Game on - Schon immer nur du - Kristen Callihan - E-Book

Game on - Schon immer nur du E-Book

Kristen Callihan

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8,99 €

Beschreibung

EIN EINZIGER KUSS KANN ALLES VERÄNDERN ... Ethan Dexter ist der Superstar der National Football League: Er sieht aus wie ein Rockstar, die Frauen liegen ihm zu Füßen ... und er ist noch Jungfrau! Zumindest besagen das die Gerüchte. Doch Fiona Mackenzie fällt es schwer, das zu glauben. Vor allem, nachdem sie und Dex den heißesten Kuss der Weltgeschichte miteinander geteilt haben. Seitdem lässt Dex keinen Zweifel daran, was er will: Fiona. Doch die muss ihr Herz unbedingt vor einer weiteren Enttäuschung schützen ...

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Inhalt

TitelZu diesem BuchWidmungProlog123456789101112131415161718192021222324252627282930313233343536373839404142434445EpilogDanksagungLeseprobeDie AutorinDie Romane von Kristen Callihan bei LYXImpressum

KRISTEN CALLIHAN

Game On

Schon immer nur du

Roman

Ins Deutsche übertragen vonWanda Martin

Zu diesem Buch

Fiona Mackenzie hat ein Problem. Ein Problem namens Ethan Dexter. Der schweigsame Footballstar ist ihr ein absolutes Rätsel. Mit seinen Tattoos und der düsteren Aura sieht er aus wie ein Rockstar. Die Frauen liegen ihm zu Füßen, und doch besagen Gerüchte, dass er noch nie eine Freundin – und noch nie Sex! – hatte. Fiona fällt es schwer, das zu glauben. Vor allem, als die beiden sich eines Abends in einer Bar in San Francisco begegnen, und Dex so intensiv mit ihr flirtet, dass ihre Knie weich werden. Und als er ihr dann auch noch den besten und heißesten Kuss ihres Lebens gibt, steht ihre Welt endgültig kopf. Zumal Dex danach keinen Zweifel daran lässt, was er will: Fiona, und zwar um jeden Preis. Doch die weiß, dass sie ihr Herz unbedingt vor einer weiteren Enttäuschung schützen muss. Dass Dex kilometerweit von ihr entfernt wohnt und während der Saison ununterbrochen unterwegs ist, sind nicht die besten Voraussetzungen für eine Beziehung. Die Leben, die sie führen, sind grundverschieden. Das zwischen ihnen kann gar nicht funktionieren – oder?

Für alle Leser, die sich die Geschichte des »klugen Typs« gewünscht haben. Ich danke euch, Dex dankt euch, und ich weiß, dass Fi euch mit Sicherheit auch dankbar ist.

Prolog

Dex

Schweiß rinnt an meiner Wirbelsäule hinunter. Meine Knochen schmerzen und meine Beine fühlen sich an wie Wackelpudding, als ich langsam über den leuchtend grünen Rasen gehe, der jetzt von langen Scharten und tiefen Löchern durchzogen ist.

Um mich herum trotten die anderen Jungs Richtung Spielfeldrand, ihre Trikots sind mit Schweiß, Blut und Kreide beschmiert. Tausende jubelnde Zuschauer erzeugen ein dumpfes Grollen, das ich bis in meine Eingeweide spüre.

Willkommen zum Monday Night Football. Primetime-Sport vom Feinsten. Mein Team hat gerade gewonnen. Ich habe meinen Job gemacht und jetzt baut sich das Adrenalin ab, das Hochgefühl fällt langsam in sich zusammen. Ich möchte duschen, etwas Warmes essen und mich für ein paar Stunden in dem kleinen Atelier, das ich mir in meinem Stadtreihenhaus eingerichtet habe, dem Malen widmen. Aber daraus wird nichts, denn ich habe heute einen Hausgast, mit dem ich zum Abendessen verabredet bin.

Meine Mitspieler klopfen mir auf die Schulterpolster, loben: »Gutes Spiel«, während ich das Feld überquere. Einige Jungs aus dem anderen Team kommen zu mir, um mir die Hand zu schütteln. Aber ich halte Ausschau nach einem ganz bestimmten Typ.

Da entdecke ich ihn, sein Kopf überragt die meisten anderen. Er fängt meinen Blick auf und grinst. Doch sein Gesicht ist blass, dunkle Ringe liegen unter seinen Augen. Ich weiß, es liegt nicht daran, dass sein Team verloren hat.

Wir schlängeln uns durch die Menge aufeinander zu.

»Dex!« Gray Grayson, mein früherer Teamkollege und einer meiner besten Freunde, zieht mich in eine feste Umarmung. Sie ist ungelenk, da wir beide noch die Polster tragen und unsere Helme in der Hand halten. »Gutes Spiel, Mann. Wir werden euch nächstes Mal so was von fertigmachen.«

»Dann sagst du deinen Defense-Spielern besser mal, dass sie gefälligst die Köpfe aus ihren Ärschen ziehen sollen«, sage ich und tätschele ihm mitleidig den Kopf. »Schön, dich zu sehen, Gray-Gray.«

Ich vermisse es, mit ihm zu spielen. Er ist der beste Tight End, den ich seit Jahren gesehen habe. Unser Collegeteam lief wie eine richtig gut geölte Maschine. Die NFL ist nicht dasselbe. Von allem gibt es mehr – mehr Ego, mehr Geld, mehr zu verlieren. Footballspielen ist jetzt ein Beruf. Ich liebe ihn, aber der unbekümmerte Spaß ist weg.

Wir gehen zusammen Richtung Seitenlinie.

»Wie geht’s Ivy und dem Baby?«, frage ich.

Gray und Ivy haben vor ungefähr einem Monat ein Kind bekommen und es Leo genannt. Nach Leonhard Euler, einem von Grays Lieblingsmathematikern.

»Mann«, sagt Gray mit einem langsamen Kopfschütteln und grinst dabei breit. »Ich muss in einem vorigen Leben was richtig Gutes gemacht haben.«

»So toll, ja?« Ich freue mich für ihn. Auch wenn mich seine überschäumende Glückseligkeit daran erinnert, dass zu Hause niemand auf mich wartet.

»Die beste Familie, die sich ein Mann wünschen kann.« Gray fährt sich mit einer Hand über den Hinterkopf. Trotz seiner euphorischen Worte klingt er erschöpft.

»Nicht dass ich dir nicht glaube, Gray, aber du siehst ziemlich fertig aus. Was ist los?«

Sein Lächeln wirkt angespannt. »So was fällt auch nur dir auf.«

Wir sind fast an der Seitenlinie angekommen, von wo aus er in die Kabine der Gastmannschaft muss, deswegen gehen wir ein wenig langsamer.

»Leo schläft nachts noch nicht durch. Das macht sich bei Ivy und mir bemerkbar.« Er schneidet eine Grimasse. »Leider hauptsächlich bei Ivy, weil ich so viel unterwegs bin.«

Wenn Gray eingesteht, dass er zu wenig Schlaf kriegt, dann muss es wirklich übel sein.

Ich lege ihm einen Arm um die Schultern. »Du hast jetzt erst mal eine Woche frei, oder?«

»Ja.«

»Ich auch. Was dagegen, wenn ich euch besuchen komme?«

Gray lebt in San Francisco, und obwohl ich längst vorhatte hinzufahren, habe ich es bis jetzt noch nicht geschafft. Ich freue mich darauf, Gray zu besuchen, und außerdem weiß ich, dass ich ihm helfen kann. Nicht dass ich ihm das sagen könnte, denn dann würde er steif und fest behaupten, er habe alles im Griff.

Gray lächelt breit. »Ich würde mich riesig freuen. Und Ivy auch, das weiß ich.«

»Bist du dir sicher? Könnte sein, dass Ivy jetzt, wo das Baby da ist, erst mal keine Besuche möchte.« Das muss einfach gesagt werden, denn Gray neigt dazu, nicht nachzudenken, bevor er etwas vorschlägt.

»Nein, das ist okay. Sie hat sich in letzter Zeit ganz schön einsam gefühlt.« Er zieht die Augenbrauen zusammen. »Wir sind beide nicht sonderlich gerne allein.«

Was du nicht sagst.

Ich klopfe ihm auf die Schulter. »Super. Lass uns gleich was essen gehen.«

Gray gibt ein tiefes Stöhnen von sich. »Oh Mann, darauf habe ich mich schon die ganze Zeit gefreut. Wir gehen ins Cochon, richtig?« Seine Augen leuchten bei der Aussicht darauf, in einem der besten Restaurants von New Orleans zu essen. Und ehrlich gesagt knurrt mir inzwischen auch der Magen.

»Jep. Ich habe Bescheid gesagt, dass wir kommen, und sie bereiten was richtig Gutes für uns vor. Ich glaube, ich habe gehört, dass sie von einem ganzen Schwein gesprochen haben.«

Gray stöhnt erneut. »Könnte sein, dass ich gleich losheule.«

Essen macht ihn öfter mal rührselig, deshalb zucke ich bei seinem Kommentar nicht mal mit einer Wimper. »Treffen wir uns in dreißig Minuten vor den Kabinen?«

Gray übernachtet heute bei mir, bevor er morgen mit seinem Team nach Hause fährt.

Er nickt und trottet los, dreht sich dann aber noch einmal um. »Da fällt mir ein, Fiona wird nächste Woche auch bei uns sein. Ist das okay für dich?«

Alles in mir stockt – mein Atem, mein Herzschlag –, bevor die Vitalfunktionen heftig und mit Nachdruck wieder einsetzen.

Fiona Mackenzie, Ivys kleine Schwester. Und mit klein meine ich wirklich klein. Höchstens eins sechzig, zierlich, aber mit Kurven. Sie ist mir schon aufgefallen, als ich sie vor zwei Jahren zum ersten Mal gesehen habe, und seitdem hat sie mich nicht mehr losgelassen. Leuchtend grüne Augen, wildes blondes Haar, fast immer ein Lächeln auf den vollen Lippen und ein melodiöses Lachen, von dem ich jedes Mal, wenn ich es höre, einen Steifen kriege. Das ist mein Bild von Fi, wenn ich mir selbst erlaube, sie mir nachts in einsamen Stunden vorzustellen. Allerdings habe ich es mir seit einer ganzen Weile nicht mehr erlaubt. Von Fi zu träumen ist eine spezielle Art der Folter. Sicher, sie ist schön, aber sie ist auch einer der direktesten Menschen, die ich je kennengelernt habe. Als jemand, dessen Karriere sich darum dreht, Täuschungen und Irreführungen zu studieren, fühle ich mich in ihrer Nähe, als würde ich aus der erdrückenden Dunkelheit ins helle Sonnenlicht eines neuen Tags treten. In ihrer Gegenwart kann ich jedes Mal leichter atmen, klarer sehen. Und danach sehne ich mich mehr, als ich mir selbst eingestehen will.

Ich würde ja gerne behaupten, sie sei das Mädchen, das noch mal davongekommen ist, aber so nah sind wir uns nie gekommen. Fi hat mir nie viel Beachtung geschenkt, nicht mehr als Freundlichkeit gegenüber einem flüchtigen Bekannten.

Fiona Mackenzie. Im selben Haus. Für eine Woche. Gray wartet auf eine Antwort von mir.

Ich nicke ihm zu. »Freu mich drauf.«

Und plötzlich tue ich das auch. Ich kann es ehrlicherweise kaum erwarten.

1

Fiona

Die Wahrheit? Ich mag Männer. Nein, streicht das. Ich liebe Männer. Ich liebe ihre Stärke, ihre tiefen Stimmen, die einfache Art, auf die sie Probleme angehen. Ich liebe ihre Loyalität. Ich liebe ihre breiten, massiven Handgelenke und ihre geraden, schmalen Hüften. Verdammt, ich liebe es sogar zu beobachten, wie ihr Adamsapfel beim Schlucken auf und ab hüpft. Und ja, ich meine das ganz allgemein. Ich habe für meinen Teil schon genügend Scheißkerle kennengelernt, aber im Großen und Ganzen bin ich ein Riesenfan des männlichen Geschlechts. Weshalb es mich leicht deprimiert, dass ich gerade ohne Mann bin.

Auf dem College hatte ich einen tollen Freund. Jake. Er war sexy und locker drauf. Vielleicht zu locker. Er hat im Grunde jeden geliebt. Klar, ich war seine Freundin, aber wenn ich nicht in der Nähe gewesen bin, war das auch kein Problem für ihn. Dann gab es jede Menge anderer Leute, mit denen er abhängen konnte. Er hat mich nicht betrogen. Ich habe ihm bloß nicht genug bedeutet. Und nachdem ich gesehen habe, was meine Schwester Ivy und ihr Kerl haben, diese praktisch allumfassende »Ich muss mit dir zusammen sein«-Hingabe, will ich mehr als nur gelegentliche Treffen. Ich möchte jemanden, der nicht ohne mich leben kann, genauso wenig wie ich nicht ohne ihn.

Natürlich werde ich so jemanden auf keinen Fall an einem Dienstagabend in diesem winzigen Klub finden. Aber ich bin auch nicht wegen der Männer hier, von denen die meisten eindeutig auf eine schnelle Nummer aus sind, sondern wegen der Musik. Die Band hat einen funkigen Trip-Hop-Sound, der mir gefällt, und die Atmosphäre ist fröhlich und entspannt.

Nachdem ich mir den Hintern aufgerissen habe, um meinen Collegeabschluss zu machen, und inzwischen in einem Job arbeite, bei dem ich mit hinterhältigen, Ideen klauenden Kollegen geschlagen bin, die ich regelmäßig killen könnte, brauche ich etwas Entspannung.

Ich lümmele mich auf die Sitzbank in einer hinteren Ecke des Klubs, trinke meinen Manhattan und genieße den Augenblick.

Ich habe beschlossen, dass mir San Francisco, wo ich gerade meinen Urlaub verbringe, um meine Schwester und ihren Mann zu besuchen, gefällt. Leider hatten Ivy und Gray keine Lust, heute Abend mit mir wegzugehen, weil sie ein kleines Baby haben, das alle zwei Stunden wach wird. Die Schlafgewohnheiten der kleinen Quälgeister sind wirklich gewöhnungsbedürftig, egal, wie süß und toll die Babys sonst sind.

Ich unterdrücke ein Schaudern. Mein Leben mag im Moment frustrierend sein und eventuell einen Ticken einsam, aber wenigstens leide ich nicht unter Schlafentzug. Stattdessen höre ich einer Sängerin zu, die schmachtend und mit honigweicher Stimme über die Sterne singt. Der Cocktail schmeckt rauchig-süß und strömt warm durch meine Adern.

Ich bin so relaxt, dass ich den Mann zu meiner Rechten fast nicht bemerkt hätte. Ich habe keine Ahnung, was mich dazu bringt, den Kopf zu drehen und in seine Richtung zu schauen. Vielleicht liegt es daran, dass das Set der Band zu Ende ist und meine Aufmerksamkeit von der Bühne wegdriftet. Vielleicht habe ich aber auch einfach seinen Blick gespürt, denn er starrt mich geradezu an, ohne zu blinzeln.

Ich bin keine Frau, die schüchtern wegguckt, also starre ich zurück.

Er ist nicht mein Typ. Erstens ist er riesig, soll heißen hoch wie ein Haus, mit so breiten Schultern, dass ich mir ziemlich sicher bin, wenn ich mich auf einer Seite daraufsetzen würde, hätte neben mir noch jemand Platz. Er sitzt krumm auf seinem Stuhl, deshalb kann ich nicht sagen, wie groß er ist, aber ich schätze mindestens eins fünfundneunzig, womit er über dreißig Zentimeter größer wäre als ich. Ich hasse es, mir winzig vorzukommen. Das erlebe ich einfach zu oft. Außerdem hat er einen Bart. Keinen wilden, buschigen, aber einen dichten und vollen, der seinen kantigen Kiefer einrahmt. Das ist irgendwie heiß. Trotzdem stehe ich nicht auf Bärte. Ich mag glatte Haut, Grübchen, jungenhaftes Aussehen. An diesem Typ ist überhaupt nichts jungenhaft. Er ist eine seltsame Mischung aus Hipster und echtem, grüblerischem Kerl. Sein Haar ist im Stil eines Samurais am Hinterkopf zu einem Dutt zusammengenommen, was seine hohen Wangenknochen und die kantige Nase betont.

Er mag zwar nicht mein Typ sein, aber er hat umwerfende Augen. Keine Ahnung, welche Farbe sie haben, aber sie liegen tief unter breiten, dunklen Augenbrauen. Und sogar von hier aus kann ich seine dichten Wimpern erkennen, deren Länge fast schon etwas Feminines haben. Oh Gott, diese Augen sind wirklich wunderschön. Und sie haben eine mächtige Wirkung. Ich spüre seinen Blick zwischen den Beinen wie ein verführerisches zartes Kitzeln.

Er starrt mich an, als würde er mich kennen. Als müsste ich ihn ebenfalls kennen. Komischerweise kommt er mir tatsächlichbekannt vor. Aber ich habe einen Cocktail zu viel intus und bin zu benebelt, um darauf zu kommen, woher.

Offenbar bemerkt er meine Irritation, denn die Winkel seines breiten, vollen Munds zucken jetzt, als würde er sich über mich amüsieren. Oder es liegt daran, dass ich ihn ebenfalls anstarre. Er ist anscheinend einer von der dreisten Sorte, der ganz unverhohlen durchblicken lässt, dass er mich abcheckt.

Ich beschließe, ihn böse anzufunkeln, und ziehe eine Augenbraue hoch, wie es mein Dad immer dann macht, wenn ihm etwas missfällt. Da ich diesen Blick oft selbst geerntet habe, weiß ich, wie wirkungsvoll er ist. Zumindest bei den meisten Leuten. Aber bei diesem Typ? Seine Belustigung scheint nur noch zuzunehmen, obwohl er eigentlich nur mit den Augen lächelt und eine Braue hochzieht, als wollte er mich nachmachen.

In diesem Moment macht es Klick bei mir. Diesen leise amüsierten, leicht nachdenklichen Ausdruck habe ich schon mal gesehen. Ich habe ihn schon mal gesehen. Ich kenne ihn sogar. Er ist Grays Freund und sein ehemaliger Teamkollege vom College.

Als könnte er meine Gedanken lesen, nickt er mir langsam zu, als wollte er Hallo sagen.

Ich merke, wie ich über mich selbst schmunzeln muss. Er hat mich überhaupt nicht abgecheckt, sondern nur darauf gewartet, dass ich ihn erkenne. Mein umnebeltes Hirn sucht nach seinem Namen.

Dex. Er heißt Dex.

Ich erwidere sein Nicken, indem ich das Kinn leicht senke.

Daraufhin erhebt er sich, wird größer und größer. Und größer. Jep, er hat definitiv die Statur von einem Baum.

Mir fällt ein, dass er jetzt als Center in der NFL spielt. Auch wenn viele Spieler auf dieser Position eine mächtige Wampe vor sich hertragen, ist das bei Dex nicht der Fall. Er besteht nur aus festen Muskelpaketen, die unter dem engen schwarzen T-Shirt und der ausgewaschenen Jeans gut zu erkennen sind, und bewegt sich mit der natürlichen Anmut eines Profisportlers.

Er bleibt vor meinem Tisch stehen. »Fiona Mackenzie.« Seine Stimme klingt tief, fest und freundlich.

Ich weiß nicht, warum ich sie als freundlich empfinde, aber der Eindruck bleibt hängen und entspannt mich irgendwie, was normalerweise nicht der Fall ist, wenn ich allein in einem Klub unterwegs bin und ein Kerl auf mich zukommt, den ich kaum kenne.

»Hey, Dex. Sorry, ich habe einen Moment gebraucht. Normalerweise bin ich schneller.« Ich nicke in Richtung des Stuhls neben mir. »Magst du dich zu mir setzen?«

Er deutet auf mein fast leeres Glas. »Willst du erst noch was zu trinken?«

»Ja, gerne. Danke.« Schon allein, damit meine Hände was zu tun haben. Denn auch wenn er mich nicht einschüchtert, macht seine Präsenz doch mächtig Eindruck auf mich.

Mein Bauch zieht sich zusammen, als er sich zu mir vorbeugt, als wollte er mich umarmen, wobei seine massive Gestalt den kleinen Tisch überschattet. Aber er hält bloß die Nase in mein Glas und schnüffelt. Mit einem Nicken richtet er sich wieder auf und dreht sich zur Bar um.

Nein, ich bewundere nicht seinen Arsch, als er sich entfernt. Okay, vielleicht ein bisschen. Denn ich muss schon sagen, wow!

Ein paar Minuten später ist er mit einem Manhattan in der einen und einer Flasche Wasser in der anderen Hand zurück. Mir fällt wieder ein, dass er so gut wie nie Alkohol trinkt.

Ehe er sich hinsetzen kann, kommt ein Mädchen mit flehendem Blick an unseren Tisch. »Braucht ihr den?« Sie legt eine Hand auf den einzigen Stuhl am Tisch.

Technisch gesehen könnte Dex sich neben mich auf die Bank setzen. Eine Tatsache, die uns allen nur allzu bewusst ist.

Das Mädchen sieht zwischen uns hin und her, als wollte es uns genau das klarmachen.

Es wäre zickig von mir, Nein zu sagen. Also nicke ich, und das Mädchen zieht mit dem Stuhl ab, bevor ich meine Meinung ändern kann.

Dex trägt immer noch denselben amüsierten Gesichtsausdruck zur Schau, als er sich neben mich setzt. Sein Oberschenkel befindet sich so dicht neben meinem, dass ich seine Körperwärme spüren kann. Nicht dass ich glaube, er würde das mit Absicht machen. Er ist einfach groß und der Platz eben knapp.

Mit einem Lächeln nehme ich einen Schluck von meinem Drink. »Du hast allein am Geruch erkannt, dass ich Manhattan trinke?«

Dex stellt sein Wasser auf den Tisch und lenkt damit meine Aufmerksamkeit auf die Tattoos an seinen Armen. »Meinem Onkel gehört eine Bar. Ich habe ihm über die Jahre immer mal wieder ausgeholfen.« Er schaut auf mein Glas. »Der Geruch und die Kirsche haben dich verraten.«

Und dann habe ich plötzlich das Gefühl, dass sich mein Gehirn abschaltet, denn ich nehme die Kirsche aus dem Glas und stecke sie mir zwischen die Lippen, um daran zu lutschen. Wie irgend so ein verdammter Pornostar.

Sein Blick zuckt zu meinem Mund, seine Augen verengen sich.

Verdammt, ich spüre es schon wieder. Dieses verführerische zarte Kitzeln zwischen den Schenkeln. Bei diesem Kerl werde ich von einem einzigen Blick feucht. Während ich mich mit hochrotem Kopf innerlich dafür verfluche, dass ich so eine Show abziehe, reiße ich den Stiel von der Kirsche und kaue mit zielstrebiger Entschlossenheit, bevor ich hastig an meinem Cocktail nippe.

»Also, Dex«, sage ich schnell, als hätte ich nicht gerade versucht, die Aufmerksamkeit auf meinen Mund zu lenken. »Lange nicht gesehen.«

Er blinzelt und löst den Blick von meinen Lippen, um mir in die Augen zu sehen. »Ethan.«

»Was?«

»Mein Name«, sagt er. »Ich heiße Ethan.« Kleine Lachfältchen erscheinen um seine Augenwinkel. »Ethan Dexter.«

»Ah.« Ich nehme noch einen Schluck. »Dann darf ich dich also nicht Dex nennen? Gilt der Name nur für Freunde?«

Er lacht nicht oder windet sich, sondern sieht mich einfach weiter mit festem Blick an. »Das sollte keine Beleidigung sein. Du kannst mich Dex nennen, wenn du möchtest.«

Bevor ich ihn fragen kann, warum er dann auf Ethan bestanden hat, redet er weiter. »Ich habe dich seit der Hochzeit nicht mehr gesehen.«

Grays und Ivys Hochzeit. Also das war vielleicht ein Trunkenheitsrausch. Herrlich. Wirklich, ich trinke nicht oft. Aber wenn, dann … Äh, ja. Darum versuche ich, möglichst selten an den Punkt zu kommen, an dem ich absolut abdrehe.

Es fällt mir schwer, mir Einzelheiten von der Hochzeit ins Gedächtnis zu rufen, aber ich erinnere mich vage daran, mit Grays Jungs getanzt zu haben – Dex eingeschlossen. Ivy hat auch getanzt, was wie immer eine echte Show war. Meine Schwester, die ich über alles liebe, hat ein beängstigend schlechtes Rhythmusgefühl. Also habe ich mich hauptsächlich darauf konzentriert, Gray zu helfen und ihr den Rücken freizuhalten, damit sie nicht aus Versehen jemandem auf den Kopf haute, während sie herumzappelte.

»Ich weiß noch, dass du die meiste Zeit die Wand vorm Umkippen bewahrt hast«, sage ich zu Dex. Er hatte zwar bei ein paar Songs getanzt, sich dann aber ziemlich schnell eine Flasche Wasser geholt und gegen die Wand gelehnt dagestanden, um dem Rest von uns zuzugucken.

Er greift nach seiner aktuellen Wasserflasche. Es ist zu dunkel, um zu sehen, was für Tattoos er genau trägt, aber ich kann erkennen, dass sie bunt sind, im Retro-Stil gehalten. Und es sind mehr als noch vor einem Jahr.

»Manchmal macht es mehr Spaß zuzugucken.« Er löst den Blick nicht von meinem Gesicht, auch wenn es sich so anfühlt. Meine Brüste drücken gegen den BH, umso mehr, als er weiterspricht. »Du hast dir dein Kleid runtergerissen und es in einen Baum geschleudert.«

Hitze steigt mir in die Wangen. Die Hochzeit hat in einem Resort in den Tropen stattgefunden. Ich wollte schwimmen gehen – so wie alle anderen auch.

Ich beuge mich vor. »Willst du damit sagen, dir hat’s gefallen, mir beim Ausziehen zuzusehen, Ethan Dexter?«

Ein heiseres Lachen löst sich aus seinem breiten Brustkorb. »Ich sage bloß, dass es sehr einprägsam war.« Er senkt den Blick, sodass die langen Wimpern seine Augen verbergen. »Und unterhaltsam.«

»Ich bemühe mich, stets zu gefallen.« Während ich die Beine übereinanderschlage, betrachte ich ihn. Ich habe Spaß. Das überrascht mich, denn ich hätte Dex nicht als einen Mann eingeschätzt, der sich groß unterhält.

»Was machst du in San Francisco? Soweit ich mich entsinne, spielst du doch gar nicht in Grays Team.«

»Ich habe eine Woche frei und Gray auch …« Er zuckt mit den breiten Schultern. »Ich dachte mir, ich besuche ihn und Ivy.«

»Moment mal.« Sofort werde ich misstrauisch. »Du bist auch bei den beiden zu Besuch?«

Er nickt, wobei ein wachsamer Ausdruck über sein Gesicht huscht.

»Haben sie dich etwa hergeschickt, damit du meinen Babysitter spielst?«, fahre ich ihn an. Ich kann nicht glauben, dass er nur zufällig im selben Klub gelandet ist wie ich. Nicht nachdem beide, Gray und Ivy, etwas dagegen hatten, dass ich heute Abend allein ausgehe.

»Ja und nein.« Dex trinkt einen großen Schluck aus seiner Wasserflasche. »Ja, sie haben gesagt, dass du heute Abend hier sein wirst. Ja, sie waren besorgt. Aber zufälligerweise mag ich auch diese Band, deshalb dachte ich mir, ich gehe sie mir anhören und sage dir bei der Gelegenheit Hallo.«

»Oh, sehr überzeugend«, sage ich gedehnt und lehne mich zurück.

»Nicht wahr?«, stimmt er mir trocken zu.

Ich schnaube. Die Versuchung, ihn mit dem Stiel der Kirsche zu bewerfen, ist groß. Allerdings glaube ich nicht, dass es ihn groß stören würde, wenn ich es tatsächlich tun würde. Dex scheint viel zu schwer aus der Ruhe zu bringen zu sein, als dass ihn fliegende Teile von Früchten aufregen würden.

»Du musst nicht bleiben«, verkünde ich. »Richte den Aufpassern aus, dass du mich gesehen hast und dass es mir gut geht. Du kannst dich dann jetzt vom Acker machen.«

Er zuckt nicht mal mit einer Wimper. »Ich möchte aber lieber bei dir sitzen bleiben.«

Okay. Klar. Der große Footballspieler möchte sich den ganzen Abend lang traurige Musik anhören. Sicher doch.

Mein Gesichtsausdruck muss ziemlich skeptisch sein, denn er schenkt mir ein Lächeln und drückt mir sein Handy in die Hand. »Sieh dir meine Musikauswahl an.«

Er hat keine Passwortsperre – ziemlich unklug –, deshalb kann ich ganz einfach nachsehen. Flunk, Goldfrapp, Massive Attack, Portishead, Groove Armada und sogar was von Morcheeba. Er hat eine richtige Trip-Hop-Bibliothek am Start.

Ich grinse ihn an. »Bis eben grade hätte ich dich noch für einen Hardrock- oder vielleicht sogar Bluegrass-Fan gehalten.«

»Das liegt am Bart, oder?«

»Und an dem Man Bun.«

Er stößt ein kurzes, polterndes Lachen aus. »Soll ich die Haare aufmachen?«

Ja. Vielleicht.

»Nicht nötig. Man Buns sind sexy. Meiner Meinung nach ist Jason Momoa daran schuld. Die weibliche Erdbevölkerung kann nur bis zu einem gewissen Grad dabei zugucken, wie er Khaleesi poppt, bis jede ihren eigenen Khal Drogo haben will.«

Mist, ich habe echt keine Ahnung, was verdammt noch mal ich da gerade rede. Das hört sich ziemlich stark nach Flirten an. Und mein Instinkt sagt mir, dass man nicht so leichtfertig mit Ethan Dexter flirten sollte. Außerdem lasse ich mich prinzipiell nicht mit Sportlern ein. Niemals. Vollkommen egal, wie durchtrainiert sie sind. Oder wie selbstsicher. Ich mag Sport nicht. Football langweilt mich. Oh, ich weiß jede Menge darüber – in meiner Familie kommt man da irgendwie nicht drumherum –, aber ich habe keine Lust, so zu tun, als würde es mich interessieren, wenn ich mich eigentlich lieber über was anderes unterhalten würde.

Wieder erscheinen die Lachfältchen um Dex’ Augen und er dreht sich zu mir, wobei er einen Ellbogen auf den Tisch stützt. »Hat Momoa nicht einen Bart?«

Ich winke ab. »Wer hat denn Zeit, sich seinen Bart anzugucken, wenn seine Muskeln zur Schau gestellt werden?«

Ganz sicher sehe ich mir jetzt nicht Dex’ phänomenale Arme an.

»Was hältst du von Bärten?« Sein Blick ist so durchdringend, dass ich ihn bis in die Zehenspitzen spüre.

Mein Atem geht schneller. »Ich mag sie nicht besonders.«

Das ist die Wahrheit. Und trotzdem kann ich nicht verhindern, dass mein Blick in diesem Moment zu seinem wandert. Er ist dunkel und rahmt seine Lippen ein, was mich eigentlich abturnen müsste. Nur ist das genaue Gegenteil der Fall. Meine ganze Aufmerksamkeit wird auf die Form seines Munds gelenkt. Die Oberlippe ist sanft geschwungen, die Unterlippe voller, fast schon wie bei einem Schmollmund. Der Effekt hat etwas leicht Verbotenes.

Ich räuspere mich, schaue hoch und merke, dass er mich unter gesenkten Lidern hinweg ansieht. Meine Offenheit scheint ihn nicht sonderlich zu ärgern.

»Was stört dich denn an ihnen?«

Meint er das ernst?

Er starrt mich an.

Ich glaube schon.

Während ich schnell einen Schluck trinke, suche ich nach einer Antwort. »Sie sind einfach so … fusselig. Und kratzig.«

Er kommt näher, ohne mich zu bedrängen, aber er befindet sich jetzt nur noch eine Armlänge von mir entfernt. Er riecht schwach nach Nelken und Orangen. Das muss sein Aftershave sein oder sein Parfum, und es verfehlt seine Wirkung bei mir nicht.

Ich bin so von seinem Geruch und seinem Aussehen gefangen, dass ich vor Schreck beinahe aufspringe, als er weiterredet. »Weißt du das aus Erfahrung oder vermutest du es nur?«

Ich kneife die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. »Was bist du nicht für ein Philosoph.«

»Du hast die Frage nicht beantwortet.«

»Na schön. Ich vermute es.«

Seine Lippen krümmen sich nach oben. »Du solltest erst mal überprüfen, ob du mit deiner Vermutung richtig liegst, bevor du Bärte im Allgemeinen aburteilst.«

»Ist das irgendein gruseliger Versuch, mich dazu zu bringen, deinen Bart anzufassen?«

Etwas Herausforderndes blitzt in seinen Augen auf. »Hier in der Bar sind einige Typen mit Bart. Du könntest sie fragen. Aber ich schätze, da wir uns kennen …«

»So gut jetzt auch wieder nicht.«

»Du würdest lieber den Bart eines Fremden anfassen?«

»Du gehst einfach so davon aus, dass es mir überhaupt wichtig genug ist, um zu fragen.«

Im Dämmerlicht des Klubs leuchten seine Zähne weiß auf. »Ich weiß, dass du neugierig bist. Es juckt dir in den Fingern, es herauszufinden.«

Ich lege meine Hände flach auf den Tisch und funkele ihn böse an. Kommt es mir nur so vor oder ist er noch näher herangerückt? So nah, dass ich sehen kann, dass seine Augen haselnussbraun sind und am äußeren Rand der Iris durch ein strahlenförmiges Muster heller.

Er sieht mich an. Geduldig. Berechnend. Verlockend.

»Die Ruhigen sind immer die Schlimmsten«, murmele ich, bevor ich tief Luft hole. »Okay, ich werde dein fusseliges Gesicht tätscheln.«

»Warte.« Ohne zu zögern, greift er nach meinem Drink und nimmt einen Schluck. »Ich muss mir Mut antrinken.«

Mir entweicht ein ersticktes Lachen. »Weil ich ja sooo Angst einflößend bin.«

»Du hast ja keine Ahnung, Kirsche.«

Ich glaube, ich habe gerade leise aufgestöhnt. Ich möchte definitiv gerne einmal fest an seinem heiß geliebten Bart ziehen.

Dex sieht mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Na los!«

Dieser freche Mistkerl spielt mit mir. Und ich tappe ihm geradewegs in die Falle. Ich kann den Blick nicht mehr von seinem Bart abwenden. Genauer gesagt von seinen Lippen, die ganz leicht geöffnet sind. Eine Einladung. Eine Mutprobe. Verdammt, Mutproben konnte ich noch nie gut ignorieren.

Ich hasse es, dass meine Hand zittert, als ich sie an sein Gesicht hebe.

Er hält vollkommen still, einen Arm hat er lässig auf die Lehne hinter mir gelegt, sein Körper ist mir zugewandt. Mir ist allerdings nicht entgangen, dass sein Atem ein klein wenig schneller geht.

Ich zögere, fühle mich fast schon ein wenig schüchtern. Dabei will ich doch bloß ein bisschen Gesichtsbehaarung anfassen. Wieso fühlt es sich dann so an, als wären wir zwei Kinder, die sich in eine dunkle Ecke zwängen und »Ich zeig dir meins« spielen? Genervt von mir selbst überwinde ich schnell den restlichen Abstand zwischen uns.

Weich. Sein Bart ist weich. Und er gibt nach. Das hatte ich nicht erwartet. Sanft drücke ich die Fingerspitzen in diese elastische, weiche Fülle und streichle ein bisschen darüber.

Seine Nasenflügel beben, als er scharf die Luft einzieht.

Ich sehe zu ihm hoch, suche seinen Blick, doch er reagiert nicht. Also mache ich weiter, fahre mit den Fingern gegen die Wuchsrichtung der Haare an seinem Kiefer entlang. Jetzt kitzelt es, wie ich erwartet hatte. Doch es fühlt sich gut an, jagt mir ein erregendes, leichtes Kribbeln über die Haut, das meine Schenkel hinaufläuft. Ich schlucke schwer und presse die Beine zusammen. Merkt er es? Ich bin zu feige, es herauszufinden. Stattdessen halte ich den Blick auf sein Gesicht gerichtet, auf seine Lippen, die im Vergleich zu seinem Bart so nachgiebig aussehen.

Unwillkürlich teilen sich meine eigenen Lippen, mein Mund ist plötzlich wahnsinnig empfindsam. Ich beuge mich dichter zu ihm. Ich kann nicht anders. Mit dem Daumen fahre ich am Rand seiner Unterlippe entlang. Oh nein, das war ein Fehler. Der Kontrast zwischen seinem weichen, aber doch festen Mund und dem dichten Bart bewirkt, dass blitzartig pure Lust in meine Klitoris schießt.

Benommen streichle ich weiter, ziehe den sanft geschwungenen Bogen der Oberlippe nach und fahre dabei gleichzeitig weiter an seinem Bart entlang. Mist, ich kann nicht aufhören, mir vorzustellen, wie es wäre, wenn er mit diesem Mund über meine Haut streifen würde. Ob ich seinen Bart spüren könnte, wenn er an meinen Nippeln saugt? Es pulsiert in mir. Besagte Nippel sehnen sich schmerzhaft nach Erlösung.

Dex’ Körperwärme strahlt wie von einem Felsen, der lange von der Sonne beschienen wurde, auf mich ab. Ohne es zu merken, habe ich mich vor ihm auf die Bank gekniet und halte ihn mit der freien Hand an der Schulter fest, als hätte ich Angst, er könnte zurückweichen.

Aber das wird er nicht. Nicht nachdem seine große, schwere Hand auf meiner Hüfte gelandet ist und er mich stützt, wobei er die Finger auf eine halb besitzergreifende, halb beschützende Art in meine Haut gräbt.

Ich sollte aufhören, rede ich mir selbst ein, während ich weiter seine Lippen nachfahre, die Mundwinkel, seine Kinnpartie.

Dex atmet flach durch den leicht geöffneten Mund, wobei jedes Mal ein zarter Schwall warme Luft über meine Fingerspitzen streicht.

Ich will – nein, ich muss – mehr spüren. Und dieser Drang folgt seinem eigenen Willen.

Ich spüre, wie Dex überrascht die Luft einzieht, kurz bevor meine Lippen seine streifen. Oh Gott, fühlt sich das gut an. Seidig fest, kitzlig weich. Ich wiederhole es, berühre seinen Mundwinkel, sodass sein Bart meine Lippen kitzelt.

Ein leises Wimmern steigt von irgendwoher zwischen uns auf. Ich weiß nicht, ob er es ausgestoßen hat oder ich. Egal. Ich beschäftige mich jetzt wie besessen mit seinem Mund, hole mir Kuss um Kuss und gebe mich ganz der Empfindung hin. Bärte haben etwas geradezu Verruchtes. Total unanständig. Ich kann plötzlich nur noch an Sex denken und an andere Körperstellen mit weichen und zugleich drahtigen Haaren. In meinem Kopf dreht sich alles um die Vorstellung, wie er mit seinem dichten, vollen Bart über meine Klitoris fährt, wie es kitzeln und mich erregen würde. Und das macht mich wild.

Ich lasse die Zunge in seinen Mund schnellen – gierig, lüstern – und lege die Daumen an seine Mundwinkel, damit ich ihn fühlen kann, während ich ihn schmecke.

Dex’ Stöhnen bringt seinen Körper zum Vibrieren. Eine schwere Hand umfasst meinen Hinterkopf, lange Finger schieben sich in mein Haar. Dann neigt er den Kopf und erwidert meinen Kuss voller Hingabe, als wäre er gerade aus einem langen Schlaf aufgewacht und vollkommen ausgehungert.

Lust durchströmt mich heftiger und schneller, als ich es je erlebt habe. Sie raubt mir den Atem und den Verstand. Ich kann nichts anderes tun, als seitlich über sein Gesicht zu streicheln, meinen weichen Busen gegen seine Brust zu pressen und ihm zu geben, was wir beide wollen.

Er schmeckt nach Whisky und süßem Wermut, nach kandierten Kirschen und einem köstlichen Aroma, das wohl sein eigenes sein muss. Gierig gleite ich mit der Zunge über seine, denn ich will mehr davon.

Dex’ Brust hebt und senkt sich unter einem schweren Atemzug, als er den Mund weiter öffnet, um mich einzulassen. Mit seinen großen Händen umschließt er meinen Po.

Plötzlich bin ich schwerelos, mir ist schwindelig. Ich lande auf seinem Schoß, die Beine um seine Hüften geschlungen. Er ist so breit, dass meine Muskeln davon gedehnt werden. Ich schlinge die Arme um seinen Nacken, während ich meine Mitte gegen eine beeindruckende, steinharte Erektion presse. Perfektion.

Er reagiert mit einem Ächzen und knetet meinen Hintern, wobei er die Pobacken auf eine geradezu unanständige Art auseinanderzieht.

Die ganze Situation ist so sexy, dass ich wimmere und mich erneut gegen ihn wiege. Wie wir hier quasi trocken vögeln und uns gegenseitig mit dem Mund nehmen, ist alles, was mich im Moment interessiert.

Bis ich einen lauten, unmissverständlichen Pfiff höre.

»Verdammt, ja, Mann. Gib’s ihr!«

Wir erstarren, unsere Lippen berühren sich noch. Mein Herzschlag dröhnt in meinen Ohren.

Dex legt schützend eine Hand in meinen Nacken, dreht den Kopf etwas zur Seite und starrt mit finsterem Blick über meine Schulter.

Als ich mich ebenfalls umwende, sehe ich drei Kerle an unserem Tisch stehen, die uns mit unverhohlenem Interesse anstarren.

Eins der Großmäuler johlt erneut: »Nette Show, Süße!«

Mist, eigentlich ist es nicht mein Stil, in aller Öffentlichkeit rumzumachen.

Dex’ Muskeln zucken. Gott, wie stark er ist. Eine richtige Wand zum Anlehnen. Als er spricht, klingt seine Stimme tief und hart. »Es reicht.«

Das war’s. Zwei Worte. Und das Merkwürdige ist, dass die anderen Kerle sofort gehorchen. Abrupt wenden sie sich ab und nuckeln geschäftig an ihren Drinks.

Ich sehe wieder Dex an, um gerade noch Zeugin dieses Furcht einflößenden Blicks zu werden, bevor seine Miene wieder einen neutralen Ausdruck annimmt.

Manche Kerle sind Alphahunde, die knurren und schnappen, Dex ist eher wie ein Silberrücken. Er geht ruhig seiner Wege, bis ihn etwas anpisst und er eine Warnung ausstößt, die sich gewaschen hat. Ich frage mich, was wohl passieren würde, wenn er richtig ausrastet. Er könnte die meisten Leute mit links zu Brei schlagen, was diese Kerle ganz offensichtlich ziemlich schnell begriffen haben.

Die kümmern mich jetzt allerdings nicht mehr. Jetzt, wo wir uns nicht mehr gegenseitig auffressen, schäme ich mich ein bisschen dafür, dass ich Dex regelrecht besprungen habe.

Aber sein Gesichtsausdruck wirkt nicht selbstzufrieden, sondern eher nachdenklich und fast ein bisschen weich. »Also, immer noch kein Bart-Fan?«

Du kannst mich als bekehrt bezeichnen und im Fanklub anmelden.

»Sei ehrlich. Hast du das alles nur gemacht, um mich dazu zu bringen, dich zu küssen?«

»Nein.« Er zieht mir spielerisch an den Haaren und hält mich ein Stück von sich weg, um meine Lippen zu betrachten. »Ich wollte nur, dass du mich berührst.« Dann macht er sich wieder über meinen Mund her, bevor er mich nach einem letzten trägen, forschenden Kuss loslässt.

Atemlos und ziemlich verdattert brauche ich einen Moment, um zur Besinnung zu kommen und von ihm runterzuklettern. Ich habe keine Ahnung, wie ich mich verhalten soll. Versteht mich nicht falsch, ich liebe Sex und habe keine Scheu, es darauf anzulegen. Aber so was hier mache ich sonst nicht. Ich knutsche nicht mit Männern, die nicht im Entferntesten mein Typ sind. Und mit Sicherheit grabe ich keine Freunde der Familie an. So was kann nur unangenehm werden, wenn man es vermasselt.

»Lass uns nach Hause gehen«, sagt Dex leise.

Als mein Blick zu ihm hochschnellt, zuckt er zusammen. »Damit meine ich nicht ins Bett. Einfach nur zu Ivy und Gray nach Hause.« Er wirft einen Blick auf seine Uhr – so eine aus breitem schwarzem Leder, die mehr wie ein Armband aussieht. »Es ist kurz vor zwei. Die Bar macht sowieso gleich zu.«

»Okay, gut.«

Nach Hause zu fahren klingt nach einem guten Plan. Nur dass ich lieber allein gehen möchte, damit ich Dex nicht mehr anzusehen brauche. Heißester Kuss meines Lebens hin oder her, ich kann ihn nicht wiederholen. Ethan Dexter könnte zu einer Sucht für mich werden, wenn ich nur eine weitere Kostprobe von ihm nehme.

2

Dex

Ich habe im Lauf meines Lebens so einige dumme Sachen gemacht. Wer hat das nicht? Aber Fiona Mackenzie zu küssen rangiert ziemlich weit oben auf der Hitliste. Ironischerweise ist es definitiv auch mit das Beste, was ich je in meinem Leben getan habe. Quälend gut.

Im Moment allerdings nur quälend. Ich habe einen Ständer, der nicht nachlassen will und der in meiner Jeans komisch nach unten gebogen wird. Ich könnte ihn zurechtrücken, aber das würde Fiona merken. Ihr entgeht so gut wie nichts.

Andererseits versucht sie gerade tapfer, mich zu ignorieren, und schaut aus dem Seitenfenster, während wir in Grays altem Pick-up zurück zu seinem Haus fahren.

Ich liebe Grayson. Der Mann ist mehr als fünfundzwanzig Millionen Dollar schwer und fährt immer noch seinen alten Truck aus der Highschoolzeit. Wenn ich daran denke, dass ich meine Zunge im Mund seiner Schwägerin hatte, muss ich den Drang niederkämpfen, mich vor Scham zu winden.

Ich hätte es nicht tun sollen. Aber mein Hirn war anscheinend gerade auf Urlaub. Ich weiß, wie gut ich Situationen manipulieren kann, und ich habe die Neugier in Fis leuchtend grünen Augen gesehen. Also habe ich sie beschwatzt, verlockt, sie fast schon herausgefordert, hautnah an mein Gesicht zu kommen. Hatte ich damit gerechnet, dass sie mich küsst? Zum Teufel, nein. Aber ich habe in diesem Klub nur einen Blick auf sie geworfen und schon wollte ich ganz dringend nur noch eins: dass sie mich berührt, mich verdammt noch mal sieht. Das will ich schon seit dem Augenblick, als ich sie vor zwei Jahren auf der Weihnachtsparty ihrer Schwester zum ersten Mal gesehen habe. Obwohl ich sofort gemerkt habe, dass Fiona nichts für mich ist. Ich bin ziemlich still, mache die Dinge gerne mit mir selbst aus. Fiona dagegen ist das pure, muntere, quirlige, bissige Leben. Verpackt in ein winziges, perfektes Paket.

Ich habe oft gehört, wie Ivy Fi mit Tinkerbell verglichen hat. Ich schätze, das passt. Die kleine Zeichentrickfee fand ich allerdings immer ein bisschen nervig. Fi könnte ich mir dagegen den ganzen Tag lang angucken. Schon der fröhliche Klang ihrer Stimme zieht mich in seinen Bann. Und wenn sie die Nase rümpft und böse guckt? Dann werde ich so hart wie eine Lanze.

Ja, es hat mich schlimm erwischt. Was gar nicht gut ist. Ich weiß ganz genau, dass sie nichts mit Profisportlern zu tun haben will. Das habe ich sie ganz unverblümt auf der Hochzeit sagen hören. Auf dem College hat mir ein Mädchen, das ich toll fand, aus demselben Grund einen Korb gegeben, und ich bin absolut nicht scharf darauf, dass noch mal jemand so auf meinem Herzen rumtrampelt. Ich hätte Fi niemals berühren und schon gar nicht küssen sollen. Denn jetzt kann ich nicht mehr damit aufhören, die Bilder immer wieder in meinem Kopf abzuspielen. Ich weiß, wie sie schmeckt. Und sie macht süchtig.

Ich umklammere das Lenkrad und biege in Grays und Ivys Einfahrt ein. Sie haben ein großes Stadthaus in Pacific Heights gekauft. Ich muss zugeben, dass ich neidisch bin. Einen Ort wie diesen würde ich liebend gerne mein Zuhause nennen. Ich wohne in einem hübschen, aber ziemlich leeren Stadthaus in New Orleans. Ich mag, dass es hohe Decken hat, alte Holzdielen und viel natürliches Licht. Aber es fühlt sich nicht wie ein Zuhause an. Vielleicht, weil ich allein dort lebe.

Schweigend fahren wir in die Garage und steigen die Stufen zum Erdgeschoss hoch. Ich bin nicht sonderlich überrascht, als Gray aus der Küche geschlurft kommt, ein Fläschchen in der einen und einen Topf in der anderen Hand. Er sieht ziemlich fertig aus. Total fertig. Sein blondes Haar ist an den Seiten platt gedrückt und die auf links gedrehte Jogginghose hat er auch noch verkehrt herum an. Dunkle Ringe liegen unter seinen müden Augen.

»Hey«, murmelt er. »Hattet ihr Spaß?« Dabei macht er nicht den Eindruck, als würde er sich im Moment für irgendetwas anderes außer Schlafen interessieren.

»Wozu der Topf, Berg von Mann?«, fragt Fi, bevor sie ihn Gray vorsichtig aus der Hand nimmt.

Er schaut blinzelnd darauf. »Ach, richtig. Den wollte ich in die Spüle stellen.«

Vom oberen Stockwerk dringt das wütende Geschrei eines Babys herunter.

»Der winzige Herrscher verlangt, was ihm zusteht«, sagt Gray, bleibt aber noch einmal stehen, um Fi einen Kuss auf die Wange zu geben. Seine Miene hat sich ein wenig aufgehellt, als er sich wieder aufrichtet. »Du riechst nach Aftershave, Fi-Fi.«

Fiona läuft knallrot an. »Ich rieche nach Nachtklub.«

»Aftershave«, korrigiert Gray, während er in Richtung Treppe trottet. Sein Blick bleibt an mir hängen. »Dex’ Aftershave, um genau zu sein. Und mach dir gar nicht erst die Mühe, es abzustreiten. Ich habe vier Jahre lang mit dem Kerl zusammengewohnt.«

Soviel dazu, es vor Gray geheim halten zu wollen. Der Mann albert zwar gerne rum, aber er ist ein absolutes Genie, deshalb bin ich nicht wirklich überrascht, dass er mich ertappt hat. Doch er sagt nichts weiter dazu. Mit hängenden Schultern geht er die Treppe hoch.

»Ich schwöre bei Gott, ich würde jemandem fünf, nein, zehn Millionen Dollar zahlen, wenn Ivy und ich nur eine Nacht durchschlafen könnten.«

Fi und ich tauschen einen mitfühlenden Blick. Die Situation zwischen uns mag zwar komisch sein, aber wir können wenigstens in unsere Betten flüchten und schlafen.

»Ich gehe mir mal eben zehn Millionen Dollar verdienen«, sage ich zu ihr und steuere auf die Treppe zu.

Sie folgt mir. »Das muss ich sehen.«

Wir finden Gray im Kinderzimmer, das direkt aus einem Designkatalog stammen könnte. Ich weiß, dass Fi es eingerichtet hat, und sie besitzt eindeutig das Talent dazu.

Gray hat sich auf einen Lehnsessel plumpsen lassen und versucht, seinem aufgeregten Sohn die Flasche zu geben. Doch der kleine Kerl schreit und boxt mit den kleinen Fäusten gegen Grays Arme.

»Ich bin dran, ihn zu füttern«, sagt Gray, ohne aufzusehen. »Also gibt es Muttermilch aus der Flasche. Er hasst das. Ich weiß, kleiner Mann«, sagt er zu dem Baby. »Ich liebe Mamis Brüste auch, aber sie braucht Schlaf.«

Aus dem Nebenzimmer dringt ein unterdrücktes Stöhnen. »Mütterliche Schuldgefühle haben mir den Schlaf geraubt«, ist Ivys körperlose Stimme zu hören. »Und sprich nicht mit meinem Sohn über meine Brüste, Cupcake.«

Ich werfe einen Blick durch die Verbindungstür und sehe ihre langen Beine auf einem riesigen Bett ausgestreckt. Fi ist klein, ihre Schwester Ivy dagegen um die eins achtzig groß, und im Augenblick ist sie total fix und fertig.

»Gib ihn mir, Grayson«, sage ich.

Gray sieht mich an, als wäre ich irre, schüttelt dann aber ergeben den Kopf und hält mir seinen Sohn hin.

Ich werde sein Vertrauen niemals als selbstverständlich erachten. Wieder überkommen mich Schuldgefühle, weil ich Fi angefasst habe. Aber jetzt habe ich einen strampelnden, schreienden vier Wochen alten Säugling im Arm und damit andere Probleme.

Ich gehe zum Wickeltisch hinüber und nehme eins der vielen Spucktücher vom Stapel auf dem Regal. Leos Kopf hat sich vor Wut inzwischen dunkelrot gefärbt, während ich ihn eng einwickele, sodass seine Ärmchen an den Körper gedrückt werden. Das Ergebnis ist ein sicher gepucktes Baby, von dem nur noch der Kopf aus dem Tuch schaut.

Gray und Fi kommen näher, um mir neugierig über die Schulter zu gucken. Aber als ich Little G hochhebe und laut Sch-sch mache, weichen beide zurück.

»Dex, Kumpel, was …«

Ich werfe Gray einen beschwichtigenden Blick zu und mache noch einmal Sch-sch, diesmal direkt in Babys Ohr. Anscheinend hat er mich diesmal gehört, denn er wird abrupt still, während ich seinen kleinen Körper sanft schaukele und die ganze Zeit weiter Sch-sch murmele.

Ivy steckt ihren Kopf zur Tür herein. Ihre dunklen Augen sind vor Schreck weit aufgerissen.

»Was …«

Gray wedelt wild mit der Hand, damit sie still ist, aber ich schüttele den Kopf. »Macht euch keine Gedanken wegen Lärm«, sage ich. »Der kleine Mann hier hört das alles schon, seit es ihn gibt. Zumindest hat er das, bis er auf die Welt gekommen ist und ihr angefangen habt, in seiner Nähe still zu sein.«

Ich gebe Leo sein Fläschchen und wiege ihn dabei weiter auf dem Arm hin und her.

Fi stellt sich neben mich. »Und woher weißt du so viel über Babys?«

»Mein kleiner Bruder war ein Nachzügler. Meine Eltern haben ihn bekommen, als ich siebzehn war. Deswegen kenne ich mich ganz gut aus.«

Ich sehe zu Ivy und Gray hinüber, die mich beide mit offenem Mund anstarren. »Wenn ihr so ein Gerät habt, das weißes Rauschen erzeugt, dann würde ich vorschlagen, ihr schaltet es jetzt an, stellt es auf laut und lasst es laufen.«

Gray stürzt aus dem Raum, während Ivy auf mich zukommt. »Dex, ich bin kurz davor, mich dir heulend vor die Füße zu werfen. Verlass mich nie wieder.«

»Können wir ihn uns teilen?«, fragt Gray, der wieder aufgetaucht ist und den Apparat anstellt.

Ich stehe auf und gebe Gray das Baby. »Lass ihn so eingepackt. Wiege ihn und beruhige ihn so wie ich, wenn er aufwacht. Ich schick dir in der Zwischenzeit ein paar Links zu Videotutorials.«

Ivy wirft sich mir an den Hals. »Ich liebe dich, Dex.«

»Zur Hälfte gehört er mir«, erinnert Gray sie. Sein verschlafener Blick trifft meinen. »Ich schick dir einen Scheck, sobald ich wieder geradeaus gucken kann, Mann.«

»Ich habe deine X-Box in mein Zimmer geholt. Das ist Bezahlung genug.«

Gray winkt ab, während er seinen Sohn fest an die Brust gedrückt hält. »Du kannst das Ding haben. Ich könnte dich immer noch küssen.«

»Immer diese Versprechungen.« Ich drücke Ivy einen Kuss auf den Kopf. Sie riecht nach Muttermilch und Baby. Aber tief darunter gibt es eine seltsame Geruchsähnlichkeit mit Fi. Bei Weitem nicht so wirkungsstark, aber es reicht aus, um mir ins Bewusstsein zu bringen, dass sie Fis Schwester ist.

Ich spüre Fis Gegenwart wie ein heißes Prickeln im Rücken, als sie hinter mir das Zimmer verlässt. Schweigend gehen wir ein Stockwerk höher zu den Gästezimmern. Zusammen. Allein. Jede Berührung, jedes gemächliche Gleiten der Lippen, der Zunge, der Fingerspitzen, jeder hingehauchte Seufzer, all das spult sich wieder und wieder in meinem Kopf ab wie eine Filmrolle.

Sie hat gerötete Wangen, und ihre Nippel zeichnen sich unter dem dünnen cremefarbenen Seidentop ab, das sie trägt. Ich möchte mit dem Daumen über diese verlockenden Knospen streichen, ihr das Oberteil über den Kopf ziehen und … Ich räuspere mich, als wir an unseren Zimmertüren ankommen, die sich auf dem schmalen Treppenabsatz gegenüberliegen.

Sie zögert, überlegt offensichtlich, was sie sagen könnte.

Ich dagegen weiß ganz genau, was ich gerne sagen würde. Küss mich noch mal. Lass mich rein. Lass … mich einfach. Doch ich halte den Mund. Fiona Mackenzie ist nichts für mich. Zum Teufel, ich kann ihr doch noch nicht mal gestehen, dass das, was wir heute Abend gemacht haben, in meinem Leben bisher die einzige richtige erotische Erfahrung gewesen ist. Ich bin mir sicher, für sie war es nicht mehr als eine seltsame Begegnung mit einem Kerl und einem Bart.

Als ich mir mit einer Hand über den Mund fahre, graben sich meine Finger zwischen die Stoppeln. Plötzlich ärgere ich mich über meinen Bart. Als hätte sie ihn mehr gewollt als mich, und das ertrage ich nicht.

»Also dann«, murmele ich, bevor sie etwas sagen kann. »Gute Nacht.«

»Dex.« Ihre Stimme klingt leise in meinem Rücken, als ich die Tür zu meinem Zimmer öffne.

Ich halte inne, mein Herz trommelt wild gegen die Rippen. Aber ich drehe mich nicht um. Ich will nicht, dass sie meinen Gesichtsausdruck sieht.

»Ja?«

»Danke.« Sie holt hörbar Luft. »Dafür, dass du Gray und meiner Schwester hilfst. Das bedeutet ihnen so viel.«

Die Enttäuschung trifft mich so heftig, als wäre ein Lineman gegen meine Brust gedonnert. Trotzdem schaffe ich es zu nicken. »Nicht der Rede wert.« Was wohl meinen ganzen Abend zusammenfasst.

3

Fiona

Frühstück gibt es in Ivys und Grays Haus um elf Uhr. Was okay für mich ist. Nachdem ich letzte Nacht ins Bett gegangen bin, habe ich mich ewig hin und her gewälzt. Das Ziehen in meinen Nippeln und das Pulsieren zwischen meinen Schenkeln verlangten nach Aufmerksamkeit, die ich dem Ganzen jedoch nicht geben wollte. Nicht während sich Dex auf der anderen Seite des Flurs befand. Nicht wenn ich an Dex denken musste, während ich es machte. Das hätte alles nur noch verschlimmert.

Und aus genau diesem Grund bin ich jetzt ziemlich schlecht gelaunt und kaue so fest auf der Scheibe Vollkornbrot mit Butter herum, als wollte ich sie zu Staub zermahlen.

Was es noch schlimmer macht, ist, dass Ivy mich dabei beobachtet. Mit ihren dunklen Augen verfolgt sie meine Bewegungen, als ich die Kaffeetasse anhebe und einen Schluck trinke.

»Du starrst mich an.«

»Na ja …«

»Willst du, dass ich dich mit dem Brot bewerfe?«, frage ich, bevor ich erneut abbeiße und mit vollem Mund weiterrede. »Werde ich nämlich gleich, glaub’s mir.«

Sie sieht heute Morgen halbwegs erholt aus. Zumindest hat sie sich die Haare gewaschen und gekämmt. Und sie grinst, bevor sie an ihrem Orangensaft nippt.

»Gray sagt, du hast gestern gerochen, als hättest du dich einmal komplett an Dex gerieben.«

»Gray kann sich mal den Daumen in den Hintern stecken.« Ungelogen, die zwei sind die schlimmsten Klatschmäuler.

Sie schnaubt in ihr Glas. »Wie blumig. Jetzt rück schon damit raus, Fi-Fi. Hast du dich einmal komplett an Dex gerieben?«

Wie ein billiger Anzug an einem schwülheißen Tag.

Als könnte sie meine Gedanken lesen, stützt sie die Ellbogen auf den Tisch und grinst mich durchtrieben an. »Er ist total heiß. Auf so eine Bad-Boy-Rocker-Art. Was schon merkwürdig ist, wenn man sich überlegt, welchen Job er macht.«

»Sich gegen andere schmeißen?« Ich lache freudlos. »Ja, sehr seltsam, dass er da wie ein Bad Boy aussieht.«

»Sarkasmus steht dir nicht.«

Ich strecke ihr die Zunge raus.

»Raus damit, Fiona May.«

»Verdammt«, sage ich gedehnt. »Du setzt meinen zweiten Vornamen ein. Das ist hart.«

Sie verschränkt die Arme vor der Brust und wartet ab.

»Es gibt nichts zu erzählen.«

Im Gegensatz zu Ivy besitze ich ein Pokerface. Das habe ich mir von unserem Dad abgeschaut. Lass sie niemals sehen, was du denkst.

Ivy kennt mich allerdings ziemlich genau, vielleicht kann ich sie also trotzdem nicht täuschen. Aber sie beschließt anscheinend, mich erst mal in Ruhe zu lassen, denn jetzt zuckt sie mit den Schultern, nimmt sich eine Scheibe Brot und bestreicht sie mit Brombeermarmelade.

»Dex ist irgendwie …« Sie hält inne, das Messer schwebt in der Luft. »Anders.«

»Anders?« Okay, ich weiß, dass er ein stiller Typ ist. Und offensichtlich blitzgescheit, er hat mich derart geschickt um den Finger gewickelt, dass es mir Angst macht. Aber anders?

Ivy legt die Brotscheibe ab und senkt die Stimme. »Er ist wirklich sensibel. Auf eine gute Art, nur … Gray denkt, er hält’s vielleicht wie Tim Tebow.«

»Was zum Teufel meinst du mit ›hält’s wie Tim Tebow‹?« Und warum bin ich so verärgert? »Meinst du dieses ›Hinknien und Beten‹-Ding, das er immer auf dem Spielfeld macht?«

Sie beugt sich vor. »Nein. Dass er genau wie Tebow noch Jungfrau ist.«

Mir weicht alles Blut aus dem Gesicht. »Wie bitte? Nie im Leben. Er ist … na ja, er ist verdammt sexy.« Okay, das ist mir jetzt rausgerutscht. »Und er …« Ich beiße mir auf die Lippe, um nicht zu sagen, dass er todsicher nicht wie eine Jungfrau küsst.

Allerdings ist es so lange her, dass ich eine Jungfrau geküsst habe, dass ich mir nicht sicher bin, wie sich das anfühlen sollte, oder ob die Art, wie jemand küsst, überhaupt ein Maßstab für dessen sexuelle Erfahrung ist. Ich meine, beim Sex geht es schließlich um viel mehr, als nur Zapfen A in Schlitz B einzuführen – zumindest sollte das so sein.

Ich tarne, was mir eben rausgerutscht ist, mit einer anderen Wahrheit. »Er muss vierundzwanzig sein. Warum um alles in der Welt sollte er noch Jungfrau sein? Meinst du aus religiösen Gründen?«

Sie schüttelt den Kopf. »Ich glaube, er ist überhaupt nicht religiös. Ehrlich gesagt weiß ich auch nicht, warum er noch Jungfrau sein sollte. Es ist auch nicht so, als ob Gray oder seine Collegefreunde je offen darüber gesprochen hätten – was schon etwas zu bedeuten hat.«

»Dann sollten wir das vielleicht auch nicht tun.« Ich weiß, dass ich schnippisch klinge, und das ist unfair Ivy gegenüber, wir lästern sonst über alles und beinahe jeden. Aber es fühlt sich falsch an, so über Dex zu reden.

Da Ivy aussieht, als hätte ich sie verletzt, fühle ich mich noch schlechter. Aber dann nickt sie knapp, als würde sie mich verstehen.

»Hör zu«, sagt sie leise. »Ich erwähne es nur, weil … Verdammt! Wenn du gestern Abend mit ihm rumgemacht hast oder was auch immer, dann geh einfach vorsichtig mit ihm um.«

Ich muss lachen. »Wie bitte? Bin ich jetzt ein männermordender Vamp oder was?«

»Nein, natürlich nicht. Aber Dexter ist nichts für einen One-Night-Stand.«

»Ich denke, das solltest du ihn selbst entscheiden lassen, schließlich ist er ein erwachsener Mann. Und bevor du noch mal auf mich losgehst, ich werde nichts mit ihm anfangen. Herrgott, wir haben höchstens eine Stunde zusammen abgehangen.« Und uns geküsst, als gäb’s kein Morgen. »Mehr nicht.«

Lügnerin, Lügnerin, Lügnerin.

Ivy weiß, dass ich stark untertreibe. Ich kann es ihr ansehen. Aber das Muttersein scheint sie weicher gemacht zu haben, denn sie bedrängt mich nicht, sondern trinkt nur einen Schluck Kaffee und schweigt.

Für einen langen Augenblick sitze ich ebenfalls still da. Dann fange ich an, mit den Fingern auf den Tisch zu klopfen.

»Wie hältst du das aus?«, platze ich heraus.

»Was? Deine lausige kleine Unschuldsmasche?«, fragt sie frech.

Ich strecke ihr die Zunge raus. »Sehr lustig, Hase. Ich meinte … also … Wie hältst du es aus, zurückgelassen zu werden, wenn Gray zu den Spielen reist?«

Wir sind mit einem Dad aufgewachsen, der seine Familie zunächst als Profibasketballer und später als Sportagent ständig allein gelassen hat. Doch wir sind unterschiedlich damit umgegangen. Ivy war diejenige, die stets alles in Ordnung brachte und immer versucht hat, die Wogen zu glätten. Und ich? Ich bin losgezogen und habe Party gemacht, ständig blöde Witze gerissen und jede Art tiefergehende Beziehung gemieden. Das hat damals ganz gut funktioniert, aber dass Ivy nun, da sie Gray so sehr liebt, trotzdem noch dieses Leben führen muss, verstehe ich nicht.

Ivy schließt die langen Finger fest um den Kaffeebecher. »Es war leichter, als ich ihn noch begleiten konnte. Von ihm getrennt zu sein, ist ätzend. Das will ich gar nicht leugnen, aber …« Sie malträtiert ihre Unterlippe mit den Zähnen. »Ich weiß nicht, wie ich es sonst erklären soll. Gray ist mein Herz. Ohne ihn funktioniert mein Leben einfach nicht, also …« Sie zuckt mit den Schultern. »Während der NFL-Saison tun wir eben, was wir tun müssen.«

»Und das ist dir wirklich genug?«

Ihr Lächeln wirkt fast schon geheimnisvoll. »Ja«, sagt sie leise. »Gray ist mehr als genug.«

Die Art, auf die sie die Worte ausspricht, so als wäre er die Freude, mit der ihr Tag beginnt und endet, trifft mich mitten ins Herz. Plötzlich habe ich Schwierigkeiten, Luft zu bekommen. Einsamkeit ist eine kalte, zugige Erscheinung, die über mich hinwegbläst und in mir das Bedürfnis weckt, mich selbst fest zu umarmen. Wie es sich wohl anfühlen muss, wenn man ein Teil von jemandem ist und derjenige ein Teil von einem selbst? Jemanden zu haben, der zu einem steht, was immer auch passiert? Ich drücke die Fingerknöchel gegen die Tischkante. Ich sollte mir selbst genug sein. Ich sollte mich nicht einsam fühlen. Verdammt! Vielleicht sind es die Hormone oder so.

Zum Glück werde ich davor bewahrt, mich noch länger in meiner seltsamen weinerlichen Stimmung zu suhlen, denn in diesem Moment wird die Haustür geöffnet und Dex und Gray kommen hereingeschlendert. Mein Herz fängt an, schneller zu schlagen, als ich Dex’ riesigen Umriss im Türrahmen sehe.

Gray fixiert Ivy mit seinem Blick. »Schläft er?«

»Ich habe ihn vor zwanzig Minuten hingelegt.«

Baby G mag zwar nachts nicht schlafen, aber tagsüber kann er Nickerchen halten wie ein Weltmeister, ganze zwei Stunden am Stück.

Gray grinst. »Zeit für Unfug.«

Ich möchte gar nicht wissen, was das heißen soll, aber ich kann’s mir halbwegs denken.

Besonders jetzt, da Ivy rot anläuft. »Im Ernst?«

»So ernst wie ein Hail Mary Pass am Super-Bowl-Sonntag. Steh auf, Frau. Keine Zeit zu verlieren.«

Ivy murmelt etwas von schmutzigen kleinen Cupcakes vor sich hin – noch mal, ich will und muss das nicht verstehen – und steht dann auf.

Eine Sekunde später reißt Gray sie von den Füßen. Zwei Stufen auf einmal nehmend trägt er sie die Treppe hoch.

»Eins muss ich ihm lassen«, sage ich zu Dex, der in der Küche geblieben ist. »Seine Ausdauer ist beeindruckend.«

»Die richtige Motivation macht viel aus«, antwortet er trocken.

Gott, was hat er für eine schöne Stimme. Weich, tief, sonor.

»Aber andererseits trainieren wir ja auch extra unsere Ausdauer.«

Es liegt ein Funkeln in seinen Augen, das sich direkt auf meine Mitte auswirkt, wo es verlockend zieht.

Ich stehe ruckartig auf und schenke mir Kaffee nach. Ich werde ganz bestimmt nicht auf diesen Spruch hereinfallen.

»Möchtest du auch einen?«, frage ich.

Dex hat sich noch immer nicht von der Küchentür wegbewegt. Standhaft gelassen wie immer, schätze ich. Während ich wie eine Idiotin herumwusele.

Er nickt und geht zu dem schweren Bauerntisch aus Kiefernholz an der breiten Fensterfront hinüber.

Der Tisch ist mein ganzer Stolz, ich habe ihn selbst gebaut. Früher habe ich mich nicht groß fürs Schreinern interessiert, aber zwei Freunde von mir, Jackson und Hal, sind Möbeldesigner und haben mich dazu überredet, es mal zu versuchen. Ich liebe es, etwas mit den eigenen Händen zu erschaffen, vom Entwurf bis hin zur Fertigstellung alles selbst zu machen.

Dieser Tisch war mein erster Versuch, und auch wenn ich einige Verbesserungsmöglichkeiten sehe, finde ich, dass das Design gut in den Raum passt, als Gegengewicht zu den modernen, glänzend weißen Schrankfronten und den kupfernen Küchengeräten. Edelstahl findet Ivy langweilig. Und weil zwei wahrhafte Riesen in diesem Haus leben, sind die Stühle groß und stabil. Trotzdem verschwindet der Stuhl, auf den Dex sich setzt, komplett unter seinem Körper.

Als ich einen Becher mit Kaffee vor ihm abstelle, fällt mir etwas auf. Er trägt seine Haare offen. Heilige Scheiße! Es fällt ihm in dichten braunen Wellen bis fast auf die Schultern. Die Sonne hat goldblonde Strähnen darin hinterlassen. Und obwohl die Kombination aus Vollbart und Wallehaar ein bisschen zu krass sein müsste – es könnte einen zum Beispiel an das typische Bild von Jesus erinnern oder so –, ist es nicht so. Es sieht einfach nur toll aus. Wild. Zum Anbeißen und Anfassen heiß.

Schnell setze ich mich wieder und klammere die Finger um meinen Kaffeebecher, um nicht auf falsche Gedanken zu kommen.

Dex umfasst ebenfalls seine Tasse, wobei die späte Morgensonne, die durch die Fenster scheint, seine Tattoos erstrahlen lässt. Schwarze und rote Rosen, eine Uhr, ein im mexikanischen Stil verzierter Totenkopf, ein indigoblauer Drache, ein Schlachtschiff aus den Vierzigern – die Bilder ziehen sich von seinen Unterarmen bis unter die Ärmel, sodass ich mich frage, ob auch seine Brust und sein Rumpf mit Motiven überzogen sind.

»Haben die eine Bedeutung?«, frage ich, denn es ist offensichtlich, dass ich daraufstarre.

»Einige schon.«

Seine wohlklingende Stimme wirkt sich wie ein kleiner elektrischer Schlag auf mein Nervensystem aus, so als würde er allein durchs Sprechen meine Sinne überlasten. Zum Glück scheint er jedoch nichts davon zu bemerken.