Gefährliche Neugier - Renate Hartwig - E-Book

Gefährliche Neugier E-Book

Renate Hartwig

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3,99 €

Beschreibung

„Sag mal, kennst du das Buch ‚Wie man seine Eltern erzieht‘?“, fragte Robin. „Markus verteilt es in der Schule an alle, die sagen, dass sie Ärger mit ihren Eltern haben. Die lesen es und treffen sich dann mit Markus. Aber was ich komisch finde: Keiner, der da mitmacht, darf ein Sterbenswörtchen darüber reden.“ Bist du glücklich? Läuft alles super? In der neunten Jahrgangsstufe des Schubert-Gymnasiums gibt es immer mehr Schüler, die diese Fragen jederzeit mit einem begeisterten „Ja“ beantworten können: Markus und seine Freunde haben gelernt, jede Situation zu „handhaben“ und alles Schwierige „aus der Umgebung zu entfernen“, wie sie sagen. Klingt erst einmal gar nicht schlecht, oder? Doch als Anna und ihr Freund Robin beginnen, sich näher damit zu beschäftigen, entdecken sie eine gefährliche Organisation … Ein fesselnder Roman und ein wichtiges Aufklärungsbuch über Psychosekten, die in vielen Schulen bereits zur Pflichtlektüre zählt. Jetzt als eBook: „Gefährliche Neugier“ von Renate Hartwig. Wer liest, hat mehr vom Leben: jumpbooks – der eBook-Verlag für junge Leser.

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Seitenzahl: 326

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Über dieses Buch:

Bist du glücklich? Läuft alles super? In der neunten Jahrgangsstufe des Schubert-Gymnasiums gibt es immer mehr Schüler, die diese Fragen jederzeit mit einem begeisterten »Ja« beantworten können: Markus und seine Freunde haben gelernt, jede Situation zu »handhaben« und alles Schwierige »aus der Umgebung zu entfernen«, wie sie sagen. Klingt erst einmal gar nicht schlecht, oder? Doch als Anna und ihr Freund Robin beginnen, sich näher damit zu beschäftigen, entdecken sie eine gefährliche Organisation…

Ein fesselnder Roman und ein wichtiges Aufklärungsbuch über Psychosekten, die in vielen Schulen bereits zur Pflichtlektüre zählt

Über die Autorin:

Renate Hartwig, geboren 1948 in Lindau, verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern, war ursprünglich als Sozialarbeiterin tätig und setzte sich engagiert in der Jugendarbeit, Bewährungs- und Drogenhilfe ein. 1985 machte sie sich als Publizistin selbstständig und wurde einer breiten Öffentlichkeit durch ihre kritischen Bücher über Scientology bekannt. Fünf Jahre war sie Dozentin im Bundeswirtschaftsministerium und machte sich außerdem als Referentin in Schulen, Wirtschaftsverbänden, Unternehmen, Banken und Behörden einen Namen. Renate Hartwig initiierte außerdem ein groß angelegtes Kinderkreativprojekt, ist Impulsgeberin autarker regionaler Bürgertreffs im ganzen Bundesgebiet, organisiert Protestveranstaltungen und erhebt immer wieder ihre Stimme zu Missständen und gesellschaftskritischen Themen.

Renate Hartwigs Jugendbuch Gefährliche Neugier wurde in vielen Schulen Pflichtlektüre.

Die Autorin im Internet: www.renatehartwig.de

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eBook-Neuausgabe 2016

Copyright © der Originalausgabe 2006 direct-verlag, Nersingen

Copyright © der Neuausgabe 2013 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2016 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nicola Bernhart Feines Grafikdesign, München

Titelbildabbildung: © DDRockstar – Fotolia.com

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-96053-054-1

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Renate Hartwig

Gefährliche Neugier

Roman

jumpbooks

Mittwoch, 23. Juni

Hitzefrei!

Als es zur großen Pause klingelte, hoffte die 9a des Schubert-Gymnasiums auf das Wort, das sie für den Rest des Tages aus dem Brutkasten des Klassenzimmers erlösen würde: Hitzefrei! Zwar stand die Sonne kurz nach zehn Uhr vormittags noch nicht hoch am wolkenlosen Himmel, aber schon jetzt war es so heiß, dass die Luft auf dem Schulhof flirrte, und auf die Interpretation von Shakespeares »Romeo und Julia« konnte sich ohnehin niemand mehr konzentrieren.

Doch Studienrätin Ina Ziegler, kühl und gelassen wie gewohnt, blies sich eine Haarsträhne aus der Stirn und sagte nur: »Na los, raus mit euch! Oder seid ihr zu schlapp für die Pause?«

Enttäuschung machte sich breit, aber sofort begann das übliche Stühlerücken. Nur Lena murrte – immerhin laut genug, dass auch Ina Ziegler es hören musste: »Wie heiß muss es eigentlich werden, damit wir an dieser Schule überhaupt mal hitzefrei kriegen?«

Eilig pflichteten ihr einige Mitschüler bei, aber die Lehrerin blieb hart: »Ihr wisst genau, dass ich das nicht entscheiden kann, und vom Direktor habe ich bisher nichts dergleichen gehört. Also, ab in die Pause, und hört auf zu maulen!«

Mit diesen Worten griff Ina Ziegler in die mittlere Schublade ihres Pults, in der stets ein gut gefüllter Obstkorb stand. Die Witze über ihre Vorliebe für Früchte und das Vitamindepot im Schreib tisch waren fester Bestandteil jeder Schülerzeitungsausgabe. Als die Lehrerin mit einem Apfel in der Hand das Klassenzimmer in Richtung Direktorat verließ, schöpften die Schüler neue Hoffnung. Vielleicht wurde ja doch noch etwas aus dem freien Nachmittag!

Im Hof war inzwischen jedes schattige Plätzchen besetzt, und in der prallen Sonne hielten es nur die Allercoolsten aus. So lungerten Anna, Lena, Roman und Emma in den Gängen des Schulhauses herum, stöhnten über die Hitze und rissen Fenster und Türen in der Hoffnung auf einen kühlenden Luftzug auf. Im Erdgeschoss versuchte Roman sein Glück am Getränkeautomaten: Cola, Limo, Wasser, Apfelschorle – egal was, Hauptsache nass und kühl! Aber an allen Fächern leuchtete das rote Licht: ausverkauft! Wütend trat er gegen den Kasten, dass Blech und leere Flaschen schepperten.

Die Stimmung war auf dem Tiefpunkt, als die Neuntklässler nach der Pause zur zweiten Deutschstunde wieder ins Klassenzimmer zurücktrotteten. Wen interessierte schon Romeos seelische Entwicklung oder das Charakterbild Pater Lorenzos, wenn der Baggersee lockte? Lustlos kramten alle noch einmal ihre Reclam-Hefte aus Rucksäcken und Taschen. Ina Ziegler beobachtete sie schmunzelnd. Sie hatte bereits begonnen, ihre Unterlagen einzupacken, schob den Obstkorb nach hinten und schloss die Schublade mit Schwung, sodass alle aufblickten. Und nun endlich sprach sie das Zauberwort, auf das schon niemand mehr zu hoffen gewagt hatte: »Hitzefrei!«

Innerhalb von Sekunden brach ein Höllenlärm in der Klasse los. Die Schüler – eben noch kaum zu irgendeiner Bewegung fähig – erwachten zu neuem Leben und stürmten ins Freie.

Über das Nachmittagsprogramm brauchten die vier Freunde nicht zu diskutieren. Der Tropentag ließ sich nur am Wasser einigermaßen überstehen. Weil der Eintritt für das Erlebnisbad mit Riesenrutsche und Wellengang das Taschengeldbudget weit überschritt, blieb nur der Baggersee.

»Also, um eins am linken Ufer wie immer, auf unserem Stammplatz am Waldrand«, rief Anna den anderen zu, bevor die einen sich aufs Fahrrad schwangen und die anderen zur Bushaltestelle rannten.

Als Ina Ziegler und Direktor Dr. Gerd Wiebel kurz darauf das Schulhaus verließen, lag der Hof verlassen da. Nur zwei Neuntklässler waren noch nicht auf dem Heimweg: Markus und Sibylle saßen nebeneinander auf der Rückenlehne der Bank unter der mächtigen alten Linde. Aus dem Augenwinkel beobachtete Ina Ziegler, dass Markus ernst und eindringlich auf Sibylle einredete, die in einer blauen Broschüre blätterte. »Hallo, ihr beiden!«, rief die Lehrerin ihnen zu. »Die Welträtsel könnt ihr auch bei Regen lösen. Geht ins Schwimmbad und genießt den freien Nachmittag! Bis morgen!«

Weil sie es selbst kaum erwarten konnte, endlich ins Kühle zu kommen, nahm sie die Worte des Direktors nur mit halbem Ohr wahr: »Wir müssen bei der nächsten Lehrerkonferenz über Markus reden. Er hat sich in den vergangenen Monaten von der Klasse sehr zurückgezogen, und das fällt nicht nur den Lehrern, sondern auch den Schülern auf.«

»Ach was!«, winkte Ina Ziegler ab, während sie in ihrer Tasche nach dem Autoschlüssel kramte. »Der steckt mitten in der Pubertät. Sie haben doch gesehen, wie angeregt er mit Sibylle diskutiert hat. Es stimmt, er hat eine ganze Reihe früherer Freundschaften abgebrochen, aber er wird sich schon wieder fangen. Und das abgehobene Geschwätz, das er sich angewöhnt hat, hört garantiert auch auf, wenn er merkt, dass er damit bei den anderen überhaupt nicht ankommt.«

In Gedanken war sie längst zu Hause auf ihrem schattigen Balkon, als sie den roten Fiat aufschloss und ihr die Gluthitze aus dem Auto entgegenschlug. Bereits im Anfahren ließ sie die Seitenfenster herunter und genoss den kühlen Fahrtwind.

Kurz darauf sah Markus auf seine Armbanduhr und sprang im gleichen Augenblick von der Bank: »Mensch, schon so spät!«, rief er. »Ich muss unbedingt los. Wir können ja später am Baggersee weiter reden. Mach’s gut!« Er rannte zum Fahrradschuppen neben dem Eingangstor, riss sein Mountainbike aus dem Ständer, klemmte die Stofftasche auf den Gepäckträger und strampelte los, als ob es ums Gelbe Trikot ginge. Markus durfte zu seiner Verabredung mit Klaus nicht zu spät kommen.

Mittwoch, 23. Juni

Sonnenstich

Am Baggersee herrschte Hochbetrieb. Zwischen Strandmatten, Badelaken und Decken sah man kaum mehr als ein paar Grashalme. Großfamilien versammelten sich um Picknickkörbe, Pärchen tauschten verliebte Blicke, im Schatten eines großen Schirms stillte eine Mutter ihr Baby, dazwischen tobten ganze Horden von Kleinkindern, lachend und vor Vergnügen kreischend. Offensichtlich hatte es an allen Schulen der Stadt hitzefrei gegeben, denn schon jetzt, kurz nach Mittag, tummelten sich Schüler aller Altersstufen am Ufer und im Wasser.

Vor dem Kiosk drängten sich Kinder, die ihr Taschengeld in Fruchtgummischlangen und Pommes frites anlegten. Der Beachvolleyballplatz daneben wurde von den Schülern der Oberstufe belagert. Einige Elftklässler versuchten, trotz der sengenden Hitze ein Match in Gang zu bringen, aber schon nach wenigen Minuten ließen sich alle erschöpft auf ihre Handtücher fallen.

Ihr Klassenkamerad Klaus Wagner hatte von Anfang an abgewinkt. Der Siebzehnjährige hatte die Bank im Schatten des Kiosks in Beschlag genommen, neben sich einige große Umschläge und Klarsichthüllen. Er studierte allerlei einzelne Blätter und übertrug daraus irgendwelche Fakten in ein Formular.

»He, Klaus, alter Streber, mach mal Pause!«, rief ihm Frank Kraus zu, der gerade vorbeischlenderte. »Die Matheschulaufgabe morgen schaffst du doch mit links. Lass uns anderen doch auch mal eine Chance!« Im Weitergehen entdeckte Frank seine jüngere Schwester Sibylle, die von all dem Rummel, der um sie herum tobte, nichts zu merken schien und konzentriert in ihrer blauen Broschüre las. Sie war so in ihre Lektüre vertieft, dass sie nicht einmal aufblickte, als Frank durch die Finger pfiff, um sie auf sich aufmerksam zu machen. Frank pfiff ein zweites Mal. Wieder keine Reaktion. Da schüttelte er den Kopf und machte sich auf den Weg zum Waldrand.

Dort hatten Sibylles Klassenkameraden inzwischen ihre Decken im Schatten der Bäume ausgebreitet und sich darauf ausgestreckt. Als Lena aufblickte und Frank auf die Gruppe zukommen sah, schoss ihr das Blut ins Gesicht. Frank Kraus, der coole Elftklässler mit den kurz geschnittenen dunklen Locken und einem Lächeln wie Robbie Williams! Seit Wochen bekam Lena Herzklopfen, sobald Sibylles Bruder irgendwo auftauchte. Bei allen Basketballmatches der Schulmannschaft stand sie am Spielfeldrand, um Frank, den fast zwei Meter großen Center des Schubert-Gymnasiums, anzufeuern. Und nur weil Frank in der Big Band Posaune spielte, ging auch Lena seit drei Wochen jeden Montagnachmittag mit ihrem Altsaxofon zur Probe.

Nur ihre beste Freundin Anna hatte Lena in ihr Geheimnis eingeweiht. Jetzt beugte Anna sich zu Lena hinüber und flüsterte: »Du, das ist die Gelegenheit! Quatsch ihn einfach an!«

Lena errötete noch mehr, fasste sich aber ein Herz und rief: »He, Frank! Ich geh gleich ins Wasser. Soll ich Sibylle was ausrichten?« Sofort ärgerte sie sich aber über sich selbst. »Was ausrichten« – so ein Unsinn! Was hätte sie ausrichten können, was Frank seiner Schwester nicht selbst hätte sagen können?

Außerdem wirkte er ausgesprochen feindselig. Er ging gar nicht auf Lenas Frage ein, sondern baute sich mit verschränkten Armen breitbeinig vor der Gruppe der Neuntklässler auf und blaffte: »Sagt mal, was läuft eigentlich bei euch in der Klasse? Warum hockt Sibylle da unten ganz allein mit ihrem seltsamen Heft in der prallen Sonne und nicht hier bei euch? Ich hab das Gefühl, ihr schneidet sie absichtlich.«

Als alle erschrocken zu ihm aufsahen, fuhr Frank etwas ruhiger fort: »Ich beobachte das schon länger. Ständig ist Sibylle allein und vergräbt sich in Büchern, die kein Mensch versteht. Sie wird eine richtige Außenseiterin.«

Alle hörten sich Franks Vorwürfe verblüfft und schweigend an, bis Lena nach einem aufmunternden Schubs von Anna das Wort ergriff. »Also, wenn deine Schwester zu Hause nicht mehr redet, dann muss das ja nicht unbedingt mit uns zusammenhängen«, verteidigte sie sich. »Vielleicht liegt’s ja an dir selber. Deinen Pfiff gerade eben hat sie bei all dem Trubel hier vermutlich gar nicht gehört. Sicher lernt sie schon wieder für die nächste Ex. Du weißt doch selber, dass sie vor Ehrgeiz fast platzt und es nicht verträgt, wenn außer ihr jemand eine Eins schreibt.«

Die anderen nickten zustimmend. Tatsächlich galt Sibylle in der Klasse als Streberin und war entsprechend unbeliebt. Sie gab sich auch keinerlei Mühe, Freundschaften zu schließen, sodass sich niemand für sie interessierte, und wenn sie krank war, fiel ihr Fehlen oft erst auf, wenn beim Abfragen ihr Finger nicht als Erster in die Höhe schoss. Was Sibylle nach Schulschluss trieb, wusste keiner ihrer Mitschüler. Im Schwimmbad oder in der Eisdiele, bei Popkonzerten oder in der Disco sah man sie jedenfalls nie.

Im Grunde war es auch Lena von Herzen gleichgültig, was Sibylle tat, aber sie witterte eine Gelegenheit, mit Frank ins Gespräch zu kommen, und schlug deshalb vor: »Soll ich mal mit deiner Schwester reden? Vielleicht kriege ich raus, ob Sibylle in der Schule oder zu Hause irgendwas stinkt.«

Aber Frank hatte sich schon zum Gehen gewandt. »Du kannst ja mal versuchen, mit ihr zu reden«, sagte er über die Schulter. »Viel Erfolg bei der Operation Stockfisch!«

Als Frank außer Sichtweite war, atmeten alle erleichtert auf. »Wer ist als Erster im Wasser?«, rief Anna und sprintete über die Liegewiese zum Ufer, um vom Steg aus in den See zu springen.

Auf dem Steg wäre sie fast über Sibylle gestolpert, die immer noch in ihre Broschüre vertieft war. Neugierig warf Anna einen Blick auf das Heft, das eher wie eine Werbebroschüre als wie ein Buch wirkte. Was konnte daran so interessant sein? Anna erkannte nur das Wort »Klärungsprogramm«, bevor Sibylle das Heft mit einem Schlag zu klappte und Anna anfauchte: »Was schnüffelst du denn hier rum? Hau ab, und lass mich in Ruhe! Hab ich dich vielleicht gerufen?«

Doch so leicht gab Anna nicht auf. »Wieso bist du denn so sauer?«, fragte sie. »Vorhin hat dein Bruder gepfiffen, und du hast überhaupt nichts gehört. Seit wir hier sind, sitzt du auf diesem Steg. Ich wollte nur wissen, was gar so spannend ist, dass du darüber gar nicht merkst, wie du allmählich verbrutzelst. Was soll denn das sein, ein Klärungsprogramm?«

Ärgerlich rappelte Sibylle sich auf und verzog das Gesicht – ob wegen der Störung oder weil sie endlich den Sonnenbrand bemerkte, der ihren Rücken bis zum Haaransatz feuerrot färbte, konnte Anna nicht erkennen. Schließlich antwortete sie aber doch noch gestelzt und umständlich auf Annas Frage: »Über das, was ich hier lese, kann, darf und will ich nicht mit dir reden – jetzt noch nicht. Vielleicht kann ich es dir irgendwann erklären.«

Entschlossen steckte Sibylle das blaue Heft in ihre Badetasche und wandte sich mit bleichem Gesicht und krebsrotem Rücken zum Gehen. »Ich denke, ich fahr jetzt heim«, meinte sie. »Komisch, mich friert richtig!«

Anna bemerkte, dass Sibylle schwankend auf den Beinen stand, und ging neben ihr her auf die Fahrradständer am Rand der Liegewiese zu. »Kein Wunder, dass du fröstelst«, sagte sie, »du hast ja einen Wahnsinns-Sonnenbrand! Setz dich doch erst mal zu uns in den Schatten, bevor du bei der Hitze nach Hause radelst. Die anderen sind da hinten unter den Bäumen.«

Doch als die beiden Mädchen den Platz am Waldrand erreichten, war von ihren Mitschülern niemand zu sehen. Offensichtlich waren alle beim Schwimmen im See.

»Du setzt dich jetzt hier hin«, forderte Anna Sibylle auf. »Ich mach nur rasch ein T-Shirt nass. Du wirst sehen, das kühlt!«

Doch noch während Anna in ihrer Badetasche nach einem T-Shirt kramte, verschwand Sibylle hinter einem Baum und begann heftig zu würgen. »Mensch, du hast ja einen richtigen Sonnenstich!«, rief Anna besorgt und reichte Sibylle ein Papiertaschentuch.

Hilfe suchend sah sie sich um, aber sie entdeckte kein bekanntes Gesicht. Anna versuchte, sich an den Erste-Hilfe-Kurs zu erinnern, den sie im Jahr zuvor absolviert hatte. Wie war das bei Sonnenstich gewesen? Schatten, Kühlung, Flüssigkeitszufuhr? Unter Romans Handtuch zog sie eine Mineralwasserflasche hervor und gab sie Sibylle. Roman würde sie das später erklären. »Hier, setz dich auf das Handtuch, und trink in kleinen Schlucken«, riet sie. »Ich laufe ans Wasser und mach das T-Shirt nass. Bin gleich wieder da. Bleib sitzen, und rühr dich nicht!«

Weil sie inzwischen schweißgebadet war, stieg Anna erst selbst ins Wasser, kühlte sich ab und tauchte dann das T-Shirt ein. Mit dem triefend nassen Hemd in der Hand rannte sie zurück zu Sibylle. Die weigerte sich zunächst, das tropfende T-Shirt anzuziehen, aber Anna stülpte es ihr einfach über den Kopf. Sibylle stöhnte vor Schmerz auf, als Anna es ihr über den Rücken zog, war aber zu erschöpft, um ernsthaft zu protestieren.

Kurz darauf sah Anna ihre Freundin Lena über die Wiese auf sich zukommen. Schon von weitem winkte und schrie Anna: »Na endlich! Wo warst du denn? Während ihr euch im Wasser getummelt habt, habe ich hier die Krankenschwester gespielt.« Als Lena den Liegeplatz erreicht hatte und fragend auf Sibylle blickte, erklärte Anna ihr alles: »Sibylle hat einen fürchterlichen Sonnenbrand. Außerdem ist ihr schlecht, ein Sonnenstich wahrscheinlich. Heimradeln kann sie auf keinen Fall. Wir müssen uns also etwas einfallen lassen. Vielleicht ist ja einer von Franks Freunden mit dem Auto hier und kann sie nach Hause fahren. Such ihn doch bitte!«

Frank suchen – nichts hätte Lena lieber getan! Sie lief sofort in die Richtung los, in die Frank vorher verschwunden war. Inzwischen kamen die übrigen Mitschüler aus der 9a nach und nach an den Waldrand zurück, trockneten sich ab und setzten sich.

»Sagt mal, wer von euch kennt jemanden, der mit dem Auto hier am See ist und Sibylle heimfahren könnte? Oder hat einer von euch sein Handy dabei, damit wir ihre Eltern anrufen können?«, fragte Anna in die Runde. »Lena sucht schon nach Frank, aber wer weiß, ob sie ihn findet. Ewig kann Sibylle nicht hier sitzen. Sie gehört nach Hause ins Bett!«

Alle schauten besorgt auf Sibylles eingesunkene Gestalt, die blass und schweißgebadet am Baum lehnte und noch immer ihr blaues Heft umklammerte. So bemerkte niemand, wie Markus unvermittelt zu der Gruppe trat, in der linken Hand eine Stofftasche mit dem Aufdruck »Neue-Zeit-Verlag«.

Im selben Moment ging eine erstaunliche Wandlung vor sich: Sibylle, die eben noch sterbenselend gewirkt hatte, straffte sich, stand wackelig auf und strahlte Markus an. Sie wies auf das Heft in ihrer Hand und sprudelte hervor, ohne auf die umstehenden Klassenkameraden zu achten: »Ich habe es ausprobiert, Markus! Es hat funktioniert. Wir können gleich da mit dem Programm weitermachen, wo wir heute Mittag aufgehört haben.«

Verständnislos sahen die Neuntklässler einander an: Welches Programm? Sibylles Gesicht verzerrte sich, denn das T-Shirt war in zwischen getrocknet und klebte auf dem sonnenverbrannten Rücken. Roman überlegte nicht lange, griffnach der halb vollen Mineralwasserflasche, schraubte sie auf und goss Sibylle das Wasser ohne Ankündigung über den Rücken. Sie schrie erschrocken auf und sprang zur Seite.

»Glaubst du wirklich, dass das der richtige Weg ist?«, fragte Markus, und sein merkwürdig distanzierter und altkluger Ton ließ die Gruppe aufhorchen.

Roman reagierte verärgert: »Du Klugscheißer! Soll ihr damit geholfen sein?«, schrie er Markus erbost an. »Da sitzt sie stundenlang in der prallen Sonne auf dem Steg, obwohl jedes Kleinkind weiß, dass das gefährlich ist, und jetzt dürfen wir uns um sie kümmern, weil sie sich einen Sonnenbrand geholt hat. Anna meint, es könnte sogar ein Sonnenstich sein.«

Markus kümmerte sich nicht um Roman, sondern wandte sich Sibylle zu: »Komm her, Sibylle! Ich werde dir den Sonnenbrand weglöschen.«

Weglöschen! Die Umstehenden feixten. Doch Markus schob seine Hände unter das feuchte T-Shirt, legte sie auf Sibylles schmerzenden Rücken und murmelte allerlei Unverständliches vor sich hin. Den Mienen der Neuntklässler war deutlich zu entnehmen, was sie von der Vorstellung hielten.

In diesem Moment lief Lena keuchend auf die Gruppe zu: »Frank hat übers Handy seinen Vater angerufen. Der kommt und holt Sibylle mit dem Auto ab.«

Fragend sah sie zu Markus und Sybille hinüber, die sich abseits unter einen Baum gesetzt hatten und die Köpfe über dem blauen Heft zusammensteckten. »Also, ich versteh das nicht«, meinte Lena, »mir schlägt sie das Heft vor der Nase zu, aber mit Markus liest sie darin.«

In diesem Moment stieß Anna Lena an: »Komm! Wir schwimmen noch eine Runde, bevor wir nach Hause fahren!« Ohne sich weiter um Sibylle und Markus zu kümmern, liefen die beiden zum See und stürzten sich ins Wasser.

Lena ging das Gespräch mit Frank nicht aus dem Kopf. Als die beiden Mädchen ein Stück weit vom Ufer entfernt waren, sagte sie zu Anna: »Du, ich werde mich in den nächsten Tagen ein bisschen um Sibylle kümmern. Das ist die Chance, auch Frank öfter zu treffen.« Anna schwamm schweigend und zügig weiter, doch Lena ließ nicht locker: »He, du bist doch meine Freundin! Verstehst du mich denn gar nicht?«

Doch Anna schnaubte nur, dass das Wasser spritzte: »Alle total durch geknallt – völlig verrückt!« Dann kraulte sie mit kraftvollen Armzügen ihrer Freundin davon.

Lena drehte gekränkt um und schwamm schnell zurück. Am Ufer angekommen, rannte sie zum Waldrand zurück, um womöglich noch eine Gelegenheit zu finden, mit Frank zu sprechen, bevor Sibylle abgeholt wurde. Aber die saß nach wie vor mit Markus ins Gespräch über das geheimnisvolle blaue Heft vertieft unter dem Baum, und von Frank war weit und breit nichts zu sehen. Enttäuscht ließ Lena sich auf ihre Decke fallen.

Wenig später kam Frank endlich auf die Gruppe zu. Aufgeregt sprang Lena auf und lief ihm entgegen.

»Mein Vater kommt in ein paar Minuten und holt Sibylle ab«, rief Frank ihr zu. »Ich muss jetzt erst einmal ins Wasser.« Er ließ Lena stehen und rannte zum See.

Inzwischen waren auch die übrigen Neuntklässler wieder unter den Bäumen am Waldrand eingetrudelt. Irritiert und misstrauisch beobachteten alle Markus und Sibylle, die hinter ihnen in ihre Lektüre vertieft unter dem Baum saßen. Markus dozierte, Sibylle lauschte aufmerksam, und alle anderen hätten gern gewusst, worüber die beiden sprachen. Doch schon nach kurzer Zeit kam Frank wieder aus dem Wasser, und fast gleichzeitig hielt der Kombi seines Vaters am Straßenrand an.

»Sibylle, komm!«, forderte Frank seine Schwester freundlich auf. »Vater ist da. Ich bring dich zum Auto.«

Doch Sibylle blieb neben Markus sitzen und rastete völlig unvermittelt aus: »Behandle mich nicht immer wie ein Baby! Was soll der ganze Zirkus mit Pa eigentlich?«, schnaubte sie ihren Bruder an. »Du siehst doch, dass ich mit Markus spreche und gar nicht nach Hause will.«

Während sie noch vor sich hin meckerte, kam ihr Vater Walter Kraus auf sie zu und musterte sie: »Wie kann man sich hier eigentlich einen Sonnenstich holen? Hier sind Bäume, Schatten und Wasser. Was hast du bloß gemacht?«

Als niemand auf seine Frage reagierte, wandte Walter Kraus sich an Markus, der neben Sibylle saß, die Stofftasche zu seinen Füßen: »Sag mal, diese ganzen Hefte, Bücher und CDs, die Sibylle in ihrem Zimmer hat, kommen die alle von diesem Neue-Zeit-Verlag?«

Keine Antwort. Markus stand wortlos auf, packte seine Tasche und ging ohne Gruß an Walter Kraus vorbei. Die Neuntklässler sahen einander verblüfft an. Jetzt stand auch Sibylle auf, raffte ihre Sachen zusammen und folgte ihrem Vater quer über die Wiese zum Auto. Im Weggehen rief sie Anna zu: »Das T-Shirt bringe ich gewaschen mit in die Schule.«

»Zicke!«, zischte Emma, und Roman fügte halblaut hinzu: »Ja, hau nur ab! Du hältst dich ja sowieso für was Besseres!«

Aber auch als Sibylle fort war, kam keine rechte Stimmung mehr auf. Und weil sich am Himmel allmählich ein Gewitter zusammenbraute, radelten alle früher als sonst nach Hause.

Mittwoch, 23. Juni

Verdacht

Anna radelte auf Feldwegen am Ufer entlang nach Hause. Als sie das Reihenhaus ihrer Eltern in der Sonnenstraße am Stadtrand erreichte, fuhr gerade ihr Onkel Wolfgang mit seinem neuen Sportcoupé vor. Auf der Beifahrerseite des silberfarbenen Flitzers stieg ihr Cousin Robin, der die achte Klasse des Schubert-Gymnasiums besuchte, aus und lief auf Anna zu. Augenblicklich fiel ihr die SMS ein, die Robin ihr ein paar Stunden zuvor aufs Handy geschickt hatte:

bin 2day mit pa bei euch. muss dich asap sprechen. cu, robin

Anna schob ihr Fahrrad in die Garage, und Robin folgte ihr. »Was ist los, Robin?«, fragte sie. »Warum wolltest du mich so rasch wie möglich sprechen?«

Robin sah sich rasch um, ob wirklich niemand in Hörweite war. Die Luft war rein: Die beiden Väter bewunderten das neue Auto, während Annas Mutter hinter dem Haus die Blumen goss. Nach der Gluthitze des Tages hatte der Garten das Wasser dringend nötig.

Robin holte einen Zettel aus der Brusttasche seines Hemds und fragte Anna halblaut: »Sag mal, kennst du das Buch ‚Wie man seine Eltern erzieht‘?«

Anna verneinte und fragte verwundert zurück: »Wieso hast du mich das nicht in der Schulpause gefragt? Was soll denn daran so geheimnisvoll sein?«

»Mir kommt da einiges seltsam vor«, antwortete Robin leise. »Dieses komische Buch verteilt Markus in der Schule an alle, die davon reden, dass sie Ärger mit ihren Eltern haben. Die lesen es dann und treffen sich irgendwo mit Markus. Das finde ich noch nicht so seltsam. Aber jetzt kommt’s: Keiner, der da mitmacht, darf mit irgendjemandem anderen auch nur ein Sterbenswörtchen darüber reden.«

Jetzt wurde Anna hellhörig: »Meinst du Markus Eisenhorn? Den Markus aus meiner Klasse?« Sie dachte an den Nachmittag am Baggersee, an Sibylle, an die blaue Stofftasche mit dem Werbeaufdruck »Neue-Zeit-Verlag« und an das geheimnisvolle blaue Heft, über das Markus und Sibylle so angeregt gesprochen hatten, das aber kein anderer auch nur anschauen durfte. Robin hatte recht: Da war so manches merkwürdig!

»Komm mit in mein Zimmer«, schlug Anna vor. »Dort können wir eine CD einlegen und ungestört reden.«

Die beiden gingen durch den Hinterausgang der Garage und über die Terrasse ins Haus. Robin winkte seiner Tante Franziska zu, die gerade die verwelkten Blüten der Margeritenbäumchen abzupfte, die in großen Terrakottakübeln links und rechts von der Tür zum Wohnzimmer standen.

»Mama, wir gehen in mein Zimmer und hören Musik«, rief Anna ihrer Mutter zu. »Wir nehmen was zum Trinken mit. Rufst du uns, wenn das Abendessen fertig ist? Wir haben einen Bärenhunger!«

Franziska Regner nickte ihnen freundlich zu. Anna und Robin holten eine große Flasche Cola aus dem Kühlschrank, nahmen zwei Gläser aus der Vitrine und trugen alles in Annas Zimmer. Dort setzte Robin sich auf den Schreibtischstuhl.

Anna schaute ihre CD-Sammlung durch und fragte: »Apocalyptica oder die Fantastischen Vier?« Robin entschied sich für Cello-Rock, und als Anna die CD eingelegt und jedem ein großes Glas Cola eingeschenkt hatte, begann er: »Also, da ist irgendetwas faul! Auch in meiner Klasse hängen sich immer mehr an diesen Markus und treiben merkwürdige Dinge. Stell dir vor, sie machen sich Notizen über die Lehrer und über uns Mitschüler – aber nicht etwa für die Schülerzeitung. Nein, sie treffen sich nach der Schule irgendwo mit Markus. Weiß der Kuckuck, warum der so scharf drauf ist, alles Mögliche über uns rauszukriegen. Und niemand weiß so genau, wer eigentlich zu dieser Runde gehört.«

Anna sah Robin fragend an: »Aber vielleicht ist das alles ja nur ein ziemlich kindisches Spiel, so eine Art ‚Wilde Kerle‘ oder ‚Emil und die Detektive‘? Wir haben in der vierten oder fünften Klasse auch mal so einen Club gegründet, mit Geheimcode, Clubtreff und allem Brimborium. Aber nach ein paar Monaten hat sich die ganze Sache totgelaufen und hat niemanden mehr interessiert.«

»Nein«, widersprach Robin heftig, »das ist etwas anderes. Zuerst dachte ich auch an ‚Wilde Kerle‘ und so was. Aber dann habe ich zufällig beobachtet, dass Schüler aus ganz unterschiedlichen Klassen bei einigen Mitschülern so eine Art Hausaufgaben, jedenfalls irgendwas Schriftliches, einsammeln und alles zusammen in einem Kuvert an Klaus Wagner aus der 11b weitergeben.«

»Wen hast du denn da gesehen?«, fragte Anna neugierig, und Robin zählte auf: »Axel aus meiner Klasse, Markus natürlich aus deiner neunten Klasse, sogar Corinna aus der 8c und noch ein paar andere. Offenbar treffen die sich auch einmal in der Woche nach der Schule vorne an der Bushaltestelle. Da hab ich sie jedenfalls immer wieder gesehen, wenn ich zur Trompetenstunde gefahren bin. Es war immer das gleiche Spielchen: Ein weißer BMW hält an, Markus gibt dem Fahrer eine Mappe, und der fährt weiter. Sag doch, dass das komisch ist!«

»Ach was!«, wiegelte Anna ab. »Kann es nicht sein, dass die alle im selben Sportverein sind?«

»Nein! Das kann ich mir absolut nicht vorstellen«, entgegnete Robin, sprang von dem Drehstuhl auf und lief nervös im Zimmer auf und ab. »Sportlich war Markus immer schon eine echte Niete. Wenn der beim 400-Meter-Lauf durchs Ziel kommt, stehen die anderen schon unter der Dusche. Sportverein scheidet also schon mal aus. Und mit Arbeit, schon gar mit ehrenamtlicher, hatte er es eigentlich noch nie. Aber seit ein paar Monaten wirkt er wie umgewandelt. Früher war er ein cooler Kumpel, den jeder gemocht hat, schon weil er immer dafür gesorgt hat, dass etwas los war. Aber jetzt wird er von Tag zu Tag überheblicher und grinst einen derart herablassend an, dass ich ihm am liebsten eine scheuern würde. Und ganz wichtig hat er’s auf einmal in der Schülermitverwaltung!«

Anna war noch immer überzeugt davon, dass all diese Beobachtungen einen ganz unspektakulären Hintergrund hatten. Allerdings gingen ihr die Erlebnisse vom Nachmittag nicht aus dem Kopf: Sibylle, die wie festgewachsen unter sengender Sonne auf dem Steg saß, in ein Heft vertieft, dessen Inhalt sie vor jedermann geheim hielt; Markus und sein groteskes Ritual, mit dem er Sibylles Sonnenbrand »weg löschen« wollte, wie er selbst gesagt hatte. Verband sie das mit dem soeben Gehörten, kam ihr das Ganze auch zumindest merkwürdig vor.

Hatte sie nicht selbst in jüngster Zeit festgestellt, dass sich innerhalb der Schule immer mehr verschworene Grüppchen bildeten, die ganz unter sich blieben? Freilich, da waren die Sportler und die Musiker, die Theatergruppe und der Astronomie-Workshop, der Gebetskreis und die Arbeitsgruppe »Eine Welt«, aber viele Mitschüler fühlten sich nirgendwo so richtig zugehörig und hatten sich bisher entweder halbherzig irgendeiner Gruppe angeschlossen oder waren isoliert geblieben. Darüber, womit sich die neu entstandenen Grüppchen beschäftigten, hatte sich Anna bisher noch keine Gedanken gemacht. Sie bedauerte nur, dass die Klassengemeinschaft sich weitgehend aufgelöst hatte und offenbar außer von ihr von niemandem recht vermisst wurde.

In ihrer eigenen Klasse wurde Anna als besonnene und verschwiegene Gesprächspartnerin sehr geschätzt. Deshalb war sie auch schon einige Male als Klassensprecherin vorgeschlagen worden, hatte das Amt aber jedes Mal abgelehnt und mit Vergnügen Sven überlassen. Trotzdem kamen ihre Mitschüler oft zu ihr, wenn es Probleme gab, sodass sie nicht nur über die Vorgänge in der 9a, sondern auch über die in anderen Klassen immer gut informiert war.

Mit ihrem Lieblingscousin Robin sprach Anna oft über die Schule, über Freunde, Stress mit der Familie und alles andere, das ihr durch den Kopf ging. Obwohl Robin ein Jahr jünger war als sie selbst, verstanden die beiden sich ausgezeichnet.

»Ich wollte dir ja schon lange erzählen, was ich beobachte«, begann Robin von Neuem, »aber es hat sich einfach keine Gelegenheit er geben. Bei uns hat in den Wochen vor den großen Ferien eine Schulaufgabe die andere gejagt. Aber offenbar mischen immer mehr bei dieser Geschichte mit. Inzwischen gibt es in jeder Klasse mindestens einen, der irgendwas aufschreibt. Klaus Wagner aus der Elften sammelt das Ganze; er führt praktisch die Oberaufsicht.«

Anna nahm einen Schluck aus ihrem Cola-Glas und hörte nachdenklich zu, wie Robin fortfuhr: »Man muss sich doch fragen: Was schreiben die auf? Warum tun sie das? Was geben sie weiter? Für wen ist das bestimmt? Und was geschieht mit all diesen Informationen? Mir stinkt ganz besonders, dass man überhaupt keine Antwort bekommt, wenn man nachfragt. Die schauen einen immer nur überheblich an, ohne etwas zu sagen.«

»Stimmt!«, warf Anna ein. »Mir ist es heute Nachmittag mit Sibylle so gegangen. Die hatte es unheimlich wichtig mit einem blauen Heft. Für mich sah es aus wie eine Werbebroschüre, aber sie hat es beim Lesen fast aufgefressen, und als ich auch nur gefragt habe, worum es darin geht, hat sie ziemlich zickig reagiert. Wie sieht’s eigentlich bei euch in der Klasse aus? Ist da die Stimmung in letzter Zeit auch so mies geworden, oder ist das nur bei uns so?«

»Na ja, so kurz vor den Ferien will keiner mehr so richtig«, antwortete Robin. »Wir hatten es auch schon lustiger zusammen. Es traut eben keiner dem anderen über den Weg, wenn man weiß, dass irgendwer irgendwas wissen will. Dass Markus dahintersteckt, wissen bei uns sicher nicht alle.«

»Apropos Markus«, hakte Anna nach. »Da fallen mir wieder diese gelben Zettel ein, es ging doch um Nachhilfeunterricht, oder? Dass die an alle verteilt wurden, hat doch auch Markus angeleiert? Wenn ich es mir so überlege, ist Markus eigentlich selber erst so ein unsympathischer Streber geworden, seit der zu diesem Nachhilfeunterricht geht – und jetzt steckt er andere damit an! Ich denke wirklich, wir sollten etwas unternehmen.«

Robin pflichtete ihr bei: »Finde ich auch! Morgen ist wieder Donnerstag. Da wäre also wieder der weiße BMW fällig. Ich schlage vor, wir beide beobachten ganz unauffällig, wer an der Bushaltestelle wartet und womöglich dem Kurier im Auto irgendwas übergibt.«

 »Gute Idee!«, fand Anna. »Und ich werde versuchen, Sibylle ein bisschen auf den Zahn zu fühlen.« Bevor sie weiterreden konnte, rief ihre Mutter sie und Robin zum Essen.

Als Anna und Robin auf die Terrasse kamen, saßen die übrigen Familienmitglieder bereits am Tisch: außer Annas Eltern und ihrem Onkel Wolfgang auch ihre älteren Schwestern Carola und Judith. Allmählich verschwand die Sonne hinter den Garagen, und die drückende Hitze des Tages ließ nach.

Auf dem Tisch entdeckte Anna eine riesige Schüssel mit italienischem Nudelsalat und eine Schale mit gegrillten Paprikaschoten in Olivenöl. Am Kugelgrill stand ihr Vater Richard und wendete geschickt Gyros-Spieße und Steaks, deren köstlicher Duft zum Tisch herüberzog. Da erst merkte Anna, wie hungrig sie nach den Stunden am Baggersee war, und vergaß fürs Erste Markus, Sibylle und alle geheimnisvollen Hefte der Welt.

Sie lud sich den Teller voll, und auch Robin ließ sich nicht lange bitten. Während die beiden mit großem Appetit aßen, hörten sie dem Gespräch der Erwachsenen nur mit halbem Ohr zu.

»Hat eigentlich einer von euch schon mal etwas über eine gewisse Organisation für Angewandte Philosophie, kurz OfAP, gehört?«, fragte gerade die 21-jährige Judith. »Sind das diese Spinner, die eine neue Zivilisation aufbauen wollen, wie sie das nennen?«, fragte Wolfgang Regner. »In der Zeitung habe ich etwas darüber gelesen. Das ist doch so ein Sektenquatsch!«

»Ja, das glaubt jeder, der nicht weiß, was dahintersteckt«, räumte Judith ein. »Aber die ‚Spinner‘ sind geradezu militärisch strukturiert. Sie fühlen sich als Elite und hieven eifrig ihre Mitglieder in Schlüsselpositionen.«

Als keiner in der Runde reagierte, fuhr Judith fort: »So harmlos, wie ihr denkt, ist das gar nicht. Meine Freundin Leonie hat mir erzählt, dass es in ihrer Firma ziemlich rundgeht, seit der Chef angefangen hat, bei dieser OfAP Kursprogramme zu buchen.«

»Wieso ist da was los, wenn der Chef Seminare bucht?«, fragte Carola nach, die nun doch neugierig geworden war. »Was soll an Weiterbildung schlecht sein? Wer sich nicht fortbildet, ist heutzutage beruflich weg vom Fenster, noch bevor er vierzig Kerzen auf dem Geburtstagskuchen hat. Du weißt selber, dass oft nur noch die Besten überhaupt einen Job bekommen und ihn dann auch halten können.«

»So einfach kannst du diese Art von Weiterbildung nicht abtun«, widersprach Judith. »Da geht’s ganz offensichtlich um mehr, um Beziehungen und so, und soweit ich gehört habe, bleiben bei alledem Kollegialität und Anstand auf der Strecke.«

Jetzt mischte sich auch der Vater der Mädchen ein: »Da fällt mir doch etwas dazu ein – ein Warnschreiben unseres Wirtschaftsverbandes! Darin stand, wenn ich mich recht erinnere, dass diese – wie heißt sie doch gleich? – Organisation den Unternehmen Seminare mit dem Hintergedanken anbietet, ihre eigenen Mitglieder an entscheidenden Positionen zu platzieren und so die Firmen unter ihre Kontrolle zu bringen.«

Dass Richard Regner über seine Arbeit erzählte, kam selten vor. Als Prokurist in einem großen Maschinenbau-Unternehmen war er beruflich stark gefordert und wollte abends und am Wochenende nichts über die Arbeit hören. Deshalb sprach er zu Hause so gut wie nie über den Beruf.

Robin und Anna sahen einander an und verdrehten gelangweilt die Augen: typisches Erwachsenengeschwätz! Die Platte kannten sie auswendig: Bleib dran in der Schule, denn gute Noten sind der Grundstock für einen vernünftigen Job. Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir. Man lernt, solange  man lebt … Sie konnten es beim besten Willen nicht mehr hören.

Als sie ihre Teller leer gegessen hatten, hielt die beiden deshalb nichts mehr am Tisch. Sie holten die Schläger aus der Garage und spielten auf dem asphaltierten Vorplatz Tischtennis. Doch Anna schmiedete im Geiste schon Pläne, wie sie mit Sibylle ins Gespräch kommen könnte, und war deshalb so unkonzentriert, dass sie keinen einzigen Satz gegen Robin gewann.

Als sie gegen 22 Uhr endlich im Bett lag, kreisten ihre Gedanken weiter um das Gespräch mit Robin. Schließlich entschied sie sich für eine ganz direkte Strategie: Sie würde Sibylle einfach freundlich ansprechen und bitten, ihr das sonderbare Heft zu zeigen. Mehr als Nein sagen konnte sie schließlich nicht. Was hatte Anna also zu verlieren?

Trotzdem wälzte sie sich noch stundenlang hin und her und wusste nicht, ob das an ihrer Grübelei lag oder an der unerträglichen Schwüle in ihrem Zimmer.

Am folgenden Morgen traute Franziska Regner ihren Augen kaum: Schon kurz nach sieben Uhr erschien Anna, die notorische Langschläferin, frisch geduscht und fertig angezogen am Frühstückstisch. Normalerweise musste man sie mindestens dreimal rufen, bis sie nach unten kam.

Judith konnte sich eine spöttische Bemerkung nicht verkneifen: »Bist du aus dem Bett gefallen, weil du uns zwanzig Minuten früher als sonst die Ehre gibst?«

»Guten Morgen erst einmal allerseits«, antwortete Anna freundlich. »Eigentlich kann’s euch ja völlig egal sein, wann ich aufstehe. Aber zu deiner Beruhigung: Ich fahre heute nicht mit dem Rad, sondern mit dem Bus, und deshalb bin ich früher dran. Zufrieden?«

»Mit dem Bus?« Carola schüttelte überrascht den Kopf. »Du steigst bei dieser Hitze freiwillig in den stickigen Bus? Was steckt denn da dahinter? Ohne Grund machst du das doch nicht.«

»Ganz einfach: Ich will im Bus jemanden treffen, weil ich etwas fragen möchte.«

Judith spülte ihren Joghurtbecher mit kaltem Wasser aus und warf ihn in den gelben Wertstoffsack. Als sie zum Tisch zurückkehrte, zwinkerte sie Anna zu und fragte verschwörerisch: »Wie heißt er denn, dieser Jemand?«

»Völlig falsche Fährte!«, gab Anna zurück. »Ich habe gestern am Baggersee einer Schulkameradin geholfen, die sich einen Sonnenstich geholt hat, weil sie stundenlang in der prallen Sonne gelesen hat. Und jetzt will ich wissen, was sie da so gefesselt hat, dass sie nicht mal gemerkt hat, wie ihre Haut am Rücken allmählich verschmurgelt ist. Noch Fragen? Sonst geh ich jetzt nämlich.«

Sie wartete nicht auf eine Antwort, sondern stand auf, warf sich den Rucksack über die Schulter und rannte zur Bushaltestelle.

Donnerstag, 24. Juni

Donnerstag, 24. Juni

Entdeckungen

Sibylle stand im Bus. Ihr sonnenverbrannter Rücken war so empfindlich, dass schon die Berührung durch das leichte T-Shirt schmerzte. Deshalb lehnte sie sich nicht an und stellte sich so, dass sie von den hereinstürmenden Schülern möglichst nicht angerempelt wurde.

Die Busfahrt von der Gartensiedlung bis zum Gymnasium dauerte zwanzig Minuten. Zwischen Sibylles Haltestelle und der Schule drängten an zwei Haltestellen weitere Schüler in den Bus. An der ersten stieg Anna ein und schob sich zwischen den anderen Jugendlichen und ihren Rucksäcken hindurch, um nach Sibylle Ausschau zu halten. Aber erst als sie sich auf die Zehenspitzen stellte und über die anderen hinweg schauen konnte, entdeckte sie ihre Klassenkameradin, die mit dem Rücken zum Fenster stand, sich mit beiden Händen an einer Stange festhielt und teilnahmslos vor sich hinsah.

Sie schrak zusammen, als Anna ihr von der Seite zurief: »He, Sibylle, was macht dein Rücken? Hat er Blasen geworfen? Wie geht’s dir heute?«

Sibylle drehte sich um und war offensichtlich überrascht, Anna zu sehen, die sonst nie mit dem Bus fuhr. Meistens radelte sie zur Schule, und bei schlechtem Wetter wurde sie von einer ihrer erwachsenen Schwestern mit dem Auto chauffiert.

»Was hat dich denn hierher verschlagen?«, fragte Sibylle. »Wieso fährst du mit dem Bus? Ist dein Fahrrad kaputt?«

»Nein«, antwortete Anna. »Ich wollte dich vor der Schule unbedingt treffen, um mit dir zu reden. Aber besser nicht hier! Wir quatschen gleich auf dem Weg zum Schulhaus.«

Sibylle reagierte nicht auf Annas Worte, sondern drehte sich wieder von ihr weg und starrte weiter vor sich hin.