Gedenke deiner Taten - Lisa Unger - E-Book

Gedenke deiner Taten E-Book

Lisa Unger

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Beschreibung

Wenn sich dein letzter Zufluchtsort als Falle erweist und du deinen schlimmsten Ängsten schutzlos ausgeliefert bist ...

Die Schriftstellerin Kate fährt mit ihrer Tochter Chelsea nach Heart Island, um ihrer Mutter Birdie im Sommerhaus der Familie Gesellschaft zu leisten. Doch das ist Idyll ist trügerisch, denn ungebetene Gäste nahen. Emily befindet sich mit ihrem Freund Dean und dessen Kumpel Brad nach einem bewaffneten Raubüberfall auf der Flucht. Der einzig sichere Hafen, der ihr in ihrer Not in den Sinn kommt, ist Heart Island, das ihrem vermeintlichen Vater Joe gehört. Das Trio beschließt, alles auf eine Karte zu setzen und die Insel zu überfallen ...

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Seitenzahl: 519

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Buch

Die Schriftstellerin Kate bricht gemeinsam mit ihrer Tochter Chelsea und deren Freundin Lulu zu ihrer Mutter Birdie nach Heart Island auf. Sie wollen die Ferien auf der kleinen, in einem Bergsee gelegenen Insel verbringen, die bereits seit Generationen in Familienbesitz ist. Doch das Idyll ist trügerisch. Seit Kurzem wird Birdie, deren Ehe mit Joe am Ende ist, von düsteren Visionen geplagt: Sie glaubt, einen dunkelhaarigen Mann auf der Insel zu sehen. Das beklemmende Gefühl, verfolgt zu werden, wird schnell zur realen Gefahr, als ungebetene Gäste eintreffen. Joes Tochter Emily hat sich mit dem falschen Mann eingelassen. Nach einem bewaffneten Raubüberfall befindet sie sich mit ihrem Freund Dean und dessen Komplizen Brad auf der Flucht. Der einzig sichere Hafen, der ihr in ihrer Not in den Sinn kommt, ist Heart Island. Daraufhin beschließt das Trio, alles auf eine Karte zu setzen und die Eigentümer der Insel zu überfallen. Heart Island wird zum Schauplatz einer schicksalhaften Konfrontation, die schonungslos die Schatten der Vergangenheit ans Licht bringt …

Von Lisa Unger außerdem lieferbar:

Das Gift der Lüge. Thriller (46863)

Der Fluch der Wahrheit. Thriller (47183)

Denn du bist mein. Thriller (46952)

Hüte dich vor deinem Nächsten. Thriller (47228)

Für immer sollst du schweigen. Psychothriller (47527)

Gnade deiner Seele. Psychothriller (47715)

Lisa Unger

Gedenkedeiner Taten

Psychothriller

Deutschvon Eva Bonné

Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel»Heartbroken« bei Crown Publishers,an imprint of the Crown Publishing Group,a division of Random House, Inc., New York.

1. AuflageDeutsche Erstveröffentlichung Januar 2013Copyright © der Originalausgabe 2012by Lisa UngerCopyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2013by Wilhelm Goldmann Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbHThis translation published by arrangement with CrownPublishers, an imprint of the Crown Publishing Group,a division of Random House, Inc.Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, MünchenUmschlagmotiv: akg-images / © A. Kauffmann,Bildnis D. Morghen, M. VolpatoRedaktion: Friederike ArnoldKS · Herstellung: Str.Satz: DTP Service Apel, HannoverISBN: 978-3-641-08873-6www.goldmann-verlag.de

Für JeffreyWeil, natürlich, für wen sonst?Du bist mein Ein und Alles.Für immer und ewig.

ERSTER TEIL

Die Reise

In unserem verzweifelten Bemühen, an einer vielleicht imaginären Vergangenheit festzuhalten, sind wir einer nach dem anderen an den Klippen von Heart Island zerschellt. Wir haben zerstört, was uns am teuersten war, wir haben unser Paradies in einen hässlichen, kahlen Felsen verwandelt, auf dem nichts mehr wächst.

Aus dem Tagebuch von Caroline Love Heart (1940–2000)

PROLOG

Birdie Burke stand auf dem Felsen und beobachtete, wie die ersten Sonnenstrahlen den Himmel in ein schmutziges Rosa verwandelten. Als sie den glitschigen Kiesstrand betrat, schlugen die kleinen, kalten Wellen gegen ihre Beine. Außer dem Rascheln der Blätter, durch die eine sanfte Brise fuhr, waren nur die fernen Schreie eines Seetauchers zu hören. Birdie ließ ihren Morgenmantel fallen und bekam in der kühlen Luft sofort eine Gänsehaut. Sie war unbeobachtet; die Nachbarinseln konnte man nur von der nördlichen und der südlichen Inselspitze aus sehen. Birdies Mann lag noch im Haupthaus im Bett und schlief.

Und selbst wenn jemand sie gesehen hätte – wer interessierte sich schon für eine Fünfundsiebzigjährige im Badeanzug? Die meisten Beobachter hätten peinlich berührt den Blick abgewandt, auch wenn Birdie schlank und in Form war. Angezogen wirkte sie sehr elegant. Eigentlich hielt sie sich immer noch für recht attraktiv. Dennoch hatte Birdie manchmal das Gefühl, nicht mehr wahrgenommen zu werden – nicht so wie früher.

Die Zeit hatte ihrer Figur die Kurven, der Haut die seidige Glätte und den Haaren den Glanz genommen. Obwohl sie sich kaum anders fühlte als mit zwanzig, hatte sie mit dem Mädchen von damals nur noch wenig gemein. So ging es allen Menschen. In ihrem Alter war es normal, sich im Spiegel nicht wiederzuerkennen. Die meisten Freundinnen kämpften mit allen verfügbaren Mitteln gegen das Altern an und beschäftigten ganze Teams von Fitnesstrainern, Schönheitschirurgen, Kosmetikerinnen und Friseuren, die die Zeit anhalten sollten. Wie albern, dachte Birdie. Diese eine Schlacht ließ sich nicht gewinnen. Nicht, dass sie ihr Äußeres vernachlässigt hätte. Und sie wusste, wie sich Niederlagen anfühlen.

Zentimeter für Zentimeter schob sie sich ins eiskalte Wasser und tauchte entschlossen bis zu den Schultern ein. Obwohl sie an den Kälteschock gewöhnt war, schienen sich all ihre Muskeln aus Protest zusammenzukrampfen; ihr Herz raste, und ihre Gelenke schmerzten. Sie setzte sich in Bewegung, schwamm langsam und regelmäßig Zug um Zug und strampelte mit den immer noch kräftigen Beinen. Für gewöhnlich wurde ihr schnell warm, und nach einer Weile fühlte sich das Wasser frisch und spritzig an, belebend.

Aber heute war es anders. Vielleicht war das Wasser ein Grad zu kalt? Oder vielleicht wurde Birdie alt? Sie fand keinen Rhythmus. Sie war noch nicht weit geschwommen und dachte schon ans Umkehren.

Früher hatte sie die Insel mühelos umrundet, an manchen Tagen sogar zweimal. Sie fing stets am Weststrand an, der einzigen Stelle, an der man bequem ins Wasser steigen konnte. Sie schwamm weit hinaus, im sicheren Abstand zu den scharfkantigen grauen Felsen, die die Insel säumten. Normalerweise genoss sie es, wenn das kühle Wasser ihre Haut streichelte, ihr Herz zu klopfen begann und sie mit schlanken, starken Armen und Beinen am Bootsanleger vorbeizog, immer weiter, zur Ostseite der Insel und von dort noch ein Stückchen weiter bis zum Anfangspunkt. Wenn sie gut in Form war, brauchte sie für eine Inselumrundung etwa dreißig Minuten.

Sie hatte den Eindruck, dass das Wasser damals wärmer gewesen war. Damals hatte sie den frühen Morgen für sich genutzt, wenn die Kinder noch schliefen und nicht nach ihr verlangten. Manchmal hatte sie sich gewünscht, es könnte immer so friedlich sein. Und nun, wo niemand mehr Ansprüche an sie stellte, erwies die lang ersehnte Freiheit sich wider Erwarten als weniger verheißungsvoll. Sie fragte sich, warum. Sobald sich der Wunsch erfüllte, war er nur noch ein Schatten des gehegten Traumes.

Sie war bis zum Anleger gekommen und hatte nicht einmal ein Viertel der Strecke hinter sich gebracht, als sie zerknirscht aufgeben musste. Sie würde es nicht schaffen. Zögerlich machte sie kehrt und schwamm ans Ufer zurück, wo ihr Bademantel zu einem rosa Häuflein zusammengesunken lag. Mit steifen Bewegungen kletterte sie aus dem Wasser. Sie war enttäuscht, wenn nicht gar wütend, die Strecke nicht geschafft zu haben. Sie wollte nicht an ihr Alter erinnert werden. Früher war sie unbesiegbar gewesen.

Aber letztendlich war es vielleicht besser so; sie hatte heute viel zu tun. Am Sonntag erwarteten sie Besuch. So viel musste erledigt werden, bevor sie Gäste empfangen konnte, und ihr Mann Joe war ihr dabei keine große Hilfe. Er hielt sich mit Details auf, mit der Auswahl von Wein, Musik und Gesellschaftsspielen. Alle schweren Arbeiten – das Einkaufen, Kochen und Putzen – blieben an Birdie hängen. Übermorgen Abend versammelten ihre Kinder und Enkelkinder sich am langen Esstisch, und dann war es mit der segensreichen Stille auf der Insel vorbei. Birdie würde alle Hände voll zu tun haben.

Du bist selbst schuld, schimpfte ihr Mann regelmäßig. Warum kannst du dich nicht einfach zurücklehnen und es genießen? Niemand hat etwas gegen Hamburger vom Grill, Kartoffeln in Alufolie und grünen Salat einzuwenden. Niemand, außer Birdie.

Sie war so in Gedanken, dass sie ihn erst bemerkte, als sie längst in Morgenmantel und Badeschuhe geschlüpft war und sich zum Haus umgedreht hatte. Sie brauchte einen Moment, um erschreckt zu begreifen, dass dort zwischen den Bäumen jemand stand.

Ohne Brille konnte Birdie ihn nicht erkennen. Wer in aller Welt konnte das sein? Ihr Mann auf keinen Fall. Die Gestalt war groß und schlank, anders als der untersetzte Joe. Ein Nachbar vielleicht? Nein, das war unmöglich, sie hätte das Boot gehört.

»Wer ist da?«, rief sie.

Die Gestalt blieb reglos stehen, sie schien entrückt. Birdie gelang es nicht, ihren Blick scharf zu stellen. Obwohl sie ein wachsendes Unbehagen verspürte, ging sie auf den Unbekannten zu. Nie in ihrem Leben war sie einer Herausforderung ausgewichen. Den Stier bei den Hörnern packen, das war ihre Devise. Sie hielt sich immer noch für rüstig und respekteinflößend. Fünfundsiebzig war heutzutage kein Alter mehr.

»Bitte weisen Sie sich aus«, rief sie. Der Klang ihrer Stimme gefiel ihr selbst nicht. »Musst du immer so herrisch sein?«, wies ihr Mann sie oft zurecht. »Meine Güte, du führst dich auf wie die Königin von England.«

»Sie befinden sich hier auf einem Privatgrundstück.«

Aber der Mann reagierte nicht. Was genau sah sie? Stand da überhaupt jemand? Vielleicht spielte ihr die Morgensonne einen Streich.

Birdie beschleunigte ihre Schritte, aber während sie näher kam, verschwand er zwischen den Bäumen. Sie hatte gar nicht gewusst, dass ihre Augen inzwischen so schwach waren. Als sie die Stelle erreicht hatte, war der Mann verschwunden. Dabei hatte Birdie ihn definitiv gesehen. Sie war weder verrückt noch senil. Oder hatte sie sich doch getäuscht?

Sie überquerte den felsigen Strand auf der Westseite der Insel und lief zum Bootsanleger. Weil es in den letzten Wochen kaum geregnet hatte, waren die Steine oberhalb der Wasserlinie einigermaßen trocken, doch das konnte täuschen. Nichtsdestotrotz wusste Birdie ihre Schritte wohl zu platzieren; sie kannte den Weg seit ihrer Kindheit. Ihre Füße fanden sich auf den Felsen zurecht, so wie damals, als Kind, Teenager und junge Frau. Sie ging schnell, kannte jeden lockeren Stein, jede scharfe Kante und jede sichere ebene Platte. Wenn es regnete und Windböen das Wasser aufpeitschten, war dieser Pfad unpassierbar. Dann wurden die scharfkantigen Steine rutschig, und Wellen warfen sich an die steilen Klippen. Dann musste man wohl oder übel ins Wasser steigen und schwimmen.

Als sie die Landzunge hinter sich gelassen hatte, sah sie den hellgrauen Anleger aus dem tiefblauen Wasser ragen. Über ihrem Kopf zog ein schreiender Schwarm Kanadagänse gen Süden. Es wurde jeden Tag ein bisschen kälter.

Die alte Jolle dümpelte am Steg. Auch das kleine Motorboot war sicher am Poller vertäut, die Kajüte zum Schutz vor dem Regen mit einer Plane abgedeckt. Kein Boot deutete auf einen Besucher auf der Insel hin. Und man konnte nur an dieser Stelle anlanden, ohne sein Boot zu beschädigen.

Im Süden lag Cross Island. Erst vor zwei Jahren hatte der neue Besitzer darauf ein Haus gebaut. Die Insel war unbewohnt gewesen, solange Birdie denken konnte. Als Kind war sie zusammen mit ihrem Bruder und ihrer Schwester in einem kleinen Ruderboot übergesetzt, um die Insel zu erkunden. Ihre besorgte, strenge Mutter hatte sie stets zurückgepfiffen.

»Ihr dürft dort nicht hin«, hatte sie gerufen, »die Insel gehört uns nicht.«

Unter Murren und Schimpfen hatten sie umgedreht, aber keiner wagte es, sich mit Mutter anzulegen, wenn sie dieses Gesicht zog. Lana wurde nur selten böse und hob die Stimme fast nie, aber im Verteilen strenger Blicke war sie eine Meisterin. Dann schwieg man besser und gehorchte.

Birdie sah Cross Island und das neue Haus. Das Dach mit den braunen Schindeln ragte zwischen den Bäumen auf, die Fenster schimmerten in der Morgensonne rosa. Sie mochte den Anblick nicht. Sie fühlte sich bedrängt. Außerdem verband sie mit der Insel nur schlechte Erinnerungen. Meistens ignorierte sie die Nachbarn und tat so, als existierten sie nicht, eine Methode, die sich auf alle unangenehmen Aspekte des Lebens anwenden ließ.

Sie warf einen Blick zurück auf den Weg, den sie gekommen war, und drehte sich zum nördlich gelegenen Haupthaus um. Vom Bootsanleger führte ein schmaler Kiesweg hinauf und weiter bis zum Gästehaus und endete schließlich vor einer Hütte. Birdie konnte weit und breit niemanden sehen, keinen Verfolger oder Eindringling. Über dem Festland brauten sich Gewitterwolken zusammen.

Auf den meisten Nachbarinseln standen Ferienhäuser. Obwohl die Hotels und Gasthöfe einen Fährservice zum Festland anboten, gab es kein Wassertaxi. Wollte man zu einer der Privatinseln übersetzen, brauchte man ein eigenes Boot.

In der letzten Zeit war es vermehrt zu Einbrüchen gekommen. Viele Inselhäuser waren die meiste Zeit des Jahres unbewohnt, was einigen kriminellen Elementen nicht entgangen war. Die Leute kamen mit Booten, brachen in die Häuser ein, stahlen Wertsachen, zerstörten die Inneneinrichtung und nisteten sich manchmal tagelang ein, um hemmungslose Partys zu feiern. Als Birdie davon erfahren hatte, hatte sie sich furchtbar aufgeregt. Es war so typisch. Der wütende Mob lauerte nur darauf, zu stehlen und zu zerstören, wofür andere hart gearbeitet hatten. Immer gab es jemanden, der schlechter gestellt war als man selbst, der einen voller Missgunst beobachtete und nur auf eine günstige Gelegenheit wartete, sich fremde Besitztümer anzueignen. Scheinbar kamen die Leute heutzutage damit durch.

Eine Woche nachdem sie von den Einbrüchen erfahren hatte, war Birdie in die Stadt gefahren, um einen kleinen Revolver zu kaufen. Sie war oft auf der Insel allein. Joe gefiel es hier nur halb so gut wie ihr, und sobald er von der Stille und Einsamkeit genug hatte, kehrte er in ihre Stadtwohnung zurück. Oder langweilte ihn ihre Gesellschaft? Immerhin gehörte die Insel Birdie. Seit drei Generationen befand sich Heart Island in Familienbesitz. Anders als Birdie hatte Joe nicht jeden Sommer seiner Kindheit hier verbracht. Warum sollte sie sich auf der Insel fürchten? Sie bemitleidete jeden, der sie zu überfallen plante. Der Revolver lag in einer Schatulle im Küchenschrank, und wenn Birdie über Nacht allein war, legte sie ihn auf ihren Nachttisch.

Mit schnellen Schritten umrundete Birdie die ganze Insel, bis sie den höchsten Punkt erreicht hatte. Die Kinder der Familie Heart – Birdie, Caroline und Gene – hatten ihn den »Aussichtsfelsen« getauft. Von hier oben überblickte man die nur drei Morgen große Insel mit ihren drei zwischen Felsen und Bäumen kauernden Gebäuden.

Der Kiesweg, der von der Hütte über das Gäste- und das Haupthaus zum Anleger führte, wurde durch in Bodennähe angebrachte Solarleuchten schwach erhellt. Früher hatte hier nur ein einziges Gebäude gestanden, das heutige Gästehaus. Damals hatte es keinen Pfad zwischen Haus und Anleger gegeben, so dass jeder seinen eigenen Weg zwischen Felsen und Bäumen finden musste. Inzwischen hielten sich alle Besucher auf dem sicheren Kiesweg, besonders in stockdunklen Nächten.

Während sie von ihrem Aussichtsposten hinunterschaute, musste Birdie einsehen, dass ihre Augen sie, auch wenn es kaum zu glauben war, getäuscht hatten. Sie konnte nirgendwo ein Boot entdecken, weder am Ufer noch auf dem Wasser. Und einen anderen Weg gab es nicht. Die Logik sagte ihr, dass sie einem Trugbild aufgesessen war. Das nächste Mal würde sie ihre Brille mitnehmen oder sich vor dem Schwimmen Kontaktlinsen einsetzen.

Ihre verstorbene Schwester Caroline wäre der Meinung gewesen, Birdie hätte einen Geist gesehen. Birdies Schwester und auch ihre Mutter Lana waren überzeugt gewesen, dass die Insel übersinnliche Bewohner beherbergte. Sie hatten einen Mann auf den Klippen und eine Frau oben auf dem Aussichtsfelsen gesehen. Und noch jemanden, an den Birdie sich in diesem Moment nicht erinnern konnte. Das war albern. Birdie hatte nie etwas beobachtet. Laut Carol erschrecke Birdies zynische, pragmatische Art die Geister. Birdie konnte zwar nicht erklären, was sie da eben beobachtet hatte, aber auf keinen Fall hielt sie die Erscheinung für übersinnlich. Sie machte sich Sorgen um ihr Sehvermögen und um ihren Verstand, aber Angst vor Gespenstern hatte sie nicht.

Birdie lief weiter, bis sie ihren Ausgangspunkt erreicht hatte. Die Bäume ragten wie ein dunkler, verschwommener Streifen in die Höhe. Birdie starrte angestrengt hinüber und mühte sich, Formen auszumachen, einen Schatten vielleicht oder einen Ast. Aber nein, da war nichts zu sehen als ihre alten Freunde, die Kiefern, Birken und Ahornbäume mit ihrem ewigen, immergleichen Flüstern.

Schließlich lief Birdie zum Haupthaus zurück, um Frühstück zu machen. Ihre Stimmung hatte sich verfinstert. Sie fühlte sich scheinbar grundlos beunruhigt; als hätte sie eine schlechte Nachricht bekommen oder sich an etwas Unangenehmes erinnert.

EINS

Das Blue Hen brummte, und seit Beginn ihrer Schicht waren Emily schon drei dicke Patzer unterlaufen. Einem Gast hatte sie zu viel Wechselgeld herausgegeben. Einem zweiten hatte sie das falsche Gericht serviert. Und nun, als ein wildes ADHS-Kind, ohne zur Seite zu blicken, aus den Toiletten an ihr vorbeigestürmt war und ihr im engen Durchgang zur Küche den Weg abgeschnitten hatte, war ihr ein Tablett mit Wassergläsern aus der Hand gerutscht. Sie war in der Bewegung erstarrt, um einen Zusammenprall zu vermeiden – doch das Tablett mit den Gläsern hatte sich leider selbständig gemacht.

Der Junge schoss durch den schmalen Flur, während alles andere wie in Zeitlupe ablief. Vier große Gläser segelten durch die Luft und zogen einen Schweif aus Wasser und Eiswürfeln hinter sich her. Durch Emilys Kopf dröhnte ein verzweifeltes »Nein!«, und dann hörte sie es krachen. Wie betäubt starrte sie auf das funkelnde, nasse Chaos zu ihren Füßen. Oh Gott. Oh nein. Warum fingen manche Tage schon schlimm an, um dann völlig aus dem Ruder zu laufen?

Angelo kam sofort aus der Küche, um ihr zu helfen. Er hielt den Wischmopp in der einen und den Eimer in der anderen Hand wie ein Rettungskommando. Im selben Moment kam Carol um die Ecke, die Inhaberin des Blue Hen.

»Was ist passiert?«, fragte sie.

»Ich habe etwas fallen lassen«, antwortete Emily, obwohl es offensichtlich war. Sie würde gar nicht erst versuchen, die Sache mit dem Kind zu erklären. Und dass die Toilettentür nach außen zum Flur hin aufging. Die meisten Leute beachteten das Schild nicht: Bitte die Tür langsam öffnen. Carol betrachtete das Schlamassel und legte die Hand an die Stirn. Die Nägel an ihren dicken Fingern waren perfekt manikürt. Emily konnte nicht anders, als auf die Ringe zu starren – einen riesigen Verlobungsring mit einem Diamanten und einen mit einem Saphir. Der »Familienring«, wie Carol ihn nannte. Die Steine funkelten wie Sterne.

»Angelo soll das aufwischen. Die Bestellung für den Vierertisch ist fertig. Kümmere dich um das Essen, ich bringe neues Eiswasser«, sagte Carol. Sie klang müde, aber nicht gereizt. So war Carol nicht. »Versuch, dich zusammenzureißen, Emily. Ich weiß ja nicht, was dich heute so beschäftigt, aber die Arbeit ist es bestimmt nicht.«

Emily nickte.

»Es tut mir leid.«

Carol betrachtete Emily über den Rand ihrer Lesebrille hinweg. Sie hatte ein hübsches, volles Gesicht mit rosigen Wangen, blauen Augen und dichten schwarzen Wimpern. Sie war klein und drall und wirkte sehr mütterlich. Wenn sie mit stolzgeschwellter Brust durchs Restaurant stolzierte und ihre Gäste begluckte, sah Carol wie eine Henne aus, dachte Emily manchmal. Am liebsten hätte Emily ihren Kopf in Carols Schoß gelegt und sich ausgeheult.

»Was ist denn, Liebes?«, fragte Carol. »Möchtest du reden?«

»Nein«, winkte Emily lächelnd ab, »mir geht es gut.«

Angelo kniete schon am Boden, um mit schwieligen Händen die Scherben aufzulesen.

»Tut mir leid, Angelo«, sagte Emily.

Mit seinen dunklen liebeskranken Welpenaugen schaute er ergeben zu ihr auf.

»Das macht doch nichts«, sagte er.

Emily wusste, dass Angelo heimlich in sie verliebt war. Er lächelte breit, so als gefalle es ihm, vor ihr zu knien. Sie spürte, wie ihr die Röte in die Wangen schoss, dann riss sie sich los und eilte Carol nach, die immer noch redete. Carol hatte eine schnelle, leise, aber sehr eindringliche Art zu sprechen, und es kümmerte sie nicht, ob man ihr tatsächlich zuhörte, solange man aufmerksam schien.

»Wenn du den Leuten eine falsche Bestellung bringst, besonders einem Gast wie Barney, der bei uns täglich zur selben Zeit das Gleiche isst, dann vermitteln wir ihnen den Eindruck, sie nicht zu kennen, uns nicht für sie zu interessieren. Bei TGIF oder Chili’s mag das egal sein, aber hier, in meinem Restaurant, nicht – nur durch die enge Kundenbindung unterscheiden sich unabhängige Familienrestaurants von den großen Ketten. Und wenn man den Leuten einen falschen Betrag herausgibt, halten sie einen für nicht vertrauenswürdig oder für inkompetent. Verstehst du das, Emily?« Es war eine rhetorische Frage. Carol redete einfach weiter.

»Und dass mal etwas runterfällt … tja, das kommt vor. Aber normalerweise passiert das nur, wenn man nicht bei der Sache ist. Dir sind heute Vormittag so viele Fehler unterlaufen, weil du völlig neben dir stehst. Ich möchte, dass du dir, wenn du die Bestellung an den Vierertisch gebracht hast, ein paar Minuten Pause im Hinterhof gönnst. Ich übernehme deine Tische. Und wenn du dann zurückkommst, geht der Tag noch einmal von vorn los, okay?«

Emily nickte eifrig und lief los, um der Familie am Fenstertisch das Essen zu bringen. Pancakes für die Tochter, French Toast für den Sohn, Eiweißomelett mit Brokkoli für die Mutter und ein Chili-Käse-Omelett mit Bratkartoffeln und einer doppelten Portion Speck für den Vater (Junge, was hat seine Frau ihm bei der Bestellung für Blicke zugeworfen!). Der Mann könnte vielleicht ein paar Kilo abspecken, aber er wirkte zufrieden mit sich und sah nicht krank aus. Er war einfach ein ganzer Kerl, der gern deftig aß. Wahrscheinlich war sein Cholesterinspiegel zu hoch, und deswegen schaute seine Frau ihn so böse an, als Emily den Teller vor ihm abstellte.

»Wow«, sagte die Frau, »sieht lecker aus.« Dabei meinte sie: Liebling, willst du das wirklich alles essen? Wenigstens bildete Emily sich das ein. Sie besaß die Gabe, Gesichter und Körperhaltungen lesen zu können. Oft hatte sie das Gefühl, die Gedanken der Leute zu kennen, selbst wenn sie etwas ganz anderes sagten. So war es immer schon gewesen.

Nachdem sie der Familie noch den Ketchup gebracht hatte, befolgte sie Carols Anweisung und ging in den Hinterhof. Sie setzte sich auf die Bank, auf der das Personal seine Zigarettenpausen verbrachte, und schaute nach oben. Der Tag war schwül, weiße Schleierwolken bedeckten den Himmel. Eine leichte Brise fuhr in das Laub der großen Eichen, die neben dem Parkplatz aufragten, und die Blätter rauschten. Emily holte tief Luft und versuchte, ihre Sorgen abzuschütteln, so, wie Carol es wollte.

Wieso gehst du in diesen blöden Laden und lässt dich von der dummen Kuh herumscheuchen?

Das hatte Dean am Morgen zu ihr gesagt. Er wollte nicht, dass sie zur Arbeit ging. Er wollte, dass sie bei ihm blieb. Er konnte Carol nicht leiden. Ehrlich gesagt schien Dean niemanden zu mögen, den Emily mochte. Manchmal fragte Emily sich, was das über seinen Charakter verriet.

»An einem Vormittag mit mir verdienst du mehr als in einer ganzen Woche im Fat Hen.«

»Blue Hen.«

»Ist doch egal«, hatte er gesagt und sich eine Zigarette angezündet, obwohl er wusste, dass ihr morgens von dem Qualm übel wurde. »Du hast es nicht nötig, dich rumkommandieren zu lassen.«

Er wollte nicht, dass sie als Kellnerin arbeitete. Seine Mutter war Kellnerin, und Dean hätte Emily am liebsten alles verboten, was ihn an seine Mutter erinnerte.

»Das ist ein Unterschichtenjob«, sagte er.

Emily assoziierte ehrliche Arbeit keineswegs mit »Unterschicht«, was immer das auch bedeuten sollte, wenn es aus Deans Mund kam. Carol behandelte sie gut. Die Gäste benahmen sich meistens sehr höflich, weil das Blue Hen nicht das billigste Restaurant der Stadt war. Emily bekam viel Trinkgeld. Und für gewöhnlich stellte sie sich beim Kellnern nicht ungeschickt an. Sie war kommunikativ und freundlich, plauderte gern mit den Stammgästen über dieses und jenes. Carol sorgte dafür, dass Emily vor oder nach der Schicht eine warme Mahlzeit bekam, und sie erlaubte ihren Angestellten, sich Kaffee oder Kakao zu nehmen. Das Blue Hen war das netteste Restaurant, in dem Emily je gearbeitet hatte.

Als sie am Morgen das Haus verlassen hatte, war Dean wütend geworden. Deswegen war sie bei der Arbeit so fahrig gewesen. Na ja, unter anderem. Sie konnte es nicht ertragen, wenn Dean wütend auf sie war, aber wenn sie nicht arbeiten ging und Geld nach Hause brachte, kamen sie nicht durch die Woche. Dann musste sie wieder einmal ihre Mutter anpumpen, und das war im Moment unmöglich. Eine weitere Baustelle in Emilys Leben.

Es stimmte, manchmal verdiente Dean tatsächlich viel Geld. Aber nicht regelmäßig. Und was er bekam, gab er ebenso schnell wieder aus. Außerdem verschwand er manchmal tagelang. Einmal sogar für eine ganze Woche. Sie hatte nicht mehr mit seiner Rückkehr gerechnet. Als er schließlich nach Hause kam, hatte sie sich gar nicht so gefreut.

»Geht es schon besser?«

Angelo stand neben ihr. Sie hob den Kopf und lächelte ihn scheu an, woraufhin er in den Himmel schaute. Er war immer so lieb zu ihr, und manchmal verspürte sie den Wunsch, ihre Hand in seine gleiten zu lassen. Er roch nach dem Spülmittel, mit dem er die Teller abwusch.

»Danke, dass du mein Chaos beseitigt hast«, sagte sie und legte ihre gefalteten Hände in den Schoß.

»Keine Ursache.«

Sie spürte, dass er noch mehr sagen wollte, es sich aber verkniff. Er hatte sie ein paarmal zum Essen eingeladen. Sie hatte abgelehnt und gesagt, sie lebe mit jemandem zusammen. Irgendwann hatte Angelo aufgegeben, aber er lächelte sie immer noch oft und hoffnungsvoll an. Sie hatte erwartet, dass er nach dem Korb sauer oder gemein zu ihr sein würde. Aber er war genauso freundlich wie immer. Aus irgendeinem Grund war Emily überzeugt, dass er eine sehr nette Mutter haben musste, die ihm beigebracht hatte, Frauen zu respektieren. Das gefiel ihr an Angelo am besten.

»Ich glaube, du wirst da drinnen gebraucht«, sagte Angelo und zog eine zerdrückte Zigarettenpackung aus seiner Brusttasche. Er klopfte eine heraus und zündete sie an. »Sie muss ins Büro, Papierkram erledigen.«

»Okay«, sagte Emily.

Carol bewahrte alle Einnahmen in einem Safe unter ihrem Schreibtisch auf. Freitags erledigte sie die Büroarbeiten. Wenn das Blue Hen am Freitagabend schloss, brachte sie die Einnahmen zur Bank und warf sie in den Nachtsafe. Emily hatte gehört, wie sich Carols Mann Paul über diese Angewohnheit beschwert hatte. Er war der Meinung, sie solle das Geld täglich mitnehmen, damit nicht so viel Bares im Büro herumlag. Carol fand den Vorschlag gut, aber sie hatte ihn anscheinend noch nicht in die Tat umgesetzt.

Carol war ein Gewohnheitstier, und am liebsten war es ihr, wenn jeder Tag gleich verlief. Sie hasste Veränderungen. Vom Auf- bis zum Abschließen war jeder Handgriff – Kaffee kochen, Orangen auspressen, Salz-, Zucker- und Pfefferstreuer auffüllen – Teil eines festgelegten Rituals.

Emily mochte das. Carol war verlässlich, ihre Handlungen vorhersehbar. Sie verheimlichte ihre Absichten nicht, ihre Reaktionen kamen nie überraschend. Das war tröstlich für Emily, die nie wusste, wann oder warum Dean das nächste Mal in die Luft gehen würde. Oder ihre Mutter. Emily wusste nie, ob sie freundlich oder grob zu ihr sein würde. Im Blue Hen gab es nur eine Regel: Sei fleißig und freundlich, dann läuft alles wie von selbst. Diesen Anspruch sollte man zum Lebensmotto erheben. Aber das richtige Leben sah natürlich anders aus.

Als Emily wieder im Restaurant war, fühlte sich der Tag tatsächlich wie neu an. Sie ließ sich von der Routine mitziehen und hatte bald ihren Arbeitsrhythmus gefunden. Sie machte keinen einzigen Fehler mehr. Am Mittag stellte Carol ihr einen Teller mit Hackbraten, Kartoffelbrei, Sauce und angedünstetem Gemüse hin. Emily hatte gar nicht gewusst, wie hungrig sie war, sie aß alles auf und hätte sogar noch mehr essen können. Sie merkte, dass Carol sie beobachtete und schließlich herüberkam, um sich an den Tisch zu setzen.

Im Blue Hen herrschte Flaute zwischen Frühstück und Mittagessen, und nur wenige Gäste waren anwesend. Eine Mutter fütterte ihren kleinen Sohn mit Haferbrei, ein alter Mann las Zeitung, und am Zweiertisch am Fenster saß ein junges Pärchen und hielt Händchen.

»Wie hat’s geschmeckt?«, fragte Carol und tippte an Emilys Teller. Wenn Emily unbeobachtet gewesen wäre, hätte sie den Teller abgeleckt.

»Schrecklich«, antwortete Emily, »das lasse ich zurückgehen.«

Carol lächelte und tätschelte Emilys Hand.

»Du hast nicht gefrühstückt.«

»Nein«, sagte Emily und dachte an Dean, wie er schmollend mit seinem Kaffee und einer Zigarette am Küchentisch gesessen hatte. Lieber ging sie ohne Frühstück aus dem Haus, als sich weiter zu streiten. Der giftige Qualm und Deans feindselige Art hatten sie vertrieben.

»Ist alles in Ordnung, Liebes?«, fragte Carol.

»Ja«, sagte Emily, »wirklich. Tut mir leid wegen heute. Es wird nicht wieder vorkommen.«

»Keine Sorge, Kleines.« Carol lehnte sich zurück und scannte blitzschnell das Restaurant. Wenn irgendetwas in Unordnung war, sprang sie sofort auf, richtete es und eilte an den Tisch zurück. Aber offenbar war sie zufrieden. »Jeder hat mal einen schlechten Tag. Wie läuft es an der Uni?«

»Gut«, sagte Emily. »Toll.«

Carol ließ ihren Blick sekundenlang auf Emily ruhen, tätschelte nochmals ihre Hand und stand auf.

»Okay«, sagte sie, »schön.«

Emily schaute Carol nach, die in der Küche verschwand, um zu überprüfen, ob alles für den Mittagsansturm bereit war. Am liebsten hätte sie Carol zurückgerufen. Sie wollte ihr beichten, dass sie das Studium abgebrochen hatte, dass es einfach nicht funktioniert hatte und sie sich im Herbst, wenn das Geld nicht mehr so knapp war und Dean sie nicht ständig beanspruchte, wieder einschreiben würde. Emilys Mutter wollte nicht länger für die Studiengebühren aufkommen, weil sie Dean nicht leiden konnte. Sie war dagegen, dass er und Emily zusammenwohnten. Und für Miete, Essen und Studiengebühren reichte Emilys Geld nicht.

Aber sie konnte es nicht erzählen, weil Carol weder ihre Mutter noch ihre Freundin war. Carol war ihre Chefin. Das durfte Emily nicht vergessen. Sie hatte schon einmal den Fehler gemacht, sich einem Arbeitgeber viel zu weit zu öffnen. Als sie dann aus einem fadenscheinigen Grund entlassen worden war, hatte es umso mehr geschmerzt. Und die anderen waren umso enttäuschter von ihr gewesen, weil sie versagt hatte. Anscheinend kam es immer so.

»Wenn du willst, übernehme ich die Mittagsschicht«, sagte sie. Carol drehte sich im Durchgang um. Sie schien zu überlegen. Emily brauchte das Geld, versuchte aber, nicht allzu beflissen zu wirken.

»Die habe ich Blanche gegeben. Aber danke trotzdem«, sagte Carol und machte eine Geste, als wollte sie Emily verscheuchen. »Du bist jung. Mach dir einen schönen Tag.«

Emily holte ihre Sachen aus dem Personalraum und verließ das Restaurant. Ein leichter Nieselregen hatte eingesetzt, obwohl der Himmel an manchen Stellen blau war. Regen und Sonnenschein; Emily konnte keinen Regenbogen sehen. Eigentlich sollte Dean sie abholen. Sie hatte ihm ihr Auto geliehen und war am Morgen mit dem Bus zur Arbeit gefahren. Aber Dean war nirgendwo zu sehen. Welch Überraschung.

Emily lief ein paar Schritte und wartete an der Ecke. Sie hätte sich unter die Markise des Blue Hen stellen können, um nicht nass zu werden, aber sie wollte nicht, dass die anderen sie dort warten sahen – wieder einmal. Nach zwanzig Minuten machte sie sich auf den Weg zur Bushaltestelle.

Als sie im Bus saß, rief sie ihre Mutter an. Ihre Mutter sprach nicht mehr mit ihr, deswegen hinterließ Emily ihr täglich eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter.

»Hallo Mom«, sagte sie, »ich komme von der Arbeit und fahre jetzt mit dem Bus nach Hause. Dean hat ein Bewerbungsgespräch, dazu brauchte er mein Auto. Ich wollte dich für Sonntag zum Abendessen einladen. Die Wohnung sieht inzwischen sehr hübsch aus. Ich würde sie dir gern zeigen.«

Sie hielt inne, in der Hoffnung, ihre Mutter würde ans Telefon gehen. »Tja, dann. Ich hab dich lieb. Ruf mich an.«

Emily rechnete fest damit, dass ihre Mutter ihr Schweigen nicht ewig durchhalten würde, aber bislang war sie nicht eingeknickt. Bei ihrer letzten Begegnung hatten sie sich angeschrien. Oder hatte Emily geschrien?

»Mit dem Jungen stimmt was nicht«, hatte ihre Mutter gesagt. Sie hatte am Küchentisch gesessen und geraucht. Wann immer Emily an ihre Mutter dachte, hatte sie dieses Bild vor Augen: am Tisch, die Ellenbogen aufs Vinyl gestützt, starrte sie in die Ferne und rauchte. Nur deswegen konnte Emily den Geruch von Zigarettenqualm nicht ertragen.

»Mit ihm zusammenzuziehen war eine denkbar schlechte Entscheidung. Er wird dir wehtun. Wehe, du wirst schwanger, Emily! Dann ist dein Leben zu Ende.«

Martha eröffnete Emily, dass sie die Studiengebühren erst wieder bezahlte, wenn Dean auszog. Emily hatte dafür kein Verständnis. Warum nahm ihre Mutter ihr die Möglichkeit einer guten Ausbildung, wenn sie gleichzeitig der Meinung war, Dean zerstöre ihr Leben? Ihre Mutter hatte immer gesagt, eine gute Ausbildung sei der Schlüssel zum Erfolg. »Er soll von meinem Geld nichts haben.«

Es stimmte, im letzten Semester hatte Emily ein Seminar ausfallen lassen und Dean den Erstattungsbetrag gegeben. Martha hatte nur davon erfahren, weil die Universitätskasse ihr eine Abrechnung geschickt hatte. Daran hatte Emily nicht gedacht. Durchdachte Planung war nie ihre Stärke gewesen. Dean hatte das Geld gebraucht; wofür, wusste sie nicht. Aber er hatte damals wirklich verzweifelt gewirkt. Außerdem war es ohnehin nur ein Filmseminar gewesen, eine freiwillige Veranstaltung, die sie für ihren Abschluss als Erzieherin nicht brauchte.

Beim letzten Besuch bei ihrer Mutter hatte Emily geschrien: »Er liebt mich!« Es war, als stünde sie neben sich, verwundert darüber, wie groß ihr Zorn und ihr Hass geworden waren. Normalerweise wurde Emily nie laut. Aber diesmal hatte sie das Gefühl, es zerreiße ihr die Brust.

»Du bist nur eifersüchtig, weil niemand dich jemals so geliebt hat wie er mich!«

Ihre Mutter war sitzen geblieben, hatte die Wand angestarrt und ungerührt weitergeraucht. Sie sah alt und müde aus, verbraucht. Nichts fürchtete Emily mehr, als an so einem Küchentisch zu enden – ausgemergelt, vom Leben besiegt, gleichgültig.

Die alte Dame, die im Bus neben ihr saß, tätschelte ihr Knie und reichte ihr ein Taschentuch, das Emily gedankenverloren nahm. Da erst merkte sie, dass sie weinte.

»Danke«, flüsterte Emily und trocknete sich die Augen.

»Ist gar nicht einfach, jung zu sein«, sagte die Frau. Sie trug einen schicken, dunkelblauen Regenmantel und hatte silbergraues Haar. Ihre Hand zitterte leicht. »Ich kann mich noch gut daran erinnern. Man will so viel.«

»Wird es irgendwann leichter?«

Die alte Frau schmunzelte und legte ihre weiche, trockene Hand auf Emilys.

»Nein, Schätzchen, eigentlich nicht.«

Na super, dachte Emily.

ZWEI

Wie geht es los? Wann fängt das Leben an? Wie entwickelt man sich vom Kind, das zur Schule, zum Spielen, zum Einkaufen chauffiert wird, zu einem jungen Erwachsenen, der studiert und arbeiten geht? Wie wird aus einer Berufsanfängerin, die zum ersten Mal mit ihrem Zukünftigen ausgeht, eine zweifache Mutter, die abends in der Küche am Laptop sitzt und Rechnungen bezahlt? Geht ein Ereignis, eine Entscheidung aus der nächsten hervor, so dass man irgendwann vor vollendeten Tatsachen steht? Wie geht es los, fragte Chelsea sich, wenn sie ihre Mutter beobachtete, und wie wird es enden?

»Das ziehst du nicht an.«

Als Chelsea die Treppe heruntergekommen war, hatte ihre Mutter nicht hingesehen, sie hatte den Blick nicht einmal flüchtig von den Unterlagen gehoben. Woher wusste sie, was Chelsea trug – einen schwarzen Minirock, kniehohe Stiefel, einen lila Strickpulli, der nicht einmal ihren Bauchnabel verdeckte? Obwohl ihre Worte weder böse noch empört klangen, duldete sie keinen Widerspruch. Ende der Diskussion. Chelsea wusste instinktiv, dass alles Jammern, Betteln und Heulen nichts bringen würde.

»Na gut«, sagte sie gleichmütig. Sie machte auf dem Absatz kehrt und stieg die Treppe wieder hinauf.

Chelsea hatte ohnehin keine Lust auf den Kurzpulli gehabt. Sie mochte ihre Taille nicht, fand sie dick und schwabbelig. Sie hätte sich unwohl gefühlt und sich den ganzen Nachmittag die Arme vor den Bauch gehalten. Anders als Lulu, deren Figur beneidenswert perfekt war. Das Mädchen hatte kein Gramm Körperfett. Sie bewegte sich wie eine Katze, in vollem Einklang mit dem Universum. Alles an ihr – Haut, Augen, Lippen, Brüste – war makellos. Neben ihrer alten Kindergartenfreundin fühlte Chelsea sich wie ein Trampel. Sie durchwühlte ihren Schrank, musterte und verwarf ein Jeanshemd, ein rosa bedrucktes T-Shirt und das gekreppte Blümchentop, das ihre Großmutter geschickt und das Chelsea nie getragen hatte. Was würde Lulu heute anziehen?

Lulu aß fast nichts und qualmte wie ein Schlot. Dann wiederum war sie nicht die Hellste. Nein, das stimmte nicht ganz. Obwohl Chelsea ihr regelmäßig bei den Hausaufgaben half (manchmal erledigte sie sie) und Lulu kaum ein Wort richtig buchstabieren konnte, war sie auf ihre eigene Art äußerst clever. Mit Mathe und Englisch konnte sie nicht viel anfangen, dafür kannte sie sich mit Dingen aus, die Chelsea völlig fremd waren. Lulu machte sich nichts aus der Schule.

Lulus hervorstechendste Eigenschaft: Sie hatte eine scharfe Zunge. Warum waren alle schlanken, schönen Menschen immer so gemein? Woher nahmen sie diese Sicherheit? Und trotz ihrer Durchtriebenheit rissen alle sich um solche Menschen. Woran lag das? Viele Fragen, ein reißender Strom aus Fragen, auf die Chelsea keine Antwort wusste. Zu viele Fragen.

Chelsea zog ihre Lieblingstunika aus weichem blasslila Stoff vom Kleiderbügel und schlüpfte hinein. Auf einen Schlag fühlte sie sich erleichtert und entspannt. Ihr Outfit war nichts Besonderes, es war weder cool noch sexy, dafür aber auch nicht öde oder peinlich. Damit würde sie auf keinen Fall die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Auch nicht auf ihr unscheinbares, durchschnittlich hübsches Gesicht, ihr schulterlanges, glattes weizenblondes Haar, die knabenhafte Figur. Aber das war okay, wirklich.

Ihre Mutter kam herein und bückte sich nach dem Pullover, den Chelsea achtlos auf den Boden geschmissen hatte.

»Wo hast du den her?«, fragte sie. Sie hielt den Fetzen in die Höhe, der auf einmal aussah wie ein Puppenkleid. Chelsea schämte sich ein wenig. Unter dem kritischen Blick ihrer Mutter schien der Pulli noch weiter zu schrumpfen.

»Von Lulu.«

»Hmm.« Ihre Mutter faltete den Pullover, legte ihn aufs Bett und setzte sich daneben. »Weißt du … wahre Schönheit hat nichts damit zu tun, seinen Körper zur Schau zu stellen.«

»Ich weiß.« Natürlich. Wie sollte sie das nicht wissen? Sie hatten schon hundertmal darüber geredet. Wahre Schönheit kommt von innen. Sie hat mit Intelligenz zu tun, mit Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein. Oder: Wahre Schönheit kann man nicht kaufen. Sie kommt nicht aus der Cremedose. Oder: Sie ist nicht an eine bestimmte Kleidergröße gebunden. Ja, Chelsea hatte es verstanden. Schade nur, dass der Rest der Welt die Sache anders beurteilte.

»Am schönsten bist du, wenn du ganz natürlich bist«, sagte Chelseas Mutter. »Lulu glaubt wohl, sie müsste sich knapp bekleiden, um Aufmerksamkeit zu bekommen.«

Chelsea warf ihrer Mutter einen skeptischen Blick zu.

»Du willst doch nicht etwa behaupten, Lulu sei nicht von Natur aus atemberaubend?«

Ihre Mutter lächelte ihr geduldiges Lächeln. Wie immer machte es Chelsea wütend.

»Es gibt viele Arten von Schönheit«, sagte Kate.

»Alle Jungen dieser Welt wollen mit ihr gehen«, sagte Chelsea. Klang sie eifersüchtig? Sie war es nicht. Oder etwa doch?

Kate zog die Augenbrauen hoch.

»Was soll das denn heißen, ›mit ihr gehen‹?«

»Du weißt schon«, sagte Chelsea und wurde rot. »Vergiss es.«

Sie betrachtete den Pulli auf dem Bett. Die Farbe war grell und billig. Nach ein paar Wäschen bildeten sich Knötchen, und die Farbe verblasste. Das Teil überstand keine Saison.

»Wie dem auch sei«, sagte ihre Mom, »ich mag dein Outfit. Es ist …«

Chelsea hob die Hand.

»Jetzt sag bloß nicht: niedlich.«

»Ich wollte sagen: hübsch, schick, stilvoll. Die Farbe steht dir.«

Ihre Mutter stand auf und strich ihr übers Haar. Dann küsste sie Chelsea auf die Stirn und ging hinaus. Chelsea stopfte den Pullover in ihre Tasche. Vielleicht zog sie ihn später an, im Einkaufszentrum. Oder sie gab ihn Lulu zurück.

»Viertelstunde noch!«, rief ihre Mutter von der Treppe. »Ich habe deinem Bruder versprochen, ihm heute beim Training zuzuschauen.«

Meinem Halbbruder, wollte Chelsea sagen, aber sie schwieg. Das Wort war tabu. Es machte alle wütend und traurig, Chelsea eingeschlossen. Außerdem meinte sie es gar nicht so. Brendan war unbestritten ihr Bruder. Ganz besonders, wenn er sie nervte.

»Okay«, rief sie.

Sie setzte sich vor den Computer und berührte die Maus. Auf dem Bildschirm erschien ihre Facebookseite. Sie las die letzten Einträge. Stephanie war unglücklich und paukte in der Sommerpause für die Matheklausur (wie man pauken und gleichzeitig Posts verfassen konnte, war Chelsea schleierhaft). Langweilig, schrieb Stephanie. Wer braucht im echten Leben Differenzialrechnungen? Chelsea schrieb zurück: Durchhalten, Süße!

Ihr Freund Brian freute sich wie bekloppt aufs Fußballtraining. Chelsea wusste es besser. Brian saß die meiste Zeit auf der Bank und wurde immer als Letzter eingewechselt. Sie schrieb: Hau sie weg! Josie war bei der Maniküre. Ich weiß es, diese Chinesinnen lästern über mich! Josie war überzeugt, dass immer alle über sie lästerten. Vielleicht, weil sie selbst so gern lästerte? Chelsea kommentierte den Eintrag nicht.

Chelsea hatte hundertneun Facebookfreunde, und jeder war ständig mit erwähnenswerten Aktivitäten beschäftigt. Manchmal erschreckte die Flut der Einträge sie. Dauernd sollte sie nachlesen, was die anderen dachten, taten, ob sie sich Sorgen machten, sich freuten, traurig waren oder verliebt.

Der Strom der Informationen riss nie ab. Sie las von Freunden und von Bekannten, von Mitschülern, die angefragt und die sie akzeptiert hatte. Trotzdem hätte sie sie nie im Leben als echte Freunde bezeichnet. Sie bekam Nachrichten von ihren Cousinen in Washington, sogar von ihrer Stiefoma. Manchmal fühlte Chelsea sich gezwungen, irgendwelche Statusmeldungen abzugeben, nur um sichtbar zu sein, um teilzuhaben. Und wann immer sie etwas postete, fürchtete sie, es könnte nicht gut genug sein. Früher, hatte Sean, ihr Vater, einmal gesagt, haben die Leute sich unterhalten. Wir haben unsere Gefühle und Gedanken nicht auf irgendeiner digitalen Pinnwand ausgehängt. Man wusste, was man tat und dachte und was die besten Freunde so taten und dachten. Und weißt du, was? Mehr brauchte man nicht zu wissen.

Anscheinend hingen ihre Eltern noch an einem paradiesischen Zustand, den es im richtigen Leben längst nicht mehr gab. Ständig versuchten sie, Chelsea die Realität aus- und das Ideal einzureden. Manchmal war es ermüdend. Gebt auf, wollte Chelsea ihnen sagen, ihr habt verloren. Die Welt ist scheiße, und alle Kommunikation wird nichts daran ändern. Aber ihre Eltern waren so bemüht, so ernst. Das konnte sie ihnen nicht antun.

Eine neue Freundschaftsanfrage. Chelsea klickte den leuchtend blauen Link an. Ein gewisser Adam McKee wollte ihr Freund sein. Sie hatte keine Ahnung, wer er war, aber er sah echt süß aus mit dem schwarzen Strubbelhaar und den dunklen, langen Wimpern.

Sie wurde neugierig. Wer war er, und wieso schickte er ihr eine Anfrage? Sie klickte seinen Namen an, um nachzusehen, ob sie gemeinsame Bekannte hatten. Er ging in Brighton zur Schule, der Nachbargemeinde. Sie hatten eine gemeinsame Freundin: Lulu. Klar, Lulu war mit absolut jedem befreundet, auch wenn sie über ihre meisten Freunde nur Schlechtes sagte.

Ohne Adam McKees Freundschaftsanfrage anzunehmen, würde sie nicht mehr über ihn in Erfahrung bringen. Sie würde Lulu fragen. Auf keinen Fall akzeptierte sie einen Unbekannten, selbst wenn er zum Anbeißen aussah. Chelsea schrieb: Auf zur Mall, shoppen und Smoothies mit Lulu. Wer kommt mit?Wir treffen uns in der Rotunde. Das klang lahm, aber etwas Spritzigeres fiel ihr gerade nicht ein.

»Chelsea, kommst du?«, rief ihre Mutter von unten. Anscheinend war irgendetwas passiert; auf einmal klang sie angespannt. So war es immer – Mom war normal und hatte eine Minute später schlechte Laune. Am besten, man ließ sich nichts anmerken. Mittlerweile war Chelsea darin richtig gut.

Wie konnte es schon halb vier sein? Wie kam es, dass die Nachmittage nur so verflogen? Wenn Kate die Kinder in der Schule oder im Feriencamp abgeliefert hatte und nach Hause kam, war das ganze Haus vom goldenen Sonnenlicht erfüllt. Der Tag erstreckte sich endlos vor ihr, und sie hatte genug Zeit für Erledigungen. Und dann war es plötzlich elf Uhr. Dann zwei Uhr. Um drei saß sie wieder im Auto, um beide Kinder durch die Gegend zu fahren.

Sie war nicht faul. Nie gewesen. Und doch sah es so aus, als käme sie nie dazu, die wirklich großen Vorhaben in Angriff zu nehmen. Ja, das Haus war blitzsauber, die Wäsche immer gewaschen, das Essen gekocht, der Kühlschrank vollgestopft mit allem, was die Familie brauchte. Darum kümmerte sie sich täglich. Leider konnte sie diesen Aufgaben nichts abgewinnen. Es waren Notwendigkeiten, eine Pflichtübung, die sie erfüllte, um nicht vollends als Versagerin dazustehen. Natürlich lag sie nicht auf der faulen Haut. Sie half ehrenamtlich in der Schule mit, teilte sich mit Bekannten einen Garten zum Anbau von Biogemüse. Im letzten Jahr hatte sie viel geleistet. Aber irgendwie war es nie genug.

»Chelsea, kommst du?«, rief sie. Sie bemühte sich, nicht gehetzt zu klingen.

Eine Minute später schwebte ihre Tochter die Treppe herunter. Kate spürte bei Chelseas Anblick einen kleinen Stich. Chelsea hatte ja keine Ahnung, wie schön sie war, was ihre Schönheit nur noch unterstrich. Manchmal wurde es Kate angst und bange, wenn sie Chelseas Taille, die milchweiße Haut, das goldschimmernde Haar sah. Am liebsten hätte sie ihre Tochter in Tücher gehüllt und vor der Welt versteckt. Sie sehnte sich nach Burkas, Nonnenklöstern und einer strengeren Kleiderordnung. Wie sollte man etwas dermaßen Liebreizendes beschützen? Wie sollte man die Welt daran hindern, ihre schmutzigen Hände an dieses zauberhafte Wesen zu legen? Es war unmöglich. Das war die traurige Wahrheit. Man konnte Chelsea nur beibringen, sich selbst zu schützen.

»Was ist denn?«, fragte Chelsea. »Warum siehst du mich so an?«

»Nur so«, sagte Kate und zwang sich zu einem strahlenden Lächeln. Sie tätschelte die glatte Wange ihrer Tochter. »Ich gucke ganz normal. Wir sind spät dran.«

Chelsea schwebte an Kate vorbei. Sie zog eine Duftwolke aus Puder, Shampoo und Ivory-Seife hinter sich her. Der saubere, unschuldige Geruch der Kindheit. Kate war beruhigt. Sie folgte ihrer Tochter nach draußen.

»Weißt du, es ist mir eigentlich nicht recht, dass du so oft im Einkaufszentrum bist«, sagte sie, während sie sich anschnallten.

»Wieso nicht?«

Wieso nicht? Einkaufszentren waren eine Bastion des Massenkonsums, Junkfood-Zentren, die Perverse, Kinderschänder und Kidnapper anzogen und zudem ein beliebtes Ziel für Terroranschläge waren (sagten die Nachrichtensender). Und hatte Kate nicht neulich erst einen Bericht gesehen, demzufolge Teenager Sex in öffentlichen Toiletten haben? Sie konnten sich mit »Apps« ausfindig machen und sich verabreden. Kate hoffte, dass das nur ein Gerücht war. Sie traute sich nicht, Chelsea danach zu fragen.

»Kommt mir irgendwie unnatürlich vor, seinen Freitagnachmittag dort zu verbringen«, sagte Kate. »Außerdem fahren wir am Sonntag in den Urlaub. Wir müssen heute Abend mit dem Packen anfangen.«

Allein bei der Vorstellung bekam sie Magenkrämpfe. Sie fürchtete sich so vor der Fahrt. Der Gedanke belastete sie, machte sie nervös, und sie giftete Sean und die Kinder an.

»Mom«, sagte Chelsea. Ihre Tochter war zu intelligent, um auf diese Scheinargumente einzugehen. »Die Kriminalitätsrate ist auf ein historisches Tief gesunken. Entführungen und Morde spielen sich fast ausschließlich außerhalb von Einkaufszentren ab.«

»Du klingst wie Sean«, sagte Kate. Wie so oft war sie gleichzeitig stolz und beleidigt; sie schätzte den IQ ihrer Tochter höher ein als ihren eigenen. Immerhin konnte sie sich erinnern, selbst einmal schlagfertig, witzig und smart gewesen zu sein – früher.

»Ich brauche sowieso noch ein paar Sachen«, sagte Chelsea, die Pragmatikerin. »Ist ja nicht so, dass ich da ziellos herumirre.«

»Was brauchst du denn?«

»Eine Fleecejacke und Wanderschuhe.« Chelsea zuckte die Achseln. »Kleidung für draußen.«

»Nimm die Kreditkarte.«

Kate und Sean hatten Chelsea zu ihrem fünfzehnten Geburtstag eine Kreditkarte geschenkt. Für die Benutzung hatten sie strenge Regeln aufgestellt, und Chelsea musste sich jeden Kauf im Vorfeld genehmigen lassen, von Notfällen abgesehen. Nie hatte es Probleme gegeben, denn Chelsea kam nach ihrer Mutter – sie war die Sorgfalt in Person. Bei Brendan, dem Jüngsten, sah es anders aus. Er musste noch lange auf eine eigene Kreditkarte warten. Er war charmant, aber gerissen. Und ein Rebell.

Die Mall, ein strahlend weißer Klotz, ragte aus der gepflegten Grünanlage auf wie ein Monument der Dekadenz. Kate hielt vor dem Eingang und wartete, bis Chelsea ihre Sachen eingesammelt hatte.

»Wir treffen uns genau hier, um sechs Uhr«, sagte sie. »Hast du dein Handy dabei?«

»Natürlich«, sagte Chelsea und gab ihrer Mutter einen flüchtigen Kuss. Sie stieß die Tür auf und sprang aus dem Auto. Kate ließ das Fenster herunter.

»Schreib mir eine SMS«, rief sie Chelsea nach. Die hob kurz die Hand, drehte sich aber nicht noch einmal um. Im nächsten Moment hatte die riesige Drehtür sie verschluckt.

Zum ersten Mal seit langer Zeit musste Kate an die tränenreichen Abschiedsszenen vor dem Kindergarten denken. Früher hatte ihre Tochter sich wie ein Äffchen an ihr festgeklammert und geweint. Lass mich nicht allein, Mommy (die fünf schrecklichsten Wörter überhaupt).

»Mommy kommt immer zu dir zurück, Schätzchen. Spiel mit den anderen«, hatte Kate sie getröstet und sich dabei aus der Umklammerung befreit. Sie freute sich auf die paar Stunden, die sie für sich hatte, und wurde gleichzeitig von heftigen Schuldgefühlen geplagt.

Brendan hingegen war jedes Mal davongerannt, ohne einen Blick zurückzuwerfen, selbst als Kleinkind. Er war viel selbstsicherer als Chelsea, die die hässliche Scheidung ihrer Eltern miterleben musste. Brendans Welt war unerschütterlich; Kate und Sean waren glücklich verheiratet. Chelsea hingegen war während Kates erster, unglücklicher Ehe zur Welt gekommen. Obwohl Chelsea Sean als ihren Dad betrachtete und sie seit Jahren friedlich zusammenlebten, fürchtete Kate, sie könnte aus jener schwierigen Zeit Schäden zurückbehalten haben. Bis heute übte ihr Vater Sebastian einen unguten Einfluss auf sie aus. Kate versuchte, die Anflüge von Hass und Reue auszusitzen, die sie immer noch regelmäßig überfielen. Sie wollte loslassen. Was sollte sie auch machen? Das Leben war kein Ponyhof, für niemanden, auch für Chelsea nicht.

Als sie den Fußballplatz erreichte, klingelte ihr Handy. Was ist denn nun schon wieder? Diesen Satz hatte Kate von ihrer Mutter, die sich auch ständig belagert und überfordert fühlte, sei es vom Telefon oder von der Türklingel. Gerade so, als wäre sie so gefragt, dass sie nicht mehr hinterherkam. Kate schüttelte das Gefühl ab, wie so oft wollte sie nicht an Birdie erinnert werden.

»Hallo?« Sie zwang sich, freundlich zu klingen.

»Hey.« Ihr Bruder. Er klang seltsam. Sie wusste genau, warum er sie anrief.

»Sag es nicht, Teddy«, rief sie. Für sie hieß er immer noch Teddy. Seit über zehn Jahren schon nannte er sich Theo. Seine Freunde, sein Lebensgefährte und seine Kollegen kannten ihn als Theo. Nur Kate und die Eltern nannten ihn manchmal noch Teddy.

Kate entdeckte Brendan auf dem Fußballplatz. Er winkte ihr zu. Er wirkte viel kleiner als die anderen Jungen. Sie winkte zurück und hob einen Finger als Zeichen, dass sie gleich bei ihm sein würde.

»Es tut mir leid«, sagte ihr Bruder. Er seufzte. »Es geht nicht. Dieses Jahr schaffe ich es wirklich nicht.«

»Du musst«, sagte Kate, »du hast es mir versprochen.«

Die Jungen trabten auf das Feld. Brendan warf ihr einen irritierten Blick zu und bezog seine Position. Sie hörte eine Trillerpfeife und den Applaus der anderen Eltern.

»Ich weiß«, sagte ihr Bruder. »Aber mir ist klar geworden, dass das nichts mehr für mich ist.« Seine Stimme verriet ihr, dass er seine Meinung nicht mehr ändern würde. Dann fügte er hinzu: »Ich bin nicht so wie du.«

»Was soll das heißen?«

»Du weißt schon«, sagte er. Er klang müde und ein bisschen beleidigt. »Du hast immerhin Dad auf deiner Seite. Ich nicht.«

Dummerweise schossen ihr die Tränen in die Augen. Kate blinzelte sie schnell weg. Wut, Enttäuschung und Trauer, so hießen die treuen Begleiter eines jeden Familientreffens. Diesmal waren sie früh dran. Und sie ließen sich wohl nicht mehr abschütteln. Kate schwieg.

»Kate, hör mal«, sagte Teddy in die Stille hinein, »ich bin zu alt dafür. Ich nehme nicht die eintägige Anreise in Kauf, nur um mich auf dieser abgeschotteten Insel beschimpfen zu lassen. Irgendwann im Leben muss man anfangen, sich abzugrenzen und nein zu sagen.«

Kate schnaubte. Beschimpfen? Das war ein bisschen übertrieben, oder? Und schon wieder reagierte sie wie ihre Mutter: Sie biss sich an Begrifflichkeiten fest, um der bitteren Wahrheit nicht ins Auge blicken zu müssen.

»Aber was ist mit mir und den Kindern?«, fragte sie. Sie war sich nicht zu schade, an sein Mitgefühl zu appellieren. »Wir werden dich vermissen.«

»Wir sehen uns an Thanksgiving.«

»Teddy, bitte, lass mich nicht allein.« Ja, sie bettelte ihn an.

»Versuch, mich zu verstehen«, sagte er. »Du bist genauso wenig verpflichtet hinzufahren.«

Doch. Es gab unzählige Gründe, die alle miteinander zusammenhingen. Ein riesiges Knäuel aus Hoffnungen, Befürchtungen und Pflichten.

»Ich muss auflegen«, sagte sie. Sie klang ungewollt kühl.

»Kate …«

»Brendan hat ein Spiel. Und im Gegensatz zu dir halte ich die Versprechen, die ich meiner Familie gebe.«

»Ich bitte dich«, sagte er. Jetzt war er wütend. »Du klingst genau wie sie.«

Das war ein unnötiger Schlag unter die Gürtellinie, der sie daran erinnerte, dass sie ihren Bruder zwar sehr liebte, ihr Verhältnis jedoch alles andere als unbelastet war. Wie sollte es anders sein? Die Kinder von Birdie und John Burke konnten kaum hoffen, einander nahe zu sein. Das hatte ihnen niemand vorgelebt, ihre Eltern schon gar nicht. Vielleicht war es für Teddy tatsächlich das Beste, dem Familientreffen fernzubleiben.

»Mach’s gut, Theo.« Kate schaltete das Handy aus.

Sie blieb noch für eine Weile im Auto sitzen, die Stirn ans Lenkrad gelehnt, bis sie die Trillerpfeife des Schiedsrichters hörte. Daraufhin stieg sie aus, öffnete den Kofferraum und nahm das Wasser und die Orangen heraus, die mitzubringen sie dem Trainer versprochen hatte. Es war wichtig, seine Versprechen zu halten. Wieso hatten das außer ihr alle vergessen?

DREI

Chelsea durfte nur in Anwesenheit ihrer Mutter mit ihrem leiblichen Vater Sebastian telefonieren. Deswegen drückte sie, als sie seine Nummer auf dem Handydisplay entdeckte, auf ignorieren. Nicht der Richter hatte das so festgelegt. Chelsea und ihre Mutter hatten es vor ein paar Jahren selbst beschlossen.

Als sie kleiner war, hatte Chelsea sich nach jedem Telefonat mit ihrem Vater miserabel gefühlt, ohne erklären zu können, warum. Vielleicht, weil er so fern und traurig klang. Und manchmal war er wütend und redete schlecht über ihre Mom. Oft versprach er ihr das Blaue vom Himmel, aber, wie sehr er sich auch anstrengte, er hielt sich nicht an seine Versprechen. Einmal hatte er gesagt: Nächstes Jahr fahren wir für eine Woche nach Disney World, nur du und ich. Aber die Sorgerechtsregelung sah keine gemeinsamen Reisen vor. Anfangs war es ihm nicht einmal erlaubt gewesen, seine Tochter unbeaufsichtigt zu sehen. Am schlimmsten war, dass sie nicht mit ihm verreisen wollte, nicht einmal, wenn man es ihr erlaubt hätte.

Als kleines Mädchen weinte sie sich nach jedem Anruf auf dem Schoß ihrer Mutter aus. Sie hatte das Gefühl, nicht mehr aufhören zu können. Wenn Kate im Zimmer war, ging es Chelsea gleich besser, auch wenn ihre Mutter nicht hören konnte, was Sebastian sagte. Kates Leben war ruhig, berechenbar und sicher. Ihre Mutter gab Chelsea das Gefühl, dass die Welt keinesfalls auf Treibsand gebaut war und nicht alle Erwachsenen so orientierungslos waren wie ihr Vater. Deshalb hatten Chelsea und Kate die Vereinbarung getroffen.

Inzwischen hatte ihr Vater sich verändert. Er hatte wieder geheiratet, gewissermaßen. Ihm zufolge führte er eine spirituelle Ehe, konnte aber keine gültigen Dokumente vorweisen. Er trank nicht mehr. Er wurde nicht mehr wütend, zumindest tobte er nicht mehr und beschimpfte sie. In letzter Zeit hatte er endlich wieder schriftstellerische Erfolge feiern können, das machte ihn zufriedener.

Vor einigen Jahren hatte er sich für sein verletzendes Verhalten unter Alkoholeinfluss offiziell bei Chelsea und ihrer Mutter entschuldigt. Das gehörte zum Zwölf-Schritte-Programm. Oder zu seiner neuen Werbekampagne, hatte Kate gelästert. Sebastians erster Erfolg seit zehn Jahren handelte von dem verheerenden Einfluss des Alkohols auf sein Leben und seine Karriere: Am Grund des Glases. Seine Ehe mit Kate präsentierte er in grellen, grausigen Details. Wenigstens hatte es den Anschein. Kate bat ihre Tochter, das Buch erst als Erwachsene zu lesen, und Chelsea willigte ein. Bis heute hatte sie keinen Blick hineingeworfen. Ehrlich gesagt war sie nicht erpicht darauf, über die katastrophale Ehe ihrer Eltern mehr zu erfahren.

Seit der Entschuldigung, aus welchem Grund auch immer, wirkte Kate entspannter, wenn der Name ihres Exmannes fiel. Im letzten Jahr hatte Chelsea zwei Wochenenden bei Sebastian und seiner Agentin und zweiten »Ehefrau« Jessica verbracht (die eigentlich ganz in Ordnung war, das fand sogar Kate). Er lud sie regelmäßig ein, aber Chelsea dachte sich immer neue Ausreden aus, und ihre Mutter war die Letzte, die sie gedrängt hätte.

Chelsea wusste selbst nicht, warum sie nicht zu ihrem Vater wollte. Er und Jessica stellten sich auf den Kopf, um es ihr recht zu machen, sie überhäuften Chelsea mit Geschenken – ein iPhone, Klamotten, einen Flatscreen für ihr Zimmer in Sebastians Haus. Sie lasen ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Aber manchmal sah er sie so komisch an, als erwarte er von ihr eine Gefühlsregung, die sich partout nicht einstellen wollte. Sie spürte instinktiv, dass er ihre Zuneigung weder verdient hatte noch kaufen konnte, und dann fühlte sie sich schlecht. Ja, sie liebte ihn, aber irgendwie nicht genug. Sie wussten beide, dass sie sich bei ihrem Vater nie zu Hause fühlen würde.

»Du solltest ihn nach Strich und Faden ausnehmen«, sagte Lulu. »Lass dir im nächsten Jahr ein Auto schenken!«

Im Forever 21 war das Gespräch aus irgendeinem Grund auf Sebastian gekommen. Chelsea war überzeugt gewesen, den Anruf unbemerkt stumm geschaltet zu haben, aber Lulu hatte doch etwas mitbekommen. Oder vielleicht hatte Lulu wie immer ihre Gedanken gelesen.

»Ja«, sagte Chelsea, »coole Idee.«

Dabei hatte sie gar nicht vor, ihren Vater um ein Auto oder sonst irgendetwas zu bitten. Selbst mit dem iPhone hatte sie daheim nichts als Ärger bekommen. Möglicherweise hatte Sean vorgehabt, ihr eins zum Geburtstag zu schenken? Sie sprachen natürlich nicht offen darüber. Sie nannte Sean ihren Dad, was sich richtig anfühlte. Und er würde ihr nie wegen ihres leiblichen Vaters ein schlechtes Gewissen machen.

»Im Ernst«, sagte Lulu, »der schwimmt doch im Geld. Und er ist dir was schuldig.«

»Warum reden wir überhaupt darüber?«

Lulu zuckte die Achseln. Sie hielt ein winziges Batiktop in die Höhe.

»Wie findest du das?«

»Süß«, sagte Chelsea.

Wie es wohl wäre, in absolut jedem Kleidungsstück atemberaubend gut auszusehen? Von niemandem gesagt zu bekommen, was einem stand und was nicht. Lulu musterte das Top und hängte es zurück. Chelsea wäre wenig überrascht gewesen, wenn Lulu es, obwohl sie sich alles leisten konnte, einfach eingesteckt hätte. Lulu hatte eine Kreditkarte, und ihre Eltern beglichen die Rechnungen, ohne mit der Wimper zu zucken. Trotzdem ließ sie immer wieder das eine oder andere Teil mitgehen … ein T-Shirt, einen Lippenstift, ein Plüschtier aus dem Geschenkeladen. Warum tust du das?, hatte Chelsea gefragt. Lulu hatte sie verständnislos angesehen, so als fände sie die Frage absurd. Keine Ahnung.

»Ich habe ihn in der Today Show gesehen«, sagte Lulu und beobachtete Chelsea über einen Ständer mit Yoga-Hosen hinweg. Aus den Lautsprechern dröhnte Rihanna. »I love the way you lie«, trällerte sie.

»Oh«, sagte Chelsea.

Sie mochte es nicht, wenn ihr Vater im Fernsehen auftrat. Der Mann auf dem Bildschirm war ein müder Abklatsch des Menschen, den sie kannte, jede Geste wirkte falsch und einstudiert. Jeder band es Chelsea auf die Nase, wenn er Sebastian im Fernsehen oder sein Buch im Laden gesehen hatte. Die Leute waren beeindruckt und schauten Chelsea ehrfürchtig an, manchmal meinte sie Mitleid in ihren Blicken zu erkennen. Chelsea hasste das. Niemand kannte ihn wirklich, alle sahen nur, was er in der Öffentlichkeit von sich preisgab. Die ganze Wahrheit kannten nur sie und ihre Mutter. Ein Bestseller und ein Auftritt im Fernsehen konnten das Erlittene nicht ansatzweise aufwiegen. Auf der anderen Seite gönnte sie ihm seinen Erfolg. Chelsea beschloss, das Thema zu wechseln.

»Heute hat mir ein süßer Typ eine Freundschaftsanfrage geschickt. Adam McKee. Kennst du ihn?«

Lulu ging zum Ausgang.

»Kann sein, wie sieht er denn aus?«

»Schwarze, hochfrisierte Haare, braune Augen. Er wohnt in Brighton.«

Lulu zog übertrieben die Schultern hoch und spielte die Unwissende.

»Keine Ahnung. Zeig mal.«

Führte sie etwas im Schilde? Bei Lulu konnte man nie wissen. Obwohl sie die besten Freundinnen waren, traute Chelsea Lulu manchmal nicht über den Weg. Manchmal verschwieg Lulu ihr das Entscheidende, wenn auch nicht für lange. Zum Beispiel ihre Entjungferung im vergangenen Jahr. Oder dass sie neulich zum ersten Mal gekifft hatte. Chelsea hatte nichts davon jemals ausprobiert.

»Er ist dein Facebook-Freund«, sagte sie.

»Schätzchen«, Lulu seufzte mit gespielter Nachsicht. Sie hatten das Forever 21 verlassen und gingen zu den Imbissständen in der Rotunde. »Ich habe fünfhundert Facebook-Freunde. Wie soll ich mir die alle merken?«

Chelsea holte ihr Handy heraus und zeigte Lulu das Bild.

»Er ist tatsächlich süß!«, rief Lulu und riss Chelsea das Handy aus der Hand. »Kommt mir irgendwie bekannt vor.«

»Du freundest dich mit Leuten an, die du nicht einmal kennst? Das darf man doch nicht«, sagte Chelsea.

Lulu verdrehte genervt die Augen. Sie fand Chelsea zu brav und zu spießig.

»Ist das nicht der Sinn von Facebook?«, fragte Lulu. »Sich anzufreunden?«

»Ich fasse es nicht«, entgegnete Chelsea. »Hast du noch nie von Internetstalkern gehört? So nach dem Motto: Hey, ich bin sechzehn und echt cool, wollen wir uns bei Starbucks treffen? Und dann: Huch, Pech gehabt, ich bin ein dreißigjähriger Serienmörder! Komm, ich bringe dich nach Hause … in meinem Kofferraum!«

»Mein Gott, Chelsea.« Lulu kicherte und legte der Freundin eine Hand auf die Schulter. »Komm runter.« Sie tippte auf Annehmen und lächelte Chelsea schief an.

»Lulu!«

»Du hast einen neuen Freund!«, sagte Lulu. »Frag ihn, ob er herkommt.«

»Auf keinen Fall.«

Lulu rannte mit Chelseas iPhone davon. Währenddessen tippte sie weiter.

»Was tust du da?«, rief Chelsea und holte Lulu im Sitzbereich zwischen Coach und Tiffany ein.

Lulu ließ sich auf ein Ledersofa sinken, legte die Beine hoch und gab Chelsea das iPhone zurück.

»Ich habe ihm gesagt, er soll uns vor dem Panda Express treffen.«