Fürchte dich vor morgen - Susanne Mischke - E-Book

Fürchte dich vor morgen E-Book

Susanne Mischke

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12,99 €

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  • Herausgeber: Piper ebooks
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2021
Beschreibung

Hauptkommissar Völxen ermittelt in der Prepper-Szene: Sie horten Vorräte in ihren Schutzbunkern und absolvieren Survival-Trainings im Wald. Doch vor dem Tod ist niemand sicher … Eine junge Frau liegt leblos inmitten einer Waldlichtung, aus ihrer Brust ragt ein Speer. Wie sich herausstellt, ist die Tote die Tochter des Anführers einer örtlichen Prepper-Gruppe. Hergeleitet vom Englischen "to be prepared" bereiten sich die Mitglieder mit Maßnahmen aller Art auf einen vermeintlich bevorstehenden Weltuntergang vor. Als Hauptkommissar Bodo Völxen und sein Team zu ermitteln beginnen, stoßen sie in der eingeschworenen Gemeinschaft auf eine Wand aus Schweigen. Doch schnell wird klar, dass es unter den Preppern nicht immer nur harmonisch zuging. Offenbar spielte die Tote mit dem Gedanken, auszusteigen. Gab es Streit mit den Kameraden? Mit dem despotischen Vater? Oder begleicht jemand eine alte Rechnung? Band 10 der Hannover-Krimi-Reihe von SPIEGEL-Bestsellerautorin Susanne Mischke! Susanne Mischke wurde 1960 in Kempten geboren, lebte lange Zeit in der Nähe von Hannover und nun im Oberallgäu. Sie war mehrere Jahre Präsidentin der "Sisters in Crime" und erschrieb sich mit ihren fesselnden Kriminalromanen eine große Fangemeinde. Für das Buch "Wer nicht hören will, muss fühlen" erhielt sie die "Agathe", den Frauen-Krimi-Preis der Stadt Wiesbaden.

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© Piper Verlag GmbH, München 2021

Redaktion: Kerstin von Dobschütz

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München), mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: FAVORITBUERO, München

Coverabbildung: Sk_Advance studio / Shutterstock.com; Dennis Fischer Photography / GettyImages; Caras Ionut / Trevillion Images

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Inhalt

Cover & Impressum

Kapitel 1 – In die Pilze

Kapitel 2 – Der Herr des Waldes

Kapitel 3 – My home is my castle

Kapitel 4 – Des Hasen Tod

Kapitel 5 – Alte Geschichten und neue Affären

Kapitel 6 – Die Saufeder

Kapitel 7 – Der Kronprinz

Kapitel 8 – Wo die Liebe hinfällt

Kapitel 9 – Rifkin!

Kapitel 10 – Der Tag X

Kapitel 11 – Bellende Hunde

Kapitel 12 – Ein Mordermittler ist immer im Dienst

Kapitel 13 – An manchen Tagen wäre man besser zu Hause geblieben

Kapitel 14 – Überraschung!

Kapitel 15 – Schweigen ist Gold

Kapitel 16 – Das Alibi

Kapitel 17 – Rifkin undercover

Kapitel 17 – Waldbaden bei Nacht

Kapitel 18 – Familienbande

Kapitel 19 – Der Liebeshandel

Kapitel 1 – In die Pilze

Im Morgendunst sieht alles so verwaschen aus. Vielleicht ist aber auch nur Völxens müder Blick noch ein wenig getrübt, denn es ist verdammt früh, besonders wenn man bedenkt, dass heute Sonntag ist. Schweren Schrittes stapft Hauptkommissar Bodo Völxen durch den Wald bergan, seinem Nachbarn Jens Köpcke hinterher. Der Nordhang liegt noch komplett im Schatten, die Temperaturen sind empfindlich kühl und das Gras feucht vom Tau. Man merkt, dass es bis zum Herbst nicht mehr lange hin ist. Im Zeitlupentempo erklimmt die aufgehende Sonne den Kamm des Deisters, jenes dicht bewaldeten und angeblich äußert pilzreichen Mittelgebirgsrückens südlich von Hannover. Immer wieder einmal muss Völxen verstohlen gähnen. Selbst schuld! Was musste er auch gestern so herumjammern? Wie fast jeden Abend standen er und sein Nachbar in der Dämmerung am Zaun der Schafweide, zischten ein lauwarmes Herrenhäuser, und Völxen beschwerte sich bitterlich: Er sei nun bestimmt schon ein Dutzend Mal im Deister Pilze suchen gegangen, aber stets vergeblich, es sei wie verhext.

Dabei kann es doch nicht so schwierig sein. Alle Welt brüstet sich dieser Tage mit Fotos einer reichen Pilzausbeute in den sozialen Medien. Nicht, dass der Hauptkommissar persönlich in diesen Niederungen des Internets verkehren würde. Seine Frau Sabine zeigt ihm ab und an die einschlägigen Posts der Trophäen von Bekannten, und Völxen vernimmt dabei sehr wohl die unterschwellige Botschaft und fühlt sich wie ein Versager.

Irgendwann in dieser Leidenszeit gelangte Völxen zu der Einsicht, dass es überhaupt nichts bringt, stundenlang planlos durch die Wälder zu streifen. Nachdenklich betrachtete er daraufhin seinen Terriermischling Oscar, um schließlich die existenzielle Frage aufzuwerfen: »Wozu füttert man dich eigentlich das ganze Jahr durch?«

Nach Rücksprache mit einem der Trainer der Hundestaffel der Polizeidirektion Hannover besorgte Völxen ein paar Übungsexemplare in der Markthalle der Landeshauptstadt. Zu Hause ließ er Oscar an den Steinpilzen schnüffeln und versteckte diese anschließend im weitläufigen Garten seines ländlichen Anwesens. Nach kurzer Zeit und unter Einsatz etlicher Leberwurstleckerlis kapierte der Hund, was man von ihm verlangte. Und tatsächlich: Oscar erschnüffelt und verbellt seither jeden Steinpilz. Im heimischen Garten. Dort, und nur dort, klappt die Pilzsuche hervorragend. Im Wald dagegen sind die Verlockungen durch andere Gerüche einfach zu groß und zu viel für den wankelmütigen Oscar.

»Du musst früher aufstehen, Kommissar, sonst sind die anderen schneller!«, hat ihm der Hühnerbaron gestern Abend, am Ende von Völxens Jammertirade, geraten.

»Ich bin früh aufgestanden.«

»Was so ein Städter halt unter früh versteht.«

Das ist auch so eine Sache. Seit über dreißig Jahren lebt die Familie Völxen nun schon in dem umgebauten alten Bauernhof, dessen Obstwiese und Schafweide an Köpckes Grundstück grenzt. Dennoch gelten er und seine Frau – er noch mehr als Sabine – für den Hühnerbaron und den Rest der Dorfbewohner nach wie vor als Städter, und daran wird sich auch nichts mehr ändern. Also hat Völxen den Städter, wieder einmal, unwidersprochen hinuntergeschluckt, denn danach meinte Jens Köpcke gnädig: »Wenn du willst, zeig ich dir morgen mal ein paar Pilzstellen.«

Was wiederum einen Freundschaftsbeweis erster Güte darstellt.

»Morgen früh um fünf Uhr auf meinem Hof, ich fahre«, ordnete Köpcke an.

Um fünf? Und das, obwohl Ende August die Sonne erst nach sechs Uhr aufgeht und nicht einmal Köpckes Hühner zu dieser Unzeit aufstehen. Völxen musste schwer schlucken, doch er hat den Mund gehalten und gedacht: Der frühe Vogel fängt den Wurm, beziehungsweise den Pilz.

Jetzt freut er sich schon auf Sabines Gesicht, wenn er, der Held der Morgenstunde, zum Frühstück mit einem prall gefüllten Korb prächtiger Steinpilze erscheinen wird. Die kann sie dann seinetwegen ruhig fotografieren und posten, wo immer sie möchte.

Seit einer gefühlten Ewigkeit wandern sie nun schon durchs Dickicht, denn natürlich, so Köpcke, wachsen Pilze nicht rechts und links des Weges, und falls doch, dann hat sie längst einer vor ihnen geerntet.

Ein frischer Wind fährt durch die Baumwipfel und zaust Völxens graublondes Resthaar, sein Magen knurrt, und außerdem beschleicht ihn allmählich der Verdacht, dass die Pilzstellen, die sein Nachbar ihm zeigen will, nicht gerade die besten sind, sondern eher die 2-B-Lagen. Gerade sind sie nämlich an einer solchen angekommen, aber die Pilze dort sind so mickrig und von Schnecken zerfressen, dass sie sie gar nicht erst mitnehmen.

Köpcke murmelt etwas von schlechtem Pilzwetter, und Völxen hat Mühe, seine Enttäuschung zu verbergen. Wie konnte er nur auf den Hühnerbaron, dieses Schlitzohr, hereinfallen, hadert er mit sich selbst. Kein Pilzsammler, der noch ganz bei Trost ist, verrät seine Pilzplätze, zumindest nicht die, die etwas taugen. Er könnte gemütlich im Bett liegen und sich noch mal umdrehen, anstatt hier, von Mücken umschwirrt, durch den Wald zu stolpern. Die Orientierung hat er längst verloren, er ist praktisch davon abhängig, dass Köpcke ihn zu dem Wanderparkplatz hinter Wennigsen zurückführen wird. Dieser Gedanke bereitet ihm Unbehagen. Da hilft auch kein Google Maps, wenn man sich abseits der Pfade der Zivilisation bewegt.

Und nun macht ihm auch noch Oscar Kummer. Während der ganzen Zeit ist er mehr oder weniger brav bei Fuß gegangen, hat sich lediglich einmal in Wildschweinkot gewälzt, an einem Fuchshaufen geknabbert und ansonsten die Aufforderung seines Herrchens – such die Pilze, Oscar, such, such! – hartnäckig ignoriert. Jetzt plötzlich, ohne dass er ein Kommando erhalten hätte, stürmt der Terrier davon und bricht durch ein Gebüsch. Ein paar Farnwedel bewegen sich noch und signalisieren, wo er langläuft, dann ist er weg. Das alles, ohne auch nur einen Laut von sich gegeben zu haben.

»Oscar! Hierher! Oscar, verflucht noch eins!«

Völxens Geschrei verhallt ohne Wirkung. Das fehlt ihm noch, dass der Hund wildert. Noch dazu, da Jens Köpcke ihn vorhin extra noch gewarnt hat, Völxen müsse gut auf Oscar achten, denn mit dem hiesigen Revierförster sei nicht zu spaßen.

»Dieser elende Mistköter!«

Köpcke sagt nichts dazu. Beide sind stehen geblieben und horchen. Wind rauscht in den Bäumen, Vögel zwitschern.

»Oscaaaar!«, brüllt Völxen.

»Hast du keine Hundepfeife dabei?«, fragt Köpcke.

»Nein. Der würde sowieso nicht gehorchen. Wenn er erst mal im Jagdmodus ist, hört der auf gar nichts mehr.«

»Dann kannst du dir das Geschrei ja auch sparen«, bemerkt Köpcke.

»Es hilft mir aber, mich abzureagieren.«

»Was machen wir jetzt?«, fragt der Hühnerbaron.

»Gar nichts. An Ort und Stelle stehen bleiben und warten, bis er wiederkommt. Der findet auf seiner eigenen Spur zurück.«

»Klingt, als wäre das nicht das erste Mal, dass er dir ausbüxt.«

»Das steht so in den Hundebüchern«, antwortet Völxen.

»Pst! Ich hör was«, flüstert der Hühnerbaron.

Und wirklich. In einiger Entfernung tönt das für einen Terrier typische schrille Kläffen durch den Wald.

»Er hat Pilze gefunden!«, jubelt Völxen. »Hörst du es? Er verbellt sie. Guter Hund!«

»Pilze verbellen?«, wiederholt sein Gegenüber.

»Hab ich ihm beigebracht. Man nennt das Konditionierung«, lässt Völxen seinen Nachbarn wissen.

»Konditionierung!« Jens Köpcke tippt sich unter seiner Schiebermütze an die Stirn. »Der jagt einen Hasen. Oder er spinnt einfach, wie sonst auch.«

Auf derlei unqualifizierte Kommentare geht der stolze Hundebesitzer erst gar nicht ein. So schnell es seine müden Beine und sein moderates Übergewicht erlauben, setzt er sich ohne Rücksicht auf die Flora des Waldes in Bewegung, schnurstracks in die Richtung, aus der das Gebell ertönt. Köpcke hat Mühe, ihm hinterherzukommen.

Sie stoßen auf einen Weg, eigentlich mehr ein Trampelpfad, dem sie folgen. Das Bellen ist nun ganz nah. Der Pfad führt auf eine Lichtung, und dort sieht Völxen zu seiner großen Erleichterung Oscar, der tatsächlich etwas verbellt.

Aber es ist kein Pilz.

Völxen bleibt so abrupt stehen, dass der Hühnerbaron ihn von hinten anrempelt. »’tschuldigung, Kommissar. Warum hältst du auch so plötzlich …?« Der Rest des Satzes bleibt Köpcke in seinem kurzen Hals stecken. »Hol mich der Teufel! Ist das … ist das …?«

»Ich denke, du bleibst besser mal hier stehen, Jens, und rührst dich nicht vom Fleck.« Völxen merkt, wie brüchig und mürbe seine Stimme auf einmal klingt. Kein Wunder, er ist zutiefst schockiert und kann nicht fassen, was er vor sich sieht.

»Oscar, hierher!« Es hätte energisch klingen sollen, hört sich aber eher panisch an.

Überraschenderweise gehorcht der Terrier sofort, fast als wäre er froh, die Verantwortung für seinen außergewöhnlichen Fund abgeben zu können.

Völxen leint ihn an. »Nimm ihn bitte mal«, sagt er zu seinem Nachbarn.

Köpcke, der leichenblass geworden ist und sich an einem Baumstamm festhält, ergreift wortlos die Leine.

Vorsichtig nähert sich der Hauptkommissar dem, was Oscar angekläfft hat. Es ist eine Frau mit langem braunem Haar, das zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden ist. Sie liegt auf dem Rücken. Ein riesiger Speer steckt in ihrer Brust, und zwar so tief, dass Völxen nur wenig von der Klinge sehen kann. Die Tote ist mit einer olivgrünen Hose mit vielen Taschen, einem grauen Sweatshirt und festen, geschnürten Halbstiefeln aus beigefarbenem Leder bekleidet. Es ist eine sehr junge Frau, um die zwanzig, schätzt Völxen. Sie ist zierlich und dürfte höchstens eins siebzig groß sein. Ihr Kopf ist zur Seite gedreht, das Gesicht Völxen zugewandt. Ihre Züge sind vom Tod entstellt; der Mund steht offen, die Augen blicken glasig ins Nichts.

Das kann nicht sein, ich bin nicht im Dienst,schießt es Völxen durch den Kopf, geradeso, als wäre er durch seinen Beruf davor gefeit, in seiner Freizeit Leichen zu finden. Dabei ist es gar nicht das erste Mal, fällt ihm ein. Da war vor Jahren dieser verbrannte Körper im Osterfeuer … Damals wie jetzt steht Völxen da wie erstarrt. Ein erster Sonnenstrahl fällt auf die Lichtung, als hätte jemand einen Bühnenscheinwerfer angestellt. Normalerweise ein schönes Schauspiel, doch heute kommt es ihm geradezu zynisch vor, dass die Natur einfach so weitermacht wie immer, eine völlig teilnahmslose Kulisse bildet, als wäre nichts geschehen.

Es gibt Ausnahmen. Eine Krähe stößt einen heiseren Ruf aus und flattert mit lautem Flügelschlag auf. Er zuckt zusammen und verspürt den Drang, sich umzudrehen und von diesem Ort des Grauens zu fliehen. Natürlich bleibt er und besinnt sich darauf, was seine Pflicht ist, nämlich den Tatort – denn von einem solchen darf man wohl getrost sprechen – in Augenschein zu nehmen.

Die Todesursache gibt keine Rätsel auf. Der Spieß steckt mitten in der Brust und bildet mit dem am Boden liegenden Leichnam einen rechten Winkel. An der Einstichstelle ist ein kleiner Rand von angetrocknetem Blut auf ihrem Shirt zu sehen. Nicht gerade viel, wenn man bedenkt, was für eine Wunde so eine Klinge reißen muss, wundert sich Völxen. Sie muss sehr rasch tot gewesen sein. Wer immer das getan hat, war entschlossen, brutal und handelte, ohne zu zögern.

Sie scheint noch nicht lange auf dieser Lichtung zu liegen, Völxen kann keinerlei Anzeichen von Verwesung oder Tierfraß entdecken. Noch nicht. Sein Blick schweift kurz in die Baumwipfel. Die Krähe von eben sitzt auf einem Buchenast und betrachtet ihn mit schief gelegtem Kopf. Wahrscheinlich hat der Hund sie gerade noch rechtzeitig verscheucht.

Nein, ihr Biester, aus dieser Mahlzeit wird nichts!

»He, Kommissar!«, macht sich der Hühnerbaron bemerkbar. »Sollten wir nicht deine Kollegen rufen? Und den Notarzt und … was weiß ich. Wen man eben anruft, wenn man eine Leiche findet.«

Völxen wendet sich um. »Ja, natürlich, ich bin gleich so weit.«

Er holt sein Smartphone aus der Westentasche seiner Funktionsjacke und macht Fotos von der Toten. Dabei merkt er, wie ihm zusehends übel wird. Zusammenreißen jetzt! Tief atmen. Bloß nicht vor Köpcke in die Büsche reihern. Das wäre sonst für den Hühnerbaron und sämtliche Dorfbewohner auf Jahre hinaus ein gefundenes Fressen – im übertragenen Sinn, wohlgemerkt. Apropos fressen … Er kramt vom Grund seines Wanderrucksacks das Etui mit dem Regenponcho hervor und faltet ihn auseinander. Den Umhang hat er noch nie benutzt, denn das wüsste er: Der dünne, knittrige Kunststoff ist von so grellem Pink, dass Völxen im Bedarfsfall lieber klatschnass werden würde, als sich damit in der Öffentlichkeit zu zeigen. Bestimmt hat Sabine das unsägliche Teil bei Tchibo gekauft, es dann doch für zu schrill befunden und es kurzerhand ihm untergejubelt. Das sähe ihr jedenfalls ähnlich. Für eine Leiche ist die Farbgebung des Umhangs erst recht vollkommen unpassend, aber angesichts der wachsenden Anzahl von Krähen, die sich gerade in bester Hitchcock-Manier auf den Ästen der umliegenden Bäume formieren, kann auf Pietät keine Rücksicht genommen werden. Völxen breitet den Regenschutz über das Gesicht und den Oberkörper der Toten. Rückwärts, um möglichst wenig Spuren zu hinterlassen, kehrt er dorthin zurück, wo sein Nachbar und sein Hund auf ihn warten. Oscar hat sich längst beruhigt und begrüßt seinen Herrn schwanzwedelnd.

Der Hühnerbaron hockt auf einem Baumstumpf. Er hat die Mütze abgenommen, vielleicht aus Respekt vor der Toten. Sein Teint zeigt inzwischen wieder den gewohnten rötlichen, leicht ins Lila tendierenden Farbton, aber er scheint trotzdem noch recht mitgenommen zu sein. »Mein Gott, wer macht denn so was, wer macht denn so was?«, murmelt er vor sich hin und schüttelt dabei den Kopf.

Völxen legt ihm kurz die Hand auf die Schulter und presst hervor: »Das werde ich rausfinden, verlass dich darauf.«

Köpcke blickt auf. »Kommissar, du bist ja bleich wie ein Bettlaken! Ich dachte, du wärst an so was gewöhnt.«

»Wie kann man sich an so etwas gewöhnen?«, versetzt Völxen barsch und fährt etwas milder fort: »Normalerweise bin ich einer der Letzten am Tatort und weiß schon ungefähr, was mich erwartet. Aber das hier ist … « Ihm fehlen die Worte.

»Das ist wirklich übel«, konstatiert der Hühnerbaron.

Völxen nickt. Ja, wirklich übel.

Kapitel 2 – Der Herr des Waldes

Inzwischen ist es neun Uhr, die Sonne hat es über den Grat geschafft, doch die Bäume werfen noch immer lange Schatten auf die Lichtung. Die ist nun belebt wie ein Jahrmarkt. Ein Waldweg, der etwa fünfzig Meter unterhalb der Lichtung verläuft, ist mit Fahrzeugen zugestellt, der Fundort selbst weiträumig mit Flatterband abgesperrt. Völxen bezweifelt, ob an einem Sonntagmorgen mitten im Nirgendwo mit vielen Schaulustigen zu rechnen ist, aber so ist halt die Routine. Wenigstens haben sie auf die Sichtschutzwände verzichtet, die sonst die Gaffer vom Fotografieren abhalten müssen.

Die Leiche liegt nun wieder aufgedeckt da. Rolf Fieder, der Chef der Spurensicherung, hat Völxen, ohne eine Miene zu verziehen, und mit einem trockenen da hast du es wieder, das gute Stück, den Regenponcho gereicht, den sein Besitzer rasch in seinen Rucksack gestopft hat.

Die Krähen haben sich inzwischen verzogen. Die Mücken nicht.

Im Augenblick heißt es warten. Die Spurensicherer stellen ihre Schildchen auf, messen, fotografieren. Ein junger Rechtsmediziner untersucht den Leichnam.

»Moin, Völxen!«, dringt eine leicht atemlose Stimme an dessen Ohr.

Der Angesprochene wendet sich um. Oda Kristensens Haarknoten, blond wie Strandhafer, leuchtet in der Morgensonne. Ihr Gesichtsausdruck dagegen ist eher finster. Mit schwarzen Hosen und einem moosgrünen Trenchcoat mit passender Handtasche ist sie ohne Zweifel die am elegantesten gekleidete Person vor Ort. Der Look wird lediglich etwas ruiniert durch die knallroten Gummistiefel, die noch nagelneu aussehen.

»Oda! Na endlich!«

Ihre gletscherblauen Augen blitzen ihn entrüstet an. »Entschuldige mal! Ich war noch im Bett, und es dauert halt, bis man sich in die Wildnis vorgekämpft hat, und deine Wegbeschreibung war auch nicht besonders … Du lieber Himmel, was ist das denn?« Gerade hat Oda einen Blick auf die Leiche erhascht. »Das sieht ja aus, als wäre sie erlegt worden.«

Erlegt trifft es ganz gut,findet Völxen.Wie ein Stück Wild. Niedergestreckt mit einer Waffe, wie man sie vor Erfindung des Schießpulvers benutzte.

»Es hat etwas Demonstratives«, fährt Oda fort. »Die Art, wie dieser … Speer in ihr steckt, und dann liegt sie genau in der Mitte der Lichtung. Wie eine Opfergabe.«

»Eine Opfergabe? Du meinst, es ist was Religiöses?«

»Oder etwas Rituelles. Jedenfalls nichts Sexuelles, würde ich mal vermuten, zumal sie ja auch voll bekleidet ist. Das da ist eine bewusste Zurschaustellung. Sie soll da so liegen, genau so wollte der Täter der Welt sein Werk präsentieren.«

»Sein Werk«, wiederholt Völxen nachdenklich.

»Sein Kunstwerk, wenn du willst«, hört er Oda sagen. »Gibt es Schleifspuren zu dem Platz, an dem sie liegt?«

»Hab ich noch nicht gefragt.«

»Wer ist sie?« Oda holt ein Päckchen Tabak aus ihrer Umhängetasche und beginnt, sich geschickt eine zu drehen.

»Keine Ahnung. Sie hatte nichts bei sich, keine Papiere, kein Handy. Es ist nirgendwo in der Nähe ein Auto gefunden worden, die Streife hat schon gesucht.«

»Und du hast also die Leiche gefunden?« Oda schickt eine Rauchwolke in die würzige Morgenluft. »Darf ich fragen, was zum Teufel du hier in aller Herrgottsfrühe zu suchen hattest?«

»Pilze.«

»Pilze? Du?« Oda reißt die Augen auf.

»Was ist daran so verwunderlich?«, erwidert Völxen.

»Nichts, gar nichts. Aber ich kenne dich inzwischen seit fünfundzwanzig Jahren, und ich habe dich immer für einen Jäger gehalten, nicht für einen Sammler.«

»Erspar mir dein Psychologengequatsche!«, knurrt Völxen und sagt: »Ich habe ja auch erst damit angefangen. Zusammen mit meinem Nachbarn. Ein begnadeter Pilzsammler«, fügt der Hauptkommissar sarkastisch hinzu und wendet sich um zu Jens Köpcke, der noch immer Oscar an der Leine hält und die Geschehnisse am Tatort aufmerksam verfolgt. Das sei ja eine langwierige Prozedur, im Fernsehen gehe das immer alles viel schneller, hat er vorhin gemeint.

Der Rechtsmediziner scheint fertig zu sein und gesellt sich zu ihnen. »Dr. Schultheiß, Rechtsmedizin.«

»Hauptkommissar Völxen, Polizeidirektion Hannover, das ist meine Kollegin, Hauptkommissarin Oda Kristensen.«

Völxen wäre es lieber gewesen, Dr. Bächle, der Leiter des Rechtsmedizinischen Instituts der Medizinischen Hochschule Hannover, wäre persönlich am Tatort erschienen. Er hat dessen Mobiltelefon angerufen, aber es hat sich nur die Mailbox gemeldet. Kein Wunder, Sonntag früh. Folglich hat man ihm diesen Jungspund geschickt, den Völxen noch nie zuvor gesehen hat. Wobei – gar so jung ist der auch nicht mehr, Ende dreißig, schätzungsweise. Seit Völxen die sechzig überschritten hat, kommen ihm auf einmal sehr viele Leute sehr jung vor.

»So etwas hatte ich wirklich noch nie«, meint Schultheiß.

»Wir auch nicht«, versichert Völxen und erkundigt sich im selben Atemzug nach dem geschätzten Todeszeitpunkt.

»Gestern Abend, grob gesagt zwischen acht Uhr und Mitternacht. Was die Todesursache angeht, gibt es ja kaum Zweifel. Aber wir werden das dennoch sorgfältig prüfen.«

»Herr Doktor! Einen Augenblick noch!« Einer von Fiedlers Leuten nähert sich ihnen und stottert: »Das Dingsda … der Spieß … Der kann nicht drinbleiben, ich meine, im Körper. Wie soll man sie denn sonst in den Transportsarg kriegen? Selbst das Auto ist nicht hoch genug.«

»Sie können ihn vorsichtig extrahieren, ich bin fertig«, meint der Rechtsmediziner. »Die Waffe muss ebenfalls zu uns ins Institut.«

»Schon klar, es ist nur …« Der Mann im weißen Ganzkörperanzug tritt verlegen von einem Fuß auf den anderen. »Er geht nicht raus.«

»Wie?«

»Die Klinge hat sich wohl im Knochen verhakt oder steckt zu fest drin. Könnten Sie das vielleicht machen? Wir wollen ja auch nichts zerstören.«

Der Gefragte seufzt, nickt und wendet sich an Völxen. »Brauchen Sie mich noch?«

»Nein, tun Sie ruhig, was getan werden muss.«

Der Mediziner nähert sich erneut der Leiche. Völxen kehrt dem Geschehen den Rücken zu. Für heute hat er schon genug gesehen, findet er. »Sagen Sie«, fragt er den Spurensicherer, »gibt es Schleifspuren zu der Stelle, an der die Leiche liegt?«

»Nein, wie es aussieht, nicht. Aber der Boden hier ist auch ordentlich zertrampelt, wir konnten schon mindestens sechs verschiedene Sohlenabdrücke sicherstellen, und wir sind erst am Anfang.«

»Eine Party?«, fragt Völxen.

»Eher nicht. Wir haben weder Flaschen noch Zigarettenstummel oder Grillreste gefunden. Es gibt eine Feuerstelle, aber die sieht schon ein paar Tage älter aus.«

»Die vielen Spuren, von wann sind die?«

»Die sind relativ frisch. Höchstens ein, zwei Tage.«

Oscar fühlt sich vernachlässigt und bringt sich bei seinem Herrn in Erinnerung, indem er ungeduldig kläfft.

»Du kannst ruhig gehen, Jens«, sagt Völxen zu seinem Nachbarn. »Oda fährt mich dann nach Hause. Kannst du den Hund mitnehmen? Der stört hier nur, und er hat noch nicht gefrühstückt, deshalb ist er so unleidlich. Da geht es ihm wie mir«, setzt Völxen resigniert hinzu.

Der Hühnerbaron ist einverstanden. Ehe er geht, fasst er in den Korb, mit dem er wahrscheinlich die geernteten Pilze transportieren wollte, und holt ein in Pergamentpapier gewickeltes Päckchen heraus. »Hier, für dich. Nicht, dass du uns noch umkippst.«

»Du bist ein wahrer Freund«, strahlt Völxen und nimmt die Stulle unter Oscars aufmerksamem Blick entgegen.

»Guten Hunger«, bemerkt Oda.

»Ja, nenn mich ruhig ein gefühlskaltes Monster, aber ich habe wirklich einen Sauhunger«, entgegnet Völxen. »Schließlich bin ich schon seit über vier Stunden auf den Beinen und habe noch keinen Bissen gegessen.«

»Oha! Jetzt kommt der Herr des Waldes höchstpersönlich.« Jens Köpcke deutet mit dem Kinn auf einen untersetzten Mann mit einem grauen Haarkranz um seine Halbglatze. Er trägt eine wattierte Weste in Tarnfleckmuster über einem tannengrünen Pullover und braunen Cordhosen. Um seinen Hals hängt ein ziemlich großes Fernglas.

»Da mach ich mich mal lieber vom Acker, mit dem ist nämlich nicht gut Kirschen essen«, meint der Hühnerbaron und setzt sich, den widerstrebenden Oscar im Schlepptau, in Bewegung.

Köpcke hat den Neuankömmling offenbar richtig eingeschätzt. Ehe er und Oscar sich verdrücken können, werden sie von diesem angeblafft: »Sie da! Dass mir die Fußhupe ja an der Leine bleibt! Da ist ein Terrier, das sehe ich, das sind die Schlimmsten!«

Der Hühnerbaron tippt sich grüßend an die Mütze und antwortet seinem Gegenüber in gleichmütigem Tonfall, dass dieser ihn mal kreuzweise könne.

Schau an, der Hühnerbaron auf Krawall gebürstet, denkt Völxen, und als Köpcke sich noch einmal nach ihm umdreht, hebt er den Daumen.

Der Mann mit der Tarnweste hat derweil schon einen neuen Blitzableiter für seine schlechte Laune gefunden und sich mit einem der Streifenpolizisten angelegt, der ihn am Weitergehen hindert.

»Ich will gefälligst wissen, was hier los ist!«

»Sieht man doch«, erwidert der Uniformierte.

Die kleinen, tief liegenden Augen im fleischigen Gesicht des Försters weiten sich, als er über die Schulter des Polizisten späht und die Leiche auf der Lichtung entdeckt. Er murmelt etwas vor sich hin, das wie ein Fluch klingt, dann greift er nach dem Fernglas und pflanzt es sich mit einer routinierten Bewegung auf die rot geäderte Nase.

»Komm, den Giftzwerg knöpfen wir uns vor«, sagt Völxen zu seiner Kollegin, während er mit Bedauern das Leberwurstbrot wieder einwickelt und es in seinem Rucksack verschwinden lässt. Er und Oda gehen hinüber zu dem Mann. Völxen räuspert sich, woraufhin dieser das Fernglas sinken lässt und die beiden Ermittler grimmig ansieht.

Im grimmigen Schauen macht Völxen allerdings keiner so leicht etwas vor. Unter seinen buschigen grauen Augenbrauen heraus fixiert er sein Gegenüber und fragt barsch: »Und Sie sind?«

»Elmar Schutter. Ich bin der zuständige Revierförster. Und Sie?«

»Erster Kriminalhauptkommissar Völxen von der Polizeidirektion Hannover und Besitzer der Fußhupe. Meine Kollegin, Hauptkommissarin Kristensen.«

»Ich habe die vielen Autos bemerkt und wollte nachsehen, was der Aufstand hier soll«, erklärt Schutter etwas gemäßigter.

»Der Aufstand bedeutet, dass wir die Leiche einer jungen Frau gefunden haben«, entgegnet Völxen.

»So schlau bin ich inzwischen auch«, versetzt Schutter.

Er dürfte Mitte fünfzig sein und ist wohl eher der cholerische Typ.

»Hätte mir der Armleuchter, der unten am Weg an der Absperrung steht, auch gleich sagen können. Weiß man schon, wer sie ist?«

»Nein, noch nicht.« Und selbst wenn, würde ich es dir nicht erzählen, fügt Völxen in Gedanken hinzu.

»Kann ich mal einen Blick auf die Leiche werfen?«

»Nein«, antwortet Völxen. »Es sei denn, Sie hätten einen triftigen Grund dafür.«

»Ich glaube, ich kenne sie. Aber ich will nichts Falsches sagen.«

»Gut«, lenkt der Hauptkommissar ein. »Bleiben Sie hinter mir.« Er macht den Männern von der Spurensicherung, die noch in unmittelbarer Nähe der Toten beschäftigt sind, ein Zeichen. Deren Chef, Rolf Fiedler, rollt genervt mit den Augen und winkt dann Völxen und den Förster heran. »Wenn’s denn sein muss.«

»Es muss, danke, Rolf.«

Elmar Schutter wirft lediglich einen kurzen Blick auf das Gesicht der Toten. Er scheint sich mehr für die Waffe zu interessieren, die der Rechtsmediziner inzwischen entfernen konnte und die er neben den Leichnam gelegt hat. Auch Völxen betrachtet nun das Mordinstrument und kann nicht verhindern, dass ihm ein dabei kalter Schauder über den Rücken läuft. Die eiserne Klinge dürfte an die vierzig Zentimeter lang sein. Vor dem Übergang zum hölzernen Schaft sitzt ein Querstück, die Parierstange, wie er noch lernen wird. Mit Schaft und Klinge ist die Waffe deutlich über zwei Meter lang.

»Genug gesehen?«, erkundigt sich Völxen bei seinem Begleiter.

»Das ist eine Saufeder«, konstatiert der Förster.

»Eine was?«

»Eine Saufeder, auch Sauspieß genannt. Eine Jagdwaffe. Damit haben sie früher die Sauen, also die Wildschweine, erlegt.«

Völxen macht mit seinem Handy Fotos von der Waffe, speziell von der überdimensionalen Klinge, die die Form einer lang gezogenen Raute hat, ehe er sich wieder dem Förster zuwendet: »Und das da ist so eine alte Waffe?«

»Ob die wirklich alt ist, weiß ich nicht, solche Dinger werden haufenweise nachgebaut. Das Blatt – die Klinge – ist ganz typisch für eine Saufeder. Sie scheint mir recht scharf zu sein.« Er deutet auf den Riss im Sweatshirt der Toten, den die Waffe hinterlassen hat. »Musste sie ja wohl auch, sonst hätte das nicht so gut geklappt. Treffer mitten ins Herz, würde ich sagen.« In Schutters Stimme schwingt fast so etwas wie Anerkennung mit.

»Sie sagten, Sie könnten die Frau eventuell identifizieren«, erinnert Völxen den Mann, dessen Stärke offensichtlich nicht gerade in der Empathie liegt.

»Kann ich«, bestätigt er. »Das ist eine von den Kobler-Töchtern. Sie heißt Marlene, glaube ich. Ich kenne sie nur vom Sehen, ich hatte mehr mit ihrem Herrn Vater zu tun. Er heißt Georg Kobler.«

»Georg Kobler«, wiederholt Völxen nachdenklich und bedeutet dem Förster, dass sie nun wieder hinter die Absperrung gehen sollten. »Kobler, Kobler« murmelt Völxen unterwegs erneut vor sich hin. »Irgendwie kommt mir der Name bekannt vor.«

»Der war früher mal bei euch«, hilft ihm der Förster auf die Sprünge, als sie wieder am Rand des Geschehens angekommen sind, wo Oda ihren Vorgesetzten fragend ansieht.

»Stimmt. Ich kenne ihn«, dämmert es Völxen. Er wendet sich Oda zu: »Georg Kobler. War mal beim Rauschgift, später bei der Hundestaffel. Kennst du ihn?«

»Äh, ja, schon. Ich meine … den kannte ja wohl jeder. Wieso fragst du?«

»Das Opfer ist seine Tochter. Marlene Kobler.«

Odas Augen weiten sich. »Ach, du Scheiße!«

Völxen kann ihre Reaktion verstehen. Es ist immer doppelt schlimm, wenn es einen aus den eigenen Reihen oder dessen Angehörigen trifft. Und die Ermittlungsarbeit erleichtert es auch nur in den wenigsten Fällen.

»Ich habe ihn bestimmt schon seit zehn Jahren nicht mehr gesehen«, überlegt Völxen laut.

Oda schweigt dazu und drückt ihre Zigarette auf dem Boden aus, wird aber sofort von Elmar Schutter angeschnauzt: »Aufheben!«

»Das ist alles Natur, da ist kein Filter dran.«

»Es ist Abfall, und ich dulde keinen Abfall in meinem Wald.« Elmar Schutter deutet gebieterisch auf das corpus delicti. »Bitte«, fügt er widerstrebend hinzu.

Oda wirft ihm einen gereizten Blick zu, hebt aber ohne einen weiteren Kommentar den Zigarettenstummel auf und lässt ihn in ihrem Tabaksbeutel verschwinden.

Schutter hält sich lieber wieder an Völxen. »Kobler hat vor ein paar Jahren den Hof gekauft, an dem man vorbeikommt, wenn man dem Waldweg weiter nach unten folgt. Er ist der Anführer dieser Spinner«, erklärt er ungefragt.

»Der Spinner?«

»Die nennen sich Prepper. Das ist Englisch und bedeutet … äh …«

Oda kann weiterhelfen. »Es kommt von to be prepared, also vorbereitet sein.«

»Auf was?«, will Völxen wissen.

»Auf den Weltuntergang, die Apokalypse, was weiß denn ich!« Elmar Schutter verzieht verächtlich das Gesicht.

»Jedenfalls veranstalten die noch ein bisschen mehr, als nur Klopapier und Nudeln zu hamstern«, fügt Oda hinzu.

»Diese Spinner – wohnen die alle auf diesem Hof?«, will Völxen vom Förster wissen.

»Nein, nein. Da wohnt nur Kobler mit seinen beiden Töchtern. Die anderen kommen nur tageweise her, vermutlich aus der Stadt. Die gehen mir so was von auf den Sack!«, stößt der Förster hervor.

»Warum denn?«, erkundigt sich Völxen.

»Warum?«, wiederholt Schutter aufgebracht. »Wo soll ich anfangen? Bei ihren Gruppentreffen hier im Wald, ihren albernen Schnitzeljagden und den Survivaltrainings über mehrere Tage, bei denen sie nachts Feuerchen machen, egal wie trocken der Wald und wie hoch die Brandgefahr ist. Sie werfen Äxte in Bäume, keine Ahnung, wieso. Ich kann Ihnen die Schäden zeigen. Außerdem habe ich schon selbst gebaute Fallen gefunden, mit Schlingen, wirklich übles Zeug.«

»Das wäre dann also Wilderei …«, meint Völxen.

»In der Tat. Neulich hat der Hund von einem befreundeten Jäger wie verrückt an einer frisch aufgegrabenen Stelle angeschlagen. Wir dachten schon an alles Mögliche. Und wissen Sie, was es war?«

»Nein«, sagt Völxen am Rand seiner Geduld.

»Eine Kiste mit Konservendosen von der Bundeswehr. Dosenfleisch und Eintöpfe und so Zeug.«

Völxen überlegt, ob das Vergraben von Dosenfleisch und Eintöpfen aus Bundeswehrbeständen einen Straftatbestand darstellt.

»Wir haben es also definitiv nicht mit Gourmets zu tun«, stellt Oda fest.

»Nur der Neugier halber: Was haben Sie damit gemacht?«, erkundigt sich Völxen.

»Ich hab’s zur Tafel gebracht. Die waren auch nicht wirklich begeistert davon. Das mit den Dosen war ja noch harmlos«, fährt der Förster fort. »Im Gegensatz zu seinen Kötern. Ich habe Kobler schon gesagt, wenn ich noch ein einziges Mal einen von denen ohne Leine im Wald sehe, dann fängt er sich eine Kugel ein. Der Köter, nicht Kobler. Obwohl es um den auch nicht schade wäre«, bekennt der Förster offenherzig.

»Von was für Kötern reden wir denn da?«, will Oda wissen.

»Schäferhunde. Diese Malinois, die sie auch bei der Polizei und beim Zoll haben. Neulich hat einer der Jagdgenossen hier ein übel zugerichtetes Reh gefunden. Zuerst dachte man, es wäre ein Wolf gewesen. Aber ich habe gleich gesehen, dass das ein Hund gewesen sein muss. Ein Wolf tötet ganz anders: ein Biss durch die Kehle, und Schluss ist. Der richtet nicht so ein Gemetzel an.«

Völxen muss schlucken. Als Besitzer von vier Schafen und einem Schafbock reagiert er sensibel auf das Thema Wölfe.

»Wie dem auch sei«, fährt Schutter fort, »es wurden Speichelproben ins Labor geschickt, und siehe da, es war definitiv ein Hund. Ein Schäferhund, um genau zu sein.«

»Das kann man feststellen?«, fragt Oda.

»Jawohl, Frau Kommissarin, das lässt sich sogar ganz genau feststellen.«

»Was ist aus der Sache geworden?«, will Völxen wissen.

»Eine Streife ist zu seinem Hof gefahren. Kobler hat gemeint, wenn die Herren Speichelproben von seinen Hunden nehmen möchten, bitte schön, dann sollen sie das ruhig tun. Natürlich hat sich das keiner getraut, und die Streife ist wieder weggefahren. Die Sache ist im Sande verlaufen, wie üblich. Ein Ex-Bulle hat eben immer noch Beziehungen, und eine Krähe hackt der anderen bekanntlich kein Auge aus.«

Völxen seufzt innerlich und spart sich eine Entgegnung. Gerade wird der Transportsarg von der Lichtung getragen. Einer der Spurensicherer läuft hinterher, die Tatwaffe in der Hand.

»Man kann also sagen, dass Sie mit Kobler das eine oder andere Hühnchen zu rupfen haben«, fasst Oda zusammen.

»Das kann man sagen, allerdings«, gesteht Schutter freimütig. »Aber das gilt für ihn, nicht für seine Tochter.«

»Gehörte die auch zu diesen Spinnern?«

»Klar, was glauben Sie denn?«, erwidert Schutter. »Ach ja, und diese Saufeder … Ich verwette meinen Allerwertesten, dass die auch aus deren Bestand stammt. Jedenfalls habe ich die Bande schon damit hantieren sehen.«

»Tatsächlich?« Völxen ist hellhörig geworden. »Was machen die denn damit?«

»Wie gesagt, sie halten hier regelmäßig ihre Übungen ab. Erst gestern waren sie wieder zugange.«

»Mit der Saufeder?«

»Nein, gestern nicht, soviel ich gesehen habe. Aber neulich, vor ein paar Wochen …« Der Förster hält inne und fängt auf einmal an zu kichern. Er hält sich die Hand vor den Mund, aber es scheint, als könne er gar nicht wieder damit aufhören.

»Herr Schutter! Ich muss doch bitten«, ermahnt ihn Völxen.

»Entschuldigung«, japst der Förster. »Es ist nur … Sie hätten das sehen sollen.« Er hat sich wieder einigermaßen gefasst und berichtet: »Da hockt also so ein Typ im Baum und hat eine Saufeder in der Hand. Und ein anderer von diesen Vollpfosten zieht einen Strohballen an einem Strick unter dem Baum lang. Das sollte wohl die Wildsau sein.« Schutter muss schon wieder kichern. »Und der oben im Baum wirft dann die Saufeder auf den Strohballen. Damit üben sie das Erlegen eines Wildschweins. Falls es mal schlechte Zeiten gibt.«

Sogar Völxen und Oda müssen ein wenig grinsen.

»Als ob das jemals klappen würde!« Der Mann schüttelt den Kopf. »Ganz abgesehen davon, dass eine Saufeder kein Wurfspeer ist.«

»Sondern?«, fragt Völxen.

»Damit fängt man bei einer Drückjagd die Sau ab. Man hat Hunde, meistens Terrier, die die Sau aufstöbern und hetzen, und der Jäger wartet am Wildwechsel, bleibt stehen und lässt die Sau auflaufen. Mir geht jedes Mal das Messer in der Tasche auf, wenn ich diese Dilettanten damit herumfuchteln sehe. Ich wette, wenn einem von denen wirklich mal ein ausgewachsener Keiler begegnet, dann nimmt der die Beine in die Hand und schreit nach seiner Mami!«

»Ist es denn erlaubt, damit auf die Jagd zu gehen?«, will Oda wissen.

»Sagen wir so: Es ist nicht verboten. Aber natürlich macht das heute kaum noch ein Jäger. Das ist nämlich hochgradig gefährlich, das war früher schon eine Mutprobe, die nicht jeder bestanden hat. Ganz selten wird heute eine Saufeder noch anstatt eines Fangschusses verwendet. Das heißt, wenn das Tier schon verletzt ist. Das bringt die Hunde weniger in Gefahr als ein Schuss und schont deren Gehör. Aber das muss man wirklich gut können, sonst ist es eine Tierquälerei und alles andere als waidgerecht. Und wie gesagt, es ist ausgesprochen gefährlich. Die meisten Saufedern hängen heutzutage lediglich als Dekoration über Kaminen und in Jagdhütten herum.«

»Herr Schutter, waren Sie gestern Abend auch im Wald unterwegs?«, fragt Völxen.

»Ja, war ich. Aber nicht in dieser Gegend.«

»Ist Ihnen irgendetwas aufgefallen? Fremde Fahrzeuge vielleicht?«

»Wie gesagt: Ich war nicht hier, ich war weiter westlich unterwegs, Richtung Barsinghausen. Mir ist nichts aufgefallen.«

»Und was haben Sie hinterher gemacht?« Die Frage sollte beiläufig klingen, aber Schutter riecht den Braten und sagt: »Wenn Sie mich damit nach meinem Alibi fragen: Ich war bis halb neun unterwegs, danach wird es ja jetzt schon dunkel. Und dann war ich zu Hause. Abendessen, fernsehen. Ich wohne allein, es gibt also niemanden, der das bezeugen kann.«

»Dann danke ich erst einmal für die Auskünfte«, sagt Völxen.

Schutter lässt als Antwort ein Grunzen hören und macht Anstalten zu gehen. Dann fällt ihm wohl doch noch etwas ein: »Wenn Sie den Hof von Kobler auseinandernehmen, vergessen Sie nicht den Bunker.«

»Den Bunker?«, wiederholt Oda.

»In der Nähe ist ein alter Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg. Den hat er auch gleich mitgekauft.«

»Danke für den Hinweis«, sagt Völxen. »Aber zunächst einmal überbringen wir nur eine Todesnachricht.«

Kapitel 3 – My home is my castle

Der dunkelgrüne Lack des Mini Countryman passt exakt zu Odas Trenchcoat. Der Wagen, der innen noch ganz neu riecht, holpert über den Waldweg. Oda Kristensen sitzt am Steuer, sie hat den Mantel inzwischen ausgezogen und die Gummistiefel gegen schwarze Pumps ausgetauscht.

»Wieso lässt du die Fenster runter? Die ganzen Mücken kommen rein«, beschwert sich ihr Chef mit vollem Mund.

»Weil dein Frühstück bestialisch stinkt.«

Völxen nimmt einen weiteren Bissen von dem Brot mit der groben Leberwurst und nuschelt etwas von einem geschenkten Gaul, dem man nicht ins Maul schauen dürfe.

»Krümel mir ja nicht die Sitze voll!«

Nachdem Hauptkommissar Völxen sein Mahl beendet hat, telefoniert er mit Fernando Rodriguez, der sich anhört, als hätte man ihn aus dem Schlaf gerissen. Dabei ist es inzwischen schon fast zehn. Völxen erklärt ihm, was vorgefallen ist, und um Protest vorzubeugen, sagt er: »Ich möchte nur, dass du erreichbar bist, falls ich dich doch noch brauche.«

»Aber Jule und ich wollten heute mit Leo und meiner Mutter in den Zoo!«

»Natürlich könnt ihr in den Zoo«, säuselt Völxen. »Du sollst nur dein Handy anlassen. Und leg vorsichtshalber deinen Laptop in den Kinderwagen.« Damit ist für ihn das Gespräch beendet.

Oda wirft ihm einen Seitenblick zu und beißt sich auf die Lippen.

»Was?«, grunzt er.

»Nichts, gar nichts.«

»Herrgott, ist doch wahr!«, regt Völxen sich auf. »Hätte ich früher zu meinem Chef gesagt, ich müsse mit Wanda in den Zoo, nachdem es einen Mord gegeben hat, hätte ich eine Woche später den Verkehr im Emsland geregelt.«

»Und wie oft hast du Wanda als Kleinkind zu Gesicht bekommen?«

»Schon gut«, wehrt Völxen ab. »Ich weiß, die Zeiten haben sich geändert. Demnächst geht er sogar in Vaterschaftsurlaub.«

»Ist doch in Ordnung«, findet Oda.

»Trotzdem: Was kriegt ein wenige Monate altes Baby schon vom Zoo mit?«

»Schreie exotischer Tiere, die in seinem späteren Leben ausgestorben sein werden.«

»Wetten, wenn ich jetzt Raukel anrufe, bekomme ich zu hören, dass ihm dieser Mordfall gerade ganz ungelegen kommt, weil er zum Pferderennen muss oder zu einer Whiskyverkostung.«

»Was musst du auch am Sonntag früh eine Leiche finden?«, kontert Oda. »Tian und ich hatten heute auch etwas Besseres vor. Und doch bin ich hier.«

»Dafür gebe ich dir ein Fleißbildchen.«

»Was ist mit Rifkin? Warum rufst du sie nicht an? Die würde doch sofort alles stehen und liegen lassen und Gewehr bei Fuß dastehen.«

Da ist etwas dran. Hauptkommissarin Elena Rifkin, seine jüngste und diensteifrigste Mitarbeiterin, würde nicht herumnölen und nach Ausreden suchen, sondern zackig fragen, was für eine Aufgabe Völxen für sie hätte. »Rifkin nützt mir leider nichts, die ist die ganze nächste Woche auf einem Seminar in Duisburg.«

»Was denn für eines?«, erkundigt sich Oda neugierig.

»Techniken für Anhörung und Vernehmung.«

»Die Rolle des bad cop beherrscht sie ja schon«, bemerkt Oda. »Man könnte meinen, du hättest sie von der CIA abgeworben und nicht vom Kriminaldauerdienst.«

Der Mini biegt ab und fährt auf ein umzäuntes Grundstück zu. Elmar Schutter, der Förster, hat ihnen den Weg beschrieben, aber es ist ohnehin weit und breit das einzige Haus in der Gegend.

»Nicht besonders weit entfernt vom Tatort«, stellt Oda nach einem Blick auf den Tageskilometerzähler fest. »Gerade mal achthundert Meter und dann noch das kleine Stück Fußweg durch den Wald.«

Sie sind am Ende der Zufahrt zu Georg Koblers Anwesen angekommen. Völxen schält sich aus dem Kleinwagen und sieht sich um, während Oda noch ein paar Brotkrümel vom Beifahrersitz fegt, dann aussteigt und sich eine Zigarette dreht.

Der hohe Zaun, der das Gehöft umgibt, besteht aus versetzt übereinanderliegenden metallenen Lamellen. Darüber spannen sich zwei Reihen Stacheldraht. Über dem Tor der Einfahrt befindet sich eine Kamera, deren Winkel vermutlich auch die Pforte daneben erfasst.

»Da hat aber einer ein großes Sicherheitsbedürfnis«, bemerkt Völxen. »Das ist ja die reinste Festung.«

An der Pforte gibt es eine Klingel ohne Namensschild. Beide verharren für einen Moment davor, um sich innerlich für ihre Aufgabe zu wappnen. Völxen spürt, wie eine wachsende Beklemmung von ihm Besitz ergreift. So oft schon hat er Todesnachrichten überbringen müssen, doch es wird dadurch nicht leichter, ganz im Gegenteil. Unwillkürlich muss er an seine Tochter Wanda denken und wie es wohl wäre, wenn eines Sonntagmorgens zwei Kollegen vor der Tür stünden … Binnen einer Sekunde wäre sein und Sabines Leben zerstört, oder jedenfalls so unheilbar beschädigt, dass sie nur noch existieren würden, mehr nicht. Er schüttelt sich, denn ihn schaudert vor seinen eigenen Gedanken.

Oda legt ihm die Hand auf die Schulter, und Völxen holt tief Luft. Wie sagt man einem Vater, dass jemand seine Tochter mit einer Saufeder aufgespießt hat?

»Mir graust«, gesteht er. »Es ist noch schlimmer, wenn man jemanden kennt. Wobei kennen zu viel gesagt ist …«

»Ich weiß, was du meinst«, seufzt Oda. »Sag mal, muss ich unbedingt mit rein? Kann ich nicht im Wagen warten, und du …?«

»Was? Wieso, was ist denn los mit dir?«

»Nichts, ich meine nur …«

Völxen ahnt, dass ihr gerade ähnliche Gedanken wie ihm durch den Kopf gehen, denn auch Oda hat eine Tochter in den Zwanzigern, Veronika. »Es geht mir auch nah, aber wir müssen uns zusammenreißen«, ermahnt er seine Mitarbeiterin. »Das ist schließlich unser Job.«

Ihre Ankunft ist nicht unbemerkt geblieben. Wütendes Hundegebell ist hinter dem Zaun zu hören. Kurz darauf ertönt eine tiefe, durchdringende Männerstimme, die den Tieren befiehlt, ruhig zu sein und Sitz zu machen.

Die Pforte wird geöffnet, und Georg Kobler steht vor ihnen, aufrecht wie ein Turm, in olivgrünen Bundeswehrhosen und einem grauen T-Shirt, dessen kurze Ärmel von seinen kräftigen Armmuskeln gedehnt werden. Das Gesicht des Mittfünfzigers ist gebräunt, der Blick aus graugrünen Augen klar und durchdringend. Völxen will gerade den Mund aufmachen, da sagt Kobler: »Völxen. Und Madame Kristensen, na so was! Lange nicht gesehen, aber gleich wiedererkannt.«

Völxen ist dagegen gar nicht sicher, ob er den früheren Kollegen wiedererkannt hätte. Ihre letzten Begegnungen reichen bestimmt schon zehn Jahre zurück, als Kobler noch beim Kommissariat für Drogendelikte war. Damals hatte dieser noch eine schulterlange Matte, einen Fünftagebart und machte gern auf cool und lässig. Heute ist sein ehemals dunkles Haar grau und auf fünf Millimeter abrasiert, und die Züge des glatt rasierten Gesichts mit den markanten Falten sehen aus wie gemeißelt. Trotzdem macht er immer noch etwas her, was unter anderem an seiner athletischen Figur und der selbstbewussten Ausstrahlung liegt.

Wann und aus welchem Grund Georg Kobler den Polizeidienst verlassen hat – oder verlassen musste –, weiß Völxen nicht, und falls es Klatsch oder Gerüchte gab, hat er sie entweder nicht mitbekommen oder inzwischen wieder vergessen.

»Was ist los? Hat sich wieder irgendein Kleingeist über mich oder meine Hunde beschwert?«

»Dürfen wir reinkommen?«, fragt Völxen.

Kobler schaut ihn lauernd an, dann nickt er. Offenbar dämmert ihm gerade, dass es um etwas Ernsteres gehen muss, denn zu Völxens Aufgabenbereich gehören weder streunende Hunde noch Wildereidelikte, das dürfte Kobler noch aus alten Zeiten bekannt sein.

»Ich bring nur rasch die Hunde weg. Sicher ist sicher.« Er nähert sich seinen drei Malinois-Schäferhunden, die in aufrechter Haltung exakt nebeneinandersitzen und die beiden Besucher fixieren. Ein Fingerschnippen und ein leises Kommando, und sie springen auf und folgen ihrem Besitzer zu einem Zwinger aus Stahlgitter, der sich an ein Stallgebäude anschließt.

Nachdem die drei Tiere weggesperrt sind, wagen sich Oda und Völxen auf das Gelände. Das Anwesen ist deutlich größer als das alte Bauernhaus, das Völxen vor langer Zeit gekauft und nach und nach liebevoll und nicht immer perfekt renoviert hat. Auch an Koblers Hof ist einiges gemacht worden, aber offenbar hat der Besitzer mehr Wert auf Zweckmäßigkeit als auf Ästhetik gelegt. Das Wohngebäude besteht aus rotem Backstein, dem die neuen Fensterrahmen aus Kunststoff einiges von seiner strengen Würde nehmen. Solarpanels bedecken die gesamte südliche Hälfte der Dachfläche von Wohnhaus und Stall. Im Gemüsegarten wächst alles in Reih und Glied, auf schmückendes Beiwerk in Form von Blumen wurde verzichtet. Daneben, in einem Gehege, leben Hühner, Enten, Gänse und Stallhasen. Eine alte Badewanne dient dem Geflügel als Teich, ein paar Sträucher spenden Schatten. Die restliche Fläche zwischen dem Wohnhaus und dem Stall ist betoniert. In einem geräumigen Carport parken ein Defender, ein älterer roter VW Polo und ein grauer Mercedes Kombi, ebenfalls ein älteres Baujahr. Vor dem Stall türmt sich ein Misthaufen auf. Schweinemist, eindeutig am Geruch erkennbar. Es gibt weder Blumenkästen noch Pflanzkübel, auch kein Blumenbeet, ganz zu schweigen von Firlefanz wie Türkränzen oder Gartenkunstwerken, wie sie in Völxens Heim im Übermaß vorhanden sind. Hier ist alles auf Zweckmäßigkeit ausgerichtet. Eine Biertischgarnitur mit einem Sonnenschirm steht an der Wand neben der Haustür, immerhin.

Kein Zweifel, erkennt Völxen, Kobler ist nicht auf diesen Hof gezogen, um seine Landlust-Fantasien zu verwirklichen, und er scheint auch kein Ökobauer zu sein, denn solche Höfe sehen ebenfalls anders aus als das hier, für das Völxen gerade nicht die passenden Worte findet. Obwohl die Sonne mittlerweile hoch steht und herunterbrennt, fröstelt ihn ein wenig.

Kobler kommt zurück, bittet die Ermittler ins Haus und führt sie in die geräumige, gut ausgestattete Küche. Auch in diesem Raum geht Funktionalität vor Schönheit. Das einzig Dekorative ist ein alter Holz- und Kohleherd, der dem Elektroherd Konkurrenz macht. Kobler weist auf eine Eckbank, aber die beiden Besucher bleiben lieber stehen.

»Herr Kobler …«, beginnt Völxen, wird aber sogleich von diesem unterbrochen.

»Herr Kobler? Waren wir nicht mal beim Du? Oder gilt das nicht für Ex-Kollegen?«

Völxen weiß nicht mehr, ob sie beim Du waren, wahrscheinlich schon. Gerade allerdings wäre Völxen das distanziertere Sie lieber, aber er möchte Kobler nicht brüskieren. »Es ist etwas Schreckliches passiert«, platzt er heraus, um es hinter sich zu bringen. »Deine Tochter Marlene wurde tot aufgefunden. Oben im Wald, auf einer Lichtung.«

Koblers Haltung und Blick werden starr. Dann schaut er Oda an, als wolle er sich bei ihr vergewissern, ob das, was Völxen gesagt hat, wahr ist.

Oda nickt kaum merklich und senkt dann den Blick, wobei sie flüstert, dass es ihr schrecklich leidtue.

»Was für ein Blödsinn!«, stößt Kobler hervor, dreht sich um, rennt hinaus auf den Flur und dann mit wenigen Schritten eine Treppe hinauf, wobei er mehrmals »Marlene« brüllt. Völxen und Oda hören, wie oben eine Tür aufgerissen wird. »Marlene?«

Weitere Türen werden geöffnet.

»Marlene!«

Eine weibliche Stimme fragt, was denn los sei.

»Wo ist deine Schwester?«, schreit Kobler.

Die Antwort ist nicht zu verstehen.

Eine Tür knallt zu, danach hört man Kobler die Treppe wieder hinabpoltern.

Verborgen von den Kräutertöpfen auf der Bank des Küchenfensters, beobachten Völxen und Oda, wie Kobler zur Haustür hinausrennt, den Hof überquert, die Stalltür aufreißt und gleich wieder herauskommt. Dabei ruft er immer wieder den Namen seiner Tochter, und je öfter er vergeblich nach ihr ruft, desto mehr schlägt sein Ton um in Verzweiflung. Oda stößt einen tiefen Seufzer aus und lässt sich auf einen Stuhl sinken. Völxen ist auf dem Weg nach draußen, aber da kehrt Kobler mit weit ausgreifenden Schritten wieder ins Haus zurück. Doch anstatt wieder in die Küche zu kommen, öffnet er eine Stahltür am Ende des Flurs. »Marlene?«, ruft er, dann fällt die Tür zu, und man hört nichts mehr.

Völxen öffnet die Stahltür, durch die Kobler gerade gegangen ist. Stufen aus Beton führen abwärts.

»Ich warte lieber mal hier oben«, meint Oda, die hinter ihn getreten ist.

»Was ist nur heute los mit dir?«, entgegnet Völxen. »Ständig versuchst du zu kneifen.«

»Ich mag keine Keller.«

»Wer mag die schon außer Asseln? Los jetzt.« Beide bewegen sich langsam die steinerne Treppe hinab.

»Hallo?«, ruft Völxen. »Dürfen wir runterkommen?«

Keine Antwort.

Kobler sitzt mit hängenden Schultern auf einem von mehreren Plastikfässern und starrt den Betonboden an.

Völxen schaut sich fasziniert um. Der Raum hat normale Zimmerhöhe und dürfte gute hundert Quadratmeter groß sein. Deckenhohe Regale und Stahlschränke sind so angeordnet, dass sie den Raum dreiteilen. Auch an den Wänden stehen Regale und Spinde. Stählerne Tonnen tragen Aufschriften wie Weizen, Roggen, Reis, Linsen. Es gibt paketweise Kerzen, Fackeln, Feuerzeuge, Batterien, Flaschen mit Petroleum, Toilettenpapier und Tabletten zur Desinfektion von Trinkwasser. Ein Regal beherbergt Werkzeuge und Baumaterialien, ein anderes ist gefüllt mit Gläsern mit Marmelade, Honig und Erdnussbutter, aber auch Kaffee, Tee, Gewürze, Kekse und Schokolade sind im Übermaß vorhanden. Einige Lebensmittel stammen definitiv nicht aus dem Supermarkt. Bundeswehr Einmannpackung, steht auf den Vakuumtüten, und es gibt ähnliche Packungen mit englischen und französischen Aufschriften. Gleich daneben befindet sich die medizinische Abteilung: Verbände aller Art, Krücken, Schienen, ein Defibrillator. Sogar ein Sauerstoffgerät kann Völxen auf die Schnelle erkennen. Ein Spind mit einer Glasscheibe beherbergt Medikamente; Schmerzmittel, Antibiotika, Narkosemittel. In einer Ecke lagern mindestens ein Dutzend zusammengeklappte Feldbetten. Es gibt zwei Stromgeneratoren, etliche Kanister mit Diesel und Benzin und solche mit Trinkwasser. In einem Gestell lehnen diverse Äxte, und an einem Magnethalter haften Messer unterschiedlicher Größe. Ein Tresor wurde in die Wand eingelassen, daneben steht ein Waffenschrank. Völxen wüsste gerne, ob Kobler die Waffen, die sich vermutlich darin befinden, auch tatsächlich besitzen darf, aber dies ist nicht der Zeitpunkt, um das zu klären.

Endlich hebt Kobler den Kopf und blickt die beiden Ermittler hilflos an. »Hier ist sie auch nicht.«

»Ich weiß«, sagt Völxen sanft.

»Aber … aber ihr Auto ist doch da. Der rote Polo!«

»Können wir raufgehen und dort reden?« Denn Völxen vernimmt nur ungern einen Zeugen, wenn überall Äxte und Messer zur Hand sind.

Kapitel 4 – Des Hasen Tod

Kurz darauf sitzen sie wieder zu dritt in der Küche. Oda hat vorsorglich ein Glas mit Wasser gefüllt und es vor Kobler hingestellt.

»Also ist es wahr«, flüstert er. Sämtliche Farbe ist aus seinem Gesicht gewichen.

»Um sicherzugehen, würde ich dir gerne ein Foto zeigen«, sagt Völxen. »Geht das?«

Kobler nickt und trinkt einen Schluck aus dem Wasserglas. Völxen sucht derweil eine Aufnahme heraus, auf der nur das Gesicht des Opfers zu sehen ist, und hält es dem Vater der Ermordeten hin. Der zieht scharf die Luft ein und nickt dann. »Ja, das ist meine Tochter Marlene.« Seine Stimme klingt zittrig, und er wischt sich mit beiden Handrücken über die Augen.

Völxen lässt ihm etwas Zeit.

»Was ist passiert?«, fragt Kobler schließlich.

»Wie es aussieht, wurde sie mit einer sogenannten Saufeder erstochen. Nach ersten Schätzungen zwischen acht Uhr abends und Mitternacht. Die Tat geschah vermutlich auf einer Lichtung, knapp einen Kilometer entfernt von hier. Sie war vollkommen bekleidet, und die Waffe … also … es muss sehr schnell gegangen sein, wir haben kaum Blut gefunden.«

Kobler presst die rechte Hand auf seinen Mund. Er atmet schwer, als kämpfe er gegen eine aufkommende Übelkeit an.

»Ich kenne diese Lichtung. Dort halten wir manchmal unser Wildnistraining ab, es ist der Treff- und Sammelpunkt.«

»Wir hörten davon«, sagt Völxen. »Erzähl uns bitte etwas über Marlene«, fordert er Kobler auf.

»Sie ist … sie war … mein Gott …« Er steht auf, läuft zur Spüle und schnäuzt in ein Tuch von der Küchenrolle. Dann setzt er sich wieder an den Tisch. »Sie war einundzwanzig«, sagt er mit festerer Stimme und fragt: »Wer hat sie gefunden?«

»Ich«, antwortet Völxen. »Und mein Nachbar. Wir wollten Pilze sammeln. Mein Hund hat plötzlich gebellt, und da haben wir sie gesehen.«

Oda, die bisher recht still war, meldet sich zu Wort und fragt ihn nach Marlenes Beruf oder Ausbildung.

»Sie hat noch studiert. Tiermedizin an der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Das war ihr Traum, seit sie klein war.«

»Wer könnte ihr das angetan haben? Hast du irgendeinen Verdacht?«, will Völxen wissen.

Kobler starrt ins Leere. Er scheint abwesend, aber vielleicht denkt er auch nach. Schließlich sagt er: »Ich kann mir das nicht erklären. Sie war ein liebes, freundliches Mädchen, sie ist mit allen gut ausgekommen.«

»Hatte sie einen Freund?«, frag Völxen.

»Ja, seit ungefähr zwei Jahren. Bastian Raimann. Guter Typ, für den lege ich meine Hand ins Feuer.«

»Was ist mit der Mutter der beiden?«, will Oda wissen.

»Wir sind seit zwölf Jahren geschieden. Meine Töchter sind von Anfang an bei mir geblieben.«

»Das ist ungewöhnlich«, meint Völxen.

Kobler zuckt nur mit den Achseln.

»Wie war das Verhältnis zu ihrer Mutter jetzt?«, will Oda wissen.

»Sie hatten nicht viel Kontakt, glaube ich. Ich habe mich nicht eingemischt. Sie sind beide erwachsen und können treffen, wen sie wollen.«

»Wann hast du Marlene zuletzt gesehen?«, fragt Völxen.

»Vorgestern, am Freitagabend«, antwortet Kobler, ohne zu zögern. »Gestern war ich den ganzen Tag weg, ich bin schon um halb sieben losgefahren, da lagen die beiden natürlich noch im Bett, besonders Marlene war keine Frühaufsteherin.«

»Wo warst du?«, fragt Völxen.

»Ich habe ein Teambuilding-Seminar in Hessen geleitet, mit einer Gruppe von Bankern aus dem mittleren Management der LZB. Ich bin Hunde- und Survivaltrainer, wobei ich es lieber Wildnistraining nenne. Ihr könnt euch meine Webseite anschauen. Etwa gegen elf Uhr abends bin ich zurückgekommen. Da habe ich keine der beiden mehr angetroffen, also habe ich angenommen, dass sie schon schlafen. Ich wollte eben Frühstück machen und sie dann wecken.« Er ringt ein Schluchzen nieder.

»Waren die Hunde dabei, bei diesem Seminar?«, will Oda wissen.

»Nein.«

»Wo waren die Hunde gestern Abend?«

»Die laufen nachts frei auf dem Grundstück herum. Als ich nach Hause gekommen bin, waren sie jedenfalls nicht im Zwinger. Sie sind da ohnehin nicht oft. Nur wenn jemand kommt, den sie nicht kennen.«

Ende der Leseprobe