicht einschätzen. Warum hält er sich so zurück? Er sagt, es liegt daran, dass er frisch von seiner Freundin getrennt ist. Er möchte niemandem wehtun. Stimmt das?

13.07.1992

Deniz hat sich wieder mit seiner Freundin versöhnt.

20.07.1992

Er hat sich entschieden, seine Beziehung zu retten, und ich will auch keine neue Beziehung eingehen. Ich glaube, ich muss mich einfach auf mich selbst konzentrieren und unabhängig von den Männern meine Entscheidung treffen.

Deniz verdient eine Frau wie mich ja gar nicht!

Wird er sich bei mir melden? Ich würde ihn gerne ab und zu sehen, obwohl er ein verdammter Hund ist. Aber ich bin keine Frau der zweiten Wahl!

Und Deniz ruft nicht an. Ich muss mir diesen Mann aus dem Kopf schlagen. Ich bin ja nicht mal sicher, was ich für ihn empfinde. Leidenschaft? Ersatz für …? Es ist doch beunruhigend zu sehen, dass ich mir ausschließlich Männer angele, die mich links liegen lassen. Warum? Und die, die sich wirklich für mich ins Zeug legen, lasse ich zappeln …

Ich mache mir Sorgen um mich. Es ist ein totales Ungleichgewicht. Ich bin wahnsinnig wild auf den Mann. Das ist mir noch nie passiert. Muss schrecklich aufpassen, um mich noch selbst unter Kontrolle zu halten. Dabei denke ich immer wieder, ich bin doch gar nicht verliebt. Bin einfach nur verrückt nach ihm. Eine körperliche Leidenschaft, die noch nie da war. Und er unternimmt nichts, um mich zu sehen. Dann hat er noch eine andere Flamme. Ich bin tierisch eifersüchtig. Das war auch noch nie da. Ich misstraue ihm. Denke alles Mögliche und Unmögliche. So darf es nicht sein. Er kommt sofort, wenn ich ihn anrufe … Das ist unglaublich, dass ich mich von so einem dahergelaufenen Typen so in die Zange nehmen lasse …

12.01.93

Es ist schön mit Deniz, auch wenn ich manchmal erschrecke über diese Nähe. Die paar Mal, die ich nicht angerufen habe, ist er einfach von selbst gekommen. Wir essen, schlafen, frühstücken zusammen. Ich liebe seinen Körper, seine Wärme, seine Haut, seinen Geruch, seine Augen. Aber habe ich mich selbst gefunden?

17.01.93

Warte auf Deniz, wie so oft. Wird er kommen? Und wenn nicht, ist es vielleicht besser? Ist er vielleicht nur eine Fantasiegestalt? Und: Warum bin ich so misstrauisch?

...

Die Situation ist dramatisch, wenn er seine Deutschprüfung im April nicht besteht, wird seine Aufenthaltsbewilligung auf keinen Fall verlängert. Dann muss er zurück in die Türkei, es sei denn, er heiratet. Er hat schon oft gesagt, dass er auf jeden Fall heiraten wird. Aber wen?

21.01.93

Warum schreibe ich das Datum vor jeden Eintrag? Ich glaube, ich muss mich erst mal zurechtfinden. Wo bin ich? Zumindest das Datum lässt sich ohne Zweifel bestimmen. Dann der Ort. Aber das war’s schon: Ich fühle mich neben mir. Nicht bei mir, in mir.

Ein Freund hat mal gesagt, ich könne meine Grenzen nicht ziehen, nicht sagen: bis dahin und dann stopp. Ich lass vieles zu nahe an mich ran. Identifiziere mich zu sehr mit den Menschen um mich herum, vor allem mit denen, die mir nahestehen. Ich sauge die Gefühle der anderen auf wie ein Schwamm und vergesse darüber mich selbst.

Deniz zeigt keine großen Gefühle für mich, neulich hat er gesagt: „Du bist gefährlich für mich, ich will mich nicht verlieben.“ Manchmal denke ich auch, er ist alleine, ich bin alleine und da haben wir uns einfach zusammengetan, um nicht einsam zu sein. Ich habe auch gar keine Lust, irgendwem über uns zu erzählen, außer den paar wenigen, die eh schon davon wissen. Er ist „cool“ – entzieht sich immer irgendwie – ist aber doch immer da.

Denk ich an Deniz, finde ich es oft seltsam, mit ihm zusammen zu sein, ach bist du verrückt, Annette. Denk mal an dich, allein an dich!

Mit brennenden Augen lege ich meine Notizen bei Tagesanbruch zur Seite. Ich hätte die Katastrophe vermeiden können. Mein Bauchgefühl hatte damals alle Register gezogen: Knoten im Magen, Übelkeit, Kopfweh. Waren das Zeichen des Verliebtseins? Nein, das waren Warnsignale. Warum nur habe ich nicht darauf gehört?

Er hatte weder um mich gekämpft noch Gefühle gezeigt. Er wollte wohl einfach „irgendjemanden“ heiraten, um seine Papiere zu bekommen. Warum hab ich nicht einfach der Realität ins Auge gesehen? Es war doch glasklar, ich selbst hatte es schwarz auf weiß dokumentiert. Aber ich wollte mich ja unbedingt in rosarote Wolken hüllen und an eine romantische Lovestory glauben. Mit einem Mal fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Hat mich Herr X womöglich nie wirklich geliebt, hat er mich nur ausgenutzt – von Anfang an? Und ich hab es nicht gemerkt. Das ist es eigentlich, was mich am meisten kränkt. Ich bin einem Phantom nachgejagt, habe geglaubt, was ich glauben wollte, und die Augen fest vor der Realität verschlossen.

Panik überfällt mich

Kurz nach Tag null habe ich einen merkwürdigen und intensiven Traum. Ich schaue auf eine Excel-Tabelle mit unendlich vielen Zellen, die ich irgendwie sortieren muss – die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Nach Kriterien, die mir selbst nicht bewusst sind, verschiebe ich die Zellen. Ich schufte wie eine Verrückte und wache gegen Morgen schweißgebadet auf. Von diesem Tag an nistet sich ein Satz in meinem Kopf ein, den ich von nun an bei jeder Gelegenheit sage: „Bloß nichts vermischen!“ Ich spüre, dass ich in Zukunft alles sauber voneinander trennen muss: Job und Privatleben, Sex und Liebe, Freundschaft und Leidenschaft – wie auch immer das gehen mag.

Die Krise hat mich in ihren Fängen, aber heute sollen die Sonnenstrahlen alle dunklen Gedanken verscheuchen. Vor drei Tagen habe ich Herrn X verboten, in meine Nähe zu kommen. Jede Begegnung mit ihm verursacht bei mir so schlimme Zustände, dass sich meine Freunde um mich sorgen. Sobald ich ihn sehe, schneidet es mir die Luft ab und ich habe das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. Ich habe förmlich das Gefühl, ersticken zu müssen, und möchte nur noch wegrennen. Und es bleibt nicht bei dem Impuls. Sobald ich Herrn X sehe, sprinte ich über die Straße und springe ins nächste Taxi. Ich bedanke mich jedes Mal beim Universum, wenn ich bei einer solchen Aktion nicht überfahren werde.

Eines Tages lande ich nach solch einer Flucht im Kölner Dom. Ich finde mich unter lauter Touristen wieder, die Fotos knipsen und dabei Aah und Ooh machen. Eine gefühlte Sekunde später hat sich das Szenario verwandelt. Keine Touristen mehr, dafür jede Menge Gläubige, die auf den Kirchenbänken kniend einen Rosenkranz beten.

Zwischen den beiden Szenen fehlt ein Stück. Tränen strömen aus meinen Augen und wildfremde Menschen reichen mir Taschentücher. Als ich die Geschichte später meinem Freund Gregor erzähle, warnt er mich halb im Scherz, aber mit besorgter Miene: „Mach so was bloß nicht noch mal, sonst sprechen sie dich noch heilig!“

Nach solchen Momenten der Orientierungslosigkeit kribbeln meine Hände und mein Gesicht und ich kann nicht mehr aufhören zu heulen. Dieses Gefühl, das zum ersten Mal im Kölner Dom über mich kam und das mich seither immer wieder hinterrücks und ohne Vorwarnung überfällt, benenne ich mit dem spanischen Wort „Angustia“. Sie ist zu meiner ständigen Begleiterin geworden. Warum kann ich dieses Gefühl nicht auf Deutsch benennen? Wäre das Wort „Angst“ zutreffend? Angst, nicht geliebt zu werden? Verlustangst? Ich weiß es selbst nicht. Ich habe Panikattacken – und das versetzt mich erst recht in Panik.

Verzweifelt bitte ich meinen Hausarzt und Freund Bert um Hilfe: „Gib mir irgendein Medikament. Beruhigungstabletten, Schlaftabletten, irgendwas!“

Doch er weigert sich auch zwei Monate nach Tag null standhaft und sagt: „Das schaffst du auch ohne Chemie. Du bist stark!“

Er holt einen Gegenstand aus seiner Schublade und versteckt ihn neckisch hinter seinem Rücken. „Ich hab eine Überraschung für dich! Beim nächsten Mal atmest du so lange hier rein, bis du dich wieder beruhigt hast.“

Er zaubert einen Plastikhandschuh hervor. Auf meinen fragenden Blick erklärt er: „Du hyperventilierst, das übersäuert das Blut. Wenn du Pech hast, verkrampfst du und dann kommst du da nicht mehr alleine raus.“

Ich sehe mich schon mit spastischen Anfällen in der Straßenbahn oder an der Kasse im Supermarkt zusammenklappen. Da ist der Plastikhandschuh eindeutig die bessere Alternative. Ich probiere es unter seiner Anleitung. Die Öffnung des Handschuhs wird luftdicht um den Mund gelegt, dann atmet man durch den Mund in den Handschuh aus. Dieselbe Luft atmet man durch den Mund wieder ein.

„Das kennst du aus diversen Hollywood-Filmen, die nehmen da meist Brötchentüten“, ergänzt er. Er weiß nicht, dass ich ohne Fernseher aufgewachsen bin und auch heute noch keinen besitze. Ich will mir keine Blöße geben und nicke tapfer.

Der Effekt ist lustig: Beim Auspusten füllt sich der Handschuh und mit einem leichten „Plopp“ strecken sich alle Gummifinger. Beim Einatmen macht es „Zwtschhhh“ und das Teil platscht zusammen und erinnert an ein ausgeleiertes Kondom.

„Diese Übung kann ich doch nicht in der Öffentlichkeit machen“, wende ich zaghaft ein.

„Renn schnell irgendwo aufs Klo“, empfiehlt mir Bert, den ich jetzt gerne als Gott in Weiß betrachte, und ich nicke ehrfürchtig und gebe mich geschlagen ob solch geballter Weisheit. Der Handschuh befindet sich seit jenem Tag immer in meiner Handtasche und gehört zu meiner Grundausstattung, zusammen mit Lippenstift, Handy, Geldbeutel und Tagebuch, ohne die ich das Haus nicht verlasse. Jetzt kann nichts mehr schiefgehen, welch Erleichterung!

Tief im Inneren spüre ich Dankbarkeit. Mein Körper hat mir die Luft abgeschnitten, damit mir nichts anderes übrig bleibt, als Herrn X aus meinem Leben zu verbannen. Ohne die Atemnot wäre ich niemals zu einer solch drastischen Maßnahme fähig. Mein Körper schafft Tatsachen. „Schick den Mann weg oder stirb!“, lautet die wenig charmante Aufforderung. Die nächsten zwei Jahre wird mich die Atemnot unsanft bis hart lenken, wie eine Kandare das Rennpferd.

Der erste schöne Abend nach Tag null

Heute Abend geht es mir etwas besser. Ich komme spät nach Hause und sehe an der Türe meines Freundes Gregor einen sympathischen, dunkelhaarigen Typen, der gerade dabei ist, ein paar Koffer aus seinem Auto zu laden. Ich frage ihn nach Gregor und er sagt: „Der kommt gleich wieder, soll ich ihm was ausrichten?“

„Grüß ihn einfach von Annette.“

Ich öffne meine Wohnungstüre, lege mich aufs Bett und schlafe auf der Stelle ein. Ich bin total erschöpft, da ich seit Tag null jede Nacht höchstens fünf Stunden geschlafen habe. Plötzlich weckt mich mein Handy. Es ist Gregor: „Hast du Lust, mit uns abendessen zu gehen?“

Ich konzentriere mich, um meiner Stimme einen hellwachen Ausdruck zu geben, und sage: „Klar! Gerne!“

In Windeseile springe ich aus dem Bett, ziehe mich an, schminke mich fast blind vor dem winzigen Rasierspiegel im Schrank und schon renne ich die Treppe runter, so sehr freue ich mich!

Während der Jahre meiner Ehe verschwanden meine Freunde peu à peu von der Bildfläche. Niemand hatte mehr große Lust, uns zu besuchen, mein Mann war oft ungesellig. Ich erklärte mir sein Verhalten mit seinem Heimweh, stürzte mich in die Arbeit und träumte von einer märchenhaften fernen Zukunft mit ihm irgendwann in der Türkei.

Vor dem Haus warten drei Männer auf mich: Mein Freund Gregor, der junge Mann von eben und ein blonder Mittdreißiger, den ich noch nicht kenne. Wir gehen in das italienische Restaurant Bella Italia, das inzwischen zu meinem zweiten oder besser gesagt ersten Wohnzimmer geworden ist. Der Abend ist unterhaltsam. Die drei Freunde sprechen über ihre Arbeit. Ich höre ihnen zu, sage kaum was und freue mich einfach an ihrer Gesellschaft. Besser als die Einsamkeit in meiner Bude. Alfredo, der Wirt, bezirzt mich mit Komplimenten, lecker wie Erdbeeren mit Schlagsahne. Ich schwebe. Ich bin nicht alleine. Gegen ein Uhr nachts verlassen wir das Lokal, die Jungs begleiten mich wie echte Gentlemen bis an meine Haustüre.

Um halb fünf Uhr morgens reißt mich die Klingel aus dem Schlaf. Ich springe aus dem Bett. Bei mir hat außer der Müllabfuhr noch nie jemand geklingelt, seit ich hier wohne – und erst recht nicht um diese Uhrzeit! Ich habe heftiges Herzklopfen. Wer kann das sein? Ich presse mein Ohr gegen die Wohnungstüre und versuche Herrin der Lage zu werden. Was soll ich tun? Es klingelt wieder, es klingelt Sturm! Wilde Szenarien spuken durch meinen Kopf. Ist es mein Ex? Will mich jemand überfallen? Die Balkontür ist zwar zu, aber sie ist nur aus Glas. Ein Faustschlag und der Vergewaltiger steht mitten im Zimmer, was heißt im Zimmer, er fällt aufs Bett, das ja direkt vor der Balkontür steht.

Vor lauter Nervosität und in der innigen Hoffnung, das minutenlange Klingeln möge endlich aufhören, drücke ich auf den Türöffner der Haustüre. Und öffne die Wohnungstüre einen winzigen Spalt, um herunterzurufen: „Wer ist da?“

Ich bemühe mich, meiner Stimme einen entschiedenen Tonfall zu geben, was mir gelingt. Ich klinge richtig aggressiv. Soll der Typ bloß nicht denken, ich hätte Angst. Das hat scheinbar gewirkt, ich höre eine leise Männerstimme, die ein Wort sagt, das ich als „Bastei“ identifiziere und mir merke. Ich will mich unbedingt morgen noch daran erinnern, um den Übeltäter dingfest machen zu können.

Ich schreie ins Dunkel des Treppenhauses: „Hauen Sie sofort ab, sonst rufe ich die Polizei!“, und knalle die Wohnungstüre wieder zu. Der verdrucksten Stimme nach zu urteilen kann es sich nur um einen perversen Gewaltverbrecher handeln. Das Sturmgeklingel geht weiter. Plötzlich fällt mir die Lösung ein. Ich rufe meinen Freund Gregor auf dem Handy an. Er wohnt nebenan, er wird mich retten, keine Frage. Mit zitternden Händen wähle ich seine Nummer. Es klingelt und klingelt, aber Gregor nimmt nicht ab.

Dann die Erkenntnis: Ich kann die Polizei rufen! Warum komme ich erst jetzt auf diese Idee? Endlich hört das Klingeln auf. Nach einem langen Moment wohltuender Stille klingelt es erneut. Ich vertraue meinem Schicksal und öffne. Zwei freundliche Beamte stehen vor mir. „Gibt es hier einen Keller, einen Hof, wo man sich verstecken kann?“, fragen sie. Ich erkläre die örtlichen Begebenheiten und sie machen sich auf die Suche nach dem penetranten Quälgeist. Nachdem sie alle Ecken erfolglos kontrolliert haben, geben sie einen kurzen Lagebericht ab: „Wir haben niemanden gefunden, aber vor der Haustüre lag eine leere Flasche eines alkoholischen Mixgetränkes, vermutlich ist er wieder abgezogen.“ Ich bedanke mich für ihre Hilfe und lasse mich erschöpft in die zerwühlten Kissen meines Bettes fallen.

Am nächsten Morgen weckt mich ein Anruf meines Freundes Gregor. „Was ist passiert?“, fragt er besorgt. „Du hast mich gestern Nacht 17 Mal angerufen!“ Ich erzähle ihm von meinem Albtraum. Als ich das seltsame Wort erwähne, das der Klingelwahnsinnige sagte, stutzt Gregor: „Dann war es doch nicht am Ende Bastian, mein Freund von gestern Abend? Auch wenn es ihm völlig wesensfremd wäre.“

Ich breche in lautes Lachen aus. „Ist die Fantasie mit dir durchgegangen? Dieser nette, gebildete junge Mann? Im Leben nicht! Komm bitte zu dir!“

Gregor hat manchmal wilde Komplott-Theorien, wie ich finde, aber jetzt ist er definitiv zu weit gegangen. Dieser süße Typ von gestern Abend? Wie gemein von Gregor, ihm so etwas zuzutrauen.

„Ich werde das für dich rausfinden, keine Sorge“, versichert er. „Aber Bastian fliegt heute erst mal für ein paar Wochen in Urlaub. Lass mir ein bisschen Zeit.“

Sollte das nach meiner Trennung wirklich mein erster Kontakt mit dem anderen Geschlecht gewesen sein? Was für ein Einstieg.

Wer bin ich?

Wieder legt sich die Nacht über mein Stadtviertel. Der Tag ist vergangen, ohne dass ich etwas Nennenswertes getan habe. Früher war ich die Effektivität in Person, sprühte vor Schaffenskraft. Freunde munkelten etwas von „Workaholic“. Jetzt bin ich froh, wenn ich die Kennzahlen feststelle, die mein Leben umgeben. Dazu gehört das Ablesen des Datums vom Handy. Welche Info-Flut! Welcher Monat ist gerade: Ach, es ist Oktober. Mildes Licht, weil Herbst ist. Welcher Wochentag? Sonntag? Oh, ein Grund, nicht im Büro zu sein und schnell wieder den PC auszuschalten. Und meine Visitenkarte, was da alles steht! Mein Name, eine klare Bestimmung meiner Person. Der Name meiner Straße. Mein Zuhause, Heimat ist lebenswichtig. Der Name meiner Stadt, auch sie ist Heimat, im weiteren Sinne.

Ich schalte zurück auf den Vornamen. Das reicht. Wochenlang schreibe ich überall meinen Vornamen hin. Den Schreibtisch dekoriere ich mit einer chinesischen Kalligrafie. Ich hänge Namensschildchen an mein Fenster und füge die Jahreszahl in großen Lettern hinzu. Jahreszahl und Vorname.

Sind Wochen oder Monate vergangen seit dem Tag null? Mein Zeitgefühl ist verschüttet. Zum Glück schreibe ich jeden Tag mehrmals in meine zerfledderten Notizbücher, die ich bei mir trage wie eine Katze ihre halb tot gebissenen Mäuse. Ich lese das Geschriebene immer wieder durch, damit ich überhaupt weiß, wo ich stehe und was ich gerade getan habe. Ich habe einen Therapieplatz bei einem Psychologen bekommen. Herr Thieme diagnostiziert eine schwere Depression. Schön, jetzt hat diese grausliche Qual wenigstens einen Namen!