Verlag: Piper ebooks in Piper Verlag Kategorie: Lebensstil Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

Gebrauchsanweisung für Nizza und die Côte d'Azur E-Book

Jens Rosteck  

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E-Book-Beschreibung Gebrauchsanweisung für Nizza und die Côte d'Azur - Jens Rosteck

Die Engelsbucht, die berühmtesten Corniches der Welt und ihr romantisches Hinterland, Fluchtpunkt der Literaten und Maler, der Boheme und der High Society– die Côte d’Azur ist einzigartig und ihr Ruf legendär. Der Autor porträtiert die Metropole Nizza in all ihren Facetten, nimmt uns mit auf Blumenmärkte und Friedhöfe, erzählt von Amuse-Bouches, von Luftschlössern und kuriosen Kopfgeburten– und davon, wie aus dem Sumpfgebiet Juan-les-Pins die Glamourenklave Antibes wurde. Er flaniert durch das Fürstentum Monaco, besucht die Filmstadt Cannes, die sich jeden Mai in einen einzigen roten Teppich verwandelt, das charmante Menton und dessen ramponierte Rivalin Saint-Tropez. Er verrät, wie Sie Ihr Strandtuch am besten platzieren und wo auch heute noch die (Lebens-)Künstler zu Hause sind.

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E-Book-Leseprobe Gebrauchsanweisung für Nizza und die Côte d'Azur - Jens Rosteck

Mehr über unsere Autoren und Bücher:

www.piper.de

Der Verlag dankt dem Aufbau-Verlag, Berlin, für die Genehmigung zum Abdruck der Textpassage aus Lion Feuchtwangers

Der Teufel in Frankreich

, und dem Diogenes Verlag, Zürich, für die Genehmigung zum Abdruck des Zitats aus: Georges Simenon,

Maigret und der hartnäckigste Gast der Welt

, aus dem Französischen von Linde Birk, Copyright © 1987 Diogenes Verlag AG Zürich.  

Für Sylvain Rigoult und Silke Schütze und in memoriam Lore Lehmann

ISBN 978-3-492-97205-5 Juni 2015 © Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2007 Coverkonzeption: Büro Hamburg Covergestaltung: Birgit Kohlhaas, kohlhaas-buchgestaltung.de Covermotiv: La Maison du Seminaire, Nizza (Jens Rosteck) Karte: cartomedia, Karlsruhe Litho: Lorenz & Zeller, Inning a. A. Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck  

Ich habe während der sieben Jahre meines Aufenthalts an der französischen Mittelmeerküste die Schönheit der Landschaft und die Heiterkeit des Lebens dort mit allen Sinnen genossen. Wenn ich, von Paris mit dem Nachtzug zurückkommend, des Morgens das blaue Ufer wiedersah, die Berge, das Meer, die Pinien und Ölbäume, wie sie die Hänge hinaufkletterten, wenn ich die aufgeschlossene Behaglichkeit der Mittelmeermenschen wieder um mich fühlte, dann atmete ich tief auf und freute mich, dass ich mir diesen Himmel gewählt hatte, um unter ihm zu leben. Wenn ich meinen Garten wiedersah in seiner tiefen Ruhe und das Meer davor und den launischen Umriss seiner Küste und seiner Inseln und die endlose Weite dahinter, dann spürte ich mit all meinem Wesen: hier gehörst du hin, das ist deine Welt. Wenn ich mich nun in der Stille meines abendlichen Gartens erging, in welcher nichts war als das Auf und Ab des Meeres und vielleicht ein kleiner Vogelschrei, dann war ich ausgefüllt von Einverstandensein, von Glück.

Vorgeschmack auf Farbenrausch

Zur Einstimmung empfehle ich Ihnen, liebe Leser, neben einem ersten neugierigen Blick auf die Landkarte ein winziges Gläschen Limoncello vorab. Selbstverständlich nur, nachdem die Flasche mit diesem köstlichen, zuckrig-gelbgrünen Likör im Gefrierfach Ihres Kühlschranks schon die gebührende Patina angesetzt hat: eine dicke, frostige Eisschicht. Wenn Sie dann, nach – eigentlich noch unverdientem – Genuss, zum Aufbruch an diesen faszinierenden Landstrich bereit sind, schließen Sie doch einmal für eine Weile die Augen. Stellen Sie sich eine nur von schwacher Windbewegung aufgeraute Meeresoberfläche vor, deren obere Grenze sich irgendwo in der Ferne in konturloser Himmelsunendlichkeit verliert. Sprechen Sie dabei in stetem Wechsel zwei charakteristische Wörtchen halb laut vor sich hin, die Ihnen auf den nächsten Seiten oder in den kommenden Tagen ständig begegnen werden. Zuerst, sinnierend, das zweisilbige französische »azur«: sinnlich, verführerisch, mit einem zärtlichen z, das wie ein weiches, schnurrendes s klingt, und mit der Betonung auf dem langgezogenen, traumverlorenen ü, das sich in einem kaum hörbaren Aushauchen auf einem kehligen r verflüchtigt. Und gleich darauf das konsonantenreiche italienische »azzurro«, wie Sie es aus Adriano Celentanos phänomenalem Schlager aus den späten Sechzigern mit seinem aufgekratzten Marschrhythmus kennen. Einem Sommerhit mit Drive, den ihm Paolo Conte auf den Leib geschrieben hatte: Schnarrend, prägnant und lebensbejahend rührt dieser mal wie ein Triumphschrei geschmetterte, mal heiser geröhrte Dreisilber an unsere Seele und appelliert an unsere Sinne.

Im gleichen Maße wie sein gallisches Pendant weckt er, wenn auch ungleich ruppiger und großmäuliger, die schwer in Begriffe zu kleidende Sehnsucht nach einem ganz bestimmten, nur vor Ort zu erlebenden Farbton. Wer sich entschieden hat, an die Côte oder, wie die Engländer sagen würden, an die »French Riviera« zu reisen, ist längst davon ergriffen. Er oder sie wird nicht ruhen, bis er seiner habhaft geworden ist – und sei es auch nur für die flüchtige Dauer einer Aufnahme mit der Digitalkamera. Hoffnungslose Romantiker aller Epochen wollten damals – und möchten heutzutage – wenigstens einmal ihren Fuß auf die Kieselstrände und felsigen Ausläufer zwischen Toulon und Roquebrune setzen und die Gegend kennenlernen, in der jeden Winter mit schöner Regelmäßigkeit »die Zitronen blüh’n«.

In den Vokabeln »azur« oder »azzurro« spiegeln sich jedoch auch die vielfältigen Nuancen und untergründigen Widersprüche des Farbtons. Zugleich verraten sie bereits ein wenig von den Wesensmerkmalen dieser einmaligen Region. Zwischen den Landesgrenzen hat sie sich, nur wenige Dutzend Kilometer lang, eingenistet und liegt gewissermaßen zwischen den Stühlen des Empfindungsspektrums. Nie wirklich kalt, aber auch nie zu heiß. Stets mild, von Brisen und kühlen Lüftchen gemäßigt. Nicht vom Mistral gebeutelt, doch auch nicht von Tramontana oder Saharawinden verschont. Zwei Seiten einer Medaille. Nicht hier und nicht dort. Fremd und vertraut. Auf Abstand zu den Extremen. Noch erdverbunden und schon nicht mehr von dieser Welt – fast zu schön, um wahr zu sein. Noch nicht tropisch, aber fast uneuropäisch sinnlich und südlich.

Schon nicht mehr richtig ausschließlich französisch, aber auch noch nicht vollständig italienisch, im Niemandsland von grande nation und bella Italia präsentiert sie sich uns. Und gehört dabei, gottlob, niemandem und allen: Den Einheimischen, denen das vergötterte Himmels- und Meeresblau jahrhundertelang ziemlich einerlei war (und ist!). Den Griechen und Römern, die sich hier dauerhaft niederließen, eine weise und vorausschauende Entscheidung, von der wir noch heute profitieren können. Den Briten, die sie entdeckten, urbar machten und den Grundstein für ihren Ruhm legten. Den übrigen Franzosen, die sie umtauften, vermarkteten und für den Fremdenverkehr zugänglich werden ließen. Den Russen, die sie sich zur südlichen Winteroase auserkoren; den Adligen und Monarchen, die hier in mediterranen Gefilden, unter Palmen, Zypressen, Mimosenbüschen und Orangenbäumen ihre aus dem Norden importierten Gebrechen auskurieren wollten und zugleich im Reisegepäck ihre unheilbare Schwermut mitbrachten. Den Parisern, die ihr während der Belle Époque zum Mythos urbaner Mondänität verhalfen; den Amerikanern, die sie in den Zwischenkriegsjahren zur Enklave der Avantgarde und zum Mekka der fashionable people umfunktionierten. Den Literaten und Malern, Architekten und Bildhauern, die sie mit Überschwang zum Garten Eden hochstilisierten – und dabei Zeugnisse und Kunstwerke hinterließen, zu denen wir heute noch mit unverminderter Bewunderung aufblicken. Den Italienern, die sie erst um 1860 aus ihren Fängen entließen, aber noch immer ein wenig als ihr Eigentum erachten. Den Spielernaturen, Opfer ihrer Leidenschaft und leichte Beute versierter Croupiers, die sich in den Casinos der Küste ein ums andere Mal die gierigen Finger verbrannten und die es dessen ungeachtet zu Beginn jeder Saison wieder an die grünen Tische lockte. Den Flüchtlingen, Vertriebenen und Emigranten eines Schreckensjahrzehntes auf der verzweifelten Suche nach einem Sicherheit gewährenden Unterschlupf. Der Schickeria der Jetztzeit, Trendsettern, Medienstars und -sternchen, auf Neufranzösisch people genannt (landestypisch natürlich falsch ausgesprochen: »piipp-pöl-le«, mit irritierender Betonung auf der mittleren Silbe). Den Nudisten, die es allsommerlich in ihre Sonnenstadt Héliopolis auf der touristisch noch unverdorbenen Île de Porquerolles zieht. Den Anwärtern auf die Goldene Palme. Den Sprachstudenten und Kongressreisenden des beginnenden dritten Jahrtausends – den Nachzüglern von heute. Den Deutschen, Skandinaviern, Jetsettern aus Übersee, gewieften Nomaden und übrigen Weltenbummlern, die für ein Wochenende, einen Kurzurlaub, einen Kulturaufenthalt oder auch für immer ein bisschen abbekommen wollen von diesem beispiellos betörenden Blau und seinem Sehnsuchtspotenzial – seiner Vergangenheit und Geschichte sowie den Städten, Dörfern, Stränden, Sehenswürdigkeiten, Bergen, Geschichten und Legenden drum herum. Dem Stoff, aus dem die Träume sind.

Allez, nippen Sie noch ein zweites Mal. Denn jetzt sind Sie auf den Geschmack gekommen.

Nizza, Cannes, Monaco, Monte-Carlo, Menton, Sainte-Maxime, Antibes, Grasse, Saint-Tropez – der bloße Klang dieser Städte- und Ortsnamen versinnbildlicht wie kaum ein anderer Luxus und Glamour, Charme und Eleganz, luftige Leichtigkeit und guten Geschmack, mediterrane Lebenskunst und ungehemmten Hedonismus. Er verspricht tolerantes laissez-faire und grenzenloses plaisir, schwereloses dolce vita in Saus und Braus oder das angenehme Überwintern in einem irdischen Paradies. Er lässt an Glanz und Geld, an teure Jachten und funkelnde Casinos, an Apéritifs an der Croisette und an Jazzabende in Juan-les-Pins denken, an Segeltouren und Roulette, an Modenschauen und raffinierten small-talk, an Flanerien auf der kilometerlangen, in weitem Bogen geschwungenen, wie ein Fischernetz ausgeworfenen Promenade des Anglais und an blumengeschmückte Karnevalscorsi. An die roten Teppiche der Filmfestivals und an nicht enden wollende Sommernächte unter Sternenhimmel, an Bakkarat, Black Jack und ununterbrochenen Sonnenschein und natürlich immer aufs Neue an das mal azurblau schimmernde, dann wieder türkishell gleißende Mittelmeer.

Ein unendlicher Horizont und immense, im Mittagslicht glitzernde Farbflächen schieben sich hier, mal monochrom, mal changierend, unablässig ineinander: Dieses Meer ist Kulisse, Theaterbühne, Schauplatz, Showstar, Hautperson in einem. Tagaus, tagein. »Ja, das Meer ist blau, so blau!«, dichtete Bertolt Brecht einst mit genialer Simplizität, keine Tautologie scheuend, in seinem Happy End, Kurt Weill komponierte die schmissigen Rhythmen seines Matrosen-Tango dazu, und Lotte Lenya trällerte die entsprechende Songmelodie mit herber Intonation und ungebrochener Nonchalance. Diese drei mussten es wissen, hatten sie zuvor doch schon die gesamte Dreigroschenoper genau hier, zwischen Le Lavandou und Saint-Cyr an den Gestaden dieses verführerischen Küstenstriches, wie nebenbei ersonnen und der modernen Musikgeschichte zwischen zwei Strandnachmittagen, voll des fruchtigen Roséweines von Bandol, zu einem anspruchsvollen Welterfolg voller Ohrwürmer verholfen. Kreatives dolce farniente in Reinkultur.

Blau, so blau, wie die tiefdunklen Indigo-Leinwände eines Yves Klein mit ihren enigmatischen Abdrücken nackter Frauenkörper, die zum visuellen Inbegriff der »École de Nice« bezeichneten Künstlergruppe um ihn, Arman, César, Ben, Niki de Saint-Phalle, Martial Raysse und Sacha Sosno geworden sind. Einer Gruppierung, der man im Kulturviertel Nizzas als Weihetempel das imposant-futuristische MAMAC, ein über Halbmondbögen thronendes Museum für moderne Kunst, errichtet hat. Blau, so blau wie die Himmelsfarben eines Marc Chagall, der im Windschatten der méditerranée eine neue Heimstatt fand und auch bereits vor Ort über ein eigenes Museum für seine heiter-verspielten Bibelszenen auf riesigen Leinwänden verfügt. Blau, so blau wie die Hintergründe auf den Nizza verherrlichenden Seestücken und Aquarellen eines Raoul Dufy, dessen frappierendes Talent für Transparenz man früher in der Galerie des Ponchettes in unmittelbarer Meeresnähe bewundern konnte und dessen wie hingehauchte Stimmungsbilder man jetzt ein wenig ins Abseits, ins klassizistische Musée des Beaux-Arts auf dem Baumettes-Hügel verbannt hat. Blau, so blau wie die aus dem Stadtbild von Nice nicht wegzudenkenden, weltbekannten blauen Stühle, zu Hunderten nebeneinander aufgereiht an einer der stupendesten Strandpromenaden Europas. In die Betrachtung von Wellen und Wind versunken, lassen sich auf ihnen Badegäste, feinsinnige Faulenzer und professionelle Bummler, herausgeputzte Damen und geschniegelte Gentlemen, sandwichkauende Youngster und sich zu Ra-Hymnen wiegende marokkanische Kleinfamilien nieder – bis tief in die Nacht können sie sich, dem quirligen Stadtleben und nie abreißenden Verkehr den Rücken zugekehrt, nicht sattsehen an einem so einfachen wie beglückenden Spektakel, das sich vor ihren Augen ausbreitet: der Betrachtung des Meeres. Dem ewigen Blau.

Blau, so blau wie die dezent hingetupften, duftigen Wattewölkchen auf dem Deckengemälde der Bahnhofshalle zu Nice, einem Bild ohne Motiv oder Zentrum – einer himmlischen Verewigung über den Köpfen der Reisenden. Blau, so blau auch wie die Abteile und Schlafwagen der Luxuszüge von einst: »Les Trains bleus«, so waren seit jeher die Nachtzüge benannt, mit denen man aus Paris in großem Stil aufbrach, um am nächsten Morgen unter Palmenwipfeln und Olivenzweigen aufzuwachen: mit dem Riviera-Express. »Le Train bleu«, so lautet auch der Name eines üppig dekorierten Nobelrestaurants mit goldverzierten, haushohen Decken, Waggonabteilen als Tischen und pompösen Städtefresken an den Wänden, im Stil der Belle Époque. Eine mythische Lokalität, die sich noch heute in der oberen Etage des Pariser Bahnhofs Gare de Lyon befindet. Hier soupierte die haute volée mit Blick auf ihre abfahrbereiten Züge, bevor sie sich in erlesenen Erste-Klasse-compartiments der vielbeschworenen Perlenkettenbucht von Nizza näherte. Le Train bleu, so nannten der französische Komponist Darius Milhaud und das Multimedia-Faktotum Jean Cocteau schließlich ihr aufmüpfiges, 1924 von Sergej Diaghilews »Ballets Russes« auf die Bühne des Pariser Théâtre des Champs-Élysées gestemmtes Sport- und Bademoden-Ballett. Im Untertitel zielten sie gar auf eine »opérette dansée«; geplant war ein über alle Stränge schlagender »Flirt mit der Leichtigkeit des Seins«. Der Vorhang, Zwei Frauen über den Strand laufend, üppige, halb nackte Gestalten, stammte von Pablo Picasso, Vitalität und rauschhafte Ekstase repräsentierend. Henri Laurens’ vom Kubismus inspirierte Requisiten deuteten Firmament und Strand lediglich an. Badekabinen und Zelte rahmten die Bühne ein, auf der sich »Poules« und »Gigolos«, neckische Grüppchen junger Frauen und Männer, in Badeanzügen von unerhörtem Schick tummelten, von Coco Chanel entworfen. Es war bezeichnend für das Selbstverständnis dieser Zwanzigerjahre-Künstler und ihr Faible für Zeitmoden, dass sie artistisches Fingerspitzengefühl besaßen und schon die Reise an die Côte d’Azur selbst zum Gegenstand einer größeren Komposition machten.

Tennisschläger und Sonnenbrillen, Flirts und gymnastische Exerzitien, gebändigte Erotik, Mystifizierung sportlicher Betätigung (heute, im Zeitalter der Fitnessstudios, brandaktuell!), Fotoposen und Sorglosigkeit bildeten das in lockere Nummern aufgelöste Gerüst des Ballettes. Luxuriöse Farce und doppelbödige Parodie zugleich, Zurschaustellung sorglosen Plaisirs – und im selben Atemzug Entlarvung solcher süßen Laster mit ihren eigenen Mitteln. So wurde das perfekte Postkartenbild von einem unbeschwerten Sommernachmittag an der Côte, an dem kein Wölkchen die Urlaubsstimmung trüben durfte, schon im Ansatz wirkungsvoll zerstört. Subversives Blau, opulentes Blau. Ein Blau, das, mit den Worten von Colette, »anderswo nur in Träumen vorkommt«. Ein Blau voller Finessen …

Man sieht: Die Erwähnung der Côte d’Azur allein reicht schon hin, um ins Schwärmen zu geraten. Ist Synonym für Nostalgie. Hält sämtlichen Klischees selbstbewusst stand. Sesamöffnedich für Eingeweihte, Schlaraffenland für polyglotte Weltbürger, Codewort für das mondäne Selbstverständnis erfolgsverwöhnter Paradiesvögel, die sich hier in Hülle und Fülle nehmen können, was ihnen immer schon zustand. Garant der Exklusivität. Hier will man unter seinesgleichen sein – und es bitte auch bleiben. Sie ringt jedem, den es ab und an in die Ferne lockt und der es sich ganz gerne auch einmal gut gehen lässt, einen wonnigen Stoßseufzer ab. Sie selbst kann sich wie ein mediterraner Ohrwurm im Kopf eines fernwehsüchtigen Reisenden festsetzen und ihn behutsam, aber nachdrücklich in Richtung Südostfrankreich bugsieren – früher mit Kutsche, Dampfer und eben den so komfortablen »blauen Zügen«, heute, etwas prosaischer gewiss, aber auch weitaus geschwinder, per Billigflieger oder im Hightech-Abteil eines schnittigen TGV.

Dieser schmale Küstenstreifen – »die ganze Riviera ist nur ein paar Meter breit«, stichelte 1928 bereits Kurt Tucholsky – zwischen Seealpen und le grand bleu, eine durchweg urbane Ansammlung ineinander übergehender Ortschaften ganz unterschiedlicher Größe und Bedeutung mit dem schmucken Zwitter Nizza im Zentrum, verkörpert noch heute den Ewigkeitswert einer unangefochtenen – und mitnichten imaginären – Glücksverheißung. Ihr Rezept? Wie gesagt: Ein bisschen Frankreich, eine Prise Italien, eine Zutat sophistication, verfeinert mit einem Hauch altrussischer Aristokratie, abgerundet von einem Kosmopolitentum, das erst hier sein volles Aroma entfalten kann. Gesegnet mit den Ingredienzien eines phantastischen Mikroklimas. Gekrönt von jeder Menge Kultur, einem verschwenderischen Zuckerguss aus Moden, Stilen, Geschmacksrichtungen. Abgeschmeckt mit dem dernier cri der jeweils anbrechenden Saison in Literatur, Kunst, Mode, Film, Musik.

Das positive Vorurteil vom Leben wie Gott in Frankreich erfährt scheinbar nur hier seine Berechtigung. Hier, und nirgends sonst, kann man am Dreiklang journée de neige – profiter du soleil – nuit lyrique partizipieren, indem man an einem sonnigen Dezembersonntag morgens bergabwärts die Skipisten der vielen die Küste umringenden Hochgebirgs-Stationen unsicher macht, anschließend nachmittags, nur mit Polohemd, Bermudashorts und Segelschuhen angetan, am Kiesstrand der Engelsbucht einen scharlachroten Ramazzotti mit Blick auf die schneebedeckten Gipfel des Mercantour schlürft, um abends, ungleich festlicher gewandet, keinen Steinwurf von der Küste entfernt einer Premiere an der im italienischen Stil errichteten Opéra beizuwohnen.

Und draußen, jenseits der Logen und Zuschauerränge, auf den belebten maritimen Boulevards und in den hell erleuchteten Gassen rund um die für sardische Könige erbaute, stolz in die Abenddämmerung ragende Präfektur von Nice ergehen sich Hunderte von anonymen Selbstdarstellern und Flaneuren in vielfältigen Posen, machen die Nacht zum Tage – und erfinden den langlebigen Mythos Côte d’Azur immer wieder neu.

Doch verschaffen Sie sich, liebe Leser, als Erstes einen Überblick. Besteigen Sie umgehend aus eigener Kraft die colline du château, den Schlosshügel von Nizza – das namenstiftende Stadtschloss hatte LouisXIV. im Jahre 1706 dankenswerterweise in einer Strafaktion sprengen lassen, wie um uns den Aufstieg zu erleichtern und eine uneingeschränkte Aussicht zu ermöglichen. Von hier, wo schattige Terrassen und in den Boden eingelassene Steinmosaike die vormalige Zitadelle ersetzt haben, zwischen port und ville nouvelle, schweift Ihr staunender Blick, begleitet vom Rauschen eines künstlichen Wasserfalles zu Ihren Füßen, über das Hafenbecken von Lympia, das Abfertigungsterminal der Korsika- und Sardinien-Fähren, die bourgeoisen Bettenburgen des feudalen Cimiez, die Festungen von Mont-Boron und Mont-Alban über die berückende Baie des Anges bis zu den Gebirgsketten der Maures und zur weißen Kuppel des Observatoire. Atemberaubend – dieses abgedroschene Attribut greift hier überall in seiner ganzen Tragweite. Klettern Sie sodann im arrière-pays, im Hinterland der Côte, unweit von Cagnes und Saint-Laurent-du-Var, auf den spektakulären Felsen Baou de Saint-Jeannet, von dem aus sich Ihnen das großartigste Panorama der gesamten Küstenlandschaft bietet: bis zum Capitou. Stacheln Sie Ihren Ehrgeiz an und wandern Sie zum majestätischen Mont-Vinaigre inmitten des Esterel-Massives. Betrachten Sie dort Fréjus mit seinen versprengten römischen Ruinen und seinem für Stierkämpfe genutzten Amphitheater aus der Vogelperspektive. Wagen Sie sich auch auf die Tête de Chien, den markanten Hundekopf-Vorsprung, oberhalb der Principauté de Monaco. Eines Schmunzelns angesichts dieses in eine einzige Bucht gezwängten, mit Möchtegern-Wolkenkratzern, Hotelpalästen und Betontürmen vollgestopften Mini-Hongkongs namens Monte-Carlo werden Sie sich dort nicht erwehren können.

Gönnen Sie sich darüber hinaus einen espresso auf der Dachterrasse des Ruhl-Hotels in Nice, an der Schnittstelle von Jardin Albert Premier und Théâtre de Verdure, dem direkt am Ufer gelegenen Freiluft-Amphitheater: ein weiterer Ausblick vom Feinsten. Lehnen Sie sich zurück auf einer chaise longue im Chèvre d’Or zu Èze, diesem so wildromantisch gelegenen Adlernest an der mittleren corniche, und nehmen Sie von dort das unverschämt elegante Cap-Ferrat ins Visier. Oder genehmigen Sie sich einen Tagesausflug in die vollkommene Stille – zum idyllischen Wallfahrtsort der Madonne d’Utelle, die schwindelerregend hoch über den Canyon-Schluchten der Gorges de Vésubie thront und Ihnen eine kaum zu überbietende Fernsicht auf Seealpen, Vallée des Merveilles und italienische Blumenriviera verschafft – so weit das Auge reicht. Tun Sie sich selbst einen Gefallen, und unterziehen Sie sich einer letzten Mühe: Vom Mont-Chauve aus, Nizzas Hausberg, erwartet Sie eine unwiederbringliche, unverbaute Rundschau – steht die Sonne im Zenit, ist an diesem Punkt alles, wirklich alles, Süden unter Ihren Augen. Auf diese Weise, gewappnet mit einem unfehlbaren topografischen Koordinatensystem, behalten Sie einen klaren Kopf und kennen die Umrisse der Region bald wie Ihre Westentasche. Gut möglich, dass es Ihnen von Zeit zu Zeit die Sprache verschlägt: vor Begeisterung.

Womöglich waren Sie aber, bevor Sie loszogen, nicht nur dem allein selig machenden Blau auf der Spur, sondern auch dem Siena-Rot an der von Patrizierbauten gesäumten Place Masséna im Herzen Nizzas, dem zarten Orange der streng rechteckig angelegten Place Garibaldi, den zahllosen Gelb- und Ockertönen des von Schaulustigen nur so wimmelnden Blumenmarktes Cours Saleya, dem Grün der Zypressen, Agaven und der hochstellbaren geriffelten Fensterläden, dem Immergrün der Kakteen, dem Rosaweiß der fast reifen Pampelmusen in den Vorgärten mitten in der Stadt, die niemand zu pflücken sich anschickt, den sanften Pastelltönen der Art-Déco-Bauten im von Prosperität strotzenden Quartier des Musiciens, dem Haussmann’schen Pariser Grau am Boulevard Victor-Hugo, dem Bonbonrosa der Dachkuppel über der Luxusherberge des Negresco?

Keine Sorge – Sie werden fündig. Sehen Sie mit Vorfreude dem glühenden Goldbraun entgegen, wie es eine tief stehende südfranzösische Wintersonne in steilem Winkel auf Fassaden und überbordende Bougainvillea-Ranken wirft. Werden Sie Zeuge, wie alljährlich in der letzten Faschingsnacht der gigantische Roi du Carnaval in all seiner Pappmaché-Pracht verbrennt, wie er im rabenschwarzen Meer versenkt und, in einem letzten Aufflackern, von den Wellen verschluckt wird; laben Sie sich am schillernden Kaleidoskop eines prächtigen Feuerwerks, wie es in der lauen Sommernacht des 14.Juli abgefackelt wird.

Erliegen auch Sie dem Magnetismus und dem Fluidum, die schon Hunderttausende von Besuchern vor Ihnen in ihren Bann schlugen. Bekennen Sie sich zu Superlativen und Lobeshymnen. Verfallen Sie einer ganz speziellen Sucht. Verfallen Sie ihr mit Haut und Haar.

Kopfgeburt

Stecken wir zunächst unser Terrain genau ab: Denn von welchem Eckpunkt bis zu welcher Markierung die französische Riviera genau reicht, ob, großzügig gerechnet, von der umtriebigen Industriebastion Marseille, den karibikblauen und dem verwunschenen Cassis über das Massif des Maures, den Militärhafen Toulon bis zur Grenze nach Italien bei Ventimiglia oder, einer exakteren Definition folgend, von den Ausläufern des Esterel-Gebirges bei Agay, westlich von Mougins und Mandelieu bis hin nach Beaulieu, Beausoleil und Menton im Osten, wo im Februar die berühmten »Blumenschlachten« und Zitronenfeste abgehalten werden, ist auch heute noch strittig. Wir schließen uns der zweiten Variante an und widmen uns speziell Nizza mit weitaus neugierigerer Anteilnahme, als es sonst üblich ist. Nur hier sind wir »entre nous«. Denn fraglos schließt die vagere, über Landesgrenzen hinweg eingebürgerte Bezeichnung »Riviera« naturgemäß und unwillkürlich die italienische Küste bis hin nach Camporosso, Bordighera, San Remo, Imperia, Alassio und Albenga mit ein. Beckmesser lassen wiederum lediglich die von den drei Küstenstraßen, den , eingefasste Wegstrecke voller Privatstrände und Landzungen gelten: die dramatisch platzierten, wildromantischen Felsbuchten zwischen dem Cap de Nice im Westen und den Hanbury-Gärten im Osten. Dagegen steht zweifelsfrei fest, dass die »Côte d’Azur« als Begriff und Kuriosum eine ausgemachte Kopfgeburt darstellt, ein Paradoxon, und das heutige Nizza ihr überwiegend künstliches-kunstvolles, von ausländischen Strategen ersonnenes Zentrum.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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