Verlag: Saga Egmont Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

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E-Book-Beschreibung Ganz nah und doch so fern - Kirsten Holst

Das dänische Coming Out-Buch der 80er und 90er Jahre! Angefangen tut alles für Claus mit der ausgelassenen Fete am Pool in Hannahs weißem Haus am Strand. Die folgende Zeit ist wichtig für Claus - aufwühlend, anstrengend und manchmal schön. Er ist verliebt in Agathe, der er viel zu lange nicht näherkommen kann. Sein bester Freund Thomas verändert sich sehr und zieht sich immer mehr zurück. Und plötzlich taucht das Gerücht auf, Claus sei homosexuell; sofort denken alle an AIDS. Ein sehr offenes Buch über erste Erfahrungen mit Liebe und Sexualität, ausgezeichnet mit dem Preis der dänischen Buchhändler. AUTORENPORTRÄT Kirsten Holst (1936-2008) wurde in Lemvig, Dänemark geboren. Ihr Vater war ein Polizeibeamter. Holst hat insgesamt 14 Kriminalromane über die Polizeiarbeit in der dänischen Provinz geschrieben. Ihre Bücher wurden bereits ins Norwegische, Schwedische, Finnische, Deutsche, Holländische, Tschechische und Japanische übersetzt. REZENSION "Kirsten Holst schreibt Spitzenklasse." - Berlingske Tidende "Das Buch beschreibt, aus der Sicht von Claus, wahnsinnig spannend die alltäglichen Sorgen von Jugendlichen. Natürlich kommt in diesem Buch gleich sehr viel zusammen, aber erst fängt alles eigentlich völlig normal an. Gerade wenn man anfängt mit Claus mitzufühlen, sich mit ihm freut, mit ihm trauert, überstürzen sich die Ereignissen. Man fragt sich immer des öfteren, was das jetzt schon wieder bedeuten soll und kann gar nicht mehr aufhören zu lesen. Ich selbst habe fast eine ganze Nacht durchgelesen und das Buch hat mich bis zum Ende wachgehalten und auch danach konnte ich nicht sofort einschlafen. Das Buch wühlt auf und bringt einen zum Nachdenken, wenngleich AIDS heute nicht mehr ganz die Bedeutung hat wie 1987. Was mich besonders an dem Buch begeistert hat, war auch die enge Stimmung, die die Autorin erzeugte. Mal bedrückend, mal befreiend. Insgesamt ist das Buch, aber eher bedrückend man selbst weiss nicht so genau, wo man dran ist und "Claus", weiss auch nicht immer was er eigentlich so genau will. Aber nach dem ich die letzte Seite gelesen hatte, war ich mir sicher, dass man das Buch gelesen haben sollte und dass Kirsten Holst eine Geschicht erzählt hat, die sich so jederzeit in der Wirklichkeit abspielen könnte." - Lars Rindfleisch, the beef.de Kirsten Holst IM SAGA EGMONT: Wege des Todes Ganz nah und doch so fern Der Tod steht auf der Schwelle Der rätselhafte Doppelgänger Volles Haus Du sollst nicht töten In den Sand gesetzt Auch nach vielen Jahren

Meinungen über das E-Book Ganz nah und doch so fern - Kirsten Holst

E-Book-Leseprobe Ganz nah und doch so fern - Kirsten Holst

Kirsten Holst

Ganz nah und doch so fern

 

 

Saga

1

Wenn ich mir das jetzt so überlege, dann habe ich manchmal das Gefühl, daß alles – alles, was dann später geschehen ist – in Wirklichkeit mit dem Info-Wochenende bei Hannah angefangen hat, kurz nachdem wir in die 2 g gekommen waren. Das ist jetzt schon fast zwei Jahre her. Ein Jahr und zehn Monate, um es ganz genau zu sagen.

Es war das Wochenende, an dem Thomas mit Anne im Bett war, obwohl er keine Lust dazu hatte, und an dem ich nicht mit Agathe im Bett war, obwohl ich große Lust dazu gehabt hätte.

Es war auch das Wochenende, wo Samstagnacht oder eher Sonntagmorgen das Fest und seine Teilnehmer so ziemlich in Auflösung übergingen – wo Lisbeth eine Flasche Rotwein ins Schwimmbecken fallen ließ und Fotto ins Rhododendronbeet kotzte. Aber wie Mini richtig bemerkte, wäre es umgekehrt schlimmer gewesen; schließlich hat ein Bad im Rotwein noch niemandem geschadet.

Mini faßte seine Bemerkung übrigens in bedeutend mehr und bedeutend schlimmere Worte, er kann den Mund einfach nicht aufreißen, ohne daß sich ein ganzer Abfallhaufen herauswälzt. Ich glaube, das hängt damit zusammen, daß er nur 1 Meter 70 groß ist, wenn ihr versteht, was ich meine.

Es stimmt natürlich nicht, daß alles an diesem Wochenende angefangen hat, das weiß ich genau. Irgend etwas wäre sicher auf jeden Fall passiert. Auch wenn wir damals keine Ahnung davon hatten – der Countdown hatte doch schon längst begonnen. Trotzdem habe ich immer noch das Gefühl, daß einiges anders gekommen wäre, wenn wir nicht genau an diesem Wochenende in genau diesem Haus zusammengewesen wären.

Was ich jetzt am allerunglaublichsten finde, ist eigentlich, daß dieses Wochenende für einige von denen, die dabei waren, so gut wie gar nichts bedeutete. Für sie war es vielleicht nicht anders als viele andere Wochenenden. Vielleicht war ich der einzige, unter dem die Erde zu beben anfing. Aber das habe ich selbst erst später richtig wahrgenommen, nachdem meine ganze Welt in Zeitlupe einen Purzelbaum geschlagen hatte.

Genau so, in Zeitlupe, sehe ich es jetzt, während ich versuche, Zusammenhang und Überblick zu erhalten. Mich daran zu erinnern versuche, was in den letzten beiden Jahren gesagt und getan worden ist. Es ist so viel passiert, daß ich Zusammenhang und Überblick noch immer nicht gefunden habe, auch wenn ich jetzt ein bißchen mehr begreife. Wenn man etwas aus der Entfernung betrachtet, kann man plötzlich ein Muster sehen, das nicht zu erkennen war, als man noch mittendrin steckte, und manches versteht man dann ganz von selbst. Das Problem ist bloß, daß man sich an alles mögliche durcheinander erinnert und daß es schwer ist, die unwichtigen Details von den wirklichen Ereignissen zu unterscheiden. Die Details erschienen damals so wichtig. Sie hatten Ähnlichkeit mit Ereignissen, und die eigentlichen Ereignisse wirkten dagegen bloß wie unwesentliche Details.

Es gibt bestimmt Leute, die mich für bescheuert halten werden, weil ich damals nicht sofort kapiert habe, was Sache war, und weil ich nichts unternommen habe, um den Lauf der Geschichte zu ändern, zumindest den Lauf dieser Geschichte. Ab und zu kommt mir das auch selbst so vor, aber es ist so verflixt leicht, hinterher klüger zu sein, und damals wußte ich einfach nicht genug.

Irgendein Schlaumeier sagt bestimmt auch: »Na und? So einen Knuff versetzt uns das Leben eben manchmal, und alle jungen Leute müssen da durch, um erwachsen zu werden.«

Das kann nur einer sagen, der das nicht mitgemacht hat. Ich finde, es ist genug passiert, mehr als genug.

Übrigens hielten wir uns selbst für erwachsen. Wir hatten die Lage voll im Griff und durchschauten alles. Wir waren genauso unbesiegbar wie die spanische Armada. Und die ist bekanntlich 1588 von den Engländern vernichtend geschlagen worden. Wir waren achtzehn Jahre alt oder zumindest fast achtzehn. Wir hatten das Wahlrecht und den Führerschein (oder würden beides bald haben), wir hatten ein Recht auf unsere eigenen Meinungen, wenn wir damit niemandem schadeten, aber wir konnten mit all dem überhaupt nichts anfangen. Wir waren Schulkinder, du meine Güte, die reinsten Babys waren wir! Ich zumindest war eins. Das größte Baby von uns allen, ein richtiges Riesenbaby!

Tatsache ist jedenfalls, daß ich in vieler Hinsicht ungeheuer unerwachsen war. Ich habe nämlich erst vor kurzem in einer Zeitung gelesen, daß zweiunddreißig Prozent aller dänischen Jungen von fünfzehn Jahren ihr erstes sexuelles Erlebnis schon hinter sich haben. Ich aber war fast achtzehn und hatte noch nie mit einem Mädchen geschlafen.

Und zwar, weil ich in Agathe verliebt war. In die Frau, nicht in ihren Namen. Ich hatte Agathe immer für einen scheußlichen Namen gehalten, bis ich sie sah. Und dann war ich hin und weg von ihr und dem Namen. Ich weiß nicht, wo sie sich vorher versteckt hatte, ich entdeckte sie nämlich erst, als ich schon seit zwei Monaten aufs Gymnasium ging. Sie ging nicht in meine Klasse, aber eines Tages sah ich sie plötzlich in der Mensa. Dort saßen Hunderte von Schülern, aber ich sah nur sie. Die anderen verschwanden einfach, so wie sich die Wasser teilten, als die Israeliten durch das Rote Meer gingen.

Sie war die schönste Frau mit dem tollsten Gang und den scheußlichsten alten, geflickten Hosen, die ich je gesehen hatte. Ich wußte sofort, daß sie Agathe heißen mußte, es konnte gar nicht anders sein. Ich war vom Fleck weg so ungeheuer verknallt, daß ich bloß noch dumm grinsen und schwachsinnige Sprüche loslassen konnte, während ich in Wirklichkeit am liebsten meine Jacke vor ihr auf den Boden geworfen hätte, damit sie unbeschmutzt übers Parkett hätte wandeln können. Ich hätte mir auch die Hose vom Leibe gerissen, wenn das irgendwas gebracht hätte, aber sie würdigte mich keines Blickes, sondern schritt mit geradem Rücken und hochgereckter Nase an mir vorbei. Und so ging es weiter. Ich liebte sie, aber sie haßte mich – und ich konnte mir nicht einmal vorstellen, warum. Ich hatte ihr nie etwas getan, hatte sie nie belästigt, hatte keine zwei Worte mit ihr gewechselt, und trotzdem haßte sie mich.

Wenn ich abstoßend häßlich gewesen wäre, hätte ich das ja noch einsehen können, aber das war ich nicht. Meine Mutter behauptete immer, ich sei der flotteste Typ am ganzen Gymnasium. Das denken sicher alle Mütter von ihren Söhnen, und natürlich war es eine wüste Übertreibung. Der flotteste Typ war eindeutig Thomas, das fanden er und ich jedenfalls. Aber Nummer zwei zu sein war ja schließlich auch nicht schlecht. Leider ließ Agathe sich davon überhaupt nicht beeindrucken, eher im Gegenteil. Und deshalb litt ich in meiner unerwiderten Liebe und meiner Jungfräulichkeit still vor mich hin, denn wenn ich nicht mit Agathe ins Bett konnte, dann wollte ich mit überhaupt keiner ins Bett. Es wäre mir fast wie Untreue vorgekommen. Thomas verstand das, aber Mini wäre vor Lachen fast vom Stengel gefallen, als mir das ihm gegenüber einmal herausrutschte. Er zappelte auf seinem Stuhl herum und gakkerte dermaßen, daß er das Gleichgewicht verlor, nach hinten umkippte und krachend mit dem Hinterkopf auf den Boden aufschlug. Leider bekam er davon nicht einmal eine Gehirnerschütterung.

Aber zurück zum Wesentlichen. Alles fing wie gesagt in Hannahs Haus an, und auf irgendeine Weise hatte das Haus etwas damit zu tun. Es war so anders als alles, woran wir gewöhnt waren, daß wir selbst auch ein bißchen anders wurden. Nicht viel, aber genug. So wie eine kleine Abweichung am Anfang ausreicht, um eine Bowlingkugel an allen Kegeln vorbeisausen zu lassen.

Entscheidend waren das Haus, die Umgebung und die ganze Atmosphäre dort draußen, nicht Hannah selbst. Vor dem Wochenende hatte ich sie kaum gekannt, und hinterher kannte ich sie auch nicht besser, obwohl ich jetzt sehr viel mehr über sie wußte.

Sie war am Ende des ersten Gymnasiumsjahres plötzlich neu in unsere Schule gekommen, aber wir landeten erst später in derselben Klasse. Sie ware eine von dieser zurückhaltenden, unauffälligen Sorte, die man nicht sieht, solange man nicht gerade über sie stolpert. So erschien sie mir jedenfalls damals, aber auch das war ein Punkt, an dem ich nicht besonders klar sah.

Vom Aussehen her erinnerte sie mich an Marleen Merlin, diesen Stummfilmstar, mit ihren langen, dunklen Haaren, dem spitzen Gesichtchen und der Brille. Sie wäre eigentlich sehr niedlich gewesen, wenn sie nicht so eine scheußliche Haltung gehabt hätte. Das hört sich vielleicht schwachsinnig und rückständig an, aber so war es eben. Sie reckte den Kopf vor und den Hintern zurück, und ihre Schultern zog sie über die Ohren. Normale Menschen hätten am ganzen Körper einen Krampf, wenn sie auch nur eine halbe Stunde so herumlaufen müßten, aber Hannah schien das nichts auszumachen. In alten Zeiten sagten die Väter immer zu ihren Kindern: »Halt dich gerade!«, und Hannahs Vater hätte ihr einen großen Dienst erwiesen, wenn er das gesagt hätte. Womöglich hat er es ja auch getan, aber dann hat es nichts geholfen, und inzwischen war er tot, das wußte ich immerhin. Ich wußte auch, daß sie und ihre Eltern in Indien gelebt hatten und daß ihre Mutter gestorben war, als Hannah elf war. Sechs Jahre später war sie nach Dänemark übergesiedelt, weil sie dort Abitur machen wollte. Kurz darauf kam ihr Vater bei einem Flugzeugabsturz ums Leben, und Hannah zog in unsere Gegend.

Sie wohnte draußen auf dem Land, und ich nahm an, daß sie zu Verwandten gezogen war. Aus irgendeinem Grund, vielleicht weil sie ein bißchen altmodisch wirkte, hatte ich die Vorstellung, daß sie bei alten Menschen lebte, bei ihren Großeltern oder Großtanten oder so, und daß sie in einem kleinen weißen Steinhaus wohnten. Das Haus war wirklich weiß, aber ansonsten stimmte keine von meinen Vermutungen.

Ursprünglich hatten wir für unser Info-Wochenende ein Ferienhaus mieten wollen, aber offenbar waren wir zu spät dran, denn wir konnten einfach keins auftreiben. Heutzutage veranstaltet ja jeder Heini sein Info-Wochenende, schon die neunten Klassen fangen damit an.

Die Mädchen hatten die Organisation übernommen. Sie fanden heraus, daß erst im Dezember wieder Ferienhäuser frei wären, und das kam für uns nicht in Frage. Wir hatten schon alle Hoffnung aufgegeben, noch etwas zu finden, als Hannah plötzlich mit leichtem Zögern sagte: »Wir könnten es natürlich draußen bei mir machen.«

2

Bei Hannah? Ich dachte zuerst, das sollte ein Witz sein. Wir waren zwar eine kleine Klasse mit nur sechzehn Schülern, aber ich konnte mir trotzdem nicht vorstellen, wie diese ganze Bande samt zwei, drei Lehrern sich in ein kleines weißes Steinhaus quetschen sollte, in dem schon Großväter, Großmütter und alte Tanten saßen. Aber die Mädchen waren wild begeistert. Später ging mir auf, daß sie natürlich etwas gewußt hatten, was ich nicht wußte.

»Für das ganze Wochenende?« fragte Mini skeptisch.

Er dachte offenbar das gleiche wie ich.

»Ja, natürlich!« krähten die Mädchen im Chor. »Das wird spitze!«

»Aber, ich meine, hast du denn genug Schlafplätze für uns alle? Für alle zusammen?« fragte Mini vorsichtig. Er hatte ganz offenbar Angst, Hannah zu verletzen, aber er hörte sich trotzdem sehr skeptisch an.

»Ja«, antwortete Hannah. »Das wird schon gehen. Wir haben ja auch noch den Hühnerstall.«

Den Hühnerstall! Es wurde wirklich immer besser!

»Da stecken wir die Lehrer rein«, sagte Fotto mit einem Grinsen.

»Ja, das hab’ ich mir auch überlegt. Das ist sicher die praktischste Lösung«, meinte Hannah, ohne eine Miene zu verziehen.

Ich freute mich auf die Gesichter, die die Lehrer machen würden, wenn sie hörten, daß sie in einem Hühnerstall schlafen sollten. Womöglich legten sie dann Eier!

»Aber ein paar von euch müssen einen Schlafsack mitbringen«, fügte sie fast wie um Entschuldigung bittend hinzu.

Ich glotzte sie überrascht an. Was hatte sie sich denn vorgestellt?

Daß wir den Greisen die Bettdecken klauen würden?

Die Mädchen waren Feuer und Flamme. Sie quasselten alle wild durcheinander, hundert Wörter pro Sekunde, und wir anderen konnten nicht den kleinsten Mucks dazwischenwerfen. Sie planten schon alles in sämtlichen Einzelheiten. Mädchen planen gern – besonders die Details. Sie sind die geborenen Sekretärinnen. Wenn wir dabeigeblieben wären und wenn ich zugehört hätte, wäre ich von Hannahs Haus nicht so überrascht gewesen, aber wir verdrückten uns, als uns aufging, daß wir überflüssig waren. So lief es immer, wenn etwas organisiert werden mußte. Die Mädchen regelten alles, denn sie konnten das viel besser als wir – dachten sie. Im letzten Moment warfen sie uns dann allergnädigst noch ein paar Aufträge an den Kopf, so wie man einer Hundemeute Knochen hinwirft. Zum Beispiel: »Ach, Mini, du sorgst doch für Tischplatten und Böcke?« Oder: »Claus, sei ein Schatz und bring doch bitte zwölf Stühle mit.« Und dann konnte man nur noch dankbar sein, zwölf Stühle an Land ziehen, selbst wenn man sie stehlen mußte, und sie auf den Gepäckträger laden.

Aber diesmal gab es keine Aufträge. Niemand sollte sich um Tische und Stühle kümmern, niemand sollte die Getränke besorgen, niemand sollte überhaupt irgendwas tun. Alles wurde ohne unsere Einmischung geregelt. Von den Mädchen, nahm ich an, oder von unsichtbaren Händen. In Wirklichkeit erledigten Hannah und ihre Ayah alles.

Wir waren siebzehn, als wir freitags am frühen Abend mit einem gemieteten Bus losfuhren. Vierzehn Schüler und drei Lehrer: Palle, Niels Ole und unsere absolut ungenießbare Mathelehrerin Hetty Ibsen. Es waren nur vierzehn Schüler, weil Hannah ja schon draußen war und weil der Stumme Truls sich an nichts beteiligte. Niemand wußte, warum, und niemand interessierte sich dafür. Er war eine Größe für sich, ein Einzelgänger. Lisbeth hatte einmal behauptet, er gehöre irgendeiner Sekte an, aber wir hatten uns geeinigt, daß er einfach bloß verrückt war.

Das Haus war die erste Überraschung, Hannahs Ayah die zweite.

Ich fahre viel Rad, und ich war hier oft vorbeigekommen, aber das Haus hatte ich noch nie gesehen. Es lag verborgen hinter Bäumen und einer mehrere Meter hohen Hecke. Von außen konnte man höchstens ein Stück vom Dach und im Winter etwas Weißes erkennen, das war alles.

Und jetzt lag das Haus plötzlich in all seiner Pracht da, mitten in einem schönen, gepflegten Garten voller Blumen, eine Art angloindischer Bungalow, wie man sie aus Filmen kennt, fast ganz von einer Terrasse umgeben. Es gab ein riesiges Eßzimmer und einen fast genauso großen Wintergarten, der nach Süden schaute, außerdem eine Bibliothek und eine große Diele. Im anderen Flügel lagen vier Schlafzimmer, alle mit Bad, und hinter der Küche hatte die Ayah ihre winzige Wohnung.

Es war das »Sommerhaus« von Hannahs Eltern gewesen. Jetzt wohnte sie das ganze Jahr über hier, und sie mußte sicher ein Vermögen allein für die Heizung blechen.

Hannahs Ayah war eine alte Inderin im Sari, die barfuß im Haus herumlief. In der Stadt hätte sie in dieser Kleidung Aufsehen erregt, aber hier paßte sie gut zu dem indischen Kram und dem vielen Messingzeug, das hier herumstand.

Im Eßzimmer war der Tisch gedeckt, als wir kamen. Was mich am meisten beeindruckte, war, daß es zwölf völlig gleiche Stühle gab. Ich kannte niemanden, der zwölf identische Stühle hatte, nicht einmal Thomas, und dabei war sein Vater Möbelfabrikant.

Die Mädchen hatten, sicher auf ausdrückliche Aufforderung der Lehrer hin, beschlossen, daß wir freitags eine leichte Mahlzeit und nur ein Glas Wein oder Bier bekommen würden, denn schließlich sollten wir an diesem Abend und am Samstagvormittag das kommende Schuljahr planen – in allen Einzelheiten!

Aber schon am Samstagnachmittag nahmen wir Rache dafür, und Samstagabend servierte die Ayah ein Festmahl mit Strömen von Wein, weshalb einige von uns schon vor Mitternacht blau waren. Aber wenn jemand erwartet, daß deshalb etwas Dramatisches passierte, dann wartet dieser Jemand vergeblich. Obwohl das Ganze an diesem Wochenende anfing, geschah nichts, was uns aufgefallen wäre, jedenfalls damals nicht.

Das Wetter war schon seit Tagen ganz phantastisch, wie es im August eben sein kann. Die Dunkelheit umschloß uns warm und samtweich, und darum fand das Fest hauptsächlich im Garten statt. Vielleicht lief deshalb alles ziemlich friedlich ab, aber ich glaube, wie gesagt, auch, daß es etwas mit Hannahs Haus zu tun hatte.

Abgesehen davon, daß alle pausenlos mit und ohne Bekleidung ins Schwimmbecken sprangen, daß Fotto sich übergab und daß die Hollywoodschaukel zusammenbrach und zwei Blumentöpfe umriß, passierte kein Unfall, niemand lief Amok und bearbeitete die kostbaren Teppiche mit dem Rasenmäher oder warf mit den Möbeln um sich.

Ich war nicht blau, ich betrinke mich nie. Deshalb half ich Fotto aufs Klo, als ihm schlecht wurde. Es war harte Arbeit, denn er ist zwar kleiner als ich, aber anderthalbmal so schwer. Er ist um die 1 Meter 80 groß und wiegt hundert Kilo. Er frißt und säuft wie ein Schwein, und zu irgendeinem Zeitpunkt wird ihm immer schlecht. Trotzdem machen wir uns nie über ihn lustig, anscheinend haben wir uns also an ihn gewöhnt. Die einzige Anspielung auf seine Fülle ist sein Name. Fotto bedeutet ursprünglich »fetter Otto«, aber ich glaube, auch daran erinnert sich kaum noch jemand.

Als er seine angeregte Unterhaltung mit der Kloschüssel beendet hatte, schleppte ich ihn in den Wintergarten und ließ ihn auf das helle Ledersofa fallen. Ich zog ihm die Schuhe aus, tippte ihn mit einem Finger an, worauf er umkippte, und deckte ihn zu. Ich hoffte, daß er sich jetzt leergekotzt hatte, denn dem hellen Sofa und den echten Teppichen würden solche Attacken sicher nicht gut bekommen.

Dann suchte ich mir meinen Schlafsack, brachte ihn in den Wintergarten, rollte ihn aus und stellte eine Tischlampe auf den Boden, weil ich noch lesen wollte. Mit einem Buch, das ich in einem Regal in der Bibliothek gefunden hatte, machte ich es mir unter dem Flügel gemütlich.

Die anderen kamen jetzt nach und nach ins Haus und beschlagnahmten die Schlafzimmer – paarweise oder in Gruppen. Irgendwer lärmte immer noch am Schwimmbecken herum, aber ich mochte nicht nach draußen gehen. Ich kann gut darauf verzichten, mit Leuten zusammenzusein, die sternhagelvoll sind.

Ich las, Fotto schnarchte, und nach und nach wurde es fast im ganzen Haus still.

3

Durch Fottos Schnarchen hindurch konnte ich die Uhr auf dem Kaminsims die Sekunden verticken hören. Es hörte sich an wie eine alte Jungfer, die eifrig, aber völlig sinnlos die Nacht in kleine Scheibchen schnitt. Schnipp-schnapp, schnipp-schnapp.

Jetzt räusperte die Uhr sich leise, zögerte kurz und schlug dann. Ich zählte die Schläge. Sechs. Unwillkürlich schaute ich auf meine Uhr, eine Rolex, die mein Vater mir zur Konfirmation geschenkt hatte. Wahrscheinlich hatte er sie in irgendeiner obskuren Kneipe billig erstanden, aber die Uhr war in Ordnung, sie ging auf die Sekunde genau, wie auch die Uhr auf dem Kaminsims. Natürlich. Es war unvorstellbar, daß in Hannahs Haus irgend etwas nicht ordnungsgemäß funktionierte.

Ich drehte mich mühselig um. Ich lag nun schon seit vier Stunden hier unter dem Flügel und fühlte mich am ganzen Körper wie gerädert. Außer Lisbeth hatte mich niemand gestört. Sie hatte mehrfach hereingeschaut, um zu fragen, ob ich ihre Zigaretten gesehen hätte. Jedesmal hatte ich schon lange vorher ihre Klagerufe gehört: »Wer zum Henker hat meine Kippen geklaut? Wer zum Henker hat meine Kippen geklaut?«

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