Verlag: Dressler Verlag Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Für immer die Seele - Cynthia J. Omololu

Als die 16-jährige Cole den Londoner Tower besichtigt, wird sie von einer unglaublich realistischen Vision heimgesucht: Sie erlebt eine Jahrhunderte zurückliegende Enthauptung! Und dieses Erlebnis bleibt kein Einzelfall. Wohin Cole auch geht, was sie auch berührt, seit Kurzem fühlt sie sich ständig in andere Zeiten und an fremde Orte versetzt. Wird sie vielleicht verrückt? Nur einer scheint sie zu verstehen: der Amerikaner Griffon, den sie in London kennenlernt. Doch Stück für Stück entdeckt Cole, welch dunkles Geheimnis sie und Griffon verbindet. Kann sie dem Jungen, den sie liebt, wirklich vertrauen? Schicksalhafte Begegnungen, große Gefahren und eine unendliche Liebe: der Auftakt der fesselnden "Für immer"-Trilogie.

Meinungen über das E-Book Für immer die Seele - Cynthia J. Omololu

E-Book-Leseprobe Für immer die Seele - Cynthia J. Omololu

Für Griffon

1994–2009

Eine viel zu kurze Zeit.

1

Gleich geschieht es wieder, ich kann es spüren.

Ein Kribbeln in meinem Nacken, das Gefühl, dass alles um mich herum in immer weitere Ferne rückt, kalte Schweißperlen auf meiner Stirn – ich kenne die Anzeichen und weiß, das bedeutet nichts Gutes.

Ich hefte den Blick auf meine Füße, folge Kat aus dem U-Bahnhof Tower Hill hinaus in den hellen Sonnenschein und versuche, mich ganz auf meine Schuhe zu konzentrieren, die sich Schritt für Schritt über den tadellos sauberen Bürgersteig bewegen. Aber es ist, als seien sie weit fort, kein Teil von mir, sondern einfach ein Paar blau karierter Vans Größe achtunddreißig, das zu irgendjemand anderem gehört.

Hastig nehme ich die Kopfhörer ab und die erhabene Massenet-Sinfonie verebbt zu einem leisen Rauschen in der Ferne. Mein Herz hämmert wie wild und ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken. Ich schüttele den Kopf, will dem Unvermeidlichen entgehen, nicht hineingezogen werden in was auch immer mich dieses Mal erwartet. Krampfhaft versuche ich, die Kontrolle zu behalten, doch schon spüre ich, wie mir alles entgleitet. Ich schnappe nach Luft, als eine Welle von Bildern und Gefühlen über mir hereinbricht, mich verschlingt und alles andere auslöscht.

Die Menschen in der Menge drängen sich so dicht heran, dass ihr warmer, übel riechender Atem sich mit dem meinen vermengt – einige der Gesichter sind wutverzerrt, entstellt von der Gier nach Blut. Ich weiche zurück, will umkehren, aber man hält mich fest an den Ellbogen gepackt und zieht mich weiter, so heftig, dass meine hübschen, neuen Seidenschuhe kaum den feuchten, schlammigen Boden berühren. Obwohl ich den Hügel nicht länger sehen kann, rieche ich den Rauch der Feuer und höre, wie die Verurteilten zu Gott flehen. Der metallische Geruch von Blut erfüllt die Luft ringsumher. Mit wachsender Panik suchen meine Augen in der Menge der Gefangenen verzweifelt nach Connor, doch man zerrt mich immer weiter, hinunter zum Wasser und fort von dem Hügel, wo ich ihn zuletzt sah –

»Hey!« Meine Schwester schnippt vor meinem Gesicht mit den Fingern und holt mich in die Realität zurück. »Cole!«

Ich blinzele, starre sie an und versuche, meine Gedanken von dem, was ich gerade gesehen und gefühlt habe, loszureißen. Immer noch rieche ich beißenden Rauch und versuche angestrengt, mir klarzumachen, dass ich zurück in der Wirklichkeit bin. Ich trage kein langes Samtkleid und keine zarten, seidenen Schuhe, sondern die üblichen Jeans und meine leicht abgewetzten Sneakers. Alles ist normal. Ich bin nicht dabei, durchzudrehen.

»Was ist denn?«, frage ich und versuche, möglichst genervt zu klingen, um meinen inneren Aufruhr zu verbergen. Ich muss diese Träume oder Halluzinationen oder was auch immer es ist in den Griff bekommen. Mein Magen rebelliert, ich möchte mich übergeben, um das, was da in mir sitzt, herauszuwürgen, damit diese Visionen aufhören.

»Langsam glaube ich, dass du dich in meiner Gesellschaft ziemlich langweilst«, sagt Kat, während ihre perfekt manikürten Daumen über die Tasten ihres Handys hüpfen.

Ich nehme einen Schluck aus meiner Wasserflasche, bemüht, das Zittern meiner Hände zu verbergen. Kat hat noch nichts gemerkt, aber wenn ich in Tränen ausbreche oder mich in den nächsten Mülleimer übergebe, wird sich das garantiert schnell ändern. Ich zerbreche mir den Kopf, um für das, was mit mir geschieht, eine logische Erklärung zu finden, denn tief in mir spüre ich, dass es immer schlimmer wird. Seit wir in London angekommen sind, begegnen mir immer wieder kleinere Dinge, die mir merkwürdig vertraut erscheinen, beinahe so, als sei ich zurückgekehrt – an einen Ort, an dem ich niemals zuvor gewesen bin. Wir laufen durch die Stadt und tun, was alle Touristen so tun, kommen an einem alten Haus vorbei, einem Schaufenster oder an einer schmalen, kopfsteingepflasterten Gasse, und plötzlich überfällt mich ein so heftiges Déjà-vu, dass ich stehen bleibe und versuche, eine passende Erinnerung zu diesem unerklärlichen Gefühl zu finden. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite erheben sich düster die dunklen Mauern des Tower of London, aber keiner der Menschen auf dem dicht bevölkerten Gehweg scheint die Verzweiflung und den Wahnsinn zu spüren, die diesen Ort umgeben. Wahrscheinlich, weil alle anderen nicht verrückt sind.

Ich trinke noch einen Schluck, aber das Wasser ist warm und schmeckt metallisch, nicht besonders erfrischend. »Sorry. War nur in Gedanken«, bringe ich raus, und endlich lässt das Gefühl von schmerzlichem Verlust mich los und alles ist wieder klar wie nach einem heftigen Regenguss. Ich schalte die Musik ab und an ihre Stelle tritt das Summen der Reifen auf der viel befahrenen Straße. Ich versuche es mit einer Erklärung, die selbst in meinen Ohren fadenscheinig klingt. »Das Konzert und das ganze Drumherum. Ist ja nicht mehr so lange hin.«

»Kannst du nicht einmal mit der Wunderkind-Nummer aufhören?«, nörgelt Kat. »Schließlich haben wir Ferien.«

»Vielleicht hast du Ferien«, gebe ich zurück und weiß schon, während ich spreche, dass ich mir das besser gespart hätte, aber ich bin so durcheinander, dass ich einfach automatisch wiederhole, was ich schon oft gesagt habe. »Die anderen zählen auf mich. Ich kann mir nicht aussuchen, ob ich üben will oder nicht.«

Ich bemühe mich, ruhiger zu atmen und zu signalisieren, dass alles okay ist. Dann schlage ich meinen eselsohrigen Reiseführer auf und konzentriere mich auf den beruhigenden Anblick der Karten und Fotos von Sehenswürdigkeiten, während ich versuche, die sonderbaren Gefühle endgültig abzuschütteln und wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

Ich lasse meinen Blick über die Leute auf der Straße schweifen und versuche, zu entspannen, sage mir, dass niemand mich anstarrt, dass ich einfach eine von vielen leicht desorientierten Touristinnen mit einem Reiseführer in der Hand und einem Rucksack über der Schulter bin. Ich bin unsichtbar, nichts Besonderes. Eigentlich fühle ich mich immer unsichtbar, außer wenn ich mit einem Cello auf der Bühne stehe.

Was immer das eben war, es ist endlich vorüber. Ich schaue auf die Stelle im Reiseführer, die ich gestern Abend markiert habe. »Also, hier steht, wir folgen dieser Straße bis um die Ecke, und dann sind wir am Eingang.«

Kat stopft das Handy in ihre Tasche. »Wo ist er denn?«, fragt sie, blickt auf und nimmt zum ersten Mal wahr, wo wir überhaupt sind. »Ich sehe keinen Turm.«

»Dort drüben«, sage ich und zeige mit dem Finger auf die andere Straßenseite.

»Das ist alles?«, fragt sie und versucht nicht einmal, ihre Enttäuschung zu verbergen. »Macht auch nicht mehr her als die anderen verstaubten Schlösser in diesem komischen Land. Ich dachte, wir wollten uns die Kronjuwelen ansehen.«

Sehr schön. Ich kenne meine große Schwester. Solange der Tower von London ein paar beeindruckende Diamanten und Rubine zu bieten hat, wird sie das bisschen Geschichte drum herum geduldig ertragen. »Die Kronjuwelen werden nun mal nicht auf der vierten Etage von Harrods ausgestellt«, sage ich.

»Das weiß ich auch.« Kat zieht die Nase kraus und blickt auf den Tower. »Ich dachte nur, er wäre vielleicht etwas schicker. So wie der Turm in Rapunzel zum Beispiel. Könnte ja wenigstens ein bisschen Gold dran sein, dann sähe er schon viel besser aus.«

»Tower von London ist nur der Name«, sage ich und zeige auf den Reiseführer. Manchmal frage ich mich, wie Kat es bis in die Abschlussklasse geschafft hat, obwohl ich weiß, dass sie nicht dumm ist, sie lässt sich einfach nur leicht ablenken. »Es ist aber eigentlich kein Turm, sondern eine jahrhundertealte Festung und ein Gefängnis. So steht’s hier.«

»Steht da vielleicht auch, warum wir uns all dieses alte Zeug ansehen sollen, wenn wir ebenso gut shoppen gehen könnten?«, fragt sie und starrt finster hinüber zur anderen Straßenseite.

»Weil der Tower ein berühmtes Gebäude ist, das man einfach sehen muss, wenn man in London ist«, antworte ich. »Und weil Dad uns die Eintrittskarten besorgt hat, die bestimmt nicht billig waren.« Und weil sich ein Teil von mir dort hingezogen fühlt, so als müsste ich die alten Steinwände berühren und das Kopfsteinpflaster unter meinen Füßen spüren. Die Wege entlanggehen, die vor Jahrhunderten die Könige und Königinnen von England beschritten haben. Daheim in San Francisco gehört alles, was weiter zurückliegt als 1970, schon zur Geschichte. Die Vorstellung, in einem Gebäude zu stehen, das beinahe tausend Jahre alt ist, raubt mir den Atem. Doch all das kann ich ihr nicht erklären, weil ich diese seltsame Anziehung ja selbst nicht begreife. Und sie würde es so oder so blöd finden.

»Dad ist viel zu sehr mit seiner Arbeit beschäftigt, als dass es ihn kümmern würde, womit wir unsere Zeit hier verbringen«, mault Kat. »Er würde es nie erfahren.« Sie mummelt sich fester in ihre Jacke, um sich gegen den kühlen Aprilwind zu schützen. »Warum konnte er keine Geschäftsreise nach Hawaii oder Cancún machen, irgendwohin, wo man die Frühjahrsferien gerne verbringt?«

Dass für mich London weit anziehender ist, als in schweißtreibender Hitze an einem Strand zu brüten, wo sich perfekt gebräunte Menschen auf gestreiften Badetüchern mit so wenig Energieaufwand wie möglich von der einen auf die andere Seite und wieder zurück wälzen, brauche ich nicht zu erwähnen. Kat weiß das.

»Was gibt’s denn da drüben zu sehen?«, fragt Kat. »Noch ein Ort, an dem irgendeine Berühmtheit in Stücke gehackt oder vom Bus überrollt wurde?« Etwas abseits des Gehwegs steht eine Gruppe von Leuten und blickt interessiert auf eine kleine bronzene Tafel am Boden. Ich schaue im Reiseführer nach.

»Fast richtig geraten. Die meisten Hinrichtungen fanden tatsächlich vor dem Tower statt, gleich dort drüben.« Ich zeige auf das von kleinen Zementsteinen eingefasste Viereck neben dem Gehweg und lese vor: »Viele Unschuldige wurden an diesem Ort geköpft, unter dem Jubel Tausender Schaulustiger.« Sofort kommt mir die Szene aus meiner Vision wieder in den Sinn und ein Schauer läuft mir über den Rücken.

»Na besten Dank an deinen Reiseführer für diese echt spannende Info.« Kat blickt auf die vorbeirauschenden Autos und die auf dem Gehweg flanierenden Touristen. »Hat früher sicher ziemlich anders hier ausgesehen.«

Ich blicke über die Straße und die dahinterliegende Rasenfläche hinweg auf die imposanten Mauern und mächtigen, steinernen Gebäude, die dort seit Jahrhunderten stehen. Genau dieser Anblick muss das Letzte gewesen sein, was viele der Gefangenen sahen, während sie niederknieten und auf den Hieb warteten, der ihrem Leben ein Ende setzen würde. Für einen Moment glaube ich beinahe das Echo ihrer verzweifelten Schreie von den Mauern widerhallen zu hören. »Vielleicht gar nicht so anders«, sage ich leise, während wir die Straße überqueren.

»Also, wenn wir da wirklich unbedingt reinmüssen«, sagt Kat, nachdem wir unsere Eintrittskarten abgeholt haben, »dann lass uns gleich zu den Klunkern gehen. Ich will wenigstens ein bisschen Schmuck sehen, wenn ich schon nicht shoppen darf.« Sie schaut hinab auf die sündhaft teuren High Heels, die sie gestern erst gekauft hat. »Zu schade, dass es da drin keinen Schuhladen gibt.« Sie wirft mir einen Seitenblick zu. »Gibt es doch nicht, oder?«

»Nein«, sage ich, »ganz bestimmt nicht.«

Ich blicke hinauf zu dem eckigen Wehrturm. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie die Wachen dort oben in ihren gepanzerten Rüstungen auf und ab gehen und ihre Waffen auf das trübe Wasser unten richten. Ein beunruhigendes Gefühl beschleicht mich, und nervös suche ich nach den Anzeichen einer drohenden Vision, aber alles, was ich sehe, ist meine jetzt schon völlig genervte Schwester. Ich klappe den Reiseführer dort wieder auf, wo mein Finger noch zwischen den Seiten steckt. »Hier steht, man sollte erst eine Führung mitmachen und sich dann ein wenig allein umsehen. Ist im Preis inbegriffen.«

»Ach, komm schon, Cole«, mault Kat und stemmt die Hände in die Hüften. »Kannst du nicht mal das blöde Buch sein lassen und irgendwas Spontanes machen? Die ganzen Ferien geht das schon so: Hier steht dies, hier steht das. Ist das deine neue Bibel, oder was? Du bist sechzehn, nicht sechzig.«

»Als es uns geholfen hat, dein Shopping-Mekka Harrods zu finden, hast du dich nicht beschwert«, sage ich verärgert, denn es ist nicht das erste Mal, dass wir diese Diskussion führen. »Oder als ich darin dieses tolle indische Restaurant im Theaterviertel entdeckt habe.«

»Gib her«, sagt Kat, schnappt sich den Reiseführer und blättert darin herum. »Hier ist ein langer Abschnitt über Geistertouren durch London. Vielleicht haben wir ja Glück und sehen einen. Dann wäre dieser Tag wenigstens nicht völlig vergeudet.«

Ich hole mir das Buch zurück: »Es gibt keine Geister.« Ich glaube nicht an Geister. Oder Vampire. Oder Visionen, in denen Leute auf einem rauchenden Hügel vor dem Tower von London getötet werden …

»Aha, jetzt bist du plötzlich die Expertin? Dein heiß geliebtes Buch sagt aber, dass es welche gibt. Ich finde, wir sollten diesen Tower-Quatsch vergessen und eine Geistertour machen. Das wäre bestimmt viel cooler.«

»Aber das ist doch alles bloß Schwindel.« Ich habe schon genug damit zu kämpfen, von ungebetenen Visionen heimgesucht zu werden, mich auch noch auf die Suche nach ihnen zu machen, ist bestimmt das Letzte, was ich will.

»Warum kannst du dir nicht mal für einen Moment vorstellen, dass es Dinge gibt, die dein Verstand nicht erfasst?«, fragt sie mich. »Manchmal muss man den Kopf eben ausschalten und nach dem Gefühl gehen, und mein Gefühl sagt mir, dass es hier vor Geistern nur so wimmelt. Außerdem steht es da schwarz auf weiß, also wird es ja wohl jemand nachgeprüft haben.«

Darauf habe ich beim besten Willen keine Antwort und setze mich einfach in Richtung Eingang in Bewegung. Ich weiß, dass Kat mir folgen wird. Sie hält es nicht aus, auch nur eine Minute allein zu sein.

Als wir durch den Torbogen in der Außenmauer gehen, berühre ich mit meinen Fingern den rauen Stein. Die alten Tudor-Gebäude, die Rasenflächen, die Festung – mein Blick wandert von einem zum nächsten, und mich durchfährt ein kalter Schauer, der nichts mit dem kühlen Wind zu tun hat, der uns ins Gesicht bläst.

»Gleich beginnt eine Führung«, sage ich und deute auf einen Wächter in Uniform, der auf einem kleinen Zementpodest steht. »Komm schon. Danach sehen wir uns dann die Juwelen an.«

Mit hängenden Schultern folgt Kat mir hinüber zu der Mauer, wo sich bereits die Leute versammeln.

»Guten Morgen, Ladies and Gentlemen, und willkommen im Tower of London.« Leises Gemurmel aus der Menge, also versucht er es erneut, dieses Mal ein wenig lauter. »Guten Morgen, Ladies and Gentlemen.« Er hält die Hand hinter sein Ohr und beugt sich nach vorn, sodass wir keine andere Wahl haben und alle laut »Guten Morgen« sagen, so als wären wir wieder in der fünften Klasse. Ich seufze. Ich mag keinen Unterricht und auch keine Führungen, wo begeisterte Beteiligung erwartet wird.

Kat stößt mich leicht in die Seite. »Er ist irgendwie süß«, sagt sie und grinst.

Ich sehe ihn mir genauer an, mit seiner ziemlich großen Nase und dem seltsamen Hut. Seine Wangen sind rot vom kühlen Wind und er könnte sich mal wieder rasieren. Er muss mindestens vierzig sein, das ist alt, sogar für Kat. »Ist das dein Ernst? Ich glaube, dir gefällt bloß die Uniform. Und sein Akzent.« Seit wir in England sind, hat Kat sich nämlich mindestens zweimal pro Tag in einen britischen Akzent verknallt – auch bei den seltsamsten Typen.

»Ich freue mich, heute Ihr Guide sein zu dürfen, und hoffe, ich werde Sie gut unterhalten mit einigen der Geschichten, die sich im Laufe von neunhundert Jahren innerhalb dieser Mauern zugetragen haben.«

Ich schaue über ihn hinweg auf die hohen Gebäude aus Glas und Stahl auf der anderen Seite des Flusses. Die modernen Bauwerke ringsumher schmälern die Wirkung der alten Gemäuer, weil sie daran erinnern, dass selbst an diesem Ort von der Vergangenheit nur Steine und Holz geblieben sind, und dass die Menschen, die Teil dieser Vergangenheit waren, längst nicht mehr leben.

Nachdem der Wächter in weniger als einer Minute mehrere Jahrhunderte Geschichte abgehandelt hat, zeigt er auf den Tower Hill drüben bei der U-Bahn-Station, wo wir wenige Minuten zuvor noch gestanden haben. »Stellen Sie sich vor, wie Tausende von Menschen sich dort versammeln und jubeln, während eine arme – oft unschuldige – Seele ihre letzten Worte an die Menge richtet.« Ich stupse Kat an und zeige auf den Reiseführer. Sie wirft mir einen Seitenblick zu, tut aber so, als sei sie ganz vertieft in das, was er erzählt.

»Wenn der Gefangene zu Ende gesprochen hatte, zahlte er dem Henker eine kleine Summe, in der Hoffnung, dass dieser seine Axt möglichst rasch und schmerzlos einsetzen werde. Dadurch entstand, wie wir alle wissen, der Ausdruck« – er macht eine theatralische Pause – »Trennungsgeld.« Er wartet auf eine Reaktion, aber aus der Gruppe kommt nur hier und da ein müdes Kichern. Er grinst. »Und das war mein bester Spruch.«

Diesmal lacht Kat lauthals und erntet ein Lächeln. »Dann legte der Gefangene seinen Kopf auf den Block, die Axt fuhr auf seinen Nacken herab, Knochen knirschten, Blut spritzte und die Tat war vollbracht.« Er ahmt mit seinem Arm die Bewegung der Axt nach, die irgendeinem armen Tropf den Kopf abschlägt, und die Gruppe kichert nervös. »Der Henker nahm den abgeschlagenen Kopf und hielt ihn hoch, damit alle ihn sehen konnten, und sagte: ›Schaut her, das ist der Kopf eines Verräters.‹« Alle schaudern, und einige murmeln ein wenig empört, als er fortfährt: »Und doch hatten sich die meisten der Enthaupteten nichts weiter zuschulden kommen lassen, als das Missfallen des Königs oder der Königin zu erregen.« Er wartet einen Moment, dann fordert er uns mit einer Armbewegung zum Weitergehen auf: »Hier entlang, bitte.«

Wir folgen ihm über das Kopfsteinpflaster, das von all den Füßen, die im Laufe der letzten Jahrhunderte darübergegangen sind, ganz glatt geworden ist, bis zu ein paar Stufen, die zu einem großen Eisentor führen. »Hinter mir sehen Sie Traitors’ Gate, das Verrätertor. Durch dieses Tor wurden viele unselige Männer und Frauen als Gefangene in den Tower gebracht, um ihn niemals wieder zu verlassen. Anne Boleyn und Thomas Cromwell stiegen diese Stufen hier in Erwartung ihres Todes hinauf.«

Während er spricht und auf die Stufen zeigt, überkommt mich plötzlich das Gefühl, alles aus weiter Ferne zu sehen. Immer leiser und undeutlicher werden seine Worte. Ich blinzele heftig und versuche, meine Umgebung wieder näher heranzuholen, aber ein anderes Bild wird immer stärker, und schließlich sind der Wächter und die Menschen um mich herum verschwunden.

Schreie hallen von den Steinen wider, und Wasser klatscht gegen das Holz, als das schmale Boot den Torbogen passiert. Hände werden uns entgegengestreckt, damit wir auf den feuchten Stufen nicht ausgleiten. In der Dunkelheit sind sie noch gefährlicher und nur ein paar Fackeln an den Wänden spenden ein wenig Licht. Ich spüre Angst und Panik rings um mich her, als man uns eilig die Treppen hinauf und hinein in die hohen Mauern des Towers drängt.

»Das Wasser«, kommt es mir ungewollt über die Lippen.

Kat wirft mir einen verdutzten Blick zu, und auch der Wächter sieht mich an: »Verzeihung, was sagten Sie, Miss?«

Mein Herz rast und meine Handflächen sind feucht. Ich blicke in die neugierigen Gesichter der anderen Touristen. Ich wollte das nicht laut sagen, ganz bestimmt nicht. »Öh, ich sagte nur, dass hier einmal Wasser war und die Menschen in Booten durch dieses Tor gebracht wurden.«

»Die junge Dame erhält zehn Punkte für ihre Geschichtskenntnisse!«, sagt der Wächter und zeigt auf mich. »Gerade wollte ich Ihnen nämlich verraten, dass dieses Tor früher einmal Water Gate, das Wassertor, hieß, weil den Tower damals ein Wassergraben umgab und dies die Stelle war, an der die Boote hineinfuhren. In der Tat wurden die meisten Gefangenen in Booten hierhergebracht.«

»Scheint, dein Buch ist doch zu was nütze«, flüstert Kat mir zu, während wir dem Wächter zum nächsten Gebäude folgen, »immerhin kann man damit den Guide beeindrucken.«

Ich nicke kurz und starre auf den Reiseführer. Ich habe den Abschnitt über den Tower von London oft genug gelesen, um zu wissen, dass das Wassertor darin mit keinem Wort erwähnt wird.

»Alles in Ordnung?«, fragt Kat und schaut mich forschend an. »Du siehst irgendwie blass aus.«

Ich lege die Hand auf meine Stirn und schließe kurz die Augen. »Ja, alles klar. Mir geht’s gut«, beeile ich mich zu sagen. In Wahrheit bin ich ziemlich aufgewühlt und mir ist ein bisschen übel. Aber ich will nicht zurück zum Hotel. Ich muss mir selbst beweisen, dass alles normal ist. Die Tatsache, dass das, was ich in meiner Vision gesehen habe, tatsächlich stimmt, muss nicht bedeuten, dass ich Geister sehe – obwohl mir im Moment auch keine logischere Erklärung einfällt.

»Komm, die anderen sind schon weitergegangen.«

Wir stehen eine Weile vor dem White Tower herum und der Wächter erzählt von den Königinnen und Königen, die einst hier gelebt haben. Wenn man ihm zuhört, sieht man die Menschen vergangener Jahrhunderte beinahe über den Hof gehen oder aus den Fenstern schauen, aber plötzlich finde ich den Gedanken gar nicht mehr so reizvoll wie noch vor wenigen Minuten. Für den Rest der Tour will ich lieber ältere, mit schweren Kameras behangene Männer in Sandalen und schwarzen Socken sehen als Gestalten mit Samthüten und wallenden Gewändern.

Der Guide kommt jetzt richtig in Fahrt, zeigt auf die verschiedenen Gebäude und erläutert ihre Bewandtnis. Ich gebe mir Mühe, mich auf das zu konzentrieren, was er sagt. »Nachdem ich Ihnen gezeigt habe, wo einige der englischen Königinnen und Könige lebten, werde ich Sie nun dorthin führen, wo manche von ihnen starben.«

Wir folgen ihm zu einer kleinen Rasenfläche, die von einem niedrigen Eisenzaun eingefasst ist. Er stellt sich auf einen kleinen Sockel daneben und wartet, bis alle schweigen. »Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit nun bitte auf diese Gedenkstätte«, sagt er und zeigt auf etwas Rundes, das aussieht wie ein gespiegelter Kaffeetisch mit einem gläsernen Kissen darauf. »Dieses Denkmal wurde genau an der Stelle errichtet, wo das Schafott für die Hinrichtungen der Adligen stand. Im Inneren des Towers selbst fanden nur zehn Männer und Frauen den Tod. Wer sie waren und warum sie sterben mussten, werde ich Ihnen erzählen, wenn wir in der königlichen Kapelle sind.«

Kat stößt mich an, als die anderen dem Wächter zum Eingang der kleinen Kirche folgen. »Mir ist langweilig. Hast du bald genug gesehen?«

Ich schaue hinüber auf die steinerne Kapelle und sehe einen nach dem anderen darin verschwinden. Ich schlucke ein Mal kräftig und nicke dann, denn eigentlich bin ich noch zu aufgewühlt, um mir schaurige Geschichten über die Enthauptungen anzuhören, die dort stattgefunden haben. Ich muss mich endlich in den Griff bekommen, sonst ist der Rest der Ferien ruiniert.

Wir stehlen uns fort, und Kat schaut auf den Lageplan, den wir zusammen mit den Eintrittskarten bekommen haben. »Auf zu den Juwelen«, sagt sie. Ich folge ihr, noch einmal vorbei an der gläsernen Gedenkstätte, die inmitten der alten Gebäude und grünen Rasenflächen viel zu modern und fehl am Platz wirkt. Das ist die Stelle, an der all die Menschen starben, und sollte es im Tower tatsächlich irgendwelche umherirrenden Geister geben, dann müssten sie eigentlich genau hier sein. Doch diesmal geschieht nichts. Keine Beklemmung oder Panik überkommt mich, keine lebensechten Bilder tauchen ungebeten in meinem Kopf auf. Zum Test lege ich meine Hand auf den Eisenring, der das Denkmal umgibt, schließe meine Augen und fühle … nichts. Erleichtert schlage ich sie wieder auf und schaue mich um.

»Die Schlange bei den Kronjuwelen sieht ziemlich lang aus«, sage ich und zeige auf die breite, sich nur langsam vorwärtsbewegende Reihe von Menschen, die vor dem Gebäude warten. Ich schaue auf meinem Handy nach der Uhrzeit: »Bald Mittag – vielleicht sollten wir warten, bis die anderen mit ihren Kindern ins Café gehen.«

Kat blickt hinüber und stimmt mir widerstrebend zu. »Dann lass uns rausfinden, welches von den anderen Gebäuden am wenigsten langweilig ist.« Sie schaut auf den Lageplan und zeigt auf das große Schloss in der Mitte. »Das hier ist der White Tower. Da sind die Waffen, Rüstungen und so weiter ausgestellt.« Sie rollt die Augen, und mir ist klar, dass wir uns dort bestimmt nicht allzu lange aufhalten würden.

Ich tippe mit dem Finger auf die Karte und zeige auf die Stelle, an der wir gerade stehen. »Lass uns doch mit dem Beauchamp Tower anfangen. Der ist gleich hier und dort sollen die Gefangenen vor ihrer Hinrichtung Botschaften an den Wänden hinterlassen haben.«

Jahrhundertealte Graffiti sind schon eher nach ihrem Geschmack. Wir steigen die Treppe hinauf und befinden uns in einem großen Raum mit geschwungenen Türbögen und winzig kleinen Fensterchen in den dicken, gemauerten Wänden. Ich stelle mich an einen Fenstersims und spähe durch die schmale Öffnung hinunter auf die Wege und Grasflächen. Mein Herz beginnt zu hämmern, wie immer, wenn ich mich höher als einen Meter über festem Boden befinde. Ich trete einen Schritt zurück und stelle mir vor, hier drin gefangen zu sein, das Leben draußen vorbeiziehen zu sehen und zu wissen, dass meine eigenen Tage auf der Erde gezählt sind. Der Raum hat eine niedrige Decke und riecht nach Moder, so als hätten die alten Mauern die Verzweiflung vieler Jahrhunderte in sich aufgesogen.

Kat schaut sich die Zeichen und Bilder an, die fast überall auf den Steinen zu sehen sind. »Womit haben die das wohl eingeritzt? Denkst du, der König war so dumm, ihnen Messer zu geben und sie einfach machen zu lassen?«

»Kann ich mir nicht vorstellen. Vielleicht steht dort drüben auf dem Schild was.« Ich gehe nah an der Wand entlang und betrachte die hinter Plexiglas geschützten Botschaften, die die Todgeweihten vor so langer Zeit hinterlassen haben. Manche sind richtig kunstvoll, mit Bildern von Löwen und kleinen Gebeten. Andere bestehen nur aus Namen und Daten. Schließlich mache ich vor einem Rechteck halt, in dem mir unbekannte Worte stehen. Ich lege meine Hand auf das Plexiglas und spüre die sanfte Energie, die der dahinterliegende Stein verströmt. Ein wenig Angst und Verlassenheit liegen darin, aber am stärksten ist das Gefühl von Frieden. Es fasziniert mich, gern würde ich den Stein anfassen und die Worte berühren, die eine fremde Hand dort vor Jahrhunderten hinterlassen hat: Bis in alle Ewigkeit. 1538.

Kat schaut mir über die Schulter, und hastig ziehe ich meine Hand zurück, fühle mich aus einem unerklärlichen Grund ertappt. »Was steht da?«, fragt sie und geht ein Stückchen näher heran. »Ad vitam aeternam? Ist das Latein? Immerhin kann ich das Datum lesen – 1538. Aber da steht nicht mal, wer das geschrieben hat.«

»Hm, weiß auch nicht«, sage ich und meine Stimme zittert ein wenig. Ad vitam aeternam – bis in alle Ewigkeit. Latein ist mir bisher nur flüchtig in einigen Partituren begegnet, trotzdem weiß ich tief in meinem Herzen, was die Worte bedeuten, so sicher, als stünden sie in meiner eigenen Sprache dort. Bis in alle Ewigkeit. Ich spüre es mit jeder Faser meines Körpers.

»Wow, hier gibt’s wirklich jede Menge von diesen Botschaften«, sagt Kat und schaut noch einmal in den Plan. »Hier steht, dass der Ehemann von Lady Jane Grey etwas in die Wand geritzt hat, bevor die beiden geköpft wurden. Wie romantisch! Komm, lass es uns suchen.«

Während Kat sich auf die Suche nach ihrem romantischen Graffito macht, werfe ich noch einen letzten Blick auf das kleine, in den Stein geritzte Rechteck. Es ist eines der schlichtesten Zeichen – ohne Namen, ohne Bilder, nur ein paar rätselhafte Worte und ein Datum.

Dennoch ist es für mich das bedeutsamste in diesem Raum.

2

Die Schlange vor dem Gebäude mit den Kronjuwelen ist wesentlich kürzer geworden. »Dann los«, sagt Kat. Ich blicke noch einmal zurück auf das schmale Fenster, hinter dem der niedrige, modrige Raum liegt, und habe das seltsame Gefühl, dass ich etwas Wichtiges dort zurücklasse. Bis in alle Ewigkeit. Obwohl es inzwischen wärmer geworden ist, kriecht eine Gänsehaut über meine Arme.

Richtig angenehm ist die Sonne, als wir zum Eingang der Kronjuwelen-Ausstellung hinübergehen, und das erste Mal an diesem Tag öffne ich den Reißverschluss meiner Jacke. Endlich zeigt sich der Frühling – kurz bevor wir wieder nach Hause fahren. Der Weg ist breiter hier und weniger Leute spazieren herum – offensichtlich war der Hunger bei den meisten doch stärker als die Anziehungskraft der königlichen Diamanten.

Ich sehe die kleine Schlange vor der Eingangstür und daneben ein schmales Holzhäuschen, vor dem ein rot berockter Leibwächter in Habachtstellung steht. Auf dem Kopf trägt er die gleiche riesige Fellmütze wie die Soldaten vor dem Buckingham Palace. Auch Kat hat ihn gesehen, und ich weiß genau, was jetzt kommt.

»Oh bitte, mach ein Foto von ihm und mir!«, zirpt sie und streift den Trageriemen der Kamera von ihrem Handgelenk. Die meisten Fotos, die darauf gespeichert sind, zeigen Kat neben einem Soldaten oder einer Wache vor einer der Sehenswürdigkeiten der Stadt.

Ich nehme die Kamera, entferne mich ein paar Meter und lasse noch ein paar Leute vorübergehen. Kat steht schon an der Absperrung vor dem Soldaten in Position. »Kriegst du von dort auch alles drauf?«, ruft sie und hält ihre Hand zum Schutz gegen die Sonne über die Augen. »Besser, du gehst noch ein Stück zurück, sonst ist nachher irgendwas abgeschnitten.«

Rückwärts bewege ich mich immer weiter auf den White Tower zu, bis ich plötzlich sehr unsanft mit jemandem zusammenstoße. Als er nach meinem Arm greift, um mich aufzufangen, wird mir mit einem Mal schwindlig, und es ist, als schössen tausend Funken durch meinen Körper. In meinen Ohren rauscht es, dann verschwindet der warme, helle Sonnenschein, und an seine Stelle tritt der kalte, graue Nebel eines Wintermorgens.

Gebannte Stille herrscht ringsumher, wie in Erwartung eines drohenden Unheils. In der einen Hand halte ich ein kleines Buch, in der anderen ein weißes Tuch mit Spitzen und das seidene Beutelchen mit ein paar Münzen darin und dem silbernen Anhänger – Connors letztes Geschenk an mich. Mein Herz hämmert so heftig, als wollte es meine Brust sprengen, und am liebsten würde ich laut schreiend davonstürmen, aber ich weiß, dass ich mich standesgemäß wie eine Lady zu benehmen habe. Das schwere, schwarze Gewand kratzt an meinem Hals, und während dort oben auf der Plattform alles vorbereitet wird, betasten meine Finger nervös das grobe Material. Obwohl nur wenige Menschen versammelt sind, höre ich überall Getuschel. Die Luft ist erfüllt von der feuchten Schwere bevorstehenden Regens und vom Geruch des Strohs, das man auf dem hölzernen Boden ausgestreut hat. Der Soldat an meiner Seite bedeutet mir mit einem kurzen Nicken, dass es so weit ist.

Ich befehle meinen Füßen, die Stufen hinaufzusteigen, eine nach der anderen, und schließlich stehe ich auf der erhabenen Plattform. Ich höre den erstickten Schrei meiner Zofe und blicke kurz zur ihr hinunter, bevor ich mich wieder dem Geschehen um mich herum zuwende. Ich kann nicht anders als glauben, dass irgendjemand diesem Wahnsinn ein Ende bereiten wird, bevor es zu spät ist. Ich habe nichts Verbotenes getan, mein einziges Vergehen ist, dass ich meinen Gatten von ganzem Herzen geliebt habe – und dafür sollen wir beide sterben? Ich spiele die mir zugedachte Rolle, denn ich weiß, der gerechte Gott wird niemals zulassen, dass sie ihr Werk vollenden.

Alle Augen sind auf mich gerichtet, als ich den kleinen Beutel öffne, erst die Münzen herausnehme und dann Connors Anhänger mit dem Rubin in der Mitte, der trotz des düsteren Morgens funkelt und strahlt. Rasch berühre ich ihn noch einmal, fahre mit dem Finger über den Bogen oberhalb des Kreuzes. Das Geld bedeutet mir nichts, aber dass ich einem Fremden den Halsschmuck geben soll, der für den Menschen steht, der mir am allerwichtigsten ist, zerreißt mir das Herz. Connor ist tot, hingerichtet auf dem Tower Hill, und dieser Anhänger ist alles, was mich noch mit ihm verbindet.

Meine Hände zittern, und einen Augenblick lang fürchte ich, Münzen und Anhänger könnten zu Boden fallen, doch schließlich senkt sich beides mit einem leisen Klimpern auf die ausgestreckte Handfläche des maskierten Henkers. Verwundert bemerke ich, dass auch seine Hand zittert, und ich blicke hinauf in die dunklen, braunen Augen, die alles sind, was ich von seinem Gesicht erkennen kann. Er weicht meinem Blick aus, wendet sich ab und sieht hinaus auf den weiten Rasen, während seine Hand sich mit einer endgültigen Geste um seinen Lohn schließt.

Mein Tüchlein und das Gebetbuch übergebe ich meiner Zofe, die immer heftiger weint, sodass ich befürchte, sie wird bald in lautes Schluchzen ausbrechen. Ich drücke ihre schmale, blasse Hand und versuche ihr, obschon mir selbst das Herz bis zum Hals schlägt und ich kaum atmen kann, zu vermitteln, dass noch alles gut werden wird. Der Henker kniet zu meinen Füßen nieder, den Blick immer noch abgewandt, und mit einer Handbewegung erteile ich ihm, wie es üblich ist, Vergebung. Das alles erscheint mir wie ein Theaterstück, in dem jedem eine bestimmte Rolle zugedacht ist, die es gewissenhaft zu erfüllen gilt.

Nach dem Ritual der Vergebung erhebt er sich und zeigt auf den kleinen, eckigen Block am vorderen Ende der Plattform. Ich lasse meinen Blick über die Menge gleiten und frage mich, welcher der Männer, die dort in Habachtstellung stehen, es sein wird, der dem Ganzen hier ein Ende bereitet. Das Schuldgeständnis, das man von mir erwartet, verweigere ich, stattdessen trete ich aufrecht vor die Versammelten und sage: »Ich habe in meinem ganzen Leben nie auch nur einen verräterischen Gedanken gegenüber Seiner Majestät gehegt.«

Der maskierte Scharfrichter reicht mir ein weißes Tuch, mit dem ich meine Augen verbinden soll, aber ich schiebe es fort. »Ich fürchte die Axt nicht«, sage ich laut genug, dass diejenigen, die nahe am Schafott stehen, es hören können. Fest blicke ich in seine Augen und spüre sein unsicheres Zögern, als er sanft seine Hand auf meinen Ellbogen legt, mich an den Block führt und mir hilft, niederzuknien. Nur widerstrebend nimmt er sie schließlich wieder fort.

So, wie es meine Rolle will, lege ich den Kopf auf den Holzblock. Ich schiebe mein geflochtenes Haar beiseite und spüre den kalten Wind im Nacken. Mein Atem geht schnell und stoßweise, als wäre mein Brustkorb zugeschnürt, sodass nicht genügend Luft in meine Lungen gelangen kann.

Das Zeichen muss bereits gegeben worden sein, denn plötzlich höre ich aus der Menge jemanden rufen: »Was fürchtest du, Henker? Führe den Hieb, walte deines Amtes!« Ich glaube fest daran, dass man mich verschont, der Henker wird seine Axt nicht gegen einen unschuldigen Hals erheben! Ich drehe meinen Kopf ein winziges Stück zur Seite: Ich sehe seine Stiefel, die einen Schritt zurückgehen, und die gebogene Klinge der Axt, die aus dem Stroh gehoben wird. »Ich kann Euch nicht retten, Mylady«, höre ich ihn heiser flüstern. Ich schaue nach oben, sehe verschwommen eine rasche Bewegung, dann das metallische Blitzen der Klinge, die auf mich herabsaust –

»Verdammt, Cole, was ist denn los?« Kat steht über mich gebeugt, genau zwischen mir und der Sonne, die jetzt wieder hell und warm scheint. »Du wolltest doch nur ein Foto machen und plötzlich kippst du einfach um.«

Ich schüttele den Kopf, um ihn wieder klar zu bekommen, meine Brust verkrampft sich in Panik. Bisher waren meinen Visionen kurz wie ein flüchtiger Blick in eine andere Zeit, aber das hier war etwas anderes. Ich spüre immer noch genau, was in der jungen Frau auf dem Schafott vor sich ging. Ihre Gedanken. Ihren rasenden Herzschlag. Das Gefühl, betrogen worden zu sein. Es war so echt.

»Steh nicht zu schnell auf«, sagt der Typ, den ich umgerannt habe. Er will seine Hand um meine Taille legen, um mir auf die Beine zu helfen, aber kaum hat er mich berührt, zieht er sie hastig, beinahe erschrocken zurück. »Was tust du hier?«, flüstert er erstaunt, als würde er mich kennen.

»Wovon redest du?«, frage ich. »Wir sehen uns den Tower an.« Was sollte ich wohl sonst hier machen? Ich schaue ihn mir genauer an. Seine Augen haben ein ganz außergewöhnliches, helles Braun mit einem goldenen Schimmer darin und durch seine eher dunkle Hautfarbe kommen sie besonders gut zur Geltung – ganz bestimmt würde ich mich an ihn erinnern.

Irgendetwas hat ihn ziemlich aus der Fassung gebracht. »Oh ja, natürlich. Entschuldige, ich habe dich mit jemandem verwechselt.« Er streckt mir seine Hand entgegen. »Komm, ich helfe dir.«

»Ist schon in Ordnung«, sage ich und rappele mich unbeholfen allein wieder auf. Ich schaue mich um, will sehen, ob sonst noch irgendjemand etwas mitbekommen hat, aber außer ihm und seinem Freund scheint niemand in der Nähe zu sein. Ich spüre, wie mir die Röte ins Gesicht steigt. »Danke, aber mir geht’s gut.«

»Griffon laufen zwar ständig hübsche Mädchen über den Weg«, sagt der Freund mit einem schottischen Akzent, der Kats Augen leuchten lässt, »aber für gewöhnlich rennt er sie nicht gleich um.«

»Owen. Lass das«, sagt Griffon ärgerlich.

Kat wendet sich Owen zu. Griffon ist offensichtlich Amerikaner und damit für sie uninteressant, Owens Akzent dagegen ist so ausgeprägt, dass man kaum ein Wort versteht von dem, was er sagt. »War allein ihre Schuld«, meint sie, »hat mal wieder nicht aufgepasst.«

Griffon scheint verlegen. Er sagt nichts, sondern blickt zur Seite, so als wäre ihm das Ganze unangenehm. Seine Gesten sind fahrig, er wirkt irgendwie nervös. »Ich weiß nicht«, sagt er unsicher, »vielleicht sollten wir dich doch zum Arzt bringen.«

Ich klopfe mir den Dreck von der Jeans und versuche, Ruhe in meine Gedanken zu bringen. »Nein, alles in Ordnung, wirklich. Wahrscheinlich der Jetlag. Und zu wenig getrunken. Kein Grund zur Sorge.«

»Werden Sie von diesen jungen Männern belästigt, Ladies?« Der Guide ist plötzlich hinter Kat aufgetaucht. »Ich beobachte die beiden schon den ganzen Tag und sie scheinen mir nichts Gutes im Sinn zu haben. Wenn Sie möchten, lasse ich sie des Geländes verweisen.« Dabei lächelt er, doch ich kann nicht sagen, ob er einen Scherz macht oder nicht.

»Nein, nein«, sagt Kat rasch. Sie will, dass Owen bleibt. »Meine Schwester ist ein bisschen ohnmächtig geworden und sie haben nur geholfen.«

»Oh, das tut mir leid, Miss«, sagt der Wächter und blickt besorgt drein. »Geht es Ihnen wieder besser?«

»Ja, mir geht es gut, wirklich«, sage ich, während die Bilder der Vision noch in meinem Kopf herumschwirren. Ich muss hier weg, um wieder klar denken zu können. Genug hautnahes Geschichtserleben, ich will nur noch zurück zum Hotel. »Komm Kat, lass uns gehen.«

»Wenn Sie schon keinen Arzt aufsuchen möchten, dann erlauben Sie dem jungen Mann wenigstens, Sie auf eine Tasse Tee ins Café einzuladen«, sagt der Wächter und holt ein paar Geldscheine hervor. »Das geht auf mich.«

Bestimmt ist mein Gesicht inzwischen so rot wie eine Tomate. Das alles hier gerät immer mehr außer Kontrolle. »Das kann ich nicht annehmen«, sage ich. Ich mache ein paar wackelige Schritte auf den Rasen zu und fühle mich schon etwas besser. Dann lasse ich mich auf eine Bank fallen. »Ich muss mich nur ein bisschen ausruhen.«

»Als königlicher Torwächter des Tower of London bestehe ich darauf, dass Sie einen Tee zu sich nehmen«, sagt der Guide und reicht Griffon die Geldscheine, »und als Vater dieses jungen Mannes bestehe ich darauf, dass er Sie begleitet.« Nur aus dem Augenwinkel sehe ich, dass die beiden einen Blick wechseln. Griffon schüttelt fast unmerklich den Kopf, so als beantworte er eine unausgesprochene Frage.

»Ich übergebe Sie der Obhut dieser tüchtigen jungen Herren, und sollten Sie noch weitere Hilfe benötigen, zögern Sie nicht, darum zu bitten.« Er tippt kurz mit den Fingern an seinen Hut und entfernt sich mit großen Schritten in Richtung der wartenden Touristengruppe.

Kat blickt ihm hinterher. »Wow, ist der Typ wirklich dein Vater?«

Griffon nickt vorsichtig. »Ja, äh … Wir sehen uns wohl nicht besonders ähnlich.«

Ich betrachte sein lockiges Haar und die dunkle Haut und denke, das ist die Untertreibung des Jahrhunderts.

»Vorhin hat er erzählt, dass alle Wächter im Tower wohnen«, sagt Kat, deren Interesse jetzt doch geweckt scheint. »Wohnst du auch hier? Gleich neben den Kronjuwelen?«

»Manchmal. Während der Schulzeit bin ich bei meiner Mom in den Staaten, aber in den Ferien komme ich hierher.«

Kat lässt ihren Blick über das Gelände des Towers schweifen. »In welchem Gebäude wohnst du? Und spukt es da? Oh Mann, wie krass, ich würde ausflippen. An die Nächte darf ich gar nicht erst denken.«

Griffon lächelt kurz und tiefe Grübchen erscheinen neben seinem Mund. »Im runden Turm gleich beim Haupteingang. Dad lebt dort, und wenn ich hier bin, wohne ich bei ihm.«

»Aber ist das nicht gruselig?«, fragt Kat.

»Nichts für Leute mit schwachen Nerven«, bestätigt Owen und grinst sie an. »Die Tür zum Schlafzimmer stammt noch aus dem sechzehnten Jahrhundert. Früher wurden dahinter die Gefangenen eingesperrt und in der Nacht hört man sie immer noch verzweifelt gegen die dicken Bohlen hämmern.«

»Hör auf damit«, sagt Griffon, und dann zu Kat: »Niemand hämmert gegen die Tür und es rollen auch keine blutüberströmten Köpfe herum. Es zieht ein bisschen durch die undichten Fenster, vor allem in kalten Nächten, das ist alles. Wirklich nichts Besonderes.«

Schaudernd blickt Kat hinüber auf das Gebäude. Ganz offensichtlich gefällt ihr Owens Version besser als Griffons.

»Also, gehen wir jetzt einen Tee trinken? Sonst krieg ich noch Ärger mit Dad, weil ich mich nicht gut um euch gekümmert habe.«

»Ich glaube nicht, dass ein Tee helfen würde …«, setze ich an.

»Natürlich nicht«, sagt Griffon, »aber die Engländer glauben, dass Tee immer hilft, also tun wir ihm den Gefallen.«

Für mich klingt es, als wollte er nur seine Pflicht erfüllen, und das würde ich ihm lieber ersparen. Ich meine, bestimmt laufen ihm tagtäglich irgendwelche sonderbaren Touristen über den Weg, und auch wenn er sie vermutlich nicht alle gleich umrennt, hat er wahrscheinlich Besseres zu tun, als meinen Betreuer zu spielen. »Eigentlich wollte Kat die Kronjuwelen sehen«, sage ich deshalb und blicke hinüber auf das Gebäude. Noch schnell zu den königlichen Klunkern, dann kann ich zurück ins Hotel, mich im Badezimmer einschließen und endlich durchdrehen. Bis dahin muss ich mich noch irgendwie zusammenreißen. »Also bringen wir das am besten gleich hinter uns.«

»In einer drängelnden Schlange zu stehen, ist sicher das Letzte, was du jetzt gebrauchen kannst«, sagt Griffon und sieht hinüber zu der immer länger werdenden Reihe der Wartenden. »Und weniger werden es heute bestimmt nicht mehr.«

Owen sieht mich an. »Also, wenn dir nichts daran liegt …«, sagt er zu mir, »und wenn du Lust hättest …«, sagt er zu Kat, »könntest du meine berühmte Juwelen-Tour bekommen, während Griffon deine Schwester ins Café am White Tower begleitet. Und hinterher treffen wir uns dann dort.«

Kat kippelt auf ihren High Heels herum, die in dieser Umgebung völlig unpassend wirken und außerdem bestimmt schrecklich unbequem sind. »Wär das okay für dich?«, fragt sie mit einem bedeutsamen Seitenblick auf Owen.

Ich zögere. Sie würde mir niemals verzeihen, wenn ich ihr diese Gelegenheit vermassele. »Wenn’s für dich okay ist …«

»Super. Dann sehen wir uns später im Café.« Und schon stakst sie mit schwingenden Hüften über das Kopfsteinpflaster davon, so dicht neben Owen, dass sie ihn fast umkickt. Er hakt sich bei ihr ein, damit sie nicht hinfällt, und die beiden gehen Arm in Arm davon. Plötzlich verstehe ich, warum Kat immer und überall diese unpraktischen Schuhe trägt.

»Geht’s dir wirklich gut?«, fragt Griffon, sobald wir allein sind.

»Ja, alles in Ordnung.«

»Okay, dann höre ich jetzt auf mit der Fragerei. Das Armouries Café ist gleich dort drüben.«

Schweigend gehen wir nebeneinanderher. Ich sehe, dass ihm mehrere Wächter zugrinsen, als wir an ihnen vorbeigehen. Obwohl ich mir das Hirn zermartere, fällt mir absolut nichts ein, worüber ich mit Griffon reden könnte.

»Zwei Wahrheiten und eine Lüge«, sagt er plötzlich und sieht mich an.

»Zwei was?« Ich habe keine Ahnung, wovon er spricht.

»Wahrheiten. Und eine Lüge. Erzähl mir zwei Sachen, die wahr sind, und eine, die gelogen ist. Und ich muss erraten, was was ist.«

»So wie bei Wahrheit oder Pflicht?«

»Genau. Aber statt der Pflicht will ich eine Lüge hören. Denk dir was Gutes aus, es muss plausibel sein.«

Ich überlege angestrengt, aber mein Kopf ist wie leer gefegt. Mir fällt rein gar nichts ein, was ich über mich erzählen könnte, weder wahr noch gelogen. »Du zuerst«, sage ich deshalb, um ein bisschen Zeit zu gewinnen und mir etwas auszudenken, das interessant und vielleicht auch ein wenig geheimnisvoll klingt.

»Okay«, sagt er. »Hm, mal sehen … Ich habe mit Oprah Winfrey zu Abend gegessen.«

Forschend blicke ich in sein Gesicht, kann aber eigenartigerweise nichts darin erkennen. Ich habe ihm natürlich verschwiegen, dass ich eigentlich immer weiß, ob jemand lügt oder nicht.

Irgendetwas im Blick oder in der Gestik verrät jeden.

»Erdnussbutter esse ich am allerliebsten«, fährt er fort, und da weiß ich Bescheid. Ein kleines Zucken um seine Mundwinkel sagt mir, dass das eine Lüge ist. »Und ich habe ein Tattoo.«

»Dann schätze ich mal, dass du kein Sandwich mit Erdnussbutter und Gelee bestellen wirst.«

Er schaut mich an und sein Mund verzieht sich zu einem breiten Grinsen. »Richtig! Ich hasse Erdnussbutter. Wie hast du das erraten?«

Ich zucke mit den Achseln. »Ach, reines Glück.«

»Wenn du meinst«, sagt er skeptisch.

»Du hast tatsächlich mit Oprah Winfrey zu Abend gegessen?«

»Ja, habe ich. Willst du mein Tattoo sehen?«

Wenn er das so freimütig anbietet, wird es sich ja wohl an einer öffentlich zugänglichen Stelle seines Körpers befinden.

»Klar.«

Griffon hält mir seine rechte Hand entgegen und zeigt auf eine Stelle zwischen Daumen und Zeigefinger. »Da ist es.«

Ich sehe gar nichts. »Wo denn?«

Er nimmt den Finger weg. »Siehst du das hier?«

Ich gehe etwas näher heran und entdecke einen kleinen schwarzen Punkt, etwas dunkler als seine Haut. »Sieht aus wie ein Leberfleck.«

»Ist aber keiner. Der Bruder eines Freundes hatte ein Set und fragte uns beide, ob wir ein Tattoo wollten. Länger als bis zu dem kleinen Punkt da habe ich aber nicht durchgehalten.« Er sieht mich an und lächelt. »Jetzt bist du dran.«

Ich erwidere sein Lächeln. Normalerweise hasse ich solche Spiele, aber irgendwie tut es mir in diesem Moment gut. Ich durchforste meine Erinnerung nach den verrücktesten Sachen, die mir jemals passiert sind. »Okay. Ich bin der Königin begegnet. Ich wurde bei der Geburt vertauscht. Ich kann nicht Fahrrad fahren.«

Griffon legt den Kopf in den Nacken, schaut in den Himmel und scheint angestrengt zu überlegen.

»Unmöglich, dass du der Königin begegnet bist, das muss die Lüge sein.«

»Nein, das stimmt. Letztes Jahr habe ich in der Philharmonie die griechische Königin getroffen.«

»Ich dachte, du meintest die Königin.«

»Sie ist die Königin. Die Königin von Griechenland. Zwar inzwischen ohne Thron, aber immer noch eine Königin. Du darfst noch zwei Mal raten.«

»Dann muss es das mit dem Fahrrad sein – jeder kann Fahrrad fahren.«

»Klar kann ich Fahrrad fahren. Das war also die Lüge …« Ich schaue ihn an und zögere.

»Du bist nicht besonders gut darin, oder?«

Er lächelt, und ich sehe, dass er nicht sauer ist. »Du willst also sagen, dass du tatsächlich bei der Geburt vertauscht wurdest?«

»Meine Mom sagt, es war nur für eine Stunde, dann haben die im Krankenhaus es gemerkt. Aber manchmal bin ich mir da nicht so sicher, ich meine, Kat und ich … Wir sehen uns nicht besonders ähnlich.« Was völlig untertrieben ist. Kat ist der Inbegriff des hinreißenden blonden California Girls. Und ich … nicht.

Griffon nickt und zeigt seine Grübchen. »Pech für sie.«

Er schaut mir direkt ins Gesicht, und mir wird schon wieder ganz flau, aber dieses Mal fühlt es sich anders an. Ich schaue auf den Boden und kaue auf meiner Unterlippe herum, während wir weitergehen. Vielleicht steht er ja auf kleine, braunhaarige Mädchen in Jeans und abgewetzten Turnschuhen?

»Ich verneige mich vor der Siegerin«, sagt er, als er die Tür zum Café für mich aufhält. »Die Runde geht klar an dich. Ich hatte absolut keine Chance.«

»Reines Anfängerglück.«

Griffon führt mich an einen leeren Tisch am Fenster. »Ich gehe uns Tee holen. Mach’s dir bequem, schau dir die Touristen an, ich bin gleich wieder da.«

Viele Familien mit Kindern sind im Café, der Krach, den sie machen, hallt von den Wänden des großen Backsteinbaus wider. Ich kann nicht anders, ich muss Griffon hinterherschauen, als er zum Tresen geht. Sein Vater sieht aus, wie man sich einen Torwächter im Tower von London vorstellt – kurzes, borstiges Haar, blasse Haut und rote Wangen. Griffon ist das genaue Gegenteil. Seine Haut ist hellbraun, er hat breite Schultern, aber schlanke Hüften, und seine dunkelblonden Locken sind durchzogen von hellen Strähnen, die von der Sonne gebleicht sind, nicht mit Chemie. Um den Hals trägt er ein breites, schwarzes Band, aber es verschwindet in seinem Hemd, darum kann ich nicht sehen, ob ein Anhänger daran ist.

Griffon sieht unverschämt gut aus, aber das ist nicht alles. Auch wenn ich mich über Liebesromane und Schnulzen immer lustig mache, verspüre ich tief in mir so eine Art Verbundenheit, und das macht mir Angst. Während er auf das Tablett wartet, lehnt er sich plötzlich seitwärts an den Tresen. Hastig senke ich den Blick, aber nicht schnell genug. Als er mit dem Tee zurückkommt, starre ich immer noch auf die hölzerne Tischplatte.

»Ich weiß nicht, wie du ihn trinkst, darum habe ich Milch, Zucker, Zitrone und Honig mitgebracht«, sagt er und stellt das Tablett auf den Tisch.

Ich schaue auf die verschiedenen Döschen und Päckchen. »Mit allem ist wahrscheinlich die falsche Antwort?«, sage ich und hoffe, dass ich nicht allzu verunsichert klinge.

Griffon grinst mich an und mein Herz rast. »Du kannst natürlich alles reintun, was du willst. Aber die meisten nehmen entweder Milch und Zucker oder Zitrone und Honig.«

»Dann Milch und Zucker, bitte.«

»Und das hier ist eine echte Spezialität, Streichrahm«, sagt er und stellt ein Glas mit einer klumpigen weißen Masse vor mich. »Sehr empfehlenswert, besonders mit Gelee auf den Scones hier. Besser als jede Schlagsahne bei uns zu Hause.«

Vorsichtig tauche ich das Messer in die klumpige Pampe. »Vielleicht lieber doch nur Gelee«, sage ich und nehme mir ein Stück von dem runden Teegebäck.

»Nichts da«, sagt er, schnappt sich meinen Scone, streicht Rahm und Gelee darauf und legt es wieder auf meinen Teller. Seine Hände sind kräftig und sanft. Ich muss sie immerzu anstarren. »Du gehörst doch nicht etwa zu denen, die nichts essen, oder?«

»Nein«, sage ich beleidigt. »Ich esse sogar ziemlich viel. Aber gewöhnlich nichts, das so komisch aussieht.« Trotzdem probiere ich, und es schmeckt cremig und lecker, wie Griffon gesagt hat, erinnert an dicke, nicht zu süße Schlagsahne. Eigentlich hatte ich gedacht, ich würde nichts runterkriegen, aber erst nachdem ich die erste Hälfte verschlungen habe, setze ich kurz ab, um nach Luft zu schnappen. Um meine Würde wiederherzustellen, nippe ich ein wenig am Tee und frage mich, ob die Leute hier in England dabei wirklich den kleinen Finger abspreizen, wie in der Fernsehshow, die meine Mom so gerne sieht. Griffon sitzt mit verschränkten Armen da und schaut mir zu, von ihm kann ich mir also nichts abgucken.

Ich nehme noch einen Schluck, stelle die Tasse zurück auf den Tisch, und plötzlich fällt mir auf, dass seit einigen Minuten keiner von uns ein Wort gesprochen hat.

»Tut mir leid wegen Kat und ihrer Fragerei«, sage ich. »Geschichte ist nicht so ihr Ding, aber für Geister hat sie echt was übrig.«

»Geht den meisten so. Die Leute fragen mich ständig solche Sachen.«

»Aber du nicht, oder? Ich meine, du glaubst doch nicht an Geister?«

»Nein. Nicht an Geister. Obwohl es Leute gibt, die behaupten, hier welche zu sehen. Vielleicht wissen die Geister, dass ich nicht an sie glaube und sparen sich den Auftritt.«

»Aber was ist mit all den Menschen, die hier im Tower gewaltsam zu Tode gekommen sind? Glaubst du nicht, dass noch etwas von ihrer Energie an diesem Ort existieren könnte, so wie Seelen, die Vergeltung suchen für das Unrecht, das ihnen angetan wurde?« Ich kann nicht glauben, dass ich das tatsächlich frage, aber irgendeine Erklärung muss es ja dafür geben, was vorhin dort draußen passiert ist. Und Geister sind noch das Rationalste, das mir im Moment einfällt.

»Nein«, sagt Griffon, sieht mich mit einem seltsamen Blick an und zögert einen Augenblick zu lange, »das glaube ich nicht.«

Ich bin ein bisschen enttäuscht über seine endgültige Antwort. Ruhelose Seelen wären eine weit angenehmere Erklärung als der Gedanke, dass ich vielleicht auf dem besten Weg bin, verrückt zu werden. Dabei fühle ich mich gar nicht verrückt. Abgesehen von plötzlichen Lateinkenntnissen und Visionen von Enthauptungen geht es mir eigentlich gut.

»Da fällt mir ein, dass wir uns noch gar nicht richtig vorgestellt haben«, sagt er und beugt sich vor. »Ich bin Griffon.«

»Ich weiß. Owen sagte das.«

Er sieht mich an. »Na und du?«

»Oh ja, ich! Natürlich.« Wie dumm von mir. »Cole. Eigentlich Nicole, aber so nennt mich nur meine Mom, alle anderen sagen Cole.«

»Cole, ein schöner Name«, sagt er. »Du bist nicht von hier, oder?«

»Nein. Mein Dad ist auf Geschäftsreise und hat uns mitgenommen. Wir leben in San Francisco.«

Griffon nickt. Wahrscheinlich begegnet er hier Leuten aus aller Welt.

»Warst du schon mal dort?«

»San Francisco? Ein paarmal. Wo genau wohnt ihr denn?«

»Upper Haight. Gleich am Panhandle vor dem Golden Gate Park.«

»Gibt es dort noch das Ben & Jerry’s?«

»Das ist gleich bei uns um die Ecke«, antworte ich lächelnd.

Griffon sieht mir kurz in die Augen, dann lässt er den Blick über die anderen Besucher des Cafés wandern. »Gefällt’s dir hier?«

Ich suche nach irgendetwas Interessantem, das ich erzählen könnte. Bald wird er denken, ich besäße das Kommunikationsvermögen einer Austauschstudentin im ersten Semester. »Wir hatten eine tolle Zeit.«

»Was habt ihr denn so gemacht?«

Schon öffne ich den Mund, um ihm von der Meisterklasse des London Symphony Orchestra zu erzählen, an der ich teilgenommen habe, davon, dass ich Anfang der Woche bei einem Konzert hinter der Bühne sein durfte, dass ich einige der Cellisten, die ich seit vielen Jahren bewundere, getroffen und sogar mit ihnen gemeinsam gespielt habe. Aber Griffon weiß nicht, dass ich ein Cello-Wunderkind bin. Er kennt mich nur als das etwas unbeholfene Mädchen, das von Geistern redet und in Fremde hineinstolpert, und plötzlich möchte ich, dass das auch so bleibt. »Ach, das Übliche«, antworte ich schließlich, »Buckingham Palace, die Tate Gallery, Museen.«

»Was ist mit dem London Eye?«, fragt er und deutet mit dem Kopf in Richtung des gewaltigen Riesenrads auf der anderen Seite des Flusses.

Nur wenn mir jemand eine Pistole in den Rücken hielte, würde ich mich in eine kleine Glaskiste in über hundert Metern Höhe stecken lassen. Vielleicht nicht einmal dann. »Nö, da sind wir noch nicht gewesen.«

»Normalerweise stehe ich nicht auf den Touristenkram, aber von dort hat man wirklich eine tolle Aussicht.«

»Vielleicht morgen«, antworte ich, aber das ist natürlich glatt gelogen. »Wir haben gar nicht genug Zeit, alles zu machen. Aber bisher war es wirklich toll. Diese Stadt hat mich schon immer fasziniert. England überhaupt.«

»Sag jetzt nicht, du bist mitten in der Nacht aufgestanden, um die Königshochzeit im Fernsehen zu gucken.«