Für einen Sommer und immer - Julie Leuze - E-Book

Für einen Sommer und immer E-Book

Julie Leuze

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8,99 €

Beschreibung

Ein letzter erster Sommer Ein Schicksalsschlag wirft Karrierefrau Annika völlig unerwartet aus der Bahn. Überwältigt von ihren Gefühlen, flieht sie nach Südtirol und trifft dort auf Samuel. Er ist anders als alle Männer, die Annika kennt. Seine Liebe zu den Bergen ist mitreißend, ansteckend. Und bald bemerkt Annika, dass sie von Samuel nicht nur lernt, den Zauber der Dolomiten zu entdecken, sondern auch, endlich ihrem eigenen Herzen näherzukommen ... Ein Sommer, eine Liebe. Ein Roman zum Lachen und Weinen, zum Träumen und Ankommen.

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Seitenzahl: 314

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Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

Widmung

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

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22.

23.

24.

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29.

30.

31.

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33.

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35.

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37.

38.

39.

40.

41.

42.

43.

44.

45.

46.

47.

48.

Epilog

Nachwort und Dank

Die Autorin

Impressum

JULIE LEUZE

Für einen Sommer und immer

Roman

Zu diesem Buch

»Und als sie innehält, sich umschaut, einatmet, fühlt es sich an, als würden all ihre Sinne mit einem Paukenschlag erwachen.«

Ich muss hier weg, und zwar sofort! Das ist Annikas erster und einziger Gedanke, als sie erfährt, dass ihre Mutter sterben wird. Sie weiß, dass ihnen nur noch wenig gemeinsame Zeit bleibt und dass Weglaufen keine Lösung ist. Trotzdem packt sie ihren Koffer, nimmt lange überfälligen Urlaub und fährt einfach los – bis nach Südtirol, in ein abgelegenes Dorf in den Dolomiten. Das Hotel, in das sie sich einmietet, ist schick, das Essen köstlich. Annika ist sich sicher, dass dies der richtige Ort ist, um die Kraft zu sammeln, die sie für die kommende Zeit so dringend benötigen wird. Allerdings war die zweiunddreißigjährige Karrierefrau im Entspannen noch nie sonderlich gut. Schon am ersten Tag droht ihr in dem gespenstisch ruhigen Wellnessbereich die Decke auf den Kopf zu fallen. Je stiller es um sie herum wird, desto erdrückender fühlt sich die Leere in ihrem Innern an. Um sich abzulenken, engagiert sie einen Bergführer, der ihr helfen soll, sich beim Gipfelstürmen auszupowern. Sie ahnt nicht, dass diese Entscheidung nicht nur ihren Sommer, sondern ihr ganzes Leben verändern wird …

Für Oli

mehr denn je

1.

Eines weiß ich mit Bestimmtheit: Es kann ätzend sein, das Leben.

Ich stehe in meinem Zimmer im Vier-Sterne-Hotel und blicke durchs Fenster auf dunkelgrüne, dicht bewaldete Hänge, schroffe Felsen und schneebedeckte Gipfel. Wäre der Grund für meinen Urlaub nicht so traurig, fände ich es hier wohl schön. Mein Verstand weiß, dass der Ausblick herrlich ist, dass ich berauscht sein müsste und beglückt. Oder zumindest auf distanzierte Weise beeindruckt.

Doch meine Seele hinkt dem Verstand hinterher, sie ist damit beschäftigt, zu verdrängen, und Nebensächlichkeiten wie landschaftliche Schönheit sind ihr vollkommen egal.

Was ein bisschen ärgerlich ist, wenn man bedenkt, wie viel die drei Wochen in diesem Luxusladen mich kosten.

Ich seufze tief.

Aber hey, das wird schon!, weise ich mich sofort zurecht und straffe die Schultern. Das wird schon. Bald bin ich tiefenentspannt, muss nichts mehr verdrängen und kann mich allem stellen. Dafür bin ich schließlich hier, für ganze drei Wochen: damit ich in aller Ruhe Kraft tanken kann. Denn Kraft werde ich brauchen für das, was vor mir liegt, zumal ich fest entschlossen bin, nicht zu versagen.

Diesmal nicht.

Ich wende mich vom Fenster ab, und während ich anfange, meinen Koffer und die große Ledertasche auszupacken, fallen mir Helenes missbilligende Worte ein.

Weglaufen ist keine Lösung. Was ist mit deinem Job, hast du keine Angst, dass sie gegen dich intrigieren, während du weg bist? Mäuschen, so geht das nicht!

Ich schlucke hart. Tiefenentspannung hin, Kraft tanken her – meine Freundin hat recht.

Natürlich hat sie das.

Denn Helene hat meistens recht: Sie analysiert jede Situation mit ihrem scharfen, wissenschaftlich geschulten Verstand, bevor sie einem ihre Vorwürfe um die Ohren haut, und sich zu verteidigen ist in den seltensten Fällen sinnvoll. Auch diesmal habe ich darauf verzichtet. Was hätte ich schon sagen können? Ich verstehe mich ja selbst nicht. Da kann ich kaum erwarten, dass meine Freundin es tut.

Eine Stunde später sitze ich im Hotelrestaurant vor einem Glas Südtiroler Weißburgunder. Das Restaurant ist in alpenländischem Stil eingerichtet, mit hellem Holz und dunkelroten Stoffen, alles wirkt zugleich gemütlich und elegant, und als ich das Glas hebe, fühle ich mich beinahe gut.

Ich schnuppere an meinem Weißburgunder. Apfelduft steigt mir in die Nase. Andächtig nehme ich den ersten Schluck.

Perfekt.

Und unwillkürlich denke ich an Henry. Bei Weinen wie diesem, säurebetont und fruchtig, hat Henry immer das Gesicht verzogen, während ich am liebsten darin gebadet hätte. Ich muss grinsen. Das war so typisch für uns beide: Wir mochten uns, hatten aber absolut nichts gemeinsam, weder beim Wein noch bei irgendwas sonst. Kein Wunder, dass unsere Beziehung nur sechs Wochen lang gehalten hat.

Was immerhin zwei Wochen länger war als die Beziehung zu Henrys Nachfolger Richard. Der schöne Richard, der mich gelehrt hat, dass der Sex mit einem körperlich vollkommenen Mann schlussendlich genauso anstrengend ist wie mit allen anderen.

Ich wische die unangenehmen Erinnerungen beiseite und widme mich lieber der Vorspeise. Und die ist ebenso köstlich wie der Wein: Bachforellenfilet, lauwarm und butterweich, begleitet von einem raffinierten Rote-Beete-Tatar. Als der Geschmack auf meiner Zunge explodiert, seufze ich selig, und in diesem Moment zählt nichts anderes als der Genuss; nicht Richard, nicht Henry, nicht meine Flucht.

Denn dies ist mein offizielles Laster: Ich liebe guten Wein, und ich vergöttere gutes Essen.

So diszipliniert ich sonst auch sein mag, so hart ich arbeite, so wenig ich schlafe, so rational ich mit dem Thema Männer umgehe – gegen diese Leidenschaft komme ich nicht an. Helene, die spindeldürre, hält Restaurantbesuche für Geldverschwendung und richtet ihren durchdringenden Blick gern auf meine Problemzonen, wenn ich nach dem Hauptgang noch in Käse und Dessert schwelge. Aber obgleich ich mich Helenes Urteilen meistens beuge, beim Essen bleibe ich hart. Oder vielmehr schwach.

Mit einer Spur schlechten Gewissens schiebe ich mir den letzten Happen Bachforelle in den Mund, gönne mir ein Stück knusprigen Weißbrots dazu und beruhige mich damit, dass ich immerhin Sport treibe; zwar nicht gern, aber regelmäßig. Für eine der führenden Mitarbeiterinnen der Presseabteilung von Pharmedizin ist es zwingend notwendig, gut auszusehen, schon um auf heiklen Pressekonferenzen die (männlichen) Journalisten milde zu stimmen. Um Joggen und Sportstudio komme ich also nicht herum.

Ob ich hier, in Südtirol, auch joggen muss?

Oder gehört zu einem wahren Entspannungsprogramm ein gewisser Schlendrian, nichts als Wellness, von morgens bis abends? Ich meine, immerhin bin ich im Urlaub! Ich muss mich erholen, denn ich werde stark sein müssen, stark für zwei, bald, ich werde mit einem tröstenden Lächeln durchhalten müssen bis zum Schluss, so lange, bis …

Ohne Vorwarnung springen mir heiße Tränen aus den Augen.

Sie rinnen nicht sanft und anmutig meine Wangen hinab, sondern hüpfen in einem komischen Bogen aufs Tischtuch, was mich so irritiert, dass sie gleich wieder versiegen. Ich atme tief durch, nehme noch einen Schluck Wein und reiße mich am Riemen. Sich mental auf eine schwere Zukunft vorzubereiten mag schön und gut sein, sage ich mir streng, aber es gibt günstigere Zeitpunkte dafür als die kurze Spanne zwischen Vorspeise und Hauptgang, und ganz sicher geeignetere Orte als ein vollbesetztes Hotelrestaurant.

Ich blicke auf die winzigen feuchten Flecken auf dem Tischtuch, dort, wo meine Springbrunnentränen hingefallen sind. Guter Gott, wann habe ich zuletzt in der Öffentlichkeit geheult? Offensichtlich hat mich die Nachricht, die der Anlass für meine Auszeit hier war, doch sehr aus dem Gleichgewicht gebracht.

Prompt beginnt der Springbrunnen wieder zu sprudeln.

Und ich wünschte, ich könnte mich im Bett verkriechen, um mir die Decke über den Kopf zu ziehen wie ein kleines Kind.

Doch als ich nach vielen tiefen Atemzügen, einem exzellenten Hauptgang (Kaninchen in Weißweinschaum) und einem wundervollen Nachtisch (Mousse-Variationen von dreierlei Beeren) wieder in meinem Zimmer bin, zögere ich das Zubettgehen, wie so oft, hinaus. Ich dusche ausgiebig und fast unerträglich heiß, benutze das hoteleigene Alpenkräuterpeeling, feile mir die Nägel und creme alles an meinem Körper ein, was Creme verträgt.

Dann liege ich im Bett.

Sehr, sehr wach.

Die Matratze ist gut, das Kissen gemütlich, und die lange Fahrt und das reichhaltige Mahl haben mich erschöpft. Trotzdem schlafe ich nicht ein. Mit weit geöffneten Augen liege ich in der Dunkelheit und lausche, aber obwohl ich das Fenster gekippt habe, herrscht ringsum vollkommene Stille.

Fürchterlich.

Zu Hause höre ich stets die Geräusche der Stadt, Motorenbrummen, menschliche Stimmen, ab und zu ein Martinshorn. Ich brauche das: Bis in den Schlaf hinein zu hören, dass ich nicht allein bin, empfinde ich als so beruhigend wie ein Wiegenlied.

Hier hingegen …

Vielleicht sollte ich den Fernseher einschalten.

Oder ich lasse Musik auf meinem Handy laufen.

O Mann, wie krank ist das denn!, denke ich wütend und balle unter der Bettdecke die Fäuste. Ich werde es ja wohl schaffen, einmal bei Stille einzuschlafen! Und wenn nicht …

Ich muss die Stille ja nicht aushalten, wenn ich nicht will. Ich bin frei, umgeben von tausend Möglichkeiten, mich unter Menschen zu mischen. Niemand zwingt mich, zitternd in der Dunkelheit auszuharren.

Ich könnte zum Beispiel in die Hotelbar gehen.

Ich könnte mich mit anderen allein reisenden Gästen anfreunden.

Verdammt, ich könnte schlimmstenfalls sogar jemanden aufreißen!

Doch bei dem Gedanken an Sex verziehe ich unwillkürlich das Gesicht. Nein, da lese ich doch lieber … oder zähle Bergziegen … oder schnappe mir mein Handy und spiele ein paar Runden Solitaire …

Und noch während ich meine Möglichkeiten auslote, fallen mir die Augen zu.

2.

Am nächsten Morgen wecken mich die Strahlen der Junisonne. Im Halbschlaf beglückwünsche ich mich dazu, nicht abergläubisch zu sein. Denn was man in der ersten Nacht im fremden Bett träumt, so sagt man, das wird wahr.

Im Traum stand ich vor einem offenen Grab, und es war noch nicht einmal Herbst.

Verdrängen!, befiehlt meine Seele, und ich gehorche, öffne die Augen und schwinge die Beine aus dem Bett. Es ist Sommer, ich bin in den Dolomiten, ein herrlicher Urlaubstag erwartet mich. Und Punkt.

Bevor ich ins Bad tapse, werfe ich einen Blick auf mein Handy: keine Nachrichten.

Das wundert mich nicht. Helene ist vergrätzt, weil ich nicht auf sie gehört habe, meine Mutter ignoriert mich wieder einmal, und meine Vertretung bei Pharmedizin kommt offensichtlich glänzend ohne mich zurecht: Jenny hat keine Fragen, muss wegen nichts mit mir Rücksprache halten, entscheidet alles selbstständig. Das ist prima.

Auch ein winziges bisschen beunruhigend (bin ich so überflüssig?!), aber grundsätzlich prima.

Und da niemand mich vermisst und keiner was von mir will, beschließe ich, das Handy heute auf dem Zimmer zu lassen. Zum ersten Mal seit Jahren werde ich einfach nicht erreichbar sein. Ha!

Ich werde den gesamten Tag im Spa-Bereich verbringen.

Wenig später wird mir jedoch klar, dass meine schöne Idee leider einen Haken hat. Wenn man nämlich, wie ich, nicht daran gedacht hat, ein Buch einzupacken, kann man sich in den Pausen zwischen Saunieren, Dampfbaden und Schwimmen nicht ablenken. Die ausliegenden Promiblätter habe ich nach einer Stunde durch, und so liege ich nun unbeschäftigt im Ruheraum, in einen weißen Bademantel gehüllt und mutterseelenallein.

Und es ist genauso still wie nachts in meinem Zimmer.

Mein Blick huscht unruhig durch den »Heustadel«. Um dem Namen des dämmerigen Raumes Genüge zu tun, stehen überall Weidenkörbe mit Heu herum, dazwischen fordern schicke Wasserbetten und schwarze Designer-Liegen zum Relaxen auf. Sehr elegant und einladend, das alles.

Wenn man das einsame Herumliegen denn mag.

Ich werde zunehmend kribbelig. Zugegeben, die Stadelluft riecht angenehm, und das Wasserbett ist durchaus bequem. Aber um die Intimsphäre der Ruhenden zu schützen, gibt es keine Fenster, auch die Tür ist geschlossen, und ich fühle mich wie in einer Kiste, einem Karton, einem Sarg, sodass mein Geist aufgeschreckt zu arbeiten beginnt, sich erinnert, sich bange Zukunftsszenarien ausmalt und jegliches körperliche Wohlgefühl zum Teufel jagt … Mir bricht der Schweiß aus.

Meine Güte, ist das anstrengend hier drinnen.

Nach einer weiteren Stunde im Spa-Bereich bin ich völlig fertig. Hatte ich wirklich vor, hier den ganzen Tag zu verbringen?

Und was zum Teufel machen eigentlich die anderen Hotelgäste?

Denn obgleich beim Abendessen und Frühstück fast alle Tische besetzt waren, bin ich im gesamten Spa-Bereich noch keiner Seele begegnet. Ich bin alleine geschwommen, habe alleine geschwitzt und mich alleine im Heustadel verrückt gemacht. Wandern die etwa alle? So spießig sahen die meisten von denen doch gar nicht aus!

Missmutig packe ich mein Zeug zusammen. In Bademantel und Schlappen mache ich mich auf den Weg zurück in mein Zimmer. Kraft getankt habe ich heute Vormittag definitiv nicht, und ich fühle mich kein bisschen erfrischt. Im Gegenteil.

Totale Zeitverschwendung, diese ganze Alpen-Wellness.

Entschlossen presse ich die Lippen zusammen. Gut, ich mag unfähig sein, mich zu entspannen. Aber mir bleibt immer noch das Joggen! Ich bin fit, ich kann auch bergauf laufen, und wenn das anstrengend ist, soll es mir nur recht sein.

Denn gegen die glücklich machenden Endorphine, die mein Körper bei dieser Tortur gezwungenermaßen ausschütten wird, kommt hoffentlich nicht einmal mein Geist an.

Wenig später trabe ich im Jogging-Outfit zur Rezeption.

»Hallo«, sage ich freundlich. »Ich möchte laufen gehen, kenne mich in der Gegend aber noch nicht aus. Können Sie mir vielleicht einen Fitnesspfad empfehlen?«

Die Empfangsdame, ein Mädel im rosa Dirndl, starrt mich wortlos an. Sie wirkt ob meiner harmlosen Frage zutiefst erschüttert. Neben ihr steht ein Mann Anfang dreißig mit lila Funktionsshirt und schwarzer Strickmütze. Auch er schaut völlig entgeistert drein.

Seltsam.

»Der nächstgelegene Fitnesspfad«, wiederhole ich und lächele ermutigend. »Wo fängt der an?«

»Nirgends«, bringt das Mädel hervor, ihr Blick schwankt zwischen Unglauben und Mitleid. »Wir sind doch in den Dolomiten!«

»Na eben.« Ich wippe auf den Fußballen und frage mich, wo ihr Problem liegt. »Hier wimmelt es nur so von Wiesen und Wäldern. Sicher gibt es doch Fitnesspfade in Hülle und Fülle, oder nicht?«

»Fitnesspfade …« Das Mädel schüttelt heftig den Kopf. »Die meisten unserer Gäste gehen wandern, klettern oder bergsteigen. In den letzten Jahren steht auch Mountainbiken hoch im Kurs. Wir haben herrliche Biketouren im Programm, geführt vom Chef höchstpersönlich!«

»Das ist ja sehr schön.« Ich höre selbst, wie mein Ton schärfer wird. »Wenn ich nun aber nicht wandern, klettern, bergsteigen oder mountainbiken will, sondern joggen?«

In stummer Hilflosigkeit knetet das Mädel ihre Hände.

So kommen wir nicht weiter, denke ich genervt. »Ooookay. Gibt es im Hotel dann wenigstens … ein Laufband?«

Der Mann im Funktionsshirt muss husten, doch als ich ihm ins Gesicht schaue, sieht es eher so aus, als unterdrücke er eine gewaltige Heiterkeit.

Ärgerlich funkele ich ihn an. Lacht der Kerl mich etwa aus?

»Sagen Sie, warum machen Sie eigentlich gerade hier Urlaub?«, fragt er zwischen zwei Husten-Lachern. »Wo Sie die Berge doch offensichtlich gar nicht mögen. War an der Nordsee nichts mehr frei?«

Seine Stimme ist dunkel und angenehm, trotzdem werde ich augenblicklich zornig. Nicht nur, weil seine Worte ziemlich überheblich klingen, sondern weil es den Kerl einen feuchten Dreck angeht, wo ich meinen Urlaub verbringe. Und warum. Und ob ich die Berge mag oder nicht. Ich meine, wer ist der Typ überhaupt?!

Zum Hotel gehört er, seinem schlampigen Outfit nach zu urteilen, jedenfalls nicht. Kein Angestellter eines Vier-Sterne-Hotels würde es wagen, ein lila Funktionsshirt zu tragen! Total geschmacklos, denke ich abfällig, zumal zu seinen tief dunkelblauen Augen ein cooles Schwarz viel besser passen würde. Oder ein schönes Ozeanblau. Genau, ein ozeanblaues Shirt, eng geschnitten, denn dass der Typ einen ansehnlichen Körper hat, ahnt man sogar trotz der Klamotten, mit denen er sich momentan verschandelt. Ob sein Haar wohl hell oder dunkel ist? Die komische Strickmütze bedeckt es leider vollkommen, seine Augenbrauen allerdings sind dunkel, und das lässt darauf schließen, dass …

»Ich könnte Ihnen eine Wanderkarte anbieten«, dringt die Stimme des Dirndl-Mädchens in meine Betrachtungen, und ich zucke zusammen. Der Kerl grinst mich an – kein Wunder, ich habe ihn wahrscheinlich angestarrt wie in Trance –, und reflexartig hebe ich das Kinn und setze meinen hochmütigsten Blick auf.

Der soll sich bloß nichts einbilden!

»Nein danke, ich komme auch ohne Ihre Karte zurecht«, versetze ich in dem eisig-höflichen Ton, den sonst bloß penetrante Journalisten zu hören bekommen, die einmal zu oft zweifelhafte Produkte von Pharmedizin kritisiert haben.

Und es wirkt. Das Dirndl-Mädchen zieht den Kopf ein, und der Typ hört schlagartig auf zu grinsen.

Na also, denke ich siegessicher. Geht doch.

Aber als ich davonrausche, um mich auf eigene Faust auf die Suche nach einem Fitnesspfad zu machen, erblicke ich mich unvermutet in dem großen, prächtigen Spiegel, der den Eingangsbereich ziert.

Und mein Triumphgefühl verfliegt.

Denn ich sehe eine schöne Frau von zweiunddreißig Jahren, mit milchweißer Haut und glattem, glänzend rotblondem Haar, das sie zu einem strengen Pferdeschwanz zusammengebunden hat. Sie ist gewandet in teure, blass türkisfarbene Sportkleidung, die ihre Kurven betont und perfekt zu ihren blaugrünen Augen passt. Man sieht der Frau auf den ersten Blick an, wie viel Wert sie auf eine makellose Erscheinung legt … und wie angespannt und unzufrieden sie sich fühlt.

O Mann, denke ich erschrocken. Diese arrogante Zicke – das bin ich?

Helene wäre hochzufrieden mit mir.

3.

Noch ein Meter, und noch einer, auf einem holperigen Waldweg, der mit Steinen und hinterlistig hervorlugenden Baumwurzeln gespickt ist. Was gäbe ich nicht alles, denke ich keuchend, für ein schönes Laufband! Mit frei einstellbarer Steigung und stufenlos regelbarer Geschwindigkeit, mit gelenkschonendem Stoßdämpfersystem und eingebauter Multimedia-Anlage, damit ich mir Musikvideos ansehen kann, während ich mich quäle.

Egal, treibe ich mich an, weiter, weiter! Wäre doch gelacht, wenn ich es nicht schaffen würde, eine verdammte halbe Stunde lang zu joggen. Immerhin bin ich in Topform.

Wobei ich zugeben muss, dass es echt anstrengend ist, ständig nur bergauf zu rennen. Langsam wird mir klar, warum die hier alle bloß wandern.

Die Männer und Frauen mit Rucksäcken und Wanderstiefeln, die mir alle paar Minuten entgegenkommen, gucken mich denn auch ziemlich befremdet an. Wahrscheinlich sieht mein Gesicht mittlerweile aus wie ein Radieschen. Sehr unvorteilhaft, wenn man rötliches Haar hat, aber auch das ist … egal. Weiter geht’s, Joggen entspannt, und ich werde doch wohl … o Gott, ist das mühsam … diese Steigung bringt mich noch um … Sei-ten-ste-chen …

Und dann stolpere ich über eine besonders tückische Wurzel, schreie vor Schreck auf und knalle der Länge nach hin.

Für einige Sekunden sehe ich bloß Sterne. Von wegen weicher Waldboden! Mein Sturz war hart und schmerzhaft, und als ich mich aufrappele, bin ich mir sicher, für den Rest meiner Auszeit mit Dutzenden blauer Flecken herumlaufen zu müssen.

Ich löse meinen Pferdeschwanz, schüttele mir Fichtennadeln und bröselige Erde aus dem Haar und klopfe meinen ramponierten Joggingdress ab. Humpelnd mache ich mich auf den Rückweg ins Hotel, und vor Demütigung brennen mir die Augen.

Ich kann nur hoffen, dass das Dirndl-Mädchen Mittagspause hat, wenn ich mich gleich an der Rezeption vorbeischleichen muss.

Natürlich hat sie keine Mittagspause.

Wachsam und ekelhaft adrett sitzt Miss Dirndl hinter dem Empfangstresen – Gott sei Dank ist wenigstens der Typ mit der Strickmütze weg –, und als sie mich in meinem versehrten Zustand erblickt, weiten sich ihre Augen.

Komm schon, fang an zu lachen, knurre ich innerlich. Na los, dann haben wir’s hinter uns.

Doch das Dirndl-Mädchen lacht nicht, verkneift sich nicht einmal ein Grinsen, sondern springt auf, rennt auf mich zu und ruft: »Oje, Frau Winter, sind Sie verletzt? Brauchen Sie Hilfe? Kommen Sie, ich stütze Sie! Sind Sie mit dem Fuß umgeknickt?«

»Geht schon«, murmele ich perplex.

Wo bleibt ihre Schadenfreude?

»Wollen Sie nicht doch lieber wandern gehen, Frau Winter?«, fragt sie und blickt mich mitfühlend an. »Es gibt ja auch anspruchsvolle Touren, für Ehrgeizige wie Sie. Ich glaube nicht, dass Sie sich da langweilen werden.«

Ihre unerwartete Fürsorglichkeit entwaffnet mich, oder vielleicht hat beim Sturz auch mein Kopf etwas abbekommen, denn mit einem Mal höre ich mich sagen: »Aber ich bin noch nie gewandert, ich bin doch zum ersten Mal in den Bergen, und möglicherweise habe ich Höhenangst. Ich bin ja nur hier, weil ich … weil ich …«

Den Rest des Satzes schlucke ich hinunter, denn plötzlich kommt es mir absolut bescheuert vor, dass ich nach dem Gespräch mit meiner Mutter unverzüglich ins nächste Reisebüro marschiert bin und irgendetwas gebucht habe, irgendetwas, Hauptsache, weit genug weg von zu Hause, mit einem exzellenten Restaurant und für drei Wochen am Stück verfügbar. Denn genau so bin ich in diesem Dolomitenkaff gelandet. Um noch ein paar Wochen Atempause zu haben, bevor ich mich einer Realität stellen muss, die ich nicht ertrage.

»Sie brauchen halt«, sagt das Dirndl-Mädchen beruhigend und legt mir eine Hand auf den Unterarm, »einen Bergführer. Dann müssen Sie keine Angst haben! Den Samuel kann ich Ihnen empfehlen, der ist super, der kennt die Berge wie seine Westentasche, und er hat sogar Zeit! Dem sind nämlich gerade zwei Kunden abgesprungen, weil sie ihren Urlaub abgebrochen haben, irgendein beruflicher Notfall daheim, und … Wenn Sie wollen, rufe ich den Samuel mal für Sie an.«

Das Dirndl-Mädchen starrt mich erwartungsvoll an. Willenlos zucke ich mit den Schultern.

Was sie dummerweise als Zustimmung interpretiert.

»Abgemacht!«, ruft sie und lächelt breit. »Dann gehen Sie jetzt erst mal was essen, die Bergsteiger-Jause ist schon angerichtet, und morgen machen Sie dann eine schöne Bergtour. Das wird Ihnen guttun! Sobald ich den Samuel erreicht habe, gebe ich Ihnen Bescheid, um wie viel Uhr es losgeht, in Ordnung?«

Sie sieht so zufrieden aus mit diesem Plan, dass ich es nicht über mich bringe, ihn ihr auszureden. Also nicke ich und denke, was soll’s – ich bin in den Scheißbergen, da kann ich auch eine Scheißbergtour machen. Selbst schuld, Annika Winter. Such dir halt nächstes Mal ein Hotel am Meer aus, wenn du Hals über Kopf davonrennst!

Bevor ich das Dirndl-Mädchen allein lasse, damit sie diesen Samuel anruft, blicke ich noch rasch auf das Namensschildchen an ihrer Brust: Ermelinda. Puh.

Sofort höre ich Helenes Stimme in meinem Kopf: Armes Ding, muss in Trachtenkleidern herumlaufen und heißt Ermelinda. Das Leben ist schon ungerecht, was? Vor meinem geistigen Auge sehe ich Helene grinsen.

Und plötzlich bin ich froh, dass sie in der Stadt geblieben ist.

Als ich mich bei Ermelinda bedankt habe und auf mein Zimmer humpele, fasse ich neuen Mut. Ich nehme mir vor, das Beste aus der Situation zu machen. Ja, ich habe schmerzhafte Bekanntschaft mit dem Waldboden gemacht, und ja, ich habe mich dazu verpflichtet, mit diesem Samuel – wahrscheinlich einer südtirolerischen Version des Alm-Öhi –, zum Wandern zu gehen. Aber so uncool das alles auch sein mag, immerhin lenkt es mich hervorragend ab!

Und nur dafür bin ich schließlich hier.

4.

Den Rest des Tages verbringe ich damit, zu viel zu essen und mich zwischendurch davon zu erholen.

Zuerst genehmige ich mir die von Ermelinda angepriesene Bergsteiger-Jause, die sich als üppiges, wenn auch rustikales Buffet entpuppt. Ich schaufele einen gemischten Salat mit Kürbisöl-Vinaigrette, Farfalle mit Thunfisch-Tomaten-Soße, ein Himbeertörtchen, eine Pistazien-Praline und zwei Milchkaffees in mich hinein. Danach sonne ich mich auf der Terrasse, ziehe mich um, frische mein Make-up auf, gehe zum Abendessen, das aus einem reichhaltigen Fünf-Gänge-Menü besteht … und müsste mich eigentlich fühlen, als sei ich geradewegs im Himmel gelandet.

Tue ich aber nicht.

Alles um mich herum schwelgt in müßiger Glückseligkeit, doch ich werde von Stunde zu Stunde bloß deprimierter. Und als ich mir spätabends mein Nachthemd überziehe, würde ich vor Frustration am liebsten heulen, so enttäuscht bin ich von mir selbst.

Warum kann ich mich nicht einfach zwingen, mich zu entspannen?!

Im Bett schreibe ich meiner Mutter eine SMS, versichere ihr, dass ich sie liebe, lösche die SMS wieder und schalte das Handy aus. Meine Mutter ist keine Freundin großer Gefühle; selbst als mein Vater gestorben ist, habe ich sie kein einziges Mal weinen sehen.

Zehn Jahre ist das nun her, und bis vor Kurzem schien Mama mit ihrem Leben völlig zufrieden zu sein. Immerhin hat sie ja Frau Kemper, ihre Freundin und Nachbarin, und Bobby, eine grauschwarze Promenadenmischung.

Wer braucht da noch Liebe?

Denk einfach an etwas anderes, Annika.

Wieder liege ich hellwach im Dunkeln, und als mich nach einer gefühlten Ewigkeit doch der Schlaf übermannt, mischen sich böse Erinnerungen mit Vorahnungen voller Angst. Helenes Vorwürfe durchziehen meine Träume, Papa streckt die Arme nach mir aus, und ich werfe mit Schwung seinen Sargdeckel zu. Mama starrt mich an, ihr Mund ist verschwunden, und langsam, ganz langsam löst sich auch ihr Körper auf.

Träume, so viel steht fest, sind nichts für Feiglinge.

Helene ist kein Feigling.

Sie ist stark und selbstsicher, und vielleicht ist das der Grund, weshalb wir uns vor dreizehn Jahren angefreundet haben. Es war im ersten Semester, wir saßen im »Einführungskurs Literaturwissenschaft«, und obgleich sich Dutzende junger Männer und Frauen im miefigen Seminarraum versammelt hatten, fiel Helene mir sofort auf.

Anders als die meisten anderen, die verunsichert wirkten oder sich betont lässig gaben, war Helene einfach nur sie selbst: interessiert, scharfzüngig und stolz. Sie saß schräg vor mir, und ich beobachtete sie, wie sie schon in der ersten Woche mit dem Professor diskutierte. Alles an ihr war dunkel, die Augen, das schwarze Haar, die Jeans und das Designer-Shirt; selbst ihre Figur, schlank und sehnig, wirkte hart. Trotzdem war sie sowohl schön als auch witzig, und sie brachte nicht nur unsere Mitstudenten, sondern sogar den Prof zum Lachen.

Ich bewunderte Helene glühend.

Sie war alles, was ich nicht war. Ich war bloß eine Streberin, die sich für ihren Ehrgeiz schämte; Helene hingegen war eine Ritterin in schwarz glänzender Rüstung, die das Wort Scham nicht einmal kannte. Sie wollte die Beste sein und stand dazu, und keiner unserer Mitstudenten schaute sie deshalb schräg an – Helene zu kritisieren kam schlichtweg niemandem in den Sinn.

Auf einer Erstsemester-Party lernten wir uns dann kennen. Das heißt, sie nahm endlich Notiz von mir; ich hatte sie ja schon gründlich aus der Ferne studiert.

Ich war neu in der Stadt und ziemlich einsam, denn zu meinem großen Jammer hatte die Schulfreundin, mit der ich mich gemeinsam beworben hatte, keinen Studienplatz bekommen. Nun stand ich neben Helene am Getränkestand, sie sagte: »Furchtbares Gesöff, oder? Wie wollen die Loser hier es jemals zu etwas bringen, wenn sie dieses Bier trinken?«, und ich musste schrecklich lachen. Genaugenommen war die Bemerkung gar nicht lustig gewesen, sondern bloß abfällig, aber drei Flaschen Bier hatten das Ihre getan, und außerdem hätte ich über alles gelacht, solange es nur von Helene kam.

Sie grinste mich zufrieden an.

Vor Aufregung, dass die dunkle Helene mir ihr Lächeln schenkte, hörte ich auf zu gackern.

Prompt bekam ich einen Schluckauf.

»Komm mit, ich kenne einen Trick dagegen«, sagte Helene umstandslos, und ehe ich begriff, wie mir geschah, hatte sie mich auch schon aufs Klo gezogen. Sie schüttete ihr Bier ins Waschbecken, füllte die Flasche mit Leitungswasser auf und befahl mir, mich vornüberzubeugen. Schon spürte ich den Flaschenhals an meinen Lippen, und vornübergebeugt musste ich trinken – was nur möglich war, wenn ich den hinteren Flaschenrand an die Lippen setzte statt den vorderen.

Das klingt kompliziert und war es auch, vor allem in meinem beschwipsten Zustand. Aber genau deswegen klappte es: Ich musste mich so sehr aufs Trinken konzentrieren, dass ich nach gerade einmal fünf Schlucken aufhörte zu hicksen.

Verwirrt und erfreut richtete ich mich auf.

»Helene«, sagte meine Retterin überflüssigerweise und streckte mir die Hand entgegen. »Und wie heißt du?«

5.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, fühle ich mich wie gerädert.

Leider sehe ich auch so aus, und so benötige ich eine ganze Menge Concealer, Puder, Rouge, Lidschatten, Mascara und Lippenstift, bis ich wieder einigermaßen präsentabel bin.

In gedämpfter Stimmung mache ich mich auf den Weg zum Frühstücksbuffet.

Immerhin werde ich heute nicht nur essen, sondern auch mit diesem Samuel wandern, beruhige ich mich, als ich vor etlichen Tellern sitze und überschlagen habe, auf wie viele Kalorien sich zwei Spiegeleier, drei Scheiben Speck, ein Brötchen mit Butter, ein Rahmjoghurt mit Früchten und ein Croissant mit Aprikosenkonfitüre belaufen. (Es sind sehr viele Kalorien!)

Nicht, dass ich Lust darauf hätte, den Wander-Touri rauszukehren, überlege ich weiter und beiße in mein Brötchen. Aber wenn ich diesem Samuel von Anfang an klarmache, dass ich keine Kniebundhosen-Spaziergängerin bin, wird er uns schon eine anständige Tour raussuchen. Apropos: Ich werde zwar ganz sicher keine Kniebundhosen tragen, aber im Sommerröckchen werde ich natürlich auch nicht wandern können, und mein Joggingzeug ist völlig verdreckt. Was also soll ich anziehen?

Mir bleibt wohl nichts übrig, als mir noch schnell ein schickes Wanderoutfit zuzulegen.

Ermelinda hatte mir ausgerichtet, dass mein Treffen mit dem Alm-Öhi um elf Uhr an der Rezeption stattfinden soll, und ich bin ziemlich stolz darauf, dass ich auf die Minute pünktlich bin. Zwar bin ich das immer, doch diesmal war es schon eine Herausforderung, nicht zu spät zu kommen – schließlich musste ich noch diverse Hosen und Oberteile anprobieren, im Sportgeschäft gegenüber dem Hotel. Doch jetzt bin ich optimal ausgerüstet und für alles, was einem auf einer Wandertour so zustoßen kann, gewappnet: Ich trage lange Hosen, die man bei Hitze unterhalb des Knies abzippen kann, ein Shirt, das laut Verkäuferin auch nach stundenlangem Schwitzen nicht stinkt, und einen kleinen, modischen Rucksack, in dem Blasenpflaster, Sunblocker und mein Schminkzeug stecken. Perfekt.

Fehlt nur noch der Alm-Öhi.

Der auch um drei nach elf noch nicht da ist.

Und auch nicht um fünf nach elf.

»Sind Sie sicher, dass Sie sich nicht mit der Zeit vertan haben?«, frage ich Ermelinda zweifelnd.

»Ja, sowieso«, antwortet sie fröhlich, und ich sehe Helene in Gedanken die Augen verdrehen. Dialekte und alles, was sie mit sich bringen – vor allem Grammatikfehler und die eigenwillige Verwendung bestimmter Ausdrücke – sind ihr ein Graus. Ich finde Dialekte eigentlich ganz nett, aber das würde ich vor Helene niemals zugeben.

»Da ist er doch schon, der Samuel«, fügt Ermelinda hinzu.

Erleichtert folge ich ihrem Blick.

Doch meine Freude fällt schlagartig in sich zusammen, als ich sehe, um wen es sich bei meinem Alm-Öhi handelt.

Es ist der überhebliche Typ von gestern.

Der mit dem geschmacklosen lila Funktionsshirt.

Der, der mich ausgelacht hat.

Heute ist er zur Abwechslung in Orange gewandet – was kaum besser ist –, doch er trägt genau die gleiche schwarze Mütze und denselben spöttischen Gesichtsausdruck wie gestern. Innerhalb von Sekunden checke ich gedanklich meine Optionen: Ich kann a) mich weigern, mit jemandem in die Berge zu gehen, der sich nach kaum fünf Minuten Bekanntschaft bereits über mich lustig gemacht hat. Damit würde ich mich allerdings wenig souverän zeigen. Oder ich kann b) mich darauf besinnen, dass der Kerl lediglich dazu da ist, mich sicher auf irgendwelche Gipfel zu bringen. Ob nun er vor mir herläuft oder jemand anderes, kann mir im Grunde genommen gleichgültig sein. So farbenfroh, wie der Typ angezogen ist, verliere ich ihn wenigstens nicht aus den Augen.

Ich entscheide mich also für b) und sage mit einem ironischen Lächeln: »Na, wenn das keine Überraschung ist. Nun dürfen Sie also einem Nordsee-Fan Ihre wunderschöne Bergwelt näherbringen.«

»Man wächst an seinen Herausforderungen«, antwortet er kühl. Dann streckt er mir die Hand hin. »Samuel Fillsteiner.«

»Annika Winter.«

Ich schüttele seine Hand und denke dabei missmutig, dass dieser Samuel ganz und gar nicht so aussieht, als würde er sich über den Job freuen, den ich ihm verschaffe.

Vielleicht hätte ich mich doch für Option a) entscheiden sollen.

»Mir ist natürlich bewusst, dass Sie nicht viel von joggenden Städterinnen halten, Herr Fillsteiner«, sage ich spitz. »Aber wissen Sie was? Wenn Sie mir Ihre Abneigung nicht allzu deutlich zeigen, dann buche ich Sie trotzdem.«

»Wie großzügig.« Samuel hebt eine Augenbraue.

Ein paar Sekunden lang warte ich darauf, dass er meiner Unterstellung widerspricht; dass er hastig erklärt, er habe ü-ber-haupt nichts! gegen Frauen wie mich. Doch Samuel sagt nichts – kein einziges verdammtes, höfliches Wort.

Meine Lust, mit ihm Gipfel zu stürmen, sinkt in ungeahnte Tiefen.

Aber für einen Rückzieher ist es jetzt zu spät. Denn wenn ich kneife, enttäusche ich nicht nur die fürsorgliche Ermelinda, die das Ganze schließlich angeleiert hat, sondern gebe dem Kerl zudem die Genugtuung, gewonnen zu haben.

Pah! Wollen doch mal sehen, wer hier als Letzter lacht.

So gelassen wie möglich sage ich: »Bringen wir die Formalitäten hinter uns, Herr Fillsteiner. Ich muss doch bestimmt irgendetwas unterschreiben, bevor es losgeht.«

»Ja, es gibt einen Bergschulvertrag.« Samuel blickt mit gerunzelter Stirn auf meine Füße. »So nehme ich Sie allerdings nicht mit.«

»Und was, bitte schön, ist falsch an meinen Turnschuhen? Dass sie nicht lila oder orange sind?« Okay, das war’s mit meiner Gelassenheit. Ich klinge eindeutig gereizt.

»Die Dinger sind nicht trittfest. Sie könnten abstürzen«, erklärt Samuel, ohne auf meinen Seitenhieb einzugehen. »Sie brauchen auf jeden Fall feste Wanderschuhe, Frau Winter. Die sind wichtiger als alles andere.«

»Aber meine Turnschuhe sind nagelneu!«, beharre ich und verschränke die Arme vor der Brust. »Und die Frau im Sportladen hat nichts von Wanderschuhen gesagt.«

Ein paar Sekunden lang starren wir uns schweigend an.

Dann verschränkt auch Samuel die Arme und erklärt barsch: »Gehen Sie noch einmal in den Sportladen, kaufen Sie sich Wanderschuhe, und kommen Sie dann wieder. Ansonsten lassen wir’s bleiben.«

Tja. Und das wäre der Punkt gewesen, an dem ich mit einem schnippischen »Nichts lieber als das!« hätte aussteigen können.

Stattdessen höre ich mich knurren: »Von wegen, wir lassen es bleiben. In zehn Minuten bin ich wieder da!«

Denn wenn dieser Samuel es darauf anlegt, mich noch vor der ersten Bergtour loszuwerden, dann hat er sich geschnitten. Wenn er mich nicht führen mag, hätte er Ermelindas Anfrage eben abschmettern sollen! Zugesagt ist zugesagt, und deshalb wird der Kerl mich auf meinen Gipfel bringen! Auch wenn es wenig schmeichelhaft für mich ist, wie wenig Lust er darauf hat.

Ein wenig erinnert es mich an das, was ich meine Gänseblümchenzeit nenne. Ich presse die Lippen zusammen, drehe mich um und rausche davon.

Nachdem sie mir geholfen hatte, meinen Schluckauf loszuwerden, beschloss Helene, mich unter ihre Fittiche zu nehmen.

Und ich, die blasse Annika, blühte auf.

An der Seite meiner neuen Freundin begann mir das Studentenleben, das mir in den ersten Wochen eher Furcht eingeflößt hatte, endlich Spaß zu machen. Ich war nicht mehr allein, ich hatte eine Freundin, die an jedem Tisch in der Mensa willkommen war, und ich war erwachsen – und all das nutzte ich nun aus.

Mit unerschöpflicher Energie eroberten Helene und ich die Stadt. Jeden Abend gingen wir in eine andere Bar, lernten einen neuen Club kennen oder waren bei irgendjemand Hippem eingeladen. Dabei entschied nur selten ich, was wir unternahmen; Helene war es, die den Ton angab. Aber seltsamerweise machte mir das nichts aus, sondern war mir sogar ganz recht.

Bei aller Lust am Feiern achtete Helene stets streng darauf, dass wir uns nicht gehen ließen. Die Regeln waren klar: Einen Schwips zu haben war in Ordnung; besoffen zu sein hingegen nicht. Lange ausgehen war in Ordnung; am nächsten Tag die erste Vorlesung zu schwänzen nicht. Sich von Mitstudenten umschwärmen zu lassen, war in Ordnung; sich einen Ruf als Schlampe zu erarbeiten nicht. An Helenes Seite konnte ich mich blind darauf verlassen, dass mir nichts passierte, denn sie behielt über alles die Kontrolle.

Ich musste ihr bloß folgen.

Helene sah sexy und düster aus, und diese Kombination zog die Männer in Scharen an. Für mich war das anfangs demütigend, denn ich war nicht Annika, sondern nur »Helenes Freundin«. Doch bei aller Dominanz war Helene feinfühlig genug, um schon bald meinen Verdruss zu bemerken.

Und damit begann mein Aufstieg.

»Wie wäre es mit einer kleinen Renovierung, mein Mäuslein? Streichen, neue Böden, neues Dach, das volle Programm?«, fragte sie mich eines Abends fröhlich, und bevor ich kapierte, dass sie nicht von meiner Wohnung sprach, sondern von meinem Gesicht und meinen Klamotten, hatte sie bereits festgelegt, wann wir zusammen shoppen gehen würden. Außerdem buchte sie ein Schmink-Seminar für mich (bis dato hatte ich nicht einmal gewusst, dass so etwas überhaupt existierte), schleppte mich zu ihrem Friseur und schenkte mir ein Büchlein mit dem peinlichen Titel »So fressen Ihnen die Männer aus der Hand«, das ich pflichtschuldigst durcharbeitete, wenn auch mit einem neutralen Filzumschlag versehen.

Was soll ich sagen? Meine Rundumerneuerung blieb nicht ohne Folgen.

Mit einem Mal bemerkten mich Männer, die bisher gleichgültig durch mich hindurchgeschaut hatten, und mehr noch: Sie gaben mir das ungewohnte Gefühl, begehrenswert zu sein.

Dafür, fand ich, hatte sich sogar das Durchlesen des bescheuerten Büchleins gelohnt.

Nicht, dass ich noch nie einen Freund gehabt hätte, immerhin war ich schon neunzehn, und auch vor Helenes Eingreifen war ich einigermaßen hübsch gewesen. Aber eben auf die Gänseblümchen-Art: Auf den ersten Blick wurde ich übersehen, auf den zweiten für niedlich befunden. Und mal ehrlich, wer will niedlich sein, wenn er das Kindergartenalter schon um vierzehn Jahre überschritten hat?

Also war meine Erfahrung mit dem männlichen Geschlecht zwar vorhanden, hielt sich aber in engen Grenzen. Keiner der wirklich coolen Jungs wollte das Gänseblümchen haben, wenn auch Rosen auf dem Markt waren.

Nun aber war ich eine Rose.

Und ein paar Monate lang fühlte sich das richtig gut an.

6.

In den Augen meines Bergführers scheine ich keine Rose zu sein, sondern eher ein Maulesel.

Keuchend frage ich mich, wen ich mehr verfluchen soll: den Folterknecht mit der schwarzen Mütze, dem ich seit zwei Stunden auf höllisch steilen Wegen hinterherstolpere, oder mich selbst, weil ich für diese Schinderei auch noch Geld bezahle. Im Hotel, geht es mir durch den rot verschwitzten Kopf, haben sie gerade die Bergsteiger-Jause angerichtet. Während ich selbst noch nicht mal Zeit für ein Käsebrot hatte.

Verdammt, macht man beim Wandern nicht alle paar Höhenmeter eine Pause? Wo ist die Hütte? Wo die nette Bedienung, die mir Kaiserschmarrn und Apfelschorle bringt? Und quält der Kerl da vorn mich eigentlich mit Absicht?!

»Hey«, japse ich. »Ich bin keine Maschine, okay? Ich kann nicht stundenlang bergauf laufen, ohne zwischendurch mal was zu essen.«

Und etwas zu trinken. Und meine Füße von den Ungetümen zu befreien, die sich Wanderschuhe schimpfen. Und mich flach auszustrecken und nie, nie wieder aufzustehen.

Samuel wirft einen Blick über die Schulter, ohne stehen zu bleiben oder auch nur langsamer zu werden. »Schon müde? Wir haben noch nicht einmal ein Drittel geschafft. Ich dachte, Sie wollten eine anspruchsvolle Tour, Frau Winter. Nichts für Kniebundhosen-Wanderer.«

Dummerweise habe ich vorhin tatsächlich etwas in der Richtung gesagt. Aber doch nur, um dem arroganten Kerl klarzumachen, dass er es nicht mit einem schwachen Prinzesschen zu tun hat! Sondern mit einer Frau, die problemlos eine geschlagene Stunde lang durch den Stadtpark joggt. Hey, ich kriege sogar Bobby müde! Wenn ich auf Besuch bei meiner Mutter bin, ist der Köter nach unseren Laufrunden immer vollkommen erschöpft.

Mit Samuel als Herrchen würde das arme Tier wohl einen Herzinfarkt erleiden.

»Kann sein«, bringe ich stoßweise heraus, »dass ich … eine anspruchsvolle … Tour wollte, Herr Fillsteiner. Aber ›anspruchsvoll‹ … ist nicht das Gleiche … wie ›mörderisch‹.«