Gefahr auf High Heels - Gemma Halliday - E-Book

Gefahr auf High Heels E-Book

Gemma Halliday

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Beschreibung

Maddie und ihr Traum in Weiß ... und Blutrot

Maddie Springer, Schuhdesignerin und Hobby Detektivin, kann es kaum erwarten: Ihre Hochzeit mit Detective Jack Ramirez steht kurz bevor und alles scheint perfekt zu sein. Doch dann wird ihre Hochzeitsplanerin ermordet aufgefunden - kopfüber in der Hochzeitstorte! Und ausgerechnet ihr Bräutigam ist der leitende Ermittler. Aber so einfach lässt sich Maddie ihre Traumhochzeit nicht vermasseln. Um ihren großen Tag zu retten, heftet sich die resolute Braut an die Fersen des Killers. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt ...

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Seitenzahl: 378

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

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Über dieses Buch

Titel

Widmung

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Über die Autorin

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Impressum

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Über dieses Buch

Maddie Springer, Schuhdesignerin und Hobby Detektivin, kann es kaum erwarten: Ihre Hochzeit mit Detective Jack Ramirez steht kurz bevor und alles scheint perfekt zu sein. Doch dann wird ihre Hochzeitsplanerin ermordet aufgefunden – kopfüber in der Hochzeitstorte! Und ausgerechnet ihr Bräutigam ist der leitende Ermittler. Aber so einfach lässt sich Maddie ihre Traumhochzeit nicht vermasseln. Um ihren großen Tag zu retten, heftet sich die resolute Braut an die Fersen des Killers. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt …

GEMMA HALLIDAY

Gefahr auf High Heels

Aus dem Englischen von Stefanie Zeller

Für mein Dream-Team, ohne das dieses Buch niemals zustande gekommen wäre: meine wunderbare Agentin Nephele Tempest, meine unglaublich talentierte Testleserin Eden Bradley und meine unvergleichliche und außergewöhnliche Lektorin Leah Hultenschmidt.

Ihr Mädels seid super!

1

Hochzeiten haben einfach was. Träume aus Tüll und Spitze. Freunde und Familie, die zusammenkommen, um das neue Mitglied in ihrem Kreis zu begrüßen. Kitschige Brautjungfernkleider, geprägte Einladungskarten und fünf Dutzend Lilien in strategisch verteilten Kristallvasen, bei deren Anblick sich erwachsene Frauen in kreischende Zweitklässlerinnen verwandeln. Männer, die Albträume von Kettchen um die Knöchel haben, und Mütter, denen der leiseste Anlass Tränen in die Augen treibt.

»Mom, du weinst ja schon wieder.« Ich fischte ein Taschentuch aus der Handtasche und gab es ihr, bevor ihr die klumpige schwarze Mascara zum dritten Mal in ebenso vielen Minuten über die Wangen lief.

»Ich kann nichts dagegen tun, Maddie. Sie sind alle so wunderschön.«

Ich betrachtete die Tischkarten, die auf dem glänzenden Konferenztisch des Hochzeitsplaners L’Amore ausgelegt waren.

»Es sind Tischkarten!«

Mom nickte mit glänzenden Augen. »Ich weiß. Sind sie nicht entzückend?«

Kaugummi kauend musterte ich mit zusammengekniffenen Augen die Quadrate aus Papier. Ich persönlich hatte Mühe, die geprägten aus weißem Leinenkarton und die gestempelten aus hochweißem Velin auseinanderzuhalten.

»Sie sind … hübsch.«

»Oh, Maddie, sie sind atemberaubend!«, piepste Mom und hielt sich ein Papiertaschentuch ans Gesicht.

»Ehrlich gesagt, weiß ich nicht einmal, ob wir Tischkarten brauchen, Mom. Jack und ich möchten eine kleine Hochzeit. Ganz intim.«

»Und was ist intimer als handgestempelte Tischkarten für jeden Gast?«, fragte Gigi van Doren, die Inhaberin von L’Amore und Grande Dame der Hochzeit. Ihr Stift schwebte über dem allgegenwärtigen Klemmbrett, als warte er gespannt darauf, die Bestellung von mehreren Dutzend notieren zu dürfen.

Gigis Alter war schwer zu schätzen, sie konnte ebenso gut Anfang vierzig wie Ende fünfzig sein. Sie war eine dieser Frauen, der die Zeit und das Alter nichts anzuhaben scheinen: hellblondes Haar in einem kunstvollen französischen Knoten, kühle, ruhige blaue Augen hinter einer randlosen Brille, ein schmal geschnittenes Kostüm, das keinen Zweifel daran ließ, dass sie regelmäßig ins Fitnessstudio pilgerte. Oder zum plastischen Chirurgen. Aber was mich gleich von Anfang an für sie eingenommen hatte, waren ihre spitzen schwarzen Pumps. Prada. Die Frau hatte Stil.

Trotzdem …

»Was meinst du, Dana?«, fragte ich meine beste Freundin.

Dana zog die rotblonden Brauen zusammen und starrte die Karten an, als säße sie vor einer Mathearbeit. »Sie sind wirklich hübsch. Kann ich noch mal die mit der elfenbeinfarbenen Kante sehen?«

»Aber natürlich.« Gigi winkte ihrer Assistentin Allie, einer blonden, blauäugigen Mittzwanzigerin, die ein weiteres, von den anderen nicht zu unterscheidendes weißliches Papierquadrat aus ihrer Mappe zutage förderte und es über den Tisch schob.

Dana stieß einen wehmütigen Seufzer aus. »Oh, die ist ja so romantisch.« Sie hielt das Quadrat mit einem Blick gegen das Licht, als könnte es sich auf der Stelle in einen Märchenprinzen verwandeln.

»Das ist auch mein Favorit«, stimmte ihr Allie zu.

»Das Wasserzeichen können wir ganz nach Ihren Wünschen gestalten – Datum, Herzen, sogar Ihr Foto. Sehr intim«, versicherte Gigi mir.

Hmmm.

»Und der Kostenpunkt für diese intimen Karten mit Wasserzeichen?« Ich sah Gigi mit zusammengekniffenen Augen an und schlug die Zähne in den Kaugummi.

Sie zuckte die Achseln. »Ist unbedeutend. Fast nichts. Außerdem: Wie kann man bei einem so wunderbaren Ereignis wie einer Hochzeit an die Kosten denken?«

»Sie hat recht, Maddie«, mischte sich Mom ein und betupfte sich die Augen. »Es ist dein Hochzeitstag. Da sind die Kosten unwichtig.«

Vielleicht hätte ich das auch gefunden. Aber ich war mir ziemlich sicher, dass mein zukünftiger Gatte da anderer Meinung war.

Vor sechs Monaten hatte Jack Ramirez, Detective beim L. A. P. D. und der letzte Mensch, von dem ich angenommen hätte, dass er an die Ehe glaubt, mir auf dem Eiffelturm in Paris einen Heiratsantrag gemacht. Es war das Romantischste, das mir (oder jedem anderen außerhalb eines Meg-Ryan-Films) je passiert war. Er hatte den allerallerschönsten Ring ausgesucht, und nachdem ich unter Tränen Ja gesagt hatte, hatten wir drei glückliche Tage in Paris verbracht, eng umschlungen, in einem Boot auf der Seine, uns gegenseitig mit Schokoladeneclairs fütternd und händchenhaltend den romantischsten Sonnenuntergang der Welt betrachtend.

Aber wie alle guten Meg-Ryan-Filme musste auch dieser irgendwann ein Ende haben. Sobald wir wieder zu Hause waren, holte uns die Wirklichkeit ein, und wir fingen an zu begreifen, was es hieß, verlobt zu sein.

Ramirez arbeitet bei der Mordkommission, hat eine große Pistole, ein großes Tattoo und einen sehr großen … nun, sagen wir einfach, ich freute mich schon sehr auf die Flitterwochen. Er ist nicht der typische Familienmensch, und eine feste Beziehung war neu für ihn. Auch für mich war es ein ziemlich ungewohntes Konzept. Die festeste Beziehung, die ich bisher hatte, war die mit einem Ficus. Und der war aus Plastik.

Aber als ich meinen frisch geschmückten Finger Mom und Faux Pa, wie ich meinen Stiefvater liebevoll nannte, zeigte, traf mich die Erkenntnis wie ein Tritt in den Magen mit billigen Slippern. Das Wort »Hochzeit« hatte auf meine Mutter die gleiche Wirkung wie das Wort »Häagen-Dazs« auf einen Weight Watcher. Sofort war sie Feuer und Flamme und begann eine Feier zu planen, die alles Dagewesene übertreffen sollte, und zwar, weil es doch so schön passte, für den kommenden Valentinstag. Auf einmal war es vorbei mit der Romantik, und es war nur noch die Rede von Empfangshallen, Brautjungfernkleidern, Flitterwochenpaketen nach Tahiti, Garten oder Kirche, Lilien oder Rosen und Hochrippensteak oder Kiewer Kotelett. Und, wie gerade im Moment, weiße oder hochweiße oder doch lieber elfenbeinfarbene Tischkarten mit Wasserzeichen.

»Ich weiß nicht …«, sagte ich ausweichend und blickte wieder hinunter auf die Papierquadrate. »Was heißt ›unbedeutend‹ denn umgerechnet in Dollar?«

Gigi warf mir einen verärgerten Blick zu und spitzte die Lippen, als würde sie ein Zitronenbonbon lutschen. »Nun, das hängt davon ab, wie viele Leute kommen.«

»Nur Freunde und der engste Familienkreis«, sagte ich und wiederholte dann mein Hochzeitsmantra: »Klein und intim.«

»Richtig«, stimmte Mom mir zu und ließ ihr frisiertes Haar auf und ab hüpfen. »Nur vierhundert.«

Ich bekam einen Schluckauf. Weg war mein Kaugummi. »Vierhundert? Menschen?«

Mom sah mich ausdruckslos an. Dann nickte sie. »Hast du dir denn die Gästeliste nicht angesehen? Ich habe dir gestern Abend die letzte Version gemailt.«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich hatte keine Zeit, sie auszudrucken, bevor ich das Haus verließ. Aber mir war nicht klar, dass sie fünfzig Seiten lang ist. Waren wir uns nicht einig, dass die Feier klein und intim sein soll?«

Mom sah mich mit dunkel umrandeten Augen an und blinzelte. »Liebes, ich habe mich doch schon bemüht, sie kurz zu halten.«

»Die Unterbringung von vierhundert Gästen stellt für uns überhaupt kein Problem dar«, sagte Gigi zu mir. Ihre Verärgerung war nun einer Haltung gewichen, die ich nur als Entzücken deuten konnte.

»Ganz genau, deshalb haben wir uns ja auch für eine Location im Freien entschieden. Das Beverly Garden Hotel hat uns versichert, dass sie über Sitzplätze für vierhundertfünfzig Leute verfügen, das käme also hin.« Mom bedachte mich mit einem unschuldigen Blick, den ich ihr nicht einen Moment abkaufte.

»Halt, halt, halt.« Ich hielt die Hand in die Höhe. »Ich kenne nicht mal vierhundert Leute.«

»Doch. Liebes, willst du denn nicht, dass die Leute zu deiner Hochzeit kommen?«

»Leute, ja. Fremde, nein.«

»Das sind keine Fremden.«

»Vierhundert, Mom? Ich habe vierhundert Freunde und enge Familienmitglieder?«

»Oh, Liebes, wir wollten keinen ausgrenzen.«

Sprach ich etwa undeutlich? »Kleiheiiiin. In-tiiiim.«

Mom legte den Kopf zur Seite. »Aber, Liebes, es ist doch deine Hochzeit. Das ist dein besonderer Tag.«

Ich spannte so heftig den Kiefer an, dass ich mir auf die Zunge biss. »Ja, mein Hochzeitstag. Ein Tag. Den ich nicht genießen kann, wenn ich ein Vermögen dafür ausgebe. Er kann auch besonders werden, ohne dass ich hinterher pleite bin.«

Danas Blick flog zwischen uns hin und her. Mom legte die Stirn in Falten. Gigi sah mich mit schmalen Augen an, als hätte ich gerade eine Blasphemie begangen.

»Nun«, sagte Mom zögernd, »bisher haben ja noch nicht alle zugesagt …« Sie griff in ihre gewaltige Handtasche, zog ein in Leder gebundenes Buch heraus und legte es auf den Konferenztisch.

»Was ist das?«, fragte ich.

»Die Gästeliste.«

Ich nahm einen tiefen, meditativen Atemzug, dann öffnete ich das Buch und begann die Namen zu überfliegen.

»Wer ist Amber White?«

»Oh, Liebes«, sagte Mom und gab mir einen Klaps auf den Arm. »Du erinnerst dich doch an Amber. Sie hat dir die Haare für die Aufführung gemacht.«

»Die Aufführung?«

»Du weißt schon, damals, als du Rotkäppchen warst?«

Verblüfft sah ich sie an. »Mom, da war ich sechs.«

»Und du hast entzückend ausgesehen.«

»Du hast doch nicht etwa eine Frau zu meiner Hochzeit eingeladen, die ich das letzte Mal gesehen habe, als ich sechs Jahre alt war?« Der neue Kaugummi blieb mir im Halse stecken, und ich bekam wieder einen Schluckauf.

»Nun, sie hat so viel Interesse für dich gezeigt.«

»Mom!«

Sie spitzte die Lippen und wollte wohl widersprechen, tat es dann aber glücklicherweise doch nicht. »Okay, na gut. Amber ist gestrichen.«

»Danke.« Wir machten Fortschritte. »Was ist mit ihr?« Ich zeigte mit dem Finger auf einen Namen ungefähr in der Mitte der Seite.

»Dolly Schlottskowitz?«

»Ja. Wer ist das?«

»Oh, du erinnerst dich doch sicher an Dolly Schlottskowitz? Megan Schlottskowitz’ Mutter?«

»Ernsthaft? Megan, die Cheerleaderin aus der Highschool? Mom, die habe ich seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Und wir waren damals nicht einmal Freundinnen!« Ich griff mir Gigis Stift und strich Mrs Schlottskowitz’ Namen von der Liste.

»Ich erinnere mich an Megan«, meldete sich Dana zu Wort. »Ich habe gehört, sie ist nach der Highschool echt fett geworden.«

Ich zog eine Augenbraue hoch. »Wirklich?«

Dana nickte so heftig, dass ihr rotblondes Haar wippte. »Oh ja. Als ich Karen Olsen bei Starbucks traf, sagte sie mir, sie hätte Megan in dem Geschäft für Übergrößen in der Burbank Mall gesehen. Und«, mit einem Pseudoflüstern lehnte sie sich vor, »sie ist geschieden.« Dana hielt zwei Finger hoch. »Zwei Mal.«

»Wiiirklich?«, sagte ich, das Wort in die Länge ziehend. Ich setzte Mrs Schlottkowitz wieder auf die Liste. Ja, ich wollte vor der ehemaligen Cheerleaderin angeben. Verklagen Sie mich doch.

»Es sieht so aus, als würden Sie noch ein wenig Zeit brauchen«, sagte Gigi nach einem Blick auf die Liste und blickte auf die goldene Uhr an ihrem schmalen Handgelenk. »Warum machen wir nicht für heute Schluss? Geben Sie mir morgen, wenn wir die Torte verkosten, die genaue Gästezahl durch. Wir treffen uns um …« Gigi sah Allie an, die sofort ein elektronisches Organizer-Dingsbums zückte und schnell nachsah.

»Um eins«, sagte sie.

»Um eins«, wiederholte Gigi. »Klingt das gut?«

Mom klatschte in die Hände. »Ausgezeichnet. Maddie, wir gehen heute Nachmittag die Liste durch, ja?«

Widerstrebend nickte ich. Eigentlich hatte ich mich mit Ramirez zum Mittagessen verabredet, aber wenn ich nicht meinen sogenannten besonderen Tag mit dem Cousin zweiten Grades des Milchmanns des Nachbarn meiner Mutter verbringen wollte, musste ich wohl oder übel meinen Nachmittag opfern.

»Entscheide aber doch wenigstens, welche Tischkarten du möchtest«, drängte meine Mutter.

Ich seufzte. »Brauchen wir die wirklich?« Hilfesuchend sah ich Dana an.

Sie zuckte die Achseln. »Hübsch sind sie ja, Maddie.«

Drei gegen eine. Ich hatte keine Chance. »Na gut. Dann nehmen wir die aus elfenbeinfarbenem Leinenkarton.«

Entzückt klatschte Mom in die Hände. In Gigis Augen sah ich wieder Dollarzeichen.

Hoffentlich hatte Ramirez nichts dagegen, Überstunden zu schieben.

Fünf Stunden – und nur fünfunddreißig Seiten mit Namen von Leuten, die ich kaum kannte – später hielt ich mit meinem kleinen roten Jeep vor dem Haus in Santa Monica, in dem sich meine Einzimmerwohnung befand. Hier, nur ein paar Blocks vom Meer entfernt, eingeklemmt zwischen zwei Häuserreihen in dem für L. A. typischen Mischmasch-Stil, war mein kleines Stückchen Himmel – und wenn ich sage klein, meine ich klein. Ein Schlafsofa und ein Zeichentisch – mehr ging nicht hinein. Deshalb hatten Ramirez und ich beschlossen, dass ich nach der Heirat bei ihm einziehen würde. Er hatte nämlich ein richtiges Haus. Mit einem richtigen Schlafzimmer. Und Schränken. Oh Mann, und was für welchen. Die, was er nicht ahnte, bald voll mit Schuhen sein würden.

Aber ich musste zugeben, dass ich meine Wohnung vermissen würde. Sie war vielleicht klein, aber gemütlich und heimelig, und ich fühlte mich hier wohl.

Ich steckte den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Tür.

»Hallo, Schatz, ich bin zu Hause«, sagte Ramirez und grinste mich an, während er weiter durch die Kanäle meines Fernsehers zappte.

Ich konnte nicht anders: Wie immer, wenn ich ihn sah, schrien meine Hormone begeistert auf. Er hatte die »groß, dunkel, gut aussehend«-Nummer perfekt drauf, breite Schultern und eine kräftige, kompakte Figur. Schwarzes, nur ein bisschen zu langes Haar lockte sich um seine Ohren. Die dunklen Augen, das eckige Kinn und eine hauchdünne Narbe, die sich durch seine linke Augenbraue zog, gaben ihm ein leicht gefährliches Aussehen, bei dem Frauen schwach wurden und Männer ihre Töchter wegschlossen.

Glücklicherweise lebte mein Vater über dreihundert Kilometer entfernt.

»Was tust du hier?« Ich ließ meine Handtasche auf den Küchentresen fallen und beugte mich vor, um ihm einen Begrüßungskuss zu geben.

»Mmmmm … Hallo«, murmelte er, die Lippen an meinen, und legte beide Arme um mich.

Und schon hatte ich beinahe den schrecklichen Nachmittag und die Liste vergessen.

»Mein Kabel ist ausgefallen«, sagte er, als wir endlich wieder Luft bekamen. »Deswegen wollte ich das Spiel hier gucken. Ich habe auch Pizza bestellt. Die müsste eigentlich jeden Moment kommen.«

»Pepperoni?«

Er grinste. »Mit extra Käse.«

Der Mann war ein Gott.

»Also, wie war dein Tag?«, fragte er und lehnte sich auf dem Sofa zurück, als große Männer mit teuren Sportschuhen auf dem Bildschirm erschienen.

»Arg!« Ich ließ mich neben ihn plumpsen. »Frag nicht. Wusstest du, dass meine Lehrerin aus der vierten Klasse zu unserer Hochzeit kommt?«

»Aha. Cool.«

»Nein, nicht cool. Ich habe sie das letzte Mal gesehen, als ich zehn war! Und die erste Frau meines Onkels Charlie, die in Belize lebt, der Cousin dritten Grades meiner Großmutter aus Oklahoma und der Typ, der meiner Mutter den Minivan verkauft hat!«

Ramirez sah mich an und hob eine Augenbraue. »Hört sich an, als kämen da ganz schön viele zusammen.«

»Vierhundert.«

»Verdammt. Wollten wir es nicht klein und intim halten?«

»Das habe ich auch gedacht«, grummelte ich und griff nach der Fernbedienung, als eine Werbung für Budweiser über den Bildschirm flackerte. »Und wir bekommen Tischkarten aus elfenbeinfarbenem Leinenkarton.«

»Ich wollte mir das eigentlich anschauen.«

Ich schaltete zu den Nachrichten um, wegen des Wetterberichts. Ich hatte neue Wildlederstiefel, die ich unbedingt anziehen wollte, aber nicht, wenn auch nur die leiseste Gefahr bestand, dass es regnen könnte. »Moment, sofort.«

»Schätzchen, wenn ich das Tip-Off verpasse, heule ich.«

Ich versetzte ihm einen spielerischen Klaps, gab aber nach und schaltete zurück, sobald ich mich vergewissert hatte, dass für die ganze nächste Woche Sonne angekündigt war. L. A. musste man einfach lieben.

»Also«, sagte ich, trat Ramirez die Fernbedienung ab und legte den Kopf an seine Brust, »morgen probieren wir die Torte. Um eins.«

Ramirez legte den Arm um mich. »Wir?«

»Du und ich.«

Es grollte unter meinem Ohr, als er stöhnte.

»Was?«

»Haben wir nicht schon vor einem Monat eine Torte ausgesucht?«

»Ja, aber jetzt probieren wir sie ein letztes Mal, um sicherzugehen, dass auch wirklich alles so ist, wie wir wollen.«

Er stöhnte wieder. »Muss ich wirklich dabei sein?«

Ich spürte, wie sich eine Falte zwischen meinen Brauen bildete. »Du solltest dabei sein wollen.«

Er lehnte sich zurück und musterte mich prüfend. »Was soll das denn heißen?«

»Es heißt, dass es unsere Hochzeit ist.«

»Das ist mir bekannt. Hochzeiten sind nur einfach nicht meine Sache. Kannst du sie nicht allein probieren?«

»Allein? Komm schon, willst du nicht mitentscheiden, welche Torte es gibt? Willst du nicht bei der Gestaltung des denkwürdigsten Tags unseres Lebens mitreden? Ist es dir egal, welche Farbe die Blumen haben oder welche Tischkarten auf dem Tisch stehen?«

Er legte den Kopf schief. »Ist das eine Fangfrage?«

Ich schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Das ist unsere gemeinsame Hochzeit, Jack. Nicht nur meine. Ich möchte, dass es auch für dich etwas Besonderes ist.«

»Und dafür ist entscheidend, welchen Geschmack die Torte hat, davon bin ich überzeugt.«

»Jetzt bist du sarkastisch, stimmt’s?«

»Ein bisschen.«

Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Das bringt dir keine Pluspunkte ein, mein Freund.«

Er seufzte. Es war ein schwerer Seufzer, der durch seinen ganzen Körper ging und der mir sagte, dass er sich fragte, ob er nicht besser zu Hause geblieben wäre und sich das Spiel im Radio angehört hätte.

»Okay, wenn es dich glücklich macht, probiere ich morgen die Torte.«

»Wirklich?«

»Wirklich.«

»Danke. Ich hole dich um halb eins ab. Aber –«, ich hielt warnend den Finger hoch, »– du tust es nicht, um mich glücklich zu machen. Sondern weil du es möchtest. Ja?«

Kopfschüttelnd sah er mich an, und ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen. »Natürlich. Ich möchte gerne den Nachtmittag damit verbringen, mich mit Buttercreme vollzustopfen.«

Der Sarkasmus war dicker aufgetragen als die Mascara meiner Mutter, aber ich beschloss, es ihm durchgehen zu lassen, und kuschelte mich wieder in seine Armbeuge.

»Also …« Ramirez begann meinen Nacken zu massieren. »Wenn wir morgen schon eine Kostprobe auf die Torte bekommen, gilt das dann auch für andere Dinge?«

Ich legte den Kopf zurück und begegnete seinem Blick. In den dunklen Augen lag ein Bad-Boy-Ausdruck, in den ich mich von Beginn an, als wir uns kennenlernten, verknallt hatte.

»An was dachtest du denn so?«, fragte ich, als seine Finger tiefer wanderten, sich in meine Bluse schoben und mit dem Träger meines BHs spielten.

»An die Flitterwochen.«

Ich grinste, und mir wurde an den richtigen Stellen warm.

»Und was ist mit dem Spiel?« Ich zeigte auf den Fernseher.

Ein übermütiges Lächeln huschte über sein Gesicht, als seine Lippen sich meinen näherten, und aus dem Hunger in seinen Augen wurde pure Lust.

»Welches Spiel?«

2

Ich stieg eine Stufe hinauf. Meine Oberschenkel schmerzten, und mein Atem kam nur noch in kurzen, schnellen Stößen. Dann stieg ich sie wieder hinunter. Und wieder hinauf, während mir der Schweiß in unattraktiven Tropfen an den Schläfen herunterrann.

»Richtig so, das macht ihr super!«, schrie Dana von vorne. Die etwa zwanzig steppenden, schwitzenden, stöhnenden Menschen (meine Wenigkeit eingeschlossen) im Übungsraum folgten ihrem Beispiel, indem sie zu jedem ihrer Befehle marschierten wie die Insassen eines Bootcamps. Selbstverständlich war Danas Stirn die einzige, auf der kein Schweiß war. Nicht einmal ein damenhaftes Glänzen. Jedes Haar auf ihrem hübschen blonden Kopf lag an seinem Platz, ihr süßes, kleines rotes Tanktop (und wenn ich sage »klein«, dann meine ich es auch so – Dana ist eine Verfechterin der Theorie »weniger ist mehr«, wenn es um Mode geht) war nicht einmal ein kleines bisschen feucht unter den Armen, obwohl meine beste Freundin, die Schauspielerin Schrägstrich Aerobictrainerin, seit nun fünfundvierzig Minuten den Steppkurs leitete. Ich dagegen schwitzte und grunzte wie ein Linebacker, als ich weiter die zwei grellorangefarbenen Plastikstufen hoch- und hinunterstieg.

»Noch drei Runden. Ihr schafft das!«

Ich sah meine Freundin böse an, die uns anfeuerte wie eine Cheerleaderin. Ich hätte schwören können, dass sie dasselbe schon vor drei Runden gesagt hatte.

Wieder ging es auf und ab. Meine Nikes quietschten auf dem frisch gewienerten Boden, als ich (vergeblich) versuchte, Schritt zu halten.

Ich bin nicht gerade eine Gesundheitsfanatikerin. Dazu mag ich Macadamianüsse in Schokotoffees viel zu gern. Auf einem Berg Eiscreme. Serviert mit einem Brownie. Während Dana die regierende Aerobicqueen der West Side war, kam meine Mitgliedskarte des Sunset Gym nur zum Einsatz, wenn es im Sommer über dreißig Grad hatte und die Verlockung zweier Pools mit olympischen Maßen über meine angeborene Abneigung gegen körperliche Aktivität siegte. Und selbst dann machte ich meist nur Hundepaddeln.

Nicht, dass ich keinen Wert auf meine Figur legte. Tatsächlich hatte ich irgendwann einmal die Hoffnung gehegt, als gertenschlankes Model in den schönsten Haute-Couture-Kreationen über die Laufstege in Mailand und Paris zu stolzieren. Doch als der letzte pubertäre Wachstumsschub mich nicht über einen Meter fünfundfünfzig brachte, verblassten diese Träume schneller als chlorierte Jeans. Stattdessen wandte ich meine Leidenschaft für Mode dem Design zu. Genauer gesagt, dem Design von Schuhen. Nach einem etwas holprigen Start in diesem Geschäftszweig begann ich mir nun endlich einen Namen zu machen. Gut, ich war kein Michael Kors. Aber ich hatte meine eigene Kollektion, die in den schicken Boutiquen in Beverly Hills und der West Side verkauft wurde. Und es ging sogar das Gerücht, dass eine nicht genannte, sehr bekannte Schauspielerin möglicherweise in Betracht zog, dieses Jahr ein Original von Maddie Springer zur Oskar-Verleihung zu tragen. (Okay, es handelt sich um Angelina Jolie. Wie cool ist das denn, hm?!)

Während ich also modisch stets ganz vorne mit dabei war, überließ ich es im Allgemeinen Dana, sich beim Sport zu schinden. Meine Philosophie lautete: Wenn nur die Absätze hoch genug sind, kann jeder Läuferwaden haben.

Aber nun, da der große Tag in nicht allzu ferner Zukunft bevorstand, hatte Dana mich kleingekriegt. Insbesondere als sie mich zur letzten Kleideranprobe begleitete und die himmlische weiße Satinkorsage doch ein wenig zu »gut« an den Hüften saß (sprich: Ich quetschte mich in das Kleid hinein, bis ich aussah wie eine blasse Presswurst). Die gertenschlanke Schneiderin versicherte mir zwar, dass ein paar »kleine Änderungen« kein Problem wären, doch Danas Vorschlag, ein paarmal ins Fitnessstudio zu gehen, schien mir dann doch der bessere Plan zu sein.

Das war natürlich bevor ich schwitzend wie ein Schwein endlos ins Nichts marschierte.

»Richtig so! Jetzt dreht euch nach rechts!«

Ich drehte mich und wäre fast mit einem Mann in sehr kurzen Shorts und einem Stirnband zusammengestoßen. »Pardon«, murmelte ich keuchend.

»Jetzt die Hände in die Luft! Huuh! Das macht ihr super!« Dana machte es uns vor und schwang beide Arme in die Luft und schüttelte die Hände, als wäre sie auf einem Wiederauferstehungstreffen. »Genau so. Spürt ihr, wie es brennt? Ist das nicht toll?«

Mir fielen ein paar ganz andere Adjektive ein, um das Gefühl zu beschreiben. Als ich die Hände gerade auf Höhe des Kopfes hatte, zuckte ich vor Schmerz zusammen, als Muskeln protestierten, von denen ich nicht einmal gewusst hatte, dass ich sie besaß. Ich warf einen Blick hoch auf die Uhr. Noch zehn Minuten. Falls ich noch so lange leben sollte, würde ich mich mit einem Mocha Frappuccino belohnen, das stand fest. Mit ganz viel Schlagsahne. Sicher hatte ich inzwischen eine Billion Kalorien verbrannt. Ich wischte mir mit dem Arm über die Stirn. Himmel, an Schweiß allein hatte ich wahrscheinlich drei Pfund verloren.

»Und noch einmal. Jetzt legen wir alle einen Sprint ein. Doppelt so schnell!« Ihr Glück, dass sie meine beste Freundin war, sonst hätte ich sie jetzt umgebracht. Dana setzte ihr munterstes Lächeln auf und hüpfte wie ein Duracell-Häschen auf Speed mit Weizengras, während sie die orangefarbenen Stufen auf und ab tanzte.

Ich zwang meine Füße, sich so schnell zu bewegen, wie sie konnten. Hoch, runter, links, rechts. Ich hatte fast den Rhythmus gefunden, als ich ausglitt (wahrscheinlich in meinem eigenen Schweiß) und nach rechts fiel, gegen den Typ mit dem Stirnband, der gerade zu einem Schritt angesetzt hatte und nun, aus dem Gleichgewicht gebracht, so wild mit den Armen ruderte, dass er eine Frau in einer violetten Stretchhose im Gesicht traf. Woraufhin die Stretchhose lauter kreischte als ein Lakers-Fan bei einem Freiwurf.

»Gut so! Lasst es raus. Huuh!«, feuerte Dana uns an.

Ich verdrehte die Augen, murmelte dem Stirnband eine Entschuldigung zu und zog meine Stufen in den hinteren Teil des Raumes, um mich leise durch die Tür zu verdrücken. Eine Kollision am Tag reichte mir.

Nach zehn Minuten in der Sauna und einer langen, heißen Dusche fühlte ich mich wieder wie ein Mensch. Ich trocknete mir gerade die Haare mit einem Handtuch im Damenumkleideraum, als mein Handy klingelte. Das Display zeigte Ramirez’ Nummer. Ich klappte es auf.

»Hallo«, sagte ich.

»Hallo. Hör mal, ich habe heute viel zu tun.«

Ich kniff die Augen zusammen. »Ach?«

»Ja. Heute Morgen musste ich auf den Schießstand, und ein Freund von mir hat angerufen und gefragt, ob ich ihm helfen kann, seinen Hobbyraum zu streichen.«

»Einen Hobbyraum streichen?«

»Ja.« Ich hörte Verkehrsgeräusche im Hintergrund, Hupen und das verräterische Donnern von Sattelschleppern.

»Wo bist du gerade?«, fragte ich mit gerunzelter Stirn.

»Auf der 60. Um das Gästebuch zu meiner Mutter zu bringen.«

Ich sah hoch zu der Uhr an der gekachelten Wand. Viertel nach zwölf. Oh, oh.

»Lass mich ja nicht hängen, Mister.«

Es folgte eine kurze Pause. Dann sagte er: »Das würde mir im Traum nicht einfallen.«

»Hmmm.« Ich machte einen unverbindlichen Laut tief in der Kehle.

»Aber ich komme ein paar Minuten später«, sagte er. »Warum treffen wir uns nicht einfach in der Agentur?«

»Du kommst doch, oder?«

»Natürlich!«

Doch die Art, wie seine Stimme eine Oktave höher kletterte, beruhigte mich nicht. »Jack …«

»Ich komme. Ich verspreche es. Ich freue mich darauf. Ich möchte an den Vorbereitungen zu unserer Hochzeit teilnehmen, und ich kann es nicht erwarten, die Torte zu probieren.«

»Das ist gelogen.«

»Ja, ich weiß. Aber ich komme trotzdem. Wir sehen uns um eins.«

Und damit legte er auf.

Ich starrte das Telefon an und spürte, wie sich eine botoxwürdige Falte zwischen meinen Brauen bildete.

Natürlich verstand ich Ramirez’ männliche Aversion gegen weiße Spitze und Buttercreme, trotzdem hatte ich ein ungutes Gefühl im Bauch. Ich weiß, ich weiß, das ist normal. Ich meine, er ist ein Mann und ein Polizist noch dazu. Hochzeiten sind nun mal etwas für Mädchen. Aber die Tatsache, dass ich ihm praktisch den Arm verdrehen musste, damit er die Torte probierte (mal ehrlich, es ist doch nur Torte, wie schlimm ist das denn schon?), weckte in mir die Sorge, diese Aversion könnte nicht nur der Hochzeit gelten. Sondern auch dem Verheiratetsein. Ich meine, den Antrag hatte er mir ja ziemlich plötzlich gemacht. Wir hatten vorher nie über Heirat gesprochen, sondern sind einfach ins kalte Wasser gesprungen. Mit dem Kopf zuerst. Am flachen Ende. Und ich fragte mich, ob er es jetzt bereute, nachdem die Pariser Euphorie der heimlichen, nach Café au lait schmeckenden Küsse verflogen war und uns die Wirklichkeit mit kilometerlangen Gästelisten und Hochzeitsplanern eingeholt hatte und er im dicksten Nachmittagsverkehr ein Gästebuch zu seiner Mutter bringen musste.

»He, hast du Zeit, mit mir zu Mittag zu essen?« Dana kam in den Umkleideraum gejoggt, das Gesicht so frisch wie eh und je.

Ich bin Frau genug, es zuzugeben: In diesem Moment hasste ich sie ein kleines bisschen.

»Jetzt ja.« Ich steckte das Handy zurück in die Handtasche und versuchte meine Zweifel über Ramirez und die Hochzeitsglocken beiseitezuschieben.

»Super. Um eins habe ich ein Vorsprechen für einen neuen DreamWorks-Zeichentrickfilm, aber bis dahin habe ich nichts vor. Die Straße runter ist dieses neue vegane Café, das ich gern mal ausprobieren würde. Auf der Karte stehen nur Gerichte mit Negativkalorien.«

Vor meinem geistigen Auge löste sich die Vision von einem Mocha Frappuccino auf wie eine Fata Morgana. Ich zog einen schwarzen ärmellosen Pulli und eine dunkle Jeans an. »Gerichte mit Negativkalorien?«

»Oh mein Gott, die sind so cool. Die haben weniger Kalorien, als dein Körper braucht, um sie zu verdauen. Du kannst so viel davon essen, wie du willst, und nimmst trotzdem ab.«

Hm, das klang gar nicht so übel. »Käselocken sind nicht zufälligerweise auch Negativkalorien?«

Dana kräuselte die Stupsnase. »Träum weiter. Na, was sagst du? Hast du Lust auf vegan? Ich lade dich ein.«

Ich dachte kurz daran abzulehnen, doch da Ramirez »ein paar Minuten später« kommen wollte, hatte ich nichts Besseres vor. Und außerdem: Wie käme ich dazu, ein Gratisessen auszuschlagen?

Nachdem ich mich durch eine Schüssel Gras (Dana hatte zwar behauptet, es handle sich um ein gebratenes exotisches Grünzeug, aber ich fand, es roch ganz genauso wie der Rasen im Griffith Park), ein kaltes Kürbispüree (mein Rat: die Worte kalt und Kürbis sollten niemals zusammen in einem Rezept auftauchen) und eine Platte mit sautiertem Seetang (es tut mir leid, aber in meiner Welt ist nichts essbar, das an einen Strand gespült wird) gekämpft hatte, fuhr ich vor dem L’Amore vor, müde, mit schmerzenden Gliedern und immer noch hungrig. Ich hielt am Straßenrand, fütterte die Parkuhr mit einer Handvoll Vierteldollarmünzen und suchte die Straße nach Ramirez’ schwarzem Geländewagen ab. Er war nicht da, was mich nicht überraschte.

Ich sah auf mein Handy. 13:03 Uhr. Er verspätete sich. Ich fluchte stumm und schwor mir, dass ich, falls er nicht erschien, für die gesamte Dauer der Meisterschaft meinen Kabelanschluss kündigen würde.

Ich überlegte, ob ich allein hineingehen sollte, aber es ohne Verstärkung mit Gigi aufzunehmen, war, als würde man ein Militärgebiet mit einem Spielzeuggewehr betreten: Auf diese Weise lief ich nur Gefahr, mich angesichts von Blumengestecken, Hochzeitssängern und mannshohen Eisskulpturen von knutschenden Schwänen geschlagen zu geben, noch bevor Ramirez auftauchte.

Falls er auftauchte.

Ich schüttelte diesen beunruhigenden Gedanken ab und lehnte mich an den Jeep, um mir in den schwachen Strahlen der Wintersonne das Gesicht zu wärmen, während ich mit einem Wildlederstiefel, ängstlich auf das Pflaster tippend, die Sekunden herunterzählte.

Er würde kommen. Daran glaubte ich fest. Er hatte es versprochen. Bisher hatte er noch nie ein Versprechen gebrochen.

Na ja, außer wenn sein Captain anrief.

Oder wenn er an einem wichtigen Fall arbeitete.

Oder wenn plötzlich ein Mord geschah, um den er sich kümmern musste.

Okay, ja, gut. Er brach ständig seine Versprechen. Für ihn waren sie wie feines Porzellan in einer Stierkampfarena. Natürlich wusste ich, dass er immer die besten Absichten hatte, aber in seiner Welt war es eben sehr viel schwerer, sie auch umzusetzen. Nicht, dass ich es ihm vorwarf. Bevor es mich gab, war die Mordkommission sein Leben gewesen. Er hatte von Glück sagen können, wenn er nicht vergaß zu essen, Zeit für eine Freundin blieb da nicht. Er versuchte es, das wusste ich. Tief im Inneren, dessen war ich mir sicher, liebte Ramirez mich und wollte mit mir zusammen sein.

Es waren die kleinen Dinge des Alltags, die ihm noch schwerfielen.

Ich sah wieder auf mein Handy. 13:11 Uhr. Nun war er wirklich viel zu spät.

Obwohl ich mir sagte, dass er kommen würde, bekam ich nun doch leichte Panik. Bei der Vorstellung, glasierten Rosetten, Himbeercremefüllungen und kleinen Tortenfiguren von Braut und Bräutigam allein die Stirn bieten zu müssen, stieß ich einen langen Seufzer aus. Der mit einem lauten Schluckauf endete.

Und noch einem.

Ich holte tief Luft und wieder ein Schluckauf. Mist. Ich atmete ein, hielt die Luft an und zählte bis zwanzig, bevor ich wieder ausatmete. Nichts. Ich stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.

Der mit einem Schluckauf endete.

»Scheiße.«

Okay, na gut. Ich legte den Kopf zurück, schloss die Augen, hielt mir die Nase zu und zog das Zwerchfell so fest ein, wie ich konnte, bis ich spürte, dass meine Wangen rot anliefen und meine Ohren Plopp machten. Noch zehn Sekunden …

»Was machst du denn da?«

Ich öffnete die Augen und stieß die Luft aus. Ramirez musterte mich belustigt, eine Augenbraue gen Norden gezogen.

Ich beugte mich vor und schnappte nach Luft. »Schluckauf.«

»Ah.« Aber sein Mund verzog sich zu einem Grinsen.

»Warum grinst du? Wie wirst du ihn denn los?«

»Mit Wasser.«

»Das werde ich mir merken.«

Als ich wieder normal atmete, richtete ich mich auf und richtete mein Haar im Außenspiegel der Beifahrerseite.

»Alles in Ordnung?«, fragte er.

»Alles prima. Du bist zu spät.«

»War viel Verkehr.«

»Aha.«

Ramirez drehte mich um, sodass ich ihn ansehen musste. Nun grinste er über beide Ohren. »Du hast gedacht, ich käme nicht, oder?«

»Nein, natürlich nicht!«, protestierte ich. Doch es hörte sich an wie »Nei-hein, natü-hürlich ni-hicht«, weil ich zwischendurch wieder Schluckaufattacken hatte.

Aus dem breiten Grinsen wurde ein leises Lachen, als er mich kopfschüttelnd betrachtete. »Komm«, sagte er und führte mich am Ellbogen zu L’Amore. »Wir holen dir ein Glas Wasser.«

Ich wollte protestieren, doch der Schluckauf war zu stark.

Das kleine Glöckchen klingelte, als ich Ramirez durch die Glastür in Gigis Agentur folgte.

»Hal-(Schluckauf)-lo?«, rief ich. Es war dunkel, das einzige Licht stammte von zwei Fenstern im hinteren Bereich, durch die die dem schlechten Wetter tapfer trotzende Sonne schien. Die Deckenlampen waren alle ausgeschaltet. »Gigi?«, rief ich noch einmal und suchte den Raum nach Anzeichen von ihr ab.

»Vielleicht hat sie sich verspätet?«, mutmaßte Ramirez.

»Ha! Ganz offensichtlich kennst du Gigi nicht. Genauigkeit ist ihr zweiter Vorname.«

Ramirez zuckte die Achseln und deutete dann mit dem Kopf auf den Besprechungsraum. »Vielleicht ist sie schon drin?«

Ich durchquerte den Raum.

Doch ich kam nur bis zur Tür.

Ich erstarrte, als wären meine Stiefel plötzlich einbetoniert und könnten keinen Schritt mehr vorwärts tun, und öffnete den Mund, doch es kam nur ein erstickter Schrei heraus. Ramirez’ Arm legte sich um meine Taille. Was gut war, sonst wäre ich zu Boden gesunken, denn bei dem Anblick, der sich mir bot, wurden meine Beine zu Wackelpudding.

An dem glänzenden schwarzen Konferenztisch in der Mitte des Raumes, umgeben von dichtem Tüll, geprägten Einladungskarten und Gestecken aus zartem Schleierkraut, saß Gigi. Mit dem Gesicht in der Buttercremeverzierung einer kunstvoll modellierten Torte.

Und in ihrem Rücken steckte ein Messer.

3

Ich weiß es, es klingt schrecklich, aber dies war nicht das erste Mal, dass ich eine Leiche fand.

Bei Weitem nicht.

Seitdem Ramirez und ich uns vor einigen Monaten kennengelernt hatten, zog ich, wie er es ausdrückte, den Ärger wie ein Magnet an. (Okay, er drückte sich ein wenig drastischer aus, aber das schreibe ich dem Stress zu.) Tatsächlich sind Ramirez und ich uns deswegen erst über den Weg gelaufen, denn er ermittelte im Verschwinden meines Exfreundes, was schließlich mit einem Doppelmord und der Verhaftung meines Ex endete.

Und dieser Antrag in Paris? Der kam direkt nachdem ich ein bisschen Ärger mit einer mordlustigen europäischen Fashionista hatte. Das war kurz nachdem ich einen kleinen Zusammenstoß mit dem Hollywood-Würger hatte. Was wiederum geschah, kurz nachdem ich mich mit ein paar Prada-schmuggelnden Dragqueens und der Mafia in Vegas eingelassen hatte. (Sie verstehen nun sicher, warum Ramirez gestresst ist.)

Man könnte also, denke ich, mit Fug und Recht sagen, dass ich in den letzten Monaten mehr Bekanntschaft mit dem Tod gemacht hatte, als ich je für möglich gehalten hätte. Und nachdem ich gesehen hatte, wie Menschen ertranken, von einem Gebäude fielen, stranguliert, erschossen und, wie erst kürzlich, mit einem Stilettoabsatz erstochen wurden, sollte man doch meinen, dass mir der Anblick einer Leiche nichts mehr ausmachte.

Sollte man meinen.

Ich spürte, wie mir trotz Ramirez’ Arm um meine Taille die Sinne zu schwinden drohten, als er mich nach draußen zog. Erst nachdem er mich behutsam auf dem Gehweg abgesetzt hatte, zückte er sein Handy, um dem Dispatcher Codes zuzuschreien und Verstärkung anzufordern.

Ich sog tief die nach Abgasen und Pepperoni aus der Pizzeria auf der anderen Straßenseite riechende Luft ein. Nur mit Mühe konnte ich verhindern, dass das Gras vom Mittagessen noch einmal einen Auftritt hatte. Hysterische Tränen brannten mir in den Augen. Doch ich weinte nicht, sondern zog die Knie eng an die Brust und legte die Arme darum, weil mir trotz der Sonne auf meinen nackten Schultern kalt war.

»Alles in Ordnung?« Ramirez klappte das Handy zu.

Ich nickte.

»Sicher?«

Ich nickte so heftig, dass mein blondes Haar wippte. Was sehr viel überzeugender gewesen wäre, wenn sich nicht die Tränen ausgerechnet diesen Moment ausgesucht hätten, um mir über die Wangen zu laufen, und vermutlich nicht, ohne eine gute Portion Mascara mitgenommen zu haben.

»Komm her.« Ramirez ging neben mir in die Hocke und fuhr mir mit dem Daumen über die Tränenspur. »Du siehst ein bisschen blass aus.«

»Hmhm.«

»Du zitterst.«

»Hmhm.«

»Musst du dich übergeben?«

»Hmhm.«

Offenbar glaubte er mir nicht, denn er zog mich hoch. »Komm. Lass uns ein bisschen gehen, das wird dir guttun.«

Er legte den Arm um mich und schob mich sanft vorwärts, während ich weiter tief ein- und ausatmete. Nach ein paar Schritten drehten wir um und gingen zurück, während Ramirez die Tür zu L’Amore nicht aus den Augen ließ. Nachdem wir ein paarmal auf und ab gegangen waren, kehrte langsam wieder das Gefühl in meine Glieder zurück und mein Magen hörte auf, Achterbahn zu fahren. Ich holte tief und zittrig Luft.

»Besser?«, fragte er und lockerte seinen Griff, um mir eine verirrte Strähne aus der Stirn zu streichen. »Kommst du klar?«

Ich gab mich tapfer. »Irgendwann mal.«

Anscheinend war ich keine gute Schauspielerin, denn er zog mich erneut an sich. Die Wärme seiner Brust wirkte beruhigender auf meinen Magen als jeder Säureblocker.

»War sie …« Ich brach ab, weil ich das Offensichtliche nicht in Worte fassen wollte. Doch ich musste es wissen.

Ich spürte, wie Ramirez nickte. »Kein Zweifel. Sie ist tot.«

Ich befreite mich aus seiner Umarmung und sah ihn an. Er war im Cop-Modus: Die Augen suchten die Straße nach möglichen Spuren ab, der Körper war vor nervöser Energie angespannt, weil es ihn an den Tatort zog, und das Gesicht hatte diesen grimmigen, undurchdringlichen Ausdruck, der nichts von seinen Gedanken verriet.

»Jack, unsere Hochzeitsplanerin ist tot.«

Er blickte zu mir hinunter und unternahm den (nicht sehr geglückten) Versuch eines Lächelns. »Nun, wenigstens komme ich so um das Tortekosten herum.«

Ich trat ihn vor das Schienbein. »Das ist nicht lustig.«

Ich wusste, er versuchte nur, mich aufzumuntern, doch das war aussichtslos. Eine Frau, mit der ich erst gestern gesprochen hatte, war tot, ihr Leben von einem Moment auf den anderen beendet, und diese starke Persönlichkeit nur noch ein lebloses Bündel.

Ich erschauerte wieder und schlang die Arme um mich. In der Ferne heulten die Sirenen.

Sobald die Jungs in Blau eingetroffen waren, reichte Ramirez mich an einen uniformierten Kollegen weiter, auf dessen Namensschild »Hobbs« stand, und bat ihn, mich nach Hause zu bringen. Erst wollte ich protestieren, doch so gerne ich auch wissen wollte, wie Gigi mit dem Gesicht in der Buttercreme gelandet war, ich sah mich nicht imstande, zuzusehen, wie der große Sack, der alles barg, was noch von ihr übrig war, durch die Haustür gerollt wurde. Außerdem begannen bereits die Geier von der Presse zu kreisen, und ich wollte auf keinen Fall mein von Mascara verschmiertes Gesicht in den Fünfuhrnachrichten sehen. Denn wegen eines speziellen Boulevardreporters pflegte ich eine Hassliebe (mehr Hass als Liebe) mit der Presse. Deshalb ließ ich zu, dass Hobbs meinem kleinen roten Jeep im Streifenwagen nach Hause folgte und wartete, bis ich die Treppe zu meiner Wohnung hinaufgegangen war, bevor er wieder wegfuhr.

Drinnen stellte ich sofort den Fernseher an. Bisher wurde noch nichts über den Tod von Beverly Hills’ prominentester Hochzeitsplanerin gesendet. Doch ich wusste, es war nur eine Frage der Zeit. Eine Story wie diese machte schnell die Runde. Offensichtlich war Gigi nicht an einer natürlichen Ursache gestorben. Und soweit ich wusste, war es ziemlich schwierig, sich selbst ein Messer in den Rücken zu rammen. Blieb also nur Mord. Mord in einer Hochzeitsagentur in Beverly Hills! Ein Fest für die Paparazzi.

Und ich war mittendrin. Wieder einmal.

Bei diesem beunruhigenden Gedanken kämpfte ich gegen einen neuerlichen Anfall von Übelkeit an, als es an meiner Tür klopfte.

Ich schaltete den Fernseher aus und öffnete, nur um mich kurz darauf in einer Umarmung wiederzufinden, die mir fast die Rippen brach und mir die Luft abschnürte.

»Oh, mein Kleines«, sagte Mom und drückte mich wie eine Boa Constrictor. »Das ist ja fürchterlich. Ich kann gar nicht glauben, dass dir das passiert ist.«

»Karma. Karma kann manchmal ganz schön fies sein«, sagte die dicke Frau in dem hawaiianischen Kleid, die sich jetzt hinter Mom in meine Wohnung drängte. Mrs Rosenblatt.

Mrs Rosenblatt war eine hundertfünfzig Kilo schwere, fünf Mal geschiedene Jüdin, die Tarotkarten legte und mit den Toten sprach. Exzentrisch war gar kein Ausdruck. Die meiste Zeit trug sie Birkenstocks oder Crocs, und nur die Farben ihrer hawaiianischen Gewänder waren noch greller als das Rot ihrer Lucille-Ball-Frisur. Auch heute machte sie keine Ausnahme: Ihr Gewand war strahlend pink mit neonblauen Punkten.

Neben ihr wirkte Moms Outfit fast schlicht.

»Mom, ich kriege keine Luft«, stieß ich hervor, das Gesicht an ihre Brüste gepresst.

Mom ließ mich los und trat zurück. »Kleines, es tut mir ja so leid. Ich weiß nicht, wie das passieren konnte, aber –«

Ich hielt die Hand hoch. »Einen Augenblick. Bevor du weiterredest, möchte ich dir versichern, dass das absolut nicht meine Schuld war. Ich habe mich um meine eigenen Angelegenheiten gekümmert und wollte einfach nur die Torte probieren. Dann kam Ramirez zu spät, und ich hatte Angst, er würde nicht kommen, aber dann kam er doch, aber da hatte ich schon Schluckauf, deshalb sind wir reingegangen, um ein Glas Wasser zu holen, und da war sie, mit dem Messer im Rücken.«

Mom blinzelte. Dann wich alle Farbe aus ihrem Gesicht und es wurde noch einen Ton blasser als Casper. »Messer?« Sie schwankte und suchte Halt am Schlafsofa. »Was soll das heißen, ›Messer‹?«

Oje. »Äh … was tat dir denn eben leid?«

Mrs Rosenblatt legte Mom eine Hand unter den Ellbogen, um sie zu stützen. »Es tut uns leid, dass das Restaurant, das wir nach der Hochzeitsprobe gebucht hatten, abgesagt hat. Angeblich hat das Gesundheitsamt eine Kakerlake in der Küche entdeckt und den Laden geschlossen. Deshalb müssen wir uns etwas anderes suchen.«

»Oh.« Sollte ich je lernen, meine große Klappe zu halten, wäre es ein Wunder.

»Was für ein Messer?«, insistierte Mom und packte meinen Arm mit eisernem Griff.

Ich überlegte hin und her. Na ja, da die Katze nun schon mal aus dem Sack war, konnte ich wohl schlecht das fauchende und schreiende Tier wieder hineinstopfen. Widerstrebend berichtete ich Mom und Mrs Rosenblatt also, was sich am Nachmittag zugetragen hatte. Obwohl ich versuchte, allzu blutige Details auszulassen, waren Moms Augen ungesund geweitet, als ich mit meiner Geschichte fertig war, und Mrs Rosenblatts Mund stand offen, sodass die Lippenstiftflecken auf ihren Zähnen zu sehen waren.

»Oy, dein Karma ist wirklich übel, Kindchen. Du warst bestimmt in einem früheren Leben Hitler oder so.«

»Super. Danke.«

»Meine Güte, es muss ja furchtbar gewesen sein, sie zu finden«, sagte Mom und legte die Hand auf ihr Herz.

Bei der nur allzu frischen Erinnerung an Gigis schlaffen Körper schauderte mich, und mein Magen krampfte sich zusammen. »Es war nicht mein allerbester Tag. Aber Ramirez war bei mir«, sagte ich schnell. Das schien sie ein bisschen zu beruhigen.

»Oh, mein armes, armes Baby. Warum passieren diese Dinge nur immer meinem Baby? Ich habe versucht, dich gut zu erziehen. Du hattest ein gutes Zuhause, bist auf eine gute Schule gegangen. Zugegeben, ich war vielleicht nicht streng genug, was die Schlafenszeiten anging, und habe dir hin und wieder zu viele Süßigkeiten gestattet, aber ich habe mein Bestes getan. Warum findet dann ausgerechnet meine Tochter immer Leichen?«

Okay, nur ein kleines bisschen.

»Hör zu, Mom, es geht mir gut.« Halbwegs. »Ramirez übernimmt den Fall, alles ist gut.«

»Bist du sicher, dass es dir gut geht?«, fragte sie.

»Ja.« Und tatsächlich: Je öfter ich es sagte, desto mehr glaubte ich selbst daran.

»In dem Fall kümmern wir uns um das Essen nach der Probe«, meldete sich Mrs Rosenblatt zu Wort. »Jetzt, während ich darüber nachdenke, fällt mir wieder ein, dass mein zweiter Mann, Carl, einen Cousin hatte, der in einem Restaurant arbeitet, das in derselben Straße liegt wie das Beverly Garden. Italienische Küche. Da gibt es einen Akkordeonspieler und alles. Stilvoll.«

Obwohl Akkordeon in meinen Augen nicht wirklich »stilvoll« war, sagte ich nichts. Angesichts der Tatsache, dass meine Hochzeitsplanerin tot war, war die Frage, welche Hintergrundmusik während des Probedinners gespielt wurde, zweitrangig.

»Ruf mich an, wenn du etwas brauchst«, sagte Mom, als sie und Mrs R. zur Tür gingen. »Ich meine es ernst. Egal was.«

»Danke.« Ich umarmte sie noch einmal, froh, dass ihre Wangen langsam wieder Farbe bekamen.

Sobald sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, fischte ich mein Handy aus der Handtasche und drückte die Kurzwahl eins.

Nach dem dritten Klingeln hörte ich Danas atemlose Stimme.

»Hallo?«

»Ich bin’s. Ich hatte einen fürchterlichen Nachmittag.«

»Oh, Mensch, erzähl!«, schrie sie. »Ich habe gerade das Vorsprechen für den Zeichentrickfilm hinter mir und bin ganz heiser! Die wollten eine Stimme, die war so hoch und schrill, du glaubst es nicht. Ich meine, reden Flamingos wirklich so?«

»Hör zu«, sagte ich. »Ich brauche eine Fußpflege. Treffen wir uns in zwanzig Minuten bei Fernando?«

»Gott, ja.«