Gaywolf - G. Roger Forster - E-Book

Gaywolf E-Book

G. Roger Forster

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Beschreibung

Ein Gruselthriller aus der Welt schwuler Werwölfe. Eine laue Sommernacht im Stadtpark. Vollmond. Cruisende Männer streifen im Gebüsch umher. Flüstern. Plötzlich hallt ein blutrünstiges Heulen durch die Nacht. Jemand ruft um Hilfe. Panik, Flucht, Angst. Ein Schatten macht sich über das Opfer her. Ein Wimmern. Dann Stille. Seit einigen Wochen lauert das Grauen in der Stadt. Fünf Opfer, alle schwul, alle an einschlägigen Orten ermordet. Nicht nur die Polizei ist dem Biest auf der Spur. Nach einer unheimlichen Begegnung mit der Kreatur macht auch das Freundespaar Leon und Tibor eigene Erkundungen in der Szene. Zum Schluß reisen auch Leons Mutter und Tante an, um vereint dem Bösen auf die Schliche zu kommen, denn Leons Mutter ahnt, daß ihr Sohn mehr weiß, als er zugibt. G.-Roger Forster debütiert mit einem packenden Thriller in der Tradition der besten Gruselerzähler. Spannend, erotisch und ganz bestimmt nicht für schwache Gemüter.

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Seitenzahl: 264

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Gaywolf

Roman

von

G.-Roger Forster

 

Impressum:

Cover: Karsten Sturm-Chichili Agency

Foto: fotolia

© 110th / Chichili Agency 2015

EPUB ISBN 978-3-95865-528-7

MOBI ISBN 978-3-95865-529-4

 

Urheberrechtshinweis:

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Autors oder der beteiligten Agentur „Chichili Agency“ reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

 

Dieses Werk unterlag zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung noch nicht der neuen Rechtschreibreform.

Daher werden noch die alten Schreibweisen verwendet.

 

Für Ernst, meinen größten Kritiker. Danke für deine Geduld bei meinen

Die folgende Geschichte ist ein Produkt meiner überspannten Phantasie. Personen und Schauplätze sind frei erfunden.

Da die Handlung in der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover spielt, weise ich an dieser Stelle betont darauf hin, daß ich einige bekannte Örtlichkeiten zu Gunsten der Story etwas umgestaltet habe. Erwähnte Lokale, wie etwa die Diskothek Schlucht, die Bar Zum Stiefel und deren Personal und Gäste sind ein Werk meiner Phantasie.

Eventuelle Ähnlichkeiten mit bestehenden Lokalen oder lebenden Personen sind rein zufällig und lagen bestimmt nicht in meiner Absicht.

Einen identischen Fall hat es nie gegeben.

Prolog

Dies ist die Geschichte eines Sommers, der unsere Stadt veränderte. Eine Geschichte von Mord, stummer Angst und Ignoranz. Wobei Ignoranz noch das Schlimmste war. Ich würde nicht behaupten, daß aus Dummheit geschwiegen wurde. Eher aus Furcht. Furcht davor, selbst verdächtigt zu werden, denn viele fühlten sich schuldig. Nicht schuldig der Morde. Aber schuldig, zu einer Gruppe zu zählen, der sowohl der Täter angehörte als auch die Mehrheit seiner Opfer. Sie fürchteten sich davor, etwas zu sagen, denn indem sie den Mörder anklagten, denunzierten sie sich auch selbst. Wenngleich sie vorgaben, frei und in einer toleranteren Gesellschaft zu leben, als es ihre Vorfahren taten, so bestand doch das Erbgut vergangener Generationen in ihnen fort, genau wie auch das Erbgut seiner Ahnen im Blut des Mörders floß.

In einer hellbeschienenen Junivollmondnacht schlich sich das Grauen in unsere Stadt. Bis in den September hinein sollte es kein Ende nehmen. Dann war es vorbei. Doch die Furcht ließ sich nicht austreiben. Sie währt heute noch wie damals. Genau wie die unauslöschbare Ignoranz und die fehlende Courage.

Leon

Even the man who is pure at heartAnd who says his prayers at nightMay become a wolf when the wolfsbane bloomsAnd the autumn moon is bright.

(Die Warnung der wahrsagenden Zigeunerin

Der Mond im Stadtpark

Begonnen hatte alles mal wieder mit Sex.

Als alleinstehender Schwuler hat man heute eine Unzahl von Möglichkeiten, den schnellen, anonymen Fick zu bekommen. Eine der zuverlässigsten ist der Park.

In dieser Stadt geht man meistens in den Wald am Zoo. Auch wenn man in jüngster Zeit wiederholt von den grausamen Morden in der Eilenriede in der Bild liest, schreckt es doch kaum einen ab, hier am Rande des bekannten Stadtwaldes seinen Gelüsten nachzugehen.

Auch mich zog in dieser entscheidenden Juninacht die unstill- bare, ewige Geilheit in den Teil des Forstes, den einige scherzhaft den Zauberwald nennen.

Damals suchte ich in den Büschen nach leidenschaftlicher Erotik mit unbekannten Leibern, nach Abenteuern, die mich aus dem grauen Alltag entführen sollten, nach jemandem, dem ich etwas von meiner unendlichen Liebe geben konnte und der mir gab, wonach ich verlangte.

Ich suchte, doch was ich fand, war etwas ganz anderes. Denn an jenem Abend traten zwei folgenschwere Dinge in mein Leben, die alles Bisherige auf den Kopf stellen sollten.

Zum einen fand ich ihn. Den Partner, der mich künftig durchs Leben begleiten sollte.

Zum anderen fand ich das Grauen, das mir von da an keinen Schlaf mehr ließ.

Seit jenem Abend wälze ich mich Nacht für Nacht in meinen feuchten Laken, von bösen Träumen gequält. Besonders in den Nächten, in denen der Vollmond auf mich herabsieht, finde ich keine Ruhe mehr. Stundenlang stehe ich und starre in die magisch weiße Scheibe am nächtlichen Firmament.

Immer wieder frage ich mich: Wie konnte ich es zulassen, und wann wird es enden? Und vor allem: Wie wird es enden?

Wir hatten Vollmond in jener Nacht. Doch durch das dichte Laubwerk drang nur wenig Licht zu den cruisenden Männern in den Büschen. Man mußte schon eine ganze Weile warten, bis man in der Finsternis jemanden ausfindig machen konnte.

Ich war nicht zum ersten Mal hier. Daher wußte ich, wie unangenehm es war, durchs Dunkel zu stolpern - von dutzenden Augen beobachtet, die sich längst an die Düsterkeit gewöhnt hatten, ohne selbst etwas zu erkennen. Deshalb blieb ich vorerst im Wagen sitzen.

In der Reihe geparkter Autos, die alle mit der Schnauze zum Waldrand standen, saßen andere Männer. Gelegentlich, wenn ein besonders gut aussehender Junge vor ihnen flanierte, spielten einige mit der Lichthupe. Nicht selten stieg dann der Angestrahlte ins Auto, und sie fuhren gemeinsam davon. Einige trieben es auch gleich auf dem Rücksitz, dort auf dem Parkplatz.

Nach einer angemessenen Wartezeit stieg ich aus. Ich schloß den Wagen ab, stellte den Kragen meiner schwarzen Lederjacke auf und zündete mir eine Zigarette an.

Ich hatte wohl noch nicht lange genug gewartet, denn noch immer hatten sich meine Augen nicht an die Dunkelheit gewöhnt. Halb blind stolperte ich den unbefestigten Weg entlang. Einige Schritte weiter gelangte ich an eine Brücke, die über ein Bächlein führte. Geheimnisvoll flüsternd suchte sich das Gewässer seinen Weg durch den Wald. Ich lehnte mich lässig an das morsche Holzgeländer und rauchte zu Ende.

Langsam gewöhnten sich meine Augen an das Dämmerlicht. Durch ein Loch im Laubdach der hohen Bäume fiel silbernes Mondlicht und spiegelte sich im klaren Wasser des Baches. In seinem Schein erkannte ich auch mehrere seltsame Pflanzen. Einige der gerade nach oben sprießenden Gewächse mit ihren gegeneinander gekreuzten, schmalen Blättern erreichten eine Höhe von eineinhalb Meter und trugen haselnußgroße Kapselfrüchte. Als ich mich beugte und sie berührte, sprangen die Hülsen knackend auf. Ähnliche Kräuter hatte mein Vater früher in unserem Garten angepflanzt. Er meinte immer, daß sie die Wühlmäuse vertreiben sollten. Ihr Name war, glaube ich, Wolfsmilch.

Allmählich nahm ich in der Düsternis auch andere Gestalten wahr. Das Ritual konnte beginnen: Es war das übliche Spiel mit schüchternen, manchmal fordernden Blicken. Männer gingen an mir vorüber, blieben ein Stück weiter stehen, drehten sich um, setzten ihren Weg fort. Man schaute jemanden kurz, aber interessiert an; dieser erwiderte den Blick mit einem kaum erkennbaren Nicken oder Schütteln des Kopfes. Aus langjähriger Praxis war mir jede Geste bekannt. Schon an einem Augenaufschlag konnte ich erkennen, ob sich das Fortsetzen des Balzrituals rentieren würde.

Ich brauchte nicht lange, um den dunkelhaarigen Jungen zu entdecken. Provokativ lehnte er an einem Baum; sein herausfordernder Blick haftete auf mir. Ich schätzte sein Alter auf Mitte Zwanzig, vielleicht etwas älter. Das kurze Haar lief in wohlgestutzte Koteletten aus. Glitzernd fing sich das Mondlicht in zwei silbernen Ohranhängern. Keine einfachen Ringe. Sie stellten ein bestimmtes Motiv dar, welches ich aus der Entfernung allerdings nicht zu deuten vermochte.

Bis zum heutigen Tag kann ich nicht erklären, was mich so sehr zu ihm hinzog. Immer wieder versuche ich mir einzureden, daß es nur der Trieb war, der mich schließlich auch in diesen Park gelockt hatte. Doch eigentlich, so glaube ich, war es mehr die Neugierde, zu erfahren, welches Symbol seine Ohrringe zierte. Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll. Ich spürte so etwas wie die Macht des unabwendbaren Schicksals in mir. Ein Fatum, das mich an diese glänzenden Schmuckteile band.

Langsam löste ich mich vom Geländer und schlenderte auf ihn zu. Beim Näherkommen fixierten mich seine Augen. Wie ein Magnet zog er mich an. Geradezu hypnotisch. Schritt für Schritt näherte ich mich. Dabei heftete sich mein Blick beharrlich auf seine dunklen Augen. Dicht zusammengewachsene Brauen verliehen ihm eine diabolisch triebhafte Ausstrahlung.

Vom nahen Zoo wehte ein kaum merklicher Windhauch Tierschweiß in den Wald, und der Geruch schien die Geilheit der Männer, deren sanft-heftiges Stöhnen aus den umstehenden Büschen drang, zu steigern.

Immer mehr näherte ich mich dem Fremden, der ein unwiderstehliches, animalisches Begehren in mir erregte.

Schwer atmend standen wir uns gegenüber. Auge in Auge. Wir wechselten kein Wort, wußten beide, was wir wollten. Ich streckte meine Hände aus, ihn zu berühren. Forschend erfaßte ich seine schlanken Hüften und ließ ruhelos die Hände über seinen Körper wandern. Sie streichelten seinen Bauch, die Taille, die Brust. Er besaß muskulöse Schultern und einen sehnig schlanken Hals. An seinem sanften Gesicht ließ ich meine Hände schließlich ruhen.

Auch er begann meinen Körper zu erforschen. Zärtlich streichelte er meine Brust. Mit nur einem Finger zog er in einer langsamen Linie hinunter bis zum Bauchnabel und tiefer zum Ansatz meiner Schamhaare. Mit der anderen Hand löste er mir schon den Gürtel.

Noch immer umschlossen meine Hände sein jugendliches Gesicht.

Er schob eine Hand in meinen geöffneten Hosenbund und begann mich rhythmisch zu bearbeiten.

Meine liebkosenden Finger stießen an seine Ohrringe. Neugierig spielten sie mit dem glitzernden Schmuck, den ich nun in aller Ruhe betrachten konnte. Jetzt erkannte ich auch das fein gearbeitete Symbol, das sie zierte: In einem Kreis war ein fünfwinkliger Stern gefaßt. Ein Pentagramm.

Bis heute weiß ich nicht, wieso ich es tat. Warum ich wie selbstverständlich die Ösen der Anhänger löste. Behutsam zog ich sie ihm aus den Ohrläppchen, und während ich ihn dann liebevoll umarmte, nahm ich das Silber, von ihm unbemerkt, in die rechte Hand und ließ es ebenso heimlich in meiner Hosentasche verschwinden.

Weder trug ich selbst Schmuck, noch glaubte ich, daß die Klunker irgendeinen Wert hatten. Wahrscheinlich stammten sie von einem der vielen Ramschstände in der Passarelle unterm Bahnhof. Auch war ich kein Dieb. Nie zuvor hatte ich gestohlen oder sonst irgendwie gegen das Gesetz verstoßen. Es mußte eine höhere Macht im Spiel gewesen sein, die mich verleitete, die Pentagramm-Ohrringe an mich zu nehmen. Welches verhängnisvolle Schicksal sich damit verband, wurde mir erst später klar. Viel später.

Kurz vor dem Höhepunkt der Ekstase, in die mich der Junge führte, ließ er von mir ab und begann, mir die Brustwarzen zu streicheln. Wegen der Schwüle trug ich die Lederjacke auf nackter Haut.

„Und du?" Er hatte eine weiche, beruhigende Stimme. Herausfordernd senkte er sein Gesicht, wobei mich seine Augen von unten herauf begehrend anflehten. „Möchtest du nicht auch etwas für mich tun?"

Ich schwieg und dachte nach. Sicher befürchtete er, ich ließe ihn in seiner Erregung allein, sobald ich befriedigt war. Vielleicht hatte er zu oft schlechte Erfahrungen gesammelt.

„Du hast schöne Hände", bemerkte er und nahm sie in die seinen. Behutsam führte er sie zum Mund und lutschte an meinen Fingern. Er drehte die Handflächen seinem Gesicht zu, wollte sie küssen. Dann, ganz unerwartet, änderte sich sein Gesichtsausdruck. Seine Augen glänzten schreckensstarr, als spiegelten sich in ihnen Faszination und Entsetzen zugleich. Seine Fingernägel gruben sich tief in das Fleisch meiner Handrücken. Gebannt starrte er auf meine Handflächen, dann in mein Gesicht. Schließlich stieß er mich schlagartig von sich und stürzte wie in Panik geraten davon.

Was war geschehen? Wieso hatten ihn meine Hände so erschreckt? Fragend betrachtete ich sie. Was hatte ihn so sehr entsetzt?

Stille breitete sich plötzlich im Unterholz aus. Mir war, als verstummten alle Geräusche der Nacht. Selbst das leise Stöhnen in den Büschen war nicht mehr zu hören. Nur vom Zoo drang schwach das klagende Heulen eines einzelnen Wolfes herüber.

Ich holte die beiden Ohrringe aus meiner Tasche. Nachdenklich betrachtete ich die Schmuckstücke mit den fünfzackigen Sternen. Das Licht des Vollmondes fing sich im Silber des Schmucks.

Was hatte ich falschgemacht?

Plötzlich zerschnitt ein furchtbares Jaulen die Stille. Der nächtliche Wald schien unter dem Laut zu erbeben. Fast erinnerte der Schrei an den Ruf des Wolfes aus dem Zoo. Nur schien er zu nah, um aus dem Tierpark stammen zu können.

Ich ballte meine Hand, in der sich noch immer die gestohlenen Schmuckstücke befanden, zu einer Faust.

Deutlich vernahm ich das Tuscheln der Männer, die sich überall in den Büschen verbargen. Sie unterbrachen ihren Akt, und flüsternde Hysterie kroch durchs Unterholz. Man roch förmlich den Angstschweiß, der durch überschüssiges Adrenalin freigesetzt wurde. Das stumme Cruising endete abrupt. Wo zuvor noch unterdrücktes, lustvolles Stöhnen zu vernehmen war, wurde nun leise geflucht. Mit bebenden Stimmen raunten sich die Schatten zu: „Was war das?" „Hast du's auch gehört?" „Unheimlich!"

Zweige knackten.

Die Stimmen der Dunkelheit verstummten. Niemand wagte sich zu rühren.

Stille.

Der Geruch von Tierschweiß.

Niemand mochte so recht glauben, daß die schnüffelnden Laute und der scharfe Urindunst vom Zoo herüberdrangen.

Irgend etwas war unter uns. Das lag in der Luft. Ein lang anhaltendes Knurren wand sich durchs Geäst.

Panik.

Ein Schatten löste sich aus der Finsternis. Jemand begann zu laufen, schlug sich blind durchs Unterholz.

Ich sah in Richtung des stürmisch Davonhastenden, während eine dunkle, riesenhafte Silhouette gebückt die Verfolgung aufnahm. Sie sprang.

Ein markerschütternder Schrei zerriß die gespannte Stille. In die Büsche rundherum kam Bewegung. Die Menge flüchtete.

Triumphierend drang das unheimlichste Wolfsheulen, das man sich vorstellen kann, durch die Nacht. Gebannt vor Entsetzen war es mir nicht möglich, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Ein Schatten flog mir entgegen, prallte auf mich.

„Mein Gott, lauf weg!" herrschte mich die Gestalt an. Ich glaubte, blutige Striemen auf seinem Gesicht zu erkennen, doch ehe ich sicher sein konnte, hatte er bereits seine Flucht fortgesetzt. Ich sah ihm nach, wie er im Dickicht verschwand.

Schemenhaft huschte ein hechelndes Geschöpf an mir vorüber. Es folgte dem Mann ins dichte Unterholz.

Ich war wie gelähmt, unfähig mich zu rühren. Unentwegt starrte ich auf die Stelle, an der ich das riesige Ungetüm für einen Moment gesehen hatte.

Ich versuchte mir alles Mögliche einzureden. Doch eine Hälfte meines Hirns, die ich bisher stets für die rationale, logisch denkende hielt, schrie immer wieder dazwischen:

Ein Wolf!

Verdammt, das konnte doch nicht möglich sein! Ich hatte ja schon einige haarsträubende Überfälle auf meinen nächtlichen Expeditionen erlebt. Ich wußte von den Gefahren - kalkulierbaren Gefahren. Der Reiz dieser Unsicherheit war mir stets bewußt. Und für den Ernstfall trug ich ja schließlich auch mein Messer an der Wade. Doch dieser Bursche da eben ... Dieses gräßliche Wesen mit seinem zotteligen, im Mondschein schimmemden Fell hatte nichts mit homophoben Schlägertrupps gemein. Ein in Panik geratener Killer. Durch die Wut, wodurch auch immer verursacht, so unberechenbar gefährlich.

Das mächtige Tier muß aus seinem Gehege ausgebrochen sein. Aber warum verhielt es sich so aggressiv?

Im Gebüsch wurde gekämpft. Das wilde Knurren und Fauchen der Kreatur vermischte sich mit den panischen Hilfeschreien des Angefallenen. Ich griff nach der Lederscheide an meiner Wade und zog das Messer hervor. Mit einem mächtigen Satz sprang ich in den Busch, in dem der Kampf ausgetragen wurde.

Verzweifelt lag der Junge unter dem Tier. Der Wolf hielt ihn mit seinen mächtigen Pranken gefangen. Mit seinen scharfen Reißzähnen zerrte er ihm das Hemd vom Leib.

Mein Messer in der einen Faust, die Ohrringe noch immer in der anderen, sprang ich auf das wilde Tier und riß es von dem Jungen herunter.

Der Wolf lag unter mir, seine großen, finsteren Augen starrten mich abschätzend an.

Es fällt mir schwer, die Gefühle zu beschreiben, die ich in diesem Augenblick hatte. Ich war erregt. Zum Teil aus Furcht. Aber da war noch etwas anderes.

Diese Augen.

Diese herrlich dunklen, funkelnden Augen unter den buschigen Brauen, die sich deutlich vom grauen Fell abhoben.

Ohne daß das Tier sich wehrte, setzte ich ihm die Klinge an die Kehle, bereit, ihm ein rasches Ende zu bescheren. Doch irgend etwas hielt mich zurück.

Ich konnte ihn nicht töten. Keinem Geschöpf mit derart sinnlichen Augen durfte so jäh das Leben genommen werden.

Mir war ähnlich einem déjd-vu-Erlebnis zumute. Diese Augen. Konnten diese wunderschönen, dunklen Augen wirklich einem so wilden Tier gehören? Mir war, als sähe ich sie nicht zum ersten Mal.

Mit einem unerwarteten Ruck befreite sich der Wolf aus meiner Umklammerung. Einer glühenden Peitsche gleich hieb mir die mächtige Klaue durchs Gesicht, und plötzlich spürte ich Blut über meine Wangen rinnen. Der gleich darauf einsetzende Schmerz war entsetzlich. Ich kniff die Augen zu und wischte mir mit dem Ärmel meiner Lederjacke übers Gesicht.

Ich erwartete mit geschlossenen Lidern, daß der Schmerz nachließe. Doch er blieb. Notgedrungen öffnete ich die Augen, um einer erneuten Überraschungsattacke zu entgehen.

Der Junge lehnte wimmernd an einem Baum.

Auf allen vieren vor mir aufgebaut, kostete der Wolf seinen Triumph aus. Die Oberlippe zurückgezogen, so daß die Nase in Falten lag, bleckte er die Zähne und knurrte mich an. Die Bestie senkte die Schultern, und ich konnte das Spiel seiner Muskeln beobachten, als der Wolf zum Sprung ansetzte.

Entschlossen hielt ich mein Messer in der Hand. In der anderen steckte noch immer der Schmuck des dunkelhaarigen Jungen, der so überstürzt geflohen war.

Der Wolf sprang.

Im selben Augenblick riß ich das Messer hoch, und das wütende Tier hechtete direkt in die Klinge. Durch die Wucht des Aufpralls glitt mir die Waffe aus der Hand, blieb aber in der Brust des verwundeten Viehs stecken. Unter Schmerzgeheul rollte der Wolf auf die Seite, richtete sich aber sofort wieder auf und präsentierte mir erneut seine scharfen Fänge im weit aufgerissenen Maul.

Gänzlich entwaffnet lag ich nun vor dem Raubtier und erwartete die nächste Attacke.

Peilen, Ansetzen und Springen waren eins. Urplötzlich befand sich das Untier über mir.

Mit beiden Fäusten drosch ich auf die in Blutrausch geratene Kreatur ein. Ein pochender Schmerz durchströmte meine Glieder, als sich die schneidenden Fangzähne in meine Brust gruben.

Das Messer, das ihm eine tiefe Wunde verursacht hatte, war dem Wolf aus dem Leib gerutscht, doch die Waffe lag in unerreichbarer Ferne.

Ich mobilisierte meine letzten Kräfte und konzentrierte mich auf die Verletzung meines Gegners. Ich hatte nur noch eine einzige Chance: wenn der Wolf verletzbar war, dann nur an dieser einen Stelle.

Das Blut in meinen Augen verschleierte mir die Sicht. Die höllische Bißwunde in meiner Brust loderte einem Feuer gleich. Salzig-heiß schmeckte ich mein eigenes Blut, und würgend kämpfte ich gegen den aufkommenden Brechreiz an.

Ich sog die klare Juninachtluft tief ein, sammelte die letzten verbliebenen Reserven meiner Energie in der Faust, die sich noch immer fest um den Silberschmuck mit dem eingravierten Drudenfuß spannte. Ich holte aus, konzentrierte mich auf die klaffende Wunde meines Gegners. Voller Haß stieß ich zu.

Das schmerzerfüllte Aufheulen der Bestie war infernalisch. Das Gellen glich eher dem eines gequälten Kindes als dem eines Wolfs. Fröstelnder Schauder packte mich. Noch einmal setzte ich an und stieß meine Faust in den Wanst des Tieres, und erneut traf ich genau in die Wunde. Wieder und wieder bohrte ich dem Ungetüm meinen Unterarm mit aller Gewalt in den Riß, den mein Messer ihm verpaßt hatte. Bis zum Gelenk steckte mein Arm im Bauch des verendenden Wolfes. Ich wollte nur noch eins: Mein Gegner sollte leiden. Im Leib des Tieres öffnete ich die Faust, um seine Schmerzen zu steigern.

Wie werde ich jemals dieses qualvolle Heulen vergessen können? Diese traurigen, fragenden Augen. Selbst später, als mich diese tiefschwarzen Augen in meinen Träumen verfolgten, sah ich doch nie eine Anklage oder wahres Leid in ihnen. Nur Trauer und ... war es Dankbarkeit?

Ich weiß nicht, wie lange ich in dieser obszönen Umklammerung mit dem Wolf gelegen hatte. Ich muß ohnmächtig geworden sein, denn ein junger Mann rüttelte mich wach.

„He", fragte er, „ist alles in Ordnung?"

Vernebelten Blickes sah ich ihn neben mir knien. Er besaß das typische Aussehen eines schwulen Parkgängers: stoppeliger Haarschnitt, dunkler Schnäuzer, kariertes Oberhemd mit hochgekrempelten Ärmeln, schwarze Lederhosen. Er war süß.

„Weiß nicht." Dumpf, wie durch ein Wattemeer sickernd, hörte ich meine eigenen Worte. Ich konnte mich halb aufrichten. Ein eindeutiges Lebenszeichen, aber noch nicht Beweis genug für eine vollkommene Unversehrtheit. Durch einen langen, verschleierten Tunnel blickte ich an mir herab: Noch immer steckte mein Unterarm im Wanst des Wolfes. Angewidert zog ich ihn hervor. Beide starrten wir auf die blutverschmierte Faust.

„Dem hast du ganz schön den Garaus gemacht!" Der Junge schaute mich besorgt an.

„Nun, er benahm sich uns gegenüber auch nicht gerade freundlich", spottete ich, und der gedämpfte Klang meiner Stimme ließ nach.

Langsam klappte ich jeden Finger meiner Faust aus. Auf der besudelten Handfläche lag nur noch ein Ohrring. Das Gegenstück mußte also noch in der Wunde stecken. Zu gern besäße ich sie beide komplett, doch mir schauderte davor, dem Kadaver noch einmal in den Bauch zu greifen und zwischen seinen Gedärmen nach dem verlorenen Schmuck zu suchen.

Verwunderung stand in der Miene des Junge: „Was hast du denn da?"

„Einen Talisman. Warst du es, den das Biest da angegriffen hat?"

„Schätze, du hast mir das Leben gerettet." Er starrte betreten in Richtung des flüsternden Baches.

„He, du brauchst jetzt nicht verlegen zu werden. War schließlich Ehrensache.„

„Für die anderen war es scheinbar keine Ehrensache.” Jetzt sah er mich wieder an.

„Mir ging auch ganz schön die Düse. Aber ich hatte immerhin mein Messer, und es handelte sich nicht um einen Trupp halbstarker Schlägertypen, sondern bloß um ein amoklaufendes Tier."

„Wie kann ich dir danken?"

Ich stellte ihm eine Gegenfrage: „Weshalb bist du hergekommen?"

Ihm kletterte verlegene Röte auf die Wangen. Schlagfertig fing er sich aber gleich wieder: „Na, hör mal! Das letzte, worauf ich jetzt nach dieser Aktion hier könnte, wäre ein Quickie neben einer Wolfsleiche."

„Okay, kann ich dich dann zu einem Kaffee bei mir einladen? Ich finde, wir haben uns einen verdient."

Meinem Gegenüber wuchsen die Mundwinkel zu einem aufmunternden Lächeln. Zustimmend nickte er leicht.

„Na schön, gehn wir! Hilfst du mir hoch?"

Uns gegenseitig stützend erhoben wir uns vom feuchtlaubigen Waldboden. Der Kampf hatte uns mächtig mitgenommen. Noch einmal wendeten wir uns nach dem verendeten Wolf um.

„Das darf es doch nicht ..." Stammelnd faßte mich mein Partner bei der Schulter, denn ein unglaubliches Schauspiel bot sich unseren verwunderten Augen.

Mit dem Tierkörper vollzog sich eine geheimnisvolle Wandlung. Der graue Pelz wich langsam zurück und machte menschlicher Haut Platz.

Mich fröstelte bei diesem Anblick.

„Verstehst du das?" stammelte der Junge.

„Ich sehe es, und doch kann ich's nicht glauben."

Die tierischen Konturen wurden geschmeidiger; der Wolf wandelte sich zum Menschen. Nackt lag er vor uns im Laub.

Vorsichtig, so als hätte ich vor irgend etwas Angst, pirschte ich mich an den Toten heran. Langsam hockte ich mich nieder und drehte ihn aus seiner unnatürlichen Krümmung auf den Rücken.

Ich sah ihm ungläubig ins Gesicht. Es war nicht das erste Mal, daß ich in diese tiefdunklen Augen blickte. Die dicht zusammengewachsenen Brauen und die schwarzen Koteletten waren mir vertraut. Es war der Junge, dem ich die Ohrringe abgenommen hatte. Die Pentagramm-Ohrringe, die ihn in seinen menschlichen Körper gebannt hatten. Das Silber, das ihn in seiner Wolfsgestalt tötete.

Die Leiche deckten wir mit Laub ab. Irgendwie erschien uns das richtiger, als ihn einfach so nackt dort liegenzulassen. Wir beschlossen, der Polizei nicht Bescheid zu geben. Wie sollten wir den Mord denn auch erklären, ohne daß man uns dafür einsperrte? Die Geschichte mit dem Werwolf würde uns doch niemand abnehmen.

Irgendein Spaziergänger würde den Toten am nächsten Tag schon finden. Es hatte in den vergangenen Monaten bereits so viele Morde in dieser Gegend gegeben, wahrscheinlich gingen alle auf das Konto dieser Bestie. Nun war es vorbei. Er selbst war sein letztes Opfer. Ein letztes Mal noch wird sich die Presse an dem Fall kräftig aufreißen, dann würde es allmählich wieder ruhiger werden, und diese Bluttaten gerieten in Vergessenheit. Die Spaziergänger werden wieder ihre Hunde durch die Eilenriede führen, und die Schwulen weiter im Park hinter Büschen ficken. Die Welt dreht sich eben weiter.

Schweigend gingen wir zum verlassenen Parkplatz. Außer meinem Wagen stand kein einziges Fahrzeug mehr auf dem Platz. Der Junge legte sein Fahrrad in meinen Kofferraum, und stumm fuhren wir zu meiner Wohnung. Zu viele Fragen gingen uns durch den Kopf.

Während er duschte, kochte ich einen extra starken Kaffee. Ich legte ihm ein paar frische Sachen von mir raus und nahm anschließend, als das Bad wieder frei war, selbst eine heiße Dusche, um das Blut und den Tiergestank loszuwerden. Unter den brausenden Wasserstrahlen untersuchte ich meinen Körper nach den Wunden, die mir das Ungeheuer verpaßt hatte. Es fühlte sich anfangs wohl schlimmer an, als es in Wirklichkeit war. Der Werwolf hatte mich bloß ein wenig gezwickt. Ich besaß überhaupt keine offenen Wunden, bloß ein paar Kratzer und einen fast sternförmigen blauen Fleck auf meiner Brust. War wohl mehr der Schock, der mich anfangs Schlimmeres hatte vermuten lassen.

Nach der Dusche fühlte ich mich bereits viel besser. Ich zog mir Jeans und T-Shirt über und ging in die Küche.

Der Junge sah längst nicht so frisch aus wie ich. Niedergeschlagen saß er am Küchentisch und starrte in seinen Kaffee, der Dampf stieg ihm ins Gesicht und verbreitete einen wohligen Duft in der Küche. Ich trat hinter seinen Stuhl und massierte ihm sanft die verspannten Schultern.

„Was ist denn?" versuchte ich ihn aufzulockern. „Es ist überstanden."

„Findest du?" Er wendete seinen Kopf halb zu mir um, dann beichtete er mir: „Er hat mich gebissen."

Ich streichelte ihm liebkosend übers Gesicht: „Jetzt ist er ja tot. Er wird dir nichts mehr tun."

„Das glaube ich nicht."

„Aber du hast doch gesehen, daß er tot ist."

„Ja schon", druckste er und drehte sich noch ein wenig mehr herum, so daß wir uns in die Augen sahen. „Ich weiß, daß er tot ist. Aber der Fluch stirbt nicht."

Mitleidig sah ich ihn an; offensichtlich stand er noch unter Schock.

„In den Legenden heißt es", erklärte er weiter, „wen ein Werwolf in seinem unersättlichen Hunger beißt, den infiziert er gleichzeitig. Der Gebissene wird dann selbst zum Werwolf."

Ich versuchte ihn zu trösten: „Du glaubst doch nicht etwa an diese Märchen."

„Daß es Werwölfe gibt, habe ich bisher auch nicht geglaubt."

Darauf wußte ich nun allerdings auch nichts mehr zu erwidern. Irgendwie wollte ich ihn von diesem Thema abbringen: „Wie heißt du eigentlich?"

„Tibor."

„Ich heiße Leon."

Ratlos sah ich mich in der Küche um. Womit konnte ich ihn bloß ablenken, damit wir nicht mehr über das Erlebnis sprachen. Der Ohrring fiel mir ein. Das silberne Schmuckstück mit dem eingravierten Drudenfuß steckte noch in der Hosentasche, die ich zur Schmutzwäsche getan hatte.

„Warte mal!" Ich verschwand ins Bad und kehrte sogleich mit dem Anhänger zurück. Andächtig setzte ich mich zu ihm an den Küchentisch und legte den Ohrring auf die Tischplatte.

„Den schenke ich dir", sagte ich.

„Deinen Talisman?"

„Er wird den Fluch von dir fernhalten." Darauf beugte ich mich vor und küßte ihn sanft auf den Mund.

Tibor blieb die Nacht über bei mir. Ich hatte keine Lust, ihm noch das Sofa zurechtzumachen, und so nahm ich ihn kurz entschlossen mit in mein Bett. Außerdem fanden wir uns ja auch beide so anziehend, daß es wohl albern gewesen wäre, getrennt zu schlafen. Sex hatten wir allerdings nicht miteinander. Dazu waren die vergangenen Stunden zu aufregend gewesen. Aber es war gut, jetzt jemanden bei mir zu haben, seine Nähe zu spüren.

Wir konnten lange nicht einschlafen, erzählten uns stattdessen viel über alte Mythen und Legenden. Keiner von uns hätte je an die Existenz derartiger Fabelwesen geglaubt.

Veränderungen

Am frühen Nachmittag wachten wir auf. Nach dem Frühstück beschlossen wir, den Tag gemeinsam zu verbringen. Es war Samstag. Mein Kühlschrank war fast leer, und so beschlossen wir, einkaufen zu gehen.

Ich liebe diese Junitage, wenn die Luft angenehm warm ist und zum Spazieren einlädt. Die Menschen sind einfach freundlich zueinander. Kinder spielen lärmend auf Hinterhöfen. Junge Vögel zwitschern mit ihren nie satt zu bekommenden kleinen Mäulern erwartungsvoll ihren schwer arbeitenden Eltern entgegen. Parkanlagen und Grünflächen schmücken sich mit ihren prächtigsten Sommergewändern. Nur freundliche Gedanken durchziehen das Gemüt.

Auch auf Tibor und mich wirkte der Zauber der Natur. An Werwölfe, Mord und Verfluchungen dachten wir nicht mehr.

Mit einem Einkaufskorb, in dem zwei Jutetragetaschen lagen, schlenderten wir die Straßen entlang. Der Supermarkt war nicht weit von meiner Wohnung entfernt und schnell erreicht. Im Inneren schlug uns die gewohnte Kühle, vermischt mit dudelnder Tonbandmusik entgegen, die nur von gelegentlichen Sonderangebotsdurchsagen unterbrochen wurde.

Während wir unseren Einkaufswagen beluden, diskutierten wir über die Schwulenpolitik, das Für und Wider schwuler Ehen, Coming-out und alles Mögliche. Schamlos zogen wir über die aus unserer Sicht zu biedere Heterowelt her. Es bereitete uns einen Mordsspaß, wenn wir bemerkten, daß andere Einkäufer, die Fetzen unserer Unterhaltung aufschnappten, uns pikiert nachstarrten. Völlig ungeniert grinsten wir uns dabei an, denn die Umwelt war uns egal. Alles, was zählte, waren Tibor, ich und dieses gewisse Flimmern zwischen uns.

„Erzähl doch mal", forderte ich Tibor lachend auf. „Wie war das bei dir? Das erste Mal, meine ich."

„Einfach geil!" prustete er heraus, faßte sich dann aber wieder und begann zu erzählen.

„Ich ging in die achte Klasse. Zu mehr als Hauptschule hat's bei mir nicht gereicht. Ich dachte damals schon fast ausschließlich an Sex, wahrscheinlich hat das meinen Lernfluß so stark beeinträchtigt. In meiner Klasse war ein Typ, Torsten hieß der. Auf den fuhren alle Mädchen voll ab."

Ich nahm ein Bund Frühlingszwiebeln aus der Auslage und warf es zu der anderen Ware in den Einkaufswagen, während Tibor weitererzählte.

„Auch ich fühlte mich von Torsten unglaublich angezogen. Ich wußte damals noch nichts von meiner tragischen Veranlagung. Wahrscheinlich wollte ich ihn nur als guten Kumpel. Doch wenn ich ehrlich bin, glaube ich, daß ich damals schon im Unterbewußtsein irgendwie geil auf ihn war. Wie gesagt, ich war dauerscharf, und das Petting mit dem Mädchen, mit dem ich ging, brachte es irgendwie auch nicht. Torsten und ich freundeten uns an, unternahmen sehr viel zusammen, und wie das so üblich ist, übernachtete er dann auch mal bei mir. Hätte ich meine Eltern gefragt, ob meine Freundin über Nacht bleiben darf, wäre das was anderes gewesen. Grins doch nicht so, Leon. Ich hatte damals tatsächlich ein Mädchen, bin ihr sogar mal mit dem Finger in die Möse gegangen. War aber irgendwie nicht der Hammer."

„Skandalös!" warf ich gespielt empört ein. Ich nahm zwei Pakete Nudeln in die Hand und verglich die Preise. Das billigere warf ich in den Einkaufswagen und legte das andere zurück ins Regal.

„Torsten übernachtete also bei mir. Ich hatte damals neben meinem Zimmer auch noch ein Spielzimmer auf dem ausgebauten Dachboden. Dort oben stand meine Modelleisenbahn, ein Tischfußballspiel und ein altes Bauembett. Das Bett hatten wir nach dort oben gebracht, als ich in meinem Zimmer unten ein Wandschrankbett bekommen habe. So konnte ich an den Wochenenden auch oben schlafen.

Auf den Boden gelangte man über eine ausziehbare Scherentreppe aus Metall, die immer unheimlich knarrte, wenn man sie betrat. Das hatte den Vorteil, wenn ich oben heimlich rauchte, wurde ich durch das Geräusch der Leiter immer vorgewarnt.

Torsten schlief auf dem Bett. Ich hatte mir daneben eine Matratze gelegt. Wir quatschten die halbe Nacht.

Auch wenn die Wände des Dachbodens gut verkleidet waren, konnte es nachts dort oben ziemlich kühl werden, da es keine Heizung gab. Torsten hatte ich das dicke Federbett gegeben, mir blieb nur eine dünne Steppdecke. Ich fror. Torsten bot mir an, bei ihm mit unterzuschlüpfen, und dankend nahm ich sein Angebot an. Es dauerte auch nicht lange, da fummelten wir aneinander rum. Ich spürte, wie er einen Harten bekam, und auch bei mir regte sich was. Um uns gegenseitig zum Orgasmus zu bringen, waren wir entweder zu schüchtern oder einfach zu doof. Jedenfalls lag ich kurz darauf wieder auf meiner eigenen Matratze, und jeder brachte für sich das zu Ende, was wir gemeinsam begonnen hatten.

Torsten schlief bald darauf ein. Ich tat den Rest der Nacht kein Auge mehr zu. Bis in die frühen Morgenstunden lag ich wach und starrte die Zimmerdecke an. In meiner Phantasie malte ich mir den Sex mit Torsten in den buntesten Farben aus. Ich fragte mich, wieso wir nicht weitergemacht und all das ausprobiert hatten, worüber die Jungs auf dem Schulhof so oft redeten.