GEBETE FÜR DEN ATTENTÄTER - Robert Ferrigno - E-Book

GEBETE FÜR DEN ATTENTÄTER E-Book

Robert Ferrigno

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9,99 €

Beschreibung

Seattle im Jahre 2040: Die Space Needle, das Wahrzeichen der Stadt, liegt gesprengt und zerstört am Boden. Verschleierte Frauen eilen durch geschäftige Straßen. Die Minarette der Moscheen dominieren Seattles neue Skyline. Die einstigen Großstädte New York und Washington D.C. sind Sperrgebiete: menschenleer, öde und radioaktiv verseucht. An den Grenzen der Islamischen Republik kämpfen christliche und islamistische Armeen um die Kontrolle, während die Rebellen im Untergrund für Freiheit und freien Willen zu Felde ziehen. Die mutige Rebellin Sarah Dougan ist eine hübsche Historikerin, die auf gefährliche Informationen stößt, die für die neuetablierten Kräfte der Nation gefährlich sind und ihren Sturz herbeiführen könnten. Als sie unter geheimnisvollen Umständen verschwindet, ruft der Chef des Staatsschutzes der Islamischen Republik von Amerika ihren geheimen Liebhaber und einstigen Elitekämpfer Rakkim Epps zu Hilfe, um sie zu finden. Aber Rakkim wird von Darwin verfolgt, einem brillanten Psychopathen. Um zu Überleben, muss sich Rakkim Darwin stellen. Es entbrennt ein spannender Kampf auf Leben und Tod, eine aufregende, atemberaubende und blutige Jagd, um Sarah zu finden und ihr zu helfen, der ganzen Welt eine schockierende Wahrheit zu verkünden.

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EPUB

Seitenzahl: 764

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Robert Ferrigno

GEBETE FÜR DEN ATTENTÄTER

Bucheinband.de

Ines Neumann

2013

©Mark Stutzman

Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel „Prayers For The Assassin“

1. Auflage 2013

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe by

Robert Ferrigno 2006

Copyright © der deutschen Ausgabe by

Bucheinband.de, Ines Neumann 2013

Übersetzung aus dem Amerikanischen:

Gunter Olschowsky,

Angelika Timme

Umschlagentwurf: Jiuling Pasternak

Gesamtherstellung: Bucheinband.de

ISBN der Taschenbuchausgabe: 978-3-938293-35-5

ISBN der eBook-Ausgabe: 978-3-938293-36-2

Printed in Germany

2013

Für die Dürstenden,die am Traum von Wasser festhaltenEin fallendes Kamel lockt viele Messer an

altes arabisches Sprichwort

PROLOG

Es war schon verrückt, in der Mitte des Parkplatzes eines geplünderten Walmart-Kaufhauses zu liegen. Eins seiner Beine lag völlig verdreht unter seinem Körper, während er in den Himmel starrte. Jason ging gewöhnlich zum Walmart, wenn er Jeans, DVDs oder Frosties von Kelloggs kaufen wollte. Jetzt lag er hier im Sterben. Krähen schwebten von den Lichtmasten herab, schwarze Flügel, die durch sein Gesichtsfeld flatterten. Mit jedem Tag schienen sie größer zu werden. Und kühner. Sterben war gar nicht so schlimm. Zuerst hatte er Schmerzen gespürt, unerträgliche Schmerzen, aber jetzt nicht mehr. Ein Segen, denn er war alles andere als mutig. Er hatte Angst vor Spinnen, Zahnärzten und hübschen Mädchen, aber vor allem vor dem Alleinsein. Jetzt hatte er auch davor keine Angst mehr. Im Heiligen Krieg zu sterben, bedeutete den sofortigen Einlass ins Paradies. Das hatte Trey jedenfalls gesagt, und der kannte den Qur’an viel besser als Jason. Trey sagte, das einzig Wichtige sei, dass er, Jason, sein Glaubensbekenntnis ablege – Es gibt keinen anderen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Bote – und alles andere fände sich dann von selbst.

Trey war nun tot. Ein Scharfschütze der Rebellen hatte vor drei Wochen seine Brust durchlöchert, während sie auf Newark zumarschierten. Jason hatte sich über ihn gebeugt, seine Hand gehalten und ihn angefleht, nicht zu sterben. Aber Trey war bereits tot. Nur seinen überraschten Gesichtsausdruck hatte er zurückgelassen. Der Sergeant hatte der Einheit befohlen weiter vorzurücken, aber Jason hatte sich geweigert. Er hatte gesagt, dass er sichergehen wolle, dass Trey ein angemessenes Begräbnis bekäme, und der Sergeant, ein ehemaliger Buchhalter bei H&R Block, hatte schließlich nachgegeben und den Zug ohne ihn weitermarschieren lassen. Sie alle waren neue Muslime, wie Jason, und sehr unsicher. Jason hatte gewartet, bis das Totenkommando Trey in ein weißes Tuch gehüllt hatte, und dann beim Ausschaufeln des Grabes geholfen. Als er mit seiner Einheit wieder zusammentraf, war auch der Sergeant tot. Und jetzt war es an Jason zu sterben. Nur reichte jetzt das übrig gebliebene weiße Tuch nicht mehr für alle. Allah wird das verstehen. Da gab es noch etwas, was Trey ihm immer gesagt hatte – wenn ihn wieder einmal böse Gedanken quälten, weil er nach wie vor Schweinekoteletts und Schweineschinken liebte – lies in deinem Heiligen Qur’an, Allah wird alles verstehen.

Jason konnte jetzt kaum noch etwas sehen, aber das machte nichts. Er hatte genug gesehen. Der Parkplatz war mit Leichen übersät. Ganz Newark glich einem Totenacker. Zivilisten und Soldaten, Muslime vermischt mit Rebellen aus dem Bibelgürtel. Amerikaner gegen Amerikaner. Beide Seiten bekriegten sich in ihrer eigenen Arena und kämpften um jede Autobahn oder das kleinste Einkaufszentrum. Im ganzen Land brannten die Städte. In der vergangenen Woche hätten die Rebellen zwei- oder dreimal Newark einnehmen können, wäre da nicht Major Kidd gewesen, ein schwarzer Riese, der alle Truppen um sich scharte und den Sturmangriff selbst anführte. Er ignorierte einfach die Kugeln, die ihn umschwirrten. Er war absolut furchtlos.

Jason war nur froh, dass man ihn nicht an die Nashville-Front beordert hatte. Seine Leute waren vor vielen Jahren von dort nach Detroit gezogen, um in den Autofabriken zu arbeiten. Es gab da noch Verwandte in Tennessee, eine Familie, die wahrscheinlich für die andere Seite kämpfte.

Die Zeiten im Bibelgürtel waren genauso hart geworden wie anderswo in den Jahren vor dem Übergang. Die Menschen waren entweder arbeitslos oder befürchteten, es zu werden. Fabriken und Schulen wurden geschlossen. Die Kinder hungerten. Das führte allerdings nicht dazu, dass sich etwas an ihrer Einstellung änderte. Sie wurden einfach nur sturer. Die einzigen Orte, die während dieser schweren Zeit Trost spendeten … die einzigen Orte, die Antworten gaben, waren die Moscheen. Das konnte jeder sehen. Der Rest des Landes lenkte entweder ein, konvertierte oder machte wenigstens mit, eine Ausnahme bildeten die Leute unten im Süden. Sie hielten an ihren alten Traditionen und ihrer alten Religion fest. Aus diesem Grund brachte Jason es trotz allem nicht fertig, die Rebellen zu hassen. Er verstand sie. Sie liebten ein Land, das sie im Stich gelassen hatte, ein Land, das es nicht mehr gab, aber welches sie dennoch liebten. Heiliger Krieg hin oder her … man musste das respektieren.

Selbst Redbeard hätte dem zugestimmt. Der stellvertretende Direktor des Staatsschutzes war ein redlicher Krieger, aber er verstand das. Die Loyalität der Rebellen war deplatziert, aber Redbeard sagte, dass eine solche Loyalität ehrenwert sei und ihre bevorstehende Konvertierung desto süßer mache. Jason hatte ihn überall im Fernsehen gesehen. Die Soldaten liebten ihn fast genauso sehr wie Major Kidd. Viele Politiker wollten den Bibelgürtel bis auf den Grund niederbrennen, aber Redbeard brachte sie mit seinem Brüllen zum Schweigen. Gebaut wie ein Bulle mit wütenden Augen und einem Bart von der Farbe eines Waldbrandes … kein Wunder, dass seine Feinde vor ihm Angst hatten.

Inzwischen war es stockdunkel geworden. Allerdings war Jason nicht allein. Er hörte das Schlagen großer Flügel und wiederholte still vor sich hin sein Glaubensbekenntnis. Für den Glauben zu sterben hieß, dass alle jungfräulichen Bräute, die er sich nur vorstellen konnte, im Paradies ihm gehörten. Jason war nicht jemand, der mit Allah stritt, aber irgendwie hoffte er, dass wenigstens eine oder zwei von ihnen etwas Erfahrung hätten, denn ganz sicher, davon hatte er nicht viel. Wäre nett, wenn sie auch einen High-School-Abschluss hätten. Er wäre jetzt dort im vierten Jahr, in der Abschlussklasse 2017. Auf dem Foto im Jahrbuch würde er das Jackett der Abschlussbesten tragen … das wäre wirklich etwas gewesen. Etwa so, wie wenn Trey Inshallah sagte, was für ihn so viel bedeutete wie Was soll’s! Das Geräusch der Flügel wurde jetzt lauter. Er vernahm das Flattern der Engel, die gekommen waren, ihn nach Hause zu holen.

1. Kapitel

Fünfundzwanzig Jahre später

Die zweite Halbzeit des Super Bowl begann unmittelbar nach den Mittagsgebeten. Die Fans im Khomeini-Stadion hatten ihre rituellen Waschungen beendet, sich schwerfällig zu Boden fallen lassen und die Füße auseinandergespreizt, ohne dabei mit der Stirn den Boden zu berühren. Nur der Sicherheitsposten auf dem oberen Laufgang hatte seine Andacht mit dem gebührenden Respekt ausgeführt. Er war einer der älteren Männer, mit einem Gesicht voller Narben. Seine Bewegungen waren gelassen und präzise, die Finger hielt er zusammen, die Zehen nach vorn gestreckt in Richtung Mekka.

Der Posten bemerkte, wie ihn Rakkim Epps beobachtete und hielt inne. Doch dann sah er den Fedajin-Ring an Rakkims Finger, verbeugte sich und segnete ihn. Rakkim, der seit über drei Jahren nicht mehr gebetet hatte, gab den Segen mit gleicher Aufrichtigkeit zurück. Nicht einer unter Tausenden hätte den einfachen Titanring bemerkt, aber der Posten war einer der Frühkonvertierten. Er gehörte zu dem harten Kern von Männern, die alles riskiert hatten und nichts anderes als Gegenleistung erwarteten als den Einlass ins Paradies. Rakkim fragte sich, ob der Posten immer noch glaubte, dass der Krieg es wert gewesen sei.

Rakkim schaute an dem Posten vorbei und sah, wie die Gläubigen zurück auf ihre Plätze eilten. Aber von Sarah immer noch keine Spur. Ein paar Gangreihen weiter oben entdeckte er Anthony Jr., die Stufen nach oben gehend. Die neue, orangefarbene Bedouin-Jacke, die er trug, musste seinen Vater einen kompletten Wochenlohn gekostet haben. Anthony Sr. verwöhnte ihn viel zu sehr. Es war immer das Gleiche; auch die härtesten Bullen hatten einen weichen Kern. Rakkim konnte aus seinem Blickwinkel Kuppeldächer und Minarette sehen, die wie Tupfer die umgebenden Hügel sprenkelten. In der Ferne sah er die gesprengte Space Needle, die jetzt ein Militärmuseum war. Im Zentrum drängten sich gläserne Wolkenkratzer und Wohnhochhäuser mit Satelliten-Schüsseln auf den Dächern. Im Süden überragte das neue Kapitol alle anderen Gebäude. Es war zweimal so hoch wie das alte in Washington D.C. Daneben befand sich die Moschee des Großkalifen mit ihren schimmernden blaugrünen Mosaiksteinen. Auf der Tribüne darunter sah er, wie die Gläubigen ihre Einweg-Gebetsteppiche hinter den Rückenlehnen verstauten und die Katholiken so taten, als bemerkten sie es nicht. Er konnte alles sehen, nur nicht Sarah. Wieder ein gebrochenes Versprechen. Noch eine Chance, ihn zum Narren zu halten, würde er ihr nicht geben. Das hatte er allerdings auch beim letzten Mal gesagt, als sie ihn sitzen ließ.

Dreißig Jahre alt, von durchschnittlicher Statur, geringfügig schwerer, seit er die Fedajin verlassen hatte, aber immer noch schlank und drahtig. Rakkims dunkles Haar war kurz geschnittenen, Oberlippenbart und Ziegenbärtchen waren getrimmt, die Gesichtszüge kantig, fast maurisch, ein Vorteil seit dem Übergang. Und ein schwarzes Käppchen. Er schlug seinen Kragen hoch, um sich vor der Feuchtigkeit Seattles und dem Wind des Sunds zu schützen, der den Geruch von totem Fisch der vor einer Woche verursachten Ölpest mit sich brachte. Er fühlte das Messer in seiner Tasche mit der Klinge aus kohlefaserverstärktem Kunststoff, das unentdeckt durch jeden Metalldetektor gelangte. Aus demselben Kunststoff waren auch die Spitzen seiner Stiefel.

Ein Geschmetter von Blasmusik war nun zu hören, als die Cheerleader die Seitenlinien entlang stolzierten – natürlich waren alle Männer, sie rissen die Knie hoch und ließen die Schwerter über den Köpfen aufblitzen. Die Bedouins und die Warlords strömten aufs Feld. Die Menge sprang von den Sitzen und jubelte ihnen zu. Rakkim schaute sich ein letztes Mal nach Sarah um. Er erblickte den Sicherheitsposten. Irgendetwas hatte dessen Aufmerksamkeit erregt. Rakkim folgte seiner Blickrichtung und er fing an zu laufen, immer schneller. Er nahm zwei Stufen auf einmal. Er erwischte Anthony Jr. gerade noch rechtzeitig, als dieser die verlassene oberste Ebene erreichte. Es gab hier einen Notausgang in einem toten Winkel, den die Überwachungskameras nicht erfassten und der auf keinem öffentlichen Bebauungsplan verzeichnet war. Der Junge war ein lausiger Dieb, aber dass er den Ausgang kannte, ließ auf Planung schließen.

„Was machst du hier, Rakkim?“, versuchte sich Anthony Jr. herauszuwinden, ein muskelbepackter Teenager mit einem Kapuzensweatshirt, in Kampfstellung und gekränktem Stolz. „Fass mich nicht an!“

„Böser Junge.“ Rakkim schlug ihm die Brieftasche auf die Nase, die der Junge gerade geklaut hatte. Anthony Jr. hatte noch nicht einmal bemerkt, wie Rakkim sie ihm abgenommen hatte, und tastete sein Sweatshirt ab, um sicher zu sein, dass sie wirklich weg war. Rakkim schlug ihn erneut, diesmal härter. „Wenn die Polizei dich schnappt, bleibt diese Schande an deinem Vater hängen. Wenn die Schwarzkittel dich kriegen, verlierst du eine Hand.“

Anthony Jr. hatte die kampflustige Art seines Vaters. „Ich will mein Geld.“ Rakkim packte ihn am Genick und stieß ihn in Richtung Ausgang. Als Rakkim sich umdrehte, hatte auch der Sicherungsposten mit dem Narbengesicht die oberste Ebene erreicht. Rakkim hielt ihm die Brieftasche hin. „Der junge Bruder hat das hier gefunden und wusste nicht, wo er es zurückgeben sollte. Vielleicht können Sie das für ihn tun.“

„Ich habe gesehen, wie er sie gefunden hat. Sie war in die Tasche eines Händlers gefallen.“

„Der junge Bruder muss sehr gute Augen haben, um sie dort gesehen zu haben“, sagte Rakkim.

Das Gesicht des Sicherungspostens verzog sich vor Belustigung, und für einen Moment war er hübsch. Er nahm die Brieftasche.

„Geh mit Gott, Fedajin.“

„Welche andere Wahl haben wir denn?“ Rakkim begab sich zurück zu seiner VIP-Loge. Anthony Colarusso Sr. schaute nicht auf, als Rakkim sich neben ihn setzte.

„Ich habe mich schon gefragt, ob du zurückkommen wirst.“ Er hatte sich einen weiteren Hotdog mit allem, was dazugehört, besorgt, den er zum Mund führte, während Würzsauce heraustropfte und kleingehackte Zwiebelstücke auf seinen Schoß fielen.

„Jemand muss doch hier sein, um den Heimlichgriff anzuwenden, bevor du erstickst.“

Colarusso nahm einen weiteren Bissen von seinem Hotdog. Er war ein untersetzter Polizeibeamter mittleren Alters mit schwermütigen Augen und einem stets grollenden Hängebauch. Von seinen haarigen Fingern tropften kleine Senfgemüsestücke. Die VIP-Logen im Stadion waren für politische Journalisten, Firmensponsoren und hochrangige Militärs, wobei Fedajin bevorzugt behandelt wurden. Als einfacher hiesiger Polizist und dazu noch Katholik wäre Colarusso nie in diesen Sitzbereich gelangt, wäre er nicht Rakkims Gast gewesen.

Der Quarterback der Bedouins schnappte sich das Anspiel, ruderte zurück, den Ball eng gegen sein Ohr haltend. Er machte eine Wurfbewegung mit seinem Arm und ließ den Ball zu seinem Receiver fliegen. Die Hände so groß wie Palmenwedel, aber so schnell, dass deren Bewegungen kaum wahrnehmbar waren. Der Pass schwebte in Richtung Wolken. Der Receiver sprintete los und ließ seine Verfolger hinter sich. Aber genau in dem Moment, als der Ball seine ausgestreckten Fingerspitzen berührte und er ihn sich greifen wollte, verfing sich einer seiner Stollenschuhe im Rasen und brachte ihn mit dem Gesicht voran zu Fall. Der Ball dribbelte aus seiner Hand.

Buh-Rufe schallten durch das Stadion. Rakkim schaute wieder zurück auf den Rang. Immer noch kein Anzeichen von Sarah. Er setzte sich hin. Sie kam nicht. Nicht heute, auch nicht an irgendeinem anderen Tag. Er boxte gegen den leeren Sitz vor sich und riss ihn dabei fast aus seiner Verankerung.

„Ich wusste gar nicht, dass du so ein Bedouins-Fan bist, Kämpe“, sagte Colarusso.

„Ja … sie brechen mir das Herz.“

Der Receiver lag zusammengekrümmt auf dem Rasen, während das Aufstöhnen der Bedouins-Fans durch das Stadion hallte. Rakkim vernahm sogar ein paar Flüche. Ein dürrer Typ der Schwarzkittel, der religiösen Polizei, aus dem angrenzenden Sitzbereich der Fundamentalisten begann sich umzuschauen. Er war ein Vertreter der Religionspolizei mit einem engen schwarzen Turban. Sein Bart war nicht getrimmt und glich einem Brombeergestrüpp. Er rutschte auf seinem Sitz hin und her, seine Robe wogte leicht. Er versuchte den Übeltäter zu entdecken. Er erinnerte Rakkim an einen wütenden Tintenfisch. Die Augen des Religionspolizisten waren jetzt auf Colarusso gerichtet und dessen mit Senf verschmierten grauen Anzug.

„Ich glaube, dieser Eunuch ist in dich verliebt, Anthony.“

Colarusso wischte sich den Mund mit einer Serviette ab. „Red nicht so laut.“

„Das ist doch ein freies Land, Officer … oder?“

Das war es immer noch. Der größte Bevölkerungsanteil bestand aus Muslimen, aber die meisten von ihnen waren Gemäßigte und sogar noch mehr von ihnen weltlich Moderne, die zwar zu den Gläubigen zählten, aber nicht den Eifer der Fundamentalisten besaßen. Obwohl die Hardliner in der Minderzahl waren, sicherte ihnen ihr skrupelloses Vorgehen die politische Macht, was völlig im Missverhältnis zu ihrer eigentlichen Anzahl stand. Der Kongress hatte versucht sie durch erhöhte Budgets für den Bau von Moscheen und religiösen Schulen zu besänftigen, aber den Ayatollahs und ihren Gesetzeshütern der öffentlichen Tugend, den Schwarzkittel, war das nicht genug.

Der Receiver stand langsam auf. Blut tropfte von seinem Gesicht. Der Stadionbildschirm zeigte, wie er einen roten Sprühregen unter donnerndem Applaus aushustete.

„Ich erinnere mich, dass Football-Helme einst einen Gesichtsschutz hatten“, sagte Colarusso.

„Wo bleibt da die Ehre?“, fragte Rakkim. „Bei einem harten Schlag würde nicht einmal Blut fließen.“

„Ja, gut … früher ging es nicht in erster Linie um Blut.“

Der Religionspolizist schaute jetzt zu den Moderaten auf den nicht überdachten Plätzen: junge Berufstätige in Jeans und Röcken, Frauen und Männer, die beieinandersaßen. Die Schwarzkittel besaßen nur Macht über die Fundamentalisten, aber in jüngster Zeit hatten sie auch damit begonnen, Katholiken zu schikanieren oder warfen Steine auf Moderne wegen öffentlicher Zurschaustellung ihrer Zuneigung. Fundamentalisten, die die Gemeinschaft verließen, wurden als Abtrünnige behandelt – sie riskierten Verunstaltungen oder Tod in den ländlichen Gegenden, und selbst in den weltoffeneren Städten wurden sie von ihren Familien geächtet.

Der Super Bowl Zeppelin schwebte über dem Stadion. Die Flagge der Islamischen Staaten von Amerika schmückte das Luftschiff, identisch mit dem Banner des alten Regimes, nur dass jetzt der goldene Halbmond die Sterne ersetzte. Rakkim verfolgte den weiteren Flug des Luftschiffes, während es langsam in die Nachmittagssonne stieg. Trotz der Schwarzkittel schnürte es ihm beim Anblick der Flagge immer noch die Kehle zu.

„Schau, wer hier ist“, sagte Colarusso und zeigte auf eine noble VIP-Loge mit Politikern, Schauspielern und Ayatollahs. „Das ist doch dein alter Befehlshaber dort?“

General Kidd, der Befehlshaber der Fedajin, grüßte in die TV-Kameras für das Publikum vor den Fernsehschirmen zu Hause. Ein Einwanderer aus Somalia, der in seiner einfachen blauen Uniform prächtig aussah. Sein Gesichtsausdruck wirkte ernst. Neben ihm stand Mullah Oxley, der Chef der Schwarzkittel, mit Juwelen bestückten Fingern, einer seidenen Robe und einem Bart, der einem Nest aus öligen Locken glich. Ein vollprotziges Arschloch. Sie gaben beide ein unpassendes und zugleich beunruhigendes Paar ab. Noch vor drei Jahren, als Rakkim aus dem militärischen Dienst ausschied, hätte sich General Kidd niemals neben Oxley oder irgendeinem Politiker gesetzt, abgesehen vom Präsidenten. Die Fedajin waren damals noch unabhängig und nur ihrer Führung oder den Bedürfnissen der Nation verantwortlich. Das war vor drei Jahren.

„Für mich sieht der General echt toll aus.“ Colarusso legte seinen Hotdog weg. „Selbst an meinem besten Tag, jung und voller Manneskraft, hätte ich in eurer alten Truppe keine fünf Minuten überdauert.“

Die Fedajin waren die Elitetruppen der Islamischen Republik, die meistens in kleinen Kommandos bei verdeckten Operationen im Bibelgürtel eingesetzt wurden. Die Splitterstaaten der alten Konföderation verfügten über ein beträchtliches Arsenal an Nuklearwaffen, und nur das Gleichgewicht der Bewaffnung verhinderte einen totalen Krieg zwischen beiden Nationen. Stattdessen gab es ständige Scharmützel unterhalb der Kriegsschwelle, Angriffstests und Finten, dennoch tödliche Gefechte ohne jeglichen Pardon.

„Die Besten der Besten“, deklamierte Colarusso weiter. „Verdammt, die würden mich noch nicht mal durch die Tür lassen.“

„Was willst du, Anthony?“

Colarusso zappelte unruhig hin und her. „Anthony Jr. will sich bei den Fedajin bewerben. Er ist neunzehn und spricht nur noch von den Fedajin und diesem Exerzierschritt der Killer-Elite. Er ist jetzt im Fitnessstudio und arbeitet an seinen Muskeln, anstatt hier mit seinen Kumpeln das Spiel anzusehen. Der Junge ist engagiert.“

Rakkim starrte Colarusso an. „Sag ihm, er soll der Armee beitreten, oder noch besser, sag ihm, er soll einen Beruf erlernen. Das Land braucht eher Stahlbauer als Fedajin.“

Colarusso schnipste Krümel von seinem Schlips. „Meine Frau wollte, dass ich dich bitte, ein Wort für ihn einzulegen. Er hat zwar vor zu konvertieren, aber eine Empfehlung von dir …“

„Die Einberufungszeit beträgt acht Jahre. Dreißig Prozent von denen, die es durch die Grundausbildung schaffen, überleben nicht lange genug, um zu verlängern. Weiß Marie das?“

„Sie weiß, was es für uns bedeutet, wenn wir einen Sohn bei den Fedajin haben“, sagte Colarusso. „Du hast unsere Töchter gesehen. Sie sind nicht gerade wahre Schönheiten, aber wenn Anthony Jr. angenommen wird, müssten sie sich nicht mit katholischen Verehrern begnügen. Dann könnten sie sich die Besten aussuchen.“

Inzwischen ragte General Kidds Gesicht über die Begrenzungen des Stadionbildschirms hinaus.

„Tu deinem Jungen einen Gefallen. Sag Marie, dass ich nicht mehr über diese Art von Beziehung verfüge.“

„Dekorierter Fedajin-Offizier, mit allen Ehren entlassen … keine Chance, dass sie mir das abnimmt.“

„Dann sag ihr die Wahrheit. Sag ihr, dass du gefragt hast und ich abgelehnt habe.“

Colarusso war erleichtert. „Danke. Ich musste es wenigstens versuchen. Nochmals Danke.“

„Du solltest ein Auge auf Anthony Jr. haben. Sieh zu, dass er nicht zu viel Freizeit hat.“

„Er ist ein guter Junge. Vielleicht hat er nur zu große Träume.“ Colarusso nippte an seiner Jihad-Cola und zuckte zusammen. „Ohne ein kaltes Bier ist das einfach nicht mehr der Super Bowl, und ich meine echtes Bier.“

„Gentlemen?“ Ein schwammiger Softwareunternehmer, der in der benachbarten Loge für Unternehmer saß, lehnte sich herüber. „Wenn ich so frei sein darf, ich habe hier ein Fläschchen mit Wodka versetztem Fruchtsaft.“

Colarusso rülpste und ignorierte das Angebot.

„Sir?“ Der Unternehmer zeigte nun Rakkim den Flaschenhals und zog das Fläschchen bis zur Hälfte aus der Innentasche seines hellgrünen Jerseys.

Rakkim wies ihn ab. Der Unternehmer war einer von diesen Modernen, die beides haben wollten: Sportjerseys und Khakis tragen, aber zugleich auch ein Palästinensertuch wie Arafat, um den Fundamentalisten zu gefallen. Offensichtlich hatte er ein Anleitungsvideo gekauft, das ihm zeigte, wie man das karierte Tuch um den Kopf wickelt, aber er hatte den Dreh immer noch nicht raus.

Die Warlords hatten sich auf der 18-yard-Linie der Bedouins aufgestellt und scharrten mit den Füßen auf dem Rasen. In diesem Moment nahmen die Bedouins ein Time-out.

Rakkim stand auf, streckte sich und warf einen Blick zum Mittelrang nach Sarah. Ein letzter Blick. Sie war nicht da. Vielleicht hatte ihr Onkel in letzter Minute auf ihre Anwesenheit bestanden. Oder ihr Auto ist während der Fahrt zum Stadion liegen geblieben und sie wollte ihn nur nicht anrufen aus Angst, ihr Anruf könnte mitgehört werden. Vielleicht hatte sie ihn sogar angerufen. Immerhin gab es Sonnenflecke, die einen Anruf blockieren konnten. Warum nicht? Das konnte doch passiert sein. In einem idiotischen Universum allemal.

Der Quarterback der Warlords fing jetzt an zu zählen. Rakkim schaute vom Spielfeld weg und sah ein paar Religionspolizisten, die sich in einen der abgesonderten Bereiche hineindrängten. Die Schwarzkittel schlugen mit ihren langen biegsamen Knuten auf die Rücken von drei dort sitzenden Frauen ein, sodass sie stürzten. Dann trieben sie sie unter Schlägen den Gang hinauf, während die Frauen schützend ihre Arme hochhielten und versuchten, den Schlägen auszuweichen.

Im Nu war Rakkim auf den Beinen und schrie auf die Schwarzkittel ein, aber sein Wutgeschrei ging im Krach der Masse unter, als der Quarterback der Warlords sich bis zur Grundlinie zu einem Touchdown durchsetzen konnte. Rakkim war zu weit entfernt, um den Frauen helfen zu können. Doch selbst, wenn er näher gewesen wäre, hätte das nicht viel genützt. Eine Verhaftung wegen Behinderung der religiösen Staatsmacht stellte ein schweres Vergehen dar. Die Frauen würden letztlich sogar bereitwillig gegen ihn aussagen.

„Üble Sache“, sagte Colarusso neben ihm stehend.

Es gab keinen Hinweis, was das Verbrechen der Frauen gewesen sein könnte. Vielleicht hatten sie zu viel Fuß gezeigt oder ihre Kopftücher waren verrutscht. Vielleicht hatten sie auch nur zu laut gelacht. Rakkim setzte sich wieder hin, immer noch kochend vor Wut, während die Schwarzkittel ihre Ruten niedersausen ließen. Das war das erste Mal, dass er einem Spiel beiwohnte, das weltweit übertragen wurde, in dem die Schwarzkittel ihre Dreschflegel so freigiebig einsetzten. Gewöhnlich waren sie in ihrem Auftreten vorsichtiger, aber heute schien ihnen das egal zu sein. Sie luden die Kameras förmlich dazu ein.

Der nur ein paar Reihen von Rakkim entfernt sitzende Religionspolizist hatte das Treiben seiner Brüder auch bemerkt. Dem Polizisten juckte es vor lauter Vergnügen in den Fingern und sie klopften nun im Takt mit den Schlägen. Rakkim starrte ihn so fest an, dass der Mann das Gewicht seines Blickes gespürt haben musste und zu Rakkim herüberschaute. Er verneigte seinen Kopf in Ehrenbezeigung, aber Rakkim ignorierte ihn. Der Polizist drehte sich wieder um und berührte dabei seinen Turban, als ob er sich schützen wollte.

„Riskantes Verhalten, Kämpe.“ Colarusso polkte in seinem Ohr. “Lass es, macht keinen Sinn, sich einen Feind zu machen.”

„Zu spät.“

Colarusso untersuchte seinen Finger. „Man hat immer eine Wahl.“

Rakkim beobachtete den Schwarzkittel. „Ja, und die habe ich gerade getroffen.“

2. Kapitel

Nach den späten Abendgebeten

Redbeards Männer kamen genau vor Mitternacht, um ihn zu holen. Zwei von ihnen schlüpften mit den restlichen betrunkenen Super Bowl Feiernden in den Blue Moon Klub. Rakkim hätte sie sicher eher sehen können, aber er war abgelenkt durch Mardi, neben der er in ihrem breiten Bett lag, erschöpft und verloren in den vom Sex zurückgebliebenen Nachwehen. Er beobachtete, wie der Zigarettenrauch zur Decke emporstieg und dachte an Sarah.

„Gott, das habe ich gebraucht“, sagte Mardi, ihren Kopf aufs Kissen gestützt. „Es ist lange her, sehr lange.“ Sie zog an der Zigarette und ihre Augen schimmerten im Kerzenlicht. „Ich hätte mehr Bier bestellen sollen.“ Sie streute die Asche auf den Boden. „Ich dachte, vierzig Fässer seien genug.“

Rakkim fühlte die Wärme, wo sich ihre Körper berührten, die ganze Länge ihrer Schenkel entlang. Die Brise, die durchs Fenster kam, wirbelte den Rauch durcheinander und kühlte den Schweiß seiner Arme und Beine, aber er machte keine Anstalten, sich zu bedecken. Mardi auch nicht. Beide lagen nebeneinander, Gänsehaut überlief sie, wie sie dort lagen, heiß und feucht und gedanklich eine Million Meilen weit entfernt.

„Du bist so ruhig, ist was passiert beim Spiel?“, fragte Mardi.

„Nein.“

Sie lehnte sich über ihn, ihre Brüste schwangen in der Luft, und mit ihrem Daumen machte sie das Kreuzzeichen auf seiner Stirn.

Er wischte das Zeichen ärgerlich weg. Er hatte ihr schon öfters gesagt, dass er nicht wolle, dass sie das machte, aber das hatte sie nur noch mehr ermutigt.

Mardi küsste ihn und stieg aus dem Bett. „Ich erinnere mich gar nicht daran, wann du das letzte Mal so verärgert warst. Nicht dass ich mich beschwere, ich genieße einen wütenden Fick. Habe ich das deiner kleinen Muslim-Prinzessin zu verdanken?“

„Nenn sie nicht so.“ Er beobachtete, wie sie durch das Schlafzimmer ging und die Vorhänge zur Seite schob. Sie stand dort und blickte auf die Straße, eine Hüfte vorgeschoben, herausfordernd in ihrer Nacktheit. Sie war achtunddreißig, hart, blond und erfahren.

Durch den Fußboden hörte man Musik vom Klub darunter … wieder eine andere Version der Grunge-Klassiker Nirwana von vor fünfzig Jahren.

Mardi musste seinen Gesichtsausdruck gesehen haben, denn sie fragte: „Gefällt dir die Musik nicht? Genieße sie, Rakkim, das ist das Geräusch von Geld in unseren Taschen.“

„Ist es das?“

„Touristen kommen wegen der Chili-Hühnchen und der Mariachi-Musik nach L.A. Nach Seattle fahren sie, um sich durch das Kapitol führen zu lassen, um in der Halle der Märtyrer ein paar Tränen zu vergießen und … um Grunge-Musik zu hören.

Rakkim wollte nicht diskutieren. Er war der Minderheitenpartner im Blue Moon, aber es wäre auch nicht anders, wenn er achtzig Prozent der Anteile gehabt hätte und sie nur zwanzig. Mardi wusste, was sie tat. Sie kannte die genauen Abmessungen der Tanzfläche, um den maximalen Gewinn zu garantieren und sie wusste auch, wer die günstigsten Großhandelspreise bei Bier und Khat-Brause hatte. Sie wusste, wen man engagieren sollte und wen man feuern musste. Mardi brauchte Rakkim nur wegen seiner Kontakte zum Untergrund und damit es keine Probleme mit der Polizei und den Schutzgelderpressern gab. Aber sie hätte ihm auch eine feste Gebühr dafür zahlen können, die weit günstiger gewesen wäre, als ihn an den Prozenten zu beteiligen. Ein interessanter Schachzug für jemanden, der nur auf die Gewinnmarge achtete.

Rakkim blickte zur Wand mit den Sicherheitsmonitoren gegenüber vom Bett und beobachtete die Masse der Feiernden unten im Klub. Dort war an den meisten Abenden viel los, aber nach dem Super Bowl waren alle Klubs in der Zone proppenvoll und die Bürgersteige waren überfüllt mit Feiernden in verschiedenen Stadien der Euphorie.

Der Speisesaal hatte eine Warteliste von zwei Stunden im Voraus. Die Tanzfläche war gepackt mit Menschen, Schulter an Schulter, und an der Bar standen die angetrunkenen Warlord-Fans in Dreierreihen.

Das Blue Moon lag in der Zone, die offiziell das Christen-Viertel genannt wurde, ein dreißig bis vierzig Blocks umfassender Stadtteil, in dem Nachtklubs und Kaffeehäuser florierten, in dem es Cybergame-Läden gab und in dem Kinos unzensierte Filme zeigten. Die sogenannte Zone war laut, schrill und wild, die Straßen voller Abfall, die Gebäude durch Graffiti verunstaltet, eine moralfreie Zone, offen für alle: Christen, Muslime, Moderne, ausgerastete Freaks, für alle und jeden. Ungezähmt, erfinderisch und ohne polizeiliche Kontrolle feierte die Zone gefährliche Feste.

Jede größere Stadt hatte eine Gegend wie die Zone, ein Sicherheitsventil für die Bevölkerung, deren frühere kulturelle Maßstäbe auf extremer Freiheit und Individualität basierten. Die Polizei rotierte ihre uniformierten Beamten in der Zone alle zwei Jahre, um Korruption zu minimieren, aber zwei Jahre waren meistens genug, um schon einfachen Polizisten Ferienhäuser in Kanada oder Hawaii zu finanzieren, in sicherer Entfernung von den spionierenden Augen der Dienstaufsicht.

Mardi stand am offenen Fenster und die kühle Brise wehte den Vorhang gegen ihren Körper. Das Geräusch von Regen erfüllte den Raum. Immer noch klebrig vom Schweiß, glitzerte ihr Körper im roten Neonlicht von draußen. Sie schwang im Rhythmus der Musik und des Regenschauers und er konnte sehen, wie im soften roten Licht ihre Nippel hart wurden. Das ließ ihn an Sarah denken.

Er war nicht mehr zu Mardi gekommen, seit ihn vor eineinhalb Jahren Sarah zum ersten Mal kontaktierte. Aber jetzt, nachdem es zwischen Sarah und ihm aus war, war er zurückgekommen. Feigheit und Groll, eine tödliche Mischung. Er war froh, dass er sein eigenes Gesicht nicht sehen konnte. Er würde sich den Hals aufschlitzen. Mardi ins Bett zu zerren, es zuzulassen, dass sie ihn ins Bett zog, wie auch immer, war ein Fehler gewesen. Er sah ihr zu, wie sie tanzte, das Haar glatt auf ihren Schultern und er fragte sich, wo Sarah wohl sei und was sie wohl machte und warum sie heute nicht gekommen war.

„Ich vermisse ihn“, sagte Mardi sanft.

Rakkim brauchte nicht zu fragen, wen sie damit meinte. „Ich auch.“

„Du erinnerst mich an ihn. Nicht das Aussehen, mehr das Auftreten. Die Selbstsicherheit … es war wie ein Duft, der ihn umgab.“ Der Wind zerrte an den Vorhängen und Regen pladderte auf den Boden, aber sie bewegte sich nicht.

„Die meisten Männer sind ihr Leben lang vorsichtig, aber nicht er. Und du auch nicht.“

Mardi sprach danach immer von Tariq. Manchmal erzählte sie davon, wie sie sich zum ersten Mal getroffen hatten, oder wie es war, als sie zum letzten Mal zusammen gewesen waren. So war Tariq immer Teil ihrer intimen Augenblicke. Als ob sie versuchen würde, sich selbst zu erklären, warum sie gerade mit seinem besten Freund Sex gehabt hatte. Rakkim machte das nichts aus. Sie waren beide nur ein Ersatz für jemand anderen, jemand Besseres als derjenige, mit dem man zusammen war, jemand außerhalb der Reichweite.

„Wegen mir wurde er nicht befördert.“ Die Vorhänge blähten sich um sie. „Ich wollte nicht konvertieren. Ihm war nahe gelegt worden, sich von mir scheiden zu lassen, eine Muslima zu heiraten … aber er wollte nicht.“ Sie schüttelte ihren Kopf. „Ich hätte konvertieren sollen.“ Ihr Lachen klang hohl. „Ist ja nicht so, als wäre ich eine gute Katholikin.“

„Eine Beförderung hätte ihn nicht gerettet.“

„Er wäre Offizier mit Festanstellung gewesen, sicher hinten den kämpfenden Linien. Er wäre …“

„Er war ein Kämpfer. Er starb genau so, wie er es gewollt hatte. Er starb nur viel zu früh.“

„Du bist ein Kämpfer.“

„Nicht mehr.“

„Nein, das stimmt. Du warst immer schlauer als er. Er war tapferer, aber du warst smarter.“ Ihr Gesicht war verzerrt, als sie sich ihm zuwandte. „Ich wünschte, du wärst es gewesen“, flüsterte sie. Die Brise ließ die Kerzenflammen tanzen und Schatten über die Wände huschen. „Ich wünschte, du wärst an seiner Stelle getötet worden.“

„Ich weiß.“

„Du solltest heiraten“, sagte sie.

„Du solltest selbst heiraten.“

Sie suchte nach ihrem Zigarettenpäckchen und steckte sich hastig eine an. Das alte Zippo klappte zusammen. Tariqs Feuerzeug.

„Ich bin verheiratet.“

Rakkim machte der Rauch nichts aus; er schien sie zu beruhigen, die Gewohnheit wie auch das Nikotin, das langsame Inhalieren und wieder Ausatmen, die glühende Spitze am Ende, ein Anker im Dunkeln. Er ertrug sogar den Geruch. Der grobe türkische Tabak war bitterer als der Tabak aus der alten Zeit, aber Virginia und die Carolinas waren Teil des abtrünnigen Bibelgürtels und das Embargo war noch intakt.

„Mein Händler ist gestern von den Schwarzkittel zusammengeschlagen worden“, sagte Mardi und zog an ihrer Zigarette. Sie schien auf den richtigen Moment gewartet zu haben.

„Sie haben ihm vor seinem Laden aufgelauert, als er vor der Morgendämmerung dort ankam. Sie haben ihm die Knochen gebrochen und seinen Laden verwüstet. Er war konvertiert, natürlich, gleich nach dem Übergang. Er war damals nur ein Kind, aber wusste schon, was gut für ihn war. Konvertieren war gut genug damals, aber jetzt nicht mehr. Jetzt ist er ’nur ein Jude’“. Sie nahm einen weiteren Zug. „Ich habe mein Obst und Gemüse bei ihm gekauft, solange ich denken kann. Er hat mir beigebracht zu erkennen, wann eine Ananas reif ist. Schon komisch, woran man sich so erinnert.“ Sie drückte die Zigarette aus.

Rakkim sagte nichts, er wusste, was jetzt kam.

Redbeard hatte viele entsetzliche Dinge gemacht, als er noch der Chef des Staatsschutzes war, aber in den frühen Jahren der Republik hatte er darauf bestanden, dass jeder Jude, der zum Islam übergetreten war, verschont wurde. Obwohl Zionisten für das Attentat auf seinen Bruder verantwortlich gemacht wurden, weigerte er sich, einen Pogrom zuzulassen und hatte stattdessen Suren aus dem Heiligen Qur’an zitiert, die aussagten, dass Konvertierte begrüßt werden sollten, und niemand der Schwarzkittel oder der Politiker hatte den Mut, ihm zu widersprechen. Redbeard hatte die Leben der Konvertierten geschützt, aber niemand war in der Lage, eine gute Behandlung zu garantieren. Jetzt wurden die Dinge noch schlechter.

„Kannst du ihnen helfen, Rakkim? Dem Händler und seiner Familie … sie müssen hier raus.“

Eine der Überwachungskameras zeigte vier Frauen in einer Nische im Speisesaal. Wahrscheinlich Studentinnen, ihre Taschen an sich gepresst und an ihren Drinks nuckelnd. Jede hatte einen kleinen Schleier auf ihrem Kopf, der letzte Schrei unter fortschrittlichen Muslimas. Eine Kopfbedeckung nur dem Namen nach.

„Die Pässe sind zugeschneit“, sagte Rakkim. „Und an den südlichen Straßen gibt’s Straßensperren.“

„Sie würden es riskieren.“

„Würde ich nicht machen.“

Mardi kreuzte die Arme vor ihrer Brust.

„Sag dem Händler, er soll bis zum Frühlings-Tauwetter warten, dann gehen wir“, erwiderte Rakkim. „Die Grenzpatrouillen werden in ihren Biwaks bleiben und nicht herauskommen aus Angst vor Lawinen.“

„Danke dir.“

Die Kolleg-Mädels warfen weiterhin Blicke rüber zum Tisch der jungen Männer, nahmen aber deren Angebote auf Drinks nicht an. So hielten sie nur einen Zeh in die Pfütze der lockenden Verderbtheit der Zone, alle vier so schön in ihrer Unschuld. Vergnügt euch, Mädels, genießt den Besuch im Affenhaus und erzählt später den Daheimgebliebenen im Wohnheim davon. Lasst die Erinnerung daran später eure Nacken erröten.

Es gab noch viele andere Klubs in der Zone, ’Fleischmärkte’ und Klubs, in denen Drogen kursierten, ohne Wachleute oder Rausschmeißer, aber Rakkim hatte seine eigenen Regeln für die Besucher: keine Drogen, keine Gewalt und keine Separees für Vergewaltigungen. Er wusste, wozu das Menschentier fähig war. Vergnügen hielt man besser an einer Kontrollleine.

„Mardi, was heute Nacht geschehen ist, war falsch.“ Sie lachte. „Deshalb hat es sich auch so gut angefühlt.“

„Es wird nicht wieder vorkommen.“

„Ich werd’s überleben.“ Mardis Mund verzog sich. „Du bist ein Romantiker, Rakkim, das ist dein Problem.“

„Ich werde das in die Liste aufnehmen.“ Rakkim begann sich anzuziehen, stoppte dann aber und sah zum Überwachungsbildschirm. Eigentlich fiel an den beiden nichts Besonderes auf, es gab keinen Hinweis darauf, dass sie gut ausgebildet waren. Beide waren mittelgroß, mit ähnlich idiotischen Haarschnitten und Ohrringen. Total Moderne. Einer trug ein Warlord T-Shirt wie auch die Hälfte der anderen Gäste; der andere trug so ein metallisches eng anliegendes Jackett, die jetzt gerade bei den Hightech-Typen angesagt waren. Nur ein paar Jungs, unterwegs nach Aktion Ausschau haltend, hier im Blue Moon Club. So wie das Neonschild über der Bar fragte: Na, heut’ schon Spaß gehabt, Kumpel?

Allerdings waren sie vom Staatsschutz. Da war etwas in ihrem Auftreten, eine gewisse Arroganz. Kleine Anzeichen, aber genug, um sie zu verraten. Redbeard, der Chef des Staatsschutzes, hatte Rakkim selbst ausgebildet. Nicht nur das, er hatte ihn auch aufgezogen, seit er neun Jahre alt war, hatte ihn geschult und immer wieder getestet. Sie gingen nie durch eine Menschenmenge, ohne dass Redbeard dazu leise Kommentare abgab und so Rakkim beibrachte, in Gesichtern zu lesen und in Gesten, um aus hastig geknoteten Schlipsen und falschen Schuhen die richtigen Schlüsse zu ziehen. Redbeard war wütend gewesen, als Rakkim zu den Fedajin anstatt zum Staatsschutz gegangen war, aber nach einiger Zeit hatte er diese Zurückweisung akzeptiert. Was er ihm allerdings nicht vergeben konnte, war, dass sich Rakkim und Redbeards Nichte Sarah ineinander verliebt hatten.

„Was ist los?“, fragte Mardi. Rakkim deutete auf den Bildschirm. „Diese beiden da, die sind vom Staatsschutz.“

„Hier?“ Sie starrte auf den Bildschirm. „Bist du sicher?“

„Redbeard hat sie geschickt.“ Rakkim beobachtete die Agenten an der Bar.

„Siehst du, wie sie sich bewegen?“

„Nein.“

„Sie imitieren die anderen Gäste. Das tun sie nicht mal bewusst. Es wird aktive Beobachtung genannt.“ Rakkim war an Öffentlichkeit gewöhnt: Jeder, angefangen vom kleinen Bullen bis zu liberalen Geistlichen und unwichtigen Politikern kam früher oder später ins Blue Moon. Aber nicht der Staatsschutz. Sie fragten nicht lange, verhandelten nicht und gaben keine Vorwarnung. Diese beiden waren hier, um jemanden zu holen. Rakkim suchte die anderen Bildschirme ab, ob es noch mehr Agenten gab. Da mussten noch mehr sein.

„Mach dir keine Sorgen, sie sind meinetwegen hier.“

„Ich dachte Redbeard und du, ihr sprecht nicht miteinander?“

„Ich schätze, er hat sich entschieden, die Regeln zu ändern.“

Die Band beendete das Stück, während die Tänzer im roten und gelben Licht der Tanzfläche noch zusammenstanden. Die Leadsängerin stieß mit einem Glas Khat-Sekt auf die Tänzer an, trank es in einem Zug aus und schmiss dann das leere Glas auf den Boden. Ihre Fans taten es ihr nach. Mardi würde die Preise erhöhen müssen, um da noch einen Gewinn zu machen. Ein Scheinwerfer schweifte über die Menge und Rakkim zeigte mit dem Zeigefinger auf einen Schirm: „Da bist du ja.“

Ein weiterer Agent lehnte an der Rückwand des Raumes und beobachtete die Tänzer. Rakkim hatte ihn nur einen kurzen Moment im Scheinwerferlicht gesehen, aber das war genug. Der dritte Agent war ein schmaler, pockennarbiger Modeaffe in engen, roten 7/8-Hosen, mit einem grausamen Gesicht und einem Bleistift-Bärtchen. Der Dandy war sicherlich als Erster gekommen; er hatte dann den Keller ausgekundschaftet, auch die hinteren Räume, indem er so tat, als hätte er sich verlaufen. Jetzt wartete er, dass sich Rakkim entweder zeigte oder zu fliehen versuchte.

„Nimm meinen privaten Ausgang“, sagte Mardi. „Ich erzähle Redbeards Männern, dass ich dich nicht gesehen habe.“

Das war vielleicht der Grund dafür, dass Sarah heute Nachmittag nicht zum Super Bowl gekommen war. Es war fast eine Erleichterung zu denken, dass Redbeard sie gehindert hatte, zu kommen und dass es nicht an ihr gelegen hatte.

Er machte sich keine Sorgen um Sarah. Redbeard würde ärgerlich auf sie sein, dass sie ihm nicht gehorcht hatte, aber er würde bald darüber wegkommen. Rakkim gab sich jedoch keinen großen Illusionen hin über seinen eigenen privilegierten Status. Er mochte Redbeard Onkel nennen, aber das war nur ein Zeichen von Respekt. Sarah war die Tochter von Redbeards einzigem Bruder. Sie war eigenes Fleisch und Blut. Rakkim war es nicht. Er überlegte, ob er Mardis Angebot annehmen sollte; es gab Dutzende von Orten in der Zone, wo er sich verstecken konnte, ohne gefunden zu werden. Er könnte Redbeard treffen, wenn er es für richtig hielt.

Die Lichter gingen an. Der pockennarbige Dandy beobachtete ein hübsches Mädchen, das den Raum durchquerte. Plötzlich sah er hinauf, starrte direkt in die versteckte Kamera.

„Du haust jetzt besser ab“, sage Mardi.

Rakkim dachte an Sarah. Keiner konnte wissen, was Redbeard zu ihr sagen würde. Rakkim ging zur Tür.

3. Kapitel

Nach den Nachtgebeten

Rakkim zog seine Schuhe aus und wusch seine Hände in dem leicht parfümierten Wasser des Brunnens. Er schöpfte Wasser mit den Händen und wusch sein Gesicht, ging dann mit nassen Fingern durchs Haar. Als er sich umdrehte, stand Angelina mit einem Handtuch hinter ihm. Er küsste sie auf beide Wangen. „Salam aleikum.“

„Gott ist groß.“ Redbeards Haushälterin war eine kleine, ältere Frau und ihr breites Gesicht war eingerahmt vom Kopfteil des schwarzen Tschadors, das lose Gewand, das fast bis zum Boden reichte. Es war zwei Uhr nachts, aber Angelina war hellwach. Wenn er als Kind Albträume hatte, war sie diejenige gewesen, die ihn getröstet hatte und ihm Schlaflieder vorsang, bis er wieder die Augen schloss. Er war aufgewachsen in der Annahme, dass sie niemals schlief. Inzwischen waren zwanzig Jahre vergangen und er war sich immer noch nicht sicher.

Wie auch Redbeard, war Angelina eine gläubige, moderne Muslima. Sie fuhr Auto, war zu einer weltlichen Schule gegangen und hatte ihr eigenes Bankkonto. Sie betete fünfmal am Tag, hielt sich bezüglich der Mahlzeiten an die religiösen Gebote und kleidete sich unauffällig.

Während des Ramadan fastete sie, gab jedes Jahr zwei Komma fünf Prozent ihres Lohns an Bedürftige und eines Tages würde sie die Pilgerfahrt nach Mekka machen, die Hadsch, die alle guten Muslime wenigstens einmal in ihrem Leben machen sollten.

Angelina berührte die Seite seines Kopfes, an der das Haar vom Elektroschocker des Pockennarbigen versengt war. „Wir haben dich vermisst, Rikki.“

Er lächelte. „Sprich für dich selbst!“

„Wir haben dich alle vermisst.“

„Wie geht es Sarah? Geht es ihr gut?“

Angelina umarmte ihn, ihr Tschador raschelte, und er roch die Gewürze Knoblauch, Zimt und süßes Basilikum an ihr, die Kochgerüche seiner Kindheit.

„Kümmere dich um dich selbst.“

Er küsste sie nochmals und machte sich dann auf zu Redbeards Büro. Als er sich noch einmal umdrehte, beobachtete sie ihn mit verschränkten Händen.

Die Fahrt aus der Zone zu Redbeards Villa hatte nur fünfundvierzig Minuten gedauert. Der Krankenwagen, den die Sicherheitsagenten für Rakkims Transport benutzten, fuhr mit heulenden Sirenen. Rakkim saß im Heck, vorn saßen die zwei befohlenen Agenten und kümmerten sich um ihre Wunden, während Stevens, der Pockennarbige, halb sitzend, halb liegend, auf der Bank gegenüber Rakkim lag und mit seinem Elektroschocker spielte, den er ein- und ausschaltete. Der Geruch von Ozon erfüllte die Luft. Er versuchte Rakkim zuzulächeln, aber seine aufgeplatzte Lippe und seine blutige Nase machten das schmerzvoll. Rakkim hatte dann für sie beide gelächelt.

Er klopfte zweimal an die Bürotür, wartete einen Moment und ging dann hinein. Das Büro war genauso, wie er es in der Erinnerung hatte: Ein holzgetäfelter Raum ohne Fenster, der einen großen Walnussholz-Schreibtisch und einen Stuhl enthielt, zwei Computer, sowie eine Telefonanlage mit extra Knöpfen für private Gespräche, und ein Ledersofa, auf dem nie jemand gesessen hatte. Einfache Ziegenhaar-Gebetsteppiche von Stämmen aus Afghanistan und Pakistan bedeckten den Boden, Redbeard bevorzugte ihre dunklen, natürlichen Farben. Eine Tür an der Seitenwand des Büros führte hinaus in den Wassergarten, eine andere hinunter zum Bunker.

An den Wänden gab es weder Gemälde, noch Zeugnisse, keine Fotos von Redbeard mit Präsidenten oder Ayatollahs. Nur eine Landkarte von Nordamerika und drei von der Luftüberwachung aufgezeichnete Fotos, die direkt nach dem 19. Mai 2015 aufgenommen worden waren.

Rakkim starrte die ausdrucksstarken Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Zerstörung New Yorks und Washingtons an, er versuchte die großflächige Zerstörung von Beton und verdrehtem Eisen Gebäuden zuzuordnen, aber es war unmöglich.

Die Fotos vom Ground Zero in Mekka waren weniger dramatisch, aber ebenso entsetzlich anzusehen. Bei den Atombomben, die nach Washington und New York geschmuggelt worden waren, handelte es sich um kleine Bomben, aber Mekka hatte bessere Sicherheitsmaßnahmen gehabt. Die Bombe war auf dem Höhepunkt der Hadsch explodiert, eine ’schmutzige’ Kofferbombe. Über einhunderttausend Pilger starben später an Plutoniumvergiftung, aber die Stadt selbst war unzerstört geblieben. Die große Moschee war auf den Foto deutlich zu sehen, umringt von Gläubigen, die sich geweigert hatten, zu fliehen. Obwohl die Stadt radioaktiv verseucht blieb, kamen die Gläubigen dennoch jedes Jahr, um ihre Hadsch und damit ihre Verpflichtung zu erfüllen. Rakkim wischte sich schamvoll die Tränen ab, sicher, dass es im Raum Kameras gab und dass Redbeard ihn beobachtete.

Damals hatten die US-Medien zuerst religiöse Eiferer, Jihadisten, für die Angriffe verantwortlich gemacht, muslimische Radikale, die den Saudis die Annäherung an den Westen niemals vergeben hatten.

Diese Theorie schien glaubhaft, aber nach einer Woche schnappte das FBI einen zionistischen Verräter, der dafür verantwortlich war, und der führte sie zu den anderen, die an diesen Anschlägen beteiligt waren. Ihre Geständnisse wurden international im Fernsehen ausgestrahlt. Die USA zogen sofort ihre Verteidigungstruppen ab, die Israel seit seiner Gründung geschützt hatten, und innerhalb eines Monats war der zionistische Staat von einer Euro-Arabischen Koalition überrannt worden. Nur ein Schutzangebot der Russen hatte die Zionisten vor der Auslöschung bewahrt.

Die Karte von Nordamerika zeigte die gleichen Konfigurationen wie die Lehrbücher, nach denen Rakkim in der Schule gelernt hatte – die Islamische Republik war grün gekennzeichnet, der Bibelgürtel rot. Die roten Staaten schlossen alle Staaten der alten Konföderation ein sowie Oklahoma, Nord-Florida und Teile von Missouri. Missouri war eine der Fangfragen in seiner Abschlussprüfung in Geschichte gewesen. Die Karte zeigte Kentucky und West Virginia als rote Staaten, aber in Wirklichkeit tobten dort immer noch Konflikte. Der Freistaat Nevada war in Weiß gehalten, um seinen neutralen und unabhängigen Status anzuzeigen. Süd-Kalifornien, Arizona und Neu Mexiko waren politisch gesehen grüne Staaten, Teil der Islamischen Republik, aber sozial waren sie ein Teil des Mexikanischen Königreichs.

Rakkim ging hinüber zu Redbeards Schreitisch und nahm das Buch in die Hand, das hier aufgeschlagen lag. Er fragte sich, ob dies ein Test oder eine Falle von Redbeard war. Wie der Westen wirklich gewann: Die Gründung der Islamischen Staaten von Amerika durch die Eroberung der Popkultur.

Das Buch war ursprünglich Sarahs Doktorarbeit gewesen, wurde aber dann vor zwei Jahren überarbeitet und für ein Massenpublikum veröffentlicht. Es wurde ein Bestseller. Aber ihre Theorien waren so umstritten, dass der Herausgeber gut daran getan hatte, Sarahs Foto nicht auf dem Umschlag zu veröffentlichen. Selbst heute wurde sie auf der Straße nicht erkannt.

Historiker hatten über die Umwandlung der früheren USA in eine islamische Republik debattiert, seitdem der gewählte Präsident Damon Kingsley den Staatseid mit seiner Hand auf dem heiligen Qur’an geleistet hatte. Die meisten Historiker schrieben dies dem Willen Allahs nach den Debakeln in den Zeiten nach Irak zu sowie den permanenten Drohungen terroristischer Angriffe, die die Nation für ein spirituelles Erwachen bereit gemacht hatten.

Der zionistische Verrat war der endgütige Schlag, der die Wirtschaft zusammenbrechen ließ und danach wurde der Ausnahmezustand ausgerufen. Mitten in diesem Chaos war die moralische Sicherheit, die der Islam anbot, das perfekte Gegenstück zu den leeren Versprechungen der Kirchen und der Korruption der politischen Parteien und ihrer Repräsentanten.

Nachdem eine dubiose politische Wahl verloren wurde, zogen viele unzufriedene, enttäuschte Christen in den Bibelgürtel und erklärten ihre Unabhängigkeit. In einem brillanten Manöver wurden den verbliebenen Christen, die meisten von ihnen Katholiken, fast die gleichen Grundrechte wie der muslimischen Mehrheit in der neuen Islamischen Republik zugesagt.

Die Nation hielt zusammen.

Dass die spirituellen Dimensionen des Regimes sich verändert hatten, so argumentierte Sarahs Buch, lag daran, dass der Übergang durch jahrzehntelange Stipendienvergabe der Saudis an amerikanische Entscheidungsträger vorbereitet wurde und, vielleicht noch wichtiger, dass sich eine Serie von hochwichtigen öffentlichen Übertritten vollzog.

Sarah hatte die Gewinnerin der Wahl zur ’Beste Schauspielerin’ zitiert, die ihren neu gewonnenen Glauben während ihrer Rede bei der Oscarverleihung öffentlich bekannt gab, sowie einen Country-Musik-Sänger, der Allah in einer Vorstellung in der Radioshow Grand Ole Opry pries, was wie ein Dammbruch auf die Zahl der Übertritte wirkte, die innerhalb von Wochen zu Millionen neuen Muslims führten.

Die Ayatollahs waren empört über ihre Interpretation der Geschichte und nannten ihr Buch Blasphemie, aber Redbeard hatte eingegriffen und die Fundamentalisten hatten eingelenkt und eine Erklärung herausgegeben, die ihre Arbeit ’ein Werk voller grundsätzlicher Fehler aber mit guter Absicht’ nannten. Rakkim blätterte durch die Arbeit und fand die ’Anmerkung des Autors’.

Ich habe weder das Ausmaß des Erfolges noch die Kritik, die auf die Veröffentlichung von’Wie der Westen wirklich gewann’vorhergesehen oder erwartet. Traditionelle Historiker und Angehörige des Klerus haben mir vorgeworfen, dass mein Buch bestimmten oberflächlichen Faktoren mehr Gewicht gäben als der Rolle heiliger Einflüsse.

Die Angriffe wurden schnell persönlich. Mir wurde vorgeworfen, meinen Familiennamen zum Vorteil zu nutzen, der verlängerte Arm meines Onkels zu sein, der mich angeblich anstiftete, um die Geschichte umzuschreiben, um seine politischen Gegner zu diffamieren. Mir wurde vorgeworfen, eine Frau zu sein, dazu noch eine moderne Frau, zweifach unwürdig, über solch wichtige Dinge zu schreiben.

Denen, die meinen, dass meine Untersuchung zu viel Gewicht auf weltliche Einflüsse der Geschichte legt, erwidere ich, dass vielleicht Allah, der Allwissende, es vorgezogen hat, seinen gewaltigen Plan in einer sonst ereignislosen Zeit zu offenbaren. Den Kritikern, die mich des Nepotismus und der Naivität bezichtigen, erkläre ich, dass mein Onkel, der verehrte Redbeard, weder eine solche List braucht, noch würde ich mich dafür hergeben. Zu denen, die mich bezichtigen, eine moderne Frau zu sein … sage ich: Schuldig der Anklage, ohne Ausrede oder Entschuldigung.

Rakkim legte das Buch zurück auf den Tisch. Er liebte Sarahs Entschlossenheit, aber er war sich nicht sicher, ob er ihrer Logik zustimmte. Er setzte mehr Vertrauen in Waffengewalt als in Schauspieler oder religiöse Groupies und das Buch tendierte dazu, den atomaren Angriff und die soziale Zerstörung danach zu verniedlichen.

Er starrte auf das Foto der Zerstörung von New York und wurde von den grauen Stümpfen der Hochhäuser angezogen, die die tote Stadt überzogen. Ein Friedhof der Träume. Seine Mutter war an diesem Tag in New York auf Geschäftsreise gewesen, aber ob sie durch die Bombenexplosion oder das Feuer und die Panik, die die Stadt danach überzogen, umgekommen war, hatte er nie erfahren.

Zu der Zeit erst vier Jahre alt, konnte er sich kaum noch an sie erinnern. Er hatte deutlichere Erinnerungen an seinen Vater, am meisten an dessen Wut und Frustrationen und seine Temperamentausbrüche, die ihn drei Jahre später das Leben gekostet hatten, als Lebensmittel rationiert wurden und die Not wuchs. Sie hatten in einer Schlange an der Suppenausgabe gestanden. Sein Vater hielt seine Hand und ermahnte ihn, das Rumzappeln zu lassen, verdammt noch mal. Ein Mann drängelte sich vor und sein Vater hatte eine Bemerkung darüber gemacht. Dann war die Situation schnell eskaliert. Rakkim wusste nichts von dem Schraubenzieher, der seinem Vater zwischen die Rippen gestoßen wurde, bis er fühlte, wie die Hand seines Vaters nachgab und ihn losließ. Er stand dort, ganz allein, während die Schlange ohne ihn vorrückte.

Zwei Jahre später sah er Redbeard die Straße entlang gehen und…

„Störe ich, Junge?“

Rakkim wendete sich zu der bekannten, tiefen und rauen Stimme um. Redbeard fixierte ihn von der Mitte seines Büro aus, ein kräftiger Mann in den frühen Sechzigern, sein eckiges Gesicht von tiefen Falten durchzogen, Falten, die bis auf den Knochen gingen.

Sein rotblondes Haar war kurz geschnitten, seine Ohren lagen flach am Kopf, und obwohl sein Bart von Grau durchzogen war, glühten seinen blauen Augen immer noch. Ein kleines Stück seiner Stirn war vom jahrzehntelangen Gebet von Hornhaut überzogen. Er trug einen grauen Trainingsanzug und sah aus wie ein Athlet, der er auch immer gewesen war. Ein früherer Kolleg-Ringer, ein Champion, wenn man den Biographien glauben durfte. Er hatte sich den kräftigen Nacken und die aggressive Ausstrahlung des Sports erhalten.

Rakkim hatte häufig beobachtet, wie er politische Gegner verunsicherte, weil er ihre persönliche Distanz verletzte, indem er einen Arm um deren Schultern legte und sie allein durch das Gewicht seines Fleisches beeindruckte.

„Onkel.“ Rakkim verbeugte sich und fiel auf die Knie.

„Nenn mich nicht so … und steh auf, du machst mir nichts vor.“ Redbeard sah ihn von oben bis unten an. „Du siehst gesund aus. Das Leben zu verschwenden bekommt dir, scheint’s, gut.“

Rakkim stand und wartete. „Zwei meiner Agenten humpelten, als sie dich reinbrachten.“

„Vielleicht sind ihre Schuhe zu eng.“

„Stevens Nase war gebrochen. Meinst du, sein Gesicht war zu eng?“

„Ich habe davon abgesehen, sie zu töten. Aber ich konnte nicht kampflos mitgehen. Ich wollte dich nicht enttäuschen.“

„Dafür ist es zu spät.“

Rakkim hielt seinen Kopf hoch, aber die Worte hatten ihn getroffen.

Redbeard lehnte sich etwas nach vorn und für einen Moment dachte Rakkim, er wolle sich entschuldigen. „Wirst du anfangen zu heulen, Rakkim?“

„Nicht, solange du meine Augen nicht herausreißt, Onkel.“

Redbeard lachte. Rakkim lachte nicht mit, aber das schien Redbeard nichts auszumachen. „Du kannst deine Augen behalten.“ Er öffnete die Tür zum Wassergarten. „Lass uns hier drinnen reden.“

Rakkim zögerte, ging dann aber auch hinein. Sofort klebte von der Schwüle drinnen sein Hemd am Rücken. Aber Redbeard strahlte in der feuchten Luft und fühlte sich trotz seiner schweren Kleidung offenbar sehr wohl.

Der Wassergarten war eine überdachte tropische Enklave, eine zweitausend Quadratmeter große Oase dicht bepflanzt mit Gummibäumen und wucherndem Oleander und voller grüner Schlingpflanzen und pinkfarbenem Hibiskus. Kondenswasser lief die Glaswände herunter und tropfte von oben herab, als Rakkim Redbeard tiefer in diese grüne Hölle folgte. Weinblätter und Palmwedel streiften ihre Gesichter, als sie den schmalen Pfad, der sich durch den Garten schlängelte, folgten. Es war ein Schattenreich, beleuchtet nur vom Mondlicht und schwachen gelben Lampen.

Zierliche weiße Schneeflocken-Orchideen lugten zwischen den Blättern hervor und schwangen, als sie sie im Vorbeigehen streiften. Ein felsiger Wasserfall, halb versteckte zischende Nebelanlagen und ein flacher Bach bildeten ein schwaches Echo. Kein aktives oder passives Abhörgerät, kein Lasermikrofon konnte aus dieser Geräuschkulisse menschliche Stimmen herausfiltern. Die mit Wolfram besprühte Kuppel verhinderte Beobachtungen durch Satelliten und schützte gleichzeitig die Pflanzen vor Kaltluft. Der Wassergarten schien wie ein sicheres, ruhiges und harmonisches Abbild des Paradieses, wie es sich die Wüstenbewohner, denen Allah als Erste seine Wahrheiten enthüllt hatte, sicherlich vorgestellt hatten. Es ging das Gerücht, dass Redbeard hier seine Zeit meditierend verbrachte, aber Rakkim wusste, dass er hier auch Geschäfte abschloss.

Redbeard schlug Rakkim kameradschaftlich auf die Schulter und massierte die Muskeln bis hin und über die Schmerzgrenze hinaus. „Erinnerst du dich an das erste Mal, als ich dich hierher brachte?“

„Es war der Tag, an dem du mir sagtest, dass ich bleiben könne, dass ich mit dir und Sarah leben könne.“ Rakkim beobachtete Redbeards Gesicht, als er Sarahs Namen nannte. Redbeard reagierte nicht, aber die Finger auf seiner Schulter zuckten, bevor er sie zurückzog, und Rakkim war jetzt sicher, dass Sarah der Grund war, dass Redbeard ihn heute Nacht hierher geholt hatte. Er fragte sich, wie lange Redbeard gewusst hatte, dass sie ein Liebespaar waren. Ob er es gerade erst rausgefunden oder seit Monaten gewusst hatte, abwartend, wie sich ihre Beziehung entwickeln würde, die Gründe für oder gegen ein Schweigen abwägend.

„Woran denkst du?“, fragte Redbeard.

„Ich erinnere mich an den Tag, an dem wir uns trafen.“

Rakkim war an diesem Morgen als Religionsschüler angezogen gewesen, ein Schuljunge in weißer Tunika, als er Redbeard gesehen hatte, der die Pine Street entlang eilte. Aus der Reaktion der Leute, die ihm Platz machten, schloss er, dass Redbeard ein wichtiger Mann war, aber Rakkim selbst blieb stehen, wo er war, den heiligen Qur’an an seine Brust gepresst, und seine Lippen bewegten sich, als er die Suren wiederholte, die er gelernt hatte. Redbeard war stehen geblieben und stellte ihm einen Augenblick später eine Rechtsfrage aus dem Qur’an. Als er nicht die erwartete Antwort bekam, schubste er Rakkim zur Seite. Rakkim nutzte diese Situation, um Redbeards Brieftasche zu klauen, während er zurückwich und schniefend Tränen vortäuschte. Fast wäre er davongekommen. Aber Redbeard war ihm gefolgt, hatte ihn ergriffen und so heftig geschüttelt, dass seine Zähne klapperten.

„Siehst du den da?“ Redbeard zeigte auf einen winzigen Frosch, der auf einem zarten Grashalm saß. Der Frosch schien fast durchsichtig im Zwielicht und die zarte Haut unter seinem Maul blähte sich mit jedem Atemzug.

„Seine Spezies lebt nur von Kondenswasser und Algen. Die Unsichtbaren leben vom Namenlosen … ich schätze diese Art sehr – das Leben am Rand der Existenz beweist uns Allahs Erbarmen.“

Er blickte zu Rakkim hoch. „An dem Tag, als wir uns trafen, sah ich nur einen kleinen, mageren Dieb mit festem Blick, einen Jungen, der nicht vor mir zurückschreckte oder darum bettelte, losgelassen zu werden, sondern kämpfte, bis er erschöpft war.“

Er lächelte. „Du hattest solches Glück, dass meine Neugier größer war als mein Gerechtigkeitssinn.“

„Ich dachte, du würdest mich ins Kindergefängnis bringen. Wenn ich gewusst hätte, wer du bist, hätte ich noch größere Angst in deiner Gegenwart gehabt.“

Redbeard beobachtete den Frosch mit einer Faszination, als hätte er noch nie einen gesehen.

„Dann traf ich Angelina und ich hatte keine Angst mehr.“ Rakkim kniete neben ihm, sah, wie der Frosch atmete und wie seine grüne Haut glänzte. „Ich sagte zu mir selbst, dass, wenn sie deine schroffe Art ertragen konnte, dann könnte ich das auch.“

„Sie hat dich verwöhnt. Während der ersten Woche hat sie die Küche fast gar nicht verlassen. Sie machte nur Omelette, Steaks und Bratkartoffeln. Bis zu diesem Tag habe ich nie wieder jemanden gesehen, der so viel essen kann wie du.“ Der Frosch hüpfte ins tiefere Gebüsch und nahm Zuflucht im dichteren Gras am Bach. „Ich erzählte ihr, dass du ein Dieb seiest, aber sie kochte einfach nur weiter und sagte, dass in Allahs Augen wir alle Diebe seien. Ich warnte sie, nicht darauf zu hoffen, dass du bleiben könntest, aber sie wusste, dass ich mich längst entschieden hatte.“

„Ich auch. Ich habe es damals nicht verstanden, aber ich war anscheinend genau das, wonach du gesucht hattest.“

„Das habe ich auch gedacht.“ Redbeard kämmte seinen Bart mit seiner Hand.

„Ich habe nie geheiratet. Ich hatte genug Arbeit, mehr als genug, aber ein Sohn … Ich dachte immer, einen Sohn zu haben, wäre etwas Gutes. Einen Sohn an meiner Seite, ein Sohn, der mein Werk weiterführen würde.“

Tiefer im Wassergarten rief ein Vogel und Redbeard stand auf, langsamer als Rakkim es gewohnt war. „Es war ein eitler und dummer Wunsch.“

„Hast du es bedauert, mich an dem Tag mit nach Hause genommen zu haben?“

„Was macht das jetzt noch aus?“

„Es macht mir etwas aus.“

„Bedauern ist etwas für Dichter und Frauen“, erwiderte Redbeard.

„O.K., ich bin schuld“, sagte Rakkim, müde weiter so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Es war ein Spiel, immer wieder, in dem natürlich Redbeard die Regeln aufstellte. „Das mit dem Super Bowl war meine Idee, was auch immer Sarah dir erzählt hat, es war meine Idee.“

„Erspar mir die Ritterlichkeit. Sarah war seit ihrer Geburt unzähmbar.“

Redbeard runzelte die Stirn. „Was war beim Super Bowl?“

Rakkim blieb abwartend, vorsichtig. Ein Schuldeingeständnis war niemals das letzte Wort für Redbeard, sondern eher der Anfang. Jede Spur wurde verfolgt, bis alle Beteiligten in die Fallen gegangen und alle Namen bekannt waren, sodass neue Spuren entwirrt und verfolgt werden konnten. „Sarah und ich wollten uns beim Super Bowl treffen. Hast du mich nicht deshalb herbringen lassen?“

„Ich wünschte, es wäre nur so eine Kleinigkeit, wie das ihr beiden meine Wünsche nicht befolgt.“

Redbeard schien für einen Moment sein Gleichgewicht zu verlieren, hatte sich aber gleich wieder im Griff. „Ich brauche deine Hilfe. Sarah … Sarah ist verschwunden.“

4. Kapitel

Nach den Abendgebeten

Der weise Alte beobachtete seinen Helfer beim Gebet, wie er sich auf den Teppich legte, mit dem Gesicht nach unten, und er konnte sich an den Namen des Jungen nicht erinnern. John, das war es. Nach dem Propheten, den die Christen Johannes den Täufer nennen. Den, der das Kommen von Jesus angekündigt hatte. John, ja, das war der Name des Jungen, der jetzt langsam wieder auf die Füße kam. Ein häufiger Name. Über die Jahre hatte er so viele Helfer gehabt, dass es ihm schwer fiel, sich an alle zu erinnern. Der Geburtsname des alten Weisen war Hassan Muhammad, aber so wurde er schon seit vielen Jahren nicht mehr genannt. Der Klang seines Namens würde ihm jetzt fremd vorkommen, selbst wenn jemand zugegen wäre, der sich an ihn erinnerte.

„Redbeard hat seinen Neffen mitgebracht“, sage der Helfer, seine Stimme weich und ruhig, als könnten Gefühle in den Ohren des alten Weisen schmerzen. Es gab so viele Narren, die Alter mit Schwäche verwechselten.

„Sein Name ist Rakkim und er ist nicht sein Neffe“, verbesserte ihn der Alte. „Er ist ein Pfand, von Redbeard aufgezogen, um ein Heiliger Krieger zu werden.“

Der Helfer presste sich auf den Teppich, ein blasser Intellektueller mit einem blonden, dünnen Bärtchen. Seine weiße Tunika und die weiten Hosen sollten Reinheit andeuten, aber dem Alten erschienen sie nur wie ein Zugeständnis an die Vorschriften. Mit der Zeit würde der Junge lernen, dass der Alte Hingabe schätzte und Intelligenz noch mehr. Hingabe allein schränkte jedoch die Möglichkeiten ein, wie ein Werkzeug genutzt werden konnte.

Der Alte saß auf einem reichbestickten gelben, extrabreiten Sessel, die Arme locker über der Rückenlehne ausgebreitet. Sein Bart war gut gepflegt, sein langes, weißes, dünner werdendes Haar war streng nach hinten gekämmt wie in seiner Jugend, die königliche Eleganz eines eitlen Mannes, dessen Eitelkeit mit den Jahren weiter gewachsen war. Er kreuzte seine knochigen Unterschenkel und bewunderte die scharfe Bügelfalte an seinen Manschetten. Viele seiner Helfer bevorzugten Roben oder Tuniken und Slipper, aber er bevorzugte Anzüge der Firma Barron LTD. und weiche, schwarze Halbschuhe mit Quasten, ein Überbleibsel seiner englischen Erziehung. Er fand, dass die Engländer eine bleiche und blutlose Rasse waren, aber ihre Schneider waren immer noch die Besten der Welt. Der heutige Anzug war dunkelblau und doppelreihig geknöpft, und dazu trug er das passende elfenbeinfarbene Hemd mit einem Militärschlips. Natürlich mit Windsorknoten gebunden und Manschettenknöpfen aus Lapislazuli. Er überprüfte seine Maniküre und sah dann von seinem Thron herab. „Wie aktuell sind die Neuigkeiten über Rakkim?“