Fürstenkrone Staffel 4 – Adelsroman - Laura Martens - E-Book

Fürstenkrone Staffel 4 – Adelsroman E-Book

Laura Martens

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21,99 €

Beschreibung

Romane aus dem Hochadel, die die Herzen der Leserinnen höherschlagen lassen. Wer möchte nicht wissen, welche geheimen Wünsche die Adelswelt bewegen? Die Leserschaft ist fasziniert und genießt "diese" Wirklichkeit. E-Book 31: Wir beide auf der Fahrt ins Glück E-Book 32: In deinen Armen tanz ich ins Glück E-Book 33: Frag nur dein Herz, Isabelle! E-Book 34: Als du in mein Leben kams E-Book 35: Einsam und ein Herz voller Sehnsucht E-Book 36: Solche Augen lügen nicht! E-Book 37: Die Entscheidung des Fürsten Reilingen E-Book 38: Weil meine Sehnsucht dir gehört, Mariella! E-Book 39: Glaub an das Glück, Charlotte E-Book 40: Die Gefangenen von Schloß Ahrgau

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Seitenzahl: 1282

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Inhalt

Wir beide auf der Fahrt ins Glück

In deinen Armen tanz ich ins Glück

Frag nur dein Herz, Isabelle!

Als du in mein Leben kamst

Einsam und ein Herz voller Sehnsucht

Solche Augen lügen nicht!

Die Entscheidung des Fürsten Reilingen

Weil meine Sehnsucht dir gehört, Mariella!

Glaub an das Glück, Charlotte

Die Gefangenen von Schloß Ahrgau

Fürstenkrone – Staffel 4–

E-Book 31-40

Laura Martens Gabriela Stein Norma Winter Bianca Maria Melanie Rhoden Sybille von Sydow Silva Werneburg Donata von Hohenbrunn Myra Myrenburg

Wir beide auf der Fahrt ins Glück

Anabel wusste nicht, wer Alexander in Wirklichkeit war …

Roman von Laura Martens

Anabel von Mohn warf einen flüchtigen Blick in den Spiegel, bevor sie das Bad verließ und die Tür hinter sich schloss. »Es wird allerhöchste Zeit, dass ich zum Friseur komme.« Sie fuhr mit der rechten Hand in ihre schulterlangen rotblonden Locken. »Unser Landausflug gestern hat sich nicht besonders günstig auf meine Haare ausgewirkt.«

»Meinen Haaren hat der Kamelritt durch die Wüste nichts ausgemacht, Tante Anabel«, erklärte ihre zehnjährige Nichte und schaute von dem Buch auf, in dem sie las. Sie seufzte tief auf. »Wenn ich einmal groß bin, werde ich bestimmt Archäologin.« Nachdenklich sah sie ihre Tante an. »Ob es schwierig ist, Hieroglyphen zu lernen?«

»Das kommt darauf an, wie groß dein Interesse daran ist, Lea Marie«, meinte Anabel. Sie erinnerte ihre Nichte daran, dass sie noch vor einigen Tagen Meeresbiologin werden wollte. »Noch hast du Zeit, dir deinen zukünftigen Beruf zu überlegen. Was wollte ich in deinem Alter nicht alles werden.«

»Ist Innenarchitektin nicht dein Traumberuf gewesen, Tante Anabel?« Lea Marie schlug ihr Buch zu und stand von der Couch auf, die einen großen Teil des kleinen Wohnraums der Suite einnahm, die sie auf der ›Santa Maria‹ gebucht hatten. »Wenn du zum Friseur gehst, hole ich mir ein neues Buch aus der Bibliothek. Bestimmt haben sie auch Bücher über Ägypten.«

»Kleine Leseratte.« Anabel legte zärtlich den Arm um die Schultern ihrer Nichte. Seit dem Tod ihrer Schwester vor fünf Jahren sorgte sie für Lea Marie. Während des Studiums war es nicht leicht gewesen, dem Kind Vater und Mutter zu ersetzen, doch seit sie sich als Innenarchitektin selbstständig gemacht hatte, konnte sie sich ihre Zeit freier einteilen als früher. Dazu kam, dass es sich bei Lea Marie um ein sehr ruhiges Kind handelte, dessen liebster Zeitvertreib das Lesen war.

Beide verließen die Suite und stiegen die breite, mit einem roten Teppich belegte Treppe hinunter, die zum Hauptdeck führte. »Bis nachher, Lea Marie.« Anabel küss­te das Mädchen auf den Haaransatz. »Wir treffen uns in eineinhalb Stunden im Café auf dem Sonnendeck, dann spendiere ich uns einen großen Eisbecher.«

Lea Marie kannte sich inzwischen an Bord der ›Santa Maria‹ bestens aus. Sie waren vor einer Woche in Tunesien an Bord gegangen. Da ihre Tante ihr vertraute, durfte sie sich frei auf dem Schiff bewegen. Das war auch gut so, denn die ersten drei Tage der Reise hatte ihre Tante mit einem Anfall von Seekrankheit zu kämpfen gehabt. Es wäre schrecklich gewesen, hätte sie in dieser Zeit nichts unternehmen dürfen.

Lea Marie stieg ein Stockwerk weiter hinunter. Die Schiffsbibliothek in der Nähe des Büros, die Geschäftsleuten für ihre Arbeit zur Verfügung standen, nahm zwei große Räume ein. Hier kannte man sie schon. Eine freundliche Bibliothekarin half ihr bei der Suche nach einem auch für ein Kind verständlichen Buch über Ägypten. Lea Marie wollte bereits die Bibliothek verlassen, als sie ein weiteres Buch entdeckte, das sie interessierte.

»Kann ich es auch mitnehmen?«, fragte sie.

»Gern«, antwortete die Bibliothekarin und tippte ihren Namen und die Nummer ihrer Suite in den Computer ein.

Vom Atlantikdeck ging es zum Pazifikdeck hinunter und von dort zu den A-, B- und C-Decks. Bis zum C-Deck hatte es Lea Marie noch nie geschafft. Da sie Zeit hatte, beschloss sie, auf Erkundungstour zu gehen.

Je tiefer Lea Maria in den Schiffsbauch eindrang, umso un­übersichtlicher wurden die Gänge, durch die sie kam. Schon nach wenigen Minuten hatte sie sich hoffnungslos verlaufen. Statt zu den Gymnastikräumen zu gelangen, stand sie mit einem Mal in einem Gang, der zu den Mannschaftsquartieren führte. Ratlos blickte sie sich um. Angst hatte sie nicht, denn über kurz oder lang würde jemand kommen, der ihr den richtigen Weg wies.

Alexander Nelson Prinz von Lichtenberg verließ das Hospital, in dem er eine Vitamin-B-Infusion erhalten hatte. Wie Anabel und ihre Nichte war er in Tunesien an Bord der ›Santa Maria‹ gegangen. Da er nichts Besseres zu tun hatte, beschloss er, sich diesen Teil des Schiffes näher anzusehen. So kam es, dass er Lea Marie entdeckte, die ratlos in einem der Gänge stand. Sein Blick fiel auf die beiden Bücher, die das Mädchen in den Händen hielt. Um seine Lippen huschte ein Lächeln.

»Hast du dich verlaufen?«, erkundigte er sich auf Deutsch.

Lea Marie nickte. »Ich wollte mich nur ein bisschen umsehen.« Sie blickte zu ihm auf. »Zeigen Sie mir bitte, wie ich zu der Treppe zurückfinde, die nach oben führt?«

»Gern.« Er wies auf das oberste der Bücher. »Ich kenne es«, sagte er. »Ich habe es erst im letzten Jahr gelesen. Allerdings die englische Originalausgabe.«

»Sie sind erwachsen«, erklärte Lea Marie ungläubig.

»Und da meinst du, ein Erwachsener würde sich nicht mehr für die Abenteuer des Kapitäns Schwarzauge interessieren?«

Das Mädchen nickte. »Die Abenteuer des Kapitäns Schwarzauge gehören zu meinen Lieblingsbüchern. Zu Hause steht es in meinem Bücherregal, weil ich es unbedingt wieder lesen möchte.«

»Komm.« Alexander Nelson berührte flüchtig ihre Schulter. »Dort geht es zur Treppe.« Er wies nach rechts. »Wie heißt du?«

»Lea Marie von Mohn.«

»Ich bin Alexander Nelson, Lea Marie«, stellte er sich vor. »Ich habe das Buch wirklich gelesen. Manche Kinderbücher interessieren eben auch so uralte Menschen wie mich.«

Lea Marie kicherte. »So alt sind Sie bestimmt nicht.«, erklärte sie und sah zu ihm auf. »Vielleicht so alt wie meine Tante«, fügte sie hinzu.

»Und wie alt ist deine Tante?«, fragte er amüsiert, während sie in einen weiteren Gang einbogen.

»Sechsundzwanzig.«

»Nun, ich bin vier Jahre älter.« Er blieb vor einem Aufzug stehen. »Fahren wir nach oben, oder laufen wir? Wohin möchtest du überhaupt?«

»Meine Tante ist beim Friseur. Sie hat gesagt, dass wir uns im Café auf dem Sonnendeck treffen.« Lea Marie drückte auf den Rufknopf des Aufzugs. »Ist es nicht toll, wie die Höhlen in dem Buch beschrieben werden? Wenn sie wirklich exis­tieren würden, könnte ich mich mit geschlossenen Augen in ihnen zurechtfinden.«

»Woher weißt du, dass sie nicht existieren?«

»Es ist nur ein Buch.«

»Ach, dann existieren wohl diese Bauwerke und die Pyramiden auch nicht?«, fragte er und wies auf das zweite Buch, das Lea Marie bei sich trug. »Schon seltsam, noch gestern waren wir im Tal der Könige.«

»Meine Tante sagt, man muss zwischen Realität und Phantasie unterscheiden.« Lea Marie war sich nicht sicher, ob sich der junge Mann nicht über sie lustig machte. Eigentlich sah er nicht so aus. Sie fand ihn ausgesprochen nett. »Ich habe Sie bisher noch gar nicht gesehen. Auch gestern auf dem Landausflug nicht.«

»Vermutlich warst du mit deiner Tante bei der zweiten Gruppe. Ich war bei der ersten, die am Vortag nach Kairo gefahren ist und dort übernachtet hat.«

»Vorgestern haben wir Alexandrien besichtigt.« Lea Marie trat in den Aufzug. »Möchten Sie meine Tante kennen lernen? Sie ist sehr nett, und sie mag England.«

Alexander runzelte die Stirn. »Woher weißt du, dass ich aus England komme? Ist mein Akzent so fürchterlich?« Er verdrehte die Augen.

»Nein.« Sie schüttelte den Kopf. »Nelson ist ein englischer Name. In meiner Klasse ist ein Junge, der Charles Nelson heißt. Er kommt aus London.«

»Auf was für eine Schule gehst du denn?«

»Auf die internationale Schule in Berlin. Meine Tante und ich wohnen in Berlin. Sie meint, es sei wichtig, dass ich richtig englisch und französisch sprechen lerne.«

»Womit sie völlig recht hat«, bestätigte Alexander.

Der Aufzug hielt auf dem Sonnendeck. Sie stiegen aus. Lea Marie ergriff die Hand des jungen Mannes, so, als würde sie befürchten, er könnte sich in Luft auflösen. »Meine Tante wird schon auf mich warten.«

Warum sollte er unbedingt ihre Tante kennen lernen? Alexander hatte an und für sich vorgehabt, in der Clipper Bar einen Drink zu nehmen und sich danach in einen Liegestuhl am Swimmingpool zu setzen, stattdessen ging er mit dem Mädchen mit.

Anabel von Mohn wartete seit einer Viertelstunde auf ihre Nichte. Langsam begann sie sich Sorgen zu machen, denn Lea Marie war ein überaus pünktliches Kind. Sie atmete erleichtert auf, als sie das Mädchen das Café betreten sah. Aber wer war der dunkelblonde große, gutaussehende Mann an ihrer Seite? Wollte sie Lea Marie wieder einmal verkuppeln? Im vergangenen Jahr war das schon zweimal passiert.

Sie stand auf und ging den beiden entgegen.

»Ich hatte mich verlaufen.« Lea Marie löste ihre Hand aus Alexanders. »Mister Nelson hat mir geholfen.« Sie schenkte dem jungen Mann ein entwaffnendes Lächeln. »Das ist meine Tante Anabel von Mohn, Mister Nelson.«

»Angenehm«, sagte Alexander. Er fand Anabel äußerst attraktiv. Von jeher hatte er ein Faible für rotblonde Frauen mit grünen Augen. Lea Marie ähnelte ihr auffallend. Gewiss würde auch sie eines Tages so hübsch werden wie ihre Tante.

»Mich freut es auch.« Anabel wies zu ihrem Tisch. »Möchten Sie sich zu uns setzen?«

»Wenn ich Sie und Ihre Nichte zu einem Eis einladen darf«, erwiderte Alexander. »Auf dem Weg zum Sonnendeck haben wir festgestellt, dass wir dieselben Bücher lesen.«

»Mister Nelson hat letztes Jahr die Abenteuer des Kapitäns Schwarzauge gelesen, Tante Anabel. Ist das nicht komisch?«

»Komisch finde ich, dass du dir dieses Buch aus der Bibliothek geholt hast, Lea Marie.« Sie wandte sich an Alexander: »Sie hat dieses Buch mindestens zehnmal gelesen.« Lachend fügte sie hinzu: »Höhlen faszinieren sie.«

»Genau wie mich.« Er zwinkerte dem Mädchen zu.

Kurz darauf brachte ihnen ein Steward drei große Eisbecher. Sie sprachen von Rhodos, wo die Santa Maria am nächsten Tag anlegen würde. Alexander meinte, dass sie die Insel ja zu dritt erkunden könnten. Er sei ein ganz tauglicher Fremdenführer.

»Waren Sie schon einmal auf Rhodos?«, erkundigte sich Anabel.

»Vor drei Jahren«, antwortete er.

»Ich habe bisher noch nicht viel von der Welt gesehen«, gab Anabel zu. Sie sprach davon, dass sie sich erst vor einigen Monaten als Innenarchitektin selbstständig gemacht hatte. »Ich sollte mich um mein Fortkommen kümmern, statt drei Wochen auf einer Kreuzfahrt zu verbringen. Ich habe diese Reise gewonnen.« Sie lachte leise auf. »Seit meiner Kindheit habe ich regelmäßig bei Preisausschreiben mitgemacht. Es langte nie auch nur zu einem Trostpreis und dieses Mal hat …«

»Tante Anabel dachte erst, man würde sich einen Scherz mit ihr erlauben«, warf Lea Marie ein.

»Genauso ist es gewesen«, bestätigte Anabel. »Und ich habe nicht nur die Kreuzfahrt gewonnen, sondern auch noch das dazu nötige Taschengeld.«

»Um was für ein Preisausschreiben handelte es sich denn?«, fragte Alexander. Es gefiel ihm, dass sie daraus keinen Hehl machte. Überhaupt fand er die junge Frau sehr sympathisch.

»Es ging um Weltreisen, Traumstrände und dergleichen. Ich hatte das Glück, alle Fragen richtig beantworten zu können. In der Theorie bin ich schon oft durch die Welt gereist. Leider nur mit dem Finger auf der Landkarte.« Anabel schaute von ihrem Eis auf. »Und was machen Sie so, Mister Nelson?«

»Ich habe Agrar- und Forstwirtschaft studiert. Meine Urgroßmutter hat mir einen kleinen Besitz in Schottland hinterlassen, den ich bewirtschafte. Auf der ›Santa Maria‹ bin ich, um mich hier von einer schweren Gürtelrose zu erholen. Die Krankheit liegt zwar schon zwei Monate zurück, aber ich leide immer noch unter ihren Nachwirkungen.«

»Leider können diese Nachwirkungen jahrelang andauern«, sagte Anabel. »Mein Vater hatte nach einer Gürtelrose über zehn Jahre Nervenschmerzen. Er …« Sie verzog das Gesicht. »Tut mir leid, so etwas sollte ich lieber nicht erwähnen.«

»Nun ist es zu spät«, erklärte er heiter, um gleich darauf zu fragen: »Hätten Sie Lust, sich mit mir heute Abend die Varieté-Vorstellung im Mdina-Salon anzuschauen?«

Bevor ihre Tante antworten konnte, sagte Lea Marie: »Du kannst mich ruhig allein lassen. Ich habe keine Angst. Und ich werde auch nichts anstellen.«

»Das setze ich voraus.« Anabel vermied es, ihre Nichte anzuschauen, denn dann hätte sie ein Lachen nicht unterdrücken können. Lea Marie versuchte also tatsächlich, sie zu verkuppeln. Da sie Alexander Nelson mochte, sagte sie: »Ich begleite Sie gern, Mister Nelson. Danke für die Einladung.«

»Also ist es abgemacht. Treffen wir uns um acht Uhr dreißig im Foyer des Oberdecks.« Er schob seinen Eisbecher zur Seite. »Leider muss ich mich verabschieden. Ich erwarte in wenigen Minuten einen wichtigen Anruf meiner Mutter.«

Lea Marie wartete, bis Alexander nicht mehr in Hörweite war, bevor sie zufrieden sagte: »Mister Nelson ist wirklich nett, Tante Ana­bel. Findest du nicht auch?«

»Ja, er ist wirklich nett«, bestätigte ihre Tante und überlegte, was sie am Abend anziehen sollte. Zum Glück hatte sie vor ihrer Abreise für die passende Garderobe gesorgt. Die Kleider, die es in der Schiffsboutique gab, waren für ihren Geldbeutel viel zu teuer.

*

Innerhalb weniger Tage entwickelte sich zwischen Anabel von Mohn und Prinz Alexander eine tiefe Freundschaft. Nach wie vor ahnte die junge Frau nichts von Alexanders wahrer Herkunft. Er hatte ihr von dem englischen Internat erzählt, in dem er einige Jahre verbracht hatte, und wie sehr er es genossen hatte, wenn er sich auf dem Besitz seiner Urgroßmutter aufhalten durfte. Sie war sich nicht sicher, ob Alexander Schotte oder Engländer war, wollte ihn jedoch auch nicht danach fragen. Seine Mutter erwähnte er öfters, von seinem Vater sprach er nicht. Es freute sie, dass er Wert auf ihre Gesellschaft legte. Ihm war es sogar gelungen, beim abendlichen Dinner einen gemeinsamen Tisch mit ihr und Lea Marie zu bekommen.

Es war ein Erlebnis, in seiner Gesellschaft die Blumeninsel Rhodos zu besuchen. Auf Zypern, wo sie am nächsten Tag anlegten, hatte er einen Geländewagen gemietet. Leider hatten sie nur einen Tag dort verbringen können, da die ›Santa Maria‹ in der Nacht wieder abgelegt hatte. Anabel gefiel auch, wie Alexander auf Lea Marie einging und ihr niemals das Gefühl gab, womöglich zu stören. Sie fragte sich, weshalb ein Mann wie er noch nicht verheiratet war. Es hatte nicht den Anschein, als würde er ein Eigenbrödler sein, der sich selbst genügte. Vielleicht war er einfach zu wählerisch.

An diesem Abend fand im Mdina-Salon ein Kostümball statt. Lea Marie saß auf ihrem Bett in dem kleinen Schlafraum der Suite und schaute ihrer Tante beim Ankleiden zu.

Sie bedauerte von Herzen, dass sie noch zu jung war, um an diesem Ball teilzunehmen. Von jeher hatte sie sich gern verkleidet. Aus diesem Grund freute sie sich auch jedes Jahr auf den Karneval.

Das Mädchen hatte sich einen Band mit Geschichten über Kreta aus der Bibliothek geholt. Am nächsten Vormittag sollte die ›Santa Maria‹ im Hafen von Heraklion auf Kreta anlegen, und sie wollten an der Ausflugsfahrt nach Knossos teilnehmen. Bis dahin hoffte Lea Marie alles zu lesen, was sie dafür wissen musste.

Anabel hatte sich als Helena verkleidet, wozu ihre rotblonden Haare passten. Ihre Nichte hatte ihr geholfen, sie zu einer Frisur aufzustecken, wie die griechischen Frauen sie im Altertum getragen hatten. Jetzt warf sie einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel. »Wie sehe ich aus, Lea Marie?«

»Wenn Mister Nelson Prinz Paris wäre, würde er dich bestimmt nach Troja entführen«, erklärte ihre Nichte fröhlich.

»Naseweis«, bemerkte Anabel. »Ich dachte, dein Buch handelt von Kreta und nicht von der Schönen Helena.«

»Wir haben in der Schule über den Trojanischen Krieg gesprochen. Er ist ausgebrochen, weil Paris Helena entführt hat.« Lea Marie seufzte auf. »Ich wünschte, ich dürfte mit auf den Ball gehen. Alles, was Spaß macht, ist für Kinder verboten.«

»Nicht alles.« Anabel setzte sich zu ihr. »Morgen ist ein anstrengender Tag. Also solltest du spätestens in einer Stunde das Licht löschen, Lea Marie. Kann ich mich darauf verlassen?«

»Großes Ehrenwort«, versprach die Kleine. »Ich will nur noch ein Stückchen lesen. Es ist gerade so spannend.« Sie schaute auf. »Ob es den Minotaurus wirklich gegeben hat?«

»Ich weiß es nicht.« Anabel küss­te ihre Nichte auf die Stirn. »Schlaf gut, Liebes.«

»Und du amüsier dich gut, Tante Anabel.« Lea Marie rutschte vom Bett und begleitete ihre Tante zu der Tür, die in den Gang führte. »Was machst du, wenn dich Mister Nelson auf dem Ball küsst?«

Anabel zuckte zusammen. »Warum sollte er mich küssen?«, fragte sie errötend.

»Weil er sich in dich verliebt hat.« Lea Marie grinste. »Und du hast dich auch in ihn verliebt.« Sie schlang die Arme um die junge Frau. »Es ist bestimmt schön in Schottland. Ich könnte doch reiten lernen und …«

Anabel legte den Zeigefinger auf die Lippen ihrer Nichte. »Davon will ich nichts mehr hören, Lea Marie«, sagte sie streng. »Vor allen Dingen darfst du über so etwas nicht mit Mister Nelson sprechen.«

»Ich bin doch nicht dumm.« Lea Marie löste sich von ihr. »Viel Spaß«, wünschte sie.

Anabel trat in den Gang. Energisch schloss sie die Tür hinter sich. Auf was für Gedanken dieses Kind kam! So unrecht hatte Lea Marie allerdings nicht einmal. Sie dachte viel öfter an Alexander, als ihr guttat, und sie fürchtete sich vor dem Moment, an dem sie voneinander Abschied nehmen mussten. Nur noch ein paar Tage, und sie würden auf Sardinien die Reise beenden. Manchmal wünschte sie sich, Alexander Nelson und sie hätten einander nie kennen gelernt.

Auf dem Weg zum Mdina-Salon begegneten ihr jede Menge fröhliche Menschen. Die meisten von ihnen besuchten ebenfalls den Ball, wie die junge Frau an den Kostümen erkannte. Obwohl die Kostüme alle aus dem Fundus der ›Santa Maria‹ stammten, schien keines zweimal vorhanden zu sein. Sie musste nicht befürchten, im Mdina-Salon einer weiteren Helena zu begegnen, dafür gab es eine Kleopatra, Marie Antoinette, Isabella von Spanien und jede Menge buntgekleideter Kammerzofen.

Anabel erkannte Alexander Nelson zuerst nicht, als vor dem Mdina-Salon ein Mann mit einem hohen spitzen Hut und einem weiten blauen Mantel, der mit allerlei Symbolen bestickt war, auf sie zutrat. Sie hielt nach einem Robin Hood Ausschau.

»Darf ich Ihnen meine Hand zum Geleit bieten, Helena?«, fragte er.

Sie zuckte zusammen. Ihr Gesicht erhellte ein Lächeln. »Mister Nelson, wollten Sie nicht als Robin Hood Prinz John in seine Schranken weisen?«, fragte sie.

»Ich habe es mir anders überlegt.« Sein Blick glitt über sie. »Sie hätten kein besseres Kostüm wählen können«, meinte er. »Da würde man gern Paris sein.«

»Ist Ihnen bewusst, wie viel Sie mit Lea Marie gemeinsam haben?«, fragte Anabel und errötete. Wie konnte sie ihm eine derartige Frage stellen? »Sie meinte auch, ich hätte das richtige Kostüm gewählt«, fügte sie rasch hinzu. »Lea Marie ist eine richtige Leseratte, und seitdem sie in ihrer Klasse den Trojanischen Krieg durchgenommen und …« Verlegen unterbrach sie sich. »Sie müssen mich für völlig konfus halten.«

»Warum sollte ich?«, fragte er und nahm ihren Arm. »Stürzen wir uns ins Vergnügen. Die schöne Helena verbringt sicher nicht jeden Tag ihre Zeit mit einem englischen Zauberer.« Er zwinkerte ihr zu. »Dagegen würde schon Paris etwas haben.«

Anabel genoss den Abend in vollen Zügen. So viel Zeit sie auch in den letzten Tagen in Alexanders Gesellschaft verbracht hatte, nie zuvor hatte sie seine Gegenwart so bewusst erlebt wie in diesen Stunden. Innerhalb weniger Minuten gelang es ihm, ihr ihre Verlegenheit zu nehmen. Er brachte das Gespräch auf die Kostüme, die ihre Mitreisenden trugen, und kommentierte sie mit viel Witz und Charme.

Nach einem Glas Sekt führte Alexander Nelson die junge Frau auf die Tanzfläche. Die schiffseigene Band spielte Melodien von Johann Strauß. Anabel gefiel die Sicherheit, mit der er sie über das Parkett führte. Nie zuvor hatte sie sich so wohl in den Armen eines Mannes gefühlt. Sie bedauerte es, als die Musik mit einem Tusch endete.

»Sie tanzen gut«, bemerkte sie aus ihren Gedanken heraus.

»Ich war knapp fünf, als ich den ersten Unterricht erhielt«, sagte Alexander. »Und …« Er räusperte sich. »Meine Mutter meinte, als guter Tänzer könnte ich später die Frauen beeindrucken.« Er sah sie herausfordernd an. »Und, habe ich Sie beeindruckt?«

»Ja, das haben Sie«, ging sie auf seinen Scherz ein und fragte sich gleichzeitig, was er wohl nicht ausgesprochen hatte. Weshalb hatte er schon mit fünf Jahren Tanzunterricht erhalten? Hätte er Tänzer werden sollen? »Wo sind Sie aufgewachsen? Wo haben Sie die ers­ten Jahre Ihres Lebens verbracht?«

»In Lichtenberg«, erwiderte Alexander. »Das ist ein kleiner Staat an der Atlantikküste. Mein Vater war dort zu Hause. Er und meine Mutter sind sich zum ersten Mal in London begegnet, wo sie lebte. Sie folgte ihm nach Lichtenberg.« Er dachte an den Geburtstag seines Onkels, Fürst Carl, zu dem er in zwei Wochen in Lichtenberg erwartet wurde. Er hatte nicht die geringste Lust, an den Feierlichkeiten teilzunehmen. Leider würde ihm nichts anderes übrig bleiben. Zudem konnte er das seiner Mutter nicht antun. Sie freute sich auf das Wiedersehen.

»Vor einigen Wochen stand ein Artikel über das Fürstentum in der Tageszeitung, die ich lese«, sagte Anabel. »Es war davon die Rede, dass Lichtenberg als Handelsniederlassung für internationale Firmen immer beliebter wird.«

»Der Aufschwung, den Lichtenberg seit einigen Jahren erlebt, ist dem regierenden Fürsten zu verdanken«, entgegnete der junge Prinz. »Er ist ein sehr kluger, voraussehender Mann.«

Anabel hob die Augenbrauen. »Ihre Worte klingen, als würden Sie den Fürsten kennen.« Sie bemerkte nicht, wie Alexander zusammenschrak.

»In einem so kleinen Land bleibt es nicht aus, der fürstlichen Familie bei den verschiedensten Gelegenheiten zu begegnen.« Er legte den Arm um sie. »Nehmen wir noch einen Drink, bevor wir uns erneut einen Platz auf der Tanzfläche erobern?«

Mit kurzen Unterbrechungen tanzten sie fast bis Mitternacht miteinander, dann verließen sie zusammen mit den meisten der anderen Gäste den Mdina-Salon, um vom Sonnendeck aus das Feuerwerk zu beobachten, das den Nachthimmel in bunte Farben tauchte.

»Bleiben wir noch ein paar Minuten hier oben«, schlug Alexander vor, als die anderen nach dem Feuerwerk in den Salon zurückkehrten, um weiterzutanzen. »Es ist so schön, mit Ihnen zusammen zu den Sternen aufzusehen.«

»Klingt, als wären Sie ein Romantiker«, bemerkte Anabel und schmiegte sich wie selbstverständlich in seinen Arm. Sie wünschte sich, dieser Abend würde nie ein Ende nehmen.

Alexander zog sie fester an sich. »Was ist mit Ihrer Familie?«, erkundigte er sich. »Leben Ihre Eltern noch? Und was ist mit Lea Maries Eltern?«

»Meine Eltern sind schon seit Jahren tot«, sagte die junge Frau. »Ich war sechzehn, als sie starben, meine Schwester Edith war sechs Jahre älter. Sie war damals mit Lea Marie schwanger, aber schon lange nicht mehr mit dem Vater ihres Kindes zusammen. Was meine Großmutter als Schande empfand. Sie erwähnte mindestens einmal am Tag, dass es so etwas bisher nicht in ihrer Familie gegeben hätte. Noch auf dem Totenbett vier Jahre später, sprach sie davon, wie Edith den Namen unserer Familie beschmutzt hätte.«

»Meine Großmutter väterlicherseits hätte ihr da vermutlich hundertprozentig beigepflichtet«, warf Alexander ein.

»Sie hat meiner Schwester wirklich das Leben zur Hölle gemacht, was Edith jedoch nicht davon abhielt, ihre Tochter über alles zu lieben. Zum Glück hatten wir ein wenig Geld von unseren Eltern geerbt, so dass wir ein relativ unabhängiges Leben führen konnten. Ich war in meinem zweiten Studienjahr, als Edith bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Seitdem kümmere ich mich um Lea Marie.« Anabels Lippen umspielte ein Lächeln. »Eine eigene Tochter könnte ich nicht mehr lieben als sie.«

»Sie ist ein bezauberndes Kind.« Alexander blickte ihr in die Augen. »Auch Sie sind bezaubernd.«

»Und diese Worte von einem Zauberer«, meinte die junge Frau errötend und spielte damit auf sein Kostüm an. Sie schaffte es nicht, seinem Blick auszuweichen. Er hielt sie unerbittlich fest. »Sollten wir nicht in den Mdina-Salon zurückkehren?« Sie hatte plötzlich Angst vor ihren eigenen Gefühlen. Alexander Nelson gehörte einer anderen Welt als sie an. In wenigen Tagen würde die Reise zu Ende sein und jeder von ihnen seinen eigenen Weg gehen.

»Ich habe mich in dich verliebt, Anabel«, hörte sie ihn wie aus weiter Ferne sagen. »Nie zuvor habe ich mich zu einer Frau so hingezogen gefühlt wie zu dir.« Er hob seine Hand und berührte ganz zart ihre Wangen. Seine Finger strichen sanft über ihr Kinn, den Hals und verfingen sich im Ausschnitt ihres Kostüms.

»Sollten wir nicht vernünftig sein?« Anabel hielt den Atem an. Wie hatte sie sich den ganzen Abend über gewünscht, von ihm geküsst zu werden und nun …

»Was ist Vernunft?«, fragte der junge Prinz. Er beugte sich zu ihr. Sein Atem streifte ihre Wange. Sie drängte sich ihm entgegen. Wie von selbst fanden sich ihre Lippen zu einem ersten Kuss.

*

Lea Marie saß mit angezogenen Beinen auf ihrem Bett. »War es schön gestern Abend?«, fragte sie. »Hat Mister Nelson dich geküsst?«

Anabel kam aus dem Bad. »Sei nicht so neugierig, Lea Marie«, sagte sie und tippte ihrer Nichte gegen die Nasenspitze. »Es war ein wunderschöner Abend.«

»Also habt ihr euch geküsst.« Lea Marie stand auf und griff nach ihrer Umhängetasche. »Sagt ihr du zueinander?«

»Komm, gehen wir frühstücken, damit wir fertig sind, wenn die ›Santa Maria‹ im Hafen anlegt, und wir von Bord gehen können.« Ana­bel wandte sich der Tür zu. An und für sich wäre sie bedeutend lieber in ihrem Bett liegen geblieben und hätte noch eine Weile vor sich hin geträumt. Es war ziemlich spät geworden, bis Alexander sie zu ihrer Suite zurückgebracht hatte. Lea Marie hatte tief und fest geschlafen, worüber sie sehr froh gewesen war. So hatte sie in Ruhe die letzten Stunden noch einmal in Gedanken durchleben können.

Beim Frühstück gab es keine bestimmte Sitzordnung, da die Gäste zu den unterschiedlichsten Zeiten ins Restaurant kamen. Alexander Nelson erwartete sie bereits. Wie selbstverständlich küsste er Anabel auf die Wange, dann legte er sanft die Hände auf Lea Maries Schultern. »Wenn du möchtest, darfst du mich Alexander nennen, wie es unter Freunden üblich ist.«

Lea Marie blickte strahlend zu ihm auf. »Ich möchte, Alexander«, sagte sie. »Sind Tante Anabel und du jetzt ein Liebespaar?«

»Dieses Kind ist einfach unmöglich«, flüsterte Anabel und bemühte sich, nicht wieder zu erröten. »Suchen wir uns einen Tisch.«

»Ich habe mir erlaubt, schon einen Tisch zu reservieren.« Alexander legte den Arm um sie. »Trag es mit Fassung, Anabel.« Er zwinkerte Lea Marie zu.

Während des Frühstücks erzählte Lea Marie von dem Buch über Kreta, das sie gelesen hatte. Sie fieberte dem Moment entgegen, in dem sie endlich in die Busse steigen konnten, um nach Knossos zu fahren. Die jungen Leute amüsierte der Eifer des Kindes. So aufgeregt wie die Zehnjährige war, konnte man denken, sie wartete, dem Minotaurus, Ariane und Theseus persönlich zu begegnen.

Endlich war es so weit. Sie stiegen in den ersten der drei Busse, die zur Ausgrabungsstätte fuhren. Die Straße führte sie durch Heraklion hindurch ins Hinterland. Alles wirkte staubig, selbst die Bäume und Sträucher. Da es schon seit Wochen nicht mehr geregnet hatte, dürstete der Boden regelrecht nach Wasser. Selbst die Rhododendronbüsche am Straßenrand ließen ihre Blätter traurig hängen.

Lea Marie klebte förmlich am Busfenster. Jedes Mal, wenn ein Steinfeld auftauchte, das nach einer Ausgrabungsstätte aussah, hoffte sie, endlich da zu sein, doch es dauerte länger als sie erwartet hatte, bis die Busse den Parkplatz vor Knossos erreichten.

Auf der anderen Straßenseite gab es Restaurants und jede Menge Andenkenbuden. Im Gegensatz zu den anderen Kindern im Bus zog es sie nicht dorthin. Und sie wollte auch kein Eis. Ihr ganzes Interesse galt der Ausgrabungsstätte.

Kurz mussten sie im Vorhof warten, bis die beiden bestellten Fremdenführer eintrafen, danach ging es durch einen Laubengang zur eigentlichen Ausgrabungsstätte. Lea Marie wäre gern vorausgelaufen, als die Stufen auftauchten, die zu den ersten Palastmauern mit ihren bemalten roten Säulen hinaufführten, aber sie hatte ihrer Tante versprochen, bei ihnen zu bleiben.

Die fünf anderen Kinder, die sich mit ihren Eltern bei der Reisegruppe befanden, tobten herum, obwohl einer der Fremdenführer gebeten hatte, auf sie zu achten, da jeder falsche Schritt gefährlich werden konnte. Auf dem ganzen Gelände gab es in den Boden eingelassene Vorratssilos, die zum Teil offen standen, lose Steine und ungesicherte Treppen.

Lea Marie wollte mit ihrer Tante und Alexander Nelson gerade die Treppe zum Palast hinaufsteigen, als sie sah, wie ein etwa fünfjähriger Junge, der zur Reisegruppe gehörte, einer struppigen Katze folgte. Die Katze sprang über eine offene Grube. Das Kind rannte ihr nach, rutschte aus und stürzte halb in die Grube hinunter.

»Tante Anabel!« Lea Marie rannte zu dem kleinen Jungen, der sich krampfhaft am Rand der Grube festhielt. Sie warf sich auf den Boden und umklammerte die Hände der Kleinen. Ihre Füße rutschten unter einen gewaltigen Lorbeerbusch.

Im nächsten Augenblick stand auch schon Alexander neben ihr. Er riss den Jungen nach oben. Die Eltern des Jungen hatten nicht einmal bemerkt, was passiert war. Schreiend rannte er zu ihnen, kaum, dass Alexander ihn losgelassen hatte.

Lea Marie rappelte sich auf. »Ich kann …« Sie schrie vor Schmerz auf. »Mich hat was gebissen«, stammelte sie und zog ihr rechtes Bein an.

Anabel starrte entsetzt auf die beiden blutigen Punkte am Knöchel ihrer Nichte. Sie kniete sich neben Lea Marie und hielt deren Bein so fest, als könnte sie ihr damit helfen. Verzweifelt kämpfte sie gegen die Panik an, die nach ihr griff.

Alexander bückte sich und schob vorsichtig die Blätter des Busches zur Seite. Er sah noch, wie sich eine Schlange mit breitem, flachem Kopf und grauem Rücken davonschlängelte.

»Eine Katzennatter«, bemerkte einer der Fremdenführer, der mit einem Mal neben ihnen stand. Er beugte sich zu dem Kind hinunter. »Der Biss einer Katzennatter ist nur selten tödlich. Die Giftzähne sitzen zu tief im Rachen der Schlange.« Mit einer Ruhe, die allen unverständlich blieb, griff er nach seinem Handy und wählte eine Nummer. »Ein Krankenwagen wird gleich kommen«, meinte er.

Inzwischen hatte sich Alexander neben Lea Marie gekniet, ihr verletztes Bein ergriffen und den Biss ausgesaugt. Anabel hielt ihm ihren Seidenschal entgegen. »Wir sollten Lea Maries Bein abbinden.« Noch immer kämpfte sie gegen ihre Angst an. Auch wenn der Fremdenführer behauptete, der Biss einer Katzennatter sei nicht tödlich, woher sollten sie wissen, ob es stimmte?

»Nein, Anabel.« Alexander hob Lea Marie hoch, um sie in den Vorhof zu tragen. »Abbinden schadet nur. Habe ich erst vor einigen Wochen durch einen Fernsehbericht gelernt.«

Lea Marie klammerte sich an ihn. Ihr Bein tat schrecklich weh. Über ihr Gesicht rannen Tränen. »Ich will nicht sterben«, flüsterte sie angstvoll.

»Das wirst du auch nicht, Lea Marie«, erklärte Alexander. »Eine Katzennatter gehört zu den ungefährlicheren Schlangenarten. Sie hat auch nur zugebissen, weil sie sich vermutlich durch dein Bein bedroht fühlte.« Er küsste sie leicht auf die Stirn. »Hab keine Angst, es wird alles gut.«

Trotz der Sorgen, die sie sich um ihre Nichte machte, bewunderte Anabel, wie fürsorglich und liebevoll Alexander mit ihr umging. Und auch sie selbst fühlte sich durch seine Umsicht sicherer. Sie war froh, ihn in ihrer Nähe zu wissen.

Im Vorhof setzten sie sich mit Lea Marie auf eine der Bänke. Alexander hielt das Kind in seinen Armen. Mit geschlossenen Augen barg Lea Marie das Gesicht an seiner Brust. »Der Krankenwagen wird gleich kommen«, meinte er, als zehn Minuten vergangen waren, und er fühlte, wie Anabel von Sekunde zu Sekunde unruhiger wurde. Er griff über Lea Marie hinweg nach ihrer Hand und drückte sie.

Bevor Anabel noch antworten konnte, hörten sie die Sirene des Krankenwagens. Gleich darauf hielt die Ambulanz vor dem Eingang zur Ausgrabungsstätte. Alexander stand mit Lea Marie in den Armen auf. »Im Krankenhaus gibt man dir bestimmt etwas gegen die Schmerzen«, sagte er tröstend zu ihr.

»Es tut schrecklich weh«, jammerte Lea Marie leise.

»Das glaub’ ich dir gern.« Anabel strich ihr tröstend über die Haare.

Wenige Minuten später lag Lea Marie im Krankenwagen. Anabel saß bei ihr. Alexander hatte neben dem Fahrer Platz genommen. In rascher Fahrt ging es zu einem Krankenhaus, das in der Nähe von He­raklion lag. Es beruhigte Anabel nicht, als ihr der Sanitäter, der Lea Marie untersucht hatte, in gebrochenem Englisch sagte, dass es für den Biss der Katzennatter kein Serum gäbe, das man als Gegenmaßnahme spritzen konnte.

Im Krankenhaus angekommen, wurde Lea Marie in die Aufnahme gebracht. Eine energische Krankenschwester schob Anabel ganz einfach aus dem Raum, als sie sich weigerte, ihre Nichte allein zu lassen. Der jungen Frau blieb nichts anderes übrig, als mit Alexander Nelson vor der Aufnahme zu warten.

»Ich hole uns einen Kaffee«, bot Alexander an. »Wir können beide eine Stärkung gebrauchen.«

Anabel nickte. Sie war überzeugt, keinen Schluck des Kaffees hinunterzubringen, aber der volle Becher war etwas, an dem sie sich festhalten konnte. »Wieso haben sie kein Serum?«, fragte sie hilflos.

»Vermutlich, weil es nur in den seltensten Fällen beim Biss dieser Schlange zu Komplikationen kommt«, antwortete der junge Prinz. »Wie unser Fremdenführer sagte, bei einer Katzennatter sitzt der Giftzahn weit hinten im Rachen. Lea Marie hat vermutlich nichts vom Gift abbekommen.«

Das Krankenhaus besaß eine Cafeteria, sodass er den Kaffee nicht am Automaten holen musste. Als er zurückkam, stand Anabel in der offenen Tür zum Garten. Sie drehte sich ihm zu. Über ihr Gesicht flog die Andeutung eines Lächelns. »Danke.« Mit beiden Händen griff sie nach dem Kaffeebecher. »Für gewöhnlich gerate ich nicht so schnell in Panik.«

»Du musst dich nicht entschuldigen«, meinte er. »Ich war genauso erschrocken wie du, als ich die Schlange sah.«

Sie mussten nicht mehr sehr lange warten. Ein älterer Arzt trat auf sie zu und sagte ihnen, dass Lea Marie nur sehr wenig von dem Gift der Katzennatter abbekommen hätte.

»Dennoch würde ich Ihre Tochter gern zur Beobachtung zwei oder drei Tage bei uns im Krankenhaus behalten. Jeder Mensch reagiert anders auf das Gift. Falls es wider Erwarten zu Komplikationen kommen sollte, wäre Hilfe sofort in der Nähe.«

Anabel klärte ihn nicht darüber auf, dass es sich bei Lea Marie um ihre Nichte handelte. »Ich werde mir ein Zimmer in der Nähe nehmen«, erwiderte sie. »Wann kann ich zu ihr?«

»Lea Marie wird jetzt auf ihr Zimmer gebracht. Sie ist sehr müde und wird vermutlich bald einschlafen. Momentan erhält sie eine kreislaufstärkende Infusion.« Der Arzt schaute auf seine Armbanduhr. »Auf mich wartet der nächste Fall. Wie gesagt, machen Sie sich keine Sorgen. Schwester Sophia wird Sie gleich zu Ihrer Tochter bringen.« Nach einem kurzen Gruß eilte er davon.

Anabel stellte ihren Kaffeebecher auf das Fensterbrett. »Kommst du mit, Alexander?«, fragte sie.

»Ist das nicht selbstverständlich?« Er legte den Arm um sie.

Lea Marie lag allein in einem Zimmer. Die Jalousien vor den beiden Fenstern ließen nur wenig Licht hinein. »Ich wollte doch das Labyrinth sehen«, flüsterte sie, als Anabel und Alexander an ihr Bett traten.

»Das Labyrinth werden wir uns anschauen, wenn du aus dem Krankenhaus entlassen bist«, versprach Alexander. »Du musst erst einmal deinen Schlangenbiss verkraften.« Er lachte leise. »Ich wette, du wirst das einzige Mädchen in deiner Klasse sein, das von einer Schlange gebissen wurde.«

»Ganz bestimmt«, meinte Lea Marie. Sie fasste nach der Hand ihrer Tante. »Fahrt ihr ohne mich weiter?«

»Wie kommst du nur auf so eine absurde Idee, Liebes?« Anabel schüttelte den Kopf. »Natürlich bleibe ich bei dir auf Kreta. Wenn du aus dem Krankenhaus entlassen wirst, machen wir hier noch ein paar Tage Urlaub, und anschließend geht es mit dem Flugzeug nach Hause.«

Lea Marie schloss die Augen. Ihre ruhigen Atemzüge verrieten, dass sie von einer Sekunde zur anderen eingeschlafen war.

Die jungen Leute verließen das Zimmer und wandten sich dem Ausgang des Krankenhauses zu. Sie baten den Pförtner, ein Taxi zu rufen, um zur ›Santa Maria‹ zurückzukehren.

»Nun müssen wir schneller voneinander Abschied nehmen, als wir dachten«, sagte Anabel bedrückt, nachdem sie das Taxi im Hafen von Heraklion verlassen hatten. Sie hob die Schultern. »Da kann man leider nichts machen.«

Alexander Nelson blieb stehen. »Ich habe Lea Marie versprochen, den Ausflug nach Knossos nachzuholen. Ich pflege meine Versprechen zu halten.« Er blickte ihr in die Augen. »Wenn du nichts dagegen hast, bleibe ich ebenfalls auf Kreta.«

»Du weißt, dass du das nicht musst«, antwortete Anabel gerührt. »Auf dich warten noch Athen und die Inselrundfahrt auf Sardinien.«

»Ich hätte keine Freude mehr daran.« Er nahm sie in die Arme. »Ich kann euch nicht allein auf Kreta zurücklassen.« Liebevoll strich er ihr über die Stirn. »Und ich will es auch nicht.«

War es Liebe? Konnte es wirklich Liebe sein? Überwältigt von seinem Bekenntnis schmiegte sich die junge Frau an ihn. »Dann sollten wir auschecken und uns um Zimmer in der Nähe des Krankenhauses bemühen.« Auch wenn sie sich nach wie vor um Lea Marie sorgte, der Gedanke, die nächsten Tage mit Alexander Nelson zu verbringen, beflügelte sie.

*

Schon nach drei Tagen ging es Lea Marie so gut, dass sie aus dem Krankenhaus entlassen werden konnte. Der Verband um ihren Knöchel war einem breiten Pflas­ter gewichen. Sie freute sich darauf, noch einige Zeit mit ihrer Tante und Alexander auf Kreta zu bleiben. Am Montag wollten sie noch einmal nach Knossos fahren. An diesem Vormittag hatten sie erst einmal das Museum in Heraklion besucht und die einzigartigen Schmuckstücke, Waffen und Krüge bestaunt, die man bei den Ausgrabungen gefunden hatte. Alexander hatte ihr eine Kette mit einer goldenen Honigbiene gekauft. Es handelte sich bei ihr um ein Replikat der Kette, die bei den Grabungen entdeckt worden war.

Anabel war keineswegs damit einverstanden, dass er ihrer Nichte so teure Geschenke machte. »Du solltest Lea Marie nicht so verwöhnen, Alexander. So etwas tut keinem Kind gut.«

Der junge Prinz nahm ihr den Einwand nicht übel. Er sah sogar seine Berechtigung ein. »Das nächs­te Mal spreche ich vorher mit dir darüber«, versprach er. »Ich habe deine Nichte nun einmal sehr gern und nach dem Schrecken mit der Schlange …« Er sah sie mit einem entwaffnenden Lächeln an. »Kannst du mir noch einmal verzeihen?«

»Was bleibt mir denn weiteres übrig«, meinte Anabel scherzend und bot ihm ihren Mund zum Kuss.

Nach dem Abendessen brachte sie ihre Nichte zu Bett. Zusammen wollten sie noch ein wenig ausgehen. Lea Marie wusste davon und kürzte von sich aus das abendliche Zu-Bett-geh-Ritual ab. »Du darfst Alexander nicht warten lassen«, ermahnte sie ihre Tante. »Männer mögen es nicht, wenn sie auf Frauen warten müssen.«

»Ich möchte nur wissen, woher du deine Weisheiten hast.« Anabel schloss sie in die Arme. »Falls du mich brauchst, ruf mich an. Ich lasse mein Handy eingeschaltet.«

Lea Marie grinste schelmisch. »Du wirst das Handy sowieso nicht hören.«

Anabel stand auf. »Es reicht«, sagte sie mit gespielter Strenge. »Du bist eine kleine Kupplerin, Lea Marie.« Sie drohte ihr mit dem Finger. »Wage nicht zu fragen, was eine Kupplerin ist. Das weißt du ganz genau.«

»Ich werde nicht fragen«, versprach das Mädchen und kuschelte sich in seine Decke. »Viel Spaß, Tante Anabel.«

»Den werde ich bestimmt haben.« Anabel küsste sie zärtlich auf beide Wangen und verließ mit ihrer Handtasche das Zimmer. Als sie die Tür hinter sich schloss, hörte sie noch den Gruß, den ihr Lea Marie nachschickte.

Alexander Nelson wartete in der Hotelhalle auf sie. Als er sie die Treppe hinuntersteigen sah, ging er ihr entgegen und nahm sie für einen Augenblick in die Arme.

»Hübsch siehst du aus, Darling«, meinte er und blickte ihr in die Augen.

»Danke.« Sie schmiegte sich sekundenlang an ihn. »Lea Marie wünscht uns viel Spaß.«

»Du ahnst nicht, wie froh ich bin, dass Lea Marie nichts gegen unsere Beziehung hat.« Er nahm ihren Arm und führte sie durch die Drehtür ins Freie. Warme, vom Duft der verschiedensten Blüten geschwängerte Luft schlug ihnen entgegen.

Anabel blickte nach oben. Die Sonne war noch nicht völlig untergegangen. Der Himmel sah aus, als würde er von innen heraus erglühen. »Kein Wunder, dass man den Sitz der Götter auch im alten Griechenland in den Himmel verlegte«, sagte sie aus ihren Gedanken heraus. Sie wandte ihm das Gesicht zu. »Sie mag dich sehr. Auf dieser Reise ist mir zum ersten Mal wirklich bewusst geworden, wie sehr Lea Marie eine männliche Bezugsperson in ihrem Leben fehlt.«

»Das kann durchaus sein.« Alexander drückte sanft ihren Arm. »Da gibt es einiges, was du wissen solltest, Darling.« Ich hätte längst mit ihr darüber sprechen müssen, dachte er. Ihm war gar nicht wohl bei dem Gedanken, Anabel end­lich von Lichtenberg zu erzählen. Er überlegte, ob er dieses Geständnis noch ein paar Tage hinauszögern sollte.

»Das klingt so feierlich und ernst«, bemerkte Anabel besorgt. Wollte ihr Alexander etwa gestehen, dass er verheiratet war und Kinder hatte? Wartete in Schottland eine ganze Familie auf ihn?

»Setzen wir uns in eine der Tavernen«, schlug der junge Prinz vor. »Es ist eine längere Geschichte, und es wird wohl besser sein, wenn du dich zuvor mit einem Glas von diesem köstlichen kretischen Wein gestärkt hast.«

»Willst du mich betrunken machen?« Sie stieß ihn leicht in die Seite. »Sag nur, du bist verheiratet.« In ihrer Stimme klang die Angst mit, es könnte genau das sein, was er ihr sagen wollte.

»Nein, ich bin nicht verheiratet«, antwortete er zu ihrer Erleichterung.

In der Straße, die sie entlanggingen, grenzte eine Taverne an die andere. Musik, Stimmen und Lachen schlugen ihnen entgegen, als sie eine von ihnen betraten. Ein gutgelaunter Kellner führte sie zu einem Tisch auf der Terrasse, von der aus sich ihnen ein herrlicher Blick auf das Meer und das alte Fort am Strand bot.

Es dauerte keine fünf Minuten, bis ihnen ein Krug Wein gebracht wurde. »Lassen Sie nur. Ich mach’ das schon«, sagte Alexander, als der Kellner ihre Gläser füllen wollte. Er griff nach dem Krug und schenkte für Anabel und sich ein. Ihr kam es vor, als wollte er Zeit gewinnen. »Auf uns, Anabel!« Er hob sein Glas.

»Auf uns.« Sie lächelte ihm ermunternd zu, wenngleich ihr ziemlich flau im Magen war. »Also, Alexander, was musst du mir gestehen?«, fragte sie, nachdem sie einen Schluck Wein genommen hatten.

»Das Lieblingsbuch deiner Nichte…«, begann er, wurde jedoch von ihr unterbrochen:

»Wir wollten nicht über die Abenteuer Kapitän Schwarzauges sprechen, sondern du wolltest mir etwas gestehen.« Ihr Blick lag ernst auf seinem Gesicht. »Wäre es nicht so wichtig, würdest du dieses Geständnis nicht hinauszögern.« Ihre Hand legte sich auf seine. »Alexander, heraus mit der Sprache.«

Seine Lippen umhuschte ein Lächeln. »Du irrst dich, Darling, Kapitän Schwarzauge hat durchaus mit dem zu tun, was ich dir erzählen möchte.«

Anabel hob ungläubig die Augenbrauen. »Ein Scherz?«

»Nein, kein Scherz.« Alexander nahm einen weiteren Schluck Wein. »Die Höhlen, die in diesem Buch eine so große Rolle spielen, existieren wirklich. Meine Familie besitzt an der Atlantikküste einen Sommersitz. Während meiner Kindheit habe ich dort jedes Jahr einige Wochen verbracht. Eines Tages strolchten mein um zehn Jahre älterer Cousin Maurice und ich unbeaufsichtigt in der Gegend herum. Er hatte meiner Gouvernante versprochen, auf mich aufzupassen. Und dabei haben wir sie entdeckt, diese Höhlen.«

Er umfasste ihre Hand. »Es handelt sich um ein regelrechtes Höhlensystem. In einer der Höhlen gibt es einen etwa zwanzig Zentimeter hohen und fünfzehn Zentimeter breiten Spalt. Wenn man durch ihn hindurchsieht, kann man den Atlantik sehen. In ihre Wände sind eiserne Ringe eingelassen, so, als hätte sie früher auch als Verlies gedient.«

Anabel konnte es kaum fassen. »Weshalb hast du nicht Lea Marie davon erzählt?«, fragte sie. »Sie wäre begeistert gewesen. Auch in dem Buch ist die Rede von diesem Spalt. Gibt es etwa auch diese Höhlenzeichnungen, von denen im Buch die Rede ist?«

Alexander nickte. »Der Eingang des Höhlensystems liegt ziemlich weit oben und ist durch immergrünes dichtes Bauwerk verborgen. Ich nehme an, die Höhle diente tatsächlich früher Piraten als Unterschlupf. Mein Cousin ließ mich schwören, niemandem, von der Höhle zu erzählen. Sie war unser großes Geheimnis. Wir dachten uns sogar einen Namen für den Piraten aus, der in unserer Phantasie dort mit seinen Männern hauste. Ich war damals noch keine sieben Jahre alt, und ich war begeistert, ein Geheimnis vor den Erwachsenen zu haben.«

»Lass mich raten! Schwarzauge!«

Der junge Prinz nickte. »Ja, genau jener Schwarzauge, der die Hauptperson des Kinderbuches geworden ist.«

»Hast du etwa unter Pseudonym das Buch geschrieben?« Anabel bemerkte nicht, wie sich ihre Augen weiteten, so, als wollte sie bis in die Tiefen von Alexanders Seele schauen, um festzustellen, ob er nicht doch einen Scherz mit ihr trieb.

»Nein, ich kann keine Bücher schreiben. Und auch Maurice hat dieses Buch nicht geschrieben. Er ist schon seit Jahren das Schwarze Schaf der Familie und ein ständiges Ärgernis …« Alexander winkte ab. »Doch das ist eine andere Geschichte. In den folgenden Jahren besuchte ich diese Höhlen ziemlich oft. Als ich später in ein Internat nach England geschickt wurde, erzählte ich einem meiner Lehrer davon. Er ist der Autor des Buches.«

Alexander hatte bisher nie von einem Sommersitz seiner Familie gesprochen! Außerdem hatte er eine Gouvernante erwähnt. Was wusste sie noch alles nicht, aus dem Leben dieses Mannes? Die junge Frau lehnte sich zurück. »Wer bist du wirklich, Alexander?«, fragte sie. »Der Sohn eines Reeders, eines Industriemagnaten, eines Ölscheichs, eines …«

»Ich hätte es dir längst sagen müssen, Darling.« Alexander leerte sein Glas. »Lass uns ein paar Schritte gehen.« Er stand auf und reichte ihr die Hand.

Anabel spürte, wie sie innerlich zu zittern begann. Wie in Trance folgte sie ihrem Freund die Treppe hinunter zum Strand. Sie zogen ihre Sandalen aus und liefen barfuß durch den kühlen Sand. »Ist Nelson überhaupt dein richtiger Name?« Sie blieb stehen.

»Ja, Nelson ist mein richtiger Name, allerdings nur ein Teil von ihm«, antwortete er. »Erinnerst du dich, auf der ›Santa Maria‹ habe ich einmal das Fürstentum Lichtenberg erwähnt.«

Die junge Frau nickte benommen.

»Fürst Carl ist mein Onkel, der Bruder meines verstorbenen Vaters. Seine erste Ehe ist kinderlos geblieben. Meine Tante starb bei einem Reitunfall. Jahre später heiratete mein Onkel zum zweiten Mal. Aus dieser Ehe stammen seine Zwillingssöhne Gerald und Louis. Ich stehe in der Thronfolge an dritter Stelle. Nach mir kommt mein Cousin Maurice, der, wie gesagt, zehn Jahre älter ist als ich, aber aus einer Nebenlinie stammt. Er hat noch nie einen Hehl daraus gemacht, wie sehr er sich wünscht, dass wie durch Zauberhand Gerald, Louis und ich uns in Nichts auflösen mögen, damit er eines Tages Fürst von Lichtenberg werden kann.«

Anabel löste sich von ihm und trat ein paar Schritte zurück. »Mit anderen Worten, du bist ein Prinz? Weshalb reist du unter dem Namen Nelson? Warum hast du mir von dem Gut in Schottland erzählt, das du angeblich bewirtschaftest. Warum …«

Er zog sie an sich. »Ich habe dich nicht belogen, Anabel, ich habe nur einiges verschwiegen, weil ich dich nicht erschrecken wollte. Ich reise inkognito, weil ich auf dem Schiff ein Passagier unter vielen sein wollte. Das ist auch der Grund, weshalb ich als Gutsherr in Schottland lebe. Ich hoffe von Herzen, das mein Onkel noch ein paar Jahre regiert, obwohl er sehr krank ist, und dass tatsächlich Gerald oder Louis den Fürstenthron übernehmen.«

»Und wie heißt du wirklich?« Anabels Kehle fühlte sich so trocken an, als hätte sie seit Tagen nichts getrunken. Da hatte sie sich in einen Prinzen verliebt, ausgerechnet in einen Prinzen! In ihre Augen stiegen Tränen. Was war sie doch für eine verrückte …?Sie schluckte. Wütend strich sie sich über die Augen.

»Mein voller Name ist Alexander Nelson Prinz von Lichtenberg«, sagte der junge Mann bedrückt über den Schmerz, der im Gesicht der geliebten Frau stand. »Ich habe dich wirklich nie belogen, Anabel. In England führe ich den Mädchennamen meiner Mutter. Er ist mein zweiter Vorname.« Er streckte zaghaft die Hand nach ihr aus und berührte mit den Fingerspitzen ihre Wange. »Ich liebe dich, Anabel. Ich liebe dich von ganzem Herzen. Hätte ich dir von Anfang an gesagt, dass es sich bei Fürst Carl um meinen Onkel handelt, hätten wir nie Gelegenheit bekommen, so viel Zeit miteinander zu verbringen.«

»Das ist wahr.« Anabel nickte. »Ich hätte vermutlich einen großen Bogen um dich gemacht, weil ich nicht ein Leben in der Öffentlichkeit führen möchte und dieses Leben auch Lea Marie nicht zumuten kann. Wie du sicher aus eigener Erfahrung weißt, kann kaum jemand in deinen Kreisen auch nur husten, ohne dass es am nächsten Tag in der Zeitung steht.«

»Ich kann es«, erklärte Alexander. »Ich habe mich aus dem offiziellen Leben meiner Familie zurückgezogen. Auf meinem Besitz in Schottland lässt sich nie ein Journalist blicken. Für meine Nachbarn bin ich einer der ihren. Nach Lichtenberg komme ich nur, um meine Mutter zu besuchen, die es vorzieht, am Hof zu leben, oder bei offiziellen Anlässen, wie dem Geburtstag meines Onkels.«

Die junge Frau atmete tief durch. »Ich weiß nicht … Ich …« Wenn sie ihn nur nicht so lieben würde! Auch wenn sie sich erst so kurze Zeit kannten, Alexander gehörte zu ihrem Leben und auch zu Lea Maries.

»Gib uns eine Chance, Darling«, bat er. »Durch mein Geständnis bin ich kein anderer für dich geworden. Ich liebe dich, und daran ändert auch mein Titel nichts.«

»Siehst du, als würde mir nichts anderes übrig bleiben, als dir zu glauben«, sagte sie.

Er nahm sie in die Arme und küsste sie zärtlich, dann hob er leicht ihr Kinn an.

»Ich habe ein Attentat auf dich vor«, bekannte er. »In wenigen Tagen feiert mein Onkel seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag. Ich möchte dich und Lea Marie aus diesem Anlass meiner Familie vorstellen. Bitte, kommt mit mir nach Lichtenberg.«

Ein eisiger Hauch streifte Anabels Gesicht. Bei dem Gedanken, in Alexanders Familie eingeführt zu werden, rann eine Gänsehaut über ihren Rücken. Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie seine Familie überhaupt kennen lernen wollte.

»Wenn ihr bei mir seid, werde ich mich nicht so verloren fühlen.«

»Das bist du bestimmt nicht. Immerhin lebt auch deine Mutter in Lichtenberg.«

»Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, Anabel.« Alexander schaute ihr erneut in die Augen. »Bitte, Darling, lass mich nicht allein. Ich könnte es nicht ertragen, schon so bald von dir getrennt zu sein. Bevor wir einander begegneten, wusste ich nicht einmal, was es heißt, einen Menschen von ganzem Herzen zu lieben. Du hast meinem Leben endlich einen Sinn gegeben. Du und Lea Marie …«

Die junge Frau zweifelte nicht daran, dass er wirklich meinte, was er sagte. Alexander liebte sie, wie ein Mensch einen anderen nur lieben konnte. »Ich liebe dich«, flüs­terte sie dicht an seinem Ohr. »Ich liebe dich, Alexander Nelson.«

Sie hatte ihm nicht versprochen, ihn nach Lichtenberg zu begleiten, doch für den jungen Prinzen war es dennoch ein Ja gewesen. Er zog sie so stürmisch an sich, dass sie fast das Gleichgewicht verloren hätten. »Und ich liebe dich, Anabel.« Er hob sie hoch und trug sie zu dem uralten Fort, dessen verwitterte Mauern schon manches Liebespärchen beherbergt hatten.

*

Lea Marie drückte fast ihr Näs­chen am Fenster platt. Sie konnte es kaum noch erwarten, nach Lichtenberg zu kommen. Da das kleine Land keinen eigenen Flughafen besaß, mussten sie in Belgien landen. In Belgien war sie bereits einmal mit ihrer Tante gewesen. Vor einem Jahr hatten sie dort in einem Freizeitpark Urlaub gemacht.

Die Maschine setzte auf der Rollbahn auf. Lea Marie löste ihren Gurt. Nach wie vor erschien es ihr wie ein Traum, dass es sich bei Alexander um einen richtigen Prinzen handelte und es die Höhlen von Kapitän Schwarzauge wirklich gab. Alexander hatte ihr versprochen, sie irgendwann mit ihr zu besuchen.

Kind müsste man noch einmal sein, dachte Anabel. Auch sie war aufgeregt, wenn auch aus völlig anderen Gründen als ihre Nichte. Sie fragte sich, wie man sie in Alexanders Familie aufnehmen würde. Er hatte ihr gestanden, dass es sich bei den Lichtenbergs um eine sehr traditionelle, standesbewusste Familie handelte. »Nur Maurice und ich sind aus der Reihe geschlagen«, hatte er lachend erklärt.

»Mit anderen Worten, du gehörst auch zu den schwarzen Schafen der Familie«, hatte sie ihm geantwortet.

»Nein, ich glaube nicht, dass Onkel Carl ein schwarzes Schaf in mir sieht«, hatte er gesagt. »Diesen Titel hat sich allein Maurice verdient. Mein Onkel hat ihm sogar schon damit gedroht, ihn aus der Familie auszuschließen, wenn er seinen Lebensstil nicht ändert. Das Hausgesetz der Lichtenbergs lässt so einen Ausschluss zu.«

Es gab also ein Hausgesetz! Anabel seufzte in Gedanken auf. Auf was ließ sie sich da ein? Einzig und allein die Liebe, die sie für Alexander empfand, hatte sie nicht noch am Flughafen umkehren lassen.

Sie kamen nicht direkt aus Kreta, sondern hatten noch ein paar Tage in Berlin verbracht. Alexander war in einem Hotel in der Nähe ihrer Wohnung abgestiegen. Während Anabel sich um ihre Arbeit gekümmert hatte, hatte er sich von Lea Marie Berlin zeigen lassen.

»Ich bin bei dir«, flüsterte er ihr zu, als sie aufstanden, um das Flugzeug zu verlassen. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie in der ers­ten Klasse geflogen. Ihr kam es vor, als würden sich die beiden Stewardessen am Ausgang des Flugzeugs besonders freundlich von ihnen verabschieden, doch das konnte auch Einbildung sein.

Sie mussten nicht mit den anderen Passagieren im Bus zum Flughafengebäude fahren, sondern wurden abgeholt und in den VIP-Bereich des Flughafens gebracht, wo man ihnen Erfrischungen anbot, bis ihr Gepäck ausgeladen worden war.

Vor dem Flughafen wartete eine weiße Limousine mit einem Chauffeur auf sie. Auf dem Kotflügel des Wagens wehte eine kleine Fahne mit dem Wappen des Fürs­tentums im Wind.

Der Chauffeur verneigte sich vor Alexander Nelson. »Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Flug, Hoheit«, sagte er. »Es ist schön, Sie wieder bei uns zu wissen.«

»Danke, Albert.« Alexander stellte den Chauffeur seinen Begleiterinnen vor. »Albert hat mich schon in meiner Kindheit chauffiert«, fügte er hinzu. »Wir sind gute Freunde.«

Wurde man von einem Freund ›Hoheit‹ genannt? Anabel konnte es sich nicht vorstellen. Sie sagte ein paar unverbindliche Worte zu Albert und verzichtete darauf, ihm die Hand zu reichen, obwohl sie es gern getan hätte.

»Es freut mich, Sie kennen zu lernen, Madam.« Albert neigte auch vor ihr und dann vor Lea Marie den Kopf. Zuvorkommend öffnete er für sie die Türen der Limousine. »Darf ich Ihnen helfen, Mademoiselle?«, erkundigte er sich, als Lea Marie mit dem Gurt Schwierigkeiten hatte.

Es zahlte sich aus, dass Lea Marie eine internationale Schule besuchte und von der ersten Klasse an Französisch und Englisch lernte. So konnte sie Albert ohne Schwierigkeiten antworten.

Die Grenze zu Lichtenberg lag nur wenige Kilometer entfernt. Schon bald tauchte rechts der Straße ein großes Schild mit dem Wappen derer von Lichtenberg auf. Sie fuhren an einem Dorf mit weißen schindelgedeckten Häusern vorbei. Drei Buben, die am Straßenrand spielten, winkten ihnen zu. Lea Marie befreite sich von ihrem Gurt, kniete sich auf den Sitz und winkte durch das Rückfenster.

»Lea Marie«, mahnte Anabel.

»Schon gut, Tante Anabel.« Lea Marie setzte sich hin und griff nach ihrem Gurt. »Wann sind wir denn da, Alexander?«, erkundigte sie sich.

»In zwanzig Minuten«, antwortete der junge Prinz. »Hinter dem Wald, durch den wir gleich fahren, kann man Schloss Lichtenberg schon sehen. Es liegt auf einer Anhöhe. Vor der Anhöhe breitet sich unsere Hauptstadt aus.« Er wandte sich an Anabel: »Lichtenberg wird dir gefallen. Es hat sich seinen mittelalterlichen Stadtkern bewahrt. Außerdem gibt es bei uns Dank eines Gesetzes, das mein Onkel schon vor vierzig Jahren erlassen hat, keine Hochhäuser.«

»Sind im Schloss auch Verliese?«, fragte Lea Marie.

»Ja, aber sie werden schon seit über hundert Jahren nicht mehr benutzt. Ich selbst habe sie noch nie gesehen. Als Kind war es mir verboten, in die Kellergewölbe hinunterzusteigen, und später hatte ich kein Interesse mehr daran.« Er wandte sich an den Chauffeur. »Kennen Sie die Verliese, Albert?«

»Und ob ich sie kenne, Hoheit«, erwiderte der Mann schmunzelnd. »Wie Sie wissen, bin ich auf Lichtenberg aufgewachsen. Meine Geschwister und ich hatten keine Gouvernanten und Erzieher, die uns Tag und Nacht bewachten. Wir sind durch sämtliche Kellergewölbe gestrolcht und haben auch den Zugang zu den Verliesen entdeckt.«

»Und wie ist es dort?«, fragte Lea Marie aufgeregt.

»Kein Ort für eine junge Dame wie Sie, Mademoiselle. Wollen wir froh sein, dass die Zeiten, in denen dort Menschen eingekerkert wurden, vorbei sind.«

Wie Alexander versprochen hatte, konnten Anabel und ihre Nichte, kaum dass der Wald hinter ihnen lag, einen ersten Blick auf Schloss Lichtenberg werfen. Mit seinen hohen, schlanken Türmen, den zinnenbewehrten Dächern und Halbbogenfenstern wirkte es wie einem Märchenbuch entnommen. Fast erwarteten sie, dass sich das große Tor in der Umfassungsmauer öffnete und ihnen drei Reiter in Rüstung und mit Fanfaren auf geschmückten Schimmeln entgegenritten.

Albert bog nach rechts ab. Die ersten Häuser der Stadt tauchten auf. Ab und zu winkten ihnen Leute zu. Souverän erwiderte Alexander ihren Gruß. Man merkte ihm an, dass er das von Kindheit an gewohnt war.

Die Straße zum Schloss führte nicht mitten durch die Stadt, wie Anabel zuerst vermutet hatte. Sie berührte nur eines der Randgebiete. Sie passierten ein Schild ›Schloss Lichtenberg‹ und bogen erneut ab. In Serpentinen ging es die Anhöhe hinauf. Je höher sie kamen, umso banger wurde der jungen Frau zumute. Wie würde man Lea Marie und sie auf Lichtenberg empfangen? Sie konnte sich nicht vorstellen, von der Familie des jungen Prinzen freudigen Herzens aufgenommen zu werden.

Vor ihnen schwang das große Tor auf. Sie fuhren unter einem gewaltigen Wappen hindurch und befanden sich in einem mit Kastanien bestandenen Vorhof. Gleich darauf passierte die Limousine einen offenen Torbogen.

Prinz Alexander hatte ihnen Fotos von Schloss Lichtenberg gezeigt, doch die Wirklichkeit übertraf all ihre Erwartungen. Bei Lichtenberg handelte es sich tatsächlich um ein regelrechtes Märchenschloss. Über den Arkaden, die den großen Innenhof von drei Seiten einsäumten, zogen sich rosengeschmückte Balkone mit schlanken Säulen hin. Das Hauptgebäude des Schlosses lag dem Torbogen direkt gegenüber. Eine zweiflügelige Treppe schwang sich zu seinem Portal hinauf. Rechts und links von ihr erhoben sich steinerne Löwen.

Die Limousine hielt nicht vor der Treppe, sondern auf der rechten Seite des Hofes vor einem breiten, mit vergoldeten Schnitzereien verzierten Portal, das sich unter den Arkaden befand. »Eure Suite liegt in unserem Gästehaus, Darling«, flüsterte Alexander ihr zu, als er ihr beim Aussteigen behilflich war.

Lea Marie schaute sich um. Zu gern hätte sie sofort jeden Winkel des Schlosses erkundet. »Hier ist es richtig schön«, sagte sie. »Schade, dass wir nur ein paar Tage bleiben.«

»Ein paar Tage können sehr lang werden«, bemerkte Alexander. Er wäre mit Anabel und Lea Marie bedeutend lieber nach Schottland geflogen, als an der Geburtstagsfeier seines Onkels teilzunehmen. Vielleicht hätte er sogar seine Mutter überreden können, sie nach Schottland zu begleiten.

Ein sehr elegant gekleideter Butler und eine etwas füllige Dame in einem dunklen Jackenkleid begrüßten sie. Beide ließen trotz

der förmlichen Ehrerbietung, die sie Alexander entgegenbrachten, durchblicken, wie sehr sie sich freuten, ihn wiederzusehen.

Bei dem Butler handelte es sich um Monsieur Courbet, bei der Dame um Eloise Maillol, der Hausdame des Gästetraktes. Während sich zwei junge Burschen um das Gepäck der Gäste kümmerten, führte die Hausdame Anabel und Lea Marie eine breite, mit einem blauen Teppich bespannte Treppe in den zweiten Stock hinauf. Der junge Prinz folgte ihnen wie ein Schatten.

So gern Anabel die alten Gemälde betrachtet hätte, die längs der Treppe und in dem Gang hingen, den sie betraten, dazu blieb keine Zeit. Die Türen rechts des Ganges führten auf einen der langen Balkone hinaus, die sich über den Arkaden befanden. Die Türen auf der linken Seite gehörten zu den Gäs­tezimmern. Auf kleinen Messingschildchen standen die Namen, die den einzelnen Räumen gegeben worden waren. Anabel und ihre Nichte erhielten die Bleu Rose-Suite.

»Sie können mich jederzeit unter der Nummer zwanzig erreichen, Madame«, sagte Eloise Maillol. Sie schaute zu dem Gepäck, das durch den Dienstbotenaufgang in die Suite gebracht worden war. »Soll ich Ihnen eines der Mädchen zum Auspacken schicken?«

»Nein, danke«, erwiderte Anabel erschrocken. Hilfe beim Auspacken brauchte sie nun wirklich nicht! Mit ein paar Worten bedankte sie sich bei der Hausdame.

Als sie endlich allein waren, nahm Alexander seine Liebste in die Arme. »Es ist alles ein wenig viel für dich«, sagte er, »ich weiß.« Er strich ihr liebevoll die Haare aus der Stirn.

Lea Marie kam aus dem Schlafzimmer. »Im Bad gibt es goldene Wasserhähne«, sagte sie bewundernd, »und auf den Handtüchern sind eine Krone und das Wappen von Lichtenberg eingestickt. Ich habe mir noch nie die Hände an Handtüchern mit einer Krone abgetrocknet.«

»Dann wurde es allerhöchste Zeit«, neckte Alexander. »Heute Abend sind wir zum Dinner bei meiner Mutter eingeladen. Sie kann es kaum noch erwarten, euch kennen zu lernen. Ich hole euch um sieben Uhr ab. Reicht euch die Zeit, um euch etwas auszuruhen und zurechtzumachen?«

»Auf jeden Fall«, sagte Anabel. Es war erst kurz nach zwei.«