Gauklersommer - Joe R. Lansdale - E-Book

Gauklersommer E-Book

Joe R. Lansdale

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Beschreibung

Beruflich und persönlich gescheitert kehrt Cason Statler, Veteran des ersten Irak-Kriegs und einst vielversprechender Journalist, als menschliches Wrack in seine Heimatstadt Camp Rapture zurück. Er trinkt zu viel, kann sich nicht damit abfinden, dass ihm seine Freundin den Laufpass gegeben hat, und versinkt in Selbstmitleid. Um wieder auf die Beine zu kommen, tritt er bei der Lokalzeitung eine Stelle als Kolumnist an. In den alten Notizen seiner Vorgängerin stolpert er über den unaufgeklärten Fall einer Studentin, die im Jahr zuvor spurlos verschwunden ist. Statler sieht die Chance, sich wieder einen Namen zu machen, und greift die Geschichte auf. Doch damit sticht er in ein Wespennest ...

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Seitenzahl: 473

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Joe R. Lansdale

GAUKLERSOMMER

Roman

Deutsch von Richard Betzenbichler

Impressum

Leather Maiden

Die Originalausgabe ist 2008 bei Alfred A. Knopf erschienen.

Bei Gauklersommer handelt es sich um den inoffiziellen zehnten Band der

Reihe FUNNYCRIMES (herausgegeben von Richard Betzenbichler)

© 2008 by Joe R. Lansdale • Mit freundlicher Genehmigung des Autors

© dieser Ausgabe 2011 by Golkonda Verlag • Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Katrin Mrugalla

Redaktion: Hannes Riffel &  Heinz Scheffelmeier

Korrektur: Robert Schekulin & Dietmar Artmann

Gestaltung: s.BENeš [www.benswerk.de]

Satz: Hardy Kettlitz

EPUB: Karlheinz Schlögl

GOLKONDA VERLAG

Hannes Riffel

Charlottenstraße 36

12683 Berlin

Kontakt: g[email protected]

www.golkonda-verlag.de

ISBN: 978-3-942396-33-2 (eBook)

Juli 2011

Für Keith, den genialen Spürhund

Das Leben ist voller Löcher. Die Kunst ist,

VORSPIEL

1

An dem Ort, an dem man aufgewachsen ist, entgehen einem – vor allem, wenn man eine schöne Kindheit hatte – viele unschöne Dinge, die unter der Oberfläche krabbeln und zappeln wie hungrige Würmer in verdorbenem Fleisch. Aber sie sind da. Manchmal muss man graben, um sie zu finden, oder seinen Kopf in die richtige Richtung neigen, um sie zu sehen. Aber da sind sie ganz gewiss, und zu diesen zappelnden Dingen können Erpressung, Verstümmelung und Mord gehören. Und ich habe am eigenen Leibe erfahren, dass dies so ist.

An dem Tag jedoch, an dem ich in meine Heimatstadt zurückkehrte, gab es keinerlei Anzeichen dafür, dass sich unter der Oberfläche etwas regte, außer man rechnete meinen Kopf dazu, der unentwegt nervös hin- und herzuzucken schien. Ich erholte mich erst allmählich von einem Besäufnis mit billigem Fusel, und mein Schädel fühlte sich an, als hätte ihn sich jemand ausgeborgt, um damit ein paar Bahnen Bowling zu spielen.

Während ich, über die Bahngleise und an der Hundefutterfabrik vorbei, durch Camp Rapture fuhr, schwor ich mir, mich nie wieder zu betrinken. Aber das hatte ich mir schon öfter vorgenommen.

Es war ein herrlicher Tag. Der Sonnenschein ergoss sich wie geplatzter Eidotter über Bürgersteige und Gärten, wo er mit seiner heißen Pracht das Gras beinahe wegzubrennen schien. Alles wirkte warm und frisch, selbst die Häuser im ärmeren Teil der Stadt, deren uralter, weißer Außenanstrich sich schälte wie bei einem Sonnenbrand.

Ich kniff die Augen zusammen, um das helle Sommerlicht ein wenig auszublenden, gondelte ziellos vor mich hin, bremste vor Gabbys Tierarztpraxis ab, versuchte, mir den Hals beim Gaffen nicht allzu sehr zu verrenken, und fuhr dann weiter. Schließlich stand ich vor dem Camp Rapture Report, dem Lokalblatt, stieg aus, stellte mich neben meinen betagten Wagen, sah mich um und hoffte, diesmal würde alles besser laufen.

Am Vorabend, nachdem ich Hootie Hoot, Oklahoma, samt Booger, meinem verrückten Kumpel aus dem Irakkrieg, hinter mir gelassen hatte, war ich von Houston herübergefahren. Allerdings war ich nur bis zu einer Bar gekommen und später dann zu einem Motel draußen vor der Stadt, wo ich mich vor dem Fernseher bis zur Besinnungslosigkeit besoffen und mir dabei wer weiß was angeschaut hatte. Ob eine Sendung, wie man Traktoren repariert oder wie man sich selbst das Hirn rausamputiert – keinen blassen Schimmer.

Am nächsten Morgen wachte ich mit dem Gefühl auf, in meinem Mund sei etwas verendet und irgendetwas anderes sei mir den Arsch hinaufgekrabbelt. Ich duschte, putzte mir das tote Ding aus dem Mund und beschloss, mit dem Eindringling im Arsch einfach weiterzuleben, was auch immer das sein mochte. Anschließend fuhr ich zu meinem Bewerbungsgespräch beim Camp Rapture Report.

Während ich so neben meinem Auto stand und in der Spätsommerhitze schwitzte wie ein Menschenaffe im Norwegerpulli, sog ich tief die heiße Luft ein. Ich vergewisserte mich, dass mein Hosenstall auch ja nicht offen stand, und untersuchte für alle Fälle meine Schuhsohlen nach Hundedreck. Schließlich marschierte ich den Bürgersteig entlang, vorbei an Sträuchern, an deren Blüten ganze Schwärme von Bienen summten und deren Geruch mir den Magen umdrehte, und ging hinein.

Der Report machte einen ziemlich altmodischen Eindruck. Man kam sich vor, als trügen die Reporter hier noch Filzhüte mit dem Presseausweis im Hutband, während die Reporterinnen Kaugummi kauten, hellroten Lippenstift aufgetragen hatten und bissige Dialoge zum Besten gaben.

Am Empfang wurde ich von einer süßen Blondine begrüßt. Lächelnd zeigte sie mir ihre Zahnspangen. Sie dürfte so Mitte Zwanzig gewesen sein, wahrscheinlich sogar ein wenig älter, eher so alt wie ich. Aber ihre Spangen und die Haare, die zu kurz und außerdem ungleichmäßig geschnitten waren, ließen sie in Verbindung mit den Sommersprossen, die ihre errötenden Wangen zierten, aussehen wie ein fesches Schulmädchen in den 50er Jahren, das man unter einer riesigen Lupe betrachtete.

»Guten Tag, Mr Statler«, sagte sie.

»Sie kennen mich?«

»Wir sind zusammen zur Schule gegangen.«

»Tatsächlich?«

»Belinda Hickam. Ich war eine Klasse unter Ihnen. Sie waren im Journalisten-Klub und haben für die Highschool-Zeitung geschrieben. Ich glaube über Schach.«

»Über Schach habe ich nur einen einzigen Artikel verfasst.«

»Dann habe ich den wohl gelesen. Man hat Sie eingestellt, um eine Kolumne zu schreiben, stimmt’s?«

»Noch bin ich nicht eingestellt.«

»Na ja, ich bin da jetzt einfach mal optimistisch. Mrs Timpson erwartet Sie schon.«

»Wo muss ich denn lang?«

Sie zeigte auf einen Vorraum, in dem ein Haufen Kartons stapelten, und empfahl mir, in diese Richtung zu gehen. Sie würde Mrs Timpson Bescheid geben, dass ich unterwegs sei.

»Irgendwelche Tipps?«

»Behalten Sie Ihre Hände und Füße auf der Besucherseite des Schreibtischs, machen Sie keine plötzlichen Bewegungen und vermeiden Sie jeden direkten Blickkontakt.«

2

Ich umkurvte einige Kartonstapel und ein paar Stühle und trat in den hinteren Teil des Vorraums, wo nur ein wenig Licht durch die Milchglasscheibe einer Tür drang, auf der mit einer Schablone in schwarzen Buchstaben der Name MRS MARGOT TIMPSON, CHEFREDAKTION geschrieben stand.

Vorsichtig klopfte ich an, und eine Stimme, die im Schreien offenbar gut geübt war, bat mich einzutreten.

Mrs Timpson saß hinter ihrem Schreibtisch, hatte ihren Bürosessel allerdings ein Stück nach hinten geschoben und musterte mich eingehend. Ihr Haar war an den Seiten zu rot und an den kahleren Stellen zu rosa. Ihr Gesicht war von tiefen Furchen durchzogen, die sie mit billigem Puder übertüncht hatte, wie Sand auf der Sphinx. Ihre Brüste hatten es sich in ihrem Schoß bequem gemacht; sie schienen erst kürzlich verstorben zu sein, sodass sie noch keine Gelegenheit gehabt hatte, sie zu entsorgen. Ihr Alter schätzte ich auf irgendwo zwischen achtzig und jener Zeit, als das Feuer entdeckt worden war.

»Setzen Sie sich«, sagte sie. Während des Sprechens bewegte sich ihr Gebiss, als wären die Zähne auf der Suche nach einem Fluchtweg.

Ich nahm auf dem einzigen Stuhl Platz und schaute so intelligent drein, wie es eben geht, wenn man noch damit beschäftigt ist, Jim Beam und viel zu viel kaltes Bier abzubauen.

»Sie sehen aus, als hätten Sie getrunken.«

»Gestern Abend. Auf einer Party.«

»Ich habe gehört, dass Sie ein Alkoholproblem haben.«

»Von wem hätten Sie denn so was hören sollen?«

»Vom Besitzer des Fat Billy Saloons. Mein Mann. Sie wissen schon, dieses miese Drecksloch direkt außerhalb der Stadt.«

»Ich habe was getrunken, aber ich bin kein Säufer.«

»Sagten Sie nicht, Sie wären auf einer Party gewesen?«

»Auf einer Ein-Mann-Party. Kommt nicht oft vor. Ich hab mir nur ein paar zu viel hinter die Binde gegossen. Wenn Ihnen eine Bar gehört, dann wissen Sie ja, wie das ist. Hin und wieder trinkt man eben mehr, als man sollte.«

»Die Bar gehört meinem Mann.« Mit der Oberlippe fing sie ihre Zähne wieder ein, die sich etwas zu weit vorgewagt hatten. »Wir leben getrennt. Schon seit zwanzig Jahren. Wir haben es nur nie geschafft, uns scheiden zu lassen. Wir kommen auch ganz gut miteinander aus, solange wir nicht zusammenwohnen und uns nicht zu oft sehen oder sonst irgendwie miteinander kommunizieren. Aber er hat mich angerufen und mir von Ihnen erzählt. Natürlich hat er Sie erkannt, und er wusste, dass Sie hier bei der Zeitung eine Stelle wollen. Sie haben es zwischen den Drinks wohl öfter mal erwähnt.«

»Wahrscheinlich war ich ein bisschen nervös.«

»Er hat gesagt, Sie hätten früher Football gespielt, als Quarterback bei den Bulldogs. Ich habe nachgeschaut. Die meisten Spiele haben Sie verloren, oder?«

»Aber ich habe ein paar gute Pässe geworfen. Ich glaube, ich halte immer noch den Highschool-Rekord.«

»Nein, der wurde vor zwei Jahren von diesem Johnson-Jungen eingestellt. Wie heißt der gleich wieder? Scheiße. Fällt mir jetzt nicht ein. Aber er hat Sie übertrumpft. Ein Farbiger.«

Ein »Farbiger«?, dachte ich bei mir. Den Ausdruck hatte ich schon lange nicht mehr gehört.

»Haben Sie gedient?«

»Ich habe mich für Afghanistan verpflichtet, nachdem die Türme eingestürzt sind. Ich war auch dort, bin am Schluss aber im Irak gelandet. Irgendwie hatte ich den Eindruck, über den Tisch gezogen worden zu sein.«

»Ihnen ist von da unten doch nichts geblieben, oder?«

»Nein«, erwiderte ich. »Aber die ganze Geschichte hat bei mir ein Gefühl hinterlassen, als sei ich erst zu einem Rendezvous eingeladen und danach mit dem Taxigeld und einem Klaps auf den Hintern nach Hause geschickt worden.«

Timpson verzog den Mund und sah mich aus wässrigen Augen an. »Das war ein Scherz, oder?«

»Ja, Ma’am.«

»Ich wollte bloß sichergehen.« Sie drehte ihren Stuhl und betrachtete mich aus einem anderen Winkel. »Wenn ich Sie einstelle, müssen Sie nicht die ganze Zeit hinter einem Schreibtisch am Sessel kleben, aber ich hätte schon gern den Eindruck, dass Sie was arbeiten. Dass Ihre Zeit meine Zeit ist, und dass meine Zeit mir gehört. Sie wissen, dass der Job nicht besonders gut bezahlt ist?«

»Es ist ein Anfang. Ich kann mich ja hocharbeiten.«

»Mann, Sie sind schon fast an der Decke, mein Junge. Der Punkt ist der: Sie kommen sozusagen von einem Wolkenkratzer runter. Sie hatten einen tollen Job in Houston und waren für den Pulitzer nominiert. Worum ging’s da noch mal? Um irgendeinen Mord?«

»Stimmt. Dass ich nominiert wurde, war Glück.«

»Habe ich mir fast gedacht. Trotzdem haben Sie die Stelle in Houston aufgegeben.«

»Ich bin für eine Weile hierher zurückgekommen, und danach bin ich zur Armee gegangen.«

»Könnte es einen bestimmten Grund geben, dass Sie so plötzlich in Houston gekündigt haben? Was hatten Sie denn für ein Problem?«

»Mein Vorgesetzter und ich sind nicht miteinander ausgekommen.«

»Weil Sie getrunken haben?«

»Nein, Ma’am.«

»Ihnen ist klar, dass ich ihn einfach anrufen und fragen kann?«

»Sie können ihn ruhig anrufen. Zum Thema Trinken wird er Ihnen nicht viel sagen. Aber ganz egal, was er Ihnen erzählt, ich bezweifle stark, dass es was Nettes ist, selbst nach all den Jahren. Er kann mich nicht ausstehen.«

»Sie können ehrlich zu mir sein. Nichts, was Sie mir erzählen, könnte mich noch in Verlegenheit bringen oder gar schockieren.«

»Ich habe seine Frau gebumst. Und seine Stieftochter. Die Tochter war übrigens dreißig, die Mutter achtundvierzig.«

»Also keine Teenager mehr?«

»Nein, Ma’am.«

»Und ich nehme mal an, Ihre Taktlosigkeiten haben den Hund der Familie nicht mit eingeschlossen.«

»Nein, Ma’am. Irgendwo muss man eine Grenze ziehen.«

»Sie halten sich vermutlich für was Besonderes, habe ich recht, mein Junge?«

»Damals schon.«

Mrs Timpson biss sich auf die Lippen. »Gehen Sie raus und sagen Sie Beverley – das ist die Frau am Empfang – ...«

»Wir haben uns schon kennengelernt«, unterbrach ich sie. »Aber ich glaube, sie heißt Belinda.«

»Sie soll Ihnen Ihren Schreibtisch zeigen. Für eine Zeitung arbeiten ist wie Fahrradfahren oder Sex, würde ich sagen. Wenn man’s mal gemacht hat, verlernt man’s nicht. Aber von einem Rad kann man runterfallen, und beim Sex kann man zu früh kommen. Erfahrung allein reicht also nicht. Gesunder Menschenverstand gehört auch dazu.«

»Ich werd’s mir merken.«

»Hoffentlich. Viele pulitzerpreisverdächtige Themen werden Ihnen hier allerdings nicht über den Weg laufen. Das letzte annähernd Aufregende, das wir in unserem Blatt hatten – abgesehen von den Weltnachrichten –, war ein tollwütiger Waschbär im Garten-Center des Wal-Mart vorige Woche. Der hat einen der Lagerarbeiter rumgescheucht, und man musste ihn erschießen.«

»Den Lagerarbeiter oder den Waschbär?«

»Schon wieder dieser Sinn für Humor.«

»Ja, Ma’am. Aber damit ist mein Vorrat erschöpft. Versprochen.«

»Gut. Sie werden für uns eine Kolumne verfassen. Diesen Posten wollten Sie doch, oder?«

»Ja, Ma’am.

»Vielleicht war’s auch ein Stinktier.«

»Wie bitte?«

»Das Tier im Wal-Mart. Wenn ich so darüber nachdenke ... Es war ein Stinktier, kein Waschbär ... Zu Ihrer Kolumne. Die ist für die Sonntagsbeilage. Sie werden die meiste Zeit außerhalb der Redaktion verbringen, aber einen Schreibtisch bekommen Sie. Trotzdem will ich regelmäßig was von Ihnen hören. Schnuppern Sie heute einfach mal rein. Wenn Sie keine Lust mehr haben, können Sie jederzeit gehen. Morgen, Punkt neun, werfen wir Sie ins kalte Wasser.«

Ich stand auf, lächelte und wollte ihr die Hand schütteln. Sie winkte nur ab. Ich ging zur Tür.

»Varnell Johnson«, sagte sie.

Ich drehte mich um. »Ma’am?«

»So hieß der farbige Junge – der Ihren Rekord eingestellt hat. Werfen konnte der wie ein Katapult, und rennen wie ein verfluchter Damhirsch.«

3

Als ich aus Timpsons Büro kam, winkte mich einer der Reporter an den nur spärlich besetzten Schreibtischen, ein etwa fünfundzwanzigjähriger Schwarzer in einem hellgelben Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln, zu sich hinüber, als würde der Präsident einen Lakai herbeizitieren. Ich ging dennoch rüber und trat vor seinen Schreibtisch. Er stand auf und stieß den Stuhl beiseite. Er war klein und breitschultrig, hatte sich die Haare kurz geschnitten und nur ein paar krause Strähnen stehen lassen. Wir schüttelten einander die Hände. Sein Handschlag wirkte nicht übertrieben energisch, aber er packte kräftig und entschlossen zu, als handle es sich mehr um einen Wettstreit als um eine Begrüßung.

»Cason Statler«, stellte ich mich vor.

»Ich weiß, wer Sie sind. Ich heiße Oswald, wie der Kerl, der Kennedy erschossen hat.«

»Freut mich, Oswald.«

»Wie ist es denn da drin gelaufen?«, fragte er.

»Ich gehöre zur Mannschaft.«

»Von wegen Mannschaft! Glauben Sie mir, hier ist jeder auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Jede Schwäche wird eiskalt ausgenutzt. Hören Sie, ich weiß, dass Timpson alt und mürrisch und ziemlich aus der Mode zu sein scheint, aber eins will ich Ihnen sagen: Sie scheint nicht nur so, sie ist es auch.«

»Wir hatten gerade einen besonders kernigen Gedankenaustausch über Farbige.«

Er grinste mich an, und diesmal wirkte es ehrlich. »Willkommen im Jahr 1959.«

»Na ja, ich stamme von hier, und ich würde die Stadt eher in den späten 70ern ansiedeln. Machen Sie sie also nicht schlechter, als sie ist.«

»Wenn Sie meinen«, erwiderte Oswald. »Ich bin erst letztes Jahr hergezogen.«

»Warum?«

»Das frage ich mich auch jeden Tag. Aber die Leute reden immer davon, wie schön es hier doch war in der guten, alten Zeit. Für Schwarze allerdings wohl weniger.«

»Ach, ich weiß nicht. Wären Sie etwa nicht gerne nach einem harten Tag bei der Baumwollernte nach Hause gekommen – nach Hause in Ihre Hütte irgendwo auf der Plantage eines Weißen, um ein paar Negerspirituals zu singen? So zur Entspannung, damit die Peitschenhiebe besser abheilen?«

Das entlockte ihm dann doch ein Kichern. »Geerntet habe ich noch nicht mal ein paar Lorbeeren. Ich habe gehört, Sie waren beim Militär.«

»Das ist schon eine Weile her. Ich hatte einen Unfall, da mussten sie mich ausmustern.«

»Jetzt sehen Sie wieder prima aus.« Er sagte das in einem Ton, als wäre ich gar nicht verletzt gewesen.

»Damals war’s schlimm. Aber ich habe mich schneller erholt, als sie erwartet hatten. Das habe ich denen allerdings nicht auf die Nase gebunden.«

»Ich habe gehört, man hätte Ihnen ein paar Orden angeheftet.«

»Die haben sie damals mit der Gießkanne verteilt«, sagte ich. »Bis dann, Oswald.«

Ich sah, wie Belinda den Telefonhörer auflegte, und als ich mich von Oswald abwandte, stand sie auf und fing mich ab.

»Das war gerade Mrs Timpson. Ich soll Ihnen Ihren Schreibtisch zeigen.«

Sie führte mich hinüber, und ich war chauvinistisch genug, sie mir beim Gehen anzuschauen und zu dem Schluss zu gelangen, dass sie wirklich mehr als nur niedlich war. Sie sah einfach klasse aus. Frisur und Make-up waren nicht ganz auf dem neuesten Stand, dafür kleidete sie sich gut. Vor allem ihr Rock saß perfekt, gerade so eng, dass man die Welt wenigstens ein paar Augenblicke lang für einen glücklichen Ort halten konnte.

»Das ist er«, sagte sie.

Der Schreibtisch sah aus wie alle anderen auch. Obendrauf stand ein Computer, und in der Mitte und an den Seiten waren Schubladen. Ich zog sie auf. Die an der Seite waren leer. In der mittleren waren Stifte, Büroklammern und eine halbe Packung Winterfresh-Kaugummi. Ich nahm mir einen Streifen, wickelte ihn aus und schob ihn mir in den Mund. Als würde man ein Heftpflaster kauen.

Belinda ließ ihre Spangen sehen. »Und, schmeckt’s?«

Ich nahm den Kaugummi aus dem Mund, wickelte ihn wieder ein und warf ihn in den Papierkorb. »Nicht so besonders.«

»Die liegen schon hier, seit man die Dinger erfunden hat.«

»Das glaube ich sofort.«

»Na, wie hat Ihnen denn unsere furchtlose Herausgeberin gefallen?«, fragte Belinda.

»Sehr farbig.«

Belinda entblößte ihre sämtlichen Spangen. »So würden die anderen hier sie nicht beschreiben.«

»Nein?«

»Nein.« Sie blickte nach hinten zu Oswald, der wieder hinter seinem Schreibtisch Platz genommen hatte. »Und wie steht’s mit dem Mörder von John F. Kennedy?«

»Ich weiß noch nicht so recht, ob er nur leicht reizbar ist oder einfach ein Arschloch.«

Sie lächelte wieder. »Tja, genau genommen, Cason, ist er ein leicht reizbares Arschloch.«

Bei einem kleinen Rundgang durch die Büros lernte ich einige Reporter und Leute aus der Anzeigenabteilung kennen. Es hieß, gerade seien viele Kollegen dienstlich unterwegs. Die könne ich dann später kennenlernen. Ein paar Leuten versprach ich, mit ihnen gelegentlich zum Mittagessen zu gehen, danach kehrte ich an meinen Schreibtisch zurück, setzte mich und schob einen Stift hin und her.

So gut wie mein Arbeitsplatz in Houston war der hier nicht. Auch die Zeitung war nicht so gut. Sogar der Stift war billig. Aber hier war ich nun mal. Ich hatte dermaßen viel vermasselt, dass ich mehr nicht verlangen konnte. Gerade als ich völlig in Selbstmitleid zu versinken drohte, kam Oswald, das leicht reizbare Arschloch, zu mir herüber. Ich hatte schon gehofft, für heute wären wir beide durch. Pech gehabt.

»Timpson hat mich eben angerufen«, sagte er. »Ich soll Ihnen ein bisschen auf die Sprünge helfen.«

»Nur zu. Solange es nicht im Dreieck ist.«

»Also, Francine, die bisherige Kolumnistin, hatte einen Haufen Ideen, an denen sie gearbeitet hat, und Timpson ist der Meinung, Sie sollten das Zeug mal durchsehen. Vielleicht ist ja was Brauchbares dabei, womit Sie gleich loslegen können. Dann brauchen Sie sich nicht selbst was aus den Fingern zu saugen. Sie müssen nichts davon verwenden, aber sie hat mir gesagt, ich soll Ihnen ausrichten, mal einen Blick darauf zu werfen ... Wissen Sie, eigentlich wollte ich diesen Job haben.«

»Den Verdacht hatte ich auch schon«, sagte ich.

»Aber nein, ein prominenter Name war ihr wichtiger. Sie hat geglaubt, es wäre gute Werbung, wenn sie jemanden bekäme, der schon mal für den Pulitzer nominiert war.«

»Wenn es Sie tröstet: Eine Nominierung treibt einen fast in den Wahnsinn.«

»Nein, das tröstet mich nicht. Ich bin es gewohnt, die Arschkarte zu ziehen.«

»Ich hoffe, Sie glauben nicht, das hätte was mit Ihrer Hautfarbe zu tun, denn wenn Sie das denken, muss ich Ihnen ganz ehrlich, in bester Absicht und aus tiefster Überzeugung sagen: Jemand hat Ihnen ins Hirn geschissen.«

Oswald setzte sich auf den Rand meines Schreibtischs. »Das weiß ich schon. Ich bin eben einer von denen, die auf der Welt sind, um verarscht zu werden. Ich mag deshalb ein wenig verbittert sein, aber natürlich habe ich mir meinen leichten, bezaubernden Sinn für Humor erhalten.«

»Der Meinung sind Sie tatsächlich?«

Oswald nickte. »Ich glaube, dass manche Leute mit einer Zielscheibe auf dem Hintern zur Welt kommen, und genau in der Mitte ist ein Schlitz mit einem kleinen Schild darüber, auf dem steht: Schwanz bitte hier reinschieben.«

»Schauen Sie immer in beide Richtungen, bevor Sie über die Straße gehen?«

»Ich weiß schon, was jetzt kommt«, sagte Oswald.

»Das können Sie sagen, wenn Sie in beide Richtungen schauen. Und? Tun Sie’s?«

»Natürlich.«

»Dann glauben Sie auch, dass Ihr Schicksal zumindest teilweise in Ihren eigenen Händen liegt, sonst wäre es Ihnen egal, ob Sie als Verzierung auf einer Motorhaube landen. Schicksal eben. Deshalb schlage ich vor, Sie entfernen die Zielscheibe von Ihrem Arsch.« Oswald sah mich verärgert an. »Wechseln wir lieber das Thema«, fuhr ich fort. »Was ist denn mit Francine?«

»Entweder sie wurde gefeuert, oder sie ist gestorben. Das weiß ich nicht mehr so genau. Spielt das eine Rolle?«

»Vermutlich nicht. Wo hat sich Francine denn ihre Ideen notiert?«

Oswald tätschelte meinen Computer. »In dieser Maschine. Francines Zugangscode und alle sonstigen Informationen stehen auf einem Notizblock in der Schublade. So, meine Pflicht habe ich erfüllt, ich mache mich wieder an meine Arbeit.«

Das leicht reizbare Arschloch schlenderte zu seinem Schreibtisch zurück. Wenn ich mir überlegte, was er so geredet hatte, sprach aus Oswald wohl weniger Ehrgeiz als vielmehr das Gefühl, er hätte einen Anspruch auf den Job gehabt. Im Grunde genommen war sein größter Ehrgeiz wahrscheinlich der, seinem Hund beizubringen, sich Erdnussbutter von den Eiern zu lecken.

In der Schublade entdeckte ich einen kleinen Block mit allen Informationen, die ich brauchte, und machte mich an die Arbeit. Die meisten Sachen, die Francine sich notiert hatte, waren in etwa so aufregend wie Achselhaare zählen, zum Beispiel ein kurz gefasster Bericht über die Zutaten für Snickers-Kuchen (die Hauptzutaten waren die Snickers selbst und jede Menge Butter). Mich wunderte, dass man dem Rezept nicht gleich das Formular einer Sterbeversicherung beigelegt hatte. Andere Aufzeichnungen beschäftigten sich mit Blumengestecken oder mit der Frage, wie man Flecken aus so gut wie allem rausbringt. Nichts, was mich auf den ersten Blick so richtig packte, aber ich blieb hartnäckig.

Dann, plötzlich, stieß ich auf etwas. Ein sechs Monate altes Rätsel.

Caroline Allison. Eine Studentin. Hauptfach Geschichte. Alter: dreiundzwanzig. Sie verschwand während einer Fahrt spät in der Nacht zu einem Fast-Food-Restaurant, Taco Bell. Eine Woche später fand man ihren Wagen unmittelbar außerhalb der Stadt, nicht weit vom alten Bahnhof, unterhalb des Siegel-Hauses. Ein unheimlicher Ort, um zu verschwinden.

Das Siegel-Haus war schon seit Jahren so etwas wie eine Legende. Es hatte zwei Schwestern gehört, die, so geht die Sage, in den 20er Jahren einiges Ansehen genossen haben sollen. Damals waren sie noch Teenager. Dann kam die große Wirtschaftskrise, und ihre Familie verlor viel Geld, weil die Aktien in den Keller sausten. Als die Schwestern dann die fünfzig überschritten hatten, starben ihre Eltern, und die Damen hatten keine Ahnung, wovon sie künftig leben sollten. Schon bald sah man sie in Mülltonnen wühlen, und da sie keine Almosen annahmen, taten ihnen die Leute Essen in die Tonnen. Schließlich verkauften die beiden das Haus und bezogen das Obergeschoss eines anderen Hauses. Als es dann dort brannte, lehnte die Feuerwehr Leitern an die Mauer, aber die Frauen, beide inzwischen schon über sechzig, trugen Nachthemden und wollten nicht aus dem Fenster klettern. So etwas machte eine Dame einfach nicht. Stattdessen brannten sie wie Baumwolldochte. Todesursachen: Feuer und Sittsamkeit.

Das Haus, in dem die Schwestern ursprünglich gewohnt hatten, hatte zwar jemand gekauft, aber nichts damit gemacht. Es blieb verlassen, oben auf einem bewaldeten Hügel, der Garten eine rund ein Meter hohe Ansammlung von Grünzeug. Das Haus wurde von Weinranken praktisch verschlungen, bis das ganze Ding aussah wie ein riesiger Pflanzenklotz mit ein paar rechteckigen Glasaugen.

Als Kinder hatten Jimmy und ich oft da oben gespielt, und später parkten wir hinter dem Gebäude, wenn wir mit Mädchen unterwegs waren.

War Caroline dort, in der Nähe des alten Hauses, auch mit jemandem zusammen gewesen? War die Geschichte aus dem Ruder gelaufen?

Hatte jemand ihren Wagen dorthin gefahren, abgestellt und war zu Fuß wieder verschwunden? Hatte dieser Jemand einen Komplizen?

Ich ging Francines Notizen weiter durch. Carolines Fast-Food-Bestellung hatte man unangetastet im Auto gefunden. Ihre Schuhe ebenfalls. Der alte Bahnhof war ebenso durchsucht worden wie das Haus. Die Kletterpflanzen hatte man abgemäht, um nachzusehen, ob vielleicht eine Leiche darunter lag. Nichts.

Ich scrollte ein bisschen weiter.

Informationen über Caroline, über ihre Vergangenheit. Sie war als Pflegekind großgezogen worden. Den Informationen zufolge, die Francine gesammelt hatte, war sie ein helles Köpfchen gewesen, so hell wie eine Atomexplosion. Francine hatte tatsächlich eine Menge akribischer Aufzeichnungen zusammengetragen. Vielleicht hatten Snickers-Kuchen und Blumen in einer Vase sie irgendwann gelangweilt, und sie hatte geglaubt, sie wäre da auf etwas gestoßen.

Kein Mensch konnte sich auch nur einen einzigen Grund vorstellen, warum jemand Caroline hätte wehtun wollen. Mit dem Gesetz war sie nur einmal in Konflikt gekommen, als sie aus irgendwelchen Gründen die Strafgebühren der Bücherei wegen Überziehung der Ausleihfrist nicht hatte zahlen wollen. Das Buch war von Jerzy Fitzgerald und hieß And the Light Is Bright Glancing Off the Fangs of the Bear.

Francine hatte ein Mädchen aufgetrieben, das sie ziemlich gut gekannt hatte, Ronnie Fisher. Ronnie hatte ihr erzählt, sie habe Caroline schon aus ihrer Heimatstadt gekannt, sie seien bei denselben Pflegeeltern gewesen und etwa zur gleichen Zeit nach Camp Rapture gezogen.

Ich lehnte mich zurück und überlegte, ob ich für die Zeitung eine Folge von Kolumnen über ihr Verschwinden schreiben sollte. Über das trügerische Gefühl von Sicherheit in einer Kleinstadt. Darauf aufbauend könnte ich anschließend einen etwas anspruchsvolleren Artikel verfassen, mit zusätzlichem Material, das ich für das Lokalblatt nicht verwenden würde. Ich könnte Leute interviewen, die sie gekannt hatten, dazu ein paar Aufnahmen vom Auto und von der Taco-Bell-Tüte aus den Akten sowie ein Foto der jungen Frau dazu liefern. Das Ganze könnte ich dann einer Zeitschrift wie Texas Monthly schicken. Da hatte ich ein paar Kontakte. Die Pulitzer-Nominierung hatte immer noch einiges Gewicht. Wie ein Typ, der um den Super Bowl gespielt und einen Pass verfehlt hat, aber mitgespielt hat er dennoch. Wahrscheinlich würde ich den Artikel irgendwo unterbringen.

Wenn ich das Ganze schlau anging, dafür sorgte, dass die richtigen Leute ihn zu Gesicht bekamen, könnte dies vielleicht die Gelegenheit sein, wieder in der Oberliga mitzuspielen. Dort war ich schon mal gewesen, bis mein kleiner Kopf vom größeren das Denken übernommen hatte. Warum sollte ich es nicht wieder schaffen?

Als ich schließlich hinausging, waren die Bienen immer noch fleißig, und die Blumen rochen immer noch so stark, dass mein Magen rumorte. Aber jetzt hatte ich Arbeit, und ich war mir ziemlich sicher, dass an meinen Schuhen noch kein Hundekot klebte und dass sich aus dieser Geschichte über Caroline Allison eine Riesenstory machen ließe, und deshalb war das Leben jetzt nicht mehr ganz so beschissen.

Eine Zeit lang dachte ich über Caroline Allison nach, dann holte ich mein Handy aus der Tasche, rief meine Eltern an und sagte ihnen, mit dem Job hätte es geklappt, worüber sie sich pflichtschuldigst freuten. Am liebsten hätte ich noch jemanden angerufen, aber ich kannte ja eigentlich niemanden hier. Meinen Bruder und seine Frau vielleicht. Aber Jimmy war bei der Arbeit, außerdem hatte ich die beiden schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen, und darauf musste ich mich innerlich erst noch vorbereiten.

Dann war da noch Booger. Keine Ahnung, warum er mir in den Sinn kam. Eigentlich wollte ich mit ihm nichts mehr zu tun haben und alles vergessen, was mich an den Krieg erinnerte. Aber ich wusste auch, dass er sich freuen würde, wenn er hörte, wie es mir ergangen war, auch wenn er die Auffassung vertrat, für eine Zeitung zu schreiben sei für einen erwachsenen Mann eine eher merkwürdige Beschäftigung. Booger war der Ansicht, Männer würden in die Welt gesetzt, um herauszufinden, ob sie Herrscher oder Sklaven waren, und um Fleisch zu essen, besonders Brathühnchen in allen Varianten. Frauen mochte er schon auch, aber die kamen erst an dritter Stelle. Und mit Gefühlen hatte das für ihn rein gar nichts zu tun, dabei ging es nur um Dienstleistungen.

Wen ich wirklich gern angerufen hätte, war Gabby. Und sicher nicht wegen des Jobs. Ich wollte bloß ihre Stimme hören. Ich fuhr zur Tierarztpraxis. Ihr Auto war da. Dasselbe, das sie schon hatte, als ich nach Afghanistan ging. Außerdem parkten dort noch zwei andere Wagen und ein Pick-up. Hinten auf dem Laster befand sich in einem Käfig ein großer schwarzer Hund, ein Mischling. Eine Frau, die aussah, als würde sie gegen Alligatoren kämpfen, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, ließ den Hund gerade raus und legte ihm eine Leine um den Hals.

4

Ich fuhr rüber zum Haus meiner Eltern, parkte am Straßenrand, blieb im Wagen sitzen und sah mich um. An der Grenze zum Nachbargrundstück stand ein neuer weißer Holzzaun, kerzengerade und frisch gestrichen. Deshalb wusste ich, dass ihn mein Vater errichtet hatte. Die Ranken, die über die ganze Länge an Drähten emporwuchsen, waren eindeutig das Werk meiner Mutter. Im Nachbargarten stand das von der Sonne vergilbte Gras knöchelhoch. Dort überließ man alles der Natur.

Als ich noch daheim gewohnt hatte, war dieses Grundstück unbebaut gewesen – ein leerer Fleck mit zwei großen Ulmen, von denen eine, damals wie heute, direkt neben dem Zaun stand und deren Äste zu uns herüberragten und Schatten auf das Dach warfen.

Den Koffer in der Hand stieg ich aus, sperrte die Autotüren ab und ging in den Garten. Aus den Ästen der Ulme jenseits des Zauns ertönte leise eine Stimme.

»Sie wohnen aber nicht hier.«

Ich drehte mich um und schaute hoch. Versteckt hinter Zweigen und Blättern befand sich ein kleines Baumhaus, na ja, eigentlich nur eine Plattform, auf der ein kleines Mädchen mit blonden Zöpfen saß, vielleicht neun oder zehn Jahre alt. Sie trug ein schlabberiges T-Shirt und kurze Jeans und war barfuß. Sie war zwar hager, sah aber ganz süß aus, und wenn sie erst einmal älter war, dann würde sie auch an den richtigen Stellen zunehmen und recht hübsch werden. Sie saß am Rand der Plattform und ließ die Füße herunterbaumeln. Bestimmt war sie ein rechter Wildfang, denn ihre Beine waren voller Kratzer und blauer Flecke. Hier und da war Schorf von Verletzungen zu sehen.

Ich lächelte zu ihr hinauf und sagte: »Früher habe ich hier mal gewohnt. Vor langer Zeit, als ich so alt war wie du jetzt.«

»Sind Sie Mrs Satlers kleiner Junge?«

»Das war ich mal. Also, ihr Junge bin ich immer noch, nur klein bin ich nicht mehr.«

»Sie sind groß. Ein Meter achtzig, oder?«

»Sechsundachtzig, wenn ich dicke Sohlen anhabe und die Schultern gerade halte.«

»Warum sind Ihre Haare so lang?«

»Weil ich sie vor langer Zeit ganz kurz schneiden musste.«

»Aha. Haben Sie gewusst, dass Ihr Daddy meinen Daddy verprügelt hat?«

Es dauerte etwas, bis ich mich wieder gesammelt hatte. »Warum das denn?«

»Er war nicht mein richtiger Daddy. Ich sollte ihn bloß so nennen. Er hat getrunken. Er hat meine Mama geschlagen und ist mit einem Stuhlbein in der Hand hinter ihr her in den Garten, und da hat Ihr Daddy ihm dann die Scheiße aus dem Leib geprügelt.«

»Du solltest nicht solche Ausdrücke benutzen.«

»Aber genau das hat Ihr Daddy getan. Daddy Greg, so hat mein Daddy geheißen, den Ihr Daddy verprügelt hat. Daddy Greg hat sich in die Hose gemacht. Meine Mama und ich konnten es bis hierher riechen. Es ist ihm an einem Bein runtergelaufen. Mama hat das lustig gefunden. Sie hätten sehen sollen, wie die gelacht hat.«

»Na gut, aber sag dieses Wort nicht mehr, hörst du?«

»Welches Wort?«

»Was ihm da rausgeprügelt worden ist.«

»Ach so. Na gut.«

»Und dein Dad, was ist aus dem geworden?«

»Ach, der ist eine Zeit lang abgehauen. Aber manchmal kommt er noch vorbei. Mama hat jetzt einen neuen Daddy. Daddy Bill. Daddy Bill ist nicht viel daheim, und wenn, dann bleiben Mama und er fast die ganze Zeit im Schlafzimmer. Sie streiten nicht so viel wie Mama und Daddy Greg. Daddy Bill sieht irgendwie lustig aus.«

»Ich heiße Cason. Freut mich, dich kennenzulernen ... Und wie heißt du?«

»Jasmine. Die Leute sagen Jazzy zu mir.«

»Schön, dich kennenzulernen, Jazzy.«

»Gleichfalls. Haben Sie gewusst, dass da keine Leiter rumsteht? Wenn ich hier rauf will, klettere ich hoch. Wie ein Eichhörnchen, sagt Mama. Daddy Greg hat immer gesagt, wie ein gottverdammter Affe. Daddy Greg habe ich lieber gemocht als Daddy Bill, obwohl er ziemlich gemein war, aber verraten Sie ihm nicht, dass ich das gesagt habe.«

»Dass du gut klettern kannst, glaub ich sofort.«

Jazzy wechselte das Thema. »Früher habe ich bei Mee-maw gewohnt, bevor ich hier gewohnt habe.«

»Ist Mee-maw deine Oma?«

»Nein, aber ich darf sie so nennen. Sie lebt in Houston. Wollen Sie toter Mann spielen?«

»Toter Mann?«

»Nach hinten raus ist ein Friedhof, und Mama und ich gehen manchmal hin und legen uns auf ein Grab. Wir spielen dann, dass wir drin liegen und tot sind.«

»Nicht gerade ein Spiel, bei dem man sich viel bewegt.«

»Wir spielen das manchmal, wenn es Nacht ist und wir zu den Sternen hinaufschauen wollen.«

Klasse, dachte ich, eine Gruftie-Mutter.

»Sei vorsichtig da oben«, sagte ich.

»Bin ich.«

Sobald ich im Haus war, umarmte mich meine Mutter und sagte all die schönen Sachen, die Mütter so sagen, wenn man eine Stelle bekommt und sie glauben, dass sich die Dinge endlich wieder einrenken und man doch nicht in einem Pappkarton auf der Straße schlafen und sich das Essen aus den Müllcontainern klauben muss.

Mama sah gut aus, gesund, und sie hatte auch ein bisschen zugenommen. Es war auch nicht zu übersehen, dass sie sich die Haare färbte. Und ihre Bewegungen waren so schnell wie eh und je. Ich stellte den Koffer ab, umarmte sie fest und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Sie sagte, sie würde mir ein Sandwich machen.

»Da sag ich nicht nein«, entgegnete ich.

»Truthahn auf Roggenbrot, dein Lieblingssandwich.«

»Schön.«

Sie klopfte mir auf die Schulter. »Du kannst das alte Zimmer von dir und Jimmy haben.«

»Prima.«

Sie warf mir einen Blick zu und wollte es nur ungern sagen, das sah man ihr an, aber es musste sein. »Trink nicht so viel, Cason.«

»Das hat mir Mrs Timpson auch schon gesagt. Sieht man mir das so an?«

»Du brauchst bloß noch eine Neonreklame über dem Kopf, auf der steht: ›Ich war auf Sauftour‹, damit es noch deutlicher wird. Wäre außerdem ganz gut, wenn du dir dein Hemd richtig zuknöpfen würdest. Das allein ist vielleicht kein eindeutiger Hinweis, aber so, wie du aus den Augen schaust, und mit dem hochroten Kopf, sieht das ein Blinder.«

Ich sah mir das Hemd an. »Mist«, sagte ich.

»Bist du so etwa zum Vorstellungsgespräch gegangen?«

»Ich fürchte, ja«, antwortete ich und knöpfte alles richtig zu. »Aber die Stelle habe ich bekommen. Zum Glück habe ich mich nicht als männliches Model beworben.«

Sie lächelte. »Ich bin froh, dass du dich entschlossen hast, bei uns zu bleiben.«

»Nur für den Übergang. Bis ich was Eigenes gefunden habe. Du weißt schon, wenn ich mich bei der Zeitung eingearbeitet habe.«

»Aber das klappt doch alles, oder?«

»Bestimmt«, sagte ich. »Sind die Kartons schon gekommen, die ich geschickt habe?«

»Die sind da, in der Vorratskammer.«

»Gut. Sonst hätte ich immer nur die gleichen drei Hosen und Hemden anziehen und dazu zwischen zwei Garnituren Unterwäsche und zwei Paar Socken abwechseln können. Im Auto habe ich noch einige Dinge aus dem Depot in Houston. Die lade ich später aus.«

Sie umarmte mich ein weiteres Mal. »Lass dir Zeit mit der Wohnungssuche. Es ist schön, dass du wieder zu Hause bist.«

»Wo ist Dad?«

»In der Werkstatt natürlich.«

Ich ging hinten raus und quer durch den Garten, den Geruch von frisch gemähtem Gras in der Nase. Am Ende des Grundstücks stand eine kleine Werkstatt, die Dad sich gebaut hatte, als er in Rente ging. Auf die Art konnte er, Rente hin oder her, ab und zu noch Autos reparieren, hauptsächlich für Freunde und Nachbarn. Er nannte es Herumbasteln. Es brachte ein paar Dollar extra ein. Er und Mama waren schlau gewesen. Sie hatten was gespart, dazu in einige gute Wertpapiere investiert, eine Zusatzversicherung abgeschlossen, und sie hatte außerdem noch die Lehrerpension.

In der Werkstatt stand ein hellblaues Auto mit offener Motorhaube. Dad beugte sich über den Motorraum und stocherte darin herum. Der Wagen stammte aus einer Zeit, als die Einzelteile noch repariert und nicht einfach ausgetauscht wurden wie heutzutage. Obwohl ich der Sohn eines Mechanikers war, hatte ich mich nie für Autos interessiert und konnte nicht einmal die Marken auseinanderhalten. Ich könnte nicht einmal einen Schubkarren richten, daher war ich auf meinen Dad immer besonders stolz. Man hätte ihn mitten in der Sahara nur mit einem Schraubenzieher und einer Haarspange aussetzen können, und er hätte trotzdem fast jedes Fahrzeug zum Laufen gebracht.

Dad spähte unter der Haube hervor, schnappte sich einen Lumpen und wischte sich die fettigen Finger ab. »Den hat man gut gepflegt. 69er Plymouth Fury. Der Vordersitz ist groß wie ein Wohnzimmer, und laufen tut er wie eine gesengte Sau.«

Er schüttelte mir die Hand. Er hatte große Hände, voller Schwielen und dunkel verfärbt, weil er sie viele Jahre lang in Fett, Öl und Benzin getunkt hatte. Er war immer noch kräftig, hatte allerdings, seit ich ihn das letzte Mal gesehen hatte, ein paar Kilo zugelegt. Seine Haare, die früher schwarz waren wir der Boden eines Lochs nach China, waren inzwischen weiß wie Baumwolle.

»Glückwunsch zur neuen Stelle«, sagte er.

»Danke. Ich denke, das klappt schon alles.«

»Du musst positiv denken, Junge. Gib den bösen Geistern keine Chance ... Verdammt, Sohn. Du siehst aus wie der aufgewärmte Tod.«

»Wenn du erst wüsstest, wie’s mir geht.«

»Lass es mit dem Saufen ein bisschen langsamer angehen. Das Zeug bringt dich noch um.«

»Mama hat das Gleiche gesagt. Und Mrs Timpson auch.«

»Ein guter Rat spricht sich rum.«

»Jawohl, Sir. Die Kleine von nebenan ...«

»Jazzy?«

Ich nickte. »Sie hat erzählt, du hättest ihrem Daddy Greg eine verpasst.«

»Es gab einen Wortwechsel.«

»Worte schlagen nicht so hart zu, dass einem die Scheiße am Hosenbein runterläuft.«

»Ein Wort hat das andere gegeben, und schließlich war eine Tracht Prügel fällig. Für ihn.«

»Das hat die Kleine auch gesagt. Wie oft hast du ihn geschlagen?«

»Wenn man sich einen Kerl so hart zur Brust nimmt, dass er sich die Hose vollscheißt, ist der Käse ein für allemal gegessen.«

Ich lachte.

»Die Welt hat sich verändert«, sagte Dad und warf den Lumpen auf den Fury. »Mir kommt es vor, als hätte schon bald jede zweite Frau, die einem über den Weg läuft, mit fünfzehn oder sechzehn ein Kind gekriegt. Ihr Freund haut ab, und sie zieht das Baby allein groß. Jemand muss den Mädels mal beibringen, dass Babys vom Bumsen kommen. Haben die alle noch nie was von Parisern gehört, verdammt noch mal?«

»Na ja, nach dem, was Jazzy so erzählt hat, ist ihre Mutter wohl nicht so toll.«

»Wenn du damit ihre Fähigkeiten als Mutter meinst, hast du das richtig erkannt, aber von einer anderen Warte aus kann ich dir nur sagen, sie ist nicht nur toll, sie ist scharf wie Nachbars Lumpi. So was habe ich nicht mehr gesehen, seit Joey Heatherton in der Dean Martin Show getanzt hat.«

»Wer?«

»Danke, dass ich mich so richtig alt fühlen darf. Allerdings habe ich Jazzys Mutter nur zweimal gesehen. Das eine Mal war, als sie von Daddy Greg mit dem Stuhlbein eins übergezogen bekommen hat. Aber sie ist ein hübsches, dunkelhaariges Ding ... Dieses verdammte Jugendamt. Wie oft haben wir bei denen angerufen, aber passiert ist nichts. Die ganze Behörde ist ein einziges Durcheinander. Es hat da drei oder vier Skandale gegeben, wo ihnen Kinder weggestorben sind. Von denen ist jedenfalls keine Hilfe zu erwarten. Zumindest vorläufig nicht.«

»Jazzy hat mir gesagt, dass sie und ihre Mutter sich auf Gräber legen und die Sterne bewundern.«

Dad nickte. »Als das Land hinten raus teilweise gerodet wurde, unten am Fluss, da haben sie einen Friedhof entdeckt. Ein paar Bäume stehen noch, und unter denen sind die Gräber.«

»Jimmy und ich haben da jahrelang gespielt und nie irgendwelche Gräber entdeckt.«

»Die sind aus den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts. Die Grabsteine wurden umgestoßen und untergepflügt. Leute in der Gemeinde haben gespendet, damit das alles hergerichtet und die Grabsteine wieder aufgestellt werden konnten. Pfadfinder rupfen regelmäßig das Unkraut raus und halten alles sauber. Ich glaube, der Friedhof war einfach in Vergessenheit geraten. Aber wenn ich eine Mutter wäre, ich könnte mir auch was anderes vorstellen, um meiner Tochter die Zeit zu vertreiben, als mich auf ein Grab zu legen und die Sterne anzuglotzen ... Sag mal, hast du keinen Hunger?«

»Doch. Mama macht mir schon ein Sandwich.«

»Prima. Da will ich auch eins. Auch wenn ich«, sagte er sich auf den Bauch klopfend, »das eine oder andere lieber auslassen sollte.«

5

Wir aßen unsere Sandwiches und danach Apfelkuchen, unterhielten uns, bis die Sonne unterging, und schauten dann fern, einen Boxkampf. Mama zog sich in die Küche zurück, um noch ein paar Sachen zu erledigen. Wie sich herausstellte, las sie die Zeitung.

Dad erzählte ein wenig von dem neuen Seehaus, das sie zusammen mit meinem Bruder und dessen Frau am Lake o’ the Pines gekauft hatten, dass sie den Sommer dort verbringen wollten, ich sei herzlich eingeladen und so weiter. Ich entgegnete, dass mich meine Arbeit wahrscheinlich einige Zeit hier festhalten würde.

Als der Boxkampf vorüber war, schauten wir noch Nachrichten, bis Dad merkte, dass die Kriegsberichte mir unangenehm waren. Also gingen wir hinten raus und setzten uns, jeder mit einer Dose Cola Light, auf die kleine Veranda und unterhielten uns eine Zeit lang.

Erst war es nur schlichtes Geplauder. Dann räusperte sich Dad wie eine Katze, die ein Haarknäuel hochwürgt, wandte den Blick weg von mir und starrte den Gartenzaun und das Dach des Nachbarn an, als gäbe es da etwas ganz Besonderes zu entdecken. »Bist du immer noch mit diesem Kerl befreundet, wie heißt er doch gleich, Snot?«

Ich lachte. »Booger.«

»Ja, den habe ich gemeint.«

Als ich in diesem riesigen Sandkasten drüben im Irak unterwegs war, hatte ich Dad von Booger geschrieben. Und ich hatte kein Blatt vor den Mund genommen. Vermutlich hoffte mein Vater, dass Booger und ich inzwischen getrennte Wege gingen.

»Man könnte uns wahrscheinlich als Freunde bezeichnen«, sagte ich. »Aber allzu oft will ich ihn gar nicht sehen. Im Grunde genommen habe ich mich von ihm endgültig verabschiedet. Im Krieg war er ein prima Kumpel, aber nachdem ich jetzt wieder hier bin, glaube ich eher, dass er ein Bursche ist, mit dem man nicht allzu viel zu tun haben sollte. Er lebt in Oklahoma und betreibt da einen Schießstand und eine Bar.«

»Na ja, eigentlich ist es schön, wenn man Kontakt zu Leuten hat, die eine ähnliche Vergangenheit haben wie man selber. Aber wenn ich deine Briefe richtig verstanden habe, ist er ein wenig merkwürdig.«

»Der lässt sich keine grauen Haare wachsen wegen Dingen, die dir und mir recht nahe gehen würden. Und auch wenn wir mehr oder weniger das Gleiche getan haben, die gleiche Vergangenheit haben wir deshalb nicht. Wie man zu seiner Vergangenheit steht, ist eine ziemlich persönliche Sache, und Boogers Weltsicht ist wesentlich düsterer und glanzloser als meine.«

»So kann man es auch ausdrücken.«

»Das habe ich gemeint mit: Er war prima im Krieg. Er hat nicht lange nach dem Wie oder Warum gefragt. Er wollte einfach nur eine Waffe in der Hand und einen Feind im Blickfeld haben. Das kann einem schon ziemlich Angst einjagen.«

»Die nächste Frage wäre dann, warum du dich überhaupt mit ihm angefreundet hast.«

Ich schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung, was ich darauf antworten soll. Hier ist er wie ein gestrandeter Hai. Da drüben war ich froh, wenn er an meiner Seite oder vor oder hinter mir war. Wenn er mal einen Narren an dir gefressen hat, kannst du dich auf ihn verlassen, komme, was da wolle. Aber das macht er nicht mit vielen, und Reue ist für ihn ein Fremdwort. Er hat mir mal gesagt, einen Schuss ins Schwarze und eine Schlampe mit dreckiger Unterwäsche, mehr würde er gar nicht verlangen.«

Dad nickte. »Leute wie ihn habe ich auch ein paar gekannt ... Und dein Job? Glaubst du, das wird was?«

»Lässt sich noch nicht sagen. Eine Sache ist mir allerdings komisch vorgekommen.« Ich erzählte ihm von Caroline.

Dad nickte. »Daran kann ich mich noch erinnern. Ist nie aufgeklärt worden, jedenfalls bis jetzt.«

»Trotzdem, im Vergleich zu Houston kommt’s mir hier eher langweilig vor. Die Geschichte mit Caroline Allison könnte das einzig interessante Thema sein, über das ich je schreiben kann. Selbst für Timpson ist ein Stinktier im Wal-Mart offenbar das höchste der Gefühle.«

»Lass dich nicht täuschen, mein Junge. Wir sind zwar nicht Houston, aber auch bei uns ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Das wirst du noch früh genug merken, wenn du erst mal für die Zeitung arbeitest. Glaub mir, hier ist allerhand im Busch, und Timpson weiß das ganz genau.«

»Als da wäre?«

Dad zog die Augenbrauen hoch. »Spannungen zwischen Schwarzen und Weißen.«

»Ich habe gedacht, das hätten wir hinter uns.«

»Es gibt hier einen schwarzen Prediger und Politiker, Gerry Judence.«

»Wer das ist, weiß ich«, sagte ich. »Flotte Klamotten, nicht aufs Maul gefallen und nichts als Scheiße im Kopf. Den kenne ich aus dem Fernsehen, seit ich auf der Welt bin.«

»Früher hat er sich mal ernsthaft für Bürgerrechte eingesetzt. Ist mit King mitmarschiert und hat gute Sachen gemacht. Aber nachdem sich in dieser Hinsicht viel geändert hat, musste er einen neuen Weg suchen, um im Rampenlicht zu bleiben. Kürzlich haben Mitglieder der schwarzen Gemeinde beschlossen, dass drunten in ihrem Teil der Stadt eine Schule gebaut werden soll. Der Gedanke dahinter war, dass ein paar von den reichen Schwarzen und auch einige reiche Weiße auf die Art dazu beitragen könnten, das Bildungsniveau der Kinder und Jugendlichen anzuheben. Die meisten Schwarzen, aber auch Weiße waren dafür. Doch dann kommt Judence daher und macht ihnen einen Strich durch die Rechnung. Er hat das richtige Gespür für solche Dinge. Ein paar Arschlöcher bei den Schwarzen kommen auf den Trichter, das Ganze sei ein Komplott der Weißen, um die Kinder zu entfremden und quasi in Weiße umzufunktionieren. Auf den Zug ist Judence aufgesprungen, und schon war er wieder in den Schlagzeilen. Da unten gibt’s Kinder, die haben nicht mal eine Geburtsurkunde. Drogen sind was ganz Alltägliches. Viele haben noch keine Schule von innen gesehen. Die brauchen dringend eine Chance. Erziehung ist nichts Weißes. Die gehört jedem, der die Hand ausstreckt und danach greift.«

»Das alles ist mir völlig neu.«

»Das Ganze schaukelt sich hoch, je näher der geplante Baubeginn für die Schule rückt. Judence gibt andauernd seinen Senf dazu, oben in New York, wo er herstammt. Kriegt haufenweise Sendezeit. Eine Woche oder zwei, bevor die Bagger anrücken sollen, kommt er dann zu uns runter, hält eine große Rede, und das peitscht die Gemüter auf. Und um alles noch schlimmer zu machen und ihn noch mehr als Held dastehen zu lassen, kriegt er auch noch von irgendwelchen Rassisten Morddrohungen, in denen behauptet wird, er sei ein Aufwiegler von außerhalb, was ja auch stimmt. Aber einen schwarzen Mann als ›Aufwiegler von außerhalb‹ zu bezeichnen, ist ein alter Rassistenausdruck für ›hochnäsiger Nigger‹.«

»Und das peitscht die Gemüter noch ein bisschen mehr auf.«

»Die Schule sollte da errichtet werden, wo die alte Baptistenkirche steht, die teilweise abgebrannt ist. Vor ungefähr einem Jahr hat die jemand angezündet. Angeblich weiße Fanatiker. Die Leute, die für den Schulbau sind, wollen sie genau dort errichten, als Zeichen für Gemeinsinn. Aber Judence erzählt den Leuten, die Weißen wollten damit nur eine neue Form der Rassentrennung einführen.«

»Für mich hört sich das ganz nach Rassentrennung an, Dad.«

»Ich will keine Rassentrennung, und die Schule wäre prinzipiell ja auch nicht nur für Schwarze, aber wenn man an der Stelle eine bauen würde, wäre das für die Kinder eine Chance, dort Unterricht zu bekommen, und mit guten Lehrern, hauptsächlich Schwarzen, wäre das durchaus möglich. Es wäre eine besondere Schule, privat finanziert, besser als unsere öffentlichen Schulen, die ja nichts weiter sind als Lagerhallen für Scheintote.«

»Könnte es sein, dass einige der Investoren für irgendwelche Ämter kandidieren wollen?«

»Das ist die eine Sache. Seltsamerweise halten aber die Weißen, die gegen die Schule sind, zu den Schwarzen, die gegen die Schule sind. Die Vorstellung, in der schwarzen Gemeinschaft könnte es eine Schule geben, die besser wäre als die, wo sie ihre Kinder hinschicken, ärgert sie. Sie sagen, die Schwarzen wollen sie nicht, also lasst es gefälligst bleiben. Aber es gibt auch jede Menge prominente Schwarze, Vorsitzende von allem Möglichen und so, und auch viele Eltern, die dafür sind. Meiner Meinung nach die Mehrheit. Aber es sind die wenigen Großmäuler auf beiden Seiten, die im Wespennest rumstochern. Es gibt eine weiße Gruppe, die sich ›Liga für die Verbreitung christlichen Gedankenguts‹ nennt. Knallköpfe, die völlig die Fassung verlieren, wenn sie sehen, dass ein schwarzer Mann einer weißen Frau die Hand schüttelt. Die glauben, Homosexuelle seien irgendwie eine gegen Gott gerichtete Scheußlichkeit, von wegen dass sie anständige Hetero-Männer in öffentliche Toiletten verschleppen, um ihnen den Schwanz zu lutschen. Für Juden haben sie auch nicht besonders viel übrig, weil die ja Jesus umgebracht haben. Und dann erst illegale Einwanderer – da knirschen sie vielleicht mit den Zähnen! Und mit Liberalen, Demokraten oder sonst wie Gemäßigten haben sie auch nichts am Hut. Der große Zampano für den ganzen Scheiß, der Oberhetzer, das weiße Rassistenschwein, das da sein ganz eigenes Süppchen kocht, ist ein Baptistenpfarrer hier in Camp Rapture. Reverend Dinkins. Der ist der Chef dieser Organisation. Er rasselt im Fernsehen seine Rassistenmessen runter, als würde er tatsächlich über christlichen Glauben reden. Die predigen für arme, verkorkste weiße Jugendliche, die nichts weiter sind als wütende Reaktionäre und nicht einmal das Geld für einen Nachttopf haben, wo sie reinpissen könnten. Alles, was die brauchen, ist ein Prediger, der ihnen erzählt, sie stünden auf der Seite Gottes, oder jemanden wie Judence, der sich erdreistet, über die Weißen herzuziehen, und Rumms! Die ganze Sache fliegt in die Luft.«

Dad machte eine Pause und drehte die Coladose wieder und wieder in der Hand, als testete er die Belastungsgrenze des Aluminiums. Dann fuhr er fort: »Judence will herkommen, eine Rede halten und an der Universität eine Kundgebung abhalten, damit er ein paar Kopien seiner Auftritte auf DVD mit nach Hause nehmen kann. Da kann er sich dann abends hinlegen, die Aufnahmen anschauen und sich einen runterholen. Und er kann behaupten, die weiße Schule im schwarzen Teil der Stadt verhindert zu haben. Dinkins und die Liga können damit angeben, dass sie den Status quo erhalten haben. Die Schwarzen, die keine Veränderungen wollen, können sich fühlen, als hätten sie etwas gegen die Vormachtstellung der Weißen getan, und die Schwarzen, die etwas ändern wollen, resignieren und geben enttäuscht auf. Alle verlieren, nur die Ratten und Kakerlaken nicht, und die Menschheit marschiert weiter langsam in Richtung Selbstvernichtung, aber immerhin mit einer großen Auswahl an Eissorten und Fernsehserien ... Was der menschlichen Rasse wirklich gut täte, wäre eine zünftige Seuche.«

»Ja, die würde sicher ganz schön ausmisten«, sagte ich.

»Übrigens, bist du mal an dem Laden vorbeigefahren, wo Gabby arbeitet? Ich frage deshalb, weil sie mich angerufen und gesagt hat, eine Karre, die ausgesehen hat wie dein altes Wrack, sei zweimal ganz langsam vorbeigerollt und der Fahrer habe dir sehr ähnlich gesehen.«

»Die Straße führt dran vorbei, Dad.«

»Aber die erlaubte Höchstgeschwindigkeit liegt bei 45 Meilen. Da steht nichts von Kriechgang. Ich will dir ja nichts unterstellen oder dir ein schlechtes Gewissen machen. Aber du warst schon immer irgendwie zwanghaft. Weißt du noch, wie du dauernd deine Schritte gezählt hast?«

»Ich habe auch Deckenplatten gezählt. Und ich habe unaufhörlich meine Comichefte gezählt und neu geordnet. Ich habe viele Sachen gemacht.«

»Du hast diese Zwanghaftigkeit auf Gabby übertragen. Wenn man dann noch bedenkt, was du im Krieg erlebt hast, wie dich das beeinflusst hat ...«

»Mir fehlt nichts«, sagte ich.

»Was hat der Arzt gemeint?«

»Ich habe gesagt, mir fehlt nichts.«

Dad nickte. »Na gut. Hast du dich schon mit deinem Bruder getroffen?«

»Noch nicht.«

Jimmy war Professor an der Uni, seine Frau Grundschullehrerin. Sie kamen dem, was man ein perfektes Paar nennen könnte, sehr nahe.

Dad zerdrückte seine Coladose. »Ich gehe ins Bett.« Dann stand er auf, blieb noch kurz auf der Treppe stehen und legte mir eine Hand auf die Schulter. »Schön, dass du wieder da bist.«

»Gute Nacht, Dad.«

Ich blieb noch eine Weile sitzen und trank in Ruhe meine Cola aus. Die nächtliche Luft war mild und angenehm wie Samt. Ein Frosch quakte. Der Geruch von frisch gemähtem Gras war für mich wie der Duft von Parfüm.

Ich lehnte mich zurück und blickte zu den Sternen hoch. Sie strahlten hell, und dieser Himmel ließ in mir den Wunsch erwachen, ewig zu leben. Dieses Gefühl hatte ich früher schon gehabt. Es hatte nie lange angehalten.

6

Jeden Morgen wurde ich von Neuem in der festen Überzeugung wach, die Dinge würden sich ändern und Gabby und ich würden wieder zusammenkommen. Da konnte ich mich, so oft ich wollte,  hinsetzen, über alles in Ruhe nachgrübeln und erkennen, wie dumm das war, aber dieser Gedanke kam mir immer wieder, und ich klammerte mich daran fest wie ein ehemaliger Hollywoodstar an die Hoffnung, mit dem nächsten Film käme der alte Glanz zurück.

Ich zog mich aus und legte mich, nur in Unterwäsche, ins Bett. Das Schlafzimmer hatten Jimmy und ich uns geteilt, als wir noch klein waren. All die Sachen, die wir als Kinder geliebt hatten, waren noch da. Es war, als würde man durch die Zeit reisen und in die Vergangenheit zurückkehren. Der einzige größere Unterschied zu früher war, dass es anstelle der alten Etagenbetten jetzt ein Gästebett gab.

Nachdem ich einige Zeit mit offenen Augen in der Dunkelheit gelegen hatte, wurden der Raum und die Umrisse der Einrichtung allmählich deutlicher. Ich sah hoch zu Jimmys Modellflugzeugen, die an Drähten von der Decke hingen, dann rüber zum Schreibtisch, wo die Frösche und Ratten, die er präpariert hatte, sich gegenseitig stützten. Die Gestelle, auf denen sie lagen, billige Dinger aus geleimtem Holz, fielen auseinander, und die Viecher waren zu einer schauerlichen Pyramide zusammengesunken. Ich sah auch die Umrisse des Eagle-Scout-Abzeichens am Band, das ranghöchste innerhalb der Pfadfinder, das an der Wand hing. Außerdem waren da noch zwei lange Regalbretter voller Bücher. Ich erkannte sogar viele der Titel wieder, wenn auch eher aus dem Gedächtnis heraus.

Schließlich stand ich auf, machte das Licht an und setzte mich an meinen alten Schreibtisch. Er war kleiner, als ich ihn in Erinnerung hatte, und der Stuhl war unbequem. Ich zog eine der Schubladen auf. Meine ganzen Comics waren noch da, zumindest meine Lieblingshefte. Ich holte eins heraus und las es. Danach lief ich im Zimmer umher, schaltete das Licht wieder aus, ging zum Fenster, zog den Vorhang einen Spalt zurück und schaute auf die Straße hinaus. Es hatte zu regnen begonnen. Ein leichter, erfrischender Sommerregen. Das Pflaster glitzerte im Schein der Straßenlampen. Dann tauchte Jazzy auf. Nur mit T-Shirt und Unterwäsche bekleidet lief sie die Straße entlang durch den Regen.

Eine Weile beobachtete ich sie. Sie ging bis zum Ende der Straße, wo sie auf den Highway trifft, dann kehrte sie um und kam zurück. Ich zog den Stuhl heran, setzte mich ans Fenster und sah ihr zu. Ich dachte schon daran, das Jugendamt anzurufen, doch dann fiel mir ein, dass mein Vater das ja schon versucht hatte.

Vielleicht sollte ich trotzdem anrufen. Sie kam die Straße herauf, den Blick zum Himmel gerichtet. Mit ausgebreiteten Armen genoss sie den Regen, als wäre sie eine Naturnymphe. Dann ging sie über unseren Rasen weiter zu ihrem Grundstück.

Danach verlor ich sie aus den Augen, aber wahrscheinlich kletterte sie auf die Ulme und auf die Plattform zwischen den Ästen, während ihre Mutter und ihr neuer Daddy im Schlafzimmer das taten, was sie dort eben so zu tun pflegten. Wahrscheinlich waren sie besoffen eingeschlafen, dachte ich nicht eben mitfühlend. Ich wollte gerade rausgehen und mit Jazzy reden, ihr sagen, sie solle ins Bett gehen und dass Bäume Blitze anziehen würden. Vielleicht wollte ich aber auch bloß, dass sie mir Gesellschaft leistete. Aber ich ließ es bleiben. Alles, was ich tat, war, dem Regen zuzuschauen, bis er nachließ.

Schließlich stand ich auf und schaute mir die dunklen Gestalten auf dem Schreibtisch an, die ausgestopften Frösche und Ratten meines Bruders, und mir fiel wieder ein, wie es draußen in der Garage immer gestunken hatte, wenn er sie präparierte. Schon als Kind hielt ich das Ganze für ein Scheißhobby. Behutsam stieß ich mit einem Finger die toten Dinger an. Sie purzelten durcheinander, und eine Ratte fiel hinter den Schreibtisch. Ich machte mir nicht die Mühe, sie aufzuheben. Die war so mit Chemikalien vollgepumpt und die Haut entsprechend behandelt worden, dass sie locker hundert Jahre da liegen bleiben konnte, ohne zu riechen.