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Gamer E-Book

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Beschreibung

Eine Hand am Joystick – die andere auf den Knöpfen: Du steuerst das Raumschiff durch den Lasersturm, ballerst wild; dann die Plasmabombe: BOOM! Next Level. Später an den 8-Bit-Wänden gecrashed. Du kannst nicht gewinnen, weil du nie genug Coins hast. Oder doch? Denn du bist der Gamer, mit den schnellen Reflexen; mit dem Blick, der Strategie. Du schießt die Kugel ins Rennen, rüttelst am Flipper, den Highscore vor Augen: TILT. Heute oder am Morgen danach, leere Hallen einer Videothek, die VHS-Tapes sind vom Blitz schwarz zerschmolzen; das Knistern im Ohr, ein Geigerzähler, als du deine letzten zwei Münzen in den Schlitz steckst – und spielst. //

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fantastic episodes XIII

Gamer

© 2016 Begedia Verlag für diese Ausgabe © der Geschichten bei den Autoren

Titelgrafik – Tim Eckhorst

Covergestaltung – Frank Hebben

Korrektur und Lektorat – Armin Rößler

Radaktion – Armin Rößler, Frank Hebben, André Skora

Satz und ebook-Bearbeitung – Harald Giersche

ISBN – 978-3-95777-071-4 (epub)Besuchen Sie unsere Webseite: http://verlag.begedia.de

Vorwort

Wir! Wir machen das mit dem Balken! Mama, guck mal! Unglaublich. Wenn man hier am Rädchen dreht, geht der weiße Balken im Fernseher hoch und runter. Einfach so. Wir machen unser eigenes Programm! Nicht Kulenkampff, Lembke, Carrell – wir! Und dieser flache graue Kasten da auf dem Teppich, der mit UNIVERSUM drauf. Der muss echt aus einem anderen Universum kommen. Von der Mondbasis Alpha 1 oder so.

Heiligabend in der alten BRD, kurz vor der geistig-moralischen Wende. Ein Reihenhaus in der Satellitenstadt, ein Kokon aus orangeroten Polstermöbeln. Alles ist warm, beige, sozial-liberal kuschelig, als ob man den Mutterleib nie verlassen hätte. Noch zwei Jahre, dann würden die Achtziger kommen und alles plattmachen. Die Korkdecken würden rausfliegen, die schwarzweißen Kacheln kämen rein, die Neonsonne würde aufgehen. Doch noch regieren die schwülen Siebziger.

Telespiele. Klar hatten wir davon gehört. So ein neumodischer Kram aus Amerika, wie diese Rollbretter. Doch plötzlich steht so ein Zukunftsding bei uns, in der Vorstadt. Papa streicht sich grinsend durch den Schnäuzer. Unsere Augäpfel sind an die Mattscheibe genagelt. Ein kleines Viereck flitzt an unseren weißen Balken vorbei, verschwindet aus dem Bild. Bieeep! Das gibt‘s ja nicht! Die Kiste macht sogar Töne. Unsere verschwitzten Hände umklammern die weißen Plastikstangen mit den Rädchen. Noch mal vorsichtig drehen … Da! Der weiße Balken bewegt sich! Und das Viereck prallt davon ab. Es ist wie Tennis.

Es ist ein Spiel.

Wir robben uns zur Nordmende-Röhre vor. Plötzlich ist die Ehrfurcht weg. Wir hämmern auf allen Knöpfen rum. Okay, wenn man die Taste mit dem Pfeil drückt, rast das Viereck doppelt so schnell. Nein, mach das wieder weg, brüllt die Schwester. Besser schnell gehorchen, bloß nicht auffallen, sonst merkt Mama, was hier gerade passiert, und kommt auf die Idee, es könnte »gewalttätig« sein. So wie »Bonanza«. Das wäre das Ende vom Spaß.

Wir rasen durch unser neues Universum. Und lernen. Alle Lektionen, die in den kommenden Jahren und Jahrzehnten überlebenswichtig sein werden. Zum Beispiel, dass zwei Controller nie total gleich sind. Bei meiner Schwester wackelt der weiße Balken immer so rum. Sie flennt deshalb fast los, weil sie nur jeden zweiten Ball trifft. Also tauschen, Reset, und wieder von vorne. Papa legt die Platte mit diesem schrecklichen Kinderchor auf. Bestimmt sind es Rotbäckchen-Wangen-Streber, die niemals ein Telespiel angefasst haben. Doch von der Musik kriegen wir nichts mit, eigentlich nichts von unserer Umwelt. Wir stecken im Tunnel, bis uns Mama ins Bett steckt. Papa drückt mir einen nach Pfeifentabak riechenden Kuss auf die Stirn. Jetzt schlaf mal schön, Kleiner. Alles klar. Was er wirklich meint ist: Jetzt bin ich dran. Wir liegen noch lange mit offenen Augen in unseren Etagenbetten und hören aus dem fernen Wohnzimmer im Sekundentakt das »Bieeep« des Telespiels. Wie das Signal eines Sputniks, der sich aus einem fernen Universum meldet.

Die Basis für eine vor dem Bildschirm verschwendete Jugend ist gelegt.

Das erste Mal digital. Bei uns war es das UNIVERSUM, bei anderen vielleicht der Commodore 64, ein Gameboy oder – dank Gnade der späten Geburt – ein NES. Doch egal, ob Donkey Kong auf dem endcoolen Nintendo Game & Watch mit Doppelbildschirm oder Doom auf dem Steinzeit PC mit Turbo-Taste: Das erste Game war wie ein Erdbeben. Es war – frei nach Obi-Wan Kenobi – »der erste Schritt in eine neue Welt«.

Doch die war böse, zumindest für alle Erwachsenen. Für Mama und die alten Säcke in der Bundesprüfstelle. Die wussten sofort: Videospiele machen die Kinder süchtig, gewalttätig, sozial inkompatibel. Und krank. Wer ständig den Joystick rührt, kriegt eine Sehnenscheidenentzündung (später hieß das Angst-Szenario »Nintendo-Daumen«). Nur US-Präsident Ronald Reagan sah die Sache positiv: Games seien doch das beste Ausbildung für die Kampfpiloten von morgen. Da lerne Amerikas Jugend, ihre Auge-Hand-Koordination zu verbessern. Irgendwie sollte der Cowboy im Weißen Haus sogar recht behalten. Heute diskutiert seine Luftwaffe, ob sie eine Medaille für besonders mutige Dronen-Piloten einführen soll. Interne Bezeichnung: Nintendo Medal.

Bis Games nicht mehr böse waren, sollten viele Prozessorgenerationen vergehen. Erst Ende der Neunziger passiert etwas: Die Generation Commodore 64 hat ihren Gang durch die Institutionen absolviert, das Internet ist da. Und plötzlich dämmert es vielen: Hey, die Jugend vorm Bildschirm war doch nicht total verschwendet. In einer Welt, die von Nerds regiert wird, hilft es, wenn man den Rechner nicht als feindliches Elektronenhirn kennengelernt hat, sondern als Spaßmaschine, als Freund.

Seltsame Dinge passieren: Sich als Gamer zu outen, ist nicht mehr ein Karrierekiller, sondern fast ein Pluspunkt im Lebenslauf. Manager lesen Ratgeber, die ihnen erklären, wie sie mit diesen merkwürdigen Wesen umgehen sollen, die ihre Freizeit vor der Playsi verbringen. Gleichzeitig rollt die erste Welle digitaler Nostalgie an. Auf einmal stehen Konsolen im Museum. Games sind Geschichte, Games sind Kultur.

Und Inspiration.

Wie sehr, zeigt diese Anthologie. Frank Hebben und seine Truppe sozial deformierter Bildschirmsportler tritt den Beweis an, dass die Geschichte manchmal weitergeht, wenn der Endboss besiegt ist. Sie wagen den literarischen Respawn – mit einer Sammlung von Kurzgeschichten, die von Games inspiriert sind. Von alten Games, von pixeligen Sprites, ruckeligen Animationen, lächerlich kleinen Farbpaletten.

Retro ist das Leitmotiv. Doch hier wird nicht platte Digitalnostalgie serviert, nach dem Motto »Weißte noch? Pac-Man? Wacka Wacka …«. Es geht um Sex, Tod, Liebe, Abgründe, Zukunftsvisionen. So wie bei Andreas Winterer, der den Hobbykeller der Achtziger zur Tentakelhölle macht. World of Warcraft? Wohl eher World of Lovecraft … In »Start New Game?« entwirft Melanie Junge eine Zukunft, in der das Zocken alter Spieler der letzte verbliebene Thrill in einer hoffnungslosen Welt ist. Und Christian Lange greift in »War Games« den gleichnamigen Filmklassiker der Achtziger auf. Allerdings hat sein Held David den steinzeitlichen Imsai-Rechner gegen eine Gedankensteuerung ausgetauscht, er kämpft sich als Profi-Gamer durch perfekt simulierte Realitäten. Ähnlich wie der Protagonist in Peter Hohmanns »Cornstalk wird ewig leben« lebt er in einer Zukunft, in der das wahr geworden ist, was die Electronic Sports League seit Jahren propagiert: Zocken als medienwirksamer Massensport.

Auch Autor Hebben dosiert die Digitalnostalgie bewusst homöopathisch. Mit »Kaleidoskop« liefert er eine klassische Cyberpunk-Dystopie, in der Arcade-Automaten nur als Requisiten in der Ecke vorkommen. Träumen Roboter von breitschultrigen Pixelmutanten? Michael K. Iwoleit erforscht in »Das Netz der Geächteten” den Horror vacui eines jeden Gamers: eine Leben ohne Spiele. Schlimmer noch: eine Welt, in der Computerspielen als gefährliche Sucht geächtet ist, in der sich quasi Mutters Einschätzung durchgesetzt hat.

Klar, mit Mainstream hat das nichts zu tun. Die Autoren huldigen ohne Kompromisse dem »was wäre, wenn«. Was wäre, wenn das Computerspiel zur Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in der Form eines Text-Adventures erscheint, fragt Armin Rößler in »Katar 2022«? Wie sieht die Apokalypse in einem fiktionalen deutschen Wiedervereinigungs-Setting aus? In »Beschluss 4/7/90« von Uwe Post jedenfalls fahren die Zombies Wartburg. Und Sven Klöpping lässt es zünftig bladerunnern, wenn er in »50 % Shootout – jeder Zweite wird gelöscht!« die Abenteuer eines bayrischen Dreiviertel-Androiden erzählt.

Muss man die Achtziger oder Neunziger erlebt haben, um das gut zu finden? Sicher nicht. Aber es hilft. Weil es Spaß macht, den Autoren dabei zuzusehen, wie sie ihr Referenz-Feuerwerk abbrennen. Wenn zum Beispiel die Protagonistin mit Nachnamen Wozniak heißt, wie in »Butterfly« von Christian Günther, eine wunderbare Suche nach der verlorenen Internet-Zeit. Oder wenn die Helden in ein (reales) Uridium-Raumschiff steigen, wie in »Emukalypse« von Niklas Peinecke. Wer nur HD-Flatscreens kennt, wird kaum verstehen, wie bizarr die Idee ist, Floppy-Laufwerk und Datasette direkt mit einem menschlichen Hirn zu verbinden. Doch genau solche Details machen »Die Dritte Stadt« von Mike Kryzwik-Groß so lesenswert.

Den berühmten gemeinsamen, meistens viel zu kleinen, Nenner gibt es nicht. Alles verschwimmt, alles ist im Fluss, von der Genregrenze bis zur Erzählperspektive. »Friedensleere« von Jan-Tobias Kitzel zum Beispiel liest sich, als ob man sich durch eine Box mit alten Games zockt. Mal blickt man durch die Augen eines Wachmanns, mal durch die eines archaischen Kriegers oder Familienvaters. Das Einzige, was alle Autoren vereint, beschreibt ein Satz aus »MetaGamer« ganz gut, den Thorsten Küper seinem gebrochenen Helden in den Mund legt: »Sie ist eine von uns. Nerd.« Was hier – und eigentlich überall – als Kompliment zu verstehen ist.

Darf man am Ende eines Vorworts im Jahr 2016 wirklich noch schreiben SPIELER EINS BEREIT? Man darf, wenn das, was folgt, wirklich ein neues Spiel ist. Und das ist hier der Fall.

RUN

Constantin Gillies

Köln, Januar 2016

LEVEL 1

LEVEL 1 

Start New Game?

Melanie Junge

Wie eine undurchdringliche Grenze baut sich die rote Metalltür vor mir auf, die Farbe bereits abgeblättert, nur der Schriftzug Private party ist noch deutlich erkennbar, aufgesprüht von irgendeinem Amateur, wahrscheinlich von Croc persönlich: der Chef der Spiele, der einem Krokodil ähnelt, mit seinem riesigen Maul aus spitzen Zähnen und den tiefsitzenden Augen, und sich deswegen den Spitznamen gegeben hat. Damit sich niemand über sein Aussehen lustig machen kann, heißt es. Ich persönlich glaube eher, dass er seine gefährliche Ausstrahlung unterstreichen will. Nicht umsonst sagen die Leute, er könne einen Menschen mit einem einzigen Bissen verschlingen.

 Trotzdem klopfe ich drei Mal. Das Geräusch hallt im Untergrund wieder. Von weiter unten ist das Rattern der U-Bahn zu hören. Die neue Anlage gleich unter der alten: Die alten Tunnel und Bahnhofsstationen wurden an den Meistbietenden verhökert. Hinter der Tür regt sich nichts, ich schlage noch mal dagegen, diesmal lauter. Wobei man es eigentlich nicht müsste, ist eine alte Gewohnheit. Die Sensoren vor der Tür schicken Croc sofort eine Meldung aufs Handy, von dem er auch Zugriff auf die unauffällig versteckten Kameras hat.

 Es ist halb sieben. Die Spiele beginnen erst um acht. Aber eigentlich ist immer einer da.

 »Komm schon, ich bin’s, Cat. Mach auf«, sage ich, mehr aus Trotz als an ihn gerichtet. Er weiß genau, dass ich es bin. Das mit dem Spitznamen habe ich mir von Croc abgeschaut. Ich weiß, Cat ist jetzt nicht unbedingt besonders originell, aber als ich damals in die Retro-Battles eingestiegen bin, fiel mir nichts Passenderes ein. Besser als Miriam, das klingt einfach zu normal. Noch schlimmer: Mimi. Viel zu lieb, zu brav. Ich brauchte was Kurzes, Prägnantes, um bekannt zu werden. Je mehr Leute dich kennen, desto mehr Leute laden dich ein, ergo: mehr Spieler, mehr Einsätze, mehr Geld – oder mehr Verluste, je nachdem. Ich war mal ganz gut. Von innen sind jetzt Bewegungen zu hören, Schritte. Dann ein Rattern, die automatischen Türsperren werden abgefahren. Kurz darauf springt die Tür auf, nur einen Spalt. Croc verzieht die Nase. »Was willst du hier, Cat? Hast du nicht bereits genug Schulden?« »Gib mir nur noch eine Chance. Ich bekomm’s wieder rein.«

»Das hast du die letzten Male auch gesagt.«

»Komm schon, du kennst mich. Was geht denn heute Abend so?«

Er mustert mich. Ich schaue ihn mit flehendem Blick an.

»So schlimm?« Er grinst, zeigt die gelben Zähne.

»Ich brauch das mal wieder.«

»Okay«, meint er, lässt mich eintreten und aktiviert die automatische Verriegelung. Die Balken schieben sich wieder vor die Tür. »Heute sind ein paar Anfänger mit dabei.«

»Und wie komm ich an die ran?«

»Ich regle das, pack dich in die richtige Liste. Lass sie erst gewinnen und dann mach sie fertig.«

»Ich soll sie also abzocken?«

»Deine Entscheidung.«

Ich nicke. So fängt man Junkies. Gib ihnen das Gefühl, ganz oben zu sein, alles unter Kontrolle zu haben, und dann saug ihnen das Geld aus. Wenn sie einmal den Kick gespürt haben, werden sie wieder kommen. Immer wieder. So wie ich. Egal, ob sie gerade flüssig sind oder nicht.

Croc geht voran, durch einen schmalen Gang, der auf der einen Seite aus rustikalen Holzbrettern besteht und auf der anderen aus einer dicken Steinmauer, von der aus einige schwere Metalltüren abgehen. Diverse Privaträume, die nur mit elektronischen Erkennungsmarken zu öffnen sind.

Und dann führt der Gang weiter in den Hauptraum: eine riesige Halle, auch hier rundherum die dicken Steinmauern, zugeklebt mit Plakaten, und an den Seiten hängen riesige Monitore. Mitten in der Halle die Liegen, alle neben- und hintereinander geordnet, mit VR-Helmen, Tastatur, Joystick, Maus und weißen Anzügen ausgestattet, für ein besseres Spielgefühl. Letztere sind keine Pflicht, helfen aber enorm bei der Körperregulierung. Kleine Sensoren messen Puls und Temperatur. Sinkt der Wärmegrad, heizt sich die Kleidung auf; steigt er, fällt sie in eine kühlende Wirkung. So auch beim Herzschlag. Am Handgelenk sitzt eine kleine Drüse, die bei Bedarf Mittel gegen Herzrasen direkt in die Blutbahn spritzt. Passiert öfter, als man glaubt.

Seitlich in der Halle ist eine Bar, in der es von alkoholhaltigen Drinks bis zu Tee alles gibt, und vorne eine kleine Bühne, aus ebenso alten Holzbrettern zusammengeschraubt wie die Grenze zwischen Haupthalle und Gang. Darüber hängt eine Leinwand, jetzt noch weiß und nichtssagend. Später werden vereinzelte Spiele darauf zu sehen sein, zum Anfixen für andere Spieler. Zuschauer gibt es nicht. Leute, die sagen, sie wollen sich das nur mal anschauen, sitzen früher oder später auf einem der Liegestühle und zocken ebenfalls um ihre Points, digitales Geld. Hier läuft nichts bar. Jeder besitzt einen Account mit einem eigenen Konto. Ein Spieler zahlt so viel ein, wie er will. Es gibt auch die Möglichkeit, zusätzlich sein normales Konto mit dem Spieleraccount zu verbinden. So habe ich es getan. Dann bekommst du deinen Gewinn sofortüberwiesen. Und verlierst im Pechfall leider auch alles, bis hin zu dem Geld, das eigentlich für die Miete gedacht ist. Weil du weiter zockst, auch wenn du nichts mehr hast, und überziehst. Im Endeffekt macht es zwar keinen Unterschied, denn der Wert ändert sich nicht. Aber echtes Geld bleibt auch in diesen Zeiten sicherer als digitales.

»Startkapital hast du?«

Ich zucke mit den Schultern, versuche, es beiläufig klingen zu lassen: »Nun ja, wäre nett, wenn du mir was leihen könntest.«»Ich überweis dir was. Im Gegenzug, dass du mir Spieler anlockst.« Ich nicke, sage nicht »Danke«, weil es nur ein Deal ist. Er macht es nicht, um mir zu helfen, sondern um mich bei der Stange zu halten. Eigentlich unnötig. Außerdem wird er es sowieso von den Neuen zurückbekommen, hat seine ganz eigenen Profis in der Halle sitzen, die Bares eintreiben. Vielleicht werde ich eine von denen. Es gibt miesere Jobs.

Croc schaut auf sein Handy, nickt mir zu und verschwindet dann wieder Richtung Gang, tippt gleichzeitig etwas.

Ich setze mich kurz an die Bar und checke meinen Account: Er hat bereits dreihundert Points überwiesen. Ich bestell mir ein Bier und halte dem Barkeeper den Strichcode auf dem kleinen Bildschirm hin, er scannt ihn und sofort werden drei Points abgebucht. Heute mal kein Wasser. Ich hab gerade zum zweiten Mal die Flasche angesetzt, da kehrt Croc schon wieder zurück. Zwei bekannte Gesichter dackeln ihm hinterher, die Gier in den Augen, das Streben nach dem Kick und der Gedanke, dass es heute endlich mal wieder klappt. Sie kommen zur Bar, sehen mich wie mitleidige Hunde an. Croc winkt mir mit dem Kopf zu, ich stehe vom Barhocker auf und gehe zu ihm.

»Du spielst in einem der Privatzimmer.«

»Warum?«

»Stell keine Fragen, komm mit«, faucht er mich an.

Ich laufe ihm hinterher und hake trotzdem ein weiteres Mal nach.

»Stimmen wurden laut, ich würde betrügen, die Leute ausnehmen.«

»Was du auch tust«, werfe ich ein.

»Nur so, dass sie es nicht merken.«

»Scheinbar ja schon.«

»Die meisten kennen dich. Wenn jemand mitkriegt, dass du gegen Neulinge spielst ...«

»Kann dir das nicht egal sein?«

»Damit die Leute einem anderen ihren Kies schenken?« Er öffnet eine der Metalltüren im Gang, dahinter ein kleines Kabuff mit einer einzelnen Liege. Ich trete ein, und bevor ich noch etwas erwidern kann, fällt die Tür hinter mir zu. Ich atme aus. Merke erst jetzt, dass ich die ganze Zeit viel zu flach geatmet habe. Ich verliere keine Zeit, ziehe mich aus und den Anzug an, der mit der Liege verbunden ist, und setze mich. Danach den VR-Helm. Das Programm startet, ich werde in die virtuelle Welt gezogen, merke einzig und allein meine Hand auf der Maus, die Tastatur vor mir. Der Joystick direkt daneben. Battles immer erst ab acht. Sein Geld alleine verzocken kann man aber bereits vorher. Ich sollte es nicht vor den eigentlichen Spielen einsetzen, kann es aber nicht lassen. Zu groß die Versuchung. Und es ist ja nur zum Warmzocken. Dann starte ich mein Lieblingsspiel. Mit Greifarmautomaten. Eine reine Glückssache, dabei zu gewinnen. Ich setze einen Point: lieber nicht zu viel riskieren. Nur je geringer der Einsatz, desto geringer auch die Gewinne. Ich lege meine Hand auf den Joystick, wie auf die Schaltung im Auto, wenn du die ganze Kraft des Motors spürst. Die Kuscheltiere liegen direkt vor mir, keine Plastikwand, die mich von ihnen trennt. Ich kann die schlechte Verarbeitung in den Nähten sehen, einen Faden, der herausschaut, und den Staub an den Seiten: die Realität in der Virtualität.

Ich visiere ein Zehn-Point-Kuscheltier an: ein kleiner lilafarbener Hund. »Bereit, wenn Sie es sind«, zitiere ich einen meiner Lieblingsfilme, und drücke meine Hand sachte noch vorne, bis sie auf gleicher Höhe mit dem Hund ist. Einatmen, ausatmen – und nach links weiter. Der Haken stoppt, öffnet sich, fährt langsam hinunter, legt seine metallenen Arme um das Kuscheltier und schließt sich. Er ist drin! Ich juble innerlich. Mein ganzer Körper tobt vor Glücksgefühlen. Als könnte ich fliegen. Und nur der Himmel ist die Grenze. Der Greifarm fährt nach vorne zum Ausgabefach, öffnet sich wieder, das Kuscheltier fällt hinunter und verhakt sich an einem vorstehenden Affen, liegt nun knapp auf der Kante. Ich fluche. Aber mein Ehrgeiz ist geweckt, noch mal diesen Kick zu spüren. Und ich weiß ganz genau, dass es beim nächsten Mal klappen wird. Also setze ich erneut einen Point. Visiere diesmal einen blauen Elefanten an, mit einem Wert von vier Points. Danach einen Sieben-Point-Elefanten. Beide verfehlt! »Nur noch einmal«, sage ich zu mir. Versuche es mit dem Zwei-Point-Hund. Der Greifarm nimmt das Kuscheltier auf, zieht es hoch, fährt zum Schacht, und lässt es fallen. Mitten auf den lilafarbenen Hund von zuvor. Das Gewicht drückt beide hinunter und ich höre ein »Ping«. Zwölf Points wandern auf mein Konto. Ich lächle selig.

Dann reißt mich plötzlich ein scharfes Klingeln aus der virtuellen Umgebung. »Scheiße«, fluche ich, nehme den Helm ab und greife nach meinem Handy. Schon wieder vergessen, lautlos zu machen.

»Ja?«

»Ich warte immer noch auf die Miete.« Die wöchentliche Warnung vom Vermieter. Ich seufze.

»Ich hab das Geld fast zusammen. Wirklich.«

»Nächste Woche. Sonst fliegst du.«

Und schon wieder aufgelegt. Diesmal meint er es ernst, daran hege ich keine Zweifel mehr. Oder er hetzt mir seine Geldeintreiber auf den Hals. Kommt davon, wenn man in irgendeiner Absteige ein kleines Apartment nimmt. Obwohl die Wohnung den Begriff nicht wert ist: nur ein winziger Raum mit Kochnische und angrenzendem Bad. Barzahlung. Dafür stellt niemand Fragen. Nicht mal die Nachbarn, die haben ihre eigenen Probleme. Kein Small Talk in den Gängen, nur die Hoffnungslosigkeit der Verlorenen trieft von den Wänden.

Ich stelle mein Handy lautlos, lege es beiseite und kehre zurück: Sofort schiebt sich die schillernde Welt vor meine Augen, so viel bunter als die Wirklichkeit. Nicht so trist, so grau, keine Wolken, die nicht mal die Sonne vertreiben kann. Ich seufze erneut. Schalte den Greifarmautomaten weg und rufe die Liste der Spielernamen auf. Die Halle scheint voll zu sein. Es ist kurz vor acht. Die Kategorien kann niemand einsehen, aber bei meiner ersten Einladung erkenne ich bereits, dass es sich um einen Neuen handelt. Pong. Jeder Anfänger denkt, bei diesem einfachen Spiel könne man nichts falsch machen. Mein Gegner wettet einen Point, ich tue es ihm gleich. Dann beginnt es. Der quadratische Ball setzt sich in Bewegung, und lange Zeit hört man nur das Aufprallen auf die Paddel. Dann lasse ich den Ball einige Male durch. Mein Gegner wird sich freuen, hat er doch gerade einen Point gewonnen. Bei der nächsten Runde setzt er fünf Points, fühlt sich sicherer. Und ich setze drei, um ihn nicht zu verstören. Denn jetzt lasse ich den Ball nur zweimal durch und setze dann zum Gegenschlag an. Bewege die Paddel schneller, sodass auch der Ball rast. Er kommt nicht mit. Kurz darauf hab ich seine fünf Points. Und er fordert mich ein weiteres Mal heraus. Ich achte auf die Zahlen, aber irgendwann wird es mir zu langweilig. Und ich gewinne einige Male hintereinander, bis mein Gegner die Lust verliert und sich wahrscheinlich einem anderen Spiel widmet. Dann lade ich einen Spieler zu Pacman ein. Es gibt zwei Pacmans und nur zwei Gespenster, vor denen wir ausweichen müssen. Wir jagen uns gegenseitig. Wenn alle Punkte im Labyrinth weg sind und beide noch leben, gewinnt der, der die meisten Punkte eingesammelt hat. Ich spiele fünf, sechs Runden, und auch das wird mir dann langweilig. Versuche es mit weiteren Spielen, erst Froggy, dann Bomberman. Man spielt wieder gegeneinander. Es gibt aber auch generell die Möglichkeit, alle Spiele allein zu spielen, nur stehen bei Battles die Gewinnchancen höher. Wenn du gut bist – und dein Gegner schlecht.

Mein Konto zeigt schließlich fünfhundertdreiundsechzig Points an, aber es war zu einfach. Mir fehlt der Kick, den ich bei den Greifarmautomaten habe. Und ich strebe nach etwas, das neuer und riskanter ist. Lebendiger. Um mich selbst lebendig zu fühlen. Ich beobachte die Spielerliste: Es werden wieder weniger. Die Uhr zeigt nach Mitternacht. Ich überweise das Geld auf mein richtiges Konto und logge mich aus. Kurz überlege ich, noch etwas am Greifarmautomaten zu verprassen. Aber die Vernunft siegt. Oder die letzte Warnung vom Vermieter.

»Hast dich gut geschlagen.« Croc kommt in den Raum, als ich gerade meinen VR-Helm abnehme. Er grinst. »Die Jünglinge sind ganz wild darauf, wieder zu kommen.« Ich lege den Helm beiseite und steige aus dem Anzug. Im vollen Bewusstsein, dass ich dann in Unterwäsche vor ihm stehe. Ziehe extra langsam meine Jeans über und lasse ihn dabei nicht aus den Augen. Alles nur ein Spiel. Croc mustert mich, meinen Körper. »Sag mal, wie alt bist du eigentlich?«Sofort fühle ich mich unwohl, sehe zwar mit meinen vierunddreißig Jahren noch viel jünger aus und bin recht gut in Form geblieben, trotzdem falle ich bei der Frage sofort in mich zusammen und schlüpfe schneller als gewollt in mein Oberteil.

»Bleib locker«, meint er und grinst anzüglich, wird dann ernst: »Hast du damals auch schon gezockt?«

»Als Kind? Klar.«

»Bock auf einen richtigen Retro-Battle?«

Ich schaue ihn fragend an.

»So ähnlich wie jetzt auch. Man wettet, wie weit man kommt. Nur mit alten Konsolen und so. Ich werfe einen Jackpot von viertausend Points ein.«

»Bin dabei!« Und denke sofort daran, meine Schulden abbezahlen zu können, mein Zimmer zu behalten. Endlich wieder vernünftig essen. Mal wieder mehr als eine Platte für Industriedosen zu verwenden. Richtig kochen, mit frischem Gemüse, das immer teurer wird.

»Und du brauchst einen Partner. Dann noch der Vertrag.«

Ich winke ab. »Bekomm ich hin.«

»Nächsten Freitag, 16 Uhr.« Er schaut mich kurz von oben bis unten an, bleibt an meiner Oberweite hängen, grinst, dreht sich dann um. »Dirk lässt dich raus.« Dann verschwindet er, grinst immer noch, und in meinem Bauch macht sich ein unwohles Gefühl breit. Aber ich schiebe es beiseite.

Ich laufe durch den Gang hinaus, die Tür steht offen, und ich nicke Dirk zum Abschied zu, dränge mich an den anderen vorbei und schleiche aus dem Untergrund, die Treppen hinauf zur Oberfläche, nicht weiter hinunter zur U-Bahn. Ich wähle den Weg zu Fuß, auch wenn es länger dauert. Vorbei an Leuten, die sich gerade zu Partys aufmachen oder spät noch aus dem Büro kommen, Überstunden sind in. Aufgehübschte Hühner auf der einen Seite, Arbeitszombies auf der anderen. Und ich dazwischen, wische mir die verschwommene Wimperntusche von den Augenrändern, als ich mich in einem der Schaufenster spiegle, und würde am liebsten gleich noch die Falten mit wegwischen. Ich gehe weiter, langsam. Kein Wecker, der morgen klingelt. Wenn du zu risikobereit bist, hast du im Bankengeschäft nichts mehr verloren. Sowieso ein Wunder, dass ich es dort so lange ausgehalten habe. Mein Weg sollte ein anderer werden. Aber wo ist der Kick, jeden Morgen aufzustehen, sich aus dem Bett zu quälen, zur Arbeit zu gehen und abends wieder ins Bett zu fallen? Ich brauche einen Partner, ist alles, an das ich denke.

*

»Komm schon. Du hast doch früher auch immer rauf und runter gezockt.«

Meine Schwester sieht mich kopfschüttelnd an. Bei ihrem vorwurfsvollen Blick merke ich erst, wie sehr sie unserer Mutter ähnelt. »Vergiss es, Miriam. Ich mach bei deinen komischen Sachen nicht mit.«

»Das sind keine komischen Sachen.«

Sarah schüttelt wieder den Kopf, sieht mich traurig an, fast schon mitleidig, und ich ertrage es kaum. Aber an wen soll ich mich sonst wenden? Meine Freunde habe ich aus den Augen verloren, mit der Zeit wurden es immer weniger Anrufe, weniger Nachrichten, ab und zu mal ein Like, ein Kommentar unter einem Bild, und dann nur noch virtuelle Leichen, die man nicht löschen will, weil man mal eine Verbindung zueinander hatte. Und eigentlich ist es nur ein Warten darauf, dass sie einen zuerst aus der Liste löschen, aber niemand traut sich, weil die scheinbare Verpflichtung siegt. Schließlich war es mal Freundschaft, auch wenn man sich schon lange nichts mehr zu sagen hat.

»Hast du eigentlich endlich wieder mit Mama und Papa geredet?«Diesmal bin ich es, die den Kopf schüttelt. Sarah spricht ein Thema an, das ich auf keinen Fall weiter vertiefen will. Ich trau mich auch nicht, zu fragen, wie es ihnen geht.

»Miriam.« Ihr Vorwurf hängt im Raum und würde sich nicht mal durch einen Turboventilator vertreiben lassen.

»Bist du jetzt dabei oder nicht?«

»Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder, keine Zeit für deine Spielchen.«

»Das ist deine Ausrede für alles.« Ich stehe auf. Warum noch länger meine Zeit vergeuden?

»Jetzt warte.« Ich zögere. »Wie läuft es denn gerade so bei dir? Schon einen neuen Job in Aussicht? Du wolltest doch gerne noch im zweiten Anlauf studieren. Was ist damit?«

»Das war vor sieben Jahren.« Oder noch länger her, füge ich in Gedanken hinzu. »Grüß die Kinder.« Ich gehe zur Tür und erwarte nicht, dass sie mir folgt. Erwarte nicht, dass sie den Kindern von dem nächtlichen Besuch erzählt, geschweige denn sie von der unbekannten Tante grüßt, die nur alle paar Monate mal vorbeikommt.

Ich laufe an den kleinen Häuschen mit ihren perfekten Gärten vorbei, in denen das Spielzeug vom Tage liegt, bis es irgendwann verfault, der Rasen welkt und es nur noch eine einsame Erinnerung an eine längst vergangene Zeit ist. Vorbei an dunklen Fenstern, weil hier alle schon schlafen. Oder mit matten Lichtern ganz leise im Wohnzimmer sitzen oder in den Schlafzimmern und lesen, damit die Kinder nicht aufwachen. Vielleicht hier und da noch eine liegen gelassene Arbeit am Schreibtisch nacharbeiten, bis das schlechte Gewissen ruft, man sich zum Partner ins Bett legt und trotzdem an die Arbeit denkt. Sex als Ausgleich. Wilder, wenn die Kinder nicht da sind, und irgendwann nur noch als Routine. Leidenschaft vorgaukeln, Lebendigkeit. Was unterscheidet mich von ihnen, wenn wir alle nur nach dem Falschen streben, das gar nicht wirklich existiert?

*

Croc sieht an mir vorbei, als ich die Woche darauf wieder vor ihm stehe. »Du brauchst einen Partner, sagte ich doch.«

»Aber wofür denn unbedingt?« So langsam verliere ich die Nerven, bei all diesen Regeln. Wenigstens hier will ich nicht nachdenken, sondern einfach machen.

»Als Joker. Als zweites Leben.«

»Ich zieh das allein durch.« Lasse mich von Croc nicht beirren, trete geradewegs an ihm vorbei und gehe in die Halle. Bin erstaunt, wie sie sich verändert hat. Statt der Liegen stehen dort nun alte Sofas und Sessel in allen möglichen Variationen. Mal aus braunem Leder, mal aus rotem Stoff. Auch einfache Holzbänke an den Seiten.

Ich steuere ein blaues Sofa an, mit bunten Blümchenmustern. So eins hatten wir damals auch. Ich stelle meinen Rucksack auf dem Fußboden vor mir ab und klemme ihn mit den Beinen fest. Das Geld vom letzten Mal bar in der Tasche, habe direkt alles vom Konto geräumt. Damit keine Behörde oder sonst eine Institution auf die Idee kommen kann es abzubuchen und die Schulden damit auszugleichen. Beim Vermieter war ich noch nicht, hab vorerst meine wichtigsten Sachen, die noch übrig geblieben sind in meinen Rucksack gepackt und bin weg.

Auf einem kleinen Tisch neben dem Sofa liegt ein Gameboy erster Generation.

»Du hast wieder meine Batterien leergespielt«, höre ich das Quäken meiner Schwester im inneren Ohr. Sollte sie doch froh sein, dass ich endlich ihre Super-Mario-Land-Level geschafft hab, an denen sie schon seit Tagen dran war. Und ein Jahr später das überhebliche »Du kannst ihn haben. Ich bin jetzt eh zu alt dafür«, als sie mir den Gameboy aufs Bett geschmissen hat, und ich ihn wie einen kostbaren Schatz aufhob, die gespeicherten Spielstände löschte und alle von vorn anfing. Bis er dann auch bei mir irgendwann in der untersten Schublade verschwand.

Vor mir auf dem Boden eine Playstation. Bekamen wir damals zu Weihnachten. Sozusagen ein Familiengeschenk. Meine Mutter, meine Schwester und ich selig zusammen auf der Couch: erst Tetris, dann Herkules, Autorennen, die Demo-DVD. Und mein Vater wohlwollend daneben. Ohne zu wissen, dass das alles in ein paar Jahren vorbei sein würde. Aber vorher sollten wir uns noch hunderte Male um den ersten Controller streiten. Und gegen die Mutter im Tetriswahn verlieren.

Auf einem anderen Tisch entdecke ich das Sega Master System, das ich als Kind immer wenig erfolgreich gegen die Nintendospieler in meiner Nachbarschaft verteidigte. Ihr hattet vielleicht Super Mario, aber wir hatten dagegen Super Boy.

Nur Erinnerungen. Gestorbene Zeit. Ich logge mich mit dem Handy ein, ändere die Kontonummer in meinem Account, keine Zeit für Sentimentalitäten. Rufe kurz darauf die Seite erneut auf und ändere die Kontonummer, zurück zu meiner.

Dann sehe ich mich um, wie sich die Halle nach und nach füllt. Die unterschiedlichsten Leute. Aber alle fasziniert von der Leinwand vorne, wo geprangert steht: viertausend Euro Jackpot. Der Schriftzug spiegelt sich in ihren Pupillen wieder. Heute mal nicht in Points, klingt mehr in richtiger Währung. Und ist doch nur eine Zahl wie jede andere auch. Als Hintergrund ein bewegliches Bild vom Meer, einzelne Wellen bewegen sich, spülen zum Strand und wieder zurück. Rechts unten Pixelfehler: Eine Welle vermischt sich mit einer zweiten, als rechteckige Einheiten, die sich übereinander schieben und wieder zurück.

»Krasse Idee, oder? Dass man überhaupt mal so gezockt hat, irgendwie kaum vorstellbar.«

Ein Typ Mitte zwanzig setzt sich neben mich. Schwarze Sturmfrisur, Dreitagebart. Ich schüttle den Kopf und fühle mich schrecklich alt. Die Halle füllt sich langsam. Mit neuen Gesichtern und denen, die man schon Jahre kennt, vom Sehen, mit denen man gealtert ist und doch nie miteinander gesprochen hat, außer das Nötigste. Und Croc mittendrin, der mir immer wieder zugrinst, sich dann umdreht und das macht, was er immer macht: Leute manipulieren.

Wenig später füllt sich die Halle immer mehr – und dann geht es los. Croc steht vorne auf der Bühne, begrüßt kurz die Leute. Es handle sich zwar um originale Konsolen, aber alle seien miteinander verbunden, sodass man auch jederzeit auf den großen Monitoren die einzelnen Spiele übertragen könne. »Wer stirbt, fliegt. Dann kann nur noch euer Partner weitermachen. Falls ihr einen habt.« Er wirft einen Blick zu mir, und ich sehe ihm direkt in die Augen, schaue nicht weg. »Und wenn auch seine Leben aufgebraucht sind, ist es für euch vorbei. Wenn am Ende zwei übrig bleiben, machen wir hier vorne weiter. Wie normal, ohne die Retrokonsolen.«

Zwei sollen am Ende übrig bleiben? Ich sehe mich um, die Halle ist noch voller als sonst. Wie lange sollen wir denn durchzocken? Egal. Ich nehme mir den Gameboy direkt neben mir, schalte ihn ein. Keine einzelnen Spiele, die ich einstecken muss, nur eins als Stellvertreter, mit dem ich direkt auf alle zugreifen kann. Doch nicht so old school wie angekündigt. Auch hier kann ich mich mit meinen Daten einloggen. Meine Hände umgreifen den Gameboy, wie damals: Fühlt sich gut an. Ein Stück Kindheit. Doch so viel älter; die Finger stumpf geworden, könnte die Nägel mal wieder lackieren, aber warum noch? Viertausend Euro Jackpot ist alles, an das ich denke. Was ich damit wieder gutmachen könnte.

Als ich Super Mario Land 2 wähle, bin ich ganz im Früher versunken. Diesmal ohne die genervten Zwischenrufe meiner Schwester, blende auch die Halle um mich herum aus. Bekomme nur noch kurz mit, wie der Typ neben mir die PS2 startet, Kopfhörer überstülpt und den kleinen Monitor vor sich fixiert.

Die Fingergriffe sind erst vorsichtig, dann geübt. Ich weiß genau, wann ich springen muss, was ich bei welchem Endgegner tun muss, um ihn sofort besiegen zu können. Kann genug Extraleben sammeln, um zwischendurch ein paar Mal draufzugehen. Die Unterwasserlevel waren schon immer am schwierigsten, den Fischen auszuweichen und nicht sofort zu schrumpfen. Aber ich komme gut durch. Und die Zeit verfliegt. Einmal schaue ich mich in der Halle um und sehe einige, die nur noch die großen Bildschirme am Rand und vorne beobachten, weil sie selbst schon raus sind. Mit Super Mario Land 2 habe ich ein gutes Spiel gewählt.Plötzlich werde ich mittendrin von einer Sirene gestört. Ich schalte auf Pause und sehe auf: Mein Name steht auf dem großen Bildschirm, mit sechs anderen. Wir sind die letzten. Ich spiele weiter, sterbe vor lauter Druck sofort, danach ein zweites Mal. »Reiß dich zusammen«, flüstere ich mir zu, bevor ich einen neuen Versuch starte. Nur noch fünf Namen. Und ausgerechnet jetzt habe ich alle Welten durch und mache in Marios Schloss weiter. Aber es läuft. Dann folgt der Endboss, sitzt dort auf seinem Thron, genauso wie damals. Noch vier Namen. Ich springe auf meinen Gegner, er hält inne, blinkt, trifft mich danach, und ich schrumpfe. Jetzt alles oder nichts. Kann ausweichen. Springe und treffe ihn ein zweites Mal. Dann ein drittes Mal. Er läuft weg, ich bekomme eine Möhre, Flügel, und renne hinterher. Auch er kann nun fliegen. Diesmal springe ich fast dreimal hintereinander auf ihn, ohne Schaden zu nehmen. Ein letztes Mal, er kann nun schießen. Ich schiele kurz auf die Anzeigetafel vorne: Noch drei Namen. Drücke kurz auf Pause, um erneut durchzuatmen. Dann geht es los, erst springe ich auf ihn, wieder blinkt er auf, laufe auf die andere Seite und weiche zu spät aus. Werde kleiner. Dann treffe ich ihn erneut auf dem Kopf. Einmal noch, die Sirene geht los, ich erschrecke, sterbe: Egal. Mein Name steht dort oben, der andere ist in seinem Spiel vor mir gestorben. Crocs Stimme dröhnt durch die Halle. »Cat und Boy231 stehen im Finale. Kommt nach vorne.« Ich stehe langsam auf, suche meinen Gegner: Ein Mann um die vierzig steht auf, sieht mich an, grinst und schlendert gemächlich zur Bühne. Ich folge ihm, versuche, genauso locker zu wirken, dabei zerreißt es mich innerlich. Ich fühle mich alt und müde und will eigentlich nur noch schlafen.

Boy231 und ich verschwinden kurz hinter der Bühne, um unsere Anzüge anzuziehen, setzen uns dann auf die Liegen. Die Zuschauer stimmen ab, welches Spiel wir spielen: Bomberman. Im ersten Moment freue ich mich, da ich das selbst oft genug gezockt habe, aber als ich das Grinsen meines Gegners sehe, verschwindet meine Freude. Das wird ein harter Battle.

Setzen unsere Helme auf und die Realität verschwimmt. Crocs Stimme nur noch über Kopfhörer. Dann beginnt die erste Runde. In 3D renne ich vor die viereckigen Steine, lege meine Bomben und verstecke mich, bevor ich die nächsten zünden kann. Das Labyrinth wird freier, ich kann die Schritte meines Gegners hören, lege eine Bombe und renne. Kurz bevor sie hochgeht, verschwinde ich um die Ecke. Eine zweite Bombe geht hoch, direkt neben mir. Dann noch eine: Sein erster »Win«. Mein Herz rast, eine kleine Anzeige in der Ecke zeigt mir, dass sie Mittel in mein Blut spritzen. Jetzt nicht, denke ich, reiße das Kabel raus, das meinen Anzug mit der Liege verbindet. Will keine Beruhigungsmittel, nichts, was mich vernebeln könnte. Ein paar Bomben und Tode später liegen wir im Gleichstand. So geht es hin und her, bis Croc durch die Kopfhörer ruft: »Letzte Runde. Jetzt entscheidet sich, wer gewinnt.« Ich werde unruhig, die Angst wird größer.

Ich fluche, ein bisschen blöd, dieses Spiel für einen Battle zu nehmen, wenn es immer gleich abläuft. Trotzdem konzentriere ich mich auf die Bomben, auf Boy231. Kalter Schweiß fließt mir an den Schläfen und zwischen den Brüsten hinunter, mein Herz pocht so laut, dass ich glaube, alle in der Halle könnten es hören. Mein Blick verschwimmt, ich blinzle, um das Labyrinth richtig sehen zu können. Mir wird übel, und in meiner Brust schmerzt es, doch ich lege weiter Bomben. Mein Gegner stirbt. Danach ich. Der nächste Tod entscheidet. Ich lege eine Bombe, der Schmerz wird unerträglich. Ich greife mit der Hand auf Herzhöhe, verstecke mich gleichzeitig hinter einer Mauer. Höre noch, wie die Bombe hochgeht – und mein Gegner mit ihr: sich einfach ins Nichts auflöst. Jemand reißt mir den Helm vom Kopf, Leute applaudieren von weit her. Ich starre weiter in die virtuelle Welt, die schon nicht mehr da ist, sehe nur die drei Buchstaben meines Nicknames riesig auf allen Monitoren, aber kann sie nicht mehr deuten. Eine Hand nimmt meine, zieht mich von der Liege, die andere ruht immer noch auf meiner Brust. Ein Geräusch, als ob etwas reißt. Ich kann es nicht hören, nur spüren. Der Boden unter mir gibt nach – oder bin ich es, die nachgibt? Alles wird leicht, ich falle.

*

»Hallo Mama. Ich bin’s.«

»Miriam. Dass du anrufst!« Kann mir lebhaft vorstellen, wie meine Mutter jetzt ins Wohnzimmer läuft, meinem Vater mit Fuchtelbewegungen deutlich zu machen versucht, wer am anderen Ende der Leitung ist – und kläglich scheitert.

»Also erzähl, wie geht’s dir?« Kein rauer Ton, keine Frage, warum ich so lange nicht angerufen hab, mich nicht gemeldet hab. Keine Vorwürfe. Nur ehrliches Interesse. Ich antworte nicht, schlucke, muss mich kurz fangen. »Ich wollte euch besuchen kommen.«

»Ja, gern. Wann kommst du?«

»Jetzt?«

»Ich setz schon mal Kaffee auf.«

»Und sag mal, steht die alte Konsole noch auf dem Dachboden?«

Nur noch das Tuten im Hörer. Und ich nehme die nächste Bahn. Und danach vielleicht weiter hoch zur Küste. Oder gen Süden. Oder mal wieder zu den echten Greifarmautomaten, bei denen der Rost nicht nur virtuell ist.

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Butterfly

Christian Günther

Level 1

Ein Rudel Wölfe fegt durchs Unterholz, wirbelt eine Wolke aus grauem Laub auf. Ihm folgt ein Krieger mit Haar so schwarz wie Pech, zwei Schwerter auf dem Rücken, purpurne Bänder an Armen und Beinen. Die Augen blutrot und orange, leuchtend im Aschewald.

Butterfly Wozniak war ein ganz normales Mädchen. Mit zerbrochenen Träumen in einer dunklen Stadt. Ein Engel mit gestutzten Flügeln. Cinderella, die auch den zweiten Schuh verloren hat und nun barfuß durch ihr Leben geht. Zumindest sah sie sich selbst so.

Hätte sie an diesem Morgen gewusst, dass Danny tot war, wäre sie gar nicht zur Arbeit gegangen. So aber schlich sie durch Dunstschwaden, neben sich den Lärm des Verkehrs. Ihr Gesicht kränklich blass im surrenden Schein der Leuchtfassaden. Pfützen, aufgeplatzte Müllsäcke. Mechanisch blieb sie vor dem abgenutzten Automaten stehen, der ihr jeden Morgen ihren kochend heißen Crema in einen Plastikbecher spuckte. Dazu fiel ein in Folie verpackter Glückskeks aus dem Ausgabeschacht, den sie in die Tasche ihrer Jacke stopfte, ohne darüber nachzudenken. Ein dröhnender Müllwagen näherte sich, sprühte einen Nebel aus Reinigungsmitteln über den Gehweg, der sich sofort in weißen Schlieren auf den Boden legte und mit den öligen Pfützen mischte. Butterfly rief dem automatischen Wagen einen halbherzigen Fluch hinterher und wischte über ihr lilafarbenes Regencape. Zum Glück war sie vorbereitet. Und um sich aufzuregen, war sie sowieso zu müde.

Die trübe Sonne versteckte sich hinter den Wolken, als wollte sie nicht mehr auf diese hässliche Stadt scheinen, die sich täglich dreckiger und kaputter aus der Dunkelheit schälte. Butterflys Nacht war kurz gewesen, der frühe Morgen war kalt. Frühschicht. Wahrscheinlich die Spätschicht als Bonusrunde dazu, schließlich hatte Danny alle anderen Bedienungen schon gefeuert. Ein blauhaariger Typ saß auf einem Plastikstuhl mitten auf dem Bürgersteig, das Gesicht rot im Widerschein des Screens, den seine bunt tätowierte Hand umklammerte. Die Augen zuckten unruhig umher, während sein linker Daumen hektisch den Touchscreen bearbeitete.

Butterfly ging an ihm vorbei, kickte eine Pappschachtel beiseite, sah auf die Uhr. Spät dran. Sie eilte zum Diner. Nicht, weil sie die Laune ihres Chefs fürchtete oder weil sie Angst hatte, ihren Job zu verlieren. Nein, das hatte sich geändert. In den letzten Wochen hatte sie den Laden schleichend übernommen, während ihr Boss nur noch körperlich anwesend war, seinen fetten Körper kaum mehr hinter dem Tisch in der Ecke hervorhievte. Seit einer Woche fand sie ihn jeden Morgen dort vor, ohne dass er das Diner in der Nacht verlassen hätte. Eingeklemmt hinter dem Kunststofftisch, umrahmt von zerknüllten Verpackungen und verkrusteten Tellern. Wenn er die Einnahmen sah, die die Tageskasse hergab, zuckte er mit den Schultern, grunzte, holte sich einen Kaffee und verzog sich an seinen Tisch mit dem eingebauten Schirm, um wieder online zu gehen. Dass immer weniger Geld hereinkam, bemerkte er gar nicht, es schien ihn auch überhaupt nicht zu kümmern. Dafür wuchs das Bündel an Scheinen, das Butterfly zu Hause, hinter der Plast-Wand ihrer winzigen Küche, versteckte. Jeden Tag ein bisschen. Sie musste aufpassen, durfte nicht übertreiben. Wenn der Boss etwas mitkriegte, war es vorbei. Oder wenn ihr Freund Zed das Versteck fand. Auch wusste sie nicht, wie lange sich ihr Boss noch so seltsam verhielt – jeden Tag konnte er aus seinem Zustand aufwachen. Jeden Morgen, wenn sie das Diner betrat, fürchtete Butterfly, er wäre wieder der Alte, mürrisch, jähzornig und nur darauf konzentriert, ihr an den Arsch zu fassen. Doch ständig war er online, vertieft in seine neue Leidenschaft. Das ging nicht nur ihm so, immer mehr Verlierer hingen vor Bildschirmen und waren auf der Jagd nach Schätzen. Der neuste Scheiß. Satellitenverbindung, mobiles Terminal, et voilà, willkommen in den Ruinen des alten Internets. Seit Jahren lebte die Welt ohne, nachdem die Menschen es mit all der Macht, mit der sie es aufgebaut hatten, wieder zerstörten. Kein großer Knall, sondern ein leiser, digitaler Tod. Daneben hatten Kriege getobt, wahrscheinlich brauchten die Leute ein Ventil, mussten Blut und Zerstörung sehen können, statt nur gelöschten Daten nachzuweinen.

Jetzt hoffte jeder auf den großen Wurf, auf sensationelle Funde, die er dann zu Geld machen konnte. Die meisten brachten nur Müll zutage, Fragmente alter Pornos, Chat-Protokolle oder völlig uninteressante Log-Dateien, die schon zum Zeitpunkt ihrer Entstehung niemanden interessiert hatten. Die wertvollen Funde wie noch funktionierende Kreditkartendaten oder vergessene Kontoinformationen waren wohl äußerst selten, wenn es sie überhaupt gab. Butterfly wollte ihre Zukunft nicht auf einer so vagen Hoffnung aufbauen. Sie musste zäh sein, um sich aus ihrer üblen Lage zu befreien und wieder fliegen zu können. Aber die Legenden, die sich um solche Funde rankten, um die Millionen, die manch einer mit ihnen gemacht hatte, die waren es, die die Leute an die Schirme fesselten. Auch Zed war auf den Zug aufgesprungen. Hatte sich einen alten Rechner besorgt und hing jetzt den ganzen Tag in der Bude. Faselte davon, dass er wie ein Schatztaucher durch Fragmente einer verlorenen Zeit glitt und ihre Geheimnisse ans Tageslicht holte. Dass er sie reich machen würde, ganz einfach. Aber das lag wohl eher an dem Sniff, den er sich reinzog. Immerhin schlug er sie nicht, solange er damit beschäftigt war.

Als sie heute die Tür zum Diner aufschloss, war irgendwas anders. Sie trat ein, die Glocke an der Tür klingelte leise. So weit alles normal, die schlecht gewischten Tische mit Fetträndern, die Bänke mit zerschlissenen und bekritzelten roten Polstern. Der Tresen, dahinter die Küche. Ihre Schuhe klackerten laut über den Fliesenboden, als Butterfly den Raum durchquerte. Dann fiel ihr auf, was anders war: der Geruch. Unangenehm. Faulig. War die Kühlung ausgefallen? Sie schaltete das Licht ein. Strom war da.

Flackernd erwachten auch die Terminals an den Tischen zum Leben, ihre Schirme bekritzelt und verkratzt, darunter die übergroßen und knallbunten Icons, die zum Surfen im Newnet einluden. Eine saubere, staatlich kontrollierte und grenzenlos uninteressante Cyberwelt. Ignoriert und vergessen.

Dann sah sie Danny. Nach vorn auf den Tisch gesunken, auf dem Screen liegend, als wolle er seine Wange an ihn pressen, eine Liebkosung erzwingen. Doch das Auge, das zur Seite starrte, war tot. Kleine Fliegen schwirrten um ihn herum. Als Butterflys Gehirn den Geruch und seine Ursache begriff und in Zusammenhang brachte, kotzte sie ihren Takeaway-Kaffee auf die Fliesen.

Kurz darauf saß sie in der Küche, während vorne zwei Sanitäter und ein Polizist die Leiche bargen. Ob der Kerl wirklich ein Bulle war? Für Butterfly sah er eher aus wie ein Organhändler, Facetattoo, bulgarischer Imitat-Goldschmuck. Aber egal, Hauptsache, sie schafften Dannys Kadaver fort.

Sie war verunsichert, ihre Hand zitterte leicht, als sie ihren Kaffeebecher zur Hand nahm. Tee, sie sollte doch Tee trinken, wegen ihrem Magen. Und dem Kind. Sie spürte keine Trauer, kein Mitgefühl. Für sie war er immer nur der Fettsack gewesen, der sie bezahlte und ihr dafür ab und zu mal an den Arsch packen durfte. Egal. Wie sollte es jetzt weitergehen? Sie war sicher, dass das Diner nicht Danny gehört hatte, es musste also irgendwo einen Besitzer geben, der nun womöglich hier aufräumen wollte. Butterfly beschloss, erst einmal so weiterzumachen wie bisher. Jetzt konnte sie sich noch gründlicher an den Einnahmen bedienen. Umso schneller kam sie hier raus. Sie schnappte sich einen Lappen. Frühschicht.

»Wo ist Danny?« José kam kurz vor Mittag in den Laden.

»Tot.«

»Mhmm.« Er hörte gar nicht zu, schaute auf das Display seines Smartphones, während er sich die Jacke auszog. Akrobatisch, um nicht den Sichtkontakt zum Bildschirm zu verlieren.

Butterfly seufzte. »Hast dir jetzt auch diesen Scheiß besorgt?«

José löste seinen Blick von dem Gerät in seiner Hand und schaute sie unter seinem blondierten Schopf kritisch an. »Was?«

»Bist du jetzt auch so ein Spinner geworden?«, antwortete sie und deutete auf sein Phone.

»Ach so. Ja, haben jetzt alle. Ist aber scheiße, werd’s wieder löschen. Davon kackt mein altes Teil immer ab. Obwohl ich mir geile Zugänge besorgt hab.«

Butterfly nickte. »Will ich hier auch nich sehen. Du sollst kochen, sonst nix.«

José runzelte die Stirn. »Machst du jetzt auf Boss, oder was? Was is’n mit Danny?«

»Tot. War kein Witz.«

José schluckte. »Echt? Puh. Das ist schräg.«

»Schräg?«

»Ja, erst gestern sind zwei Leute in meinem Block draufgegangen.«

»Und?«

»Beim Surfen. Echt unheimlich. Die Kontaktnetze hingen ihnen noch am Schädel. Hirn gegrillt.«

»Und du hast das gesehen, oder hat dir das einer von deinen schlauen Freunden erzählt?«

 Er beugte sich näher zu Butterfly. »Die hatten sich richtig krasse TLDs besorgt. .hk und .tw. Da gibt’s eine Menge zu holen. Nicht nur so zerfledderte Fragmente wie auf .de und so.«

»Du spinnst.«

»Ey, was weißt du denn schon? Kennst du dich aus? Wohl nicht, oder?«

Butterfly hielt ihm den ausgestreckten Mittelfinger ins Gesicht.

»Schon gut. Ey, sag mal – was is’n jetzt? Ich mein, wenn Danny tot ist? Wie geht das hier weiter?«

»Ich übernehm den Laden.«

»Ach du Scheiße.«

Level 2

Der Krieger trifft auf ein Tor, davor eine steinerne Brücke, grün von Moos. Das Tor wirkt winzig in der endlos hohen Mauer, deren grauer Fels irgendwo in den Wolken den Himmel durchbricht.

Das Fell der Wölfe dampft, sie keuchen und legen sich ins Laub, während der Krieger nur kurz verharrt, die Brücke und den Eingang in Augenschein nimmt und dann mit weiten Schritten im Dämmerlicht dahinter verschwindet. Als er den Torbogen durchschreitet, blitzen die Klingen der Schwerter auf, die er aus ihren Scheiden zieht.

Am Abend kamen die ersten Gläubiger. Eher so Mafiatypen, Schutzgeld kassieren. Sie waren zu zweit, ein bulliger Riese, sah aus wie ein russischer Boxer. Der andere war klein, trug einen Anzug, nach hinten gegeltes Haar. Einen fiesen Ausdruck in den Augen. José hatte sich nicht blicken lassen, seit sie mit Putzen angefangen hatte. Die Küche sah aus wie Sau, er war weg. Wahrscheinlich für immer.

»Wo ist Danny?«, fragte der Kleinere, während der andere sich hinter ihm in Position brachte. Wohl die Frage des Tages. Butterfly zuckte mit den Schultern.

»Hey Kleine, wo dein Boss ist, will ich wissen.«

Wo kamen diese Typen her? Was hatten sie mit Danny zu schaffen? Damit es mit dem Laden weiter gehen konnte, musste Butterfly sie loswerden. Irgendwie. Stoisch wischte sie weiter. Immer die gleiche Stelle. Ihre Hände zitterten schon wieder, sie umklammerte den Stiel des Wischmops, als hinge sie daran über einem Abgrund. Was wollten die? Schutzgeld? Butterfly wusste nicht, ob Danny welches zahlen musste. Aber sie wusste vieles nicht. Eigentlich hatte sie gar keine Ahnung, wie sie den Laden führen sollte, sie konnte nur Geld aus der Kasse greifen. Zum Lernen blieb ihr nur leider keine Zeit. Ein schmerzhafter Klumpen bildete sich in ihrem Magen, als der Kerl von hinten an sie herantrat. Eine Wolke von Zigarettenqualm und zu viel Moschus umgab ihn. Grob griff er in ihr Haar, riss es nach hinten. Ihre Augen wurden vom grellen Deckenlicht geblendet. Sie kreischte auf, versuchte, von ihm wegzukommen, doch er hielt ihren Kopf fest. Noch mehr Schmerzen. »Hör auf!«, rief sie. »Was wollt ihr? Danny ist nicht da.« Das war jetzt ihr Laden. Diese Arschlöcher würden ihn ihr nicht sofort wieder wegnehmen.

»Und wieso waren heute die Bullen hier? Verkauf mich nicht für blöd. Ihr Schlampen wisst doch immer am besten Bescheid, habt eure neugierigen Ohren überall.«

Butterfly überlegte, ob sie den Kerl schon mal gesehen hatte, konnte sich aber nicht erinnern.

»Na los, jetzt red schon.« Grob fasste er an ihre linke Brust, sein Mund war nun ganz dicht an ihrem Ohr. »Oder muss ich dafür netter zu dir sein?« Seine Zungenspitze berührte ihr Ohrläppchen. Butterfly zuckte zusammen. Bilder zuckten durch ihren Verstand, löschten alle Überlegungen aus. Übelkeit breitete sich in ihr aus. Mit voller Kraft stieß sie den Wischmop nach hinten. Nie wieder würde jemand sie so anfassen Der Kerl gab ein überraschtes Stöhnen von sich, als ihn der Stiel voll erwischte. Er lockerte den Griff in ihren Haaren, zog die Hand dann ganz weg und klappte zusammen. Er riss ein paar Haarsträhnen mit sich, Tränen schossen Butterfly in die Augen. Sie ließ den Mop fallen, stürmte am Tresen vorbei in die Küche. Hämmerte die Tür zu und legte den metallenen Riegel um. Durch das Fenster in der Tür konnte sie das dümmliche Gesicht des Muskelbergs sehen, das rot anlief. Er donnerte gegen die Tür, konnte aber nichts ausrichten. Butterfly rannte durch die Küche, riss Pfannen und Töpfe zu Boden. Griff instinktiv ihre Jacke mit Schlüsseln und Taser drin, zur Hintertür hinaus, nur weg.

Im Hof, nach rechts. An Müllcontainern vorbei, in die Nebenstraße. Sie rutschte aus, ruinierte ihre Strumpfhose am linken Knie. Dann hörte sie schon Schritte hinter sich. Wie schnell war denn dieser Kerl? Der Muskelberg raste um die Ecke, ihr schien es, als materialisiere er aus dem Nichts. Dem würde sie nicht entkommen. Entmutigt rannte sie noch einige Schritte, dann packte er sie und riss sie von den Füßen. Trug sie zurück nach drinnen.