Verlag: Lukeman Literary Management Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Für Jetzt und Für Immer (Die Pension in Sunset Harbor – Buch 1) E-Book

Sophie Love  

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E-Book-Beschreibung Für Jetzt und Für Immer (Die Pension in Sunset Harbor – Buch 1) - Sophie Love

Emily Mitchell, 35, lebt und arbeitet in New York City und kämpfte sich durch einige misslungene Beziehungen. Als sie von ihrem Freund, mit dem sie schon seit sieben Jahren zusammen ist, an ihrem Jahrestag zum Essen ausgeführt wird, ist sich Emily sicher, dass es dieses Mal anders sein wird, dass sie diesmal endlich einen Ring bekommen wird.Als er ihr stattdessen eine kleine Parfümflasche schenkt, weiß Emily, dass es an er Zeit ist, mit ihm Schluss zu machen – und ihr komplettes Leben von vorne zu beginnen.Emily ist mit ihrem unbefriedigenden, anstrengenden Leben unzufrieden und beschließt, dass sie eine Veränderung braucht. Spontan beschließt sie, zu dem verlassenen Haus ihres Vaters, einem ausladenden, historischen Anwesen an der Küste Maines, in dem sie als Kind magische Sommer verbracht hatte, zu fahren. Doch das Haus, das lange Zeit vernachlässigt wurde, muss dringend repariert werden und der Winter ist nicht gerade die beste Jahreszeit in Maine. Emily war seit zwanzig Jahren nicht mehr dort gewesen, seit dem tragischen Unfall, der das Leben ihrer Schwester veränderte und ihre Familie zerstörte. Ihre Eltern schieden sich, ihr Vater verschwand und Emily konnte es nie wieder über sich bringen, einen Fuß in das Haus zu setzen.Doch jetzt fühlt sich Emily durch ihr hektisches und kompliziertes Leben aus irgendeinem Grund zu dem einzigen Ort hingezogen, den sie mit ihrer Kindheit verband. Sie hat vor, nur ein Wochenende dort zu verbringen, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Doch etwas in dem Haus – seine zahlreichen Geheimnisse, die Erinnerungen an ihren Vater, der Ausblick aufs Meer, die Lage in einer Kleinstadt – und vor allem der mysteriöse Grundstückspfleger – lassen sie nicht mehr los. Kann sie an diesem für sie unerwarteten Ort Antworten auf ihre Fragen finden?Kann ein Wochenende zu einem ganzen Leben werden?FÜR JETZT UND FÜR IMMER ist das erste Buch einer hinreißenden Debüt-Romanreihe, die Sie zum Lachen und Weinen bringen und dafür sorgen wird, dass Sie das Buch bis spät in die Nacht nicht aus der Hand legen können – und dass sie sich immer wieder neu in die Romantik verlieben.Buch 2 erscheint bald.

Meinungen über das E-Book Für Jetzt und Für Immer (Die Pension in Sunset Harbor – Buch 1) - Sophie Love

E-Book-Leseprobe Für Jetzt und Für Immer (Die Pension in Sunset Harbor – Buch 1) - Sophie Love

F Ü R  J E T Z T  U N D  F Ü R I M M E R

(DIE PENSION IN SUNSET HARBOR—Buch 1)

S O P H I E  L O V E

Sophie Love

Sophie Love ist seit jeher ein Fan von Liebesromanen, weshalb sie sich sehr freut, ihre erste Reihe an Liebesbüchern: FÜR JETZT UND FÜR IMMER (DIE PENSION IN SUNSET HARBOR – BUCH 1) zu veröffentlichen. Sophie würde gerne von Ihnen hören. Besuchen Sie deshalb bitte ihre Webseite www.sophieloveauthor.com, um ihr eine E-Mail zu schreiben, in den E-Mail-Verteiler aufgenommen zu werden, kostenlose E-Books sowie die neuesten Nachrichten zu erhalten und um mit ihr in Kontakt zu bleiben!

Copyright © 2016  by Sophie Love. Alle Rechte vorbehalten. Außer, wie gemäß dem U.S Copyright Gesetz von 1976 ausdrücklich erlaubt, darf kein Teil dieser Veröffentlichung ohne vorherige Erlaubnis der Autorin vervielfältigt, verbreitet oder in irgendeiner Weise oder in irgendeiner Form übertragen, in einer Datenbank oder in einem Datenabfragesystem gespeichert werden. Dieses E-Book ist nur für den persönlichen Gebrauch zugelassen. Dieses E-Book darf nicht weiterverkauft oder an andere Menschen weitergegeben werden. Wenn Sie sich dieses E-Book mit einer anderen Person teilen möchten, kaufen Sie sich bitte eine zusätzliche Kopie für jeden weiteren Empfänger. Wenn Sie dieses Buch lesen, es jedoch nicht selbst gekauft haben und es auch nicht für ausschließlich Ihren Gebrauch gekauft wurde, dann geben Sie es bitte zurück und erwerben eine eigene Kopie. Vielen Dank für Ihren Respekt für die harte Arbeit dieser Autorin. Bei diesem Buch handelt es sich um Fiktion. Namen, Charaktere, Unternehmen, Organisationen, Orte, Veranstaltungen und Vorkommnisse sind entweder das Produkt der Fantasie des Autors oder sind fiktiv eingesetzt. Jede Ähnlichkeit mit reellen Personen, lebend oder tot, ist reiner Zufall. Buchumschlagabbildung Copyright kak2s, unter Lizenz von Stutterstock.com.

INHALT

KAPITEL EINS

KAPITEL ZWEI

KAPITEL DREI

KAPITEL VIER

KAPITEL FÜNF

KAPITEL SECHS

KAPITEL SIEBEN

KAPITEL ACHT

KAPITEL NEUN

KAPITEL ZEHN

KAPITEL ELF

KAPITEL ZWÖLF

KAPITEL VIERZEHN

KAPITEL FÜNFZEHN

KAPITEL SECHZEHN

KAPITEL SIEBZEHN

KAPITEL ACHTZEHN

KAPITEL EINS

Emily strich mit ihren Händen über das schwarze, seidene Material ihres Kleides, um zum wahrscheinlich hundertsten Mal die Falten glatt zu streichen.

„Du siehst nervös aus“, sagte Ben. „Du hast dein Essen kaum angerührt.“

Ihre Augen huschten zu dem halb gegessenen Hühnchen auf ihrem Teller und wieder zurück zu Ben, der ihr gegenüber an dem wunderschön gedeckten Esstisch saß, sein Gesicht wurde durch das Kerzenlicht erleuchtet. Er hatte sie anlässlich ihres siebten Jahrestages in eines der romantischsten Restaurants in New York ausgeführt.

Natürlich war sie nervös.

Vor allem, seit die kleine Tiffany Box, die sie vor ein paar Wochen versteckt in seiner Sockenschublade gefunden hatte, an diesem Abend nicht mehr dort gelegen hatte. Sie war sich sicher, dass er ihr heute Nacht endlich einen Antrag machen würde.

Der Gedanke ließ ihr Herz vor Aufregung hämmern.

„Ich habe einfach nur keinen Hunger“, antwortete sie.

„Oh“, erwiderte Ben leicht besorgt. „Heißt das, dass du keine Nachspeise willst? Ich hatte mich schon auf die gesalzene Karamellmouse gefreut.“

Sie wollte definitiv keine Nachspeise, aber sie hatte eine leichte Vermutung, dass Ben den Ring vielleicht in der Mouse versteckt haben könnte. Es wäre eine kitschige Art, ihr einen Antrag zu machen, aber sie würde ihn annehmen, egal auf welche Weise. Zu behaupten, dass Ben Bindungsängste hatte, wäre eine Untertreibung. Sie hatten zwei Jahre miteinander ausgehen müssen, bevor er ihr überhaupt gestattet hatte, eine Zahnbürste in seiner Wohnung zu lassen – und vier Jahre, bevor er sie endlich einziehen ließ.

Wenn sie auch nur Kinder erwähnte, wurde er weiß wie ein Blatt Papier.

„Bitte, bestell die Mouse, wenn du sie willst“, sagte sie. „Ich habe ja noch mein Glas Wein.“

Ben zuckte leicht mit den Schultern und rief nach dem Kellner, der sofort seinen leeren Teller und ihr halb gegessenes Hühnchen abräumte.

Ben streckte seine Hände aus und hielt ihre in seinen umschlossen.

„Habe ich dir schon gesagt, dass du heute Abend wunderschön aussiehst?“, fragte er.

„Noch nicht“, antwortete sie mit einem gerissenen Lächeln, das er erwiderte.

„Wenn das so ist, du schaust wunderschön aus.“

Dann griff er in seine Tasche.

Ihr Herz schien still zu stehen. Das war der Moment. Es passierte wirklich. All diese Jahre voller Verzweiflung und Geduld, die einem buddhistischen Mönch gleichkam, zahlten sich endlich aus. Sie stand kurz davor, ihrer Mutter zu beweisen, dass sie Unrecht hatte. Diese schien nicht müde zu werden, Emily zu sagen, dass sie niemals einen Mann wie Ben vor den Traualtar bringen würde. Ganz zu schweigen von ihrer besten Freundin Amy, die in letzter Zeit die Angewohnheit entwickelt hatte, Emily nach einem Glas Wein zu beschwören, keine Zeit mehr mit Ben zu verschwenden, da man mit fünfunddreißig definitiv „noch nicht zu alt war, um die wahre Liebe zu finden“.

Sie schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter, als Ben die Tiffany Schachtel aus seiner Hosentasche hervorholte und sie über den Tisch in ihre Richtung schob.

„Was ist das?“, brachte sie hervor.

„Öffne es“, antwortete er mit einem Grinsen.

Er kniete nicht auf einem Bein, bemerkte Emily, aber das war in Ordnung. Wegen ihr musste es nicht traditionell sein. Sie brauchte einfach einen Ring. Jeder Ring wäre in Ordnung.

Sie nahm die Schachtel in die Hand, öffnete sie – und zog die Augenbrauen zusammen.

„Was…zur Hölle…?“, stammelte sie.

Sie starrte schockiert auf den Inhalt der kleinen Box. Es war eine 30 ml Parfümflasche.

Ben grinste, als ob er von seinem Werk begeistert wäre.

„Ich wusste auch nicht, dass sie Parfüm verkaufen“, entgegnete Ben. „Ich dachte, sie verkauften nur überteuerten Schmuck. Willst du mich ansprühen?“

Emily, die plötzlich ihre Gefühle nicht mehr kontrollieren konnte, brach in Tränen aus. All ihre Hoffnungen fielen um sie herum zusammen. Sie fühlte sich wie eine Idiotin, weil sie sich dem Glauben hingegeben hatte, dass er ihr heute Abend womöglich einen Antrag machen würde.

„Warum weinst du?“, fragte Ben mit zusammengezogenen Augenbrauen. Er schien auf einmal gekränkt zu sein. „Die Leute schauen schon.“

„Ich dachte…“, stammelte Emily, während sie sich mit der Serviette die Augen abtupfte. „Weil wir hier im Restaurant sind und es unser Jahrestag ist…“ Sie brachte die Worte nicht heraus.

„Ja“, erwiderte Ben mit kalter Stimme. „Es ist unser Jahrestag, weshalb ich dir ein Geschenk gekauft habe. Es tut mir leid, wenn es nicht gut genug ist, aber du hast ja immerhin gar keines für mich.“

„Ich dachte, dass du mir einen Antrag machen würdest!“, erklärte Emily schließlich weinend, als sie ihre Serviette auf den Tisch warf.

Die Hintergrundgeräusche in dem Restaurant verstummten, da alle Menschen aufgehört hatten zu essen, sich umdrehten und sie nun anstarrten. Doch es war ihr mittlerweile egal.

Bens Augen weiteten sich aus Angst. Er schaute sogar noch verängstigter aus als damals, als sie die Möglichkeit erwähnt hatte, eine Familie zu gründen.

„Warum willst du heiraten?“, fragte er.

In dem Moment wurde Emily einiges klar. Sie schaute ihn an, als ob sie ihn das erste Mal sähe. Ben würde sich nie verändern. Sie hatte Jahre damit verbracht, auf etwas zu warten, das so offensichtlicherweise niemals eintreten würde, und diese mini Flasche Parfüm war der letzte Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte.

„Es ist vorbei“, sagte Emily. „Ich bin nicht mehr blind. Das hier – du, ich – war nie richtig gewesen.“ Sie stand auf und warf ihre Serviette auf den Stuhl. „Ich ziehe aus“, erklärte sie. „Ich werde heute Nacht bei Amy schlafen und dann morgen meine Sachen holen.“

„Emily“, widersprach Ben und griff nach ihrer Hand. „Können wir bitte darüber reden?“

„Warum?“, schoss sie zurück. „Damit du mich dazu überreden kannst, weitere sieben Jahre zu warten, bevor wir uns ein eigenes Haus kaufen? Ein weiteres Jahrzehnt bevor wir ein gemeinsames Bankkonto führen? Siebzehn Jahre, bevor du überhaupt darüber nachdenkst, dass wir uns gemeinsam eine Katze anschaffen könnten?“

„Bitte“, flüsterte Ben, während er den Kellner anschaute, der ihre Nachspeise brachte. „Du machst eine Szene.“

Emily wusste das, doch es war ihr egal. Sie würde ihre Meinung nicht ändern.

„Es gibt nichts mehr, über das wir reden könnten“, entgegnete sie. „Es ist vorbei. Genieß deine Mousse aus gesalzenem Karamell!“

KAPITEL ZWEI

Emily starrte auf ihre Tastatur und befahl ihren Fingern, sich zu bewegen, etwas zu tun, irgendetwas. Eine weitere E-Mail erschien in ihrem Posteingang und sie schaute sie mit ausdruckslosem Gesichtsausdruck an. Das Geräusch der Bürogespräche um sie herum bemerkte sie kaum. Sie konnte sich nicht konzentrieren. Ihr kam es so vor, als würde sie alles durch einen Schleier wahrnehmen. Die Tatsache, dass sie auf Amys klumpiger Couch kaum geschlafen hatte, trug auch ihren Teil dazu bei.

Sie war schon seit einer Stunde auf der Arbeit, doch sie hatte noch nichts geschafft, außer ihren Computer einzuschalten und eine Tasse Kaffee zu trinken. In ihrem Gehirn schwirrten Erinnerungen an die vergangene Nacht herum. Jedes Mal, wenn sie an den schrecklichen Abend dachte, verfiel sie in leichte Panik.

Ihr Handy begann zu blinken und sie schaute auf das Display, nur um festzustellen, dass Bens Name zum hundertsten Mal aufleuchtete. Sie hatte nicht einen einzigen seiner Anrufe beantwortet. Was gäbe denn schon noch zu reden? Er hatte sieben Jahre lang Zeit gehabt, für sich zu entscheiden, ob er mit ihr zusammen sein wollte oder nicht – ein Rettungsversuch in letzter Minute würde jetzt gar nichts bringen.

Das Telefon in ihrem Büro klingelte, wodurch sie sich ziemlich erschreckte, bevor sie nach dem Hörer griff.

„Hallo?“

„Hi Emily, ich bin’s, Stacey aus der fünfzehnten Etage. Mir ist gesagt worden, dass du heute Morgen an dem Meeting hättest teilnehmen sollen, und wollte nachfragen, warum du nicht dort warst.“

„Verdammt!“, rief Emily, während sie den Hörer auf die Station schmiss. Sie hatte das Meeting komplett vergessen.

Sie sprang von ihrem Schreibtisch auf und rannte durch das Büro zum Aufzug. Ihr hektisches Auftreten schien ihre Kollegen zu amüsieren, die wie Kinder anfingen, miteinander zu tuscheln. Als sie den Aufzug erreichte, schlug sie mit der Hand auf den Knopf.

„Komm schon, komm schon, komm schon.!“

Es dauerte eine Ewigkeit, doch schließlich kam der Aufzug an. Als die Türen aufgingen, stürmte Emily hinein, nur um direkt in jemanden hineinzulaufen, der gerade hinaustreten wollte. Sie stolperte atemlos zurück und erkannte, dass sie in ihre Chefin Izelda hineingelaufen war.

„Es tut mir schrecklich leid“, stammelte Emily.

Izelda musterte sie von oben bis unten. „Was genau? Dass Sie in mich hineingelaufen sind oder dass Sie das Meeting verpasst haben?“

„Beides“, antwortete Emily. „Ich war gerade auf meinem Weg dorthin. Ich hatte es total vergessen.“

Sie konnte die Augen all ihrer Kollegen in ihrem Rücken spüren. Das letzte, was sie jetzt brauchte, war eine Portion öffentliche Erniedrigung, doch genau das genoss Izelda sehr.

„Haben Sie einen Kalender?“, fragte Izelda kühl, während sie ihre Arme vor der Brust verschränkte.

„Ja.“

„Und wissen Sie auch, wie er funktioniert? Wie man schreibt?“

Hinter sich konnte Emily hören, wie mehrere ihrer Kollegen ihr Lachen unterdrückten. Ihr erster Instinkt war es, wie eine Blume den Kopf hängen zu lassen. Vor anderen Menschen heruntergeputzt zu werden war einer ihrer schlimmsten Albträume. Aber genau wie gestern Abend im Restaurant erlebte sie auch jetzt einen Moment der Klarheit. Izelda war keine Autoritätsperson, zu der sie aufschauen und deren Launen sie sich beugen musste. Sie war einfach nur eine bittere Frau, die ihre Wut an jedem ausließ, den sie traf. Und diese flüsternden Kollegen hinter ihr bedeuteten gar nicht.

Eine plötzliche Welle der Erkenntnis überrollte Emily. Ben war nicht das einzige, was sie an ihrem Leben nicht mochte. Sie hasste auch ihren Job. Diese Menschen, dieses Büro, Izelda. Sie steckte schon seit Jahren hier fest, genauso wie sie jahrelang mit Ben festgesteckt hatte. Und sie würde es nicht länger einfach so hinnehmen.

„Izelda“, sagte Emily. Zum ersten Mal sprach sie ihre Chefin mit ihrem Vornamen an. „Ich werde jetzt ganz ehrlich mit dir sein. Ich habe das Meeting vergessen, es ist mir einfach entfallen. Es ist nicht die größte Katastrophe der Welt.“

Izelda starrte sie mit bösem Blick an.

„Wie kannst du es wagen!“, bellte sie. „Du wirst den ganzen Monat bis Mitternacht arbeiten, bis du den Wert der Pünktlichkeit erkennst!“

Mit diesen Worten stürmte Izelda an ihr vorbei. Im Davongehen stieß sie an Emilys Schulter, ihrer Ansicht nach war das Thema anscheinend erledigt.

Doch in Emilys Augen war es das ganz und gar nicht, weshalb sie ihren Arm ausstreckte und nach Izeldas Schulter griff, wodurch sie sie zum Stehen brachte.

Izelda drehte sich mit bösem Blick um und schlug Emilys Hand weg, als ob sie von einer Schlange gebissen worden wäre.

Doch Emily gab nicht nach.

„Ich war noch nicht fertig“, fuhr Emily mit ruhiger Stimme fort. „Das schlimmste auf der Welt ist dieser Ort. Es bist du. Es ist dieser dumme, unbedeutende, seelen-zerstörende Job.“

„Wie bitte?“, schrie Izelda, ihr Gesicht war vor Wut schon ganz rot.

„Du hast mich schon verstanden“, entgegnete Emily. „Ich bin mir sogar sicher, dass mich jeder gehört hat.“

Emily warf über ihre Schulter einen Blick auf ihre Kollegen, die sprachlos zurück starrten. Niemand hatte von der ruhigen, fügsamen Emily erwartet, so auszurasten. Sie erinnerte sich an Bens Warnung am vergangenen Abend, dass sie „eine Szene mache“. Und nun stand sie hier und veranstaltete eine weitere. Nur würde sie es diesmal genießen.

„Du kannst deinen Job nehmen, Izelda,“ fügte Emily hinzu, „und ihn dir in den Arsch schieben.“

Sie konnte das Keuchen hinter sich praktisch hören.

Sie schob sich an Izelda vorbei in den Aufzug, wo sie sich auf dem Absatz umdrehte. Dann drückte sie den Knopf für das Erdgeschoss zum, wie sie erleichtert erkannte, letzten Mal in ihrem Leben. Sie sah, wie ihre geschockten Kollegen sie anstarrten, bevor die Türen sich schlossen und ihnen die Sicht nahm. Sie stieß einen tiefen Seufzer aus, denn jetzt fühlte sie sich freier und leichter als jemals zuvor.

*

Emily rannte die Stufen zu ihrer Wohnung hinauf, doch eigentlich war es ja gar nicht ihre Wohnung – das war sie nie gewesen. Sie hatte immer das Gefühl gehabt, dass sie in Bens Welt eindringen würde, dass sie sich selbst so klein und unauffällig wie möglich machen sollte. An der Tür kämpfte sie mit den Schlüsseln und war froh, dass er auf der Arbeit war, und sie sich nicht mit ihm auseinandersetzen musste.

Sie trat ein und betrachtete alles mit neuen Augen. Nichts hier drinnen entsprach ihrem Geschmack. Alles schien eine neue Bedeutung zu bekommen; die fürchterliche Couch, wegen der sie sich mit Ben gestritten hatte, da sie eine neue kaufen wollte (diesen Streit hatte er gewonnen); der dämliche Couchtisch, den sie hinauswerfen wollte, weil ein Bein kürzer war als das andere, weshalb er immer wackelte (aber Ben hing aus „sentimentalen Gründen“ daran, also blieb er); der übergroße Fernseher, der zu viel gekostet hatte und zu viel Platz einnahm (aber Ben hatte darauf bestanden, dass er ihn bräuchte, um Sportsendungen zu sehen, denn diese wären das „einzige“, was ihn bei Verstand hielt). Sie schnappte sich ein paar Bücher aus dem Regal, wobei ihr auffiel, dass ihre Liebesromane auf das unterste Brett verbannt worden waren (Ben machte sich immer Sorgen, dass seine Freunde ihn für weniger intelligent halten würden, wenn sie die Liebesbücher im Regal sähen – er zog akademische Texte und Philosophen vor, auch wenn es so schien, als ob er nie auch nur eines von ihnen gelesen hätte).

Sie warf einen Blick auf die Fotos auf dem Kaminsims, um zu sehen, ob es etwas gab, das es Wert wäre, es mitzunehmen, doch ihr fiel auf, dass jedes Bild, in dem sie zu sehen war, mit Bens Familie geschossen wurde. Bei dem Geburtstag seiner Nichte, bei der Hochzeit seiner Schwester. Es gab kein einziges Bild von ihr mit ihrer Mutter, dem einzigen weiteren Menschen in ihrer Familie, und schon gar keines von Ben, während er Zeit mit den beiden verbrachte. Plötzlich erkannte Emily, dass sie in ihrem eigenen Leben fremd gewesen war. Sie war jahrelang dem Weg eines anderen Menschen gefolgt, anstatt sich ihren eigenen zu suchen.

Sie stürmte durch die Wohnung ins Badezimmer. Hier standen die einzigen Sachen, die ihr etwas bedeuteten – ihre schönen Bade- und Pflegeprodukte sowie ihr Makeup. Aber sogar das war für Ben ein Problem gewesen. Er hatte sich andauernd darüber beschwert, wie viele Produkte sie hatte, und was für eine Geldverschwendung sie doch wären.

„Es ist mein Geld, also kann ich es ausgeben, für was auch immer ich will!“, schrie Emily ihr Spiegelbild an, während sie all ihre Sachen in eine Reisetasche packte.

Sie wusste, dass sie wie eine Verrückte aussehen musste, wie sie so durch das Badezimmer stürmte und halbleere Shampoo-Flaschen in ihre Tasche warf, doch es war ihr egal. Ihr Leben mit Ben war nicht als eine Lüge, die sie so schnell wie möglich beenden wollte.

Als nächstes rannte sie ins Schlafzimmer, wo sie einen Koffer unter dem Bett hervorzog. Schnell füllte sie ihn mit all ihren Kleidern und Schuhen. Sobald sie ihre Sachen eingesammelt hatte, zog sie alles hinaus auf die Straße. Dann ging sie, als endgültige symbolische Geste, zurück in die Wohnung und legte ihren Schlüssel auf Bens „sentimental wertvollen“ Couchtisch, dann ging sie hinaus, mit dem Vorsatz, nie wieder zurückzukommen.

Erst, als sie auf dem Bordstein stand, wurde Emily allmählich bewusst, was sie getan hatte. In nur wenigen Stunden hatte sie es geschafft, ohne Job und ohne Wohnung dazustehen. Plötzlich wieder in Single zu sein war eine Sache, doch ihr gesamtes Leben wegzuschmeißen war etwas ganz Anderes.

Kleine Panikwellen begannen, durch ihren Körper zu schießen. Ihre Hände zitterten, während sie ihr Handy herauszog und Amys Nummer wählte.

„Hey, was ist los?“, meldete sich Amy.

„Ich habe etwas Verrücktes getan“, antwortete Emily.

„Erzähl weiter…“, drängte sie Amy.

„Ich habe meinen Job gekündigt.“

Sie hörte Amy am anderen Ende der Leitung tief ausatmen.

„Oh, Gott sei Dank“, erklang schließlich die Stimme ihrer Freundin. „Ich dachte schon, du würdest mir sagen, dass du wieder zu Ben zurückgegangen wärst.“

„Nein, nein, sogar das Gegenteil. Ich habe meine Tasche gepackt und bin gegangen. Jetzt stehe ich auf der Straße wie eine Stadtstreicherin.“

Amy begann zu lachen. „Das stelle ich mir gerade bildlich vor.“

„Das ist nicht lustig!“, erwiderte Emily, panischer denn je zuvor. „Was soll ich denn jetzt tun? Ich habe meinen Job gekündigt. Ohne Job werde ich keine neue Wohnung finden!“

„Du musst aber zugeben, dass es zumindest ein bisschen lustig ist“, entgegnete Amy kichernd. „Bring einfach alles rüber“, fügte sie lässig hinzu. „Du kannst bei mir bleiben, bis du dir etwas überlegt hast.“

Aber Emily wollte das nicht. Sie hatte praktisch Jahre ihres Lebens damit verbracht, in der Wohnung eines anderen Menschen zu leben und sich in ihrem eigenen Zuhause wie eine Hausiererin zu fühlen. Es kam ihr so vor, als ob Ben ihr einen Gefallen damit getan hätte, sie bei sich wohnen zu lassen. Das wollte sie nicht mehr. Sie musste ihr eigenes Leben führen, auf ihren eigenen zwei Beinen stehen.

„Ich schätze dein Angebot“, sagte Emily, „aber ich muss erst einmal meinen eigenen Weg gehen.“

„Das verstehe ich“, erwiderte Amy. „Was hast du jetzt vor? Wirst du die Stadt für eine Weile verlassen? Deinen Kopf frei bekommen?“

Diese Worte brachten Emily zum Nachdenken. Ihr Vater besaß ein Haus in Maine. Als Kind hatten sie dort ihre Sommer verbracht, doch es stand seit seinem Verschwinden vor zwanzig Jahren leer. Es war alt, voller Charakter, und war einmal aus historischer Sicht prächtig gewesen. Es machte mehr den Anschein eines ausgedehnten Bed & Breakfast, weshalb ihr Vater nicht gewusst hatte, was er aus dem Haus machen sollte.

Damals war es kaum präsentabel gewesen und Emily wusste, dass es jetzt, nach zwanzig Jahren Vernachlässigung, auf keinen Fall in einem guten Zustand sein konnte; es würde sich auch nicht gleich anfühlen, allein in dem Haus zu sein – vor allem jetzt, da sie kein Kind mehr war. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass gerade kein Sommer war. Es war Februar!

Und doch erschien ihr die Idee, ein paar Tage in einem Schaukelstuhl auf der Veranda eines Ortes, der ihr gehörte (zumindest so einigermaßen), zu verbringen und das Meer zu betrachten, fürchterlich romantisch. Für das Wochenende aus New York rauszukommen, wäre eine gute Möglichkeit, ihren Kopf freizubekommen und sich zu überlegen, was sie als nächstes tun könnte.

„Ich muss los“, sagte Emily.

„Warte“, widersprach Amy. „Sag mir zuerst, wo du hingehst!“

Emily holte einmal tief Luft.

KAPITEL DREI

Emily musste mit verschiedenen U-Bahnen fahren, um den Langzeitparkplatz in Long Island City zu erreichen, wo ihr altes, heruntergekommenes Auto stand. Sie hatte es schon seit Jahren nicht mehr verwenden, denn Ben hatte immer darauf bestanden, selber zu fahren, damit er mit seinem kostbaren Lexus angeben konnte. Als sie über den riesigen, schattenreichen Parkplatz lief und ihren Koffer hinter sich herzog, fragte sie sich, ob sie überhaupt noch fahren könnte. Das war auch eines der Dinge, die sie im Laufe ihrer Beziehung hatte schleifen lassen.

Allein schon der Weg hierher, zu diesem Parkplatz am Rande der Stadt, hatte sich endlos angefühlt. Während sie sich ihrem Auto näherte, hallten ihre Schritte auf dem gefrorenen Parkplatz wider und sie fühlte sich fast schon zu müde und erschöpft, um weiter zu gehen.

Machte sie gerade einen Fehler?, fragte sie sich. Sollte sie umkehren?

„Da ist es ja.“

Emily drehte sich um und sah, wie der Parkplatzwächter mit einem schon fast mitleidigen Lächeln auf ihr heruntergekommenes Auto schaute. Er streckte seine Hand aus, in der er ihre Schlüssel hielt.

Der Gedanke daran, jetzt noch eine achtstündige Fahrt vor sich zu haben, kam ihr wie eine überwältigende, unmöglich zu meisternde Herausforderung vor. Sie war bereits jetzt schon so unglaublich erschöpft, sowohl physisch als auch emotional.

„Wollen Sie sie nicht nehmen?“, fragte er schließlich.

Emily blinzelte, sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie mit ihren Gedanken abgeschweift war.

Sie stand dort und wusste irgendwie, dass dieser Moment entscheidend war. Würde sie zusammenbrechen und zu ihrem alten Leben zurücklaufen?

Oder wäre sie stark genug, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen?

Emily schüttelte die dunklen Gedanken ab und zwang sich dazu, stark zu sein. Zumindest für jetzt.

Sie nahm die Schlüssel und ging stolz zu ihrem Auto. Dabei versuchte sie, mutig und selbstsicher zu sein, doch insgeheim war sie nervös, dass es gar nicht mehr anspringen würde, oder dass sie sich nicht mehr daran erinnern könnte, wie man fuhr, wenn er denn doch noch funktionierte.

Sie saß in dem eiskalten Auto, schloss ihre Augen und schaltete den Motor ein. Sie beschloss, dass es ein gutes Zeichen wäre, wenn er ansprang. Wenn er kaputt wäre, könnte sie umkehren.

Sie hasste es, zugeben zu müssen, dass sie sich insgeheim wünschte, dass der Motor nicht mehr funktionierte.

Sie drehte den Schlüssel um.

Er sprang an.

*

Es war für Emily eine große Überraschung und ein Trost zugleich, dass sie immer noch wusste, was sie zu tun hatte, auch wenn die ersten Meter etwas holprig waren. Alles, was sie tun musste war, auf das Gaspedal zu treten und zu fahren.

Es war eiskalt, die Welt flog an ihr vorbei und Stück für Stück schüttelte sie ihre trübe Stimmung ab. Sie schaltete sogar das Radio an, als sie sich daran erinnerte, dass es in dem Auto eines gab.

Bei dröhnender Musik und mit heruntergelassenen Fenstern hielt Emily das Lenkrad fest in ihren Händen. In ihren Gedanken sah sie wie eine der glamourösen Damen in einem der 1940er Jahre Schwarz-Weiß-Filme aus, denen der Wind durch ihre perfekt frisierten Haare wehte. In Wirklichkeit hatte die kalte Februarluft ihre Nase so rot wie eine Beere anlaufen lassen und ihr Haar in ein ungekämmtes Nest verwandelt.

Schon bald hatte sie die Stadt hinter sich gelassen und je weiter in den Norden sie fuhr, desto dichter waren die Straßen von immergrünen Bäumen gesäumt. Sie ließ sich im Vorbeifahren Zeit, ihre Schönheit zu bewundern. Wie einfach sie sich von dem Gedränge und der Geschäftigkeit des Großstadtlebens hatte anstecken lassen. Wie viele Jahre hatte sie vorbeiziehen lassen, ohne die Schönheit der Natur zu bewundern?

Schon bald wurden die Straßen breiter, die Anzahl der Spuren nahm zu und schließlich war sie auf der Autobahn. Sie ließ den Motor aufheulen, zwang ihr heruntergekommenes Auto, immer schneller zu fahren. Durch die Geschwindigkeit fühlte sie sich lebendig und voller Energie. All die Menschen, die in ihren Autos unterwegs waren, und endlich war sie, Emily, auch einer von ihnen. Aufregung schoss durch ihren Körper, als sie immer weiter nach vorne schoss und die Geschwindigkeit so weit erhöhte, wie sie es sich traute.

Ihr Selbstvertrauen erreichte neue Höhen, während die Straße unter den Rädern ihres Wagens vorbeizog. Als sie über die Grenze des Bundesstaates Connecticut fuhr, wurde ihr erst wirklich klar, war sie eigentlich hinter sich ließ. Ihre Arbeit, Ben, sie war endlich all den Ballast losgeworden.

Je weiter sie in den Norden fuhr, desto kälter wurde es und Emily sah schließlich ein, dass es einfach zu kalt war, um das Fenster offen zu lassen. Sie ließ es hochfahren und rieb ihre Hände aneinander, wobei sie sich wünschte, etwas zu tragen, dass dem Wetter angemessener wäre. Sie hatte New York in ihrem unbequemen Arbeitsanzug verlassen und aus einem Impuls heraus ihren Blazer und ihre Stilettos aus dem Fenster geworfen. Jetzt trug sie nur eine dünne Bluse und die Zehen ihrer nackten Füße schienen sich in Eisblöcke verwandelt zu haben. Das Bild des Filmstars aus den 1940er Jahren verblasste in ihren Gedanken, als sie ihr Spiegelbild in dem Rückspiegel erblickte. Sie sah ganz schön durch den Wind aus. Doch das war ihr egal. Sie war frei, das war alles, was zählte.

Stunden vergingen und plötzlich lag Connecticut hinter ihr, es war nur noch eine ferne Erinnerung, nur ein Ort, den sie auf dem Weg in eine bessere Zukunft durchquert hatte. Die Landschaft des Bundesstaates Massachusetts war viel offener. Anstatt der dunkelgrünen Blätter der immergrünen Bäume hatten diese hier ihr Sommerkleid abgeworfen und ragten nun wie dürre Skelette auf beiden Seiten der Straße empor. Zwischen ihnen konnte man hin und wieder Schnee und Eis auf dem harten Boden sehen. Über Emily begann der Himmel, seine Farbe von einem klaren Blau zu einem matschigen Grau zu ändern, was sie daran erinnerte, dass es dunkel sein würde, wenn sie endlich in Maine ankäme.

Sie fuhr durch Worcester. Viele der Häuser dort waren groß, aus Holz gebaut und in verschiedenen Pastelltönen gestrichen. Emily musste sich unwillkürlich fragen, welche Menschen hier wohnten, was für Leben sie führten und welche Erfahrungen sie machten.  Sie war nur wenige Stunden von ihrem Zuhause entfernt, doch bereits jetzt erschien ihr schon alles fremd – all die Möglichkeiten, all die verschiedenen Orte, an denen man leben und die man besuchen könnte. Wie hatte sie sieben Jahre lang nur eine Variante des Lebens sehen können, indem sie die alte, bekannte Routine verfolgte und jeden Tag die ganze Zeit auf etwas mehr gewartet und gewartet und gewartet hatte. All diese Zeit hatte sie darauf gewartet, dass Ben sich zusammenreißen würde, damit das nächste Kapitel ihres Lebens beginnen konnte. Doch die ganze Zeit lang hatte sie selbst die Macht gehabt, ihre eigene Geschichte voranzutreiben.

Als sie der Route 290 folgte, fuhr sie über eine Brücke, wo die Straße zur Route 495 wurde.  Hier gab es keine Bäume mehr, die sie bewundern konnte, sie wurden von steilen Gesteinsformationen abgelöst. Ihr knurrender Magen erinnerte sie daran, dass sie die Mittagszeit hatte verstreichen lassen, ohne etwas zu essen. Sie überlegte, ob sie an einem LKW-Rastplatz anhalten sollte, doch das Verlangen, in Maine anzukommen, war zu groß. Sie könnte etwas essen, wenn sie dort ankam.

Weitere Stunden vergingen, als sie schließlich die Grenze zu dem Bundesstaat New Hampshire überquerte. Der Himmel brach auf, die Straßen waren breit und auf beiden Seiten erstreckte sich, soweit man sehen konnte, flaches Land. Emily fragte sich unwillkürlich, wie groß die Welt wohl war, wie viele Menschen wirklich in ihr lebten.

Ihr Optimismus trug sie an Portsmouth vorbei, wo Flugzeuge über ihr herabschossen, ihre Motoren heulten laut, als sie die Landebahn anzielten. Emily gab Gas und fuhr an der nächsten Stadt vorbei, bei der auf beiden Seiten der Straße Frost auf dem Boden lag, dann ging es durch Portland, wo die Straße neben den Bahnschienen entlanglief. Sie nahm jedes Detail in sich auf und wurde von einer neuen Ehrfurcht vor der Größe der Welt erfüllt.

Sie rauschte über die Brücke, die aus Portland hinausführte, als sie plötzlich den Drang verspürte, anzuhalten und den Ausblick auf den Ozean zu genießen. Doch der Himmel wurde immer dunkler und sie wusste, dass sie sich beeilen musste, um es vor Mitternacht nach Sunset Harbor zu schaffen. Die Stadt lag noch eine dreistündige Fahrt entfernt und die Uhr auf dem Armaturenbrett zeigte bereits 9 Uhr abends an. Ihr Magen protestierte wieder, weil sie auch das Abendessen verpasst hatte.

Auf das, was sich Emily bei ihrer Ankunft am meisten freute, war die Aussicht, die restliche Nacht komplett durchzuschlafen, denn ihre Erschöpfung machte sich schon bemerkbar; Amys Couch war nicht besonders bequem gewesen, ganz zu schweigen von dem emotionalen Aufruhr, mit dem Emily die ganze Nacht lang gekämpft hatte. Doch in ihrem Haus in Sunset Harbor wartete ein wunderschönes, aus dunkler Eiche geschaffenes Himmelbett in dem großen Schlafzimmer auf sie, in dem ihre Eltern glücklichere Zeiten verbracht hatten. Der Gedanke, komplett alleine dort zu sein, war verlockend.

Trotz der Tatsache, dass sich am Himmel Schnee ankündigte, entschied sich Emily dagegen, die ganze Strecke nach Sunset Harbor auf der Autobahn zurückzulegen. Ihr Vater war sehr gerne die weniger genutzten Strecken gefahren – eine Reihe von Brücken erstreckten sich über eine Vielzahl an Flüssen, die in diesem Teil Maines in den Ozean flossen.

Sie fuhr von der Autobahn ab, erleichtert, zumindest die Geschwindigkeit reduzieren zu können. Die Straßen hier waren zwar gefährlicher, doch die Landschaft war umwerfend. Emily schaute hinauf zu den Sternen, die über dem klaren, glitzernden Wasser blinkten.

Sie fuhr auf der Route 1 an der Küste entlang und öffnete ihren Geist für die Schönheit um sie herum. Der Himmel veränderte sich von einem Grau zu einem Schwarz, was sich im Wasser widerspiegelte. Es fühlte sich so an, als würde sie durch das Universum fahren, bis in die Unendlichkeit.

Das Ziel der Reise war der Anfang des Rests ihres Lebens.

*

Erschöpft von der endlosen Fahrt musste sie sich zwingen, ihre Augen offen zu halten, doch sie merkte auf, als die Scheinwerfer des Autos endlich ein Schild erleuchteten, dass ihr die Ankunft in Sunset Harbor ankündigte. Vor Erleichterung und Aufregung schlug ihr Herz schneller.

Sie kam an dem kleinen Flughafen vorbei und fuhr über die Brücke, die auf die Mount Desert Insel führte. In einem Anflug von Nostalgie erinnerte sie sich an Zeiten, zu denen sie in dem Familienauto gesessen und über dieselbe Brücke gerauscht war. Sie wusste, dass das Haus jetzt nur noch zehn Meilen entfernt lag, was bedeutete, dass sie in maximal zwanzig Minuten ankommen würde. Ihr Herz fing vor Aufregung an, wild zu schlagen. Die Erschöpfung und der Hunger schienen verschwunden zu sein.

Sie sah das kleine hölzerne Schild, das sie in Sunset Harbor willkommen hieß, was ihr ein Lächeln entlockte. Große Bäume säumten beide Seiten der Straße. Emily fand es tröstlich, dass es immer noch die gleichen Bäume waren, die sie als Kind schon bewundert hatte, als ihr Vater eben diese Straße entlanggefahren war.

Ein paar Minuten später fuhr sie über eine Brücke, über die sie als Kind an einem wunderschönen Herbstabend spazieren gegangen war, wobei das rote Laub unter ihren Füßen geraschelt hatte. Die Erinnerung daran war noch so lebendig, dass sie sogar die lila Wollhandschuhe vor Augen sah, die ihre Hände bedeckten, während sie mit ihrem Vater Hand in Hand dort entlanggelaufen war. Sie konnte damals nicht älter als fünf Jahre gewesen sein, doch die Erinnerung daran war noch so frisch, als ob es erst gestern geschehen wäre.

Weitere Erinnerungen drängten sich in ihre Gedanken, als sie an anderen Orten vorbeifuhr – dem Restaurant, in dem man unglaublich leckere Pfannkuchen essen konnte, der Campingplatz, der den ganzen Sommer lang mit schottischen Gruppen gefüllt gewesen war, der einspurige Pfad, der hinab zu der Salisbury Cove, einer Bucht, führte. Als sie das Schild erreichte, das den Acadia Nationalpark ankündigte, legte sich ein Lächeln auf ihr Gesicht, denn sie wusste, dass sie nur noch zwei Meilen von ihrem Ziel entfernt war. Es sah so aus, als ob sie das Haus gerade noch rechtzeitig erreichen würde; es hatte gerade erst angefangen zu schneien und ihr altes Auto würde es wahrscheinlich nicht durch einen Schneesturm schaffen.

Wie aufs Stichwort begann ihr Auto, irgendwo unter der Motorhaube ein seltsames schleifendes Geräusch zu machen. Emily biss sich vor Verzweiflung auf die Lippe. Ben war immer der Praktische von den beiden gewesen, der Bastler in der Beziehung. Ihre mechanischen Fähigkeiten waren bedauerlich. Sie betete, dass das Auto wenigstens noch die letzte Meile aushalten würde.

Aber das schleifende Geräusch wurde immer lauter und wurde kurz darauf von einem seltsamen Surren begleitet, dann kam noch ein nerviges Klicken und schließlich ein Pfeifen hinzu. Emily schlug mit ihren Fäusten gegen das Lenkrad und stieß einen leisen Fluch aus. Der Schnee fiel immer schneller und dicker vom Himmel, gleichzeitig begann ihr Auto, immer größere Probleme zu machen, bis es schließlich ruckelnd zum Stehen kam.

Während sie dem Zischen des Motors lauschte, saß Emily hilflos da und überlegte, was sie tun könnte. Die Uhr zeigte Mitternacht an. Sonst war auf der Straße nichts los, niemand war zu dieser Zeit unterwegs. Es war totenstill und stockdunkel, da es keine lichtspendenden Straßenlaternen gab und die Sterne und der Mond von Wolken verdeckt waren. Das alles erschuf eine gruselige Atmosphäre und Emily war der Meinung, dass es sich perfekt als Kulisse für einen Horrorfilm eignen würde.

Sie schnappte sich ihr Handy, als ob es ihre letzte Rettung wäre, doch musste feststellen, dass sie keinen Empfang hatte. Der Anblick der fünf leeren Balken ließ ihre Sorge größer werden, denn nun fühlte sie sich sogar noch isolierter und einsamer als zuvor. Zum ersten Mal, seit sie ihr altes Leben hinter sich gelassen hatte, bekam Emily das Gefühl, eine fürchterlich dumme Entscheidung getroffen zu haben.

Sie stieg aus dem Auto aus und erzitterte, als die kalte Luft zusammen mit den Schneeflocken in ihre Haut stach. Sie ging um den Wagen herum, um sich den Motor anzusehen, doch sie wusste gar nicht, wonach sie eigentlich suchen sollte.

In dem Moment hörte sie das Poltern eines LKWs. Ihr Herz fing vor Freude an, schnell zu schlagen, als sie in die Ferne schaute und kaum merkbar Scheinwerferlichter ausmachte, die auf der Straße in ihre Richtung kamen. Sie begann, mit ihren Armen zu winken, um so den sich nähernden LKW auf sich aufmerksam zu machen.

Glücklicherweise fuhr er an den Straßenrand heran und kam dicht hinter ihrem Auto zum Stehen. Dabei stieß er heiße Abgase in die kalte Nachtluft aus und seine grellen Lichter erleuchteten die fallenden Schneeflocken.

Die Fahrertür öffnete sich quietschend und zwei in schweren Stiefeln steckende Füße landeten knirschend auf dem schneebedeckten Boden. Emily konnte nur die Umrisse der Person vor ihr ausmachen, plötzlich beschlich sie eine fürchterliche Panik, dass sie gerade die Aufmerksamkeit des örtlichen Mörders auf sich gezogen haben könnte.

„Da hast du dich aber in eine ganz schön verzwickte Lage gebracht, hm?“, hörte sie die kratzende Stimme eines alten Mannes.

Emily rieb sich, in dem Versuch, ein Zittern zu unterdrücken, über die Arme, wobei sie die Gänsehaut, die sich unter ihrer Bluse gebildet hatte, spüren konnte. Sie war erleichtert, dass es ein alter Mann war.

„Ja, ich weiß nicht, wie das passiert ist“, erwiderte sie. „Es fing an, seltsame Geräusche zu machen und blieb dann einfach stehen.“

Der Mann trat näher an sie heran, sein Gesicht wurde durch die Lichter seines LKWs erleuchtet. Er war sehr alt und hatte weißes Haar in seinem faltigen Gesicht. Seine Augen waren zwar dunkel, doch sie strahlten vor Neugier, als er zuerst Emily und dann ihr Auto musterte.

„Du weißt nicht, wie das passiert ist?“, fragte er lachend. „Ich kann dir sagen, wie das passiert ist. Dieses Auto hier ist nicht viel mehr als ein Haufen Schrott. Ich bin überrascht, dass du überhaupt in der Lage warst, damit loszufahren“ Es schaut nicht so aus, als ob du dich gut darum gekümmert hättest, und dann entscheidest du dich dazu, im Schnee damit zu fahren?“

Emily war nicht in der Stimmung, aufgezogen zu werden, vor allem, weil der alte Mann Recht hatte.

„Ich bin sogar den ganzen Weg von New York hierhergefahren. Es hat ganze acht Stunden durchgehalten“, antwortete sie, wobei sie es nicht verhindern konnte, dass sich ein trockener Tonfall in ihre Stimme schlich.

Der alte Mann pfiff. „New York? Nun ja, ich hätte nie…Was bringt dich in die Gegend?“

Emily hatte keine Lust, ihre Geschichte preiszugeben, weshalb sie einfach antwortete, „Ich bin auf dem Weg nach Sunset Harbor“.

Der Mann bohrte nicht weiter nach. Emily stand dort und beobachtete ihn, ihre Finger wurden schnell taub, während sie auf irgendeine Form der Hilfe wartete. Doch er schien mehr daran interessiert zu sein, um das alte, rostige Auto herumzugehen, mit der Spitze seines Stiefels gegen die Reifen zu treten, ein bisschen Farbe mit dem Fingernagel abzukratzen, ein bisschen zu spötteln und seinen Kopf zu schütteln. Dann öffnete er die Motorhaube und untersuchte den Motor für eine ganze Weile, wobei er gelegentlich vor sich hinmurmelte.

„Also?“, erkundigte sich Emily schließlich, denn sie war von seiner Langsamkeit genervt. „Was stimmt denn nun nicht?“

Er schaute mit einem leicht überraschten Gesichtsausdruck von dem Motor auf, fast so, als ob er vergessen hätte, dass sie da war, und kratzte sich am Kopf. „Es ist kaputt.“

„Das wusste ich schon“, erwiderte Emily gereizt. „Aber kannst du es reparieren?“

„Oh nein“, antwortete der Mann mit einem Glucksen. „Kein bisschen.“

Emily wollte am liebsten schreien. Der Nahrungsmangel sowie ihre Müdigkeit durch die lange Fahrt entfalteten so langsam ihre Wirkung und brachten sie fast zum Weinen. Alles, was sie wollte, war, nach Hause zu gehen und zu schlafen.

„Was soll ich denn jetzt tun?“, fragte sie sich verzweifelt.

„Nun ja, es gibt verschiedene Optionen“, erwiderte der alte Mann. „Du könntest zur Werkstatt laufen, sie ist nur etwa eine Meile entfernt.“ Dabei deutete er mit seinen kurzen, faltigen Fingern in die Richtung, aus der sie gekommen war. „Oder ich könnte dich dorthin abschleppen, wo auch immer du hinwolltest.“

„Würdest du das wirklich tun?“, fragte Emily, überrascht von seiner Freundlichkeit, etwas, an das sie durch ihre lange Zeit in New York nicht gewohnt war.

„Natürlich“, entgegnete der Mann. „Ich werde dich nicht mitten in der Nacht in einem Schneesturm hier zurücklassen. Ich habe gehört, dass es in der nächsten Stunde schlimmer werden soll. Wohin genau bist du denn unterwegs?“

Emily war von Dankbarkeit erfüllt. „West Street. Nummer Fünfzehn.“

Der Mann legte seinen Kopf neugierig auf die Seite. „West Street fünfzehn? Das alte, heruntergekommene Haus?“

„Ja“, antwortete Emily. „Es gehört meiner Familie. Ich muss einmal etwas alleine sein.“

Der alte Mann schüttelte den Kopf. „Ich kann dich dort nicht hingehen lassen. Das Haus fällt auseinander. Ich bezweifele, dass es überhaupt wasserdicht ist. Warum kommst du nicht mit zu mir? Wir leben über dem kleinen Einkaufsladen, meine Frau Bertha und ich. Es wäre uns eine Freude, dich bei uns aufzunehmen.“